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Dienstag, 25. April 2017

Unser Mann in Jerusalem: Der Welterzieher



Im Kreml zitterten die Fensterscheiben, als Sigmar Gabriel in Italien ans Mikrophon trat. "Man kann nicht an der Seite eines Regimes stehen, dass ja nicht zum ersten Mal Giftgas gegen seine eigene Bevölkerung eingesetzt hat", sagte Gabriel, der Anfang des Jahres beschlossen hatte, aus dem Wirtschafts- ins Außenministerium zu wechseln, um mehr Zeit für seine schöne Frau, die noch recht kleinen Kinder und einen Aufstieg in der Liste der beliebtesten deutschen Politiker zu haben. Gleichzeitig legte der immer noch amtierende Pop-Beauftragte der deutschen Sozialdemokratie sein Amt als Parteiführer nieder. Gabriel übertrug alle Ämter an seinen Nachfolger Martin Schulz, eine strahlende Gestalt, die nach dem Ende ihrer Amtszeit im Europaparlament nach einer neuen Tätigkeit suchte.

Schulz` Triumph bei der parteiinternen Akklamation seiner Person war Gabriels Werk. Der jahrelang unterschätzte, in Streß und Dauerkritik dick und unanansehnlich gewordene frühere Volksschullehrer zeigte, wie sehr ihn die Öffentlichkeit, aber auch seine Partei über all die langen Jahre unterschätzt hatte, in denen die SPD in manchem Bundesland von der Volkspartei auf die halbe Stärke der AfD schrumpfte. Gabriel, mittlerweile über die Mitte der 50 hinaus, hat sich im letzten Herbst neu erfunden: Als seine Frau, eine Ostdeutsche mit solider Zahnarztausbildung, ihm die zweite Tochter gebar, entschloss sich der traditionell einem guten Leben nicht abgeneigte Arbeiterführer, sich neu zu erfinden. Kürzer treten, weniger essen, Haare nicht mehr färben - in diesem Dreiklang wollte sich Sigmar Gabriel in die Zielkurve seiner nicht immer glücklich verlaufenden Karriere werfen.

Gegen den Hunger ließ er sich ein Magenband einsetzen, gegen die sinkenden Umfragewerte installierte er Schulz, einen Vollblutfunktionär von legendärer Trockenheit, den aber vor allem die deutschen Medien dankbar feierten, als sei ein Messias geboren worden. Sich selbst baute er vom verquollenen Parteienmenschen zum Deutschen schlechthin um: Sigmar Gabriel wurde vom Volksschullehrer zum  Welterzieher.

An der Spitze des Auswärtigen Amtes, das der zum Bundespräsidenten umfunktionierte Steinmeier noch ganz unauffällig führte, steht nun ein Mann, der den Franzosen sagt, wie sie wie sie am besten im deutschen Interesse wählen. Der den Russen unerschrocken Fake News vorhält, sie wollten die deutschen Wahlen manipulieren. Der den Türken die Stange hält, weil auch eine Diktatur strategischen Wert hat. Der den Amerikanern zeigt, dass ihr Weg falsch ist. 

Und der nun endlich auch den den Juden beibiegt, wie Menschenrechte funktionieren.

Sowas kommt an im Heimatland des Holocaust, das sieben Jahrzehnte nach Auschwitz als einzig wirklich moralisches Regime weltweit gilt. Aus dieser hart errungenen Position heraus konnte Sigmar Gabriel Ägyptens Staatschef Sisi einen "beeindruckenden Präsidenten" nennen, ohne sich gleichzeitig mit Menschenrechtlern zu treffen und Sissis mörderisches Regime anzuprangern. Aich im Irak war es nicht nötig, Menschenrechtler zu treffen. Alles in Butter dort. In Israel aber sieht das anders aus. Hier ist es Ehrensache, denn nach deutscher Lesart ist der Judenstaat immer schuld, der seit 2009 ohne Mandat weiter im Amt verharrende Mahmud Abbas hingegen an gar nichts.

"Es ist ganz normal, dass wir bei Auslandsbesuchen auch mit Vertrtetern der Zivilgesellschaft sprechen", sagt Gabriel, der weder in der Türkei noch in Ägypten oder den USA Regierungskritiker traf. Im Falle des Palästinenserstattes würde er ja. Nur gibt es eben keine palästinensischen Regierungskritiker oder Menschenrechtler.

