Zwei besonders schöne Exemplare des so genannten "Zwar-aber"-Textens sind in der aktuellen Frankfurter Rundschau zu begutachten. Die "Zwar aber"-Methode findet erfahrungsgemäß dann Anwendung, wenn etwas gut oder schlecht ist, der Autor es jedoch nicht gut oder schlecht finden will, weil sonst seine Skandalisierungs-Pose (und somit letztlich das Substanz-Surrogat) gefährdet wäre.
Freitag, 12. März 2010
Zwar aber
Fremde Federn: Zeit wirds
"Hat George W. Bush doch recht gehabt?", fragt die renommierte "Zeit" eben verblüfft angesichts der Tatsache, dass "die Iraker" sich ein neues Parlament gewählt haben, "mit eindrucksvoller Beteiligung trotz massiver Terrordrohungen". Erstaunlich für die Nahost-Experten in Hamburg: Die einheimischen Sicherheitskräfte hatten die Lage weit besser unter Kontrolle, als viele erwartet hatten, heißt es, ohne dass erklärt werden würde, wer "viele" ist und von wem diese vielen zu ihren Erwartungen befragt worden waren. Lob dafür dennoch: "In keinem anderen arabischen Land wären solche Wahlen möglich gewesen", schwärmt die "Zeit", denn das hier seien Wahlen, auf die es "wirklich ankomme", inmitten einer "Region der Scheinparlamente und der 90-Prozent-Mehrheiten für Lebenszeitpräsidenten".
Nun, wo Optimismus billig ist, greift auch die Schmidtsche Schreibmaschine fleißig zu am kalten Buffett für Rückschau-Propheten: "Es wird jetzt im Irak ein politischer Prozess beginnen: Mehrheitssuche, Koalitionsbildung, Kuhhandel, sicher auch Manipulation und Gewalt – aber niemand kann die Macht einfach mit autoritärer Gebärde für sich beanspruchen", fabuliert Jan Ross, der 2007 noch hatte entdecken können, dass der kollektive Anti-Amerikanismus von der Subkultur zur Leitkultur geworden sei.
Jetzt handelt es sich bei dessen Ergebnissen um "eine enorme Errungenschaft politischer Kultur", die die "Verächter des früheren US-Präsidenten nachdenklich machen" müsse, wabert es unbestimmt konkret. War der Krieg zum Sturz Saddam Husseins vielleicht doch richtig? Bestätigt sich Bushs als Fantasterei abgetane Vision von der Demokratisierung des Mittleren Ostens am Ende doch noch? Noch mehr nachholende Klugheit zum Irak gibt es direkt bei der "Zeit". Entsprechende Artikel zu Afghanistan sind für die Ausgabe 17 des Jahres 2015 geplant.
Was macht eigentlich: Das Dönerbudenanschlagsopfer?
Im Juli 2009, die Klimakatstrophe erklomm gerade neue Höhen, geschah es: Der schwerverletzte Iraker Azad Murad Hadji kam völlig verbrannt nach Hause, röchelte "Nazis haben mir das angetan", duschte gründlich und brach zusammen. Vier Tage lang war der Mann, der eigentlich aus Georgien stammte, aber ohne ein Wort arabisch zu sprechen acht Jahre lang als Iraker in Deutschland lebte, das jüngste Opfer rechtsradikaler Gewalt.
Dann wurde aus dem Opfer, das "bei lebendigem Leib angezündet" worden war, als es mal so "um das Gelände des Flüchtlingslagers in Möhlau ging" und das nun im Koma lag, ein mutmaßlicher Täter und aus einem Kiosk, der justament in der Nacht in die Luft gesprengt worden war, in der die "Nazis" Azad Hadji angezündet hatten, ein Anschlagsziel. Ehe der mutmaßliche Täter Azad Hadji befragt werden konnte, erlag er seinen Verletzungen.
Die letzte Nachricht in der mysteriösen Angelegenheit kam seinerzeit vom syrischen Besitzer des niedergebrannten Dönerladens. Der Mann, ein Freund des georgischen Irakers, sei "im Urlaub" und habe noch nicht befragt werden können, hieß es bei der Polizei. Vor neun Monaten. Seitdem nichts mehr. Es ist ein langer, sehr langer Urlaub.
Tanz den Westerwelle
Verdammt stilvoll, wie Bundeskanzler Gerhard Schröder den Großmaler Jörg Immendorff in seinen Auslandsreisetroß für einen Besuch in Georgien packte, wo das koksende Genie mit der Vorliebe für Strapsnutten Stalinbilder studieren sollte, um Schröder selbst später im goldenen Stil der sowjetischen Großmacht fürs das Bundeskanzleramt zu porträtieren. Alle sind sie damals mitgeflogen, die Qualitätsberichterstatter von Süddeutscher bis Handelsblatt, um nah dran zu sein an den Orten, wo es nach Macht und dunklen Zigarren roch. Auch zu den nach Augenzeugen-Berichten an Klassenfahrten erinnernden 220 Auslandsreisen des früheren Fast-Kanzlers Walter Steinmeier fanden sich stets hochkarätige Begleitmannschaften aus Wirtschaft und Politik ein - allein elf Mal liess sich Steinmeier auf seinen Reisen von dem ihm "persönlich nahestehenden Medienunternehmer Detlef Prinz" (Stern) begleiten, wie der Stern gerade mit kaum einem Jahr Verspätung herausgefunden hat.
Steinmeiers Frau, eine vielbeschäftigte Verwaltungsrichterin, hatte damals zum Glück immer keine Zeit. Sonst hätten führende Regierungsreiseexperten etwa von der SZ seinerzeit schon einen Empörungszug aufs Gleis geschoben, dass es nur so gerattet hätte. Dass der Außenminister seine Familie an Bord hat, wenn er für Deutschland Händeschütteln fliege, wäre als abgrund moralischer Verkommenheit enthüllt worden.
nun ist es jetzt erst soweit. Dafür bleibt nun aber kein Auge trocken und kein Schwulenklischee - sorgsam in Steuerzahlerentrüstung verpackt - unbenutzt: Westerwelle habe nicht nur seiner sicherlich total schwulen Mann (oben: Anti-Westerwelle-Demo in Patagonien) mit auf Auslandsreisen genommen und einen Bruder, der eine Firma haben soll, die wirtschaftliche Interessen hat, wie sie frühere Schröder- und Steinmeier-Begleiter wie Heinrich von Pierer (Siemens), TUI-Vorstandschef Michael Frenzel, Airbus-Vorstand Rainer Hertrich oder Rheinmetall-Chef Klaus Eberhardt nie überhaupt zu haben gewägt hätten. Nein, Westerwelle hatte auch eine Künstlerin dabei, von der nicht mal ganz sicher feststehe, welche Art Kunst sie außer der Reiterei betreibe. Also wenn sie keine Malerin ist, wird sie Westerwelle später tanzen müssen.
