Sonntag, 20. Mai 2012

Saison der Herzen: Ende gut, alles gut

Tore, Tänze, Feuer und Rauch, Punkte, Polizei und Derbysiege. Ein Jahr voller Emotionen ist beim Halleschen FC - abgesehen vom noch ausstehenden Landespokalfinale - beendet, beendet mit dem Aufstieg in die 3. Liga. Die schönsten Momente der Saison bis hin zu den Jubelfeiern zum Schluss gibt es im PPQ-Rückblick-Video, zu dem Mario Kasiske einmal mehr den Soundtrack beigesteuert hat.


Zur PPQ-Doku des gesamten Aufstiegsrennens:

Nach dem Aufstieg: Tage wie diese
Vor dem Aufstieg: (VdA) XV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XI
Vor dem Aufstieg: (VdA) X
Vor dem Aufstieg (VdA) IX
Vor dem Aufstieg (VdA) VIII
Vor dem Aufstieg (VdA) VII
Vor dem Aufstieg (VdA) VI
Vor dem Aufstieg (VdA) V
Vor dem Aufstieg (VdA) IV
Vor dem Aufstieg (VdA) III
Vor dem Aufstieg (VdA) II
Vor dem Aufstieg (VdA) I

Sätze für die Ewigkeit IX

Zwei Männer an der Bushaltestelle, sich gegenseitig bedächtig mit dem Kopf zunickend:

Eines Tages wird es soweit sein und Griechenland bricht wirklich zusammen, dann gibt es kein intelligentes Leben mehr auf der Erde und die Herrschaft der Insekten beginnt.

Noch mehr Sätze für die Ewigkeit

Samstag, 19. Mai 2012

Nach dem Aufstieg: Tage wie diese

Die letzten Augenblicke sind die schlimmsten. Neun Monate gewartet, neun Monate gehofft und gebangt, gekämpft und gebibbert. Sieben davon in Lauerstellung, die Spitze im Blick, aber zugleich in unerreichbarer Ferne. Dann dieser 17. März 2012, der Tag, an dem sich alles ändert. Der Hallesche FC besiegt zu Hause im früheren Kurt-Wabbel-Stadion die Reserve des Hamburger SV. Ein 2:0 ohne Glanz und doch der Wendepunkt einer Saison, in die die Elf von Trainer Sven Köhler mit dem Ziel gestartet ist, möglichst lange in Sichtweite der Favoriten RB Leipzig und Holstein Kiel zu bleiben.

Nach dem Sieg gegen Hamburg ist mehr möglich, viel mehr. PPQ startet die Echtzeit-Doku "Vor dem Aufstieg". Denn klar, hier ist nicht nur was drin, was keiner ahnte. Vielmehr ist die Saison "nach der Papierform so gut wie gelaufen", heißt es im ersten Teil hochanalytisch.

"So gut wie" muss an diesem letzten Spieltag in einem Finalmatch gegen die Brausefußballer aus Leipzig nur noch ausgespielt werden. Ein Sieg, und der HFC, der vor 20 Jahren sein letzten Bundesligaspiel absolvierte, wäre zurück in einer Profiliga. Aber was heißt nur. Eine Stunde vor dem Anpfiff ist die Nervosität im seit Wochen ausverkauften Wabbel, das nach einem Totalumbau "Erdgas-Arena" heißt, mit Händen zu greifen. Früh wie nie sind die Traversen gefüllt, rot-weiß wie nie ist das Fanvolk angerückt, die wiederentdeckte alte Liebe nach vorn zu peitschen. Vergeblich versuchen die aus Sachsen angereisten 1500 Leipziger in ihrer Gästeecke, sich Gehör zu verschaffen: Kaum heben sie die Stimme, tost von den Tribünen ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert oder ein "Scheiß-Red-Bull". Helfen kann nur die Stadion-Tontechnik, die die Lautsprecherregler hochschiebt.

