Wenn das nicht Lebensqualität ist! In Deutschlands Himmelshauptstadt Halle werden tagtäglich neue interessante Strukturbilden ans Firmament gemalt, um die seit jahrzehnte schrumpfende Einwohnerzahl bei der Stange zu halten. Unser kleines heimatkundliches Board PPQ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die gelungensten
Himmelsinstallationen dauerhaft zu archivieren, um im Sinne der vom IPCC geforderten Nachhaltigkeit auch künftigen Generationen Gelegenheit zu geben, teilzuhaben an den bunten Spektakeln, die auf Veranlassung des Stadtmarketingbüros von einer Firma aus Nempitz organisiert werden. Schade wäre es doch, wenn die wunderschönen, zum Teil auch aufmunternd kitschigen Gemälde nach dem verblassen dem vergessen anheim fallen würden. Denn wie sagt schon der große deutsche Regisseur Leander Haussmann: "Wer nie beim Ostzahnarzt war, kann nicht mitreden".
Donnerstag, 12. November 2009
Der Himmel über Halle XVIII
Leiden ohne Lachmuskeln
Endlich mal wieder ein toter Depressiver. Ich erinnere mich nich mal mehr, wer der letzte war. Werther? Sid Vicious? Kurt Cobain?
Und siehe da, Deutschland redet über Depression. Ganz Deutschland?
Jap. Ganz Deutschland. Wirklich. Alle reden mit: Lanz, Zapp, Bild, Ard Spezial, Tagesthemen, Exklusiv. Alle haben blitzschnell umgeschaltet von Mauerfall-Gänsehaut auf Depressionsgruseln bei Fußballspielern. Dieser Druck! Diese Ängste. Gibts im normalen Leben gar nicht! Von wegen! Vier Millionen Depressive unter uns, wobei unklar bleibt, wer sie wie gezählt hat. Die Dunkelziffer ist jedenfalls noch viel, viel höher und so dürfen nun überall nun ehemalige Fast-von-Brücken-Springer erzählen, wie sich das so anfühlt. "Mysterium Depression". "Die heimliche Volkskrankheit". "Wenn die Seele gefangen ist". Aaah. Ein poetisch-kräftiges Medienbouquet.
Gottohgott. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe auch Depressionen. Manchmal leide ich sogar daran, da ist das Wort leiden wahrlich nicht übertrieben. Aber ich stelle
fest, dass alle Depressiven in TV, Print und Radio im Unterschied zu mir bierernst sind und immer ein bisschen, nun, bedröppelt daherreden.
Sind wir wirklich so? Dunkel-Depressive ohne Lachmuskeln? Hierzu stelle ich fest: Ich zumindest kann auch heiter sein. Ehrlich. Manchmal bin ich sogar fast
lustig, an guten Tagen.
Nur das Medienbouquet deprimiert mich. Da müssen einen ja die Depressionen eindunkeln. Ich fordere: Schützt die Depressiven! Sendet Tierfilme! Baut Tunnel statt Brücken! Fliegt Ryanair statt Deutsche Bahn!
Mittwoch, 11. November 2009
Alle Tage wieder
Google, Yahoo, Ebay und Co. wurden hier im kleinen Nerd-Board schon vor Jahren von ausgewiesenen Experten in allen Ehren bestattet. Viel zu kompliziert ist das ganze Internet, viel zu unsicher sind Online-Käufe, viel zu teuer ist der Email-Versand, viel zu kostenlos sind die zahllosen Neuigkeiten, mit denen arglose Leser durch Nachrichtenvampire behelligt werden, die ungerührt, aber auch nicht geschüttelt aus dem Füllhorn der Premiumnews der großen Verlagshäuser saugen, was nicht das ihre ist, um es gewinnbringend an Kreti und Pleti zu verhökern.
Seinerzeit, als noch feststand, dass Google schon demnächst ausgehungert werden wird, war noch nicht die Rede von Twitter. Dieses neueste Gespenst, das durch die virtuellen Weiten irrt, darf so tagtäglich ohne jede Vorwarnung beweisen, dass es keinen wirklichen Nutzwert hat. Und wenn man dann doch mal gucken will, was die eigenen Tweets so machen, die keine alten Mänter, sondern frisches Premiumblut sind, steht garantiert da "Twitter is over capacity". Nein, das Zeug muss Dieter Wiefelspütz gar nicht verbieten. Da reicht ein toter Torwart und es geht auch so nicht mehr.
Mannichl: In Luft aufgelöst
Acht Wochen drehte sich die Republik wie im Hamsterrad, was Uniform trug, suchte nach einem Riesen mit grüner Gesichtstätowierung, die gute alte Erzwingungshaft wurde wiedereingeführt und ein bayerischer Innenminister entdeckte eine neue Qualität rechtsextremer Gewalt, wo noch gar kein Täter gefunden war.