Verbot der Woche: Wirklichkeit im Visier
Das wurde aber auch Zeit! Endlich geht die Bundesregierung unter der ehemaligen Klimakanzlerin Angela Merkel entschieden gegen Geldmacherei, Fondsanlage, Zinswirtschaft und Spekulation vor. Die studierte DDR-Naturwissenschaftlerin hat sich entschlossen, Wetten auf sogenannte Staatsbankrotte, die nach Aussage von regierungsnahen Wissenschaftlern gar nicht möglich sind, zu verbieten. Nachdem Anleger weltweit darauf spekuliert hatten, dass das griechische Außenhandelsdefizit von 17 Prozent über kurz oder lang dazu führen müsse, dass die griechische Regierung Probleme bekomme, das zur Finanzierung der zusätzlichen Einfuhren notwendige Geld im Ausland zu borgen, handelt Angela Merkel entschieden. Dass Griechenland seit Jahren über seine Verhältnisse gelebt und seinen Lebensstandard mit immer neuen Schulden finanziert hat, sei völlig in Ordnung. Wetten darauf, dass das nicht in alle Ewigkeit so weitergehen könne aber halte sie für "unmoralisch". "Nicht griechische Korruption und Verschwendung ist schuld", erkennt auch Fact-Fiction an, "sondern derjenige, der wettet", dass sie ein böses Ende nehmen.
Nachdem bereits vor zwei Tagen amtlicherseits festgelegt worden sei, dass Griechenland finanziell wieder auf einem guten Weg ist, folgt nun der nächste Schritt: Wetten etwa darauf, dass der Krug nur so lange zum Wasser geht, bis er bricht, sollen künftig untersagt werden. Alle "Finanzanlagevehikel" (Merkel), deren Preis Auskunft über die Wirklichkeit gibt, fallen in Zukunft unter ein Handelsverbot, das sich an dem von Hugo Chavez bereits vor Jahren erlassenen Inflationsverbot orientiert. Es gehe um mehr Transparenz und weniger Wirklichkeit, hieß es in der Berlin, wo das Wettverbot für Kapitalmärkte im Rahmen der PPQ-Reihe"Verbot der Woche" vorgestellt wurde. Wichtig sei, zu offenen Märkten zu finden, auf denen regierungsamtlich zugelassene Preise für den Handel von Finanzprodukten gelten.
Ein neuzugründendes Institut für die Binnenwertberechnung von Aktien, Anleihen, Rohstoffen, Gütern und Waren des täglichen Bedarfs (BIBWBvAAARGWdtB) soll ab Mitte Mai beginnen, reale Preise für den Umschlag aller Wertsachen weltweit festzulegen. Dabei stünden nicht die zum Teil absurden Forderungen der Unternehmen im Mittelpunkt, die zur Zeit etwa mehr als 800 Euro für eine Unze Gold verlangen und Öl nur zu Preisen oberhalb von 80 Dollar abgeben wollen. Sondern der gesamtgesellschaftliche Nutzen, der sich etwa aus einer SAP- oder Siemens-Aktie ergebe. Als nächstes Projekt habe sich die Bundesregierung dann vorgenommen, so weiß Fact-Fiction bereits, den Bananen- und Trabipreis für alle Zeiten per Gesetz festzulegen. Es komme bereits jetzt für jeden Bürger darauf an, die Aushänge in den zuständigen Bezirksämtern zu beachten.
Stiftung Diktaturentest: DDR mit Note gut
Befreiungsschlag im wochenlangen Streit um die geplante Vergleichsveranstaltung zu Geschichtsschreibung in der ehemaligen DDR-Gedenkstätte Roter Ochse in Halle. Die neugegründete Stiftung Diktaturentest hat im Auftrag von SPD-Innenstaatssekretär Rüdger Erben eine Studie erstellt, in der erstmals Stärken und Schwächen der sogenannten "beiden deutschen Diktaturen" (Horst Köhler) verglichen werden. Die DDR schneidet dabei nach PPQ exklusiv vorliegenden Daten mit "gut" ab, das nationalsozialistische Deutschland erreicht ein "sehr gut", eine Note, über die sich auch die einstige Sowjetunion freuen darf.
Erben, als gelernter Bergbautechnologe mit der historischen Hydraulik vertraut und als gedienter NVA-Soldat wie , kein Zweiter zur Analyse der unterschiedlichen Eskaladierwandhöhen in III. Reich und DDR berufen und Geschichte zu schreiben, will die umstrittene Tagung nun nutzen, seine wissenschaftliche Meinung als ehrenamtlicher Heimatologe frei zu äußern, beide Diktaturen wirklich tiefgründig zu durchdringen und den Teilnehmern den Weg zur korrekten Gleichsetzung zu weisen.
Dabei stützt sich Erben auf neuaufgetauchte Fakten, anhand derer die beiden großen Reiche des Bösen gegenübergestellt werden. Ohne sie gleichzusetzen, werden zu Beginn umfassend Parallelen herausgearbeitet. So sei es richtig, schreiben die Verfasser, dass beide deutsche Diktaturen von vorbestraften ehemaligen Gefängnisinsassen geführt worden seien, die zuvor ihre Berufsausbildung abgebrochen hätten. Allerdings sei Adolf Hitler später durch Wahlen an die Macht gelangt, sein Nachfolger Erich Honecker hingegen habe sich demokratisch von der herrschenden Partei einsetzen lassen können, weil das dem Willen des Volkes entsprochen habe. "Honecker hatte es nicht nötig, Parteitage unter freiem Himmel durchzuführen", schreiben die Autoren weiter. Statt eines eigenen Parteitagsgeländes habe der Staats- und Parteichef einen "Palast der Republik" bauen lassen, an dem fackeltragende Anhänger ebenso imposant vorbeiziehen konnten.