In Israel aber, 50 Jahre nach dem Sechstagekrieg, ist Gelegenheit für Gabriel sich "ein Urteil zu bilden". Kein Wunder, dass die britische Band Bears Den den alten und den neuen Gabriel inzwischen in einem folkloristischen Bocksgesang verherrlicht. "Gabriel, I wish I could deny, the face that I can barely recognize. He lives inside of me every day of my life and I can hear him screaming in the night".

Höcke: Rechtes Erbgut oder Nazi-DNA?

Geahnt haben es viele schon lange, jetzt aber ist es zur Bild+Gewissheit geworden: Björn Höcke hat einen Vater gehabt. Und der war vielleicht auch schon rechtsradikal. Eine Nachricht, die alles, was die Wissenschaft bisher über Nazis zu wissen glaubte, auf den Kopf stellt.


Galten im Erwerben rechtsnationaler, faschistischer und rechtsextremistischer Überzeugungen bisher unumstößlich die von dem großen sowjetischen Forscher Trofim Denissowitsch Lyssenko formulierten Lehren des Lyssenkoismus, nach denen Erbeigenschaften durch Umweltbedingungen erworben werden, verdeutlicht der Fall Höcke die Validität der neolamarckistischen Position, nach der Organismen Eigenschaften an ihre Nachkommen vererben können, die sie während ihres Lebens erworben hatten.

Bei dem prominenten AfD-Mann, der auf dem Parteitag in Köln durch Abwesenheit glänzte, verläuft die Vererbungskette offenbar vom ostpreußischen Großvater Kurt Höcke, den es nach Kriegsende nach Neuwied verschlug, und über den 1948 geborenen Vater Wolfgang, für den "die Vertreibung ein wichtiges Thema gewesen sein" muss, wie die Wochenzeitschrift "Zeit" herausfand.

Bei Höcke junior zeigte sich das Nazi-Erbe früh. Schon als er als Lehrer im nordhessischen Bad Sooden-Allendorf unterrichtete, hing eine Karte in seinem Klassenraum, die nicht nur Hessen, Deutschland oder die EU zeigte, sondern weit nach Osteuropa reichte. Schülern, die fragten, was Höcke damit beweisen wolle, sagte der heutige Thüringer Parteichef: "Damit ihr eure europäischen Wurzeln immer vor Augen habt."

Ein verräterischer Satz, der direkt aus der braunen DNA der Höckes kommt. Genetiker konnten bisher im menschlichen Genom nur Informationen darüber finden, welche Möglichkeiten in den Genen seines Besitzers schlummern, für welche Krankheiten er anfällig ist und welche Medikamente er verträgt. Herauszulesen, wer rechtsradikal oder gar rechtsextrem oder rechtsextremistisch veranlagt ist, könnte die Präventionsarbeit auf ein ganz neues Level heben.

Im Augenblick gibt es bereits mehr als 4000 Erkrankungen, bei denen zumindest angenommen wird, dass sie mit einer Veränderung im Erbgut zusammenhängen. Doch vermutet wird schon länger, dass in der DNA Informationen über spezielle Eigenschaften eines Menschen stecken könnten, beispielsweise über seine Fähigkeit zu lernen, zu lesen oder Sport zu treiben, schnell zu laufen oder auszusehen und zu reden wie Joseph Goebbels.

Gelänge es, den Zusammenhang zwischen Erbgut und Nazi-Überzeugungen bei Björn Höcke nachzuweisen, ließen sich AfD-Wähler und Pegidisten künftig vielleicht künftig einfach durch eine Umstellung der Nukleinsäuren in der Doppelhelix der Desoxyribonukleinsäure umprogrammieren. Kürzlich erst hatten amerikanische Wissenschaftler den Beweis dafür angetreten, dass sich das menschliche Genom von außen beschreiben lässt.