Der Fall Mannichl, der dann später nach Ansicht der Qualitätszeitung "Die Welt" "immer dubioser" wurde, brachte 1500 Hinweise, zwei Verhaftungen und 2000 Befragungen, Spuren führten nach Österreich und Ermittlungsführer wurden abgelöst, der riesige Schlangentattoo-Nazi, der Mannichl mit dessen eigenem Lebkuchenmesser niedergestochen hatten, tauchte jedoch nirgendwo auf. Traurig zog ein Teil der Sonderkommission Lebkuchenmesser, die vier Wochen nach der Tat begonnen hatte, im Schneematsch Zigarettenkippen des mutmaßlichen Täters zu sammeln, zurück an ihre normale Arbeit. Alois Mannichl wurde schnell wegbefördert aus der Polizeidirektion, in der er mannhaft den "Kampf gegen rechts" organisiert hatte. Und im Sommer dann, aber das notierte schon niemand mehr, löste sich der Rest der Sonderkomission Lebkuchenmesser auf.
Die letzten 20 Mann der ehemals 50 Ermittler umfassenden Sonderkommission gingen zurück in ihre Dienststellen beim Münchner Polizeipräsidium und im Bayerischen Landeskriminalamt. Letztes Fazit: Es werde eine geplante Tat einer politischen Organisation ausgeschlossen, ebenso wie eine Beziehungstat. Eventuell, so hieß es, sei der Täter Österreicher gewesen, deshalb habe man ihn nicht finden können. Möglich wäre es auch, er hat sich nach der Tat sofort in Luft aufgelöst.
Eine Verurteilung im Zusammenhang mit dem Attentat gab es aber immerhin doch noch: Manuel H., „Führungskader“ der „Freien Nationalisten München“, war von einer Mannichl-Nachbarin am Tattag in Passau gesehen worden und wurde deshalb in Haft genommen. Bei der Wohnungsdurchsuchung fand die Polizei zwar kein Lebkuchen-, aber ein verbotenes Butterfly-Messer und dazu „kinderpornographische Darstellungen“ und „tierpornographische Abbildungen“. Manuel H. wurde nicht wie von den Freien Nationalisten ("Todesstrafe für Kinderschänder") gefordert hingerichtet, sondern zu einer Geldstrafe von 800 Euro verurteilt.
Wer hat es gesagt?
Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.
Dienstag, 10. November 2009
Auf zum letzten Gefecht
Anfang November 1989 kommt die Revolution auch ins beschaulich-verdreckte Halle an der Saale. Erich Honecker ist längst fort, der neue Partei- und Staatschef Egon Krenz hat die "Wende" ausgerufen, um seine Haut und das wackelnde Land zu retten. Im Chemiebezirk ruft Parteizuchtmeister Achim Böhme zum „Problemgespräch”, um sich gleich wieder an die Spitze der Bewegung zu stellen. Auf den Stufen des Rathauses steht ein Mikrophon, davor drängen sich 7.000 Einwohner, zum Teil empört, zum Teil staunend, weil die Mächtigen dort vorn so ohnmächtig wirken, wenn sie stammeln und an den Worten würgen, Besserung geloben und versuchen, in aller Gelenkigkeit doch prinzipienfest zu bleiben.
Wieviel stinksauer und wütend das Volk war, dem sich der seit 1981 amtierende SED-Führer zu stellen versuchte, machen die einmaligen Tonaufnahmen deutlich, die PPQ einem glücklichen Dachbodenfund verdankt. 40 Bürger konfrontierten die Parteiführung mit teilweise absurden Fragen und seltsamen Forderungen, eine junge Frau forderte ihren FDJ-Beitrag zurück, ein junger Mann beklagte, er sei ein Jahr zuvor völlig grundlos von der Polizei verprügelt worden, anderer verlangten höhere Renten, kürzere Arbeitszeiten und eine bessere Versorgung in den staatlichen Geschäften.
Hans-Joachim Böhme, der wenige Tage später erneut ins Politbüro seiner wegdämmernden Partei gewählt und einen weiteren Tag später wieder hinausgeworfen werden wird, kann nichts davon bieten. In seiner letzten ZK-Sitzung ein paar Tage später wird der Mann mit der mächtigen Hornbrille versichern, dass es "in diesen Stunden nicht um das Schicksal des einzelnen, sondern um das Schicksal der Partei" gehe. Auch hier auf den Rathaustreppen entschuldigt er sich für nichts, allenfalls räumt er Verantwortung ein. "Aber, liebe Genossen, ich bekenne mich nicht zu irgendwelchen kriminellen Delikten, mit denen ich nichts zu tun habe", wird er seinen Genossen später versichern, als Gerüchte schon ein Ermittlungsverfahren wegen Amtsmissbrauchs aufgenommen sehen. Die früheren SED-Politbüro-Mitglieder Siegfried Lorenz und Hans-Joachim Böhme sind nach DDR-Recht zu einer Strafe auf Bewährung verurteilt worden. Die zwei früheren DDR-Spitzenpolitiker sind der Beihilfe zum Mord an drei Mauerflüchtlingen schuldig gesprochen worden.