Entscheidend für die unterschiedlichen Testnoten seien für die Prüfer aber letztlich die frappierenden Unterschiede zwischen beiden Diktaturen gewesen. So habe die DDR zwar die im Dritten Reich erbauten Chemiefabriken im Ursprungszustand weitergenutzt, das Konzentrationslager Buchenwald aber nach einer Übergangszeit aufgegeben. Albert Speer, der führende Architekt des Reiches, sei bei seiner Arbeit über Planungen und Bunkerbauten kaum hinausgekommen, Stalinallee-Architekt Hermann Henselmann und sein Kollege Richard Paulick dagegen konnten ganze Stadtteile und Städte neu erbauen. Gravierend auch die Differenzen im Gesundheitswesen: Albert Speer sei von einer schweren Gallenkolik abgesehen kerngesund gewesen, sein Nachfolger Günter Mittag hingegen habe unter einer schweren Zuckererkrankung gelitten und seinem Tagwerk ohne Beine nachgehen müssen. Nicht die einzige auffällige Diskrepanz: Während Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels häufig selbst öffentlich aufgetreten sei, habe es Honeckers Chef-Propagandist Joachim Hermann vorgezogen, im Hintergrund zu wirken. Aus der "Wochenschau" wurde unter seiner Ägide der "Augenzeuge", ein Unterschied, an dem keine wissenschaftliche Untersuchung vobreigehen könne.
Unterschiede stellten die Prüfer aber auch bei den Jagdgepflogenheiten der führenden Parteigenossen fest. So unterhielt Hermann Göring mit Carinhall ein eigenes Jagdschloß, Erich Mielke dagegen begnügte sich mit einem einfachen Jagdhaus in Wolletz bei Angermünde, mehr als 17 Kilometer entfernt. Mielke sei außerdem nicht Preußischer Ministerpräsident gewesen und habe allem Anschein nach auch keinen Pilotenschein gehabt. Nur auf den ersten Blick recht ähnlich seien die Unterhaltungsbedürfnisse von Honecker und Hitler: Beide bevorzugten am Abend einen guten Spielfilm, doch der erst spät in den Stand der Ehe tretende Hitler sah am liebsten Mickey-Mouse-Streifen, der mit seiner zweiten Ehefrau Margot in einem langjährigen Kampfbund vereinte Honecker gab sich niveauvoller Entladungskinematografie wie "Die schwarze Nymphomanin" hin. Beide seien allerdings häufig in offenen Wagen unterwegs gewesen (Foto oben), dabei habe Hitler jedoch auf einen Daimler aus eigener Produktion gesetzt, Honecker seinerseits vertraute einem importierten Tschaika.
Für das sogenannte III. Reich spreche allerdings seine größere innere Freizügigkleit. Privatreisen zwischen Dresden und Darmstadt oder Halle und Hamburg seien unbeschränkt und ohne Genehmigung geduldet worden. In Sachen Urlaubsbetreuung hingegen hielt die DDR über ihren Gewerkschaftsbund FDGB die Tradionen der Volksreisebewegung "Kraft durch Freude" hoch. Treue Staatsbürger wurden mit Erholungsreisen belohnt, sogar Kreuzfahrten mit Schiffen wie "Ascona" und "Der deutsche" (Fotos oben) in ferne, exotische Länder wurden verlässlichen Diktaturangehörigen gestattet. Das KdF-Schiff "Der deutsche" habe jedoch zwei Schornsteine gehabt. Differenzen fanden die Prüfer dann auch wieder beim Faktencheck im Sportbereich: Sowohl das Leistungsschwimmen in der DDR als auch Leichtatlethik und Fußball in der zweiten deutschen Diktatur hätten größere Erfolge zu verzeichnen gehabt. So stand für die DDR-Fußballnationalmannschaft ein 12:1 gegen Ceylon als höchster Sieg in der Statistik, für Nazi-Deutschland reichte es nur zu einem 9:0 gegen Luxemburg. Allerdings sei Hitlerdeutschland 1934 in Italien WM-Dritter geworden, die DDR habe 40 Jahre später nur als eine Art 6. abgeschlossen.
In der Endabrechnung dürfe man jedoch das große Bild nicht aus den Augen verlieren, warnen die Diktaturentester. Die DDR sei Zeit ihrer Existenz ein Quasi-Anhängsel der sowjetischen Arbeiterdiktatur gewesen, deren starke Unterdrückungsleistungswerte sie jedoch nie habe erreichen können. Obgleich auch die Union der Sowjetrepubliken nur von Vorbestraften und mehrfach Verurteilten geführt wurde, sei es ihr im Unterschied zur DDR gelungen, Menschenmassen ähnlich erfolgreich wie das III. Reich zu ermorden. Andersdenkende und Andersglaubende seien nicht wie in der ostdeutschen Dependance bespitzelt und unterdrückt, geschlagen und bei Annäherung an die Grenze erschossen, sondern zu Millionen eingesperrt und hingerichtet worden. Wie Hitler gelang es auch Stalin, sein Volk zu peitschen und zu knebeln und dafür von breiten Volksmassen geliebt zu werden. Diese Liebe halte bei ganzen Generationen von ehemals Unterdrückten bis heute an, obwohl die jeweiligen Regierungsparteien von III. Reich und UdSSR zwangsaufgelöst worden seien. Die DDR hingegen lebe in ihrer früheren Regierungspartei fort, wobei Konsens darüber bestehe, dass sie inzwischen einen anderen Namen trage. Daraus folge, dass sie im Diktaturentest hinter den beiden großen Unrechtsregimen zurückbleibe.Alles in allem sei die DDR "einfach nicht ganz so schlimm" gewesen, argumentieren die Wissenschaftler. Die Pfüfer erteilten der DDR eine Note 2, Nazi-Reich und Sowjetdiktatur hingegen bekamen ein "sehr gut".
Donnerstag, 11. März 2010
Wie heiratet man die Schwester seiner Witwe
Wie geht es weiter mit Hartz 4? Wie lange können die Schulden noch steigen? Wie
schwul darf ein deutscher Außenminister sein? Wie oft schmökern sie bei der "Zeit" eigentlich in alten PPQ-Artikeln? Und wo bleibt bei all dem der kleine Mann?
Die "Fragen unserer Zeit" (Joseph Stalin) sind das nicht, sie scheinen es nur zu sein. Meinungsumfragen, Sonntagsfragen, Auslandsreisen, Kreditklemmen - der Internetriese Google, der nach Angaben von Experten ähnlich rasant untergeht wie das hübsche Südsee-Paradies Tuvalu, schreibt ein völlig anderes Psychogramm der Generation Bauchgrimmen. Lebenshilfe aus dem Suchschlitz: Anfragen, die mit "Ist es..." beginnen, beendet die Findmaschine aus Mountain View derzeit einerseits mit prosaischen Formulierungen wie "Ist es illegal, von Youtube downzuloaden" und "Ist es leichtsinnig, noch kurz vor der Kreuzung einen Lastzug zu überholen". Andererseits aber führt der Gigant den nach Sinn Suchenden in Seelentiefen, aus denen wie heimelige Lagerfeuer Fragen knistern wie "Ist es nicht seltsam" und "Ist es das, was Du willst".
