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Samstag, 19. April 2014

HFC: Ein Mann für gewisse Sekunden

Häme, Hohn, zynischer Applaus, das ist es, was HFC-Stürmer Pierre Merkel bekommt, nachdem ihn HFC-Trainer Sven Köhler in der 67. Minute für Florian Brügmann eingewechselt hat. Merkel hat sich seinen Ruf als adäquater Nachfolger des selbsternannten Superstürmers Andis Shala seit Sommer vergangenen Jahres hart erarbeitet - und auch im Spiel gegen die Stuttgarter Kickers scheint der großgewachsene Mann mit der 21 fest entschlossen, ihn zu verteidigen. Merkel ist kaum auf dem Platz, da verliert er zum ersten Mal den Ball. Im zweiten Versuch passt er ins Nichts. Im dritten stolpert er über die eigenen Füße und fällt.

Alles wie immer also in Halle und auch der Spielstand steht wie immer Kopf. Obwohl der HFC bereits in den ersten fünf Minuten fünf Chancen hatte, um eine beruhigende Führung herauszuschießen, steht es seit der 25. Minute 0:1. Wiedereinmal war es harmloser Flankenlauf von Calmita, der den Ball zwei Meter vor der Grundlinie des HFC-Tores nicht mehr erreichen kann. Aber Toni Lindenhahn, nach langer Pause wegen der Geldsperre von Francky Sembolo erstmals wieder von Anfang an auf dem Platz, geht auf Nummer Sicher und fällt den Stuttgarter.

Fast hätte Pierre Kleinheider den Elfmeter von Marchese gehalten. Aber eben nur fast. So stellt sich früh ein Gefühl von Déjà-vu ein. Wie gegen Rostock liegt die bessere Mannschaft zurück, wie gegen Rostock verliert der Gastgeber nach dem Schock des Rückstandes den verglichen mit den ersten fünf Minuten ohnehin schon fortwährend dünner gewordenen Spielfaden. Die Fankurve tut ein übriges, um die Verunsicherung zu steigern: Nachdem der nach einem berühmten Komiker benannte Schiedsricher Karl Valentin ein von den 10.000 Zuschauern gesehenes Handspiel im Stuttgarter Strafraum händewedelnd ignoriert, wirft einer der verlässlich anwesenden Wahnsinnigen mit einem Knaller nach Kickers Torwart Redl. Palaver, Gewese, Valentin unterbricht. Rituale, Durchsagen, Gemecker.

Dann geht es weiter, nun aber von hallescher Seite spürbar weniger zielstrebig. Vor allem Daniel Ziebig hat auf der linken Seite große Probleme gegen den wieselflinken Randy Edwini-Bonsu, der in etwa das zeigt, was Toni Lindenhahn vermissen lässt. Stuttgart hat jetzt Chancen, Halle hadert mehr mit dem Humor von Karl Valentin, der den Rot-Weißen eine gelbe Karte nach der anderen zeigt. Als erneut ein Knaller im Stuttgarter Strafraum explodiert - erstaunlicherweise von einem Teil des mit Applaus gefeiert - unterbricht Valentin das Spiel eine Minute vor dem Halbzeitpfiff. Das Fanprojekt baut das Halbzeitspiel auf, dann wieder ab.

Nach fünf Minuten geht es weiter, nach einer Minute ist dann wieder Schluss und Halbzeitpause. Das Fanprojekt baut das Halbzeitspiel wieder auf. Ein Mädchen trifft an der Torwand dreimal.

Der HFC trifft weiter nicht. Vom Druck der ersten paar Minuten ist auch im zweiten Durchgang nicht mehr viel zu sehen, es fehlt an Struktur und Willen, Furuholm hadert mit den Zuspielen, Tim Kruse spielt verdächtig viele Fehlpässe, bei Lindenhahns Läufen ist an der Strafraumgrenze das Pulver alle. Ziebig immerhin hat Randy Edwini-Bonsu so entnervt, dass der jetzt Mittelstürmer spielt und nicht mehr viel reißt.

Sven Köhler sieht auch, dass die Dynamik des Rostock-Spiels fehlt. Er bringt Merkel, dann Nachwuchsmann Chris Reher, schließlich noch Robert Schick, dem Mann mit dem Fleischklopfer.


Nun geht noch mal was, nun drückt der HFC wie in den ersten fünf Spielminuten. Pierre Merkel gelingt tatsächlich eine butterweiche Flanke, doch kurz vor Timo Furuholm köpft ein Stuttgarter den Ball ins Toraus. Dann erobert Chris Reher den Ball, die Uhr hat noch zehn, zwanzig Sekunden Spielzeit. Furuholm geht zur Grundlinie und passt nach innen auf Pierre Merkel, der bis zu diesem Moment in 21 Liga-Spielen im HFC-Dress ein Tor gemacht hat. Das war im März beim 4:2 gegen Unterhaching, als der "Kanzler" in der Nachspielzeit mit links ins Tor traf. Ein Mann für gewisse Sekunden - denn hier und heute macht er es wieder wie gegen Haching und zuvor schon im Pokal gegen den VfL, diesmal mit rechts: Aus fünf Metern trifft Merkel zum hochverdienten 1:1, das zugleich den endgültigen Klassenerhalt bedeutet, weil die Mannschaften am Tabellenende die 47 Punkte des HFC nicht mehr erreichen können.

Der Kanzler - fünf Männer können ihn nicht stoppen.

Petition: Springer sprengen!

Petitionen gegen dies, Petitionen für das und selten nur ist ein wirklich sinnvolles Anliegen dabei. Zuletzt hatte die von Google marginalisierte Boulevardabteilung des Springer-Verlages die Idee, als Reaktion auf die russische Position im Ukraine-Konflikt die Beseitigung des sowjetischen Ehrenmal im Berliner Tiergarten per Petition zu verlangen. Genug dämliches Volk, das ausreichend geschichtsvergessen ist, das authentische Denkmal an den Zweiten Weltkrieg zu schleifen, werde sich schon finden, spekulierte die "Bild"-Redaktion - und fand in Hubertus Knabe, ein aus Unna stammender Historiker-Darsteller, der seit einigen Jahren den Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen spielt, bestätigte das, indem er sofort klarmachte, dass er noch nie verstanden habe, "warum man ausgerechnet mit Panzern der Opfer eines Krieges gedenkt".

Weil man das dennoch in aller Welt tut - wohin auch sonst im Frieden mit all den ausgefahrenen Stahlkolossen - klingt eine Gegenpetition an den Deutschen Bundestag sehr viel schlüssiger. "Wir wollen kein Springergebäude in Berlin!" fordert die, nachvollziehbarerweise, denn nirgendwo sonst in der Welt schmückt sich eine Hauptstadt mit einem Springer-Hochhaus. Die Forderung der Petenten lautet denn auch unmissverständlich: Entfernung des Axel-Springer-Hochhauses durch sowjetische Panzer.

In einer Zeit, in der die Springerpresse die Übernahme der historischen Verantwortung Deutschlands bedroht, wolle man kein Springergebäude in Berlin. "Wir, die Unterzeichner_innen dieser Petition, wollen nicht akzeptieren, dass Polemik im 21. Jahrhundert wieder zum Mittel der Politik in Europa wird", heißt es weiter. Deshalb fordere man den Bundestag auf, sich dafür einzusetzen, dass das Axel-Springer-Hochhaus durch sowjetische Panzer entfernt wird. So werde das zwielichtige Andenken des Pressezaren würdig beseitigt und es können eine "Lehre aus der verheerenden Hetze der BILD-Zeitung" gezogen werden.

PPQ-Archiv: In der Mitmach-Gesellschaft
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Tagesschau-Hetze gegen die FED

Erst gingen Mitglieder einer "neurechten Friedensbewegung" (Taz) mit Hetzparolen und Verschwörungstheorien auf die Straße, wo sie dreist behaupteten, die deutschen Medien berichteten einseitig und falsch über die Situation in der Ukraine und die US-Zentralbank sei eine private Bank. Und nun folgt auch noch die renommierte Tagesschau der kruden Argumentation von "Verschwörungstheoretiker, Rechten, Populisten" (Berliner Zeitung) und "Antisemiten, Reichsbürgern, Neonazis, Chemtrail-Theoretikern, Anhängern der Truther-Bewegung" (Taz), indem sie ganz öffentlich eine zentrale These der Staatsfeinde stützt, wonach die Federal Reserve sich tatsächlich in Privatbesitz befindet.

Eine Bettina Seidl behauptet in dem Beitrag der staatlichen Webseite tagesschau.de, dass es ein "Irrglaube" sei, anzunehmen, bei der Federal Reserve mit Hauptsitz in Washington D. C. (oben) handele es sich um eine Behörde oder eine staatliche Institution wie es etwa die Bundesbank oder die EZB ist. Vielmehr sei die Fed "ebensowenig staatlich wie der Logistikkonzern Fedex, sondern vielmehr eine privatwirtschaftlich basierte Institution." Im Internet kursiere eine Liste der wichtigsten Eigentümer, heißt es verschwörerisch, "darunter Bankiersfamilien wie Rothschild, Lazard Frères, Kuhn Loeb, Warburg, Lehman Brothers, Goldman Sachs, Rockefellers Chase Manhattan, JP Morgan". Die Tagesschau  schließt sich damit dreist einer Argumentation ist, wie sie in neurechten Kreisen als schick gilt.

Es stimme, wird weiter behauptet, die Fed sei keine Behörde, sondern eine Privatveranstaltung. 100 Prozent der Fed-Anteile liegen in den Händen privater Banken. Kein einziger Anteil wird von der Regierung gehalten, der Staat habe nur das Recht, über den US-Präsidenten das Direktorium der FED zu ernennen. Ausgerechnet die auf das Gemeinwohl eingeschworene Nachrichtensendung der ARD fällt damit den kollektiven Bemühungen anderer Sender in den Rücken, die bestrebt sind, die aktuellen Montagsdemonstranten als Spinner zu enttarnen, deren Vorwürfe gegen das Federal Reserve System antisemitisch motiviert sind.

Freitag, 18. April 2014

Aderlass auf der Krim

Das hat er nun davon. Vier Wochen nach dem brutal von Sondereinheiten erzwungenen Anschluss der Krim laufen dem Eroberer Wladimir Putin die Bürger weg. Die Taz berichtet, dass mittlerweile schon rund 3.000 Menschen die Krim verlassen haben – die meisten sind Krimtataren, viele aber auch ukrainische und sogar russische Familien.

