Google+ PPQ

Sonntag, 26. April 2015

Wenn schon schweigen, dann nach der Uhr

Deutschland in Trauer, das ist immer ein Deutschland im Symbolschock. Der Bundestag erhebt sich, der Bundespräsident kniet nieder. Fahnen auf halbmast, Disco erst ab Mitternacht. Bei Günter Jauch zeigte sich das Elend der deutschen Erinnerungskultur in einer Sendung, bei der der ostdeutsche Hobbykapitän Harald Höppner unabgesprochen zu einer Schweigeminute für die Opfer der jüngsten Schiffskatastrophen im Mittelmeer aufrief.

Jauch, der mit allen Quotenwassern gewaschene Journalistendarsteller, stotterte. Heribert Prantl, der zuvor seine kruden Schuldthesen hatte verbreiten dürfen, schaute betroffen. Roger Köppel, eigens aus der Schweiz importierte Besetzung der realpolitischen Position in der Diskussion, machte eine Leichenbittermiene. Hans-Peter Friedrich, in allerlei Posten zuverlässig gescheiterter Politiker, strahlte über beide Feistbacken. Dann schaute Harald Höppner auf seine Uhr. Wenn Deutschland gedenkt, dann pünktlich und exakt.

Der Saal erstarrt. Alles steht. Gebannt schaut die Fernsehnation auf den Mann mit dem angewinkelten Arm. Entschleunigung total. Gedenken im Pausenmodus. Die Uhr tickt. Zeitdilatation als gelebte Fernsehpraxis. Zeit ist Geld. "Sie müssen nicht auf die Uhr schauen", sagt Günter Jauch.

Nach 42 Sekunden ist die Schweigeminute beendet.

Genozid: Was lange währt, wird Mut

Es war das über Jahrzehnte das am besten gehütetste Holocaust-Geheimnis deutschlandweit, ein Jahrhundertverbrechen, das im Dunklen blieb, von Politik und Medien ebenso totgeschwiegen wie vom Bundestag, der selbst zu runden Jubiläen des grauenhaften Geschehens keine Sekunde Zeit fand dem Schrecken zu gedenken und an die eigene Verantwortung zu erinnern.

1948 bereits war der Völkermord an den Armeniern, begangen vom Osmanischen Reich, als Völkermord bezeichnet worden. Deutschland reagierte auf die amtliche Einstufung mit derselben Ignoranz, mit der das für zahlreiche Menschheitsverbrechen verantwortliche größte europäische Land bis heute mit den Verbrechen an den australischen Aborigines und an den nordamerikanischen Indianern umgeht: Deutschland schwieg.

Erst 90 Jahre nach dem Beginn der Massaker, zuverlässig waren nun sämtliche direkt Beteiligte tot, hub im Bundestag ein zaghaftes Erinnern an, das dem Paradoxon des Unerinnerbaren folgt: Was der Mensch nicht selbst erlebt hat, kann er nicht erinnern, auch nicht, wenn er davon gelesen hat, weil seine ganze Erinnerung dann zwangsläufig daraus besteht, dass er gelesen, nicht, dass er erlebt hat.

Gerade dann aber erinnert der Mensch sich am liebsten, denn in diesen Situationen bleibt er in seiner Erinnerung emotional unbeteiligt. Der Bundestag, eine Art deutsches Haupterinnerungsorgan, ließ dem ersten Erinnern an den Völkermord an den Armeniern denn auch nur zehn Jahre nach der Premiere ein zweites folgen - noch mutiger diesmal, denn nach noch einem Jahrzehnt mehr vergangener zeit traute sich die höchste deutsche Volksvertretung nun sogar, das im ersten Anlauf noch "Massaker" genannte Morden knallhart "Völkermord" zu nennen.