"Sterben heißt, die alles ungelöst verlassen", vermutete Gottfried Benn, der bei Google 28.000 Vorschlagstreffer für "Gottfried Benn in einer Nacht" aufzuweisen hat, Sterben aber heißt heute auch, weiterzuleben mit Fragen wie "Ist es in Deutschland für einen Mann möglich, die Schwester seiner Witwe zu heiraten?" Eine Frage, die vermutlich weit über Deutschland und Europa hinaus Bedeutung erlangen wird, sobald die ersten Hochzeitsglocken für einen Toten läuten. Bis dahin bleibt die Frage an den notorisch in wilder Ehe lebenden Außenminister: Warum schlägt Google auf den Satzanfang "Hochzeit Westerw..." nur "Hochzeit Westerwald" vor? Betreibt die Familie dort etwa ein Stundenhotel? Eine Pfarrei gar? Verübt sie insgeheim geheime Trauungen für besonders gute Freunde? Und wieso eigentlich durfte der nicht mit einem Küchenstudio verwandte Friedrich Küppersbusch die Laterne nicht aussuchen?
Der Himmel über Halle XXV
Über Jahre hinweg bietet die engagierte Stadtverwaltung der mitteldeutschen Beinahe-Metropole Halle ihren Bürgerinnen und Bürgern nun schon die bemerkenswerten und durchweg handgemachten Sky-Spektakel, die unser heimatkundliches Board in seiner nahezu preisgekrönten Serie Der Himmel über Halle dokumentiert. Trotz aller Sparzwänge, die den Himmelsmalern aus der zum Sport- und Bäderamt gehörenden Abteilung XIa das Leben nicht immer leichter machen, gelingen immer noch überraschende Farbkombinationen und innovative Schattenspiele: Mit dem Motiv "Brennender Dornbusch" kündigte die Verwaltung der deutschen Himmelshauptstadt jetzt zünftig den Beginn der neuen Sky-Saison an. Weil unten in den Straßen Unzufriedenheit und schlechte Laune dominieren, werde man sich bemühen, jeden Abend einen besonders schönen Himmel über die Stadt zu hängen. Man wolle dabei künftig noch preiswertere und sozial gerechtere, zugleich aber noch buntere und detailreichere Himmelsbilder bieten, hieß es im Rathaus. Das zuständige Regierungspräsidium habe der hochverschuldeten Stadt inzwischen genehmigt, Mittel aus dem Etat für Tourismusforschung in den sogenannten Himmelshaushalt umzuschichten, Maßstab aller Illuminations-Bemühungen der Abteilung XIa seien nun die besten Bilder der vergangenen Jahre.
Mittwoch, 10. März 2010
Mit Billiglöhnen ins Parlament
Eine Partei bleibt sich treu, öffnet ihr Herz und unseren Beutel für die Armen, redet nicht nur, sondern tut, was sie kann. Die deutsche sozialdemokratie strebt nach einem Bericht der Bild-Zeitung an, die monatliche Mitarbeiterpauschale für die Bundestagsabgeordneten um 2000 Euro anzuheben. Nicht um zu prassen, Kopierpapier ohne Ende anzuschaffen oder kostenpflichtige Internetdienste zu nutzen! Sondern um mehr Mitarbeiter zu bezahlen: Derzeit beschäftige jeder Parlamentarier im Schnitt vier bis fünf Angestellte, mit 2000 Euro mehr, mutmaßt das Qualitätsmagazin, könnten "zusätzliche Mitarbeiter" eingestellt werden.
Auf der Straße stehen nach der Wahlniederlage vom September letzten Jahres offenbar genügend Willige, die zu solchen Billiglöhnen (1300 Eruo netto) gern mithelfen würden bei der Rückeroberung der Macht. Schon werden erste Stimmen laut, die fordern, den Plan konsequent zu Ende zu denken, nachdem der Versuch von Parteichef Sigmar Gabriel, Wählerstimmen mit Hilfe von Energiesparlampen zu kaufen, fehlgeschlagen war. Als "Großer Gabriel-Plan" könne er in viel größerem Maßstab umgesetzt werden, schlagen einzelne Parlamentarier aus dem liberalen Netzwerk-Bereich und dem eher linksorientierten Heddesheimer Block vor.
Mit nur zehn Milliarden Euro im Monat könnten restlos sämtliche Arbeitslosen Deutschlands als SPD-Bundestagsabgeordnetenmitarbeiter eingestellt werden, rund ein Drittel der Summe käme als Sozialbeitrag und Lohnsteuereinnahme sogar sofort Sozialkassen und Finanzminister zugute. Da die neueingestellten SPD-Abgeordnetenmitarbeiter bei Respektierung des Wahlgeheimnisses vermutlich SPD-nah wählen würden, weil Sigmar Gabriel aus der Nähe absolut überzeugend wirkt, sei auch mit einem Stimmungsumschwung zugunsten der Sozialdemokratie zu rechnen. Wenn nur ein Fünftel der neuen SPD-Getreuen sein Kreuzchen bei der nächsten Wahl bei der SPD mache, werde der zuletzt eingetretene Verlust von rund 900.000 Stimmen auf einen Schlag mehr als ausgeglichen.
Die häßliche Fratze der Armut
Die Lage ist prekär, der Hunger alleweil zu Gast. Nachdem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in einer neuen Studie herausgefunden hat, dass in Deutschland viel mehr Menschen als bisher gedacht von Armut bedroht sind, finden sich schlagartig auch Mitbürger unter den Marginalisierten und benachteiligten, die bisher gedacht hatten, sie seien immun gegen das schleichende Gift des Kapitalismus.
Daniel Drungels ist einer davon, ein armes Würstchen, das unter seiner Lage leidet, seit er von ihr erfahren hat. Im Un terschied zu vielen anderen aber hat Dungels sich entschlossen, nicht länger zu schweigen, sondern sein Schicksal öffentlich zu machen. Herausgekommen ist ein erschütterndes Zeugnis der alltäglichen menschenverachtenden Realität des Neoliberalismus in Deutschland, ein packendes Dokument aus einer Zeit des ungehemmten Turbokapitalismus, der seelenzerstörenden Globalisierung und des von den Verhältnissen erzwungenen Duldens himmelschreiender Ungerechtigkeiten. Die häßliche Fratze der Armut, sie hat keinen Markennamen, sie kennt kein Pardon. Wir müssen dennoch den Mut haben, ihr ins Gesicht zu schauen. Danke, Daniel Drungels!
