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Sonntag, 17. Februar 2019

Steinmeier: Der Fake-Fisch-Präsident

Trotz neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Menge des Fischs in den Weltmeeren verbreitet Bundespräsident Steinmeier Fake News über den Anteil von Plastikmüll in den Ozeanen.

Ein Diplomat, nein, das ist Walter Steinmeier nicht. Schon als der frühere Adlatus des Hartz-4-Kanzlers Gerhard Schröder erwog, sich zum Zwecke besserer Marktgängigkeit nur noch "Frank" Steinmeier zu nennen, überzeugte der Niedersachse mit ruppiger Direktheit, nicht mit Fingerspitzengefühl. Wenn es seiner Karriere diente, distanzierte sich Steinmeier auch schnell von sich selbst, verantwortlich war er sowieso nie für nichts und mit der Übernahme des Bundespräsidentenamtes gelang es ihm, einer Strafverfolgung wegen seiner womöglich verfassungswidrigen Zustimmung zur Überwachung deutscher Staatsbürger durch den US-Geheimdienst NSA zu entgehen.

Ein Handlungsreisender aus Teflon


Seitdem ist Steinmeier Moralist, ein Handlungsreisender aus purem Teflon, der das Mahnen und Erinnern als Alltagsjob betreibt. Zuletzt gelang dem Sozialdemokraten im Ruhestand mit Unterstützung der Bundesworthülsenfabrik ein neuer Schlag gegen die Gegner unserer Ordnung: Mit der Formulierung "Feinde der Demokratie" stellte der erste vom Bundesverfassungsgericht höchstamtlich als Verfassungsbrecher anerkannte Bundespräsident sein Vermögen unter Beweis, Andersdenkende nicht nur dumpf als "Hassprediger" (Steinmeier über Trump) bezeichnen, sondern sie auch subtil aus der Gemeinschaft derer ausschließen zu können, die überhaupt berechtigt sind, an der gesellschaftlichen Debatte teilzuhaben.

In fast 30 Jahren einer politischen Karriere, die mit einer Überwachung durch den Verfassungsschutz begann, hat Steinmeier gelernt, dass es nicht auf Tatsachen ankommt, sondern auf den Eindruck, den ein guter Politiker mit sorgenvoll gekrauster Stirn zu vermitteln versteht.

Bei einer Reise auf die Galapagos-Inseln, die Steinmeier antrat, um den deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt durch die Herstellung von 1.211.710 Kilogramm CO₂ zu ehren, zeigte sich der 63-Jährige besorgt ob der "riesigen Plastikinseln, die inzwischen im Meer schwimmen" (FAZ). „Wenn wir weitermachen wie bislang, schwimmt bis 2050 womöglich mehr Plastik als Fisch in den Ozeanen“, sagte der Bundespräsident, der damit ein beliebtes Stereotyp reproduzierte, das vor Jahren vom World Wildlife Found (WWF) erfunden worden war und seitdem mit leicht variierenden Daten herumgereicht wird wie ein Schrottwichtelgeschenk.

Heißes Eisen aus Plastik


Besorgt wackeln da die Köpfe. Allerhöchsten Respekt, Herr Bundespräsident, dass Sie dieses heiße Eisen so mutig anfassen! Derzeit schon, so schreibt die allzeit besorgte "Zeit", schwimmen in den Meeren etwa 150 Millionen Tonnen Plastik. Das entspreche etwa einem Fünftel des Gewichts aller Fische. Die eifrigsten Weltuntergänger erwarten schon für das Jahr 2025 ein Verhältnis von Fisch zu Plastik von eins zu drei, Steinmeier sieht für 2050 eins von wenigstens 1:1 vor.

Nur die Fische, die spielen nicht mit. Denn schon vor fünf Jahren wurde bekannt, dass alle bisherigen Annahmen über die Menge der in den Weltmeeren schwimmenden Fische um den Faktor 10 zu niedrig geschätzt waren. Statt einer Milliarde Tonne Fisch tummeln sich in den Ozeanen zehn Milliarden, so hatte eine Forschergruppe um den Ozeanologen Xabier Irigoien herausbekommen.

Das Verhältnis Plastik - Fisch betrüge danach derzeit nicht annähernd eins zu drei, sondern eins zu 30. Es würde bis Mitte des Jahrhunderts auch nicht auf 1:1 steigen können, sondern allenfalls auf 1:10. Und läge damit um 2050 immer noch um den Faktor vier niedriger als die Experten des WWF es einschätzten, als sie erstmals mit der Parole vom Plastikmeer hausieren gingen.

