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Freitag, 20. Juli 2018

Kulturgroschen: Grant Lee Buffalo im Schlachthof


Die 90er waren, alles in allem, ein enttäuschendes Jahrzehnt für die populäre Musik. Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden einerseits, Metallica, Lemon Tree, die Erfindung des Schlagers als Massenspektakel. Wer dabei war, hat nichts verpasst, der Spaß spielte an den Rändern, in der Mitte herrschte Langeweile.

Hätte man gewusst, dass es nach dem Jahr 2000 noch schlimmer werden würde, hätte man so manches in milderem Licht betrachtet und mit anderen Ohren gehört. So aber waren die Momente selten, in denen eine Band auf die Bühne trat, die aufhorchen ließ.

Grant-Lee Philipps betrieb damals eine Band, die halb wie ihr Sänger hieß: Grant Lee Buffalo war ein Trio, das aus der Zeit gefallene Musik produzierte. Post-Grunge, Heavy-Folk, Hannes Wader-Texte und Neil-Young-Melodien. Phillips, der mit einer Band namens Shiva Burlesque begonnen hatte, lieferte sehnsüchtigen Gesang, selbst wenn er schrie. Schlagzeuger Joey Peters und Bassist Paul Kimble assistierten eher routiniert als beseelt.

Grant-Lee Phillips, eigentlich Bryan G. Phillips, verstand sich schon als politischer Rocker, als Rockmusik begann, sich aus dem Alltag zu verabschieden und am liebsten von sich selbst zu erzählen. Das GLB-Debütalbum "Fuzzy", von REM-Sänger Michael Stipe als Album des Jahres gelobt, rechnete im Semi-Hit "American Snoring" mit den USA ab, „Lone Star Song“ vom Nachfolger "Mighty Joe Moon" beschäftigte sich mit dem Polizeieinsatz von Waco. Grant-Lee Phillips, Sohn einer Mutter vom Stamme der Creek, deren Familie einst den "Trail of Tears" überlebte, und eines Blackfoot-Vaters, beendete die 90er Jahre, indem er seine Band 1999 beerdigte und begann, solo aufzutreten.

Die schwitzige Energie und die grobe Wut der frühen Tage erreicht der 55-Jährige so nicht mehr.

Aber im dritten Jahrtausend, einem trüben Zeitalter musikalischer Verdummung, leuchtet er wie eine heimelige Kerze.


I hear you America snoring
I hear you America snoring

Did ya see it on TV
Or in your own backyard
Gates' LAPD
And they called The National Guard
Then the tanks came rolling down
Sunset Boulevard
And I hear America snoring

They want ta' legislate the moon
They want ta' legislate the womb
They wanna legislate all the things they hate
They want ta' legislate this tune
And I hear America snoring snoring
I hear you America snoring snoring

Give wind time to blow
The rooster to crow
Plug my ears but I hear
America

Oh oh oh

See the shoemaker and his shoes
Sliver needle thread and glue
He's closing up the shop
Move it all to Timbuktu
Where the labor force is cheap
And the rivers there run deep
But I hear America snoring
I hear you America snoring snoring America
I hear you America snoring snoring America
I hear

Moderne Mythen: Legenden sind scharfe Waffen

Wenige Tage im September 2015 liefern der CSU den Anlass, unsere Gesellschaft zu spalten und mit dem Erbe Kohls und Adenauers zu brechen. Dieser Legende müssen wir widersprechen. Ein Gastbeitrag von Annalena Baerbock und Konstantin von Notz, Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech hat den Text für PPQ aus dem Propagandistischen ins Deutsche übersetzt.

Legenden werden konstruiert, um Identität und Legitimität zu schaffen. Sie erheben den Anspruch, dass die von ihnen behauptete Wahrheit eine absolute ist, die unzweifelhaft und unbezweifelbar für alle gelte. So können Legenden zu scharfen Waffen in der politischen Auseinandersetzung werden – historische Vorbilder gibt es wahrlich genug - wir versuchen das heute mal mit dem Mythos "Flüchtlingszustrom".

Denn den gab es gar nicht. Würde nicht die Führungsriege der CSU (die der AfD ja ohnehin seit langem) nach einem Anlass suchen, unsere Gesellschaft zu spalten, nationale Grenzen wieder hochzuziehen und mit dem Erbe Konrad Adenauers und Helmut Kohls – einem vereinten Europa als Garant von Frieden und Wohlstand – zu brechen, spräche kein Mensch mehr von jenem Herbst 2015, den es so, wie von ihm erzählt wurde, auch nicht gab.