Unter denen, die mit den Füßen für die Freiheit und gegen ein leben unter der Knute des neuen Zaren abgestimmt haben, seien ebenso Maidan-Aktivisten wie Menschen, die sich nie für die Politik interessiert haben, Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Verhältnissen und aus allen Teilen der Krim. Informatiker, Landwirte, Dozenten, Arbeiter und Arbeitslose, Juristen, Studenten und Unternehmer. Strenggläubige Muslime, säkularisierte Muslime, orthodoxe Christen, Katholiken, Protestanten und Atheisten. Menschen aus armen Verhältnissen und gestandene Mittelständler.

Auch die Gründe der Flucht in die Freiheit sind verschieden. „Einige haben direkte Drohungen bekommen, andere wurden eingeschüchtert, viele hatten Angst vor Gewalt und Hass gegen Andersdenkende“, analysiert die Taz diese erneute Niederlage des Potentaten im Kreml, dem nach dem Aderlass an Untertanen nur noch 1.964 von ehemals 1,967 Millionen neue russische Staatsbürger bleiben.

Putins nächste Teufelei: Agenten in Babuschka-Tarnung

Als der zivilisierte Westen und das aufstrebende Bürgertum der Ukraine noch gemeinsam gegen Hurerei und Frauenrechte kämpften, unterhielten Frauenbilder aus der Ukraine das deutsche Publikum zuverlässig. Doch seit Russland versucht, die friedliebende Ukraine aus dem westlichen Völkerbündnis gleicher Werte und gleicher Rechte herauszubrechen, hat sich das Frauenbild, das Medien hierzulande aus den umkämpfen Gebieten im Osten der einstigen Kornkammer herausschmuggeln können, grundlegend gewandelt.

Statt barbusiger jungen Aktivistinnen, die sehenswert und engagiert gegen das Böse in der Welt blankziehen, ist die gemeine Ukrainerin heute eine entmenschte, dickliche Babuschka, die voll grausamer Putin-Hörigkeit bereit ist, sich als menschliche Speerspitze gegen die friedliebende Mehrheit der kampfbereiten Eliteeinheiten der ukrainischen Revolutionsregierung in Kiew missbrauchen zu lassen.

Es ist Putins nächste Teufelei: Statt Fallschirmjäger niedergehen zu lassen und die Ostukraine mit seinen Panzern heim ins Reich zu walzen, schickt der Diktator Geheimagenten in Babuschkatarnung. An ihrer Seite agieren Angehörige von Sondereinheiten in Jeans und Lederjacken, die von Putin perfide mit Knüppeln ausgerüstet wurden, um zu verbergen, dass es sich in Wahrheit um professionelle Killerkommandos des Kreml handelt.

Kiew ist ratlos, deutsche Medien sind empört. „Kiew hat keine Eier in der Hose“, klagt die Taz, einst Zentralorgan der Friedenbewegung, heute aber einem ordentlichen „Antiterrorkampf“ gegen Frauen, Kinder und Knüppelschwinger nicht abgeneigt. Leider sei der "Spezialeinsatz" der Zentralregierung in Kiew "im Osten des Landes steckengeblieben", gescheitert an unzureichender Logistik. Die Sondereinsatzkommandos, diesmal nicht von Himmler gesandt, hätten drei Tage nichts zu essen bekommen und weigerten sich nun leider, auf das eigene Volk zu schießen.

Dabei weiß auch der letzte Pazifist: Kriege werden traditionell in Küche und Kantine gewonnen - aber eben auch verloren. „Dass, was derzeit bei uns und in anderen Städten passiert, ist idiotisch“, zitiert die Taz Irina, eine virtuelle Krankenschwester aus Slawiansk, die ihren Nachnamen nicht nennen konnte, weil sie frei erfunden ist. Statt einander abzuknallen, die Straßen in Blut zu baden und in einem grausamen Kräftemessen mit Häuserkampf und Feldschlacht herauszufinden, wer die Macht in der Ostukraine wirklich verdient, laufen verweichlichte, ohne Zucht und Ordnung in den Befreiungseinsatz geführte Truppen der selbsternannten Zentralregierung einfach über.

So heize Russland den Konflikt immer weiter an, analysiert Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). US-Regierungssprecher Jay Carney hat deshalb schon die Unterstützung der USA für Schritte der Ukraine signalisiert, die "Gesetz und Ordnung" wiederherstellen. Feuer und Schwert

Deutschland tut indes zur Sicherung der Grenzen der westlichen Wertegemeinschaft gegen einen Einfall von Putins hochgerüsteter Soldateska, was es kann: Die Bundeswehr hat jetzt nahezu zehn Prozent ihrer einsatzbereiten Eurofighter zum Abwehrkampf nach Osten verlegt, flankiert wird der Einsatz vom 15 Meter breiten Tender "Elbe" mit rund 45 Soldaten Besatzung, der über eine Müllentsorgungseinrichtung, eine Abwasseraufbereitungsanlage und zwei mittelkalibrige Automatikgeschütze verfügt, die zur Bekämpfung von ungepanzerten oder leicht gepanzerten Zielen dienen können.

Donnerstag, 17. April 2014

Trost für AC/DC-Fans: Martin Schulz geht auf Tour

Rockfans waren in Aufruhr, langjährige Anhänger trauerten. Berichte aus Australien hatten nahegelegt, AC/DC würden sich auflösen, da Gitarrist Malcolm Young schwer krank sei. Sänger Brian Johnson dementierte die Trennung, bestätigt aber einen Krankheitsfall und gab bekannt, dass die australische Rockband derzeit keine Pläne habe, auf Tournee zu gehen.

Trost aber kam von der europäischen Sozialdemokratie. Als Ersatz für die australischen Superstars werde Martin Schulz, der Spitzenkandidat der europäischen Linken zur Europawahl, auf Tournee gehen. Trailer für das anstehende Großereignis, bei Schulz "Europa neu erklären" werde, finden sich im Webportal der SPD. Schulz Show werbe für "ein anderes Europa: Ein Europa der Menschen, der Demokratie, des Miteinanders, der Chancen und des Wachstums".

Neben alten Hits wie "Seit´an Seit´" und "The International" wird Martin Schulz auch seine aktuellen Balladen “Ein Europa der Zukunft, nicht der Vergangenheit“ und “Ein Europa des Fortschritts, nicht des Rückschritts“ singen. Voller Vorfreude zeigten sich auch frühere SPD-Größen. "Bei uns rockt es" sagte etwa Peer Steinbrück.

Umweltzonen sorgen für dicke Luft

Sechs Jahre nach der verbindlichen Einführung von Umweltzonen zur Vermeidung von zu hoher Feinstaubbelastung in deutschen Städten zeigen sich offenbar erste Ergebnisse des entschiedenen Kampfes gegen die unsichtbare Gesundheitsgefahr: Bereits nach einem Drittel des Jahres seien die zulässigen Planziele an vielen Messstellen im Land erreicht und übertroffen, teilte das Umweltbundesamt in Dessau mit. Das Umweltbundesamt (UBA) rechnet mit weiter anhaltenden hohen Feinstaub-Werten in deutschen Städten. Erwartet wird eine Situation, in der die Planziele insgesamt weit übertroffen werden könnten. Stuttgart etwa meldete bereits ein Erriechen des EU-Jahresplanes, Berlin steht kurz vor der Planerfüllung. Auch Halle und andere deutsche Städte melden Mengen an Feinstaub in der Luft, wie sie sich die EU-Planer nicht hätten erträumen lassen.

Auch eine im Internet veröffentlichte Messdaten-Sammlung des Amtes belegt die erfolgreiche Strategie, eine Feinstaub-Bürokratie aufzubauen, die jährlich mehrere Millionen kleiner Aufkleber verkauft, mit deren Hilfe Werbung für den früher völlig unbekannten Feinstaub macht. Nach mehreren Jahren voller Rückschläge, in denen eine eigens in den Verkauf gebrachte neue Fahrzeuggeneration es nicht schaffte, an frühere Herstellungsziele beim Feinstaub anzuknüpfen, ist es nun die der Witterung, die bei der Übererfüllung der Feinstaubziele der EU-Kommission hilft. Besonders der weitgehend unbesiedelte Osten Deutschlands erlebe derzeit eine Feinstaubwelle ungeahnten Ausmaßes, berichtet die »Welt« unter Berufung auf die CO2-Fabrik in Dessau. Da die EU dennoch nicht über Ausnahmegenehmigungen für mehr als 35 Grenzwertüberschreitungen im Jahr verhandeln will, drohten Deutschland jetzt millionenteure Strafzahlungen wegen nicht eingehaltener Vorgaben.

Nicht betroffen von Strafmaßnahmen wegen zu großer Produktionserfolge beim Feinstaub sind europäische Partnerländer wie Griechenland, Spanien und Belgien. Hier gibt es keinerlei Überschreitungen, weil es hier keine Umweltzonen und damit auch keine der besonders feinstaubanfälligen Messtellen gibt.

Mittwoch, 16. April 2014

Mehr Sicherheit im Netz: Altersampel kommt

Im Streit um eine Kennzeichnungslösung für Internetinformationen rückt eine Lösung näher. Wie das Online-Magazin Heise.de berichtet, haben sich Bundesjugendmedienschutz, Bundesblogampelamt und Bundesregierung geeinigt, Blogger und soziale Netzwerke künftig zu Angeboten mit Altersfreigabe-Kennzeichnung zu verpflichten. Sonst drohen den Betreibern Sanktionen.

Der Kommissions-Entwurf für den neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV), der die Informationsweitergabe im Internet regeln soll, soll den technischen Jugendmedienschutz stärken, indem unter anderem auch Inhalte in sozialen Medien wie Blogs nur gestaffelt freigibt. Die pflichtgemäße Auszeichnung von Inhalten erfolgt dabei freiwillig, sie wird technisch umgesetzt durch Zugangs- oder Zeitlösungen. Außerdem müssen Anbieter ihre Angebote bei einer anerkannten Einrichtung der Freiwilligen Selbstkontrolle vorlegen. Das neue Gesetz zielt auch auf nicht-regierungsamtliche nutzergenerierte Inhalte und betrifft somit vor allem soziale Medien wie Blogs und Facebook.