Samstag, 16. Februar 2019

HFC: Enttäuschung im Experimentalbaukasten

Keine Hilfe von oben, keine Hilfe von außen: Der aufstiegswillige HFC hat derzeit Glück, dass alle anderen Mannschaften für ihn spielen. Nur er selbst tut das nicht.
Am Ende steht immerhin fest, was alles nicht geht. Heyer im Mittelfeld, Tiffert im Abwehrzentrum. Ein Sturm ohne Fetsch, eine Außenverteidigung ohne Lindenhahn. HFC-Trainer Torsten Ziegner hatte nach dem durchwachsenen Rückrundenstart wirklich alles versucht, um gegen den Gast aus Lotte endlich wieder wenigstens ein Tor zu schießen und drei Punkte zu holen. Aber alles, was der Wunderheiler des vor einem Jahr noch todkranken Klubs von der Saale an diesem sonnigen Frühfrühlingstag ausprobiert, geht krachend schief. Beim HFC lernen sie daraus: Torsten Ziegner vermag es, sich selbst zu korrigieren. Die Mannschaft aber, über die er derzeit gebietet, ist nicht mehr die vor Selbstbewusstsein strotzende Truppe aus dem Herbst. Sondern seltsam angeschlagen, ratlos, ein knirschender Mechanismus, bei dem vieles nicht mehr zusammenpasst.

Ist es der Druck? Der doch eigentlich nicht da sein soll? Ist es die Angst, er könnte kommen? Und am Ende zum Versagen führen? Ziegner hat umgestellt, Finn Arkenberg und Christian Tiffert neu ins Team geholt, Fetsch und Lindenhahn dafür draußen gelassen, Heyer ins Mittelfeld gezogen und Neuzugang Tiffert dafür hinten in die Mitte gestellt. Auch Braydon Manu ist wieder da, sogar zusammen mit Marvin Ajani, Julian Guttau vertritt Fetsch, ein Versprechen auf mehr Wirbel und Torgefahr, die angesichts der kantigen Spielanlage der Sportfreunde aus Nordrhein-Westfalen dringend nötig sind.

Doch das bringt alles nichts. Vom Anpfiff weg wirkt der neue HFC wie ein Schatten der Elf, die gegen Jena dominierte und beim Auswärtsspiel in Kaiserslautern das Pech hatte, das Tor nicht zu treffen. Die Gefahr besteht hier nicht, weil der HFC sich gar nicht erst in die Nähe des Tores der Gäste begibt. Stattdessen wird quer gespielt, ungenau und immer wieder so, dass Torwart Kai Eisele Mühe hat, den Ball kontrolliert aus der eigenen Hälfte zu befördern. Arkenberg bringt ihn mehrfach mit Rückpässen in Schwierigkeiten, Tiffert, der erfahrene alte Kämpe, auf dessen Rücken so viele Hoffnungen lasten, sogar noch öfter. Die Unsicherheit hinten und das konsequente Forechecking der Lotterer auf Höhe Mittellinie lässt kein strukturiertes Angriffsspiel zu. Allenfalls Manu gelingt es ab und an, einen Spurt anzuziehen. Nie aber erreichen seine Flanken und Schüsse Mitspieler oder Tor.

Der Mangel des HFC-Spiels ist damit schon erklärt. Eiseles weite, hohe Bälle können Guttau und Bahn in der Mitte nicht annehmen. Die wenigen Eingaben von außen sind zu kurz oder zu lang. Konter gibt es nicht, weil Lotte viel zu vorsichtig nach vorn spielt. Ergebnis ist in tristes, mühsames Fußballspiel, das nicht einmal von der Spannung lebt.

Das Beste hier ist das Wetter. Die Sonne strahlt mit der Flutlichtanlage um die Wette, Lotte spielt früh auf Zeit und die Fans der Heimmannschaft hadern mit dem Rostocker Schiedsrichter Rene Rohde, der minutenlange Unterbrechungen zulässt. Mehr passiert eigentlich nicht, abgesehen von einer einzigen vielversprechenden Situation in der 33. Minute. Einmal geht ein Ball zentral in die Spitze, Baxter-Bahn könnte abschließen, legt aber ab auf den noch besser postierten Pascal Sohm. Der schießt und trifft einen Gegenspieler. Der Abpraller landet bei Marvin Ajani, der sofort abzieht und den Innenpfosten trifft. Quer zur Linie kullert der Ball ins Toraus hinter dem anderen Pfosten.