Helfen kann aber auch die Truppe von Sven Köhler, der seiner Stammformation vertraut, Kapitän Kanitz allerdings auf die Bank gesetzt hat, um mit Stamm-Innenverteidiger Steven Ruprecht einen kopfballstarken Mann mehr hinten stehen zu haben. Die Rot-Weißen starten wie die Feuerwehr, keiner im Erdgas-Sportpark denkt noch daran, Kraft daran zu verschwenden, gegen das österreichische Fußballprojekt anzusingen. Kaum sind die an jeden Zuschauer verteilten "Kämpfen und Siegen"-Plakate unter den Sitzen verschwunden, tönt es nur noch "Chemie Halle - Chemie Halle".

Aber RB findet auch auf dem Platz nicht statt. Nach einer schönen Stafette über Eismann und Texeira kann Lindenhahn schon in der 3. Minute das 1:0 machen, allerdings schießt er drüber. Besser zielt Eismann selbst, der zwei Minuten später mit einer langen Flanke die Querlatte trifft. Hartmann ist der nächste, sein Kopfball geht aber auch bloß über das Tor.

Die Rasenballer, die angekündigt hatten, Halle den Aufstieg vermasseln zu wollen, tun nicht mehr als nötig ist, um nicht ausgelacht zu werden. Rockenbach setzt links immer mal zu einem Flankenlauf an, wird aber von Eismann und Mouaya regelmäßig abgekocht. Sonst fällt nur noch Daniel Frahn auf, der erkennen lässt, dass es ihn immer noch wurmt, an einem Gegner gescheitert zu sein, dem er einst höchstselbst bescheinigt hatte, dass er machen könne, was er wolle: "Aufsteigen werden wir".

In der achten Minute geht der HFC in Führung. Nicht hier in Halle, aber in Wolfsburg, wo Aufstiegskonkurrent Kiel gegen die VfL-Reserve in Rückstand gerät. Wie ein Lauffeuer ist die Nachricht im Stadion herum. Stand jetzt spielt da unten ein Aufsteiger - und er trägt Rot-weiß. Und wie das so ist, an Tagen wie diesem, wird es noch besser. Der HFC erhöht den Vorsprung auf Kiel: In Wolfsburg fällt das 2:0.

Grauhaarige Männer haben Tränen in den Augen, ewige Pessimisten reiben sie sich. Was passiert hier? Unten dominiert der HFC auf dieselbe Art, wie er in Cottbus und Meuselwitz dominiert hatte. Bis zum Strafraum hochklassig, stellenweise brillant, aggressiv, mit einem Forechecking auf Höhe gegnerischer Elfmeterpunkt. Nur vorn wird dünn, weil sich Texeira, Hauk und Lindenhahn dauernd auf den Füßen stehe. Weil die Ecken nicht punktgenau kommen. Und weil sowohl Hartmann als auch Wagefeld immer den Moment verstreichen lassen, in dem es möglich wäre, den nicht eben fangsicheren RB-Schlussmann Pascal Borell mit einem Fernschuss zu prüfen.

Halle hat die Chancen, Wolfsburg schießt die Tore. Wieder geht ein Raunen durchs Rund, wieder liegen sich Wildfremde in den Armen. 3:0 in Niedersachsen. Kiel müsste jetzt vier Tore schießen, um Halle noch abzufangen.

Spürbar ist bei HFC jetzt ein Bruch im Spiel. Auf der Bank rechnen sie die Chancen auf einen eigenen Treffer gegen die Chancen von Kiel auf deren vier gegen. Nie war der Satz "nach der Papierform ist die Saison gelaufen" wahrer als jetzt.

Es sind jetzt die Rasenkasper in royal bleu, die die Pace machen. Halle schwimmt gelegentlich, bis auf einen Abseitstreffer von Frahn und einen Kopfball, der die hallesche Torlinie geometrisch korrekt einmal von links bis rüber nach rechts entlangkullert, wird der zweitbeste Sturm der Liga nie richtig gefährlich.