Welch tapfere Tat von Bundespräsident Joachim Gauck, sich so zu äußern! Und das trotz der Drohung der mächtigen Türkei, Deutschland alle Liebe und Zuneigung zu entziehen! "Ein Mann, ein Word - Völkermord2, schreibt die "Welt", die immerhin schon 2002, knappe 87 Jahre nach den Ereignissen und 13 Jahre vor dem Bundestag vom Völkermord an den Armeniern berichtet hatte. Die Frankfurter Rundschau, den Völkermord von 1915 auch schon 2005 erstmals anprangerte, assistiert geradezu verwegen: "Das klare Wort ist Pflicht!"

Das lässt das Beste für die Zukunft hoffen, da geht noch mehr, da kann noch nachgelegt werden. Schon 2094 könnte der Bundestag die Ermordnung von 800.000 Hutu durch Tusi einen Völkermord zu nennen. Die "Vernichtung des roten Mannes“ (Siegfried von Nostitz) in Amerikakönnte schon anno 2059 zum 200. Jahrestag des Beginns der Ermordnung von zwei dritteln der amerikanischen Ureinwohner zum Thema in Hohen Haus werden. Das mahnende Gedenken an den Genozid, den die britische Kolonialmacht an etwa 90 Prozent der Aborigines beging, ist leider schon verpasst: 2011 hätte der Bundestag den Australiern die Leviten lesen können.

Samstag, 25. April 2015

Zitate zur Zeit: Griechische Mythen

Noch mehr Hilfe wird es nicht geben.

Martin Schulz, Präsident Europarlament, 4. August 2012

Fracking: Verrutschte Maßstäbe


Nein, auch das Bild nebenan stimmt nicht. Nein, auch in der langstreckten, tief nach unten reichenden Grafik ist der Maßstab verschoben, zu kurz ist das Bild, zu nahe der Oberfläche liegt die Stelle, an der Öl und Gas mit Hilfe von ins Gestein gepresstem Wasser, Sand und Chemikalen ausgewaschen und nach oben geholt werden. In Wirklichkeit passiert das nicht wie in der Schnittzeichnung in 800 Metern Tiefe. Sondern in dreitausend.

Aber vergleichsweise ist das Bild (links) beinahe annähernd richtig. Vergleichsweise zumindest zu den Bildern (rechts), mit denen in Deutschland die Furcht vor Fracking geschürt wird. Die zeigen in der Regel einen Bohrturm, von dem eine Bohrung bis in etwa 400 Meter Tiefe geht - allerdings auf einen Maßstab zusammengeschoben, der eher nach Hausbrunnenbohrung als nach Ölförderung in 3000 Metern Tiefe aussieht.

Das Ziel der Vereinfachung durch Stauchung ist klar. Wer Fracking mit dem Argument verhindern will, dass die unkonventionelle Ölförderung das Grundwasser vergifte, ist gut beraten, nicht offensiv damit zu werben, dass sich Grundwasser in Tiefen von vier bis 20 Metern und Quellwasser in Tiefen bis zu 450 Metern befindet. Während die unkonventionellen Öl- und Gasvorhaben, die den USA ein Comeback als Industriestandort und der restlichen Welt nebst einem halbierten Ölpreis ein Verstummen der unendlich lange repetierten Mär vom Oil Peak gebracht haben, in 3000 bis 5000 Metern Tiefe liegen.

Zweieinhalb bis dreieinhalb Kilometer Entfernung, die in den propagandistischen Strichzeichnungen und Logos der unzähligen "Fracking-stoppen"-Petitionen zu ein paar Millimetern schrumpfen. Mehr Platz war einfach nicht.

Angst in der Stadt! Angst auf dem Land! "Exxon und Co. wollen bundesweit mit Fracking Erdgas fördern – und gefährden damit auch unser Trinkwasser", heißt es dazu bei Campact, einer Art Empörungsmaschine im Internet. Dabei sei doch klar: "die Gasförderung unter Hochdruck – ob mit oder ohne Chemie – gefährdet Wasser, Mensch und Umwelt. Und auch um den Klimawandel einzudämmen, muss das Erdgas im Boden bleiben".