Näher kommt der HFC einem Torerfolg heute nicht mehr. Zwar tauchen die Gastgeber lange vor den Gästen wieder aus der Kabine auf, leistungsbereit, siegesgewillt und jetzt mit Mathias Fetsch für Christian Tiffert, so dass die neue Mannschaft schlagartig fast wieder die gewohnte aus dem Herbst ist. Doch mehr als die Erkenntnis, dass Ziegner bereit ist, sich zu korrigieren, entspringt daraus nicht. Die zweite Halbzeit, ab der 58. Minute auch wieder mit Lindenhahn für Arkenberg, ist schlimmer als die erste: Kein Gedanke mehr an einen Sieg, keine Linie im Spiel und kein Druck nach vorn. Lotte sammelt jetzt Ecken, bei Halle langt es nicht einmal dazu.

Vier-, fünfmal muss Kai Eisele alles geben, um eine - ab der 55. Minute nicht einmal mehr unverdiente - Gästeführung zu verhindern. Eisele, der seinen Vertrag gerade verlängert hat, schafft es zum Glück jedes Mal, ein paar Finger an den Ball zu bekommen. Bei anderen Gelegenheiten zeigen die Lotterer Stürmer, wie sie es im Saisonverlauf geschafft haben, sogar noch weniger Tore als der HFC zu schießen, dessen Schnitt inzwischen bei frustrierenden 1,08 pro Spiel liegt (Lotte 0,95, Tabellenführer Osnabrück 1,37, Klassenbester Wiesbaden 1,95).

Nach 100 Minuten Frust, vier Nachspielminuten in Teil eins folgen drei in Teil 2, ist Schluss. Der Experimentalbaukasten wird zugeklappt, das schlechteste HFC-Spiel der seit langem besten Saison ist überstanden. Glimpflich wenigstens: So wird der HFC nie wieder spielen, ob nun weiter um den Aufstieg oder um die Goldene Ananas.

Zitate zur Zeit: Der Untergang


Wir sind in der größten Krise der Menschheit.

Luisa Neubauer, Klimaschützerin, ZDF-Morgenmagazin

SPD-Ostprogramm: Punkt, Punkt, Komma, Strich

Nach knapp drei Jahrzehnten intensiven Nachdenkens hat die SPD jetzt einen Plan, um den Osten in eine blühende Landschaft zu verwandeln.

Schon seit Jahren geht der Trend weg vom klassischen Zehn-Punkte-Plan, wie ihn Helmut Kohl einst für die Deutsche Einheit schrieb. Und hin zu irgendwie spannenderen Zahlen: Pegida versuchte es mit 17, die SPD auch schon mal mit fünf, aber da ging es auch nur um die "Zustromkrise" (Merkel). Für Ostdeutschland sind es dann doch zwölf Anstriche geworden, die die deutsche Sozialdemokratie angesichts anstehender Strafwahlen in mehreren abgehängten Bundesländern in einen "Beschluss des SPD-Parteivorstands" mit dem Titel "Jetzt ist unsere Zeit: Aufarbeitung, Anerkennung und Aufbruch" gepackt hat.

Ein Dokument der Verzweiflung


Es ist inhaltlich natürlich ein Dokument der Verzweiflung geworden, das die Parteiführung da vorgelegt hat, aber in der Form auch Beweis der Bildungsmisere, die mittlerweile bis in die Kernelite der Bundespolitik reicht. Sieben Kommafehler und eine irrtümliche Großschreibung zeigen, dass die konsequente Verwendung der automatischen Rechtschreibprüfung zwar grobe Rechtschreibschnitzer vermeiden helfen kann. Dadurch aber nur umso mehr auffällt, wie dünn die Decke ist, wenn es darum geht, Grundschulinhalte ohne maschinelle Hilfe anzuwenden.

Zu beachten ist dabei, dass der Vorstand der SPD zwölf Mitglieder hat, die den Ostdeutschland-Beschluss allesamt gelesen haben dürften. Zwölf Chancen, die viereinhalb Fehler in den 1.100 Worten zu finden - der Führung der ältesten deutschen Partei aber gelingt das auch kollektiv nicht. Und das, obwohl neben den zwölf Lesern aus dem Vorstand selbst wenigstens weitere 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Papier vor der Veröffentlichung studiert haben dürften.

Neuer Aufbruch für Ostdeutschland


Aber hier geht es nicht um die Form, um kleinliches Aufzählen von Punkt, Punkt, Komma und Strich. Die SPD, vor 29 Jahren entschieden gegen die deutsche Einheit, hat lange nachgedacht und nun Nägel mit Köpfen gemacht. "Wir wollen die Erinnerung an 30 Jahre friedliche Revolution und Mauerfall mit einem neuen Aufbruch für Ostdeutschland verbinden", verkündet sie und reklamiert einen "guten Anteil daran", dass der Osten heute steht, wo er liegt: Ganz hinten, ganz unten, ein kolonialisierter Landstrich, dessen Geschicke von Zugereisten gelenkt werden.