Herrnfried Hegenzecht vom Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin sagte gegenüber PPQ, über offene Details solle unter Beteiligung der Öffentlichkeit in einer Online-Konsultation diskutiert werden. Möglich sei es, dass das Bundeszentralregister für Datensicherheit künftig verpflichtet werde, alle Bundesblogs zu hosten. Bis zum 19. Mai können Blogger und Blogleser sich noch einbringen, dann werden die eingereichten Beiträge bis Anfang Juni an die von BBAA, Jugendmedienschutz und Innenministerium gemachten Vorgaben angepasst. Am 12. Juni, wenn ganz Deutschland auf den Beginn der Fußball-WM in Brasilien schaut, soll die Verschärfung der Meinungsfreiheit dann im traditionellen Stil als JMStV-Novelle vorgelegt werden.

Der Herbeiwarner


Was hat er nicht schon alles weggewarnt. SPD-Chef Sigmar Gabriel warnte vor einer großen Koalition und prompt kam sie. Er warnte vor dem Ausbleiben der großen Wende in der deutschen Energiepolitik und steht nun selbst als Gescheiterter da, und er warnte vor der "Auflösung einer Wertegemeinschaft mit den USA" noch lange nachdem die SPD-Basis ihrer Führung die Gefolgschaft beim Irak-Feldzug verweigert hatte.

Gabriel ist ein großer Warner, der gern und oft warnt. Er hat schon vor „Ängstlichkeit in der SPD“ gewarnt, vor einem Rücktritt des Bundespräsidenten Wulff, vor Gesundheitsschäden durch Computertomographie, vor „Schiss vor der Großen Koalition“, vor der Erhöhung der Strompreise, vor „vorschnellen Inklusionsmühungen“, vor der Abschaffung der Stehplätze in Fußballstadien und vor der Reichensteuer.

Im Rückblick ist der SPD-Chef und immer noch amtierende Pop-Beauftragte der deutschen Sozialdemokratie allerdings geradezu kontraproduktiv erfolgreich mit seinen Warnungen. Immer das, wovor er warnt, kommt.

Kein gutes Zeichen für Europa, denn eben warnt Sigmar Gabriel vor einem Krieg in Europa.

Dienstag, 15. April 2014

EU-Kaffeemaschinenverbot: Der neue Coup des Postillon

Erneut ist Stefan Sichtermann, dem Hirn hinter der Satireseite "Postillon", ein großer Coup gelungen: Drei Monate nach seiner gefälschten Pofalla-Meldung, die die gesamte deutsche Medienlandschaft bereitwillig weiterverbreitet hatte, dachte sich Sichtermann diesmal eine bevorstehende Maßnahme der Europäischen Union aus, nach der energiefressende Kaffeemaschinen ab Januar 2015 verboten werden sollen.

Weil Journalisten wie ihre Leser den Bürokraten in Brüssel inzwischen alles und noch viel mehr zutrauen, fiel die "Postillon"-Meldung auf fruchtbaren Boden. Innerhalb von 24 Stunden teilten mehr als 3000 Zeitungen, Fernsehsender und Magazine ihren Lesern mit, dass "die Liste der Geräte, für die die Europäische Kommission derzeit im Rahmen der Ökodesign-Richtlinie Vorgaben erarbeitet" demnächst verlängert werde. Dann fielen auch Kaffeemaschinen unter die Regelung, die so gestaltet seien, dass zu viel Strom verbrauchen.

"Wird meine Kaffeemaschine bald verboten?", fragt etwa die Kölnische Rundschau, "EU stellt stromfressende Kaffeemaschinen kalt" heißt es bei TZ online. Auch die Nachrichtenagenturen AFP, Reuters und dpa sprangen auf den Zug und veröffentlichten große Analysen zur Kaffeemaschinenfrage.

Freude herrscht darüber natürlich in der Redaktion des "Postillon". Hier hatte man sich die Geschichte mit Blick auf die Europawahl am 25. Mai ausgedacht, am Kaffeetischtisch, wie ein Mitarbeiter zugibt. Weil FDP, SPD und Union sich gleichermaßen gegen die Regulierung von Ölkännchen, Roaminggebühren und Vorgartenrasenhöhen engagieren, habe man ein wenig mit dem Aufregungspotential der Designrichtlinie spielen wollen. "Dass alle ohne Nachfrage darauf reinfallen, hätten wir natürlich nie gedacht", sagt der Mitarbeiter, der ungenannt bleiben will.

Die Rückkehr der Provokateure

Im Jahr 1953 begann in der damaligen DDR eine Folge von heute "Volksaufstand" genannten Unruhen, in denen sich die seit langem aufgestaute Unzufriedenheit mit den allgemeinen Lebensumständen und der Politik der SED-Führung entludt. In zahlreichen Städten und Gemeinden kam es zu Arbeitsniederlegungen, Warnstreiks und Demonstrationszügen, Gefängnisse wurden erobert und Rathäuser besetzt.

Während Zeitungen und Fernsehsender im Westen die Aktionen als "Aufstand" unterdrückter Volksmassen beschrieben, war für die ostdeutsche Seite klar, dass es sich um bezahlte Provokateure handeln musste. Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" gab die Linie vor: "Im Verlaufe des 17. Juni 1953 versuchten bezahlte verbrecherische Elemente aus West-Berlin die Bevölkerung des demokratischen Sektors zu Gewalttaten gegen demokratische Einrichtungen, Betriebe, Läden und Geschäftshäuser und gegen die Volkspolizei aufzuhetzen", hieß es da, "die West-Berliner Provokateure zogen plündernd und raubend durch einzelne Straßenzüge, wobei sie zu hinterhältigen bewaffneten Überfallen gegen Volkspolizei und fortschrittlich eingestellte Bevölkerungsteile übergingen."

Sieben Jahrzehnte später wiederholen sich die Vorgänge, wenn auch mit vertauschten Rollen. Hatte die westliche Seite die Proteste in Kiew noch als Aufstand einer unzufriedenen Bevölkerung gegen ein korruptes und europafeindliches Regime gefeiert, bevorzugen die Leitmedien in EU und Nato bei den Protesten in der Ostukraine die Lesart des "Neuen Deutschland" von 1953: Moskau sei im Begriff, das Gebiet durch "bezahlte Provokateure" destabilisieren zu lassen, um anschließend dort einmarschieren zu können, berichtet die "Welt".

Einen "Volkswillen" gibt es nach einhelliger Auffassung aller westlichen Berichterstatter in der Ostukraine derzeit überhaupt nicht, ganz im Gegensatz zur Westukraine, wo das Volk die Macht übernommen hat und endlich selbstbestimmt lebt. Die Menschen in Donezk und Charkow dagegen sind ausschließlich Subjekte, ferngesteuert und missbraucht. Was dort geschieht, geschieht ausschließlich, weil es von Putin so angeordnet worden ist. Die Bevölkerung distanzierte sich von den Provokateuren und ihren verbrecherischen Handlungen, heißt es. Die primitive Weltsicht hieß: Wer uns kritisiert, muss vom Feind eingeschleust sein.

Russland hält mit der Argumentation der "Welt" von 1953 dagegen: Die Demonstrationen und Besetzungen im Osten der Ukraine entsprängen dem Volkswillen, die offizielle Sprachregelung zum Regierungswechsel in Kiew lautet "faschistisches Abenteuer" . Propaganda allerorten, welche billige Parole eines Tages gültige Geschichtsschreibung sein wird, zeigt erst die Zeit.

Ukraine-Blog

Montag, 14. April 2014

Zitate zur Zeit: Lachen befreit

Gelächter ist Gift für die Furcht.

Catelyn Stark
George R.R. Martin
Game of Thrones

Ukraine-Berichterstattung: Die Erfindung des Makarow-Gewehrs

Wer nun wirklich angefangen hat, ist im Nachhinein schwer festzustellen. War es die FAZ? Was es dpa? War es gar die österreichische Nachrichtenagentur APA? Fest steht, dass am Sonntag morgen die ersten Meldungen in deutschen Online-Leitmedien auftauchten, nach denen Separatisten in der Ukraine eine Polizeiwache angegriffen hätten. "Ziel des Angriffs sei die Erbeutung von 20 Maschinengewehren und 400 Makarow-Gewehren in der Polizeiwache gewesen, um damit Mitstreiter zu bewaffnen", hieß es im Laufe des Sonntags flächendeckend von Taz über Zeit, Welt und Bild bis hin zur österreichischen "Presse", heute.at und dem Blick aus der Schweiz.

Makarow-Gewehre also. Das Problem dabei: Der sowjetische Waffenkonstrukteur Nikolai Fjodorowitsch Makarow hat zeitlebens kein Gewehr entworfen noch wurde in Russland oder sonstwo auf der Welt ein Gewehr mit dem Namen Makarow gebaut. Makarow beschränkte sich auf die berühmte Makarow-Pistole.

Dennoch verbreitete sich die Meldung über gestohlene Gewehre eines nicht existierenden Types in Windeseile, schließlich stützte sie sich ja angeblich auf eine offizielle Mitteilung des Innenministeriums in Kiew. Das hatte in seiner Presseinformation allerdings von пистолетов Макарова geschrieben und damit genau das gemeint, was Makarow einst konstruiert hatte: Eine Pistole.

Erst in der deutschen Übersetzung wurden aus Pistolen Gewehre und - auch das ist eine Übersetzungsleistung, die von großen Gestaltungswillen zeugt - "автоматов Калашникова", eine weltbekannte Maschinenpistole namens Kalaschnikow, verwandelte sich in feuerkräftigere "Maschinengewehre" ohne Namen. Klingt doch gleich viel gefährlicher und macht den Ernst der Lage besser klar.

Zu behaupten, niemand in all den Redaktionsstuben habe die Meldung aus der Ukraine geprüft, sondern ganz wie bei den Ehec-Toten, die nie mehr gesund werden, hätten alle besinnungslos voreinander abgeschrieben, wäre jedoch ein zu schwerer Vorwurf. Zumindest der "Spiegel" verzichtet auf die in Deutschland erfundene Spezialwaffe für den Berichterstattungskampf und berichtet korrekt von "400 Handfeuerwaffen und gut 20 Automatikwaffen".