An Tagen wie diesen ist das so. Denn kaum wird der beste Sturm der Liga in Wolfsburg aktiv, indem er zum 1:3 verkürzt, steigen schon wieder Triumphgesänge zum Stadiondach empor: Wolfsburg hat zurückgeschlagen und eine Viertelstunde vor Schluss das 4:1 gemacht.

Das muss es sein und das ist es auch. Dass zwei HFC-Treffer wegen abseits nicht gegeben werden, wird später Wissen sein, das niemand mehr weiß. Ohne Hast, aber mit der laut Reichsbahn-Vorschrift "dem Bahnbetrieb innewohnenden Raschheit" absolviert der HFC die letzte Viertelstunde in der Regionalliga. Vier lange Jahre gehen mit dem Pfiff von Schiedsrichter Felix Zwayer zuende, vier Jahre, in denen der Klub aus der Saalestadt nach Platz 2 im ersten Aufstiegsjahr Platz und Platz 5 belegte, ehe er der klaren Tendenz zum Trotz das Kunststück schaffte, als Zwerg mit Mini-Kader und Arme-Leute-Etat unter den Riesen Kiel und Leipzig hindurchzugehen und am letzten Spieltag ganz oben zu stehen. Grauhaarige Männer haben Tränen in den Augen, ewige Pessimisten reiben sie sich. Die Spieler reißen die Arme hoch, das Stadion ist ein einziges "Jaaaaaaaaaaaahhhhhhh!!!!!!"

Die üblichen Bierduschen, der übliche Platzsturm, den ein halbes hundert Schwachsinniger rituell durchziehen muss, um nur ja nicht den Spielern, die das alles möglich gemacht haben, die Bühne für die Viertelstunde ihres größten Triumphes allein zu überlassen. Sie stehlen auch Trainer Sven Köhler seine einsame Beckenbauer-Ehrenrunde über das Grün. Und bemerken es nicht einmal in ihrer unendlichen Arroganz.

HFC-Torwart Darko Horvat, der - an Tagen wie diesen ist das so - heute auch noch Geburtsag hat, flieht den Trubel. Oben auf die Tribüne liegt der Mann, der in den letzten neun Monaten weniger Tore kassierte als sonst irgendein deutscher Berufskeeper, seiner Frau Sandra in den Armen. Sie reden nicht. Sie schauen sich nur an.

Die letzten Augenblicke dieser nervenaufreibenden neun Monate sind die stillsten. Und die schönsten sind sie auch.

Ostfussball.com gratuliert: Es hat geholfen

Zur PPQ-Doku des gesamten Aufstiegsrennens:

Vor dem Aufstieg: (VdA) XV
Vor dem Aufstieg: (VdA) XIV
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Vor dem Aufstieg (VdA) II
Vor dem Aufstieg (VdA) I

Staat will Kätzchenindustrie unter die Arme greifen

Sachsen-Anhalts Landesregierung will den insolventen Kätzcheninkubator Katzello unterstützen. Wirtschaftsministerin Birgitta Wolff sagte, der Insolvenzantrag sei zwar ein herber Schlag für die über 1.200 Beschäftigten in Bitterfeld-Wolfen. Das Verfahren biete aber auch die Chance, Katzello neu aufzustellen. An dieser Restrukturierung werde das Land mitwirken. Sachsen-Anhalt ist einer der Hauptgläubiger des Unternehmens.

Auch die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) sagte ihre Hilfe zu, um möglichst viele Arbeitsplätze zu retten. Gleichzeitig forderte sie angesichts der Pleitewelle in der deutschen Kätzchenbranche einen runden Tisch. Der Bezirksleiter für den Raum Halle-Magdeburg, Erhard Koppitz, sagte, Unternehmen, Betriebräte, Politik und Gewerkschaften müssten nun gemeinsam nach Lösungen suchen. Die Politik sei nun gefordert, vernünftige Rahmenbedingungen für die Branche zu setzen. Auch müsse geklärt werden, ob Kommunen mehr in den Aufbau von Milchausgießanlagen investieren könnten. Diese Anlagen gelten als Anziehungspunkt für Kätzchen. Koppitz unterstrich, die Politik habe im Zuge der Milchwende die Kätzchenunternehmen gewollt und müsse sie nun in der Krise unterstützen. Verstaatlichungen lehne er jedoch ab.