Die SPD ist stolz darauf. "Heute übernehmen wir in allen ostdeutschen Bundesländern als Regierungsparteien Verantwortung und gestalten mit und leisten unseren Beitrag die soziale Einheit zu vollenden" (Grammatik im Original), schreibt der Parteivorstand und wundert sich: "Dennoch hat die SPD vielerorts Vertrauen verloren."

Anpacken in Bürokratensprache


Das will man nun ändern, "indem wir genau hinschauen und Lösungen anbieten" und diese wolle man "angehen mit konkreten Vorschlägen". Es folgen dann besagte zwölf Punkte, die so konkret sind wie ein Wackelpudding hart: Einen "neuen Pakt für strukturschwache Regionen in Ost und West", schlägt die SPD vor, zudem will sie "die Voraussetzungen schaffen, um den Osten Deutschlands zur Innovationsschmiede zu machen". Dazu setzte sie sich "für gut ausgestattete EU-Strukturfonds mit realistischen Kofinanzierungssätzen auch in der neuen Förderperiode ein", denn "die bestehende Forschungs- und Entwicklungslandschaft muss durch die Ansiedlung außeruniversitärer Forschungseinrichtungen vervollständigt werden".

Das mit der Industrieansiedlung hat ja nun drei Jahrzehnte lang nicht geklappt, deshalb hat man diese Hoffnung gleich fahren lassen. Stattdessen sollen es "neu geschaffene Einrichtungen des Bundes" richten, die die ehemalige Arbeiterpartei "in Ostdeutschland angesiedelt" sehen will.

Ähnlich kühn klingt die Idee, "eine hundertprozentige Versorgung mit Mobilfunk und schnellem Internet bis an jede Milchkanne" sicherzustellen - und zwar über eine "starke öffentliche Kontrolle der Netze und Regulationsmechanismen bis hin zu einem Rechtsanspruch auf eine Mindestqualität der digitalen Infrastruktur". Der Staat müsse die Vorgaben machen und nicht der Markt, dasselbe gelte auch für  die Löhne im Osten, die endlich an die im Westen angeglichen werden müssten. Die deutsche Sozialdemokratie ist hier knallhart: "Wir appellieren an die Sozialpartner die Tarifbindung im Osten zu steigern und gleiche Lohnabschlüsse in Ost und West durchzusetzen" (Grammatik im Original).

Ein Drittel Mogelpackung


Neben der Anhebung des Mindestlohnes auf perspektivisch 12 Euro, einer Mindestausbildungsvergütung und einer "Stärkung des finanziellen Spielraums der Kommunen" enthält der vorgebliche Ostplan mit der Idee der "Grundrente, die spürbar über der Grundsicherung liegt", der Forderung nach einer Verlängerung der einst von der SPD gekürzten Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes (ALG 1) und Verweisen auf das „Starke-Familien-“ und das "Gute-KiTa"-Gesetz
vier weitere Punkte, die nichts mit dem Osten zu tun haben.

Dafür aber ist der aus dem Wahlprogramm zur letzten Bundestagswahl abgeschriebene Vorschlag eines "Gerechtigkeitsfonds für jene Menschen, die durch die Rentenüberleitung der Nachwendezeit Nachteile erlitten haben" originell: Die Menschen, die davon profitieren werden, sind inzwischen um die 80 Jahre alt, kommt der im Koalitionsvertrag verabredete Härtefallfonds noch diese Legislaturperiode, könnten sogar noch einige tausend Rentenbezieher ein paar Euro abbekommen.

Wichtig sind nur die Zeichen


Wichtig sind solche Symbole, vor allem der SPD, die im Osten vor einer historischen Abstrafung durch die Wähler steht. Zum Jahrestag der Deutschen Einheit will die verzweifelte Parteispitze deshalb ein "Ost-West-Kulturzentrum in einer mittelgroßen Stadt in Ostdeutschland" errichten, das "ein Zeichen setzen soll für einen gesamtgesellschaftlichen Dialog" - mit anderen Worten: Belegen soll, dass die SPD sich stets unglaublich für den Osten interessiert hat.