Angeklagt und verurteilt wird Böhme später trotzdem: Wegen seiner Mitschuld am Tod von drei Republikflüchtlingen verhängt die 40. großen Strafkammer der Berliner Landgerichts knapp 15 Jahre nach Böhmes Treppenauftritt eine Haftstrafe von 15 Monaten, die ein Jahr lang zur Bewährung ausgesetzt wird.
Böhme habe als langjähriges Mitglied des höchsten DDR-Machtgremiums "pflichtwidrig nicht darauf hingewirkt haben, dass der menschenverachtende Schießbefehl an der so genannten Berliner Mauer aufgehoben, abgemildert oder nicht mehr vollzogen" wurde. Damit habe er seine Schutzpflichten für DDR-Bürger, die ihnen die DDR-Verfassung auferlegt habe, massiv verletzt und "Beihilfe zum Mord durch Unterlassen" in Form von Totschlages in mittelbarer Täterschaft begangen - zwei Sachverhalte, zwischen denen das DDR-Recht, nach dem geurteilt wird, nicht unterscheidet.
Nach Untersuchungen einer Schiedskontrollkommission der da schon SED-PDS heißenden SED wurde Achim Böhme schon am 20. Januar 1990 aus der Partei ausgeschlossen. Gemeinsam übrigens mit Egon Krenz.
Horst ist nicht Hitler
Mit scharfem Schwert ging der auf die deutsche Verfassung vereidigte Verbraucherschutzminister Horst Seehofer im Januar 2009 gegen einen britischen Feindverlag vor, der sich erdreistete, die gelungensten Hetzzeitungen aus dem III. Reich wiederaufzulegen. Von der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung aus verhängte Seehofer ein Verbot, bundesweit ließ er Ausgaben der "Zeitungszeugen" beschlagnahmen: Zum ersten Mal seit Hitlers Selbstmord wurde in Deutschland wieder eine Zeitung verboten.
Und das nicht einmal zurecht, wie das LG München I nun befand, das den Verbotsantrag des Freistaates Bayern gegen den englischen Verleger der Zeitschrift „Zeitzeugen“ weitgehend zurückgewies. Der Nachdrucke der Zeitungen „Angriff“, dessen Herausgeber Joseph Goebbels war, und des „Völkischen Beobachters“ unter dem Herausgeber Adolf Hitler könne vom Freistaat Bayern nicht mit der Argumentation unterbunden werden, dass er als Rechtsnachfolger des NS-Verlages Eher Inhaber aller Urheber- und Verlagsrechte der Verlagsprodukte „Der Angriff“ und „Völkischer Beobachter” sowie der Urheberrechte von Adolf Hitler sei.
Vielmehr habe der Freistaat Bayern keine urheberrechtlichen Ansprüche, mit denen er den Neudruck und die Verbreitung der Zeitungen „Völkischer Beobachter“ und „Der Angriff“ aus den Jahren 1933 – 1938 verbieten kann, weil den „Herausgebern“ Hitler und Goebbels mangels eigener schöpferischer Leistung gar kein Urheberrecht zukommt. Soweit dem Eher-Verlag aber selbst nach damaligem Recht Urheberrechte zukamen, seien diese 70 Jahre nach Erstveröffentlichung der jeweiligen Zeitungen und damit für die Jahrgänge 1933 – 1938 abgelaufen.
Montag, 9. November 2009
Scheitern als Karrieresprungbrett
Im "18. Brumaire des Louis Bonaparte" belehrte Karl Marx seinen Kollegen Hegel, dass der nicht ganz zu Ende gedacht habe. Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen ereigneten sich nicht nur zweimal, nein. Hegel habe vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce."
Nicht vergessen hat das junge zusammengewachsene Deutschland, das 20. Jubiläum seines faktischen Gründungstages nach Kräften als Gelegenheit zu nutzen, um den Beweis dafür anzutreten. Ja, da passt alles zusammen bei der großen Feier in Berlin: Wo einst die Sonne schien, regnet es jetzt Strippen wie der Hauptstädter sagt. Statt der seinerzeit aktiven Kohl, Bush, Thatcher, Mitterand, Krack und Momper schieben sich Gestalten wie Klaus Wowereit und Nicolas Sarkozy ins Bild, dazu der unvermeidliche Thomas Gottschalk und die unausweichliche Maybrit Illner, musikalisch flankiert von Bon Jovi, der wohl den verhinderten Mauereinreißer David Hasselhoff vertritt, dessen "Looking for Freedom" aber nicht annähernd so rockig hinzuzaubern weiß.