Die Legende aber, auf deren Rücken die CSU zu einem Ergebnis von 40+ bei der Landtagswahl reiten will, geht so: Im Spätsommer 2015 hat Deutschland über Nacht die deutsche Grenze geöffnet und fast eine Million Flüchtlinge ins Land eingeladen. Mit dieser Flüchtlingspolitik wurde die „Herrschaft des Unrechts“ etabliert, das Land in eine Staatskrise und an den Rand des Zusammenbruchs getrieben, und nun sei es an Horst Seehofer und Co, als Retter der Nation Recht und Ordnung wiederherzustellen.

Darin stecken unzählige Unwahrheiten. Erstens die Mär, dass die Grenze „geöffnet“ wurde. Das stimmt natürlich überhaupt nicht, wie auch der unabhängige ARD-Faktenfinder gerade erst wieder bewiesen hat. Angela Merkel hat die Grenzen vielleicht nicht geschlossen und so ermöglicht, dass 2015 und 2016 rund 1,4 Millionen Schutzsuchende bei uns Zuflucht fanden. Aber ihre europäischen Partner allein gelassen hat sie damit nicht, denn die waren froh, die Betroffenen nicht selbst aufnehmen zu müssen.

Das war ganz im Sinne von François Mitterand und Helmut Kohl, die 1984 - ein Jahr, bevor sie sich über den Gräbern der SS in Bitburg die Hände reichten -   beschlossen, „die Grenzen zwischen unseren Ländern abzuschaffen“. Im Schengen-Abkommen stand dann „Binnengrenzen dürfen unabhängig von der Staatsangehörigkeit der betreffenden Personen an jeder Stelle ohne Personenkontrollen übertreten werden.“ Das meinte natürlich nur Menschen aus Schengen-Ländern und Menschen, die über eine Schengen-Außengrenze rechtmäßig eingereist sind. Aber in der Grünen Physik erschafft sich Energie selbst. Und unser Grüner Blick auf die Situation ist eben wunschgetrieben.

Die Grenzen, soweit es die der Schengen-Staaten betraf, die nicht identisch sind mit den EU-Staaten,  waren also lange vor 2015 offen, allerdings eben nicht für jedermann, sondern ausschließlich für Unionsbürger und Angehörige von Drittstaaten, ein Aufenthaltsrecht in einem dieser Schengen-Staaten haben. Trotzig fragen wir trotzdem: Wie soll man rund 3700 Kilometern Landgrenze und 42.000 Kilometer Seegrenze schließen? Etwa wie Russland, das 20.000 Kilometer Landgrenze und dazu noch 37.000 Kilometer Seegrenze abriegelt?

Das geht doch nicht. Weshalb man auch und gerade in der jetzigen Debatte über Zurückweisungen  fragen muss, was denn das Gerede vom „Schließen“ eigentlich bedeuten soll: Zieht man dann einen Zaun ums Land? Und wie schützt man diesen? Mit  Soldaten? Vielleicht noch mit bewaffneten?  Das hatten wir ja schon mal – sogar mitten im Land. Das wäre doch Irrsinn.

Mythos zwei ist, dass eine spezielle deutsche Willkommenskultur dazu führte, dass sich Hunderttausende aus Afrika auf den Weg machten, nachdem sie gesehen und von bereits aufgenommenen Familienmitgliedern, Freunden oder früheren Nachbarn gehört hatten, wie toll Deutschland ist.

Auch das ist falsch. Der rechtskonservative und vor allem von der CSU bis heute hofierte Viktor Orbán entschied sich damals, Menschen, die ohnehin nicht in Ungarn bleiben, sondern nach Deutschland weiterziehen wollten, in Bussen an die österreichische Grenze zu bringen. Damit stand der damalige österreichische Bundeskanzler vor der Entscheidung, ob er gemäß europäischem Recht die Flüchtlinge an der Grenze stoppt oder sie mit Waffengewalt aufhalten lässt. Oder ob er sie aufnimmt. Aber 4000 bis 5000 Flüchtlinge, die die ungarische Regierung entgegen ihrer Verpflichtung ja nicht registriert, sondern selbst außer Landes gebracht hatte, aufnehmen? Das wäre über die Kraft Österreichs gegangen.

Als Österreich damals bat, Deutschland möge ihm diese Last abnehmen, sagte die Kanzlerin ja. Angela Merkel wollte ihr nach brutalen Äußerungen gegenüber einem kleinen Flüchtlingsmädchen angekratztes Image aufpolieren - und sie nutzte dazu das Selbsteintrittsrecht, nach dem jeder Staat jeden Menschen aufnehmen darf, wenn er das will. Wenn nicht, dann nicht.  Zu diesem Zweck zwischenstaatliche Vereinbarungen zu brechen, ist nach Auffassung des Europäischen Gerichtshofes ein Rechtsbruch. Aber doch einer für einen guten Zweck.

