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Donnerstag, 24. Juli 2014

Demokraten schlagen wieder zu


Eine große und stolze Tradition ist es in der jungen ukrainischen Demokratie, dieselbe auch mit Fäusten zu verteidigen. Jetzt, inmitten einer Phase der Weltpolitik, in der Russlands Präsident Wladimir Putin immer mehr sein wahres Gesicht eines Saddam- und Assad-ähnlichen internationalen Terroristen zeigt, haben es die wackeren Abgeordneten der Verchowna Rada wieder getan: Mit handfesten Argumenten versuchten sie einander davon zu überzeugen, dass der gewählte Weg der richtige ist und Zweifel nur den Falschen dienen.

Die Schläge sind diesmal allerdings von ganz anderer Wucht, weil erstmals frei gewählte Abgeordnete versuchen, sich windelweich zu prügeln. Früher hatten das zeitweise Marionetten des Moskauer Regimes und Satrapen des des später von friedlichen Volksmassen gestürzten Diktators Janukowitsch übernehmen müssen. Mit der Schlägerei im Parlament, die vor einer Berichterstattung in den deutschen Leitmedien erst noch von einer EU-Kommission auf eine Anstiftung durch russische Agenten geprüft werden soll, forderten die Abgeordneten ein schärferes Vorgehen der Nato gegen Seperatisten, "Bastarde" (Jazenjuk) und "Gorillas in Tarnkleidung" (Poroschenko).



Spiegel: Rückkehr der kruden Juden-These

Immer wieder der „Spiegel“! Erst hatte das Magazin den kruden Juden-Gen-Thesen des prominenten Sozialdemokraten Thilo Sarrazin ein Podium gegeben, dann begann das einstige Sturmgeschütz der Aufklärung auch noch, für angebliche Diagnose-Verfahren zu werben, mit denen jeder den Anteil seiner Juden-Gene an der DNA feststellen lassen konnte. Und nun legt das Hanburger Blatt mit neuen abenteuerlichen Nachrichten über angebliche Dänen-Gene nach, die die „Gene zum glücklich sein“ (im Original) seien.

Dabei beruft sich die gentechnisch vorbelastete Redaktion trotz des grassierenden Anti-Semitismus im Land auf eine fragwürdige Studie von Eugenio Proto und Andrew Oswald von der University of Warwick im Vereinten Königreich, die einen „Zusammenhang zwischen typisch dänischen Genen und der Lebenszufriedenheit unterschiedlicher Volksgruppen“ nachgewiesen habe. Dazu hatten Proto und Oswald keine eigenen Forschungen angestellt, sondern Studien aus gut 130 Ländern zur Zufriedenheit der Menschen mit vermeintlichen genetischen Informationen aus den jeweiligen Staaten verglichen. Im Ergebnis stellten sie fest, dass eine Nation je glücklicher ist, je näher sie den Dänen genetisch war.

Der „Spiegel“, der während der Sarrazin-Kriege im Sommer 2010 noch gewettert hatte, dass es sich bei Sarrazins Biologismus „Juden-Gen“ um ein Phantasma handele, handelt damit einmal mehr gegen die Vorgabe des früheren Außenministers Guido Westerwelle, der in Sarrazins Behauptung "alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden" eine „Wortmeldung“ gesehen hatte, „die Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub leistet.“

Der „Spiegel“ geht noch weiter als Sarrazin. Er bescheinigt Italienern ein „Depri-Gen“, bezichtigt Deutsche, an einer Mutation zu leiden, die sie depressiv mache, und unterstellt dänischstämmigen Amerikaner, dass sie aufgrund ihrer Herkunft glücklicher seien als etwa afrikanisch- oder asiatischstämmige Landsleute. Pseudowissenschaftlich begründet das Magazin seine rassistischen Ausfälle mit dem Hinweis, dass „Gene vermutlich bei der Entstehung von Depressionen wichtig“ seien und das von der Mutation betroffene Italiener-Gen die Aufnahme des Glückshormons Serotonin in den Hirnzellen steuere. „Ist es verändert, verleitet das die betroffenen der Theorie nach eher zum Trübsal blasen“ (im Original).

Mittwoch, 23. Juli 2014

Das oberste Weltgericht rudert zurück

Unmittelbar nach der Katastrophe war die Sache klar. Russland hatte seine separatistischen Schergen ein ziviles Flugzeug über der Ukraine abschießen lassen. Mumaßlich, weil der alte Macho Putin vorhatte, der ganzen Welt zu beweisen, was für ein harter Mann er ist, der sich kein Jota um Sanktions- und Blauhelmdrohungen der Einheitsfront der demokratischen Nato-Staaten schert. US-Außenminister Kerry wusste, dass es die Russen waren, er hatte sogar Beweise. Die deutsche Spitzenpolitik hatte keine, aber auch keine Zweifel. Es musste Putin gewesen sein, denn anderenfalls wäre ja die gesamte erratische Ukraine-Strategie der EU gescheitert. Die Masse der deutschen Leitmedien schloss sich der Beweisführung ohne Beweise wie von Zauberhand an: Die FAZ orakelte von seperatistischen Kämpfern, die ins Absturzgebiet geeilt seien. Das tue nur, wer den Absturz verursacht habe. Der "Spiegel" berichtete von Funksprüchen mit Geständnissen, die abgehört wurden. Er berichtete nicht, dass die Funksprüche schon vor dem Absturz zu Youtube geladen worden waren. Die "Zeit" schließlich beauftragte einen Reisejournalisten und einen bei der Nato ausgebildeten Wissenschaftler, alle hinzurichten, die den fehlenden Beweisen, den verqueren Konjunktiven und selbstbewussten Behauptungen immer noch nicht glauben wollte.

Aber nur eine Woche später ist das Weltgericht plötzlich in der Gegenrichtung unterwegs. Als die Russen Indizien dafür vorgelegt hatten, dass es vielleicht ukrainische Jäger gewesen sein könnten, die die Boing 777 abschossen, schaffte es der "Spiegel" noch, dies als bloße "Behauptung" darzustellen, die "allen Erkenntnissen westlicher Geheimdienste" widerspreche. Russlands Aufforderung an die USA, die dort zweifellos vorhandenen Aufnahmen des Katastrophengebietes vorzulegen, verhallte ungehört - deutsche Medien taten kollektiv so, als sei das Krisengebiet Ukraine nicht die derzeit am besten überwachte Region der Erde, so dass der, der seine Aufnahmen nicht vorlegt oder gar abstreitet, welche zu besitzen, dies zwangsläufig tut, weil das, was sie beweisen, dem widerspricht, was er beweisen will.

Im Fall der US-Geheimdienste liegt die Vermutung inzwischen nahe, dass es sich genauso verhält. "Der US-Geheimdienst hat nach Medienberichten bislang keine Beweise für eine direkte Beteiligung Russlands an dem Abschuss von Flug MH17 in der Ostukraine", formuliert der "Spiegel" mittlerweile, "es lasse sich bislang nicht sagen, wer genau für den Tod der knapp 300 Menschen an Bord verantwortlich sei, heiße es aus Geheimdienstkreisen." Die Wortwahl ist auf unauffälligen Rückzug bedacht: "direkte Beteiligung" suggeriert, dass es doch eine Beteiligung gibt, "wer genau" verbirgt, dass man eine Woche nach der Behauptung, man wisse genau wer nicht einmal weiß wer, geschweige denn "wer genau".