Sonntag, 13. April 2014

Fremde Federn: Wenn Türkenhass salonfähig wird

Es ist ein "Hass-Buch" (Tagesspiegel), sein Verfasser ein "Hassbürger" (Frankfurter Rundschau), seine Botschaft ist der "Pirinçci-Code", der, so die linksliberale Taz, Schlüsselwörter wie ’Meinungsdiktatur‘, ’linker Mainstream‘ oder ’Genderwahnsinn‘ aufreiht wie Zinnsoldaten. Die Hamburger Morgenpost nennt es "billiges Pamphlet", die "Welt" den Autor den neuen Sarrazin. Auch die "Zeit" schüttet eine "volle Ladung Hass" (Zeit) über dem Autor aus, der derzeit auf Platz 1 der Bücherhitparaden steht.

Angesichts dessen wenden sich Deutschlands Medienschaffende wie ein Mann von ihren Lesern ab. Akif Pirinçci hat nach allgemeiner Auffassung mit "Deutschland von Sinnen" ein Buch geschrieben, dass niemand kaufen, lesen oder auch nur anfassen sollte, weil es allem widerspricht, was nach Ansicht aller zu wissen, zu glauben, zu hoffen und zu leben ist. Wer sowas liest, glaubt auch, dass der „Islam zu uns gehört wie die Reeperbahn nach Mekka“, dass Wasser den Berg herunterfließt und der Russe keinen Krieg will.

Hier muss Erziehungsarbeit geleistet werden, um unsere Menschen vor dem Schlimmsten zu bewahren, und bei der Gelegenheit kann eine Prise Ausländerhass nicht schaden. Ein "Deutsch-Türke" (taz, Welt, Tagesspiegel), der mit "Attacken auf Schwule, Frauen und Zuwanderer" den Nazi macht, hat es nicht anders verdient. "Eigentümlich frei" hat den Tenor der Berichterstattung dankenswerterweise in Adjektiven zusammengefasst. Wo so geschrieben wird, muss man nicht mehr lesen.

„zynisch“
„überspannt“
„roh“
„brutal“
„enthemmt“
„rauhbeinig“
„pamphletisch“
„rauschhaft“
„rausgekotzt“
„vulgär“
„verletzend“
„beleidigend“
„volksverhetzend“
„symptomatisch“
„beispiellos“
„obszön“
„verhasst“
„schlagend“
„verschärft“
„bizarr“
„grölend“
„menschenverachtend“
„brutalorechts“
„rechts“
„xenophob“
„wildgeworden“
„triumphalistisch“
„brutal“
„heulend“
„adolfhitleristisch“
„bärendienlich“
„gefährlich“
„rechtsrandig“
„wüst“
„komisch“

Armut treibt Deutsche ins Ausland

Mal wächst sie, mal klafft sie, immer aber wird alles immer schlimmer mit der Armut. Inzwischen hat sich die Situation einer Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen zufolge so verschärft, dass die Deutschen massenhaft versuchen, aus den verarmten Gebieten zwischen Ruhrgebiet und Lausitz zu entkommen.

Wie die renommierte "Zeit" berichtet, reisten im vergangenen Jahr mehr Bundesbürger als je zuvor ins Ausland. Knapp 55 Millionen deutsche Urlauber versuchten so auf fast 71 Millionen Reisen von fünf Tagen und mehr, der im Inland grassierenden Armut zu entfliehen. Hinzu kamen knapp 76 Millionen Kurzreisen von zwei bis vier Tagen.

Die Deutschen gaben dabei mit gut 64 Milliarden Euro soviel aus wie nie zuvor, jeder einzelne Bundesbürger ließ sich seine Versuche, der klaffenden und immer größer werdenden Schere zu entkommen, im Durchschnitt 906 Euro kosten. Das Ende der Fahnenstange ist damit aber noch nicht erreicht: Während die Folgen der Armut sich inzwischen im Erbgut abbildet, rechnet der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft für dieses Jahr mit einem weiteren Umsatzplus von 1,5 bis 2 Prozent.

Samstag, 12. April 2014

Zitate zur Zeit: Linke jetzt auch Mitte

Unser Platz ist an der Seite der Mitte.

Katja Kipping, Die Linke

Ukraine: Putins neue Teufelei

Alle Panzerbahnen verlassen, die Übungsstadt verödet, die Kasernen leer, ein einziges einsames Flugzeug an einer Piste, neben der ein großer Fußballplatz zu Spiel und Freizeitspaß lockt - eine US-Webseite zeigt Satellitenbilder, auf denen die militärische Stärke Deutschlands deutlich wird: Es gibt keine Soldaten, keine gepanzerten Fahrzeuge, kaum noch militärische Strukturen jenseits von Nachwuchswerbeämtern, Militärpfarrämtern, Militärhistorischen Museen und angemieteten russischen Transportkapazitäten. Auch der Plan der amtierenden Kriegsministerin Ursula von der Leyen, die Bundeswehr als Wohlfühlarmee unter den attraktivsten Arbeitgebern der Welt zu platzieren, geht noch nicht auf.

Der oberste Nato-Militär General Philip M. Breedlove ist besorgt über die Lage in Deutschland. Während Russland nach neuen Erkenntnissen des Bündnisses tolldreist eigene Militäreinheiten auf seinem eigenen Territorium stationiert hat, um die Krise in der Ukraine weiter zuzuspitzen, sind die Restbestände der deutschen Kampfeinheiten in einer Vielzahl von Auslandseinsätzen gebunden. Um den Ernst der Lage zu dokumentieren, hat die Nato nun Satellitenbilder nachgereicht, die deutsche Militärstützpunkte aus der Luft zeigen. Zu sehen ist nichts, was auf militärische Aktivitäten hindeutet. Nirgendwo sind Kampfjets, Hubschrauber und Panzer zu beobachten. Die Fotos von Putins neuester Teufelei hat das Unternehmen Digital Globe gemacht, das sich auf Satellitenbilder spezialisiert hat. (Klicken Sie sich durch die Fotostrecke.)

Um Waffengleichheit herzustellen, hat Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen den Abzug auch der russischen Truppen von russischem Territorium nun zur Bedingung für Gespräche mit dem Diktator in Moskau gemacht. Nach Einschätzung des Militärbündnisses hielten sich etwa eine Million russischer Soldaten überall im derzeitigen Rußland auf, sagte Rasmussen bei einem Besuch in Prag. "Wenn es Russland mit einem Dialog ernst meint, muss der erste Schritt ein Truppenabzug sein", sagte Rasmussen.

Russland gibt derzeit für Rüstung etwa ein Zehntel der Summe aus, die die Nato sich ihre Armeen und Waffen kosten lässt. Darin zeige sich die aggressive Haltung des verbrecherischen Putin Regimes. "Die Nato betrachtet diese Aggression als illegal und illegitim", sagte Rasmussen. Militärisch will das Bündnis aber nicht in der Ukraine eingreifen. Stattdessen sollen die Sanktionen gegen Russland weiter verschärft werden. Möglich sei, ein Einfuhrverbot für russische Zigarren, russischen Rum und Balalaikamusik zu verhängen. Das wären dann die schärfsten Russland-Sanktionen seit 1941.

Freitag, 11. April 2014

Verbot der Woche: Tassen im Schrank

Nach dem Auffliegen einer großangelegten Tassenverschwörung ewiggestriger Nazikreise, die über ein westdeutsches Möbelhaus mit einem Hitlerbild verzierte menschenverachtende Getränkebehälter in eine bisher unbekannte Anzahl deutscher Haushalte geschmuggelt hatten, haben die zuständigen Behörden im Zug der Kampagne "Verbot der Woche" flächendeckende Hausdurchsuchungen in den am schlimmsten betroffenen Regionen in Nordrhein-Westfalen angekündigt. Von fahrenden Standgerichten sollen die durch Rosenblätter, Ornamente und ein paar Gedichtzeilen in geschwungener Handschrift getarnten Führerbilder eingesammelt und die Verantwortlichen bestraft werden. Ziel sei es, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben, sagte ein mit der Organisation betrauter Experte für Nazi-Gedecke.

Wie die "Neue Westfälische" berichtet, hatten chinesische Führer-Verehrer die Hitler-Tasse perfide ins Angebot der Möbelhauskette Zurbrüggen geschmuggelt. 5000 Führer-Bilder wurden in die Regale geräumt, unter anderem in Bielefeld. Dass es sich dabei um einen Zufall handelt, halten engagierte Kämpfer gegen die rechte Gefahr für ausgeschlossen: Bielefeld gilt als Heimatstadt des berüchtigten Nazi-Toten Horst Wessel und beherbergte einst eine Gedenkstätte für den Pfarrersohn, die einer germanischen Thingstätte mit einem über 20 Tonnen schweren behauenen Sandsteinblock in der Mitte nachempfunden war.

Das Möbelhaus hat sich für den Führer bei seinen Kunden entschuldigt und die Tassen zurückgerufen. Jeder Käufer, der die 1,99-Euro-Tasse erworben hat, soll einen Gutschein über 20 Euro bekommen, sagte Firmenchef Zurbrüggen. Die nicht verkauften 4825 Exemplare seien zum Schutz der Zivilbevölkerung bereits vernichtet worden.

Mehr mitreißende Verbote

Alle Jahre wieder: Der Keine-Schulden-Witz

Normalerweise ist ein Witz nicht mehr lustig, wenn das Publikum ihn schon kennt. Aber bei dem hier gibt es alle Jahre wieder etwas zu lachen: 2006 machte der damalige Finanzminister Peer Steinbrück noch 38 Milliarden Euro neue Schulden, seitdem aber verspricht die Bundesregierung beharrlich Jahr für Jahr einen "Etat ohne neue Schulden".

Natürlich jeweils erst für das kommende Jahr, nicht für das laufende, das so immer das letzte ist, in dem noch einmal ein Schluck aus der Schuldenpulle genommen werden muss.

Dann aber! Schon 2003 verkündete die damalige Bundesregierung, 2004 werde sie ohne neue Schulden auskommen. Es kam leider etwas dazwischen, und aus 2004 wurde 2007, aus 2007 schließlich 2011. Dann werde erstmals nicht mehr auf Pump gelebt, kündigte Angela Merkel nun selbstbewusst an.