Wofür wir gern werben: MfS Stasiporn
Wie die unsichtbare Hand des großen Moralphilosophen Adam Smith, dem PPQ traditionell alle seine Beiträge widmet, arbeitet der kurz vor dem endgültigen Verbot stehende Internetkonzern Google ganz rechts außen daran, passende Werbebanner zu den häufig sehr fragwürdigen Inhalten dieses Boards zu hissen. Mal gelingt das so wunderbar, dass wir dankbare Mails von zufriedenen Nutzern bekommen, mal zeigen sich Opfer und Täter der unzulässigen Kaltakquise gleichermaßen verstört: "Suchen Sie MfS Stasi?" heißt es etwa derzeit gelegentlich, "finden Sie MfS Stasi bei uns". Verwiesen wird dann allerdings nicht auf die von uns derzeit häufiger zitierte Qualitätswebsite stasiporn.com, sondern auf ein Portal namens "shopping.com", das in Wirklichkeit keinerlei Stasi-Pornografie anbietet.
Zwangsfüttern in Sachsen
Nur 48 Stunden nach den ersten PPQ-Enthüllungen zu mutmaßlich nicht völlig ausgeschlossenen Fällen von Kindesmissbrauch in der früheren DDR ziehen die Leitmedien entschlossen nach. Die Leipziger Volkszeitung hat die Spur der Kinderschänder von den Redaktionsräumlichkeiten bis vor die eigene Haustür verfolgt und einen ehemaligen Bewohner des Eilenburger Ernst-Schneller-Heims gefunden, der versichert, dass es dort "in den Jahren 1970 bis 1980 täglich zu sexuellen Übergriffen" gekommen sei. Danach hätten die Opfer "mehrmals täglich sexuelle Belästigungen" über sich ergehen lassen müssen. So mussten sie "etwa nackt zum Duschraum laufen" und dann dort völlig unbekleidet duschen, obwohl weder katholische noch protestantische Funktionsträger in der Nähe waren. Andere Augenzeugenberichte sprechen von Ernährung mit Harzer Käse und Marmelade aus Eimern
Sachsen ist dennoch sichtlich stolz, Dabeisein zu dürfen im großen Ringelrein. Nun gilt es, qualitätsjournalistisch aufwendig in Heimkinderforen weiterzurecherchieren. Dort tun sich Abgründe auf, die weit über sexuellen Missbrauch hinausreichen: "Echt legga" heißt es über eine "Ute aus Breitenbrunn", von einem Jungen mit dem Spitznamen "Kricke" berichten Zeugen, dass er "mit einer von Werkhof bei sexuellen Spielchen im Flagranti erwischt" worden sei und daraufhin "sechs Wochen" in den Jugendwerkhof Torgau gesperrt wurde.
Nun wird es nur noch wenige Tage dauern, und auch der Demo-Aufruf ehemaliger Heimkinder vom 3. Januar wird öffentlich bemerkt werden. Unter dem Motto "Wir klagen an weil wir geschlagen wurden, weil wir zwangsgefüttert wurden, weil wir sexuell missbraucht wurden, weil wir gefoltert wurden" wollen die am 15. April 2010 in Berlin demonstrieren. Wer keine Zeit hat oder kein Heimkind ist, darf vorab schon die Online-Petition "Öffentlicher Bußaufruf an die Kirchen in Deutschland" unterzeichnen. Demnächst in diesem Theater: Sex im Thomanerinternat, Missbrauch im Stasiknast, Zwangsfüttern im Jugendwerkhof.
Dienstag, 9. März 2010
Fremde Federn
Ich spüre bei vielen meiner Mandanten ein starkes Anspruchsdenken an den Staat. Andere betrachten den Staat als Feind, gegen den man sich wehren muss. Ob sich der eine oder andere auch Gedanken darüber macht, wer das alles bezahlt, bezweifele ich. In unserer Gesellschaft fragt man doch eher, was man kriegt, und nicht, was einem genommen wird. Dankbarkeit für eine oft ja auch jahrelange Alimentierung erlebe ich eigentlich nie. Dafür ist die Leistung zu formalisiert und mit zu viel Frust, Fehlentscheidungen und Unzulänglichkeiten verbunden.
Fremde Federn
Erneut irrt der vermeintlich unfehlbare Weltklimarat. Entgegen seinen Schreckensszenarien für die Tier- und Pflanzenwelt kommen immer mehr Wissenschaftler zu anderen Ergebnissen. Die Anpassungsfähigkeit der Natur scheint größer als vermutet. Klimapolitiker wollen davon aber nichts wissen.
Staatsbürger gegen Schreibtischpuppen
Verkehrte Welt, vertauschte Rollen! Deutsche Sozialdemokratie unter Beschuss! Kurz vor der Landtagswahl in NRW tun sich Abgründe moralischer Verkommenheit in der Partei von Bebel, Grotewohl und Brandt auf, wie die "Wirtschaftswoche" berichtet: So soll der bisher überregional noch nicht weiter aufgefallene "SPD-Innenexperte" Karsten Rudolph in seinem Landtagsbüro eine "Spielzeugfigur des Islamisten Osama Bin Laden" aufgestellt haben, die er bei einem augenscheinlich absolut menschenverachtenden Shopping-Aufenthalt im marokkanischen Marrakesch entdeckt hatte.
Für CDU und FDP eine plastische Verhöhnung aller Opfer des Terrorfürsten, der sich seit Jahren auf eine Rolle als moderater Drohbotschaften-Moderator zurückgezogen hat. Der Innenausschuss des Landtages solle sich mit der unappetitlichen Angelegenheit befassen, um der Puppe noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit zu sichern, fordern beide Parteien. Nicht etwa nur der Puppenbesitzer Rudolph, sondern "die SPD" in ihrer Gesamtheit verniedliche hier nicht etwa nur den meistgesuchten Terroristen der Welt, sondern gleich "den Terrorismus".