Eine A Capella-Truppe, die auch nicht die echten "Prinzen" sind, singt dazu "Freiheit" von Westernhagen, der wohl selbst keine Zeit hatte, als sei ihnen ein Stück Mauer auf die Lackschuhe gefallen. Umringt ist das Ganze von Kindern, die aufgestellt sind wie früher bei Sendungen des DDR-Kinderfernsehens der Kinderchor Omnibus. Wer einmal Claqueure gesehen hat, erkennt sie leider immer wieder.
Dann aber wird Gorbatschow aus der Kulisse geschoben, der Mann, den die Balkon-Genscher-Legende "einen Freund" nennt. Gorbatschow, mit 21 in die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) eingetreten und bis in die Mitte seiner 40er ein ruhig funktionierender Apparatschik im heimatlichen Stawropol, hat es geschafft, aus seiner größten Niederlage seinen größten Sieg zu destillieren. Während Egon Krenz den Maueröffnungs-Zettel schrieb, den SED-Politbüro-Sprecher Günter Schabowski am 9.11. 1989 vorlas, wusste Gorbatschow noch nicht einmal, dass es einen solchen Zettel gab. Dennoch steht der von KGB-Chef Juri Andropow an die Spitze der komatösen Sowjetunion beförderte Landwirtschaftsexperte heute im Ruf, ein Maueröffner und Reformer gewesen zu sein, was ihm Einladungen und Orden einträgt. Während sein DDR-Pedant als betonköpfiger Schwerverbrecher bereits hinter Gittern saß.
Dabei war sein Versuch der Einführung von Glasnost und Perestroika nach dem 27. Parteitages der KPdSU im Februar 1986 keineswegs dazu gedacht, den Sozialismus zu zerstören, Deutschland wiederzuvereinigen und die UdSSR aufzuspalten. Ganz im Gegenteil: Mit Alkoholverbot und wirtschaftlichen Reformen, Abrüstung und geistiger Öffnung wollte Gorbatschow die sieche Kommandowirtschaft wiederbeleben und
damit neue Dynamik in das erschlaffte kommunistische Weltsystem bringen.
Es ist ihm nicht gelungen. Ganz so wie es DDR-Chef Erich Honecker befürchtet hatte, war der Sozialismus nur gefangen, gebunden und geknebelt überlebensfähig, gestützt auf Gewehre, aufrecht gehalten vom Eisernen Vorhang, belebt von Menschen in Angst. Oder er war tot, weil es in ihm zu lebendig wurde.
Gut für Gorbatschow, der 20 Jahre lang einer der mächtigsten Männer der Sowjetunion war und nur fünf Jahre lang "Reformer". Sein Heldenstatus ist heute unumstritten, trotz der Vertuschung des Atomkraftwerkunfalls von Tschernobyl, trotz des von ihm vier Jahre fortgeführten Afghanistankrieges, trotz seines Widerstandes, abtrünnigen Sowjetrepubliken die Freiheit zu geben, die später tauende Tote forderte.
Dass der gescheiterte Sozialismusretter als Maueröffner gefeiert wird, passt aber genau. Eben plumpsen Styropor-Mauerstücke, die für Dreijährige, Südsudanesen und Blinde täuschend echt aussehen müssen, wie Domino-Steine ein. Huch, ist das ein Spaß! Hui, klappert das schön. Und wie die Lichter blinken! Marx hatte eben doch Recht, wie nunmehr auch die Süddeutsche Zeitung in anderem Zusammenhang feststellt.
Wir sind die Fans vom neuen Mensch
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall und dem Zusammenbruch der Idee vom "Neuen Menschen" herrscht weltweit weiter große Unzufriedenheit mit dem menschlichen Körper. Jeder fünfte Befragte einer von der BBC in Auftrag gegebenen Studie spricht sich offenbar direkt für eine vollkommen neue Körperform aus.
Nach den Untersuchungen der BBC waren nur elf Prozent der Befragten in 27 Ländern der Ansicht, dass der menschliche Körper in seiner derzeitigen Form gut funktioniert. Lediglich in den USA (25 Prozent) und Pakistan (21 Prozent) ist mehr als jeder Fünfte mit der aktuell üblicherwiese benutzten Körperform zufrieden. Unter dem Eindruck der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren glauben hingegen 51 Prozent der Befragten, dass die physischen Fähigkeiten des Menschen stärker sein müssten, auch höhere Geisteskräfte seien wünschenswert. Im Schnitt 23 Prozent meinten sogar, dass für künftige Generationen vollkommen neue Körper geschaffen werden sollten, in denen sich besser leben lasse.