Montag, 24. April 2017

Wahl in Frankreich: Die Bauchtrainer

Der Deutsche entscheidet bei Wahlen nach kühlem Kalkül. Freilich nicht alle Deutschen, aber doch alle "Spiegel"-Leser. Und erst recht alle "Spiegel"-Redakteure. Gelassen lesen sie die Programme der Parteien, sie benutzen den Wahlkalkulator, besuchen Straßenfeste, Diskussionsveranstaltungen mit den Kandidaten, lassen ihre Favoriten von Will und Maischberger, von Lanz, Kleber und im großen "Zeit"-Interview auf Herz und Nieren prüfen. Was wird mit den Steuern? Mit dem Energieausstieg? Mit TTIP und Brüssel, was plant mein Mann, der gern auch eine Frau sein kann, mit der Bundeswehr? Wohin schickt er sie, wie sind unsere Siegesaussichten dort?

Von Angst getriebener Reflexwähler


Der Franzose aber, obschon Deutschlands liebster Partner im Europa der zusammenwachsenden Vaterländer, ist anders. Er, der einst in einer Grande Nation wohnte, seit zwei Jahren aber ein Land im Ausnahmezustand besiedelt, ist ein Reflexwähler. Hört irgendwas, sieht irgendwas, fühlt irgendwas. Und macht sein Kreuzchen dann ganz aus dem Bauch heraus, unterbewusst, getrieben von Angst. Eine "Bauchentscheidung" (Der Spiegel), die dann fahrlässigerweise über das "Schicksal Europas" (Jean Asselborn) entscheidet.


Traditionell muss der erste Wahlgang deshalb nicht überbewertet werden. Sein Ergebnis ist ein "Stimmungsbild" (Spiegel). Er zeigt, "wem die Franzosen von Herzen oder aus einem Bauchgefühl heraus zusprechen". Der Rechtsextremen Le Pen. Dem neoliberalen Macron. Fillon, dem Vertreter des Establishments. Dem linken Volkstribunen Jean-Luc Mélenchon, der radikal rauswill aus EU und Nato, den Freihandel beschränken wird, Steuern massiv zu erhöhen verspricht, um einen höheren Mindestlohn zu finanzieren.

Vom Bauch her haben drei von vier Franzosen, die zur Wahl gingen, Kandidaten gewählt, die nicht von einer der bisher regierenden Parteien nominiert wurden. Vom Bauch her haben mehr als vierzig Prozent der Franzosen ihre Stimme Kandidaten der radikalen Linken und der radikalen Rechten gegeben. In deutsche Farben übersetzt, ist Bernd Lucke knapp vor Frauke Petry ins Ziel gegangen, hinter ihm sortieren sich Thomas de Maiziere, Bernd Riexinger und Martin Schulz ein. Ein Wasserfall aus Tränen würde fließen, wäre das deutsche Realität, nicht französische.

Aufbruch in Europa


So aber deutet ein begeistertes Kommentatorenaufgebot den Nackenschlag für die traditionelle Parteiengesellschaft als Aufbruchssignal für Europa. Er sei sicher, dass Macron "den Rechtsradikalismus und Rechtspopulismus sowie die Antieuropäer in der zweiten Runde in die Schranken weisen werde", beschwört Sigmar Gabriel: „Er steht für einen neuen Aufbruch in Frankreich und in Europa.“ Wolfgang Schäuble hatte zuvor schon beteuert, dass er Macron wählen würde, weil der der beste Kandidat für Deutschland sei. "Pro-europäisch", nennt ihn Martin Schulz. Einen "Reformer" nennt ihn n-tv. "Ehrlich" heißt er in der SZ.

Das Programm des früheren Investmentbankers aber ist so weit weg von deutscher Regierunglinie wie der Bauch der Franzosen vom Kopf eines Spiegel-Schreibers. Das Rentenalter von 62 wird Macron nicht antasten. dafür aber ein Drittel der Abgeordentenseitze streichen. Er will die Beamtenpensionen abschaffen und Staatsbeamte künftig wie Ruheständler aus Privatfirmen behandeln. Für Firmen plant er Steuersenkungen, wie sie im Fall der britischen Premierministerin Theresa May gerade noch als "Steuerdumping" denunziert worden waren. Macron will Staatseigentum verkaufen, 120.000 Staatsangestellte entlassen, mehr Polizisten einstellen und mit einem "Buy European"-Programm gleich dem des US-Präsidenten Trump den Binnenmarkt vor Importen abschirmen.