Noch schlimmer handelt nur der stellvertretende Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Matthias Will. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil er öffentlich den Hitlergruß gezeigt haben soll - und das noch dazu in einer Gaststätte in Charlottenburg. Sehr betrunken kann Will allerdings nicht gewesen sein, nach Augenzeugenberichten begleitete er das Zeigen des "Deutschen Grußes" völlig korrekt mit der Grußformel "Heil Hitler". Mehrere Zeugen, schreibt die BZ, hätten dies beobachtet und wiedererkannt. Und wenigstens ein aufrechter Staatsbürger erinnerte sich des Aufrufes zum Hingucken und erstattete Anzeige wegen des hierzulande auch in harmlosesten Fällen hart bestraften Zeigens verbotener Kennzeichen von verfassungswidrigen Organisationen. Die passende Schreibtisch-Puppe vom ehemaligen Führer und Reichskanzler, der heute als Moderator bei n-tv, ZDF, ARD und weiteren elf großen Fernsehsendern etwa ein Neuntel des gesamten deutschen Fernsehprogramms allein mit Berichten über seine Untaten füllt, gibt es entsetzlicherweise und unter Missachtung aller Opfer- und Urheberrechte hier.
Reichtumsbekämpfung kommt voran
Große Erfolge im Kampf gegen die seit Jahren zuverlässig aufklaffende "Schere zwischen arm und reich" (Angela Merkel) hat die Bundesregierung offensichtlich mit der Durchführung ihrer Finanzkrisensimulation erzielt. nach neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes gelang es, das Einkommen von Arbeitnehmern im zurückliegenden Jahr um 0,4 Prozent auf nur noch durchschnittlich 27.648 Euro brutto zu senken. Bei der ersten flächendeckenden Lohnsenkung seit Gründung der Bundesrepublik verloren Beschäftigte in der Industrie im Schnitt sogar 3,6 Prozent ihres Einkommens. Da die Einkommen der Erwerbseinkommenslosen aus Rente und Sozialhilfen gleichzeitig stabil gehalten werden konnten, habe sich die "Schere zwischen arm und reich" (Angela Merkel) wie geplant weiter geschlossen. Zuvor hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung bereits herausgefunden, dass in der Krise "die Reichen viel Geld verloren haben", während Transferempfänger profitierten. Dieser „Kriseneffekt der Gleichmacherei“ (Die Welt) habe erzielt werden können, weil der Crash viel Kapital vernichtet, die Armen hierzulande aber nicht ärmer gemacht habe, berichten die Finanzmarktexperten, ohne auf die entsprechenden PPQ-Enthüllung vom März 2009 Bezug zu nehmen.
Montag, 8. März 2010
Rekorde für die Ewigkeit
"Ich bin grau, Du bist grau, lass uns zusammen grausam sein", sangen die jungen Musikanten in den staubigen Himmel. Morgens lag eine pelzige Schicht Sand auf dem Auto, die Fensterscheiben waren schmierig von chemischem Nebel, vor den Straßenlaternen schwebten Schleier aus Schmuddel und Schmand. Die Luft allein ernährte ihren Mann, zumindest in Merseburg und Halle, den beiden Herzkammern der karbidgetriebenen Hitlerschen Kriegswirtschaft, die vom deutschen Kommunismus im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens einfach weitergenutzt wurde.
Hier regnete es trocken all die Jahre lang. Allein im finalen DDR-Jahr 1989 wurden von den Chemiefabriken in und um Merseburg 100.131 Tonnen Staub in die Luft geblasen - das Gewicht von 166.000 der begehrten Pkw der volkseigenen Marke Trabant. Dazu kamen 326.269 Tonnen Schwefeldioxyd, 18.341 Tonnen Kohlenmonoxyd und 18.137 Tonnen Stickoxyde. Pro Kopf der Bevölkerung rieselten mehr als 11 Tonnen im Jahr vom Himmel, die Zukunft war eine Art Kleckerburg aus kondensiertem Abraum, die wie von selber wuchs. Himmelsstürmende Pläne, auf die Mielkes Geheimimperium und Mittags Wirtschaftsexperten nur noch kommen mussten: Ein paar tausend Jahre nur, und die Deutsche Demokratische Republik würde höher liegen als die Schweiz, ein sozialistisches Wintersportparadies mit Trockeneisgletschern, Kohlendioxidpisten und Schaumschanzen.
Die gesamte Bundesrepublik produzierte insgesamt nur knapp dreimal soviel Schwefeldioxyd wie allein die fleißigen Werktätigen in der Region zwischen Leuna und Buna aus den maroden Fabriken quetschten. "Die durchschnittliche Emission von 689 Tonnen in der Region pro Quadratkilometer und Jahr betrug im Vergleich zum Gebiet der alten Bundesrepublik somit sogar etwa das 165-fache", hat Peter Ramm, Mitbegründer des Neuen Forums in Merseburg, jetzt in der HZ vorgerechnet.
Auch die höchsten Schwefeldioxyd-Konzentrationen erreichte das sozialistische Merseburg, nicht das feinstaubsensible Spätrom der Umwelt-Postapokalypse. Im Jahresmittel schluckten der durch Immissionen nicht zu beeindruckende Menschenschlag hier 270 bis 380 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, der Münchner musste sich hingegen damals schon mit bescheidenen 17 Mikrogramm pro Kubikmeter zufriedengeben.
Rekorde für die Ewigkeit, Weltspitze, von der nichts mehr geblieben ist, nicht mal in Gedanken. Die Schaumkronen auf der Saale verschwunden, die Quecksilberseen trockengelegt, das grelle Grau der Fassaden übertüncht. Der Aufbau des Sozialismus war, lufttechnisch gesehen, eine vier Jahrzehnte andauernde Silvesternacht in einer knallbegeisterten Vorstadt ohne Finanzierungsprobleme. Chemie brachte Arbeit, Wohlstand und vor allem das Glück, dass man später schnell vergisst, was das alles gewesen ist.
Missbrauch kein Westmonopol
Der Missbrauchskandal an deutschen Schulen, der anstelle des nach Chile abgereisten Bundesaußenministers Guido Westerwelle ins Unterhaltungsprogramm gerutscht ist, weitet sich planmäßig weiter aus. Nach Fällen an katholischen Lehreinrichtungen und an der Reformschule in Heppenheim waren Beobachter bislang davon ausgegangen, dass es sich um ein reines West-Phänomen handelt. Erste Hinweise deuten nun aber jetzt darauf hin, dass es auch im Osten Deutschlands sexuelle Übergriffe gegeben haben könnte - darunter auf Jungen, aber auch auf Mädchen (Bild oben, Quelle stasiporn.com).
Erst am Wochenende war bekannt geworden, dass an der renommierten Odenwald-Schule für Reformpädagogik in Hessen zwischen 1970 und 1985 bis zu 100 Schüler vom Schulleiter und mindestens drei Lehrern missbraucht worden sein sollen. Die Katholische Kirche hatte zuvor interne Reinigungsmaßnahmen angekündigt, der Papst wisse von nichts, hieß es.