„Es scheint, dass der Fall der Berliner Mauer, der ja von Menschen in herkömmlichen Körpern erreicht wurde, nicht der überwältigende Sieg für die bekannte Körperform gewesen ist, für den er damals gehalten wurde“, sagte Doug Miller, Chef der Umfrageinstituts GlobeScan, das gemeinsam mit der Universität von Maryland rund 29.000 Menschen befragte. Der früher propagierte ,Neue Mensch´, der stark und gerecht ist, in immer gleichem Wohlstands bei stets demselben Klima lebe, spreche viele Leute auf der Welt weiter an, sagte Steven Kull von der Universität von Maryland.
Den Zusammenbruch der Idee vom "Neuen Menschen" begrüßten in der Rückschau zwar doch 54 Prozent der Befragten in allen Ländern. Dennoch halten im Schnitt 22 Prozent den Untergang der Vorstellung, menschlicher Körper und menschlicher Geist könnten durch kollektive Anstrengungen, den Bau von Mauern, durch Verbote, Zensur und das Ducken in Nischen verbessert werden, für eine schlechte Sache.
Lecker Hot Bird: Papagei im Federmantel
Es ist eine der großen unerzählten Geschichten des neuen, wiedervereinigten Deutschland, die an diesem Abend beim Festempfang des deutschen Botschafters im kolumbianischen Bogota ihre Klimax findet. Der Saal der alten Patrizier-Villa ist strahlend hell erleuchtet, die Anzüge sind festlich, die Damen schön. Und mittendrin strahlt Reinhold Herger, um die Hals die Kette des Bundesverdienstkreuzes am Bande, das er eben aus den Händen von Botschaftsrat Walter Radebutz erhalten hat – von dem Diplomaten im Auftrag von Bundespräsident Horst Köhler geehrt als einer jener jungen, quicken Innovatoren, die das Bild der gesundenden Nation im Ausland neu prägen.
Es war Herger nicht in die Geburtsurkunde gestempelt, dass er einst ausziehen würde, die Welt zu erobern. Geboren als Sohn eines Grenztruppenoffiziers der DDR und einer heute wohl als „Consultant“ annähernd exakt zu bezeichnenden Sachbearbeiterin, wuchs der der kleine Reinhold im ostdeutschen Örtchen Hüttenrode auf. „Eine glückliche Kindheit“, beschreibt er heute, und er denkt dabei an lange Spielnachmittage in dunklen Wäldern, Wanderungen durchs Sperrgebiet und das Sammeln von Kaugummibildern. Als die Mauer fällt, platzen Hergers Träume von einer Karriere wie der des Vaters, den er verehrt und liebt. Enttäuscht von der politischen Entwicklung wendet sich der Teenager konzentriert dem Alkohol zu. Seine schulischen Leistungen lassen nach, er hört viel Rockmusik und bricht eine Ausbildung zum Hexentanzplatzführer ebenso ab wie später ein Studium als Glasblaskultur-Katalogisierer.
Reinhold Herger zieht hinaus in die Welt. Ziellos bereist er alle fünf oder sechs Kontinente, je nachdem, wie gezählt wird. In Asien hängt er mit heterosexuellen Dragqueens ab, in Neuseeland arbeitet er auf einer Schaffarm, in Südamerika lebt er inmitten eines unentdeckten Indianerstammes, der noch auf die althergebrachte Art mit Vogelbeeren jagt.
In langen Gesprächen, so berichtet Herger, habe er mit den Alten des Stammes über die Welt draußen und seinen Ort darin geredet, immer wieder. So sei ihm klar geworden, dass er nicht ewig im Dschungel würde bleiben können. Andererseits habe er erkannt, dass der Weg zurück umso weiter werden würde, je weniger konkret er seine Ziele umreiße.
Einmal mehr war es der Zufall, der dem Mann mit den sympathischen Lachfältchen um die Augen weiterhalf. Lange schon vor seiner Flucht in den Urwald war ihm aufgefallen, wie zahlreich und eintönig zugleich die Fastfood-Kost des westlichen Zivilisation war. „Immer nur Burger, immer nur Sandwiches, immer nur Pizza“, beschreibt Herger, der bei den Indios zahllose Rezepte zur Zubereitung von frischgefangenen Singvögeln kennengelernt hatte.