Rückzugsgefechte im Meinungskrieg um die Weltöffentlichkeit, in dem der Konjunktiv zur Gewissheit erklärt wird, während die Schwurfinger unter der Tastatur gekreuzt sind. Es ist ein Orchesterwerk, das sich hier bewundern lässt: Die identischen Formulierungen "wohl", "wer genau" und "direkte Beteiligung" finden sich heute auf sagenhaften 1.660 Nachrichtenwebsites, Onlineauftritten von Nachrichtenmagazinen und Newschannels.

Report vom Tatort

MH17: Fünfte Kolonne im Stimmungskrieg

Seit dem über Monate herbeigebeteten Start der Ukraine-Krise versuchen USA und EU massiv, die deutsche Öffentlichkeit zu beeinflussen. Aktivisten wie Thomas Korn und Andreas Umland helfen, die Interpretationsmuster der Nato zu verbreiten. Der auf Reisethemen spezialisierte Korn und der als "Nato-Fellow" an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace in Palo Alto, Kalifornien, ausgebildete Umland hatten jetzt ihren großen Auftritt: In der Hamburger Wochenzeitschrift "Zeit" rechneten die beiden Lobbyisten einer Politik der nachhaltigen Eskalation der Situation in der Ukraine stellvertretend für alle Putin-Versteher und Friedensfreunde mit dem "Ex-Kommunisten, umstrittenen Aktivisten, Publizisten und Chefredakteur des Compact-Magazins" Jürgen Elsässer ab, der "vielen als Verschwörungstheoretiker" gelte, "für sein konservatives Familienbild, für seine Nato-Gegnerschaft und seinen Antiamerikanismus" bekannt  und gern gesehener Gast bei russischen Staatsmedien sei.

Dorthin werden Umland und Korn eher weniger oft eingeladen. Dafür aber erklären sie den Deutschen gern die finsteren Absichten der Russen und deren Versuche, mit Leuten wie Elsässer eine fünfte Kolonne im Stimmungskrieg zu etablieren. Besonders schlimm: Obwohl die "Zeit" sich seit Monaten als Plattform für Nato-Propaganda auszeichnet und dabei gelegentlich sogar die Pro-forma-Trennung von Beteiligten und Berichtenden aufhebt, beharrt Elsässer darauf, mit seinem "Compact"-Magazin weiter eine nato-kritische Position beziehen zu dürfen.

Er sei damit "ein besonders krasses Beispiel dafür, wie offizielle und inoffizielle russische Stellen es vermögen, öffentliche Figuren in Deutschland und anderen europäischen Ländern so zu instrumentalisieren, dass sie die Interpretationsmuster des Kreml weiterverbreiten", schreiben Umland und Korn, die mit ihrer ganzen Lebensgeschichte (Umland) oder auch mit keinem einzigen Hinweis auf frühere Ukraine-Expertenschaft ein krasses Beispiel dafür abgeben, wie die Nato und die EU es vermögen, deutsche Journalisten so zu instrumentalisieren, dass sie die Interpretationsmuster aus Washington, Brüssel und Berlin kritiklos weiterverbreiten.

Auch hier ist, was als Verächtlichmachung Andersdenkender daherkommt, natürlich geschickt platzierte Propaganda. So wenig geschickt allerdings, dass den Nachweis zu führen nicht schwer fällt: Umland etwa hat am Hoover Institution on War, Revolution and Peace studiert, einer US-Denkfabrik, zu deren Leuchtürmen Donald Rumsfeld, Margaret Thatcher, Ronald Reagan und Condoleezza Rice, der Ökonom Milton Friedman sowie zufällig auch "Zeit"-Chef Josef Joffe gehören. Korn hingegen hat es bisher geschafft, als Journalist weitgehend spurenfrei zu schreiben. Seine Hasspredigt gegen Elsässer ist das erste Ukraine-Stück des Mannes, der sich selbst als "freien Publizisten in Erfurt" und Spezialisten für "Print und Verlage, Unternehmen, Reisereportage, Gesundheit und Wellness" bezeichnet.

Deshalb lohnt es sich, den Fall Umland/Korn näher zu betrachten, um zu verstehen, wie westliche Institutionen Einfluss auf die Meinungsbildung in der Bevölkerung zu gewinnen suchen. Angegriffen wird hier vermeintlich nur der Kleinst-Magazin-Chef Elsässer. Gemeint aber ist die "Vision eines Europa freier Völker von Lissabon bis Wladiwostok", ist das Ziel eines "Eurasiens" ohne Grenzen, wie es Wladimir Putin zur russischen Staatslinie erklärt hat, und gemeint sind damit alle, die meinen, dass ein Gutteil der Verantwortung für die verfahrene Situation in der Ukraine auf die Rechnung von Scharfmachern im Westen geht.

Eine Ansicht, die Korn und Umland nicht einmal debattieren wollen. Ihnen zufolge ist derjenige, der nicht an die Alleinschuld Moskaus glaubt, Opfer der "Argumentationsmuster des Kreml". Betrachtet man Herkunft und Geschichte der beiden Autoren, wird offensichtlich, aufgrund welcher Argumente sie zu ihren Schlüssen kommen.

Dienstag, 22. Juli 2014

Armutsschere klafft auch zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit


Fremde Federn: "Deutschland ist im Urteil seiner Bürger ein sehr ungerechtes Land. In einer repräsentativen Umfrage des Allensbach-Instituts vertraten in diesem Jahr fast 60 Prozent die Ansicht, dass es hierzulande nicht fair zugehe. Vor diesem Hintergrund sprachen sich sogar mehr als drei Viertel der Befragten für höhere Rentenzahlungen und den gesetzlichen Mindestlohn aus. Mit Erfolg – die große Koalition aus Union und SPD hat beides noch vor der Sommerpause geliefert. Deutschland ist aber auch ein Land, in dem Wahrnehmung und Wirklichkeit in solchen Gerechtigkeitsfragen weit auseinanderklaffen."

Verbot der Woche: EU gegen heidnischen Fruchtbarkeitskult

Im Zuge der weiteren Entbürokratisierung und Vermenschlichung der europäischen Institutionen geht die EU-Kommission mit neuen Regeln für Bio-Bauern einen Schritt auf die biologische Landwirtschaft zu, der zugleich ein Versuch ist, überkommene heidnische Fruchtbarkeitsbräuche auszutrocknen. Die EU-Kommission plant dazu einen Wust an neuen Regeln, nach denen es ökologisch wirtschaftenden Landwirtschaften künftig zum Beispiel verboten sein wird, Ostereier zu färben.

Damit werde Brüssel „nicht mehr Normen und Regeln schaffen, sondern Klarheit bringen“, sagte der zuständige EU-Kommissar Dacian Ciolos. Gefärbte Eier gelten in Brüssel als nicht öko-koscher, entsprechend gefärbte Schalen ließen sich im Müll nicht mehr von der Farbe trennen. Zudem verherrliche das Eierfärben einen längst überholten heidnischen Fruchtbarkeitskult, der genaugenommen gehalten sei, Andersglaubende in ihren religiösen Gefühlen zu verletzen.