Einfacher geht es nicht, nur Verweise auf den Artenschutz und die Gendergerechtigkeit fehlen als Argument dafür, warum Fracking böse und der Energieausstieg samt seiner bislang unkalkuulierbaren gesellschaftlichen Kosten die bessere Alternative ist.

Aber Argumente sind traditionell völlig verzichtbar, wo es um Ideologie und Technikfeindlichkeit geht. Schließlich, schreiben die Fracking-Gegner, sehe "das Umweltbundesamt Fracking sehr kritisch. Es warnt, dass noch zu viele Informationen fehlen, um es als unbedenklich zu bezeichnen".

Das ist die nun schon die wirklich reinste reine Lehre der Fortschrittsfeinde: Was nicht als "unbedenklich" bezeichnet werden kann, ist kreuzgefährlich. Was man nicht weiß, macht einen richtig heiß.

Freitag, 24. April 2015

Wenn man nicht mehr weiter kann, macht man einen Zehn-Punkte Plan

Der große alte Helmut Kohl hat es vor 25 Jahren vorgemacht. Nur 19 Tage nach dem Mauerfall legte er einen Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung vor - eine grandiose Idee, die überaus erfolgreich war. Und seitdem dafür sorgt, dass jeder, der nicht weiter weiß, augenblicklich verkündet, er werde mit einem Zehn-Punkte-Plan dafür sorgen, dass alles bald so wird, wie es sich die Menschen draußen im Land schon immer erträumten.

Es gibt inzwischen einen Zehn-Punkte-Plan fürs Alter von der Allianz-Versicherung, einen Zehn-Punkte-Plan gegen Crystal von der Landesregierung in Sachsen, einen Zehn-Punkte-Plan der CDU "für den Wachstumsmotor", Sigmar Gabriels Zehn-Punkte-Plan für die Energiewende, einen Zehn-Punkte-Plan für Flüchtlinge in Hamburg, einen Zehn-Punkte-Plan gegen sexuellen Missbrauch, einen zur Antibiotikareduktion, einen anderen gegen Fluglärm, einen von Bund und Ländern gegen Pferdefleisch-Betrug, einen der EU zur Abmilderung der Folgen der Wirtschaftskrise, einen der Familienminsiterin zum Kita-Ausbau und einen der Bundesnetzagentur gegen steigende Strompreise.

Der Zehn-Punkte-Plan ist ein magisches Mittel für und gegen alles, es wird verabschiedet, verkündet und später nie wieder erwähnt. So ging es dem Zehn-Punkte-Plan für bessere Schulen in Berlin, Peer Steinbrücks Zehn-Punkte-Plan zur Senkung der Strompreise, dem Zehn-Punkte-Plan gegen Rassismus, den der Bundesintegrationsrat 2012 beschloss, und dem Zehn-Punkte-Plan zur Energiewende, den der heute als Kanzleramtsminister um die Geheimnisse der Geheimdienste bemühte ehemalige Bundesumweltminister Peter Altmeier sich einst ausdachte, um auch mal wieder in die Tagesschau zu kommen.

Der Zehn-Punkte-Plan der EU zur Eindämmung der Flüchtlingsplage folgt demselben politischen Kalkül. Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech hat das Papier für PPQ aus dem Propagandistischen ins Deutsche übersetzt.

1. Die EU-Grenzschutzprogramme Triton und Poseidon bleiben, das Flüchtlingsschutzprogramm Mare Nostrum kommt nicht zurück. Das Budget wird auf 108 Millionen Euro erhöht und beträgt nun fast ein Zehntel der Summe, die die EU für ihr umfassendes Programm gegen den Terror eingeplant hat.

2. Die Boote von Schleusern sollen beschlagnahmt oder zerstört werden, das treibt die Boots- und Schiffspreise in Libyen nach oben, damit auch die Tarife für Schleusungen.

3. Schleuser bekommen es nun mit Europol, der EU-Grenzschutzagentur Frontex und der Justizbehörde Eurojust zu tun. Alles wie bisher.

4. Das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO) schickt Leute nach Italien und Griechenland, die Asylanträge schneller bearbeiten können. Noch unklar, ob sieben oder acht Kollegen delegiert werden.