Im Übrigen zerstörte die Bundesregierung schon am 15. September 2015 selbst die Idee des geeinten Europa ohne Grenzen, als sie an der deutsch-österreichischen Grenze wieder Kontrollen einführte – die seitdem weitergeführt werden, obwohl der Schengener Grenzkodex die Höchstdauer auf zwei Jahre begrenzt und die EU-Kommission bereits der letzten in Berlin beschlossenen Verlängerung nicht mehr zustimmte. Damit wird das grundrechtsgleiche Recht der Unionsbürger, sich ohne Grenzkontrollen im gemeinsamen Europa bewegen zu können, bereits seit längerem wissentlich gebrochen - in Berlin spricht allerdings niemand darüber und auch die Medien beschweigen diese dunkle Seite der Groko-Politik eifrig.

Eine ebensolche Mär ist die Behauptung, Deutschland habe fast eine Million Flüchtlinge „eingeladen“, nach Deutschland zu kommen, weil sie hier für "wertvoller als Gold" (Martin Schulz) gehalten wurden. Doch damals nutzte das von demografischen Problemen schon länger geplagte Deutschland den schon seit 2011 tobenden Konflikt in Syrien, um für sich zu werben. Schon Ende 2014 waren 3,7 Millionen Syrer auf der Flucht, dennoch kamen auch 2014 nur knapp 50.000 Syrer nach Deutschland. Als die Bundesregierung dann im September die Busse aus Ungarn kommen ließ, stieg die Zahl schnell auf das Dreifache - pro Monat.

Damals entstand der Mythos der „Flüchtlingskanzlerin“, gezielt gezüchtet von populistischen Medien wie dem "Spiegel" und anfangs von der Kanzlerin selbst noch für das Fundament gehalten, auf dem sie ihren Nachruhm bauen könne.

Dies war umso fataler, als die Bundesregierung, namentlich auch die Kanzlerin, vor und nach dem Sommer 2015 eben trotz vieler Warnungen jahrelang nur auf Sicht gefahren war und auch nach dem Zustromherbst 2015 keine Kraft mehr fand, der Entwicklung ein Ende zu setzen. So kamen immer mehr Menschen, nicht eingeladen, aber im Gefühl, eingeladen worden zu sein spätestens nach einem Tweet des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), wonach alle Syrer, die es nach Deutschland schaffen, auch hierbleiben könnten.

Europa spielte keine Rolle mehr, weil Europa kein Flüchtlingsproblem hatte. Angela Merkel hätte eine Reform des Dublin-Systems fordern können, das sie nun unfair fand. Doch bekommen hätte sie sie nicht, weil sie selbst auch keine Reform befürwortet hatte, als andere Partnerländer sich übervorteilt gefühlt hatten. Was folgt aus all dem?

Ohne Frage sind und bleiben durch Krieg und Klimawandel hervorgerufene  Fluchtbewegungen in Afrika und Asien zentrale politische Herausforderungen für Deutschland. Europas Zentralmacht muss alles daran setzen, schnellstmöglich einen gemeinsamen europäischen geordneten und humanen Umgang zu finden: Wir müssen den anderen Ländern wieder sagen, wo es langgeht. Denn wir allein wissen, dass gemeinsame europäische Lösungen nur welche sind, wenn sie nicht dem Willen vieler anderer derzeitiger Regierungen in Europa entsprechen, sondern unseren deutschen Vorstellungen.

Donnerstag, 19. Juli 2018

Pferd, Beirat, Bass: Staatssender geht gegen Gedankenverbrechen vor



Rechtes Gedankengut ist in Deutschland wieder mitten im öffentlichen Diskurs angekommen, rechte Parteien wie CDU, CSU, FDP bis hin zu Teilen von Linker, SPD und Grünen docken an fremdenfeindliche Positionen an, träumen von lagerhaft für Neuankömmlinge, von Ausländer-raus und Deutschland, das mononational bewohnt wird. 


Erschreckend: Dieses Denken in nationalistischen und extremistischen Kategorien, die Sehnsucht nach sicheren Grenzen, Kontrolle über Ein- und Ausreisen und Hass auf alles, was in Tagesschau-Kommentaren anders denkt, wird immer populärer, auch außerhalb extremistischer Kreise. Doch was macht den Hass auf alle, die anders sind, so attraktiv? Woher kommt der Glaube, dass eine kleine, homogene Gemeinschaft sich leichter steuern lasse als ein großes, starkes Europa aus 28 Nationen mit 400 Millionen Bürgern und fünf politischen Entscheidungsebenen mit acht teilweise demokratisch gewählten Entscheidungsgremien?