Österreich und Deutschland kritisierten die Verbotsvorschläge der Kommission, Landwirtschaftskommissar Ciolos stellte aber klar, dass es derzeit in den EU-Gesetzen zur Bio-Landwirtschaft noch „mehr Ausnahmen als Regeln“ gebe. Das könne auf Dauer kein Zustand sein, denn die EU sei seinerzeit angetreten, alles und jedes bis ins kleinste Detail zu regeln und zu reglementieren. Diesem Ziel komme man auch mit dem dringend notwendigen Ostereierverbot ein weiteres entscheidendes Stück näher.

MH17: Wissen ohne Beweise

Wie jeder Krieg ist auch dieser "ein Krieg der Lügen, der Täuschung – und der brutalen Gewalt gegen Unschuldige!" (Bild). Noch immer ist nicht genau klar, wer MH17 über der Ukraine abgeschossen hat, aber für deutsche Medien ist das kein Grund, die Ergebnisse irgendwelcher Untersuchungen abzuwarten. Die FAZ folgert aus allem, was nicht bekannt ist: „Putin hat eine letzte Chance“. Und die "Zeit" schreib hoffnungsvoll: „Dieser Abschuss verändert alles“. Es ist Wissen ohne Beweise, Wissen, das alles Denkbare sagbar macht. So lange die Wahrheit offen ist, lässt sich mit Unterstellungen, Annahmen und selbstgemachten Indizien spielen, so dass die "pro-russischen Separatisten" die mutmaßliche "Rakete" (Bild) irgendwann abgeschossen haben werden, weil einfach alle glauben, dass sie es getan haben, weil alles es schreiben.

Und das dann auf Geheiß von Wladimir Putin, dessen teuflischer Plan zur Destabilisierung der Ukraine nur während der Fußball-WM eine Pause machte. Kaum sind die deutschen Titelfeiern abgearbeitet und alle Gaucho-Tänze durchdiskutiert, geht es wieder in Vollen von Völkerhass und Sanktionsandrohung. Das Erstaunliche dabei: Bei der Ostukraine handelt es sich um das derzeit sicherlich am besten überwachte Gebiet der Welt, sämtliche Geheimdienste aller Großmächte sind hier vertreten, alle Weltmächte haben die Augen und Ohren ihrer Satelliten hierher ausgerichtet, alle Nachbarstaaten dürften genau hinschauen, was hier passiert und was nicht.

Dennoch ist es beim Absturz von Flug MH17 wie schon im gesamten Verlauf des von Interessengruppen außerhalb des Landes zu einem Bürgerkrieg aufgeblasenen Konfliktes um West- oder Ostbindung: Es wird viel behauptet, viel geglaubt und viel angeprangert. Beweise für die die eigenen Thesen aber legt keine der an der Auseinandersetzung beteiligten Seiten vor. Bis heute hat die Nato nicht schlüssig belegen können, dass reguläre russische Truppen in der Ukraine auf Seiten der Separatisten kämpfen. Ebensowenig konnten westliche Regierungen nachweisen, dass Wladimir Putin selbst in Donesk oder Lugansk befiehlt. In mehr als fünf Monaten haben sämtliche westlichen Geheimdienste keine smoking gun gefunden, die die unmittelbare Steuerung der Revolte im Osten der Ukraine von Moskau aus gerichtsfest macht.

Das kann nicht an der westlichen Fähigkeit liegen, die entsprechenden Beweise zu beschaffen. Die Nato hat zu viel Interesse daran, sie hat die Unterstützung des Regimes in Kiew, sie hat Geld, sie hat die Technik. Wenn es die Beweise nicht gibt, wird das also vermutlich daran liegen, dass diese Steuerung so nicht existiert.

Das könnte eine Blaupause für den Abschuss von MH17 sein. Nur Minuten nachdem der bekannt wurde, waren die üblichen Verdächtigen mit den üblichen Verdächtigungen da. Der ukrainische Präsident Poroschenko und US-Außenminister Kerry beschuldigten Russland direkt, Merkel, Hollande und Cameron unterstellten die direkte Verantwortung Putins.

Beweise aber sind Mangelware auch knapp eine Woche nach der Katastrophe. Obwohl West wie Ost das Kriegsgebiet minutiös überwachen, müssen die an die Meinungsfront entsandten Einpeitscher wie der SPD-Mann Hans-Peter Bartels mit Glauben und Überzeugung argumentieren, statt mit Fakten, die von Satelliten, Awacs-Flugzeugen oder NSA-Abzapfprogrammen aufgezeichnet wurden, Russlands Mitschuld nachzuwesien. "Wir kennen die Flugbahn der Rakete, wir wissen, woher sie kam", behauptet auch US-Außenminister Kerry in der Tradition der großen Schweinerei-Nachweisversuche amerikanischer Regierungen.

Luftbilder, handgemachte Grafiken, Weltraumfotos mit interpretierungsbedürftigen Malereien? Fehlanzeige. Auch Moskau unternimmt keinen Versuch, die behauptete Schuld der Administration in Kiew mit handfesten Belegen zu unterfüttern. Stattdessen Unterstellungen, Behauptungen, Anklagen, ein Meinungskrieg mit Nebensächlichkeiten, bei dem immer deutlicher wird, dass die Beweise entweder nicht existieren oder aber zu schwach sind, um vorgelegt zu werden.

Oder aber ein höheres Interesse beiden Seiten eine Vorlage als unangebracht scheinen lässt. Putin könnte nicht an einer weiteren Destabilisierung der Regierung in Kiew gelegen sein, weil deren andauernde Schwäche ihm bislang schon unangenehme Probleme bereitet. Der Westen wiederum könnte seine justament kurz nach Putins Entscheidung, dem US-Wistleblower Edward Snowden Asyl zu gewähren begonnene Anti-Russland-Kampagne mit Putins demonstrativer Zurückhaltung bei der weiteren Verschärfung des Ukraine-Krieges als Hinweis darauf nehmen, dass die Botschaft, der Kreml müsse sich künftig mehr zurückhalten, in Moskau angekommen ist.

Die Anmerkung zu Putins allerjüngster Teufelei

Montag, 21. Juli 2014

Focus exklusiv: Die meisten Opfer waren schuldig

Die Katastrophe in der Ostukraine erschüttert die Welt. In den Trümmern der Unglücksmaschine von Flug MH17 wurden die Leben von 298 Zivilisten ausgelöscht. Während die Welt noch rätselt, wie es zu dem schrecklichen Flugzeugabsturz in der Ostukraine kommen konnte, veröffentlicht das Nachrichtenmagazin "Focus" auf seiner Internetseite neue Erkenntnisse zu den Hintergründen des barbarischen Terroraktes.

Unter der Überschrift "80 Kinder unter den Toten: Das sind die unschuldigen Opfer von Flug MH17" rechnet die Münchner Redaktion erstmals vor, wie viele der Passagiere und Mannschaftsmitglieder von Flug MH17 zu Recht und wie viele völlig zu Unrecht bei der Tragödie über der Ukraine ums Leben kamen. Von 298 Getöteten sind danach 80 minderjährig und damit unschuldig gewesen, die übrigen 218 hingegen müssen es sich nach Focus-Angaben selbst zuschreiben, dem mutmaßlichen Abschuss zum Opfer gefallen zu sein. Nähere Einzelheiten zur Schuldfrage macht das Magazin nicht.