5. Die Fingerabdrücke aller Flüchtlinge werden künftig erfasst, das bietet ganz neue Überwachungsmöglichkeiten.

6. In Notfällen sollen Flüchtlinge in Europa verteilt werden.

7. In einem Pilotprojekt für Notfälle werden 5000 anerkannte Flüchtlinge als Testpersonen EU-weit verteilt.

8. Ein weiteres neues Projekt, das noch keinen Namen hat, soll testweise herausfinden, ob die schnelle Abschiebung illegaler Einwanderer möglich ist.

9. Die EU-Kommission schlägt eine Zusammenarbeit mit den stabilen Demokratien Ägypten, Mali, Sudan, Tschad, Algerien, Niger und Tunesien vor, die rund um Libyen liegen.

10. Verbindungsbeamte für Einwanderungsfragen werden in EU-Drittstaaten entsandt, wo sie Informationen zu Flüchtlingsströmen sammeln können, auf deren Grundlage dann später neue Zehn-Punkte-Pläne erstellt werden können.

G36-Skandal: Rettungspaket für Heckler&Koch

Beliebt bei Rebellen und Islamisten im Nahen Osten: Im Islamischen Staat schießt das G36 prächtig.
Aufatmen, Erleichterung und Riesenjubel im baden-württembergisch Oberndorf am Neckar, als Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen das langerwartete Todesurteil verkündet: "In seiner jetzigen Form hat das G36 in der Bundeswehr keine Zukunft", sagt die frühere Familien- und Arbeitsministerin. was sich für Außenstehende anhört wie eine verheerende Neuigkeit für den mittelständischen Waffenhersteller Heckler&Koch in Oberndorf, ist in Wirklichkeit die Rettung für das angeschlagene Unternehmen, das nach dem Krieg von Mitarbeitern der angesehenen Mauserwerke gegründet wurde: Mit der Anschaffung von 180.000 Ersatzgewehren für das unter Präzisionsproblemen leidende G36-Sturmgewehr, eine Weiterentwicklung des Wehrmacht-Sturmgewehres 45, wird die Bundeswehr der Firma rund 180 Millionen Euro überweisen. Für Heckler&Koch ist das mehr als ein Jahresumsatz.

Allerdings hatte das Unternehmen auch schon bessere Zeiten mit höheren Umsätzen und schönen Gewinnen. Dann aber machte sich die Moral immer breiter im Außenhandel, ein Wirtschaftsminister verweigerte immer öfter Ausfuhrgenehmigungen für deutsche Waffen und die Bundeswehr trat als Konkurrent auf, indem sie angejahrte Schießprügel billiger an Kunden in der 3. Welt abgab als Heckler&Koch sie liefern konnte. Der Oberndorfer Pistolen- und Gewehrhersteller geriet ins Straucheln, der Umsatz brach um rund ein Drittel ein.

Dramatisch für eine Firma, die finanziell ohnehin nicht auf Rosen gebettet ist. Seit der Übernahme durch den in Großbritannien lebenden Unternehmer Andreas Heeschen, der zuletzt mit der Gartenbaufirma Wolf pleite ging, ist das Kreditrating von Heckler&Koch auf Ramschniveau gesunken. Zuletzt wurden Schulden bezahlt, indem neue Schulden aufgenommen wurden, für die H&K 9,5 Prozent Zinsen im Jahr bezahlt. Für die gesamte Anleihe über 295 Millionen Euro werden damit im Jahr 28 Millionen Zinsen fällig - für ein Unternehmen, das nur noch rund 155 Millionen Euro Umsatz macht, sind das 18 Prozent aller durchlaufenden Geldmittel.

Nächster Zahltag ist der 15. Mai, die Gläubiger zweifeln allerdings heftig daran, dass die nächsten zwei Zahlungen erfolgen werden - der Kurs der Anleihe mit der WKN A1KQ5P steht derzeit nur noch bei etwas mehr als der Hälfte des Ausgabewertes, die Rendite ist auf fast 30 Prozent gestiegen. Ein sicheres Zeichen der nahen Pleite.