Auch Ministerpräsident Reiner Haseloff sieht sich durch die Katzello-Pleite darin bestätigt, dass für die Katzenbranche eine neue Politik notwendig ist. Haseloff sagte dem MDR, diese Insolvenz sei ein Beleg dafür, dass Bund, Länder und Unternehmen in der Verpflichtung seien, eine Strategie zu entwickeln, damit die Katzenindustrie weiterhin in Deutschland und Sachsen-Anhalt Bestand haben könne. Haseloff hatte bereits bei Bekanntwerden der wirtschaftlichen Probleme Katzellos gefordert, die Branche besser zu unterstützen.

Das Berliner Zentrum für Kätzchenmarktforschung wertete die Katzello-Insolvenz als nicht überraschend. Leiter Wolfgang Hummel sagte dem MDR, der Kostenwettbewerb in der Branche sei brutal. China überschwemme den Markt mit Katzen, die oft mit Hilfe deutscher Katzen-Technologie gezüchtet würden. Durch günstigere Produktionsbedingungen und Subventionen könne China seine Kätzchen um bis zu 30 Prozent billiger anbieten, als das in Deutschland möglich sei. Daher könnten deutsche Hersteller, die sich auf die reine Fertigung von Kätzchen konzentrierten, ohne sie selbst zum Rinnstein zu bringen, wo die nach den Maßgaben des Milchverwendungsgesetzes vom Verbraucher spendierte Milch ausgegossen wird, höchstens in Nischenmärkten überleben, sagte Hummel.

Nach Branchenprimus Katzos hatte am Montag auch der Katzenhersteller Katzello Insolvenz beantragt. Diese sollte in Eigenverwaltung ablaufen, wobei die Unternehmensleitung den Zugriff auf das Firmenvermögen behält. Als vorläufigen Verwalter setzte das Amtsgericht Dessau-Roßlau den Leipziger Anwalt Hans Reppinger ein. Wenige Tage zuvor hatte Katzello bereits von Problemen berichtet und angekündigt, seine Katzen-Produktion herunterzufahren.

Als Ursache dafür gelten neben der chinesischen Konkurrenz die gekürzten Saufzuschläge, die Katzen bisher nach dem so genannten Einspeisegesetz pro verbrauchtem Liter erhalten hatten. Das Einspeisegesetz war von der rot-grünen Bundesregierung zum Schutz der heimischen Kuhpopulation beschlossen worden und galt jahrelang als deutsches Erfolgsmodell. Um die Saufzuschläge abgreifen zu können, die der Staat aus einer Sonderabgabe von Milchverbrauchern allen zahlte, die verschüttete Milch aus dem Rinnstein tranken, hatten sich immer mehr Menschen in Deutschland eine, zwei oder sogar mehrere Dutzend Katzen angeschafft. Auf die große Nachfrage nach kleinen Kätzchen hatte die Industrie mit dem Aufbau riesiger Katzenfabriken reagiert. Zuletzt waren im Jahr rund acht Milliarden Euro an Katzenbesitzer geflossen, die dafür nichts weiter tun mussten, als ihre Tiere Milch trinken zu lassen.

Durch die Kürzung bei den Saufzuschlägen war die Nachfrage nach Kätzchen aber zuletzt eingebrochen, so dass viele Katzenfarmen ihre niedlichen Tierchen nicht mehr absetzen können.