Brutkästen für den Krieg: Pre-Crime im Nachhinein

Niemand weiß etwas, aber alle wissen Bescheid: Je nach geopolitischer Grundausrichtung haben Regierungen und Medien sich schon wenige Stunden nach dem Absturz des malaysischen Flugzeugen MH17 in der Schuldfrage festgelegt. Deutschland steht dabei selbstverständlich auf der Seite des Guten: "Die Welt ächtet Putin" und die "weltweite Wut auf Putin wächst" dichten Zeitungen landauf, landab, von "Chaos und Willkür" bei den "Arbeiten internationaler Experten an der Absturzstelle" ist die Rede und den Separatisten wird mal der Abtransport "aller Leichen" (FAZ), mal der Diebstahl der Flugschreiber, mal der Versuch, "Granatsplitter aus den Opfern herauszuoperieren".


In der Argumentation, warum Separatisten mit Hilfe des Kreml auf die Boeing geschossen haben sollten, greift die bereits seit Beginn der Krise friedensbewegte Süddeutsche Zeitung zu Erklärmustern aus dem Kalten Krieg. Putin, ein Kriegstreiber, der sich immer wieder eine friedliche Maske aufsetzt, um die Volksmassen in den westlichen Demokratien zu täuschen, strebe keinen Kompromiss an, er wolle "die Ukraine zersetzen, damit sie nicht nach Westen geht. Während Europa verhandelt, rüstet er Rebellen auf."

Die nutzen dann russische Waffensysteme gnadenlos, um holländische Touristen vom Himmel zu holen, argumentieren Bundestags-Hinterbänkler wie der CDU-mann Karl-Georg Wellmann, der vorsichtshalber „sofort harte Sanktionen der Stufe 3 gegen russische Banken und gegen die Öl- und Gas-Industrie“ fordert, noch ehe die Schuldfrage um den mutmaßlichen Abschuss von Flug MH17 überhaupt nur ansatzweise beantwortet ist. Bei seinem CSU-Kollegen Hans-Peter Uhl, der die "pseudo-bürgerrechtsengagierte Hysterie von Pseudo-Computerexperten um ein unzensiertes Internet" für "moralisch verkommen" hält, sieht Parallelen zum libyschen Ex-Diktator Gaddafi. Wenn die Separatisten russische Raketen besäßen, wäre der Abschuss des Flugzeugs über der Ukraine wie der Lockerbie-Anschlag ein Fall von Staatsterrorismus."

Hätte, wäre, wenn: Sicher ist, dass es bislang allen Experten, Politiker und Kolumnisten schwer an Beweisen mangelt. Und das, was sie als Beweise vorführen, "nicht mehr beweist, als dass es offenbar keine Beweise gibt.
So stellte sich ein auf Youtube geladenes angebliches Funkgespräch zwischen Separatisten-Kommandeuren, in dem die sich gegenseitig den Abschuss der MH17 gestehen, als eine plumpe Fälschung heraus wie seinerzeit Saddams blutige Brutkästen: Der Clip war bereits hochgeladen, als MH17 noch in der Luft war.

Ein Fall von Precrime, der die deutschen Leitmedien kein bisschen beschäftigt. Die vom ukrainischen Geheimdienst veröffentlichten Funksprüche der Separatisten gelten nach wie vor als unfreiwilliges . "Eingeständnis eines schrecklichen Irrtums" (Spiegel).

Die wirklichen Hintergründe bei Zerohedge

Sonntag, 20. Juli 2014

Drehrumbum im Gaza-Streifen

"Nach Faustschlag von Spaziergänger: Wütende Straßenräuber verprügeln Mann im Stadtpark", beschreibt das ehemalige Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" eine Szene, die sich in der vergangenen Woche in einem Freizeitpark unmittelbar am Verlagshaus des Leitmediums in Hamburg abgespielt hat. Dabei war ein Spaziergänger von Straßenräubern überfallen worden. Als sich der Mann mit Faustschlägen wehrte, versuchten die Täter, ihn zusammenzuschlagen.

Für die "Spiegel"-Redaktion ist der Betroffene damit selbst schuld. Durch seinen Widerstand gegen den Überfall habe er die Täter provoziert und sie durch seinen physisch geäußerten Unwillen, den Überfall zu dulden, gezwungen, ihn zu misshandeln. Niemand, der seine Brieftasche, sein Handy oder sein Leben und das seiner Angehörigen auf eine solche Art schütze, dürfte damit rechnen, militante Täter abzuschrecken. Ganz im Gegenteil: Er fordere eine gewalttätige Reaktion geradezu heraus.

Das Erklärmuster, das der "Spiegel" hier erstmals auf innerdeutsche Kleinkriminalität anwendet, folgt damit dem klassischen Muster, das von den deutschen Medien seit Jahren erfolgreich im Nahost-Konflikt verwendet wird. Beim subkutan antisemitisch grundierten leitjournalistischen Nachrichtenprinzip "Reactio - Actio" wird der zeitliche Ablauf des Geschehens verbal einmal um sich selbst gedreht und die Ereigniskette konsequent von hinten erzählt, bis sich die Verantwortung für die Geschehnisse vom Täter lösen und eine Übertragung auf das Opfer stattfindet.

Immer hat Israel im Leadsatz "Raketen auf den Gazastreifen abgeschossen" und damit soundsoviele Menschen inklusive soundsoviele Kinder verletzt und getötet, ehe bekanntgegeben wird, dass Hamas-Kämpfer zuvor "Kassam-Raketen auf Israel abgeschossen" hatten, auf die Israel mit seinen Angriffen nur reagierte. Hängen bleibt, was hängenbleiben soll: Der Überfallene hätte sich seine Reaktion besser überlegen sollen. Der Böse ist der, der zurückgeschossen hat.

Die Achse des Guten erklärt den Konflikt
Klassisch erzählt: Wie die Süddeutsche Zeitung sich ihren eigenen Krieg strickt

Endlich: Einheitsdenkmal für Leipzig

Die Heldenstadt Leipzig tat sich lange schwer mit ihrem Heldendenkmal für die Frauen und Männer, die 1989 die zweite deutsche Diktatur hinweggefegt hatten. Aber der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier war dafür, Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) auch, und der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) sowieso: Leipzig, die Stadt der Friedensgebete und Montagsdemonstrationen, die eine so wichtige Rolle im Herbst 1989 gespielt hat, sollte ein Freiheits- und Einheitsdenkmal erhalten – und zwar am 25. Jahrestag der Friedlichen Revolution in diesem Oktober.

Es sollte neben dem geplanten Denkmal in Berlin das zweite nationale Einheitsdenkmal werden und damit weit vorn liegen, ehe noch weitere Städte, die eine bedeutende Rolle gespielt haben, sich eigene Denkmäler zulegen. Nach langem Streit über die Entwürfe und juristischen Querelen hat sich der Leipziger Stadtrat jetzt endlich für einen vorläufigen Entwurf für das Denkmal entschieden - mit überraschendem Ergebnis.

Unter den 38 eingereichten Vorschlägen siegte dabei nicht der bisher favorisierte bunte, verspielte Entwurf "Siebzigtausend" von M+M/München und Annabau/Berlin, der erstmals bunte Würfel zum Wegtragen denkmalfähig machen wollte. Auch mit einem Vorschlag, nach dem eine in den Boden eingelassene Steintafel mit den Namen aller 17 Millionen Demonstranten aus dem Herbst 1989 am Standort des Denkmals auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz an die Ereignisse erinnern sollte, wurden die Leipziger nicht warm.