Nun aber kommt das Bundesverteidigungsministerium als Retter. Zum Ausgleich für verweigerte Exportgenehmigungen setzt die gewiefte Verteidigungspolitikerin von der Leyen nicht auf langfristige Bestellungen oder gar ordnungsgemäße Beschaffungspläne. Nein, mittels einer kurzen Panik-Kampagne über befreundete Medien lässt sie die Öffentlichkeit binnen einer Woche beschaffungsreif schießen.

Die Bundeswehr kauft demnächst 180.000 Ersatzwaffen für das 1997 eingeführte G36.

Heißester Kandidat ist das Heckler&Koch-Gewehr HK416.

Donnerstag, 23. April 2015

Doku Deutschland: Software für die zinslose Zukunft

Nicht nur der Bundesfinanzminister, sondern auch der Software-Programmierer Tergun Erhaudan profitiert von den Erleichterungen, die die grassierende Deflation aufgrund fehlender Nachfrage mit sich bringt.

Während der Bundeshaushalt bei den Zinsen Milliarden spart, was langfristig dem gesamten Volk zugute kommt, bringt die bis ins Negative gedämpfte Inflation Erhaudan viel neue, ungewohnte Beschäftigung. Erhaudan schaut optimistisch in die Zukunft. Es wird nicht nur alles gut. Nein, es wird noch viel besser.

Es gibt immer mehr Arbeit für mich. Die Banken müssen ihre Software umstellen, weil die Negativzinsen sonst nicht verbucht werden können.

Da muss ich wohl demnächst ran. Eigentlich übersetze ich nur noch, ist viel interessanter. Aber nun ist TSHTF-Zeit.

Wenn du dir 10.000 Kredit von der Bank nimmst, gabs das bisher für null Prozent Zinsen, ok. Schafft der Computer. Aber wenn du jetzt bald Zinsen kriegst für das Geborgte, da wird der Computer vollkommen irre im Kopf.

Der rastet in einer Endlosschleife aus, wo es kein Entkommen mehr gibt. Hitzetod durch geschmolzene Schaltkreise.

Deshalb müssen alle pensonierten Programmierer nun ran, um das irgendwie in die Algorithmen zu kriegen. RPG II beherrsche ich aus dem FF.

Und wenn wir das geschafft haben zu programmieren, gehts gleich weiter beim Aldi. Negative Preise programmieren.

Mediendeutschland: Abgefüttert mit Ersatzthemen

Ein Jahr wie im Rausch, aufgeregt, kribbelig, empört und fasziniert, das ist dieses 2015 bisher. "Mediendeutschland zeigt seine ganze Klasse", urteilt der Medienwissenschaftlers Hans Achtelbuscher über das erste Jahresdrittel, das geprägt war von einer bedingungslosen Themenhatz. Ukraine und Griechenland, die Euro-Rettung, Pegida, der mutmaßliche Selbstmordflieger Andreas Lubitz, der Flüchtlingsansturm aus den destabilisierten jungen Demokratien Nordafrikas und schließlich das grauenhafte Sterben im Mittelmeer - mit seinem jungen Forscherteem vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale hat Achtelbuscher das fortwährende Themensterben in der deutschen Medienlandschaft in einer großangelegten Studie untersucht und festgestellt, dass es nach Thilo Sarrazin zum ersten Mal wieder einem einzelnen Menschen gelungen ist, die Medienagenda Deutschlands deutlicher zu bestimmen als alle Großthemen.

Zwar habe der Germanwings-Pilot Andreas Lubitz nach der von Achtelbuscher vor Jahren entworfenen und heute vielbeachteten Medienwirkungseinheit Emp nur einen Haftwert von drei erreicht, was einer Verweildauer des Themas von knapp drei Wochen entspricht. "Dafür aber gehörten diese drei Wochen ihm nahezu allein."