Dass Macron aus deutscher Sicht das Beste ist, was noch zu haben war, zeigt den Zerrüttungsgrad der europäischen Gemeinsamkeit.  Oder wie es im "Spiegel" heißt: Im zweiten Wahlgang gewinne statt des Bauches dann meist das Kalkül. Und mit ihm "die Person, der die Wähler entweder mehr zutrauen - oder vor der sie weniger Angst haben" (Spiegel).


Fake News: Wo der Tiger dem Zicklein das Euter leckt

"Ausländer sind krimineller als Deutsche? Kriminologen wissen, dass der oft gehörte Vorwurf Unsinn ist", ließ die "Frankfurter Rundschau" ihre Leser im Mai vor einem Jahr wissen. Der Beitrag erschien in einer Reihe von Artikeln, die "mit den Mythen der Rechten" aufzuräumen versprach. Für die Sache mit der Lüge über die angeblich höhere Kriminalität von Ausländern griff Nadja Erb selbst zur Feder. Und die "stellvertretende Ressortleiterin Politik" rechnete scharf ab: So richtig stimmt das alles nicht. Man darf das nicht so einfach sehen. "Aber Rechte halten an der Mär eisern fest!"

Erb hätte bei Thomas de Maiziere nachlesen sollen. Der, als erfahrener Politiker jeder Versuchung abhold, sich festzulegen, hatte Monate zuvor schon auf die Frage nach den vermeintlich kriminelleren Ausländern festgestellt, er "sehe" keine höhere Kriminalität.

Nun sieht ein Mann, der von hinten überfahren wird, zuvor meist auch kein Auto, so dass de Maizieres Dementi genau das ist, was es nicht zu sein scheint: Keins. Aber die Richtung für die Berichterstattung hatte der CDU-Mann den Erbs und Co. einmal mehr vorgegeben. Wenn es ein Phänomen nicht geben soll, dann lässt es sich zur Not wegerklären, indem es so lange in Atome zerlegt wird, bis es kein Brötchen mehr ist, sondern nur noch lauter Semmelbröckchen.

Zwei Jahre hat die Front gehalten. Zwei Jahre lang blieb die Frage, wieso der "überwiegende Teil der Bevölkerung das Problem der „Ausländerkriminalität“ größer einschätzt als es tatsächlich ist" (FR) beantwortet: Weil Rechtspopulisten es schaffen, die Vielzahl der wenigen Einzelfälle, in denen abwechslungsreich beschriebene Täter beteiligt waren, durch die weniger gebildeten Schichten als ein Phänomen wahrnehmen zu lassen.

Fake News im Dienst des Hasses. Zahlen, die sich nur ihrer menschenfeindlichen Zweckbindung verdanken. Wer anständig war, fragte nicht weiter nach. Und wer sich nicht daran hindern konnte, die Antwort unwillkürlich zu kennen, hielt die Klappe, um die Welt ein wenig besser zu machen.

Nun aber schleppen ausgerechnet die Dementi-Medien, die bisher gut damit gefahren waren, ihren Lesern die offiziellen Positionen der Bundesregierung als klug und alternativlos zu erklären, das heikle Thema mitten in die Wahlkampfzeit. Wie aufgeschreckt aus einem süßen Traum, in dem die Schafe bei den Löwen liegen und der Tiger dem Zicklein das Euter leckt, warten bisher so verlässliche Medienpartner des Bundespresseamtes wie die "Zeit" nicht einmal mehr an, bis amtliche Fakten auf dem Tisch liegen, von dem man sie dann unter Aufbietung alles schreiberischen Hochklasse vorsichtig herunterwischt.

Nein, jetzt wird schon losgehetzt, bevor der Innenminister seine tendenziösen Zahlen über "tatverdächtige Zuwanderer" (Welt) als "politischen Sprengstoff" (Welt) auf den Gabentisch der schwächelnden Populisten legt.

Jeder will der Erste sein, jeder will gestiegene Zahlen, krasse Prozente, hohe Zuwächse, allerdings in ein Säftchen verpackt, das aus "Flüchtlingen" und "Ausländern" die bisher vermiedenen "Zuwanderer" macht. 