Aber ganz unerwartet kam erneut etwas dazwischen und aus 2011 wurde 2012, dann  2013 und endlich 2014. Als auch dieses Jahr heran war, erhöhte Finanzminister Wolfgang Schäuble das Keine-neuen-Schulden-Ziel selbstbewusst auf 2015.

Damit unterhält der Keine-Schulden-Witz sein Publikum nun schon länger als ein Jahrzehnt. Und niemand, wirklich niemand lacht.

Donnerstag, 10. April 2014

Gurlitt: Bilderschatz in Geiselhaft

Erst der Deal, dann das gute Gefühl. Zwei Jahre nach der Beschlagnahmung von mehr als 1200 Bildern des Münchner Kunsterben Cornelius Gurlitt hat die Staatsanwaltschaft Augsburg die von Anfang an fragwürdige Beschlagnahmung der Sammlung des Kunsthändlersohns aufgehoben. Man sei seinerzeit von der Rechtmäßigkeit der Maßnahme überzeugt gewesen, hieß es dazu, nun aber soll der zwischenzeitlich entmündigte Kunstsammler seine Bilder zurückbekommen.

Ende eines Justizskandals, der nirgendwo so genannt wird, obwohl allein der zeitliche Ablauf der Geschehnisse Bände über die Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens spricht. Erst hatte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Gurlitt aufgenommen, weil der greise Sonderling bei einem Grenzübertritt nicht mehr als die erlaubten 10.000 Euro bei sich hatte. Auffällig unauffällig! Später stellte sich heraus, was die Ermittler auch vorher hätten wissen können: Die meisten der Gurlittschen Bilder befinden sich völlig zu Recht in privatem Besitz des Sammlers.

Nun aber hatte die Staatsanwaltschaft den Bilderschatz schon in Geiselhaft. Leicht vorstellbar, was hinter den Kulissen lief, wenn man nur das Ende der Geschichte betrachtet: Gurlitt ist 81 Jahre alt und nicht allzu gesund, seine geliebten Bilder stehen seit mehr als zwei Jahren unerreichbar in einem Zoll-Lager und unter Verweis auf die dringend notwendige Herkunftforschung wäre es dem Staat leicht möglich gewesen, sie ihm vorzuenthalten, bis er tot und begraben ist.

So verhandelt sich bequem eine Wendung herbei: Anfang dieser Woche unterschrieb der Kunstsammler einen Vertrag mit der Bundesregierung und dem Freistaat Bayern, in dem er sich bereit, seine Sammlung auch nach dem Ende der Beschlagnahme weiter von Experten untersuchen zu lassen und zirka 40 unter Nazi-Raubkunstverdacht stehende Werke zurückzugeben. Dafür erhält Gurlitt die restlichen Bilder eines Tages zurück – und er bekommt bis dahin ein Besuchsrecht bei seinen Bildern. Die Staatsanwaltschaft zeigt keine Reue: Im Zuge des Ermittlungsverfahrens hätten sich eben neue Erkenntnisse ergeben, und die rechtliche Situation sei "neu bewertet" worden.

Offenbar nicht ganz endgültig: "Das Ermittlungsverfahren selbst ist noch nicht beendet", hieß es in der Mitteilung Richtung Gurlitt. Heißt: Wenn Du nicht spurst, können wir auch wieder anders.

ZDF in der Ukraine: In bester Gesellschaft

Man muss schon ganz nach hinten blättern, und das bei den ganz kleinen Zwergen im Reich der großen Leitmedien, um etwas über die Dinge erzählt zu bekommen, über die niemand gern etwas erzählt. Beim „Freitag“, der Hauspostille des Salomkommunisten Jakob Augstein, findet sich jetzt eine fachlich und sachlich überzeugend recherchierte und dargestellte Meldung über einen „ZDF-Skandal“, der offenbar allerdings so wenig skandalös ist, dass kein anderes deutsches Medium sie eines Berichtes wert befindet.

Es geht ja auch nur um den Vorwurf, dass das Zweite Deutsche Staatsfernsehen „Berichte im Auftrag Kiews“ sendet – und auch noch zugibt, Pressematerial eines PR-Netzwerkes zu verwenden, dessen Aufgabe und Lebenszweck es ist, Propaganda gegen "russische Propaganda" setzen. „Ukrainian Crisis Media Center“ heißt das Netzwerk, das vom notorisch engagierten George Soros, der ukrainischen Übergangsregierung und einer ukrainischen Tochtergesellschaft von Weber Shandwick, einem weltweit führenden PR-Unternehmen, finanziert wird. Seine Ziele sind klar: Weltweit soll die Botschaft verbreitet werden, dass die Ukraine Opfer einer "russischen Aggression" ist, die ukrainische Übergangsregierung die legitime Staatsmacht verkörpert und dass die Behauptung einer rechtsradikalen Gefahr ebenso Teil der russischen Propaganda ist wie der Verdacht, die Erschießungen von Polizisten und Demonstranten des Maidan könnten im Auftrag der jetzigen Regierungskoalition geschehen sein.

Das ZDF hat eingeräumt, dass es gern von den vielfältigen und mundgerechten Angebote des UCMC für die Ukraine-Berichterstattung Gebrauch gemacht hat. Die Zulieferungen hätten sich "als sehr nützlich erwiese", erklärte dem "Freitag" zufolge Andreas Weise, der für das heute-journal aus Kiew berichtet.

Im Kampf gegen "russische Propaganda" stehen Demokraten zusammen, während dem zahlenden Publikum die Kommentarspalten der Online-Auftritte von Sendern und Zeitungen bleibt, seinen Unmut über eine sichtlich zentral orchestrierte Berichterstattung zu formulieren. Eine "tiefgreifende Entfremdung zwischen Medien und ihren Nutzern" bemerkt der Deutschlandfunk, die "Welt", die "FAZ" und die "Zeit aber verstärken daraufhin nur noch ihre Bemühungen, Andersdenkende verächtlich zu machen, ihre Motive zu diskreditieren und ihr Auffassungen als "vulgär", "zynisch" oder "verquer" zu brandmarken.

Wie die DDR den Arbeiteraufstand von 1953 zu einem vom Westen gelenkten „faschistischen Putschversuch“ umdeutete, erklären die kriselnden deutschen Medien die Vorgänge in der Ukraine zu von Russland angestachelten, organisierten und finanzierten Unruhen. Die Ukrainer selbst sind im Verständnis dieser Denkschule nicht Objekt, sondern Subjekt der Ereignisse, Marionetten an der Hand von Putin.

Diesen Blick in die deutschen Wohnzimmer zu transportieren, hilft das PR-Netzwerk des UCMC. Es stellt Experten für Interviews zur Verfügung, spendiert Video-Material, organisiert Stellungnahmen von regierungsnahen Künstlern und Akademikern. Die Organisation erledigt eine Koordinierungsgruppe, an deren Spitze mit Nataliya Popovych von der PR-Agentur Weber Shandwick eine Ultra-Nationalistin steht. Nach Angaben des "Freitag“ bezeichnet sich Popovych als "stolze Bandera-Anhängerin". Stephan Bandera führte im Zweiten Weltkrieg die „Ukrainische Aufständische Armee“ (UPA), die an der Ermordung von Juden teilnahm, zeitweise mit den Nazis kollaborierte und in Wolynien 1943 mehr als 40000 Polen ermordete.

Der "Freitag" analysiert die Berichterstattung des ZDF an Beispielen, etwa wenn öffentlich geäußerte Kritik des Linken-Chefs Gregor Gysi an der ukrainischen Übergangsregierung unmittelbar mit pro-ukrainischen Kommentaren gekontert werden.

Den ganzen Text gibt es hier.

Mittwoch, 9. April 2014

Gesänge fremder Völkerschaften: Tanz den Demokratie

Neu im Folklore-Board PPQ: Packende Live-Aufnahmen aus der Herzkammer der jungen ukrainischen Demokratie, die zeigen, wie offenbar von Russlands Diktator Putin ausgesandte Agenten versuchen, nahezu frei gewählte Abgeordnete mit Gewalt unter die Knute des Kreml zu zwingen.

Allein, allein: Warum wählt Europa nicht deutsch?

Was ist da nur los in Europa, zwei Jahrzehnte nach dem endgültigen Zusammenrücken der Völker, 13 Jahre nach dem Beginn des Triumphzuges des Euro als Gemeinschaftswährung von Athen über Paris und Belzig bis nach Helsinki. Kopfschüttelnd schaut sich die Riege der deutschen Welterklärer um und ist entsetzt: Desaster der Eurofreunde bei den bei Kommunalwahlen in Frankreich mit "krachender Niederlage der Sozialisten", Umkippen der Parteienlandschaft in Tschechien mit riesigen Stimmengewinnen für Kommunisten und Rechtspopulisten und eine "herbe Niederlage für die Regierungsparteien" bei den Kommunalwahlen in den Niederlanden, obwohl die deutschen Medien lange und laut gewarnt hatten. Kurze Zeit später der Sieg des gegen Twitter und Youtube regierenden türkischen Machthabers Recep Tayyip Erdogan. Und als vorläufiger Tiefpunkt einer europaweiten Entwicklung: Der erneute Wahlsieg der nationalkonservativen Fidesz-Partei in Ungarn. Gegen den Rat Deutschlands und der EU-Kommission verhalfen die Wähler dem "demokratisch legitimierten Diktator" (Die Welt) Viktor Orban erneut zu einer satten Mehrheit.

Was ist da los? Was geschieht in alle den Ländern? Warum wählen die Menschen jenseits der deutschen Grenzen mit Vorliebe Parteien, die nach deutschen Verständnis eher verboten gehören als zu Wahlen zugelassen? "Wie ist das alles zu erklären?", fragt sich selbst die "Welt", die sonst alles erklären kann, "verkörpern diese in der Regel charismatischen Führer die viel zitierte "Mitte" in ihren Ländern, den Common Sense?" Und wieso ist der dann gar nicht so, wie ihn sich der Mainstream der deutschen Medienarbeiter vorstellt?

Orban etwa hatte nach deutschem Verständnis mit "demokratie- und marktpolitisch bedenklichen Gesetzen wiederholt Besorgnisse in der Europäischen Union" erregt. Marie Le Pen hingegen, die in Frankreich von Erfolg zu Erfolg eilt, ist die Tochter ihres Vaters. Und Geert Wilders, der Euro-Feind aus Holland, hätte in Deutschland spätestens seit seiner Marokkaner-Hetze sogar Jauch- und Will-Verbot.