Der Deutschlandfunk wagt es nun,  den rätselhaften Verlockungen rechten Denkens nachzugehen. In der Feature-Reihe "Herd. Heimat. Hass." enthüllt der staatliche Sender die Ursachendes Trends hin zu hanebüchenen Positionen jenseits jeglicher Vernunft. Mutige Reporter berichten aus den abstoßenden Abgründen einer Welt im nationalen Taumel, sie besuchen unerschrocken Ewiggestrige, die Europa ablehnen und Donald Trump bewundern, die im Internet Pro-Putin-Argumente verwenden und dem Aberglauben anhängen, der vermeintlich Klügere sei schlauer als der Dumme, der Weiße heller als der Schwarze, der selbsternannte Pro-Biot und Öko-Kämpfer besser als der eingewanderte nutzer von Wegwerfkaffeebechern.

Die Stundensendungen spüren der Lust am Hass nach und dem Antrieb derjenigen, die ihn verbreiten, sie enthüllen die gedankenverbrechen der Verantwortlichen und zeigen, wie nur konsequenter Kampf gegen diese Schädlinge am Volkskörper Deutschland retten kann. Alle Folgen können auch ohne Vorbildung angeschaut werden.

Folge 1: Das Kölner Theaterkollektiv Hofmann hat sich in einem nationalen Alleingang auf die Suche nach den ganz alltäglichen Abgründen gemacht und Menschen animiert, dem Hass auf ihre direkten Nachbarn freien Lauf zu lassen. Dabei kam es zu teils bizarren Situationen, als Anwohner die Polizei riefen, die nicht nur die von den Theatermachern aufgestachelten Laiendarsteller, sondern auch Regisseur und Mikrohalter wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Hassverbot mitnahm.

Folge 2: Es geht um Renegaten, Abschwörer, Meinungswechsler. Wie andere den einen Aberglauben kurzerhand gegen einen anderen eintauschen, wechseln Renegaten das politische Lager: Sie verwandeln sich von linken Intellektuellen zu rechten Agitatoren und vertreten auf einmal die Meinung derjenigen, die sie vorher bekämpft haben. Der frühere Grünenchef Joschka Fischer etwa war erst antikapitalistischer Straßenkmäpfer, dann wirkungsmächtiger Verteidiger ded Status Quo. Markus Metz und Georg Seeßlen werfen einen warnenden Blick auf Konvertiten-Biografien.

Folge 3: Die Vorstellung vom rechten Pöbel am Stammtisch im eichengetäfelten Vereinsheim hat lange ausgedient: Die Neue Rechte ist gut frisiert, kleidet sich bei H&M und Zara ein, sie singt, spielt Hausmusik und sieht sich selbst als moderne Graswurzelbewegung mit fester gesellschaftlicher Basis. Sammy Khamis hat den Aktivisten Philip Stein begleitet und beobachtet, wiedie rechte Gesellschaft die Weigerung des Staates ausnutzt, sie rigoros zu verbieten und alle Aktivisten einzusperren, bis sie abgeschworen haben.

Folge 4: Der Rechtsruck geht auch durch die sogenannte Literatur: Autoren, die einst harmlose Krimis schrieben, machen nun mit verbotenen islamfeindlichen Äußerungen von sich reden. Aber wer hat diese Leute umgedreht? Welche geheime Macht zwingt sie, sich gegen den gesellschaftlichen Konsens zu stellen und als publizistische Szene des rechten Spektrums zu versuchen, mit entsprechenden Machwerken auf das Zusammenleben der Menschen einzuwirken. Tom Schimmeck reißt rechten Dichtern und Denkern die Masken vom Gesicht.

Zur Sendung: "HERD. HEIMAT. HASS. Über die Verlockungen rechten Denkens"

Reiner Kunze: Der Raub der Sprache

Muss demnächst "Kosak*innenblut" genannt werden: Der Wermut der Geschlechtergerechtigkeit.

Wer als Freidenker im totalitären Staat der DDR so lange der Indoktrination ausgesetzt war wie Dichter Reiner Kunze, der 1977 mit seiner Ehefrau Elisabeth in den Westen übersiedelte, hegt eine tiefe Skepsis gegen verordnete Gebote des Denkens und Redens.

Zum Thema Gendersprache, bei dem immer noch die Gefahr besteht, dass der Deutsche Rechtschreibrat eines Tages beschließt, Sprech- und Schriftsprache durch die Einführung vermeintlich geschlechtergerechter Schriftsymbole für immer voneinander zu trennen, nimmt der 84-jährige Buchautor kein Blatt vor den Mund. Der in der DDR antrainierte Widerwille gegen Ideologien und Denkvorschriften und die tiefsitzende Abscheu vor jedem Versuch,  Reichtum und Freiheit der Sprache zu zerstören, lässt Reiner Kunze zu einem erklärten Gegner des selbsternannten Sprachfeminismus werden.