Stattdessen soll das "zentrale Nichts Leipzigs" (LVZ) mit einem Einheitsdenkmal klassischen Zuschnitt gefüllt werden. Der Entwurf des kleinen Ingenieurbüros Mangelan und Wisseberg aus Gröbzig beim Köthen setzt auf eine Kombination aus grünem Rasen und spitz zulaufenden Betonstelen, in denen das Berliner Holocaust-Denkmal unübersehbar widerhallt. Das Konzept überzeugte: Die Grasflächen ständen für den unbezwingbaren Freiheitswillen des Volkes, die Betonteile für den Versuch des SED-Staates, die Menschen einzuhegen. Ein Pfad dazwischen zeigt den schmalen Grat an, auf dem die Machtverhältniss balancierten. Die Anspielung auf das Holocaust-Denkmal in Berlin stehe für die Verbindung zur gesamten deutschen Geschichte.

In der Stadt überzeugte das Konzept. Mit der Nikolaikirche, dem Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen, gebe es in der Stadt bisher nur einen lebendigen Erinnerungsort, hieß es. Zudem seien Bund und Freistaat Sachsen bereit, 6,5 Millionen Euro für das Denkmal bereitzustellen, so dass man das Geld auch annehmen müsse, um Leipzigs Mitte einen neuen Anziehungspunkt auch für auswärtige Touristen zu verleihen. Oberbürgermeister Burkhard Jung, stets einer der größten Befürworter des Denkmals, sagte: "Ich bin froh, dass wir jetzt einen Punkt setzen können und auf der anderen Seite ganz fest entschlossen sind, dass wir diese einmalige Chance nicht vorbeigehen lassen dürfen, ein solches Denkmal in Leipzig zu errichten."

Samstag, 19. Juli 2014

NSA-Affäre: USA verzeihen Deutschland

Wieder Freunde: Merkel hat sich bei Obama entschuldigt.
Erstmals seit Beginn der jüngsten Spionage-Affäre haben die deutsche Kanzlerin und der amerikanische Präsident wieder miteinander telefoniert. Angela Merkel entschuldigte sich dabei bei Barack Obama und versprach, dass Deutschland die Notwendigkeit einer verbesserten Geheimdienstarbeit auf deutschem Boden einsehen werden.

Nach Angaben des Weißen Hauses ging es in dem Gespräch zudem um die Fortsetzung der Ukraine-Krise und die laufenden Atomverhandlungen mit dem Iran, aber auch um die geplante deutsche Zuarbeit für die amerikanischen Geheimdienste. US-Präsident Barack Obama äußerte sich demnach zufrieden mit der deutschen Position, öffentlich empört über die Ausspionierung führender Regierungsvertreter zu sein, intern aber dafür zu sorgen, dass die Geheimdienstkooperation weiter verbessert und ausgebaut werden kann.

Zwischen Berlin und Washington herrscht Einigkeit: Die Bundesanwaltschaft ermittelt zwar gegen je einen Mitarbeiter von Bundesnachrichtendienst (BND) und Verteidigungsministerium wegen des Verdachts auf Spionage für die Vereinigten Staaten, doch das Verfahren wird nach angemessener Zeit ergebnislos eingestellt werden. Das hat Angela Merkel Obama in die Hand versprochen, als sie sich zuletzt bereits einmal bei ihrem US-Kollegen für das Vorgehen der deutschen Behörden entschuldigen musste.

Obama sah zuvor die gemeinsamen Grundwerte in Gefahr, unter starken Druck der Öffentlichkeit musste die Bundesregierung sogar so tun, als hätten deutschen Dienste nicht einmal geahnt, dass ihre US-Kollegen hierzulande auch dienstlich tätig werden. In Absprache mit dem Weißen Haus forderte die Bundesregierung zuletzt einen Vertreter des amerikanischen Geheimdienstes CIA in Deutschland zur Ausreise auf. Washington reagierte darauf wie vereinbart verstimmt, so dass die Bevölkerung den Eindruck bekam, Deutschland ziehe jetzt andere Seiten auf.

Deutschland erwägt Exportverbot für die USA

Nach dem Auffliegen eines Exportskandals, bei dem der deutsche Waffenhersteller Sig Sauer über Jahre hinweg Pistolen in die USA verkauft hatte, von wo sie nach Kolumbien weitergereicht worden waren, steht die Bewertung der amerikanischen Partner als sicheres Ausfuhrland vor einer Neubewertung. Die Exporte von rund 65.000 Pistolen vom Typ SP 2022 in die USA hatte das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle nicht genehmigen müssen. Das US-Verteidigungsministerium hatte dafür 28,6 Millionen Dollar gezahlt, die Waffen aber anschließend nach Kolumbien exportiert, wie das kolumbianische Verteidigungsministerium gegenüber der Zeitung "El Tiempo" bestätigt hat. Das wäre genehmigungspflichtig gewesen.

Der Ärger über den Nato-Partner ist deshalb groß. "Es gibt eine Gruppe von 'grünen Ländern', in die man problemlos exportieren kann - das sind alle Länder, die in der Europäischen Union oder in der NATO sind", erläutert Christian Mölling, Experte für Rüstungspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Kolumbien gehört nicht zu diesen Staaten, deshalb hatte die Staatsanwaltschaft Kiel vor einer Woche Ermittlungen gegen Sig Sauer eingeleitet. Es besteht der Verdacht, dass US-Behörden Dokumente ausgestellt haben, mit denen ein Verkauf an den Nato-Allianzpartner beglaubigt werden sollte, obwohl die Pistolen von vornherein für die kolumbianische Polizei bestimmt gewesen seien.

Nach aufwendigen Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", die zuletzt immer wieder in einem öffentlich-rechtlich-privaten Enthüllungskartell zusammengearbeitet hatten, finden sich in internen Firmendokumenten zahlreiche Belege dafür, dass der Waffenproduzent aus Schleswig-Holstein wusste, dass die Waffen an die USA gehen und von dort an die kolumbianische Polizei weitergeleitet werden sollten. Nach deutschem Recht wäre dieses Wissen genehmigungspflichtig gewesen. Für Kolumbien hatte die Bundesregierung zuletzt Rüstungslieferungen im Umfang von rund 18,6 Millionen Euro genehmigt, vorwiegend für Kriegsschiffe. Deutschland liefert ansonsten grundsätzlich keine Waffen nach Kolumbien, da dort seit beinahe 50 Jahren ein Bürgerkrieg herrscht.

In Kolumbien weist man jede Schuld von sich: Der Import sei auf legalen Wegen über das amerikanische FMS-System (Foreign Military Sales) verlaufen, das Waffenverkäufe unter Regierungen ermöglicht. "Wenn in Deutschland Aufklärungsbedarf besteht, dann liegt es an den USA, zu antworten", zitierte "El Tiempo" kolumbianische Regierungsquellen. Neben Sig Sauer rücken nun auch die US-Behörden ins Visier, deren einspringen als Zwischenhändler die Lieferung nach Kolumbien erst ermöglichte. Die so genannten politischen Grundsätze der Bundesregierung sehen für einen Fall, in dem wissentlich falsche Angaben gemacht wurden, vor, diesen Empfängerstaat "grundsätzlich" von weiteren Lieferungen auszuschließen. Berlin gehe aber davion aus, dass die USA nicht wissentlich gehandelt hätten. Die Bundesregierung plane, sich für die Unklarheiten zu entschuldigen.