Was der Minister früher nicht sehen konnte, steht nun überall: Die Zahl tatverdächtiger Zuwanderer ist 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 52,7 Prozent auf 174.438 gestiegen, insgesamt gab es 2016 616.230 ausländische Tatverdächtige. Damit geraten Nicht-Deutsche in rund 30 Prozent aller Straftaten als Täter unter Verdacht. Schutzsuchende, die etwa zwei Prozent der schon länger hier lebenden Menschen ausmachen, werden in 8,6 Prozent aller Fälle verdächtigt. Warum stellen sie beim Taschendiebstahl einen Anteil von 35,1 Prozent aller Tatverdächtigen, bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung sowie Vergewaltigung und sexuelle Nötigung 14,9 Prozent und bei Wohnungseinbrüchen 11,3 Prozent?

Bedeutet das, Zuwanderer sind krimineller als Hiesige, schon länger hier noch lebende Ausländer inbegriffen? Sind Zuwanderer auch krimineller als Flüchtlinge? Als Schutzsuchende? Als die ausländische Touristen? Osteuropäer? Nordaufrikaner? Und bedeutet das, dass Nadja Erbs Widerlegung des "Mythos der Rechten"gar nicht stimmte? Dass Thomas de Maizieres Nichtsehen ein Nichtsehenwollen war?

Natürlich nicht. Denn es sind ja nicht "die Zuwanderer", die hier die Straftaten begehen, sondern die jungen Männer, die auch unter Deutschen die größte Gruppe der Tatverdächtigen und Täter stellen.  Die Zuwanderer sind im Durchschnitt wesentlich jünger als die Vergleichsgruppe derer, die schon länger hier lebt. Wer jünger ist und männlicher, gerät aber überall auf der Welt eher auf die schiefe Bahn als ein älterer Mensch. Oft entzieht sich das völlig seinem eigenen Einfluss! Man ist jung und braucht das Geld!

Manche jungen Männer, so die "Welt", werden deshalb sogar zu Mehrfachtätern und "beschäftigen nicht nur jahrelang Polizei und Justiz" (Welt), sondern sie verderben auch die deutsche Kriminalstatistik, die dann von der ARD wieder glattgebügelt werden muss. Derzufolge wird 31 Prozent aller tatverdächtigen Zuwanderer vorgeworfen, mehrere Straftaten begangen zu haben, fünf Prozent von ihnen sollen bereits mindestens sechs Mal kriminell geworden sein.

Rechnete man all diese Täter seriöserweise herraus und kürzte dann noch über das niedrigere Alter dividiert durch die durch den "Zustrom" (Merkel) ohnehin gewachsene Zahl der Menschen in Deutschland, ist gar nichts passiert. Deutschland, ein Paradies, in dem der Löwe schlummert, das Schaf kuschelt und der Tiger  dem Zicklein das Euter leckt.

Sonntag, 23. April 2017

Rauchbomben gegen rechts


Es ist ein Aufstand des Gewissens, der in Köln nicht ganz die angekündigten 50.000, aber doch eine ganze Menge Menschen gegen die menschenverachtende Politik der rechtsextremistischen AfD auf die Beine brachte. Unter dem Motto "Willst du nicht meiner Meinung sein, schlag ich dir den Schädel ein" marschierte der Schwarze Block für Vielfalt, die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) und die Linkspartei warben für eine bunte Demokratie und wetterten gegen den von der AfD zu verantwortenden Kapitalismus. Von einem "Lauti-Wagen", hergestellt in einer kapitalistischen Autofabrik, in der ArbeiterInnen bis heute gnadenlos ausgebeutet werden, wurden die Namen der NSU-Toten verlesen, die auch auf das Konto der AfD gehen.

Ein großer Tag für Deutschland, ein großer Tag für Europa. Während der Staatssender Phoenix nicht müde wird, die empörenden Debatten der Rechtsradikalisten direkt und unkommentiert aus dem Sitzungssaal zu übertragen, wurden draußen Rauchbomben gezündet, Demonstranten brachen aus den vorgeschriebenen Demorouten aus, um AfD-Anhänger zu jagen. Polizisten rannten ihnen nach, Steine flogen in Richtung der Beamten.