Schwer hätten es zuletzt vor allem die Dauerthemen aus der Weltpolitik gehabt. Euro-Rettung, Griechenland-Rettung, Ukrainekrieg, überall hier sei ein nach Jahren dauernder Bombardierung mit sogenannten Non-Infos eine Publikumsermüdung eingetreten, die mittlerweile auch auf die Berichterstatter übergegriffen habe. "Da herrscht nur noch Überdruss, man berichtet pflichtgemäß, hat diese sperrigen Themen aber wegen ihrer hohen Bedeutung im Grunde längst abgeschrieben." In den Programmpläne von führenden Nachrichtensendungen und Leitmagazinen habe stattdessen ein unerwartetes Thema wie Pegida Punkte gemacht: "Menschen, die aus eigenem Entschluss auf die Straße gehen und Forderungen stellen, die mit keiner Parteizentrale abgesprochen sind - das war wie Mann beißt Hund", analysiert der Wissenschaftler das Faszinosum Pegida.

Das sich allerdings auch nach zwei Monaten erschöpft hatte. "Glücklicherweise kochte gerade zu diesem Zeitpunkt die Griechenland-Krise erneut ein wenig hoch, so dass ein Ersatzthema zur Hand war." Weil das wegen der akuten Publikumsermüdung aber nur partiell tragfähig war, hätten Medien dem Germanwings-Piloten Andreas L. so viel zu verdanken. "Er kam, als die endgültige Rettung Griechenlands zum neunten Mal verschoben und die Ukraine-Krise durch Putins unverantwortliche Politik komplett erschlafft war."

Wie im zweite Hauptsatz der Mediendynamik beschrieben, traten Großereignisse auch hier nicht gleichzeitig auf, sondern fein säuberlich hintereinander, als plane eine große göttliche Regie den Ablauf von Flugzeugabstürzen, Prominentenhochzeiten, Sportevents und Skandalen. Direkt nach dem Abklingen der "Lubitz-Wallung", wie Achtelbuscher die mediale Auseinandersetzung mit dem mutmaßlichen Pilotenselbstmord nennt, startete die Berichterstattung über die "Mittelmeermorde der EU" (Heribert Prantl), begleitet vom Jubel über das 6:1 der Bayern im Viertelfinale der Champions League.

"Wir können heute sagen", so fasst Herbert Achtelbuscher seine Forschungsergebnisse zusammen, "dass die Digitalisierung keinerlei Auswirkungen auf die Geltung des ersten Gesetzes der Mediendynamik hat, nach dem die Welt in keinen Schuhkarton passt, unweigerlich aber in 15 Minuten Tagesschau."

Achtelbuschers Analysen: Mediale Bedeutung in Zeiten der Bedeutungslosigkeit

Mittwoch, 22. April 2015

Ein Seepferdchen für Afrika

Zwei erfahrene deutsche Schwimmlehrer warten am Mittelmeer auf Schüler - im Moment allerdings noch auf der falschen Uferseite.
Angesichts der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer plädiert Entwicklungsminister Gerd Müller für die Einrichtung von Schwimmschulungslagern in Afrika. Die EU sei jetzt gefordert, Handlungsfähigkeit zu zeigen, sagte der CSU-Minister. Es sei notwendig, dass die Außen- und Innenminister der EU bis zu ihrem nächsten Krisentreffen nicht nur eine Verdoppelung der Mittel, sondern auch einen konkreten Einsatzzweck beschließen.

Müller sieht in verstärktem Schwimmunterricht für Menschen aus den Flüchtlingsgebieten eine Möglichkeit, Leben zu schützen. Beim verheerenden Untergang eines Flüchtlingsbootes am letzten Wochenende waren nahezu 900 Menschen ertrunken, obwohl ihr Schiff erst gekentert war, nachdem es ein herbeieilendes Rettungsschiff gerammt hatte. Eine Ursache sehen Experten darin, dass die meisten Flüchtlinge nicht schwimmen können, weil sie es nie gelernt haben.