"Es gibt ein grammatisches Geschlecht (Genus) und ein natürliches Geschlecht (Sexus). Genus ist das Geschlecht des Wortes (Maskulinum [der], Femininum [die], Neutrum [das], Sexus ist das Geschlecht von Lebewesen.

Das Geschlecht des Wortes (männlich, weiblich oder sächlich) stimmt nicht immer mit dem Geschlecht des Lebewesens überein, das durch das Wort bezeichnet wird. Es gibt maskuline Wörter, die nicht nur männliche Personen bezeichnen, zum Beispiel Gast, Säugling oder Filmstar, feminine Wörter, die nicht nur weibliche Personen bezeichnen, zum Beispiel Waise, Majestät oder Geisel, und Neutra, die männliche und weibliche Personen oder nur eine einzige Person natürlichen Geschlechts bezeichnen, zum Beispiel Mitglied, Staatsoberhaupt, Weib oder Kind. Diese Wörter sind in ihrer Bedeutung geschlechtsübergreifend.

Wer diese Ausdrucksmöglichkeiten für sein natürliches Geschlecht als diskriminierend empfindet und ihren Gebrauch bekämpft, bekämpft die Sprache, indem er ihre Verarmung befördert. Er beraubt die Menschen der Möglichkeiten, in allgemeinen, geschlechtsübergreifenden Begriffen zu sprechen, was zum Verschwinden ungezählter Wortbedeutungen führt. Der Wähler ist dann stets ein Mann, die Wählerin eine Frau, das geschlechtsneutrale Wort für eine Person, die wählen geht, ist jedoch verschwunden.

Redewendungen wie "Übung macht den Meister" oder "Der Klügere gibt nach" dürften nicht mehr gebraucht werden, weil die geschlechtsübergreifende Bedeutung nicht mehr gedacht werden darf.

Sätze wie "Frauen sind eben doch die besseren Zuhörer" könnten überhaupt nicht mehr formuliert werden, da die sprachfeministisch korrekten Versionen "Frauen sind eben doch die besseren Zuhörerinnen" oder "Frauen sind eben doch die besseren Zuhörerinnen und Zuhörer" ad absurdum führen würden.

Wo es möglich ist, ersetzt man die Doppelform durch Partizipien wie "Studierende, Lehrende oder Lernende" oder neue Begriffe wie "Lehrperson", was ein abstraktes und entfremdendes Deutsch und einen papierenen Stil ergibt.

In einem österreichischen Universitätsmagazin heißt es: "Besorgniserregend ist die Entscheidung des Bildungsministeriums, nur mehr gendergerechte Schulbücher zu approbieren. So liest man in einem Unterstufen[!]-Deutschbuch folgende Aufforderung: ,Eine/r ist Zuhörer/in, der/die andere ist die Vorleser/in. Eine/r liest den Abschnitt vor, der/die Zuhörer/in fasst das Gehörte zusammen.‘" Man schreibe nie, was man nicht sprechen kann, oder was zu einer Verkrüppelung der gesprochenen Sprache führt (Professx, Stud_entin, Trans*autoren, Akteure/innen [gendergerechte Schreibweisen nach Prof. Dr. phil Lann Hornscheidt, geb. Antje Hornscheidt, Humboldt-Universität Berlin]). In dem österreichischen Schulbuch hat man für Kinder gedruckt,was sich nicht einmal fließend lesen läßt.

Die Sexualisierung der Sprache durch die Diskreditierung geschlechtsübergreifender Wortbedeutungen hat eine eklatante Verarmung und Bürokratisierung der Sprache, die Denunzierung aller Sprechenden, die sich dagegen verwahren, und eine Einschränkung der Freiheit des Denkens zur Folge. Der Sprachgenderismus ist eine aggressive Ideologie, die sich gegen die deutsche Sprachkultur und das weltliterarische Erbe richtet, das aus dieser Kultur hervorgegangen ist."


Mittwoch, 18. Juli 2018

Zitate zur Zeit: Land der Herzen

"Das war in gewisser Weise für diese Leute die Einladung. "

Der kroatische Regierungschef Zoran Milanovic am 19.September 2015 zur von Bundeskanzlerin Angela Merkel vertretenen Grenzöffnung für Flüchtlinge und zur Darstellung Deutschlands als "Land der Herzen".