Individueller Terror muss richten, was staatliche Institutionen versäumt haben: Die Rechtsfaschisten rechtzeitig zu verbieten. Beim Versuch, einen Parteitagsabgeordneten mit Schlägen einer Zaunlatte von seinen falschen Ansichten abzubringen, wurde ein Polizist verletzt. Irgendwo anders noch einer.

Doch insgesamt war der Protest gegen die Nutzung demokratischer Privilegien durch Andersdenkende "überwiegend friedlich" (n-tv). Ein bisschen Schwund ist immer, junge Leute schlagen nicht nur gelegentlich über die Stränge, sondern zuweilen auch zu.

Genau für solche Momente hat der Staat seine Polizei. Die feiert in Köln einen Triumph: "Kein Chaos, dafür Karnevalsstimmung" sieht der offensichtlich unverletzt gebliebene FAZ-Korrespondent. Was sind schon ein paar brennende Reifen und abgefackelte Autos, wenn sich alles in allem sagen lässt, dass die Stimmung eigentlich doch vielerorts auch "fröhlich-friedlich" (Express) gewesen ist? Jot jemaat, Kölle!

Ein Zeichen wurde gesetzt, wiedereinmal. Ein Zeichen, das günstigstenfalls bis nach Frankreich leuchten wird, wo heute im deutschen Sinne gewählt werden muss. Deutschland hat gezeigt, "welche beeindruckende Kraft das Engagement von Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen, Parteien, Künstlern und Kirchen entwickeln kann", wenn ein "massiver, aber besonnener Einsatz der Polizei Extremisten daran hindert, zu randalieren und Absperrungen zu durchbrechen" (Express).

HFC: Das verschenkte Glück

Nur zweimal besser, aber sechsmal schlechter: Der HFC zwischen 2016 und 2017.

Drei, acht und fünf, dazu zwölf und 17 und alles zusammen ergibt gerade noch den 15. Tabellenplatz. Der Hallesche FC ist in der Rückrunde der 3. Liga unverhofft aus dem Himmel der Aufstiegsträume in die Hölle der Selbstzerfleischung gestürzt. 


Gegen die Gegner, gegen die in der Hinrunde noch 30 Punkte geholt wurden, langte es gerade noch zu 17. Aus der schmalen, aber immerhin positiven Torbilanz von 20 zu 14 wurde eine negative mit eben jenen zwölf mageren Treffern in 16 Spielen bei 17 Gegentoren. Die allein nicht tragisch wären, denn immerhin haben 13 Konkurrenten mehr Tore geschluckt. Doch weil nur drei weniger eigene Schüsse ins Tor brachten, steht der HFC nun nicht mehr wie noch vor ein paar Tagen auf Tabellenplatz 3. Sondern auf Platz 10, dort, wo die Tabelle nach unten umgeblättert wird.

Die Bilanz eines Absteigers.

Was ist los, was ist geschehen? Wie konnte eine sportliche Führung, wie konnte ein Sportdirektor, wie konnte ein Trainer nach einer ersten Saisonhälfte, die mangels spektakulärer Torfestivals kaum begeisternden, aber immerhin erfolgreichen Ergebnisfussball brachte, in der Winterpause zum Schluss kommen, dass da irgendwo im überschaubaren Mannschaftskollektiv noch Knoten darauf warteten, offensiv zu platzen? Und sich daraufhin entschließen, nicht nur den bis dahin enttäuschenden Sturmneuzugang Petar Sliskovic, sondern mit Timo Furuholm auch den erfolgreichsten Torschützen der letzten zehn Jahre wegzuschicken?

An der Oberfläche ist der Frage nicht beizukommen. Weder Trainer Rico Schmitt noch Manager Ralph Kühne oder Präsident Michael Schädlich haben bisher erschöpfend Auskunft dazu gegeben. Ein Ersatz mit Torgarantie sei nicht zu bekommen gewesen. Oder es habe für jenen Ersatz am Geld gefehlt. Man sei offensiv gut genug aufgestellt, um aus der Breite auszugleichen, was die einzige Spitze - der vor Saisonbeginn vom Mittelfeldspieler zum Stürmer umfunktionierte - Benjamin Pintol nicht an Durchschlagskraft besitze.