Müller will das durch die Einführung von flächendeckendem Schwimmunterricht in allen afrikanischen Schulen ändern. In Kombination mit dem Vorschlag von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere,in Nordafrika große Sammellager für Fliehende einzurichten, ergebe das Sinn, so Müller. Während die Menschen dort zwei bis drei Jahre lang auf die Genehmigung ihrer Asylanträge warteten, könnten sie unter der Regie von DLRG und DSV das Schwimmabzeichen ablegen. "Abgelehnte Asylbewerber wären auf ihrer späteren Flucht dadurch sehr viel sicherer." Die Initiative "Seepferdchen für Afrika" solle Teil eines Gesamtkonzeptes zur Aufnahme und Verteilung der Flüchtlinge sein, an dem sich alle 28 EU-Staaten beteiligen." Müller fügte hinzu: "Dies ist eine Bewährungsprobe für die europäische Handlungsfähigkeit."

Auch der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, sprach sich dafür aus, die Flucht nach Europa zu erleichtern. "Wir müssen den afrikanischen Flüchtlingen legale Wege aufzeigen, um das Mittelmeer zu überqueren", sagte er. Der geplante Bau einer Brücke von Tunesien nach Sizilien sei leider nicht sofort umsetzbar, weil Naturschutzbelange die Planungen verzögern. Deshalb brauche Europa eine Doppelstrategie, um die Flüchtlingstragödie zu beenden: "Wir müssen einerseits ganz schnell den Schwimmunterricht intensivieren. Gleichzeitig müssen wir den mörderischen Schlepperbanden im Fernsehen immer wieder den Kampf ansagen – und zwar laut, damit die Wähler zumindest den Eindruck haben, wir tun sofort etwas."

Halal: Scharia-Banking für alle

Bis dato hat es lediglich ausgewählte Finanzdienstleister gegeben, die von Deutschland aus Banking und Geldanlage nach strengen islamischen Regeln im Programm hatten. Zinsfreie Sparguthaben mit dem Segen hoher geistlicher Würdenträger boten allenfalls zweifelhafte Nischenprodukte etablierter Anbieter, die mit einem Halal-Gutachten für ihre Konten warben.

Allerdings eröffnet die aktuelle Niedrigzinsphase jetzt auch anderen Instituten die Möglichkeit, immer mehr deutschen Kunden echtes Halal-Banking anzubieten. Seit die Konditionen für Tagesgeld Anfang des Jahres noch einmal deutlich gesunken sind, hat sich die Durchschnittsverzinsung für Besitzer von Spargroschen mehr als halbiert.

Die Frage der Verzinsung stellt sich so bei vielen Banken gar nicht mehr. Tagesgeld wird hier halal angenommen, also nach den strengen Vorgaben des Koran, der Zinsen rundheraus verbietet. Jede fünfte Bank zahlt mittlerweile überhaupt keine Zinsen auf niedrige Anlagebeträge (2500 Euro) mehr, geht aus einer Untersuchung des unabhängigen Verbraucherportals Verivox hervor. Ein Beispiel dafür ist die Sparda-Bank Hamburg.

Das ehemals verpönte Islamic Banking ist damit europaweit konkurrenzfähig. Entsprechende Angebote richten sich dank der klugen Tiefzinspolitik der EZB nicht mehr nur alleine an die etwa vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben. „Auch für Christen und Juden und für alle, die unsere Maßstäbe teilen, ist unser Angebot interessant“, verriet ein Banker dem Nachrichtenmagazin Focus.

So wächst zusammen, was zusammengehört. Nicht nur der Islam ist heute ein Teil von Deutschland, sondern auch das Zinsverbot. Die Wertmaßstäbe, nach denen sich islamisches Banking richtet, sind weit über die bereits gläubige Zielgruppe konsensfähig. Islamische Banken engagieren sich nicht in Bereichen wie Rüstung, Alkohol, Glücksspiel, Tabakwaren oder Prostitution, ein Ethikrat aus Islamwissenschaftlern und Wirtschaftsexperten wacht über die Einhaltung dieser Grundsätze.