Doppeleinhorn: Kein Engagement ohne Geld

Es war die Geheimwaffe im Kampf gegen den Hass, den die Bundespolitik direkt nach der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten noch einmal forcierte. Eine Fantasiefigur namens "Doppeleinhorn" sollte "Hetzern, Hassern und Zweiflern" (Claus Kleber) im Internet entgegentreten, die Kloake aus regierungsfeindlichen Kommentaren, Merkel-Bashing und behördenbeschimpfung entgegentreten und die Zivilgesellschaft, die sich in Zeiten der überbordenden Ängste selbst nicht mehr wehren kann, stärken.

Doch nur zwölf Monate war das Doppeleinhorn im Einsatz. Dann mussten Freunde der Initiative im Dienst der Demokratie vom stillen Tod des bunten Fantasiewesen aus dem „Mediennetzwerk SaarLorLux“ Notiz nehmen: Nachdem es unter Zuhilfenahme von 60.000 Euro aus dem Bundesprogramm „Stärkung der digitalen Zivilgesellschaft und der Demokratie“ gelungen war, beinahe 350 sogenannte Follower beim Kurznachrichtendienst Twitter zu sammeln, stellte @Doppeleinhorn Anfang Juni seine Arbeit ein. Die Fördermittel waren verbraucht, Nachschub offenbar nicht in Sicht. Der Account, der sich die Gewinnung von Followern umgerechnet rund 150 Euro pro Stück hatte kosten lassen, wurde ankündigungslos gelöscht. Bei Facebook, wo das hässliche Hornschwein seine herzzereißenden Versuche um eine jugendgemäße Ansprache bislang noch fortsetzt, findet sich zur Löschung kein Wort der Erklärung.

Geben der Staat und seine engagierten Vorfeldorganisationen den Kampf für eine "intensivere Nutzung elektronischer Medien" zur Unterstützung der Regierungspolitik auf? Endet der Versuch, "Menschen direkt anzusprechen und sie zu ermutigen, sich am Diskurs zu beteiligen"? Woher kommen künftig die legendären Doppeleinhorn-Ansichtskarten mit aufrüttelnden Botschaften wie "#Meinung, #Freiheit, #Vielfalt!", "Herz statt Hass" oder "Artikel 5 GG ist super!"?

Offene Fragen, schmerzhaft wie ein offenes Bein.

Deutschland jedenfalls wird ohne das Doppeleinhorn nicht mehr dasselbe sein.

Dienstag, 17. Juli 2018

VW hat verstanden: Der neue Passat

Sie haben offenbar verstanden in Wolfsburg! Schon im November kommt der neue VW Passat auf den deutschen und den europäischen Markt - ein Fahrzeug, mit dem Volkswagen zurückkehrt zu eher leichten, kompakten Autos, die Gruppen ansprechen, die bisher eher keine VW-Kunden waren.


Aber dann kam der VW-Skandal, kamen die Gerüchte über Manipulationen von Abgaswerten, kamen Vorwürfe, VW habe trotz seiner schlimmen Geschichte erneut versucht, Menschen zu betrügen. Mit dem neuen Modell aus der Erfolgsreihe Passat will Volkswagen nun das Gegenteil beweisen: Aufstieg in die Premium-Ökoliga, Widerlegung aller Gerüchte, man kümmere sich nicht ums Weltklima.

Hierfür haben die Wolfsburger einiges getan. Der neue Passat ist leichter, schmaler und windschnittiger als alle seine Vorgänger, statt zwei Tonnen bringt er gerade noch 15 Kilogramm auf die Waage. Verzichtet haben die vielkritisierten VW-Ingenieure auf alles, was nur unnötig Energie verbraucht: Es gibt kein Interieur mehr und kein  Exterieur, dafür ist der Wagen nahezu emissionsfrei, weil er auch auf einen Antrieb durch nicht-erneuerbare oder sogenannte "grüne" Energie verzichtet.

Ein Schritt, der nur konsequent ist. Auch Batterien belasten in der Herstellung die Umwelt, auch Ökostrom kostet den Planeten viel von seiner wertvollen Lebenszeit, argumentiert Volkswagen. Statt sich weiter an der Vernichtung der Erde zu beteiligen, die wir nur von unseren Enkeln geborgt haben,  kocht VW seinen neuen Passat auf das Notwendigste ab. Auffallend sind der kürzere Radstand, der kleinere Kofferraum und die fehlenden Karosserieüberhänge. Zudem ist das Modell niedriger als der Vorgänger. Bei den Einsparungen, die sich auch auf das Fahrverhalten auswirken sollen, handelt es sich allerdings jeweils um einige Zentimeter. Linien und Knickkanten verschmelzen jetzt noch mehr mit dem Design der Karosserie.

Auch im Inneraum hat sich einiges getan. Ins Auge springt direkt das Lenkrad, das nicht mehr rund ist, sondern als Querlenker gestaltet. Es erstreckt sich über die gesamte Breite des Fahrzeuges, ja, es definiert sie. Angesteckt werden können ein 12,3 Zoll großes Active Info Display, über welches Fahrinformationen abgerufen werden. Als Unterhaltungsangebot für längere Fahrten sieht VW Kopfhörer in Wagenfarbe vor.