Aus dem ehemals sozialistischen Osten der Republik kommen nun neue, schlimme Bilder (oben, rechts). Augenzeugen berichten von jungen Thälmannpionierinnen, ins Direktorenzimmer vorgeladen und hier schwer erniedrigt wurden, Opfer erinnern sich an peinliche Entkleidungsrituale in muffigen Sporthallenduschen. Die alte Bundesrepublik könne kein Mißbrauchsmonopol für sich beanspruchen, analysieren erste Experten nach Auswertung der ernsten und akuten Fälle, die sich vor etwa 25 Jahren unter dem Deckmantel des "FDJ-Aufgebotes XI. Parteitag" abgespielt haben sollen.
Unter dem Druck der seit einem Vierteljahrhundert vergangenen Ereignisse schaltet sich jetzt auch die Bundesregierung aktiv in die Aufklärung des Missbrauchs-Skandals ein. Wie immer, wenn die Forderung nach härtere Strafen politisch nicht korrekt erscheint, stimmt ein Chor den Ruf nach "längeren Verjährungsfristen" an. Anstelle des im Bundestag üblichen Verweisens in die Ausschüsse sollen Stellen für "Sonderbeauftragte" in den Ministerien geschaffen werden, um die Volksseele zu beruhigen.
Das Land brauche eine "Kultur des Hinsehens", forderte Bundesbildungsministerin Annette Schavan jetzt die Verwendung der bisher nur im "Kampf gegen rechts" (Angela Merkel) verwendeten schärfsten Waffe der Demokratie auch beim Schmuddelsex mit Schutzbefohlenen. Statt sich wegzuducken, müsse zugeschaut werden. So hätten an der Odenwald-Schule Lehrer ihre jugendlichen Geliebten unbemerkt von Kollegen und Mitschülern geheiratet. Dadurch werde "zum Teil erst viele Jahre nach dem Missbrauch gesprochen", sagte die CDU-Politikerin, die für eine völlig Neuerfindung der abendländischen Rechtssystematik wirbt. Weil sich die Länge der Verjährungsfrist derzeit noch an der Höhe der Strafandrohung orientiere, entstehe der Eindruck, "es ist so weit zurück, es ist verjährt, also ist es nicht wichtig". Künftig solle es andersherum sein: Fälle, die viele Schlagzeilen machen, seien als wichtig zu betrachten, die Verjährungsfrist steige dann automatisch auf eine Dauer an, die Strafverfolgung weiter ermögliche.
Sonntag, 7. März 2010
Himmel über Halle XXIV
Die Straßen Halles präsentieren sich derzeit als schlechte Kopien rumänischer Schotterpisten. Da wandert der Blick der Stadtoberen natürlich nach oben - wo sich heute ein Blau tummelte, wie es blauer kaum vorstellbar ist. Dagmar Szabados und Co. konnten durchatmen: Ihr Projekt einer horizontübergreifenden Kuschelecke für den gemeinhin eher schlecht gelaunten Ureinwohner funktioniert weiterhin ohne Probleme. "Wenn nicht auf Erden, dann im Himmel" sangen sie und können sich auf unser Beweisfoto berufen.
Bibbern um Punkte
Schon vor dem Anpfiff der erste Treffer: Markus Müller, zuletzt dreifacher Torschütze im Tiefkühlduell gegen Lübeck, zieht aus Nahdistanz ab, der Ball fliegt, die Dame vom Ordnungsdienst hat keine Chance. Eins zu Null in der Schneeballschlacht im halleschen Kurt-Wabbel-Stadion, das seinen letzten Rückrundenstart in alter Gestalt um zwei Wochen verspätet und als eine Art Eistanzveranstaltung erlebt: Null Grad, null Fans der Gäste aus Bremen-Oberneuland, fast null grüner Rasen.
Dafür aber ein Gastgeber, der startet, als wolle er die durch drei ausgefallene Spiele verlorene Zeit aufholen. Vier Minuten nur dauert es, bis Halle zum ersten Mal jubeln darf. Eine Eingabe von Angelo Hauk, der sein Startelfdebüt auf rechts gibt, kann Oberneuland-Keeper Ceglarek nicht festhalten. Hinter ihm steht Thomas Neubert, Halles Fußball-Westernhagen, und köpft zum 1:0 ein.
Danach hätte alles ganz schnell erledigt können. Die Köhler-Elf drückt weiter, Oberneuland wankt. Noch einmal trifft Thomas Neubert, dem bis hierher in 18 Spielen erst vier Treffer gelungen sind. Doch Schiedsrichter Martin Bärmann hört auf seinen Assistenten und entscheidet auf Abseits. Auch Adli Lachleb verpasst, ein Schuss von Kanitz verendet auf dem Weg zum Tor und einen anderen wehrt ein Oberneuländer mit der Hand ab.
Dafür treffen die Gäste. Bei einem der seltenen, aber schnell vorgetragenen Konter wird Patrick Mouaya von seinem Gegenspieler einfach umgestoßen. Unbedrängt geht die Flanke in den Strafraum, Adli Lachleb schlägt den Ball ins Spiel zurück statt auf die Tribüne, von dort geht die rote Kuller wieder auf die Mouaya-Seite, die nächste Flanke findet Banecki und der schießt über Horvat ins Tor.
So war das nicht gedacht mit dem unterkühlten Ergebnisfußball. Als Ronny Hebestreit dann auch noch direkt an der Strafraumgrenze gelegt wird und der Schiedsrichter weiterspielen bedeutet, haben die Zweitausend auf den bröckligen Rängen einen Verantwortlichen gefunden: Amerell ist jetzt der neue Gagelmann und im Wabbel-Stadion vertreten wird er von Martin Bärmann. Mit Pfiffen geht es in die Pause, in der von gleißender Wintersonne bestrahlten Fankurve ziehen sie sich die Leibchen aus und fordern auf einem Plakat "Freiheit für Zaunfahnen".
Ein neues Zeitalter in einer Stadt, deren Jugend früher "Freiheit für Angela Davis" und "Freiheit für Luis Corvalan". Ein neues Zeitalter auch für Thomas Neubert, den aeleganten Fußballarbeiter, der auf dem schneebedeckten Rasen besser zurechtkommt als seine stilistisch beschlageneren Kollegen Pavel David und Niko Kanitz. In der 57. Minute marschiert Neubert allein aufs Oberneuländer Tor zu, er guckt sich den Torwart aus und trifft im Wembley-Manier die Lattenunterkante.