Freitag, 18. Juli 2014

Der Himmel über Halle XLVI: Hitler im Himmel

Seit Jahren schon ist die ehemalige mitteldeutsche Chemiemetropole Halle bekannt für ihre ebenso aufwendigen wie teuren Himmelsinstallationen. Ungeachtet der immensen Kosten bietet die Stadtverwaltung ihren Bürgern und ihren Gästen Himmelsbilder, die sogar Weltmetropolen farblos aussehen lassen:Mal rotblond undmal preußisch-blau, mal in tiefdunkler Nacht und in Zusammenarbeit mit führenden Chemtrails-Herstellern gelingt es den Verantwortlichen seit Jahren, den wenigen verbliebenen Menschen in der Region künstliche Himmels-Illuminationen als Licht am Ende des Tunnels zu verkaufen, ohne damit zusätzliche Einnahmen für die leeren Kassen zu generieren.

Jetzt aber hat sich die mit der Anfertigung der Himmelszeichnungen betraute Spezialfirma aus dem umliegenden Saalekreis, die auch schon in Weltstädten wie Madrid im Einsatz war, völlig vergaloppiert. Beim Versuch, den deutschen Weltmeistertitel mit einem stilisierten Ortansässigen zu feiern, der freundlich Richtung Rio winken sollte, geriet die vom ehemaligen NVA-Piloten Sandro Wolff aus einer riesigen Watte-Wolkenbank gefräßte Hallenser-Figur augenscheinlich völlig außer Kontrolle. Besonders empörend nach dem gerade überstandenen #gauchogate: Die Cumulus-Wolke nahm durch bisher nicht geklärte Umstände die Form eines betrunkenen Tschechen an, der im Dezember 2012 in München von der Bundespolizei festgenommen worden war, nachdem den "Hitlergruß" (Anführungsstriche dpa) am Hauptbahnhof der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung gezeigt hatte.

Der rechte Popanz zeigt damit erstmals seit Jahren wieder seine hässliche Fratze, auf die Straße der Gewalt fällt ein hässlicher Schatten. Schon warnen bürgerschaftlich engagierte Vereine, dass Investoren für eine weitere Renaturierung der weitgehend entleerten ostdeutschen Prärien nun noch schwerer zu finden sein dürfen.

Hitlergruß ist Kunst: Rabatt auf rechts
Zeitleiste Hitlergruß: Aufschwung seit 1960

Entropie wie nie: Ukraine-Krieg in der Medienfalle

Es war dann doch wieder wie immer. Kein Zeitenbruch rund um die Ukraine-Krise, keine neue Ära, nur neue Themen, die alte verdrängten: Im März kannten die deutschen Medien nur ein einziges Beschäftigungsfeld, es hagelte Kriegsberichte, Russenhetze und Putin-Hass. Ehe der April zwar keine Beruhigung der Lage, aber eine erste Rücknahme der Aufgeregtheitsfrequenz und Mai und Juni schließlich eine Normalisierung von Tonart und Lautstärke der Berichterstattung brachten, ehe dann ein abgeschossenes malayisches Flugzeug über der Ukraine zumindest kurzeitig wieder Betrieb in die Sache brachte.

Das Muster ist aus den Sarrazin-Kriegen ebenso bekannt wie aus den Tagen der tödlichen Ehec-Seuche, bei der viele Tote nie wieder richtig gesund wurden, der begleitende Presselärm aber nach wenigen Wochen abrupt verstummte.

Der Medienwissenschaftler Hans Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale hat den medialen Umgang mit anhaltenden Krise in der Ukraine untersucht und sieht hier ein neues Beispiel für das seit Jahren grassierende Themensterben in der deutschen Medienlandschaft. Mit nur sieben Emp, einer von Achtelbuschers Expertenteam ersonnenen Einheit für einheitliche Empörung, habe die größte Friedensbedrohung seit dem Ende der Balkan-Kriege weniger Haltbarkeit gehabt als seinerzeit das Sarrazin-Buch erreichten konnte, analysiert der ausgebildete Entroposoph. Dies beweise die von seinem Team bereits vor Jahren dargelegte These, dass es überhaupt nicht darauf ankomme, "wie wichtig ein Thema wirklich ist, sondern vor allem darauf, wie es sich medial vermitteln lässt."

Die Ukraine habe das Publikum anfangs zwar aufgewühlt, doch schon nach wenigen Wochen sei eine Ermüdung der Aufmerksamkeit feststellbar gewesen. Schlagzeilen aus Kiew rückten in den Nachrichtensendungen nach hinten, sich widersprechende Meldungen zur Frage, wer allein Schuld an der Misere ist, verschreckten selbst prinzipiell an weiteren Nachrichten interessierte Zuschauer und Leser. Achtelbuscher analysiert glasklar: "Das ist dann immer der Punkt, an dem man in den Redaktionsstuben sagt, was gibt es denn sonst noch Schönes?"

Fußball war es, die WM, der nationale Rausch und Jogis Jungs. Die Montagsdemos verschwanden von den Straßen und aus den Kommentarspalten, die EU spielte keine Rolle mehr, die große Krise wurde ausgeblendet und Jogi übernahm sämtliche frei werdenden Plätze. Kritik an dieser Art des Themenaustauschs weißt Achtelbuscher entschieden zurück. Man habe es hier nicht mit der Willkür willfähriger Erfüllungsgehilfen einer verdeckten Regierungspropaganda zu tun, auch wenn die Zurückhaltung der führenden Repräsentanten in Sachen Ukraine zuletzt auffallend gewesen sei. Vielmehr, beschreibt Hans Achtelbuscher, sei hier ein Wirkprinzip der Aufmerksamkeitsökonomie am Werk: Nach dem Grundgesetz der Mediendynamik seien Großereignisse gezwungen, einander abzulösen. Gebe es keine, würden diese wie Großereignisse behandelt. "Wir werden das in den kommenden Wochen sehen". prophezeit der Experte.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Tiefschlag zum Geburtstag: Merkel ist nicht beliebt



Was für ein Schock ausgerechnet zum Ehrentag! Wenige Tage nach dem geständnis des ZDF, dass nicht Mozart, sondern die Rockgruppe Böhse Onkelz aus einer Umfrage des Staatssenders nach den beliebtesten deutschen Muskschaffenden als Sieger hervorgegangen war, musste der Sender jetzt auch einräumen, dass er eine weitere Umfrage nach "Deutschlands Besten" zugunsten der Bundeskanzlerin manipuliert wurde. Nach Angaben des ZDF waren die Gewinner der Sender-eigenen Online-Umfrage und des „Hörzu“-Leseraufrufs in der Show nicht berücksichtigt worden, gezählt wurde nur eine Forsa-Umfrage, deren Ergebnisse allerdings zuvor auch manipuliert worden waren.

Das ZDF hatte damit bezweckt, nur politisch korrekte Sieger ehren zu müssen, die zugleich noch Zeit für einen Live-Auftritt hatten. Der Kanzlerin wollte man den ersten Platz zum Geburtstag schenken - das war im Rahmen einer gemeinsamen Aktion mit der Bild-Zeitung unter dem Motto "Kinder, Politiker und Beamte malen und singen für die Führerin" so vereinbart worden.

Das Kanzleramt dementierte gestern, etwas von dem Schummel-Skandal gewusst zu haben. Auch die Mal- und Sing-Aktion, die sich an bedeutenden historischen Vorbildern orientiert, habe man nicht initiiert. Im politischen Berlin wird die kleine Schummelei veruretilt, gleichzeitig aber gibt es viel Verständnis für Programmchef Norbert Himmler (nicht verwandt oder verschwägert). Der Sender habe wohl so handeln müssen, um bestimmte Leute nicht ins Studio einladen zu müssen.