Wieso also wählen die die? Wieso suchen sich die europäischen Völker, gerade erst gerettet von deutscher Rettungsschirm-Solidarität, nicht eine Frau wie Angela Merkel, die die Macht der Mitte verkörpert und dafür von ihren Wählern geliebt wird? Fassungslos steht Deutschland vor seinem alten George-W.-Bush-Syndrom. Es ist genau wie damals, als der hierzulande mehr gehasste als verabscheute Republikaner gegen den Willen der Mehrheit der Deutschen von den Amerikanern eine zweite Amtszeit bewilligt bekam. Sind die dumm? Unbelehrbar? Fehlt ihnen einfach unser Überblick? Oder die kundige Aufklärung durch ARD, ZDF und n-tv-Hitlerfilme?

Ringsum das Kernland der europäischen Einigung geht die Angst um, alleingelassen zu werden. "Rechtspopulistische Parteien auf dem ganzen Kontinent" erstarrt die "Welt" vor Schreck, einen "traurigen Europarekord" beklagt die "Zeit" angesichts von 30 Prozent Europafeinden in Österreich, "noch ein Rechtsruck", jammert die "SZ" nach der Ungarn-Wahl und von einem "Rechtsruck in Europa" weiß auch ein Überblick über die wichtigsten "rassistischen, ausländerfeindlichen und anti-islamischen Parolen" beim Internet-Portal GMX zu berichten.

Aus deutscher Sicht, die aus deutscher Sicht die einzig legitime ist, hängen große Teile des restlichen Europa dem "Rechtspopulismus" an, einer politischen Bewegung, deren Siegeszug nach den Daten der Ngram-Buchanalyse in unmittelbarem Zusammenhang mit der europäischen Einigung steht. Je erfolgreicher ihre Vertreter sind, desto entschiedener wird der Kampf gegen sie und gegen jeden geführt, der auch nur den Anschein erweckt, nicht zur großen Koalition der Populisten der Mitte zu gehören - mit der offensichtlichen Folge, dass "das Gespenst des Populismus" (Die Zeit) immer mehr und immer größere Erfolge feiert.

Dienstag, 8. April 2014

Wer hat es gesagt?

„Wir beschweren uns, zu Recht, wenn Verbündete bei der elektronischen Gefahrenabwehr über das Ziel hinausschießen.“

PPQ-Spieletest: Atomkrieg für Tablets

Kaum drei Wochen tobt die verheerende Ukraine-Krise und schon erobert mit "First Strike" das erste endgeile Atomkriegs-Mobilegame die internationalen AppStore-Charts. Ausgerechnet aus der neutralen Schweiz, die im Fall einer echten kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Putins russischer Diktatur und dem friedlichen Westen die Aufgabe hätte, etwaige Gefangenenaustausche und spätere Waffenstillstandsgespräche zwischen den Überlebenden zu organisieren, kommt das temposcharfe und blutnasse Spiel, das draußen im Lande begeistert aufgenommen wird. Schon in den ersten paar Tagen schaffte es das Spiel den Sprung in vordere Positionen der offiziellen AppStore-Top-Charts. In Deutschland, der Heimat der weltweiten Friedensbewegung, wurde sogar Rang 2 erreicht.

Atomkrieg zieht immer, umso mehr, wenn die Entwickler wie hier ein Viertel der Einnahmen (nach Steuern) an Organisationen spenden, die sich weltweit für die Abrüstung von Nuklearwaffen einsetzen. „Wir hoffen, dass First Strike die Menschen dazu bringt, sich mit Themen wie Atomkrieg wirklich auseinanderzusetzen und nicht nur darüber zu reden“, so Moritz Zumbühl von Blindflug Studios. Wichtig sei, die Vernichtung der Erde auch mal durchzuspielen. „Im Spiel kann man sehen was passiert, wenn eine Atomrakete gezündet wird und auch die Folgen, wenn sie London trifft“, beschreibt Zumbühl stolz. Als Spieler schlüpft man im Spiel in die Rolle einer von elf Atom-Mächten und hat wie Wladimir Putin, Barack Obama oder die chinesische Führungsclique dann da Ziel, ganz viel von Moral und Völkerrecht zu reden, während man versucht, Gebiete zu erobern, Feinde in Schach zu halten und deren Atomraketen abzuwehren. Dieser Atomkrieg, das wird schnell klar, wurde speziell für Tablets mit iOS- und Android-Betriebssystemen entwickelt, die Steuerung intuitiv über Gesten und konzeptuelle Menüs. Es gilt, einen kühlen Kopf zu bewahren, da sich auch ein  kleiner Konflikt im Kaukasus von entsprechend vorgebildetem Führungspersonal mit etwas Mühe und scharfen Sanktionen in kürzester Zeit zu einer nuklearen Katastrophe globalen Ausmaßes entwickeln lässt.

First Strike ist im AppStore zum Preis von 3,59 Euro und bei Google Play zum Preis von 2,87 Euro erhältlich.

PPQ-Spieletest: Tierquäler-App für Android

Montag, 7. April 2014

Wenn Staatsbanken den Staat bescheißen

Sie waren  hier in Deutschland Avantgardisten, Pioniere, Mitverursacher der großen Finanzkrise, über die kein Politiker ein Wort verlieren wollte. Zu große Verdienste hatten sich von Politikern beaufsichtigen Landesbanken wie die Sachsen LB, die LBBW und die BayernLB mit Unterstützung von Verbriefungspropheten wie den beiden Sozialdemokraten Jörg Asmussen und Peer Steinbrück bei der Organisierung der weltweiten Spekulation erworben, als dass irgendjemand ein Interesse daran hätte haben können, über die Rolle des Staates beim Staatsbankrott zu reden.

Es war Schweigen im Walde und öffentliche Spekulantenjagd, Steinbrück wurde beinahe Kanzler, Asmussen scheiterte in einen Chefposten bei der EZB und wartet nun im Sozialtrainingslager in Berlin auf den Abschied von Wolfgang Schäuble, um dessen Job zu übernehmen. Kaum Aufregung denn auch darum, dass es vor allem deutsche Staatsbanken waren, die ihren Staat "über ein Steuerschlupfloch" um bis zu zehn Milliarden Euro betrogen haben, wie die staatlichen Danachrichtenagentur dpa meldet.

Letztes Jahr noch bestaunter Skandal, heute schon ein kleiner Fisch im großen Medienbecken. Alles wird gut und niemand ist schuld: Steuerbehörden stünden "bereit, bei Banken und Fonds Milliarden zurückzufordern", heißt es da. Das Geld hatten die Institute - darunter alte Bekannte wie die LBBW, die HSH Nordbank, die West LB und die Bayern LB - allerdings in Wirklichkeit nur kassieren können, weil die entsprechende Gesetzeslücke, die das sogenannte „Dividendenstripping“ möglich machte, zwar sowohl Regierung als auch Parlament seit Ende der 90er Jahre bekannt war, dennoch aber nicht geschlossen wurde. Versuche, das zu ändern, waren derart zusammengemurkst, dass sich die Möglichkeiten, ausländische Leerverkäufe mit inländischen Dividendenabschlägen zu addieren und dafür Steuern erstattet zu bekommen, sogar noch verbesserten.

Eine Lösung fand sich erst 2012. Der bis dahin aufgelaufene Steuerschaden liegt mit zwölf Milliarden Euro beim etwa 400-fachen dessen, was Uli Hoeneß hinterzogen haben soll. Die öffentliche Aufmerksamkeit jedoch liegt etwa 4000-fach niedriger als im Fall des Bayern-Präsidenten.

Hier hat schließlich überwiegend der Staat den Staat betrogen - und das vermutlich auch noch völlig legal. In Hessen laufen momentan 30 Verfahren, bei denen herausgefunden werden soll, ob es fehlende Gesetze einen Schaden von 979 Millionen Euro oder umgerechnet 30 mal Hoeneß verursacht haben, in Bayern sind es acht Fälle mit einem Volumen von 372 Millionen Euro oder knapp 12 mal Hoeneß, in Nordrhein-Westfalen fünf Verfahren mit 50 Millionen Euro etwa 1,5 mal Hoeneß.

Ukraine: Hinterher ist man immer dümmer

Im Nachhinein kann man alles immer vorher gewusst haben. Regierungen beschäftigen Geheimdienste zu diesem Zweck, Think Tanks und Heere von politischen Analysten verdienen ihr Geld mit Kremlastrologie in aller Herren Länder, Diplomaten hören sich um, Bildungswerke und Kulturexportstiftungen messen fortwährend die Wassertemperatur. Dazu gesellen sich in Deutschland kompetente Freiwillige wie Gernot Erler, die von der eigenen Weitsicht stets bereits nach kurzer Zeit nichts mehr wissen wollen. Und professionelle Mahner wie Walter Steinmeier, die lieber einmal mehr "vor einer Renaissance überkommener Feindschaft" warnen als einmal etwas dagegen zu tun.

Sobald es zu spät ist, sind sich dann alle immer einig, dass es so nicht hätte laufen dürfen. Keine sechs Wochen nach Beginn der Krim-Krise beginnt sogar die ansonsten in einem Ton zum Waffengang trommelnde deutsche Presse, ein differenziertes Bild der Lage zu zeichnen. Hat der Westen etwa etwas falsch gemacht? Den Russen zu frontal angefasst? Putin unterschätzt? Die segensreiche Wirkung der Ausdehung des Machtgebietes von Martin Schulz und Jean-Claude Juncker überschätzt? Und die Beharrungskräfte der alten Nationalstaaten unter?

Wie im Fall der NPD, des NSU und der NSA haben die deutschen Geheimdienste getan, was sie immer tun: Nichts wissen, nichts ahnen, nichts vorhersagen können. Dabei zeigt selbst eine nur auf öffentlichen Quellen beruhende Analyse des Internetdienstes Recorded Future, dass die Krim-Krise keineswegs aus dem Nichts kam. Wer genau hingeschaute, wann und wo das russische Militär Manöver abhielt, konnte schon seit Juni 2012 eine zunehmende Beunruhigung in Russland wahrnehmen: Putin ließ seine Truppen öfter trainieren (Grafiken oben), er nahm häufiger selbst an Manövern teil und diese fanden mit Vorliebe im Süden Russlands statt (Grafik unten).