Um Gewicht zu sparen, verfügt der neue Passat nicht über Spielereien wie Assistenz- oder Sicherheitssysteme, die dem Fahrer das Leben erleichtern könnten. Volkswagen stehe für sportliche Fortbewegung, heißt es dazu in Wolfsburg, wo die VW-Spitze die neuen Maßstäbe der Fahrzeugherstellung a lá leicht und langsam verteidigt, die auf den urbanen, umweltfreundlichen Nutzer zielt, der mit dem Flugzeug oder Kreuzfahrtschiff in den Urlaub fährt.

Dank der neuen Philosophie ist es möglich, in quer- und parallel zur Fahrbahn liegende Lücken einzuparken. Zum neuen Passat liefert VW auf Wunsch und gegen Aufpreis einen Anhänger namens "Trailer Ass".

Global Peace Index: Kriegsgebiet Russland

Er ist so seriös, dass kein großes Medium darum herumkommt, über das jährliche Update zu berichten. Der "Global Peace Index" (GPI), erstellt von einem Internationalen Gremium aus Friedensexperten, Friedensinstituten, Expertenkommissionen und dem Zentrum für Frieden und Konfliktstudien der Universität Sydney, beleuchtet die Veränderung der Weltlage nach Betrachtung von Kriegen und Bürgerkriegen, Rüstungsausgaben und Waffenkäufen. Eine Art Weltatlas des Haders und des Streits, der in der Regel alljährlich beklagt, dass wieder alles viel schlimmer geworden ist.

So auch in diesem Jahr. 2017 habe sich die Friedenslage in 91 Ländern der insgesamt 163 Länder, die für den Index untersucht worden waren, verschlechtert, heißt es da, in nur 71 Ländern sei die Lage friedlicher geworden. Insgesamt stieg die Zahl der Menschen, die in Konflikten getötet wurden, laut GPI im Zeitraum von 2006 bis 2016 um 264 Prozent. Und auch die Zahl der Geflüchteten nahm zu: Erstmals in der Geschichte der Neuzeit machten Flüchtlinge laut GPI ein Prozent der
Weltbevölkerung aus.

Die Situation ist also schlimmer als damals im und nach dem II. Weltkrieg. An dem hatten nur 69 Staaten teilgenommen und die Zahl der Flüchtlinge lag selbst nach all dem Morden und den Kontinente verheerenden Schlachten mit 60 Millionen Toten immer noch unter einem Prozent der Weltbevölkerung. Jetzt drüber! Das ist schockierend und wird manchen Leser außerhalb der Schreibmaschinengewehrstellungen der Großredaktionen verblüffen. Doch bei genauerer Betrachtung der Einzelheiten des vielzitierten Friedens-"Index" wird schnell deutlich, dass das Ganze in etwa so überzeugend ist wie Angela Merkels Versicherung, sie habe die Aufklärung der Bamf-Affäre erst in Gang gesetzt.

Schon ein Blick auf die Karte (oben) zeigt, wie hanebüchen die Ausarbeitung ist, die von deutschen Leitmedien flächendeckend zitiert wird, als handele es sich um eine Darstellung von Tatsachen. Groß und rot, weil äußerst kriegerisch, prangt im Nordosten der Karte Russland, der alte Erzfeind des Westens, von dem gar Trauriges zu berichten ist. "Russland hatte die zweitgrößte Verschlechterung in der Region, das Land verschlechterte sich aufgrund der Indikatoren für terroristische Auswirkungen, Gewaltverbrechen und politischem Terror", wird erklärt, weshalb das Reich Wladimir Putins auf Platz 154 (von 163) abgerutscht ist. Das müsse so, denn "angesichts der anhaltenden Moskauer Beteiligung in Syrien und die Möglichkeit von Zusammenstößen mit westlichen Kräfte", heißt es, und der Tatsache, dass "auch die externen Konflikte zugenommen" hätten, könne es nicht anders.

Russland ist nach dieser Logik nun also kriegerischer als Palästina, der Sudan, Nordkorea, Pakistan und die Türkei. Ein Unruheherd sondergleichen, der zwar seine Rüstungsausgaben gesenkt hat, dem aber verglichen mit Mali, Venezuela und Myanmardemfrüherenburmanur ein Platz im Friedenskeller bleibt, weil es eben Russland ist. Und natürlich auf dem falschen Kontinent liegt. Während die Verfasser der "Studie", immerhin der "the world’s leading think tank", wie sich das "Institut für Economics & Peace selbst nennt, für das Verfassen von Weltfriedensstudien, die Türkei nach Europa sortieren, haben sie Russland der Lehre des Globalstrategen Zbigniew Brzezinski folgend kurzerhand nach "Eurasien" verschoben. Bemerkenswert: Nur drei Prozent der türkischen Landfläche liegen in Europa. Bei Russland sind es 23 Prozent.