Der neue Leuchtturm des Dialogs ist als "Forschungs-, Veranstaltungs- und Kulturzentrum" gedacht, in dem der SPD-Vorstand einen "offenen Ort der ständigen Begegnung, der Erinnerung, des Nachdenkens und der Debatte zu allen Fragen der zukünftigen Entwicklung Ostdeutschlands innerhalb der Bundesrepublik und im Kontext Europas, vor allem auch Osteuropas" sieht. Es ist danach fünf vor Punkt 12. Der kommt ein bisschen lieblos daher und verspricht, "viele gute Initiativen, Vereine und Projekte die die Demokratie stärken" (Grammatik im Original) "dauerhaft auf eine gesetzliche Grundlage" stellen zu wollen.

Derzeit sind die wohl alle illegal.

Freitag, 15. Februar 2019

Taz rechnet nach: So gesund ist Rauchen wirklich

Der leidenschaftliche Gesundheitsraucher Helmut Schmidt musste sterben, weil die EU ihre Feinstaubrichtlinie zu spät verabschiedete.
Eine Einzelmeinung ohne Expertise, die zudem Rechenfehler enthält: Mit seinen kruden Thesen zu angeblich zu harten EU-Grenzwerten beim Feinstaub hat sich der Lungenarzt Dieter Köhler außerhalb der Gemeinde der zivilisierten Menschen gestellt. Besonders dreist: Der selbsternannte Kämpfer gegen den angeblichen Reinheitswahn der europäischen Gemeinschaft hat sich auch noch peinlich verrechnet, wie die Taz jetzt herausgefunden hat. In Wirklichkeit, so steht jetzt fest, ist Rauchen weitaus gesünder als bisher gedacht - ein prominenter Politiker steht mit seinem ganzen leben beispielhaft für das, was schiefläuft im Spiel zwischen Medien, Wissenschaft und Politik.

Auf einmal war Dieter Köhler überall. Mehr als zehn Jahre nach Verabschiedung der EU-Richtlinie für saubere Luft in Europa ließen selbst renommierte Medien den Mediziner und seine Spießgesellen skrupellos gegen Europas Luftreinhaltepläne wettern. Dass der selbsternannte Experte sich dabei zuungunsten der Tabakindustrie verrechnete, fiel weder in Großraumbüros noch in den Fluren von Umweltbundesamt und EU-Kommission auf.

Dabei sind die Folgen der falschen Zahlen und Rechnungen dramatisch. So hatte Dieter Köhler, ein pensionierten Lungenfacharzt, in seinem sogenannten ‚Positionspapier‘ behauptet, direkt eingeatmeter Zigarettenrauch sei viel schädlicher als die Luft an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung. Wer rauche, so Köhler, atme in wenigen Monaten so viel Stickoxide ein wie der Anwohner einer viel befahrenen Straße in einem ganzen Leben von 80 Jahren.

Ein Fehlschluss, geboren aus einem Rechenfehler: Köhlers Annahme, dass eine Schachtel mit 20 Zigaretten eine Million Mikrogramm Stickoxid enthält, ist falsch. Zigaretten sind in Wirklichkeit um den Faktor 100 gesünder, eine Schachtel enthält gerademal 10.000 Mikrogramm Stickoxid - das entspricht einer Aufenthaltsdauer von nur 250 Tagen á 24 Stunden direkt an einer deutschen Luftreinhalte-Mess-Station.

Ein Beleg dafür, warum Helmut Schmidt, zu Lebzeiten der bekannteste Raucher der Republik, eben nicht am Rauchen starb, sondern mutmaßlich, weil die EU erst sieben Jahre vor seinem Tod konsequent auf Luftreinhaltung in Europa setzte. Im Gegensatz zu dem, was Dieter Köhler in seinem Brandbrief gegen die EU-Superkeitsinitiative behauptet, erreichte der Kettenraucher Schmidt die Feinstaubdosis, die ein 80-jähriger Nichtraucher ohne Luftreinhaltungsrichtlinie im Leben einatmen würde, bis zu seinem Tode nicht. Alle Thesen des Ruheständlers im Aufstand gegen die Wissenschaft belegen nicht "die Unschädlichkeit der Außenluft im Vergleich zum Zigarettenrauch", sondern, so die Taz, "bei korrekter Rechnung das Gegenteil".

Nur wer raucht, das zeigt das prominente Beispiel Helmut Schmidt, kann sich vor gefährlichem Feinstaub aus dem Straßenverkehr wirksam schützen: Die durch den Zigarettenfilter eingeatmete Verbrennungsluft aus dem Tabakfeuer entspricht in ihrer Wirkung einem Fahrverbot für etwa zwei Drittel der derzeit noch für den Verkehr zugelassenen Automobile.