Freitag, 18. Mai 2012

Vor dem Aufstieg: Letzte Worte in der Kabine

Zu sagen bleibt nicht viel. Und was zu sagen ist, sagt Trainer Sven Köhler dann doch besser selbst.

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Vor dem Aufstieg (VdA) I

Demokratie aus einer Hand

Der frühere Bundespräsident Roman Herzog hält die Fünf-Prozent-Hürde bei Bundestagswahlen für zu niedrig. „Im Prinzip ist die Fünf-Prozent-Hürde nicht mehr zeitgemäß“, sagte er dem Magazin Focus. Angesichts immer mehr kleinerer Parteien werde der Bundeskanzler sonst „nicht mehr von einer großen Mehrheit der Bevölkerung getragen“. Diese Entwicklung gefährde die parlamentarische Demokratie, warnte Herzog, der Kennern als ausgewiesener lupenreiner Demokrat gilt.

Bereits derzeit seien ja sechs Parteien im Bundestag vertreten, dazu komme nach derzeitigen Umfragen demnächst noch die Piratenpartei. Da sei es zwingend notwendig, über eine Änderung des Wahlrechtes nachzudenken, so der Altbundespräsident, der auch schon entsprechende Ideen hat. "Eigentlich müssten wir die Hürde nach oben setzen", glaubt er, doch das widerspreche dem Geist von Weimar. Er halte es deshalb für angebrachter, künftig ganz auf öffentliche Wahlen zu verzichten. Ohnehin sinke die Wahlbeteiligung seit Jahren, viele Menschen seien weder politisch interessiert noch in der Lage, ihre Wahlentscheidung rational zu begründen. „Sie fallen oft auf Rattenfänger herein“, hatte schon der frühere SPD- Fraktionschef Peter Struck gewarnt.

Nach Herzogs Plänen soll es in Zukunft reichen, wenn die Bundesversammlung zusammentritt und das Parlament bestimmt. Bislang sei diese „bunte Mischung aus Politprofis und Prominenten“ nur berechtigt, das Staatsoberhaupt zu wählen. „Aber warum soll man diese Bestimmung nicht ändern“, fragt Herzog. Das Parlament sei insgesamt weit weniger wichtig als der Bundespräsident, wenn die Bundesversammlung also diesen bestimmen dürfe, sei sie „zweifellos auch in der Lage, das andere zu besetzen“. Ausgesucht werden müssten im Vorfeld natürlich bewährte Demokraten und aufrechte Streiter für demokratische Werte, sagte Herzog. Denkbar wäre dann, dass das so hochkarätig besetzte Parlament künftig neben allen anderen Aufgaben auch weiter die Bundesversammlung bestelle. „Wir hätten so Politik aus einer Hand“, lobt der frühere Verfassungsrichter.

Donnerstag, 17. Mai 2012

Verbot der Woche: EU reguliert Fanverhalten

Nach den skandalösen Ausschreitungen von Düsseldorf fordern immer mehr Politiker Konsequenzen bei Fußballspielen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) schlug vor, bis zum Start der neuen Fußballsaison Ende August einheitliche Verhaltensregeln für Fans zu beschließen. Ein "Runder Tisch Fangewalt" könne zumindest in Nachrichtensendungen den Eindruck erwecken, man habe ein Konzept gegen die Randalierer. Dieses Konzept habe schon vor zwei Jahren funktioniert (Video unten). Friedrich forderte von den Klubs ein entschlossenes Vorgehen gegen Gewalttäter. Abwehrspieler etwa dürften sich "nicht nur darauf konzentrieren, keinen reinzukriegen". Teil ihrer Aufgabe müsse es künftig auch sein, Fremdeinflüsse auf das Spiel abzuwehren.