Aber ein Platz in Asien bietet sich für die mongolischen Horden Putins an, traut man ihnen doch gleich ein wenig weniger über den Weg und kann so besser nachvollziehen, weshalb die USA bei derzeit sechs aktiven Kriegsbeteiligungen und 15 mal höheren Militärausgaben auf Platz 121 landen und Russland bei nur zwei Kriegsengagements und sinkenden Rüstungsinvestitionen auf Platz 154, sogar noch hinter der Ukraine, dem Land, in dem der Bürgerkrieg stattfindet, an dem Russland eine Beteiligung zugeschrieben wird.

Montag, 16. Juli 2018

Zitate zur Zeit: Fluch des Reichtums


Sie waren reich genug, um sich in Dinge einzumischen, die sie nichts angingen.

Paolo Bacigalupi, Versunkene Städte, 2012

Kurz-Partei: Mehrheit würde erneut einem Österreicher vertrauen

Laut einer neuen Forsa-Umfrage könnten sich 57 Prozent der wahlberechtigten Bundesbürger vorstellen, bei der nächsten Bundestagswahl eine „Deutsche Volkspartei - Sammlungspartei der Mitte“ nach dem Vorbild von Sebastian Kurz' Österreichischer Volkspartei zu wählen.

Was wäre, wenn es eine Partei à la Kurz in Deutschland gäbe? Die Sehnsucht danach ist offenbar groß. Einer Umfrage zufolge würde eine Mehrheit der Partei ihre Stimme geben. In einer Gruppe ist das Wählerpotenzial besonders groß.

Eine politische Sammlungsbewegung nach dem Vorbild der in Österreich von Sebastian Kurz in Regierungsverantwortung geführte „Österreichische Volkspartei“-Partei hätte einer Umfrage zufolge auch in Deutschland große Erfolgschancen.

57 Prozent der wahlberechtigten Bundesbürger könnten sich vorstellen, „bei der nächsten Bundestagswahl eine Partei der Mitte wie die von Kurz in Österreich zu wählen“, wie aus einer Umfrage des Vorsa-Instituts hervorgeht.

Das Forschungsinstitut hatte bereits in der Vergangenheit das Wählerpotenzial für Protestparteien wie eine „Haider“- oder „Sarrazin-Partei“ ermittelt. Mit 57 Prozent übersteigt die Zustimmung für eine Kurz-Bewegung die für Jörg Haider oder Thilo Sarrazin (damals jeweils 16 Prozent) demnach um mehr als das Dreifache.

Zuspruch erhielte eine „Kurz-Partei“ in Deutschland vor allem bei Menschen, die sich zwar zur politischen und gesellschaftlichen Mitte zählen, ihre Interessen aber bei den Parteien nicht mehr in ausreichendem Maße vertreten sehen. Hier, in der „vergessenen Mitte“, ist das Wählerpotenzial unter ehemaligen SPD- und Unionswählern mit 70 beziehungsweise 68 Prozent besonders hoch.

Sebastian Kurz war mit seiner ÖVP bei der Nationalratswahl in Österreich 2017 unter dem Listennamen „Liste Sebastian Kurz – die neue Volkspartei (ÖVP)“ als Spitzenkandidat mit 31,5 Prozent als stimmenstärkste Partei hervorgegangen. Danach war Kurz am 20. Oktober 2017 als ÖVP-Parteichef von Bundespräsident Van der Bellen mit der Erstattung von Vorschlägen für die Bildung einer neuen Bundesregierung beauftragt worden. Kurz wirbt seit Monaten intensiv für eine umfassende Reform der EU und setzt dabei eigentlich auf eine Zusammenarbeit mit Deutschland. In Berlin werden die Bemühungen des Österreichers etwa um eine Reduzierung der Zahl der EU-Kommissare jedoch bisher mit Ablehnung quittiert.

Zuletzt gefiel sich Kanzler Kurz als Vermittler zwischen Russland und der EU und er ließ sich dabei sogar von Russlands Machthaber Wladimir Putin loben. Seinen Vorschlag, die Zahl der EU-Kommissare von 28 auf 18 zu verkleinern und nach einem Rotationsprinzip zu besetzen, hielt Kurz aufrecht, ebenso beharrt er darauf, dass die EU einen der beiden Parlamentsstandorte in Brüssel und Straßburg aufgeben müsse.