Es galt nun nur noch, zwei und zwei zusammenzurechnen, und das fiel Reinhold Herger nicht schwer. Eine Genehmigung der Provinzregierung von St. Augustin vor der Küste Kolumbiens, für die Herger seiner Erinnerung nach 300 US-Dollar zahlen musste, gestattete ihm nicht-geschützte Vögel, aber auch sogenannten „unerwünschten Beifang“ - also Exemplare geschützer Arten, die irrtümlich in eigens aufgestellte Netze gegangen waren - in seinem kleinen Restaurant an der Flaniermeile der bei Touristen beliebten Stadt anzubieten.
„Hot Bird“, wie Herger seine „gemütliche kleine Brutzelbude“ (Herger) nannte, brummte dank exotische Gerichte wie Spatz am Spieß, geröstetem Ibis oder gesottenem Papagei im eigenen Federmantel. Von Touristen bis zu Fernfahrern, über Familien bis zu Geschäftspartnern gönnten sich unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen ein paar gegrillte Kolibris zwischendurch oder einen sauer eingelegten Graureiher. Das Motto "No Frying, No Fat. No Oil" sprach sich herum, eckerbissen wie saurer Sittich oder Drossel-Döner fanden immer mehr Freunde. Schnell öffnete der Harzer ein zweites Restaurant, ein drittes folgte. Mit der Eröffnung von zwei Filialen im Nachbarland Venezuela ließ Herger auch öffentlich erkennen, dass er einem Kampf mit den Platzhirschen McDonalds, Starbucks und Wendys nicht aus dem Weg gehen wollte.
Seinen Namen hatte er da schon geändert: Aus Reinhold Herger war „Bird Reynolds“ geworden, so hatten ihn die indianischen Freunde stets genannt. Reynolds schuf sich mit der Hot Birds Inc. Ein Investmentvehikel, das die weitere Expansion der Kette vorantreiben sollte, mit Angelo Traviri holte er einen erfahrenen Singvogelkoch aus Italien, um die indianischen Rezepte zu ergänzen und für den Großküchenbedarf zu optimieren.
Der Erfolg gab ihm recht. Mit 33 feierte Reynolds die Eröffnung des 333. Hot Bird-Restaurants. Auf der Party in Sarasota im US-Bundessaat Delaware, wohin er den Firmensitz auf Anraten der Kreditanstalt für Wiederaufbau verlegt hatte, ließ er das Dresdner Gewandhausorchester die „Vogelhochzeit“ spielen, ehe die für diesen einen Tag reformierten „Byrds“ bekennende Singvogel-Fans wie Angelina Jolie, Walter Momper, Billy Joel und Sasha Grey mit ihren größten Hits zum Tanz baten.
„Ich hatte alles erreicht“, denkt Bird Reynolds an diese Zeit zurück. Der US-Konkurrent Burger King hatte ihm ein Angebot unterbreitet, Hot Bird komplett zu übernehmen. McDonalds begann, Singdrossel-Wochen einzuführen. „Wendys“ kopierte mit dem „Kolibri-Grillspieß“ das erfolgreichste Hot-Bird-Gericht. „Aber natürlich ohne dass die Vögel wirklich so zart waren, dass man sie wie unsere komplett im Mund zerknuspern lassen konnte“, lächelt Reynolds, der 20 Jahre nach dem Mauerfall ganz anders über das Ereignis denkt, das ihm und seiner Singvogelküche erst die Tür zum Gaumen der Welt öffnete. "Heute bin ich dankbar dafür, dass das damals passiert ist", sagt er, "aber ich glaube, jeder der bei uns schonmal eingelegten Reiher oder panierten Leierschwanz gegessen hat, ist das auch."
Sonntag, 8. November 2009
Wiedergeboren als männliche Queen
Nach und nach fliegen sie alle auf, die Doppel- und Wiedergänger aus Kunst, Kultur und Politik. Gerade erst konnten wir nachweisen, dass es sich bei dem angeblichen "Billie Joe Armstrong", der als Anführer der US-Combo Green Day gilt, in Wirklichkeit um den jetzt von Bundeszensurministerin Ursula Leyen verbotenen Sex-Gitarristen Richard Kruspe von dem Schmuddel-Gruppe Rammstein handelt.
Jetzt tauchen neue Indizien auf, die vermuten lassen, dass der Sumpf auch im Popgeschäft noch viel tiefer ist. Wie zahllose andere Prominente hat auch der bekannte Rocksänger Freddie Mercury parallel zu seiner Karriere als Frontmann der Formation Queen insgeheim als Schauspieler Meriten erworben. Auch wenn Mercury, der eigentlich nicht wie in seiner Biografie angegeben Farak Bulsara, sondern Oszter Sándor hieß, mit Queen erfolgreicher war, trat er doch zuerst auf der Leinwand nachhaltig in Erscheinung. Als "Sándor Rózsa" (oben links) spielte Mercury (oben rechts) ab 1971 eine peitscheschwingende Robin-Hood-Figur aus der ungarischen Geschichte, an der besonders auffiel, dass sie an jedem Puszta-Brunnen eine andere holde Maid zu warten hatte.