Das Halbzeitspiel der Fanklubs hätte er damit gewonnen, das ist aber schon vorbei. Halle rennt jetzt an, Oberneuland hält dagegen. "Pyrotechnik erlauben" fordert ein Transparent in der Fankurve, die demnächst vielleicht sogar zu realistischeren Forderungen wie "Kinderschändung erlauben" zurückfinden wird. Erstmal kommt Markus Müller für Pavel David, Toni Lindenhahn für Kanitz, dann Neubert in einer seitenverkehrten Neuauflage des 1:0zum Kopfball: Auf links läuft Lindenhahn durch, Oberneulands Torwart segelt vorbei, ein Abwehrspieler bringt den Ball nicht zum Weg- sondern nur zum Hochspringen. Und dort oben wartet der schlacksige Fußballgott, der ihn mit dem ganzen Körper über die Linie drückt.
Der Rest ist Bibbern um die Punkte, eine Viertelstunde Bangen, in der noch viel hätte passieren können, in der aber ausnahmsweise mal nichts weiter passiert. Bärmann, der zuvor bei keinem Foul zur Karte gegriffen hatte, zeigt noch zwei Gelbe wegen Ballwegschlagens, Hauk verzieht, Neubert verstolpert, Müller verköpft. Dann ist es geschafft, Sieg, drei Punkte, zurück auf Platz drei.
Samstag, 6. März 2010
Theo, wir fahrn nach futsch
Es läuft wie ein Länderspiel gegen Argentinien beim Deutschen Fußballbund. Seit dessen Vorsitzender Theo Zwanziger entschieden hat, dass mögliche intime Beziehungen zwischen erwachsenen Männern im Sold des DFB Chefsache sind und an die Öffentlichkeit gehören, hat der größte Sportverband der Welt nicht mehr nur mit einem Wettskandal, der Leistungsdruckdiskussion nach dem Enke-Selbntmord und einem Vertragsstreit um die Zukunft des Bundestrainers zu kämpfen. Sondern auch noch mit unappetitlichen Details aus der Gefühlswelt des Schiedsrichterwesens. In dem geht es offenbar seit Jahren zu wie in einem erzkatholischen Kinderinternat: Zwischen sexueller Nötigung, intimen Übergriffen und glitschigen Liebesmails blieb kaum noch Zeit, zur Pfeife zu greifen.
Zuerst war alles klar. Manfred Amerell, "Schiedsrichter-Obmann" beim DFB, sollte seinen Starschiedsrichter Michael Kempter gezwungen haben, sexuelle Handlungen zu dulden. Anderenfalls, so die Drohung, werde er seine Leistungen auf dem Fußballplatz schlecht bewerten. Kempter ist 27 Jahre alt, 1,80 groß, Bankkaufmann bei der Sparkasse Pfullendorf-Meßkirch und "ein Vorbild für junge Schiedsrichter", wie das "Amtliches Mitteilungsblatt des Südbadischen Fußballverbandes" schon vor sechs Jahren feststellte. Das Vorbild handelte also pragmatisch: Obwohl er später erklären wird, nie gewillt gewesen zu sein, eine sexuelle Beziehung zu seinem 36 Jahre älteren Mentor Amerell einzugehen, schlägt er diesem nicht etwa die Faust ins Gesicht, als der ihm bei einer Autofahrt in die Hose greift. Er habe ja, sagt Kempter später, nicht anhalten können.
Wahrscheinlich waren die Bremsen kaputt. Die Karriere musste schließlich in Fahrt bleiben. Kempter denkt pragmatisch und schreibt dem rothaarigen Belästiger: „Hi mein Freund, Drücke Dich Morgen ganz fest. Ziehe für Dich extra die „weiße Hose“ an, damit mein schwarzer Tanga vorleuchtet... grins“.
Ein Akt des Widerstandes, der weit über alles hinausgeht, was an Mitwirkungspflicht des Bürgers von der Staatssicherheit in der DDR gefordert wurde. Für Theo Zwanziger, dessen Moral und Logik sich traditionell nach der jeweiligen Situation richten, ist Kempter folglich ein Opfer, als er dem DFB beichtet, dass er das Ziel schrecklicher Übergriffe des Schiedsrichtersprechers sei.
Amerell gibt alle Ämter auf, droht aber mit Prozessen. Zum Glück gelingt es dem DFB, drei weitere Schiedsrichter zu finden, die dem Hotelier aus Bayern ebenfalls vorwerfen, sie sexuell belästigt zu haben. Drei entsprechende eidesstattliche Versicherungen müssten reichen, Amerell zum Schweigen zu bringen - doch sie reichen nicht.
Entgegen aller Planungen nämlich taucht der Täter nicht etwa ab, beschämt ob seines zerstörten Rufes. Nein, Amerell hält es für seine Privatsache, wann er mit wem versucht hat anzubändeln.
Theo Zwanziger ist von Beruf Anwalt, ihm musste klar sein, dass sexuelle Beziehungen zwischen Schiedsrichtern und Fußballfunktionären sowenig verboten sind wie die zwischen Chef und Sekretärin, Mittelstürmer und Trainer, Architekt und Polier. Ohne den Nachweis beruflichen Drucks ist eine "Affäre" zwischen dem Obmann aller Unparteiischen und dem Star aller Schiedsrichter öffentlich von genausoviel Belang wie ein Kabinentechtelmechtel von Putzfrau und Platzwart.
Es sieht nicht danach aus als hätte der DFB Belege dafür, dass Manfred Amerell Schiris danach protegiert hat, wie sie ihm zu Willen waren. Anderenfalls hätte es der Verband auf ein Gerichtsverfahren ankommen lasssen, statt dem tödlich beleidigten Ex-Obmann die Namen der drei weiteren Unparteiischen auszuhändigen, die ihm intime Annäherungsversuche vorwerfen. Amerell wird die Namen nun zur Staatsanwaltschaft tragen, über kurz oder lang werden sie öffentlich werden. Die beim Wettskandal erfolgreiche DFB-Strategie, nur zuzugeben, was gar nicht mehr geleugnet werden kann, und ansonsten darauf zu hoffen, dass die Zeit alle Wunden heilt, wird diesmal nicht aufgehen. Schon bläst die sonst so duldsame Meute der Hofberichterstatter zur Jagd, schon probt der auf Jubel dressierte Chor erstmals einen Protestgesang nach der Melodie "Theo, wir fahrn nach futsch". Wenn nicht alles täuscht, wird Theo Zwanziger dann zur WM in Südafrika schon als Privatmann reisen.