Der Westen aber pflegte seine Illusion vom Endsieg über den russischen Bären, errungen ohne einen Schuss. 70 Jahre nach der Niederlage im II. Weltkrieg waren die Deutschen wieder im Spiel auf dem Kaukasus, sie fühlten sich jetzt mächtig genug, mitten in der ukrainischen Hauptstadt zum Sturz der Regierung aufzurufen und und die Gewährung von wirtschaftlichen Vorteilen an ultimative Forderungen zu binden. Ging es um Russland oder die Ukraine, schärften Provinzpolitiker ihr globales Profil, mit weltpolitischer Weitsicht nie auffällig gewordene Ex-Bürgerrechtler riefen zum Boykott und erklärte Kinderliebhaber riefen zu den sportlichen Waffen.

Russland war, von Deutschland aus gesehen, schon seit zwei, drei Jahren auf dem Weg, das ultimativ Böse zu verkörpern, wie eine kursorische Auswertung des "Spiegel"-Archives beweist. Der "Spiegel" verwendete den Namen Putin und den Begriff "Regime" in den Jahren 2001 bis 2011 zwischen zehn und 25 Mal pro Jahr im selben Artikel. 2012 stieg die gemeinsame Verwendung schlagartig auf mehr als 50 Fälle, 2013 schließlich kletterte sie auf 60.

Die versteckten Botschaften Putins - mehr Manöver, gleichzeitig aber demonstrative Gnadenakte wie im Fall Chordorkowski und in der Causa Pussy Riot - nahm der siegesbesoffene Westen nicht wahr. Auf Durchmarsch programmiert, entging Diplomaten, Geheimdienstlern und Militärstrategen gleichermaßen, dass sich das globale Spiel um Einflußsphären aus Sicht des Kreml einem entscheidenden Punkt näherte. Während der BND mit einem historischen Umzug und der eigenen Verteidigung in Sachen NSU und NSA beschäftigt war, die Bundesregierung innenpolitisch um Mindestlohn und Frührente pokerte und die Medien glücksbesoffen in Pussy-Riot-Geschichten schwelgten, beendete Putin die Machtschach-Partie mit einem Streich, den niemand hatte kommen sehen.

Dabei lagen die Karten alle offen auf dem Tisch.

Sonntag, 6. April 2014

Hades-Plan: Enthüllungsbuch klagt Eliten an

Werner Todt ist ein Sprachrohr der Schwachen, sein neues, wichtiges Buch "Hadern mit dem Hades-Plan - wie Deutschland Europa übernahm" (Eichsack-Verlag Görzig) formuliert ein herausragendes Stück Wissenschafts- und Kulturgeschichte, das erhellende Einblicke in den tiefen Staat vermittelt, dessen führende Repräsentanten im September 1991 beschlossen, die Ergebnisse beider Weltkriege ohne einen Schuss zu revidieren. Ein knappes Vierteljahrhundert später ist das Ziel erreicht, "Geld ist Waffe, Schulden sind Waffe. Kredit schafft Knechtschaft", wie ein Teilnehmer der Planungsrunde sagte, die seinerzeit im Kanzlerbungalow in Bonn der heute berühmten "Hades-Plan" zur gewaltlosen Übernahme Europas durch Deutschland entwarf.

Werner Todt, bekanntgeworden durch seine Besuche in den arabischen Krisenländern, auf der Krim und Gran Canaria, deckt in seinem Buch die Hintergründe auf, er nennt die Drahtzieher und klagt die Verantwortlichen an. Für ppq.so sprach Hagen Schull in dessen Heimatort Wörbzig mit Todt über Schuldknechtschaft, Revanchismus und den weiteren Weg Europas.

PPQ: Herr Toth, Sie behaupten in Ihrem Buch, die Euro-Krise sei willkürlich herbeigeführt worden, damit Deutschland gemäß eines geheimen „Hades“-Planes ganz Europa unterjochen kann. Sind Sie ein Verschwörungstheoretiker?

Todt: Nein, das ist keine Verschwörungstheorie. Ich beziehe mich durchweg auf Fakten, auf Gespräche, die ich in Bonn, in Dresden, in Griechenland und auf der Insel Rügen mit Ökonomen, ehemaligen Geheimdienstagenten, Geschäftsführern, Regierungsmitarbeitern der Administration Kohl und politischen Analytikern geführt habe und auf Papiere zu einer Abhöraktion, die von einem mutigen Mitarbeiter aus der Behörde des Stasiunterlagen-Beauftragten geschmuggelt wurden. Vor allem aber auch auf Geschehensabläufe, die wir alle in Europa sehen können. Wir haben Europäische Verträge, verbindliche Abkommen, umfassende soziale Rechte und Vereinbarungen. Doch sie alle scheinen in Zeiten der Euro-Krise nicht mehr gültig zu sein. Eine kleine Elite konnte sich hingegen mit ihrer neonationalen Politik durchsetzen. In den letzten Jahren hat Deutschland geschafft, was zuvor in zwei Weltkriegen nicht gelungen ist: Es hat sich gegen den Willen der Mehrheit der Bürger der europäischen Länder als Führungsmacht an die Spitze des Kontinentes gesetzt. Für mich ist das ein klassischer Putsch. Daher auch der Buchtitel.

PPQ: Wer sind diese Putschisten konkret?

Todt: Mehrere Akteure ziehen an einem Strang. Zunächst mal unter anderem ein ziemlich undurchsichtiger Bund von hochkarätigen Politikern, die von den weitreichenden Plänen wissen, die unter Namen „Hades“ von Helmut Kohl und einer ganz kleinen Clique von Vertrauten erdacht wurden. Dazu kommen Medienrepräsentanten und Banker, deutsche Konzernlenker und Einflüsterer der Politik. Dann gibt es europäische Politiker wie etwa die portugiesischen Politiker Perdro Passos Coelho (Ministerpräsident), José Manuel Barroso (EU-Kommissionspräsident) und Eduardo Cotroga (Ex-Finanzminister), die glauben, ein deutsches Europa sei besser als ein zersplittertes Europa. In der Euro-Krise bekamen diese Politiker dann Schützenhilfe der USA – dort war man mit eigenen Problemen beschäftigt, man meinte deshalb, Europa müsse sich selbst helfen und sei es um den Preis der Rückabwicklung der Ergebnisse beider Weltkriege. Das Ergebnis wird gerne verschwiegen: Dieser Putsch hat Deutschland zu der Weltmacht gemacht, die es nie wieder sein sollte.

PPQ: Das sind harte Vorwürfe.

Todt: Das ist schlicht die Wahrheit, die ich belege. In den südeuropäischen Ländern hat heute kein Politiker mehr etwas zu sagen. Alle hängen am Tropf der Deutschen. Das hört sich vielleicht provokant an, ist aber nicht zu leugnen. Ich habe beim Schreiben des Buchs mehrmals fast geweint, als ich diese Hoffnungslosigkeit beschrieben habe und die Erinnerungen an die Menschen, mit denen ich vor Ort gesprochen habe, wieder hochgekommen sind.

PPQ: Die Sparprogramme, die die Troika mit den Nationalstaaten ausgehandelt hat, sollen die Krisenländer am Leben halten. Geld gegen Reformen, heißt es. Was ist daran verwerflich?

Todt: Es geht um die zentrale Frage, wer für die Verschuldung verantwortlich ist und wer die Lasten der Verschuldung nun trägt und wer davon profitiert. In all den Ländern, insbesondere in Griechenland und Portugal kann man das beispielhaft sehen, ist die regierende politische Elite für die Schulden verantwortlich, nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Und profitieren tut immer nur ein Land: Deutschland, gegen dessen Willen zwischen Lissabon und Kaunas nichts mehr läuft.

PPQ: Einspruch. Die Bürger wollten am Euro-Aufschwung teilhaben und haben überall gewaltige Lohnsteigerungen gefordert. Die Produktivität konnte nicht im gleichen Maße gesteigert werden. Erst sank die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, dann sanken die Gewinne. Der Staat nahm weniger ein, die Schulden stiegen. Sprich: Ganz so unschuldig sind auch Gewerkschaften und Arbeitnehmer nicht.

Todt: Das mag ein Teilaspekt sein. Das Grundübel aber ist die herrschende politische Klasse in Deutschland, die den Kontinent gezielt in die Überschuldung geführt hat, um ihn danach umso besser am Gängelband führen zu können. Transparency International sagt etwa, dass ein Großteil der Verschuldung auf die korrupten politischen Strukturen zurückzuführen sind. Das entspricht genau den Plänen, die nach den Hades-Protokollen damals im Bonner Kanzlerbungalow ausgebrütet wurden: Alle sollen sich verschulden und damit unter die Knechtschaft Deutschlands geraten. Das geht so nicht.

PPQ: Die Korruption ist ein großes Problem, da gebe ich Ihnen Recht. Aber Fakt ist auch, dass die Lohnkosten etwa in Griechenland zwischen 1999 und 2008 um sagenhafte 95 Prozent nach oben geschossen sind. Jeder deutsche Tourist hat gemerkt: Der Urlaub in der Türkei ist plötzlich deutlich billiger - bei besserer Leistung - als auf Rhodos oder Kreta. Es ist also nachvollziehbar, dass Deutschland Reformen einforderte.

Todt: Reformen müssen her, das sehe ich genauso. Aber ich sehe nicht, dass die Mehrheit der Bürger für die Reformen so leiden muss. Es müssten die Verantwortlichen zur Kasse gebeten werden. Herr Kohl, Herr Seiters, Herr Schäuble, die müssen das bezahlen. Die Erhöhung der Löhne ist doch kein Grund zur Klage, das ist doch gut für alle. Mit dem Lohn der Arbeit muss ein menschenwürdiges Leben möglich sein, nicht nur in Deutschland, sondern überall.

PPQ: Was ist konkret Ihr Vorschlag? Wie sind die Krisenländer zu reformieren?

Todt: Ich glaube, man bekommt die Lage nicht verbessert, so lange die bisher regierende politische Dynastie in Deutschland an der Macht bleibt. Da regiert doch unterschwellig immer noch das Bedürfnis, die Ergebnisse der beiden Weltkriege zu korrigieren und Deutschland als erste Macht auf dem Kontinent dauerhaft zu etablieren. Wir müssten die handelnden Personen austauschen. Gleichwohl weiß ich, dass das nicht möglich ist, ich bin ja kein Träumer. Aber eine Verbesserung der Situation erleben wir nur, wenn die deutschen Eliten nichts mehr zu sagen haben, die Zinsknechtschaft abgeschafft wird und Deutschland Zahlungsversprechen nicht mehr an Wohlverhalten knüpfen darf.