Mercury, der es im wahren Leben eher weniger mit Frauen hielt, verkörpert der glutäugigen Recken glaubhaft und mit viel Pistolenfeuer, wie bei Youtube schön zu sehen ist. Ganz allein gelingt es ihm so, die in Damenstrumpfhosen und Flatterjäckchen gekleideten Schergen der Habsburg-Dynastie so zu piesacken, dass die ungarische Revolution von 1848 beinahe erfolgreich gewesen wäre. War sie aber weder in Wirklichkeit noch im Film "Sándor Rózsa - Rebell der Puszta". Mercury quittierte den Dienst, schloß sich der Band Smile an, der er den Namen Queen gab und nach Veröffentlichung des Debütalbums "Queen I" spielte er zwar häufig weiter in Filmen mit, um seine Tarnung als sansibarischer Inder nicht zu gefährden nahm er aber nie wieder eine so populäre Rolle an wie die des Räuberhauptmannes mit dem Schlag bei Damen.
Verbot der Woche: Stacheldraht im Harnkanal
Sie singen Gute-Laune-Lieder über "Stacheldraht im Harnkanal" und Sex mit Nagetieren, von Lustverliesen im Keller und romatischen Duellen mit genußvollen Steckschüssen und landeten damit auf Platz 1 der Hitparade. Trotz eines Videos, in dem Sex fast so gut nachgespielt wurde wie im Nachtprogramm von ARD und ZDF wollte sich niemand so recht entrüsten über die neue Rammstein-CD "Liebe ist für alle da" - bei einer Umfrage des Musikmagazins "Bild" fanden die obszönen Gesten und prolligen Provokationen gerademal 12 Prozent der User entsetzlich, die anderen gaben an, herzlich gelacht zu haben.
Jetzt aber bekommt Rammstein Rückenwind aus dem Bundesfamilienministerium. Bundeszensurministerin Ursula van der Leyen hat beschlossen, das Album im Rahmen der erfolgreichen PPQ-Serie Verbot der Woches auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zu setzen. Ein Ritterschlag für die Comedy-Kapelle: Wie echter Nazi-Rock, scharfe Waffen, Hardcore-Pornos und etwa 5.300 andere Bücher, Filme und Videospiele wird das Großwerk künftig nur noch gegen Vorlage der Personalpapiere erhältlich sein.
Besonders verderblich für die jugendliche Moral seien der Titel "Ich Tu Dir Weh" und ein schockierendes Artwork-Foto, das einen Musiker mit einer auf seinen Knien liegenden Frau zeigt. Auf den Knien von Männern liegende Frauen seien eine jugendgefährdete Darstellung von S/M-Praktiken. Außerdem befanden die Medienwächter, dass der Titel "Pussy" mit den Zeilen "Steck´ Bockwurst in Dein Sauerkraut" zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr animiere und ungesunde, fettreiche Ernährung propagiere. Bereits in Minderjährigen-Haushalten ungeschützt vorhandene Rammstein-Tonträger sollen in den nächsten Wochen freiwillig bei Sammelstellen des Bundesinnenministeriums abgegeben werden können. Ab Anfang Dezember werden Polizei und Ordnungsämter dann bei bundesweiten Haussuchungen stichprobenartig überprüfen, wer noch unregistrierte Kopien bei sich versteckt.
Freitag, 6. November 2009
Der Himmel über Halle XVII
In unserer beliebten Feierabend-Serie "Der Himmel über Halle" bieten wir diesmal eine Straßenlaterne, die sich als Mond getarnt hat. Der Rest ist finsterstes Schweigen.
Donnerstag, 5. November 2009
Der Wald vor lauter Bäumen
Neue, ernste und akute Erkenntnisse hat die EU-Drogenbeobachtungsstelle über die einzige amtliche deutsche Nachrichtenagentur dpa in die besorgten deutschen Wohnzimmer verklappen lassen. Nach den aufwendig gewonnenen Daten der Drogenbeobachter nehmen junge Menschen in Europa nachweislich häufig nicht nur ein Rauschmittel zu sich, sondern gleich mehrere Arten gleichzeitig. Zuweilen würde beim Bier geraucht, andere Drogenkonsumenten tränken ihren Kaffee mit Zucker, äßen zum Burgerbrötchen fettes Fleisch oder rauchten auf Partys zum Wein einen Joint.