Eulenfurz gratuliert

Nach Gaucho-Dance-Schande: Weltmeister tritt zurück

Nichts aus der Geschichte gelernt und das auch noch öffentlich! Nach der Schande des „Gaucho-Dance“-Skandals hat der Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes Konsequenzen gezogen: Deutschland tritt als Weltmeister zurück, Pokal und vierter Stern werden nach Argentinien geschickt. Bundespräsident Joachim Gauck selbst wird Bundestraioner Löw und DFB-Chef Niersbach auf ihrer heiklen Mission begleiten, den unabsehbaren Schaden, den Deutschland durch die Schmähgesänge eines Teil der ehemaligen Weltmeistermannschaft vor den Augen der Zuschauer auf der ganzen Welt genommen, wiedergutzumachen.

Dazu will die hochrangige Delegation, zu der auch „Blutkriger“ Bastian Schweinsteiger und der frühere Mannschaftskapitän Philipp Lahm stoßen werden, in Südamerika Demut zeigen. Bei der Fifa werde ein Antrag gestellt, das 7:1 gegen Brasilien aus den Annalen zu löschen. Der im Endspiel durch einen Bodycheck eines Argentiniers verletzte deutsche Spieler Kramer will sich bei seinem Gegner dafür entschuldigen, nicht aus dem Weg gegangen zu sein. Auch Schweinsteiger erklärte, dass es ihm inzwischen leid tue, nach der blutenden Verletzung im Gesicht nicht einfach liegengeblieben zu sein, um der Welt zu beweisen, dass Deutschland grundsätzlich aus seiner Geschichte gelernt habe.

Bei kommenden Weltturnieren will die DFB-Auswahl alles besser machen. Bei der Nationalhymne, bei der bisher immer noch mehr als die Hälfte der Mannschaft mitgesungen hatte, wollen sich die übrigen Spieler jetzt am Beispiel von Khedira, Özil und Boateng orientieren und schweigen. Gefeiert werden solle nur noch mit Händen in der Tasche, ohne Fahnen und Geschrei. "Das können andere Nationen ohnehin besser", hieß es beim DFB in Frankfurt.

Im Namen der Mannschaft gab der wegen der Vorfälle auf der Fanmeile vor dem Rücktritt stehende Mannschaftskapitän Lahm eine Erklärung ab, wonach es „im Nachhinein nicht richtig erscheint, dass wir als Deutsche 100 Jahre nach dem Beginn des 1. Weltkrieges und 75 Jahre nach Beginn des 2. Weltkrieges Weltmeister geworden sind“.

Argentinien, das als neuer Titelträger einspringt, hat die Entschuldigung aus Deutschland inzwischen angenommen. Auch Fifa-Präsident Sepp Blatter zeigte sich zufrieden. Er sei von der Entscheidung „etwas überrascht“ worden, billige sie aber.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Russenattacke auf Friedenskanzlerin

Neue Ukraine-Offensive von Putins Online-Schergen! Russen greifen unsere Kanzlerin an! Auf Angela Merkels offizieller diplomatischer Vertretung beim amerikanischen netzwerk Facebook erleben "Fans der Angela Merkel-Seite" (CDU-Online-Redaktion) "zurzeit einen Spam-Angriff, der alle Beiträge mit bestimmten Kommentaren flutet". Mit Einträgen wie "DankeFrauRibbentrop!!!!!", "stop Putin !!!!!", "Angela Kaput!" oder "#SaveDonbassPeopleFromUkranianArmy" versuchen offenbar bezahlte Kreml-Agenten im Gewand von ukrainischen Freiheitskämpfern, den beliebten Treffpunkt von Merkel-Anhängern im Internet sturmreif zu schießen.

Besonders frech: Statt sich wie bisher hinter der Fassade von Montagsdemonstranten, Rechtsextremen und Eurokritikern zu verstecken, bekennen Алексей Телицын, Viktoria Honchar, Artur Moskalenko und Maxim Prikhodko offen Farbe für den Despoten im Kreml. So verlinkt eine angebliche Ilona Koshelenko einen Blog des kommunistischen Hetzblattes Prawda, ein anderer Poster, der sich "Юлия Пинчук" nennt, propagiert in tendenziöses Video eines früheren Sowjet-Kämpfers und ein vermeintlicher "Ryan Mohem" verspottet die Kanzlerin mit dem Kommentar "ich liebe dich Angela, du bist mein Held", ein angeblicher Dozent einer angeblichen deutschen Universität mit dem angeblichen Namen Manfred Görke schreibt aufgebracht: "Dreck will unseren Wohlstand..verpisst euch!"

Die CDU-Online-Redaktion scheint überfrodert von der "Nazi-Spam-Attacke" (Die Welt) aus dem Osten. "Wir bedauern, dass dadurch andere Kommentare, die sich auf die einzelnen Beiträge beziehen, in der Masse der Kommentare untergehen" heißt es lapidar. Man behalte sich aber vor, Beiträge zu löschen, die gegen geltendes Recht verstoßen oder etwa Beleidigungen, Verleumdungen, Rassismus oder politischen Extremismus enthalten. Ob der auch von Oleksandr Voitiuk geschriebene Einwurf "DankeFrauRibbentrop! la-la-la-la-la-la" oder Nicola Ostafiychuks Hinweis "Signiora Merkel perché ha tradito popolo Ukraino!" unter diese Rubrik fallen, wird in der CDU-netzzentrale derzeit geprüft. Sicher aber scheint, dass "Putin huylo la la la la la la la" und "If Europe would not interfere Ukrainians would hate EU" darunterfallen.

Siegreiche Truppe begeistert gefeiert

Wieder Riesenauflauf beim Empfang siegreich zurückkehrender deutschen Truppen, aber am Ende eine peinliche Rückkehr des Expeditionskorps aus Brasilien vor dem Brandenburger Tor: Nach elfstündigem Flug und einer ausgiebigen Fahrt im offenen Lastwagen durch Berlin hat sich die Weltmeister-Mannschaft um Trainer Jogi Löw auf der Fanmeile am Brandenburger Tor von enthemmten Fernsehreporter, einer Sängerin ohne Mikrophon und notorischen Partyhanseln wie DJ Ötzi und Oliver Pocher feiern lassen.

Hunderttausende hatten vorher stundenlang ausgeharrt, um die frischgebackenen Weltmeister zu sehen. Die betraten dann gegen Mittag endlich eine originellerweise mit grünem Kunstrasen belegte Bühne. Zuvor hatten sie sich nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ noch ins "Gästebuch der Stadt Berlin" eintragen müssen. Das ist in der ehemaligen DDR-hauptstadt Vorschrift für Besucher. Umjubelt von der Menge, die stundenlang vor der mit unzähligen Sponsorenlogos ausgestatteten Bühne ausgeharrt hatte, stürmte zuerst das Trainerteam auf die Bühne, gekleidet in trauerschwarze T-Shirts mit einer großen Eins auf der Brust, die symbolisieren sollte, dass Deutschland wieder weltweit Nummer 1 ist. "Ohne euch wären wir nicht hier! Ihr seid alle Weltmeister", rief Joachim Löw.