PPQ: Die Bürger hätten durchaus die Möglichkeit, dem zuzustimmen. Aber glauben Sie nicht, dass die gute Situation, in der sich Deutschland befindet, den Menschen besser gefällt als etwa die Krise in Griechenland?

Todt: Das bedauere ich sehr und kann es auch gar nicht genau erklärte. Man muss nicht in allen Punkten gegen die deutsche Politik sein, aber man muss Wut haben als Bürger, wenn man sieht, dass das Land, das zwei Weltkriege verloren hat, sich auf einmal aufschwingt, seinen Nachbarn vorzuschreiben, wie sie Schulden zu machen und welche Zinsen sie zu zahlen haben. Deutschland ist in den europäischen Vereinigungsprozess mit dem Versprechen gegangen, eine Nation unter Gleichen sein zu wollen. Und als es dann die Macht hatten, waren alle Versprechungen gebrochen.


PPQ: In der Tat ist es so, dass die Eliten ihre Pfründe längst gesichert haben und die Deutschen in der Krise reicher wurden. Was ist zu tun: Hilft etwa eine Vergemeinschaftung aller Schulden, wie Sie die Südländer fordern?

Todt: Nein. Das sind höchstens Trostpflaster, aber kein wirksamer Hebel. Man hätte rechtzeitig den Einfluss der kleinen Clique, die den Hades-Plan erdacht hat, begrenzen müssen. Ich rede nicht gerne von Revolutionen, aber wenn sich etwas ändern soll, braucht es einen Systemwechsel, der dafür sorgt, dass die Deutschen keinen Einfluss mehr haben.

Fremde Federn: Mönche als Experten in der Molekularbiologie


Unter den 100 einflussreichsten Intellektuellen in Deutschland sind gerade mal zwei Naturwissenschaftler. Die Diskussion über Leben und Tod, Gut und Böse, Arm und Reich wird in diesem Land hauptsächlich von Journalisten, Schriftstellern, Theaterleuten oder Theologen geführt. Personengruppen, die Ängste schüren und Dinge verteufeln, von denen sie oft nicht einmal im Ansatz verstehen, was diese bedeuten.

Samstag, 5. April 2014

HFC: Wer zuletzt singt, singt am besten

Was für ein Spiel, was für ein Spielverlauf, was für ein Ergebnis. Ein Nachmittag der langen Gesichter für die einen, ein Tag, der den anderen vielleicht ähnlich lange in Erinnerung bleiben wird wie das legendäre 5:1 gegen den FC Magdedorf im Jahre 1979 oder das mit neun Mann erkämpfte 2:1 gegen den Chemnitzer FC im vergangenen Jahr. Viermal wechseln die Sänger des "siehste du, so wird das gemacht" während der 90 Minuten der Partie des Halleschen FC gegen den alten DDR-Oberliga-Rivalen Hansa Rostock. Und am Ende singen und jubeln die, denen purer, roher Schrecken Sekunden zuvor noch die Züge gelähmt hatte.

Dabei hätte nach acht Minuten alles klar sein können. Hansa Rostock, nach Pokal-Aus und Trainerentlassung in Halle anfangs nur angetreten, nicht mit einer Klatsche nach Hause zu fahren, steht wie gelähmt, während der HFC über Furuholm (2. Minute), Sembolo (4.), Brügmann (5.) und Bertram (6.) zu vier hundertprozentigen Chancen kommt. Doch wie zuletzt immer knirscht es im erfolgreichsten Sturm der Liga während der Monate Februar und März, und dabei bleibt es auch. Furuholm schließt überhastet ab, Gogia nimmt sich sagenhafte fünf Freistöße von links, um sie stupide auf immer gleiche Art in die Arme von Hansa-Torwart Hahnel zu schaufeln.

Statt 7:0 steht es nach 35 Minuten immer noch 0:0. Und nach 38 auf einmal 0:1. Kapitän Daniel Ziebig hatte Rostocks frei durchgelaufenen Manfred Starke im Strafraum gelegt, Safran den fälligen Elfmeter verwandelt. Fassungslosigkeit bei den HFC-Anhängern unter den 11.100 auf den Rängen, Fassungslosigkeit erstmal auch auf dem Platz.

Doch schon nach wenigen Minuten hat der HFC das Spiel wieder im Griff. Hansa assistiert den Gogia, Bertram und Sembolo nur. Timo Furuholm allein hätte das Spiel drehen können, verzieht aber immer, schließt zu spät oder zu überhastet ab.

Auch Ziegenbein macht es nach der Pause nicht besser, als er einen Kopfball statt ins Tor knapp daneben setzt. Im Erdgas-Sportpark geht die alte Fußballweisheit um, dass wer vorne nicht trifft, hinten kassiert - und wie wahr die ist, wird in der 52. Minute klar. Diesmal ist es Marcel Franke, der den insgesamt erst dritten fußlahmen Hansa-Konter auf Kosten eines Strafstoßes stoppt. Erneut tritt Safran an. Erneut trifft er.

0:2 aus Sicht der Hausherren, die ihre aktuelle Serie aus nun schon vier Spielen, in denen keine eigene mehr gelang Führung gelang, konsequent ausbauen. Die Hansa-Fans singen jetzt begeistert "Seht ihr Halle, so wird das gemacht". Die rot-weiße HFC-Fanwand muntert sich nur noch halbherzig mit "Chemie-Halle"-Rufen auf.

Allerdings ist dieser HFC nicht mehr der der vergangenen Jahre, den jedes Gegentor zwang, das Spiel verloren zu geben. Hier weht jetzt ein anderer Wind, selbst wenn vor dem Tor gar nichts gelingt. Statt sich wie zuletzt in Darmstadt katatonisch in ihr Schicksal zu ergeben, legt die Elf von Trainer Sven Köhler nach dem zweiten Gegentor einfach eine Schippe drauf. Sie erarbeiten sich Chancen fast im Minutentakt, köpfen und schießen Hansa-Spieler auf der Torlinie an, scheitern an Hahnel oder liegen wie Timo Furuholm mit einem Hacken-Kunststoß nach Pass von Sören Bertram einen halben Meter daneben. Hansa ist nun endgültig nur noch Sparringspartner, verliert Bälle schon im Mittelfeld, wagt sich kaum noch über die Mittellinie.

Es dauert zehn Minuten, bis sich das Spielergebnis dem annähert, was auf dem Feld zu sehen ist. Einmal mehr geht Sembolo rechts durch, zum ersten Mal findet er Furuholm in der Mitte. Der rutscht mit langen Bein in den Ball und es steht endlich wenigstens 1:2.

Wer heute nicht sein erstes Spiel sieht, weiß, dass hier jetzt alles geschehen kann. Aber erstaunlich ist dann doch, dass nun wirklich fast alles geschieht. Zehn Minuten drückt der HFC gnadenlos weiter, kaum einer im ehemaligen Kurt-Wabbel-Stadion gäbe noch einen Pfifferling auf die Rostocker, wäre da nicht deren unverschämtes Glück, das Ziegenbein drüberschießen, Sembole vorbeiballern und Bertram im Strafraum gefällt werden lässt, ohne dass es einen Elfer gibt. Der von Bochum ausgeliehene 20er hat aber nun mal die Nase voll. Unmittelbar nach dem nicht geahndeten Foul an ihm bleibt er zwei Meter weiter stehen, bis ihn sein Gegenspieler zu Boden gerungen hat.

Strafstoß. Bertram schießt selbst. Und trifft. Ausgleich. "Sehr ihr, Hansa, so wird das gemacht", singt jetzt die HFC-Kurve. Aber es wird ja noch besser! Denn während die Fische nun ihr Köppe hängen lassen, bedient der eingewechselte Toni Lindenhahn den rechts an der Strafraumgrenze lauernden Francky Sembolo. Der zieht ab, trifft den Torbalken, holt sich den Abpraller. Und erzielt aus Nahdistanz das 3:2.

"Sehr ihr, Hansa, so wird das gemacht", dröhnt es den entsetzt schweigenden Hansa-Fans nun höhnisch in den Ohren. Halle aber will nun noch mehr. Köhler bringt mit Merkel für Sembolo einen neuen, frischen Stürmer, der von den nun wieder gutgelaunten HFC-Fans launig mit "Fußballgott"-Rufen begrüßt wird. Wenn alles geht, warum dann nicht auch das zweite Saisontor des Ex-Braunschweigers?

Vielleicht, weil der großgewachsene Sturmtank auch heute nicht seinen besten Tag hat. Sein drittes direktes Duell sieht ihn zwar siegreich davonziehen, nur eben quer zur Mittellinie und ohne Plan, was nun. Schon ist der Ball beim Gegner. Sekunden später segelt er in den HFC Strafraum, er wird zur Ecke geschlagen, doch ein Hansa-Spieler hält ihn per Fallrückzieher im Feld. Blacha nimmt die Verzweiflungsflanke und trifft zum 3:3.

"Sehr ihr, Halle, so wird das gemacht", brüllt es jetzt wieder aus der Hansa-Kurve. Hohn ist der schönste Lohn. Daniel Ziebig aber ist noch nicht ganz fertig mit diesem Tag und diesem Treffen. Er scheucht nach vorn, was noch laufen kann. Bringt in Minute 93. einen Freistoß nach innen, der abgewehrt wird, aber bei Toni Lindenhahn landet. Und der einzige echte Hallenser im HFC-Team, in einer Zeit jugendlicher Verirrung vorübergehend in den Diensten des damals noch drei Ligen höher spielenden FC Hansa Rostock, knallt den Ball volley ins rechte Toreck.

4:3. Der Rest ist Aufschrei, Jubel, Tanz auf allen Rängen. Sehr ihr, Hansa, so wird das gemacht, orgelt es nicht mehr nur aus der HFC-Kurve, sondern im ganzen Stadion, ausgenommen die Hansa-Ecke, die entgeistert schweigt, die Hände vorm Gesicht.

Wer zuletzt singt, singt am besten.