Der in Brüssel vorgelegte Jahresbericht der EU-Drogenbehörde hat der ehemals alten Sitte, zum Bier einen Korn zu trinken oder zum Kaffee eine Zigarette zu rauchen, mit dem gentechnisch erzeugten Namen «polyvalenter Drogenkonsum» neue Chancen auf eine breite und beunruhigte Öffentlichkeit verschafft. «Polyvalenter Drogenkonsum» sei besonders gefährlich, weil er die Reaktion des Körpers auf die Giftstoffe noch verstärke, bestätigte Behördenleiter Wolfgang Götz Gerüchte, die Biertrinker zum Schnapsglas, Raucher zum Weißbierhumpen und Tortenesser zum Sahnelöffel greifen lassen. Umfangreiche Tests der Behörde, die 27 Bedröhnungsarten und 32 gebräuchliche Einnahmemöglichkeiten getestet hat, geben jetzt Klarheit über wirksame und beliebte Wege zu Rausch, Fettbauch, schwachem Herz und grauer Haut. Die EU empfiehlt dabei den gleichzeitigen Genuss mehrerer Drogen wie Alkohol, Fett, Nikotin, Koffein oder Marihuana. Das erhöhe das Risiko chronischer Gesundheitsprobleme, spare aber Zeit und bringe natürlich auch ungleich mehr Spaß.
Ganz legal, das konnten die EU-Wissenschaftler nach jahrelangen Studien belegen, ist die häufigste Kombination: Kaffee mit Zucker. Dicht dahinter liegen Zigaretten mit Alkohol, gefolgt von Süßspeisen, zu denen süße Kekse gegessen werden, die von gewissenlosen Händlern zum Teil auf offener Straße angeboten werden (Bild oben). Beliebt sind auch Kombinationen aus überzuckerten so genannten Erfrischungsgetränken, mit denen fette Pizzen, schmandiges Dönerfleisch oder gar ein Mix aus weißem Weizenbrötchen und schwarzverbranntem Schweinehack heruntergespült würden. Weit abgeschlagen folgen danach der kombinierte Konsum von Cannabis und Alkohol und die von den Forschern «Giftcocktail» genannte Einnahme eines bedröhnenden Trimarans aus Alkohol, Cannabis und einer «harten Droge» wie Ecstasy, LSD, Kokain oder Heroin.
Bedenklich sei zudem nach wie vor der europaweite Konsum von fetten Chips, süßen Knabberriegeln und Gegrilltem. Gerade zu letzterem werde - davon zeigten sich zahlreiche Beobachter äußerst überrascht - in vielen deutschen Haushalten häufig Alkohol genossen.
Um die wissenschaftliche Durchdringung des komplexen Themas "polyvalenter Drogenkosum" zu verstärken, will die EU-Drogenbeobachtungsstelle ihre Studien in den kommenden Jahren weiterführen. Vierhundert Feldforschungsexpeditionen ständen zunächst bereit, in die Wälder der Gemeinschaft auszuschwärmen. Man erhoffe sich davon Erkenntnisse darüber, ob die bislang nur vorformulierte Arbeitsthese zutreffe, dass Nadelbäume häufig in so genannten Nadelwäldern vorkommen, während Laubbäume oft in Laubwäldern heimisch sind. Anschließend soll die Datenbasis durch Untersuchungen in von Menschen bewohnten Milieus weiter verbreitert werden. Expeditionen werden sich dann in die Musikwelt, die Modebranche, in die Mikromilieus der Kohlenträger, Bauarbeiter und Verkäuferinnen begeben. Ziel sei es, herauszufinden, welche Drogen wo polyvalent Verwändung fänden, denn dazu lägen den EU-Experten bisher kaum Daten vor.
Häh?
Eine Meinung über Tatsachen kann aber durchaus eine Tatsachenbehauptung enthalten. Das Dilemma besteht darin, dass Meinungsäußerungen sinnvollerweise immer Tatsachenanteile beinhalten, die bewertet werden. Umgekehrt liegt bereits jeder Tatsachenbehauptung eine Wertentscheidung zur Äußerung derselben zugrunde, sowie die Wahl des Kontextes, in dem sie platziert wird. Man muss also in jedem Einzelfall präzise analysieren, ob man es wirklich mit Tatsachenbehauptung oder mit Meinungsäußerungen, meinungsgeprägten Tatsachenäußerungen oder tatsachenkolportierenden Meinungsäußerungen, mehrdeutigen Ungenauigkeiten, zutreffenden, jedoch irreführend unvollständigen Tatsachenbehauptungen, gar wertneutralen Falschbehauptungen oder Meinungskundgabe einer schwerwiegenden Anschuldigung ohne Präsentation einer Gegenmeinung zu tun hat.