Auch die Vereine, die im Gegensatz zum DFB schon immer verantwortlich für die Handlungen ihrer Fans waren, wenn sie nicht der 1. oder 2. Bundesliga angehörten oder aus dem Osten kamen, seien gefordert. „Sie müssen ihren Fans klar machen, dass Gewalt nicht geduldet wird“, sagte der Minister. Dazu könne man zum Beispiel kurz, aber eindringlich mit den Gewalttätern sprechen. Das sei eine gute Gelegenheit, den Zündlern unter den Fans auch mitzuteilen, „dass Pyrotechnik in Stadien nichts zu suchen hat.“ Bisher wüssten das viele noch nicht.



Auch der bisher unauffällig in den VIP-Bereichen der Stadien lebende CSU-Sportexperte Stephan Mayer hat konkrete Ideen, wie sich eine Wiederholung der Vorfälle von Berlin, Köln, Hamburg, Magdeburg, Bochum, Nürnberg, Frankfurt Rostock, Dresden, Karlsruhe und Düsseldorf vermeiden lasse. Der Ordnungdienst dürfe nicht strukturell versagen, mahnte er, er müsse "Zuschauer vom Spielfeld fernzuhalten, statt sie auf das Spielfeld zu lassen“.

Mayer mahnte überdies das Abbrennen von Feuerwerkskörpern an. Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung in Berlin (BAM) habe bei Testzündungen "giftige Gase und Feinstäube in erheblichem Maße" in den Rauchkörpern gefunden. Verbrannt würden bei solchen pyrotechnischen Fackeln unter anderem Metalle, Oxidationsmittel und chlorhaltige Verbindungen. “Das ist ein Riesenproblem", bestätigte der Leiter des Arbeitsgebietes Pyrotechnik der BAM, Lutz Kurth. Moderne Stadien seien zudem so gebaut, dass die Rauchschwaden nur schlecht abzögen.

Menschen, die Pyrotechnik in Stadien abbrennen, nähmen billigend langfristige Schäden bei Dritten in Kauf, kritisierte Kurth, der anregte, darüber nachzudenken, ob die derzeit verwendeten hochgeschlossenen Arenen aus Gründen des Gesundheitsschutzes nicht besser abgerissen und durch die besser belüfteten traditionellen flachen Stadionschüsseln ersetzt werden sollten. “Wer so die Gesundheit von Zuschauern und Sicherheitskräften gefährdet wie die Verantwortlichen, die diese Arenen haben errichten lassen, hat in einem Fußballstadion nichts zu suchen", bekräftigte auch Stephan Mayer, der als Mitglied des Bundestagssportausschusses gilt.

Der DFB und die Deutsche Fußballiga schlossen sich den Überlegungen an. Man habe bereits im vergangenen Jahr auf "geeignete Maßnahmen" gesetzt und das in der "Tagesschau" mitgeteilt. Mit einem "Maßnahmekatalog", der ein Fußballverbot für den Krawall-Feiertag 1. Mai, die "Verbesserung der Kommunikation zwischen allen beteiligten Parteien" und die Ausgabe kostenloser Sponsorfähnchen zum friedlichen Einwinken der Funktionärsparade bei Spitzenspielen vorsieht, sei eine "wissenschaftliche Begleitung der Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen" organisiert.

Wer hat es gesagt?

Der Verfall der politischen Meinungsäußerung hat unseren nationalen Diskurs infantilisiert. Ein nuancierter politischer Dialog ist kaum mehr möglich.

Vor dem Aufstieg: Psychokrieg in Liga 4

Hinterlistig, unverfroren und unsportlich, so war schon die Attacke des Rasenball-Stürmers Daniel Frahn vor dem vorletzten Spieltag in der Fußball-Regionalliga. Wenn Meuselwitz den RB-Konkurrenten HFC schlage, sei er bereit, den Rasen in Zipsendorf höchst persönlich zu mähen, so versprach der Millionärslegionär den notorisch klammen Kickern aus der thüringischen Kleinstadt, in der einst der große deutsche Fast-Nobelpreisliterat Wolfgang Hilbig geboren worden war.