Dann kam die Mannschaft in Sechsergruppen auf die Bühne, so wie sie wochenlang in den Bungalows des WM-Camps kaserniert gewesen war. Leicht übernächtigt und heiser ließen sich die Spieler von den Zuschauern bejubeln, wobei es zeitweise schien, als wüssten weder die einen, weshalb sie hier sind, noch hätten die anderen eine Ahnung, was das alles soll. Die Weltmeister stimmten aus lauter Verlegenheit selbstausgedachte Lieder an und machten dabei zum Beispiel ihre Endspielgegner aus Argentinien mit einem gebückt gesungenen "So gehen die Gauchos" verächtlich. Aufrechtgehend sangen sie "So gehen die Deutschen" - Kritiker bemängelten, dass Gegner niemals verhöhnt werden dürften. damit werde die empfindliche argentinische Fußballerseele über Gebühr strapaziert.

Julian Draxler sang dennoch "Großkreutz, rück den Döner raus", Lukas Podolski trug eine polnische Flagge als Schleppe, Bastian Schweinsteiger rief "Die Nummer eins der Welt sind wir". Anschließend bezeichnete der Blutzeuge des Finales den WM-Pokal als „Scheißding“. Der Tiefpunkt der Stimmung aus der Party-Sprühdose war erreicht, als die Schlagersängerin Helene Fischer dazu ansetzte, ihren als Endstatium der Schlagerevolution geltenden Song "Atemlos durch die Nacht" stimmlos in die Berliner Luft zu krähen. Wegen der Misstöne bildeten die Weltmeister zunächst spontan einen Kreis um Fischer, um die Sängerin vor einem wütenden Mob aus eventuell anwesenden Musikliebhabern zu schützen. Als dieser sich nicht zeigte, entlud sich ihre Erleichterung in einer Polonaise über die Bühne.

Miese Missetäter


Darf man das sagen? Darf man am antikapitalistischen Ressentiment rühren? Man darf, hin und wieder:

"Strafen haben den Zweck, den Missetäter zur Wiedergutmachung der Folgen seiner Taten zu bringen und ihn von abermaligem Fehlverhalten in der Zukunft abzuschrecken. Die den Banken auferlegten Strafen verringern aber in erster Linie die Gewinne und haben weniger Folgen für die verantwortlichen Manager und Mitarbeiter. Sie treffen vor allem die Aktionäre. "

Dienstag, 15. Juli 2014

Schulz: Selbstgespräche am Online-Kamin

Als große neue Stimme unter den Online-Zeitungen zeigt die Huffington Post knallhart Kante: Die deutsche Tochter der US-Mutter wagt sich an ganz heiße Eisen, sie lässt ihre Volkskorrespondenten nicht nur abschreiben, sondern geht die Mächtigsten der Welt inzwischen auch mal direkt an. Wie etwa Martin Schulz, den gescheiterten europäischen Spitzenkandidaten der deutschen Sozialdemokratie, der nach Wochen der Selbstsuggestion, es könne doch noch zum Kommissionspräsidentenposten langen, mittlerweile völlig abgetaucht ist. Schulz ist wieder Parlamentspräsident, er kassiert wieder Tagegelder und schweigt ansonsten fein still.

Bis er jetzt mit der Huffington Post sprach. Oder nicht? Deren „Web-Team Europaparlament“, das als Interview-Partner von Schulz genannt wird, hat nämlich ein äußerst interessantes Kunststück fertiggebracht: Das Protokoll des Gespräches mit Schulz ist wortwörtlich identisch mit einer Pressemitteilung, die das Europaparlament über seinen Pressedienst herausgegeben hat. Entstanden ist diese Interview-Werk zu Grundsatzfragen der europäischen Einigung vermutlich auf die übliche Art: Schulz, seit exakt zwei Wochen in keiner deutschen Zeitung mehr erwähnt, hat es mit sich selbst geführt.

Schurkenstaat Russland: Tagesspiegel schreibt Geschichte neu

Jüngst erst schlug die Stunde der Praktikanten beim Staatssender Phoenix. "Der Atomunfall von Fukushima", so orakelte ein Moderator der Ereignisstation, sei "die größte Katastrophe" gewesen, die "Japan jemals getroffenn hat". Der Atomunfall. Nicht der Tsunami mit sechzehntausend Todesopfern. Auch nicht die beiden Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, an die sich ältere Zuschauer noch erinnern. Sondern der Atomunfall, den die frühere Grünen-Frontfau Claudia Roth schon immer hatte zur ultimativen Menschheitskatastrophe umdeuten wollen.

In Deutschland ist das einfach, wie die Hauptstadt-Zeitung "Tagesspiegel" gern auch in persönlichen Briefen an ehemalige Abonnenten zugibt. Einer langjährigen Leserin, die sich bei der Redaktion über deren straffen Kriegskurs in der Berichterstattung um die Ukraine-Krise beschwerte, offenbarte Herausgeber Gerd Appenzeller auf der Suche nach einer Begründung für die fortgesetzte Scharfmacherei in den Reportagen und Kommentaren des Qualitätsblattes freimütig gleich sein komplettes Unwissen über die jüngste Geschichte. "Russland hat als erster Staat nach dem Ende des 2. Weltkrieges mit der Besetzung der Krim gewaltsam die Grenze eines Landes verändert", schreibt der fantasiebegabte Spezialist für transatlantische Beziehungen grammatikalisch etwas verschroben, inhaltlich aber eindeutig.

Schurkenstaat Russland! Appenzeller, 1943 geboren, hat doch glatt vergessen, was da noch alles war. Die Jugoslawienkriege etwa, in denen Slowenien, Kroatien, Serbien und Bosnien ihre Grenzen mit Unterstützung der Nato oder gegen den Widerstand gewaltsam verschoben oder zu verschieben versuchten. Fast eine Vietelmillion Menschen starben, ehe alle Grenzen gewaltsam neu zurechtgerückt waren.

Vergeben, vergessen. Ebenso wie der Kosovokrieg, bei dem aus einem Stück Serbien ein eigener Staat mit eigenen Grenzen wurde. Oder der Mazedonienkrieg, in dessen Folge 170.000 Menschen aus den überwiegend albanisch bevölkerten Grenzgebieten zu Kosovo vertrieben wurde. Oder Transnistrien-Konflikt, der zur Abspaltung eines Gebietes von Moldawien führte - inklusive neuer Grenzen. Oder den Krieg um Bergkarabach, in dem armenischen Truppen Teile von Aserbaidschan okkupierten. Oder die Belagerung von Zchinwali durch georgische Nationalisten im Georgisch-Abchasischen Krieg, an dessen Ende eine Bevölkerungsmehrheit in einem Referendum für die Unabhängigkeit Südossetiens von Georgien und den Anschluss an das zu Russland gehörende Nordossetien votierten - inklusive neuer Grenzziehung.

Der Qualitätsjournalist Gerd Appenzeller weiß es nicht. Und er hat offensichtlich auch kein Bedürfnis, nachzuschlagen. Nichtwissen macht vieles einfacher, vor allem für Handlungsreisende in Propaganda. Wer Kritiker der anti-russischen "Tagesspiegel"-Offensive als dumme "Opfer russischer Propaganda" bezeichnen will, lebt gut mit einer Geschichte, die es so nie gegeben hat. Das passt dann, um Gerd Apppenzeller zu zitieren, auch gut mit dem "Tagesspiegel" zusammen.