Pfeifen im Walde


Pfeifen im Wald, das nun höhnisch widerhallt. Der ohnehin laue Sturm hat es geschafft, seine Zielsicherheit noch einmal annähernd zu halbieren. Dafür klingelt es hinten ein Drittel öfter. Gegner, die im Herbst noch überrascht wurden, weil sie den neu zusammengstellten HFC nicht kannten und seine Spielweise nicht einschätzen konnten, wissen nun genau, wie gegen die Schmitt-Elf anzutreten ist.

Sie lassen den Klub spielen, denn sie wissen, dass dessen Offensivschwäche kaum Gefahr produziert. Großaspach und Regensburg drehten die HFC-Taktik gegen den HFC: Von der ersten Minute an attackierten sie weit vorn und konterten. Wer Spieler beim HFC ist, dem werden da die Beine schwer, denn er weiß: Kassiert meine Elf erstmal ein Tor, gewinnt sie nicht mehr. Also stehen sie in Offensivaktionen immer mit einem Bein in der Defensive. Die Statistik zeigt, wo das hinführt: In gerade zwei Spielen - Regenburg und Frankfurt - schnitt der HFC im Frühjahr besser ab als im Herbst und holte gegen denselben Gegner mehr Punkte. Sechsmal aber war er schlechter und holte weniger.

Ergebnis ist eine "Ergebniskrise" (Rico Schmitt), in der der Leistungsabfall in der Rückrunde, der völlig untypisch ist für den Klub von der Saale, als Zusammentreffen von fehlendem Glück und gleichzeitig auftretendem unglaublichen Pech verklärt wird. Der HFC hat die meisten Pfostentreffer. Der HFC bekommt nur ein Viertel der Elfmeter, die Magdeburg zugesprochen erhält. Der HFC ist spielerisch irgendwie top, selbst wenn er verliert. Nach offizieller Lesart muss Letzteres nur noch vermieden werden.

Am Kipp-Punkt


Doch im im Sport ist es immer so, dass man nehmen muss, was man bekommt. Wie bei Stendal, Cottbus und Magdeburg, deren sportliche Höhenflüge in der Vergangenheit im DFB-Pokal gründeten, gibt es Momente, in denen sich mehr entscheidet als ein Spiel oder das Abschneiden in einer Saison. Auch, weil Fußball mehr denn je ein Managerspiel geworden ist, in dem die Zusammenstellung der Mannschaft wichtiger ist als deren Training. Das gilt zwar als ausschlaggebend für den Erfolg. Doch im Falle des HFC zeigt sich gerade, dass mehr und längeres gemeinsames Trainieren auch zur Verschlechterung eines Kaders führen kann, wenn dessen offenkundige Schwächen nicht auf der Managementebene ausgeglichen werden.

Als sich der HFC im Oktober sang- und klanglos aus dem DFB-Pokal verabschiedete, passierte er einen jener Tipping Points, die wie eine Weiche funktionieren. Hopp oder Top? Die Entscheidung im Winter, zwei Stürmer abzugeben und keinen Ersatz zu holen, war der zweite.

Timo Furuholm, der fast grußlos nach Finnland verschickte Torgarant der letzten Jahre, hat dort inzwischen in zehn Partien sechs Tore geschossen.

Sein Verein Inter Turku, letzte Saison Tabellenvorletzter, ist derzeit 3.





Samstag, 22. April 2017

Zitate zur Zeit: Informationsblind

Wahr oder unwahr?
Im Wesentlichen verhält sich der Einzelne wie das System. Unser System krankt am übermäßigen Vertrauen in die Bilder. Wir sind informationsblind.

Wenn Sie zu viel Schnee sehen, werden Sie schneeblind, das heißt, Sie sehen überhaupt keinen mehr.

Wenn Sie zu viel Infotainment konsumieren, werden Sie informationsblind.

Die Zukunft wird die Grenze zwischen Realität und Virtualität auflösen, die Medien werden  den Zeitbegriff verändern und eine neue Qualität von wahr und unwahr schaffen.

Frank Schätzing, Die dunkle Seite, 1997