Frahns Plan ging auf, die Hallenser reagierten verunsichert, der DFB schrieb, obwohl aller Anschein nach Bestechung riecht. Dafür legt jetzt Didi Mateschitz selbst nach. Der Mann, dem nicht nur Daniel Frahn, sondern auch ganz RB Leipzig gehört, hat daheim in der Steiermark einen perfiden Plan ausgetüftelt, um den am Samstag zum großen Saisonfinale gastgebenden Halleschen FC vollends aus dem spielerischen Konzept zu bringen.

Dazu setzt der frühere Zahnpastavertreter ganz auf die ihm zur Verfügung stehende gewaltige Marketing-Maschine, mit der er schon den aus ausgekochten Haribo-Goldbären hergestellten Büchsendrink „Red Bull“ weltweit in die Regale drückte. Diesmal steht die Anzeigenkampagne, die der Marketingspezialist nach seiner täglichen Dosis von fünf Energy-Drinks konzipiert hat, ganz im Zeichen der sportlichen Fairness – zumindest oberflächlich betrachtet.

„Warum ist der rote Teppich rot“, fragt eine Anzeige im typischen stylischen RB-Style unbekümmert, um sich die Antwort gleich selbst zu geben: „Weil der Hallesche FC traditionell in Rot und Weiß spielt.“ Rasenball deutet eine Verbeugung an: „Wir haben es auch versucht“, heißt es weiter, „aber vergeblich.“ Deshalb gratuliere man dem Konkurrenten von der Saale – und das nicht einfach nur so, sondern „mit der HFC-Edition“. Dabei handelt es sich um eine von den Chemikern in Salzburg eigens kreierte RedBull-Ausgabe in saftigem HFC-Rot, die speziell angefertigten Büchsen aus steiermärkischem Tafelsilber schmückt der Schriftzug „The HFC-Edition“. Zu den Inhaltsstoffen gehöre „handgesiedetes Hallorensalz“, heißt es in der RB-Pressestelle, der Rest aber sei, sagt eine Sprecherin offenbar unter Anspielung auf den alten HFC-Vereinsnamen HFC Chemie, wie immer „pure Chemie“.

Doch was von fern wirkt wie eine noble Geste, kommt in Halle und in Kiel, wo der Verein Holstein Kiel ebenfalls noch auf den Aufstieg in Liga 3 hofft, ganz anders an. Der Zeitpunkt der Anzeigenschaltung rund 72 Stunden vor dem Anpfiff des großen Finalspieles, in dem es für RB um nichts mehr, für den HFC aber um alles geht, irritiert Beobachter und Fans. „Psychokrieg in Liga 4“, kommentiert ein Fan beim Kurznachrichtendienst Twitter, in einem Diskussionboard im Internet heißt es knapp „die Bullen wollen uns auch dem Konzept bringen“. Unruhe auch in Kiel, wo die Anzeigen als Offenbarungseid gewertet werden: „RB hat keine Lust mehr, die Saison sportlich fair zu Ende zu bringen“, argwöhnt „Fan00“ im sozialen Netzwerk Facebook.

Wie im Fall der Ausschreitungen von Karlsruhe und bei der Randale von Düsseldorf sind die Behörden machtlos. Man sehe das Problem nicht, heißt es beim Fußballverband, es handele sich eindeutig um einen Fall von Meinungsfreiheit kommentiert das Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin. Da keine Menschenrechte verletzt würden, hielten auch alle Minister und Landespolitiker an ihren Plänen fest, das Endspiel in Halle zu besuchen, verlautete auch Magdeburg. Didi Mateschitz dürfte sich die Hände reiben – so viele Leute wie am Samstag haben seinen Rasenballer zuletzt im Dezember zugeschaut, als der HFC aus Leipzig drei Punkte entführte.

Zur PPQ-Doku des gesamten Aufstiegsrennens:


Vor dem Aufstieg: (VdA) XIII
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Mittwoch, 16. Mai 2012

Atheisten - eine kleine, radikale, gefährliche Gruppe

Die Atheisten gehören einer radikalen gottlosen Sekte an. Ihr Ziel ist die Errichtung des ungläubigen Staates, in dem nur noch weltliches Recht gilt. Der Verfassungsschutz hält sie für sehr gefährlich. Wir erklären, was Atheismus ist:

Heinz Fromm, Präsident des Bundesverfassungsschutzes, gehört zu den genauen Kennern der deutschen Agnostikerszene. "Nicht jeder Atheist ist ein Terrorist, aber fast alle Terroristen, die wir kennen, hatten Kontakt zu Atheisten oder sind Atheisten", sagte er einmal mit Blick auf die RAF und die Bewegung 2. Juli. Das ist der Grund, warum Verfassungsschützer und Innenminister die Atheisten mit so viel Misstrauen beobachten.

Schätzungsweise 32 Millionen Menschen gehören in Deutschland dieser Strömung an, die sich nach dem altgriechischen Wort ἄθεος „ohne Gott“ oder auch „gottlos" nennt. Sie haben Wissenschaft und die Forschung zu ihren Vorbildern erkoren, Männer wie Albert Einstein, aber auch Frauen wie Rosa Luxemburg. Religion und Glauben werden als unwissenschaftlich abgelehnt. Zentral ist das wörtliche Verständnis von Zahlen, Formeln und der tiefe Glaube daran, dass das Diesseits alles ist, was dem Menschen zur Verfügung steht. Einen Himmel oder eine Hölle gebe es nicht, Gebete seien unnötig, Gottesdienste reiner Götzendienst. So beschrieb Cicero die Leugnungspraxis der militanten Gottlosen schon im antiken Griechenland.

Damit widersprechen die Sektenangehörigen den zentralen Glaubensbotschaften von Koran, Bibel und Talmud. Besonders stark ist der Atheismus in Ostdeutschland, aber im Norden und in Großstädten im Westen. Allerdings unterminiert ihr Unglaube die Grundlagen der Wertebasis des Abendlandes. Atheisten spalten, wollen sich nicht integrieren, leugnen den verderblichen Einfluß des Unglaubens auf die Gesellschaft, unterstellen den Kirchen sogar, immer wieder Waffen gesegnet und Menschen unterschiedlichen Glaubens aufeinandergehetzt zu haben. Angeblich sei die Religion kein Teil der Lösung des Problems Krieg, sondern ebenso wie die Ideologie ein Stück der Ursache. "Deshalb hat auch noch kein Bundespräsident die klare Aussage getroffen, dass der Atheismus zu Deutschland gehört", sagt der Bornaer Religionswissenschaftler Karl-Maria Adenberg.

Seine Wurzeln hat der Atheismus im 18. Jahrhundert, als Freidenker, Deisten, Pantheisten und Spinozisten begannen, Gott zu leugnen. In Ostdeutschland entwickelte sich daraus der Materialismus, jene besonders strenge atheistische Lehre, die Gebete nur noch im Fußballstadion erlaubt. In Schalke gründete sich nach der Jahrtausendwende eine Bewegung, die den katholischen Papst als Fußballgläubigen verweltlichte, um atheistische Grundsätze in die Kirche zu tragen. Atheisten versuchen sich in Erscheinung und Verhalten eher Christen zu orientieren, weniger oft imitieren sie in ihrer Kleiderordnung Muslime mit ihren Kappen, langen Gewändern und wild wuchernden Bärten.

Nur ein kleiner Teil der Atheisten in Deutschland - schätzungsweise neun bis elf - werden zu den politischen Atheisten gezählt, die sich den Umbau von Staat und Gesellschaft zum Ziel gegeben haben und kämpferisch für eine stärkere Trennung von Staat und Religion eintreten. Die von den staatlichen Finanzämtern eingezogene Kirchensteuer gilt ihnen als grundgesetzwidrig; Zahlungen von Steuermitteln an Kirchen lehnen sie ab. Wahre Gerechtigkeit könne es nur in einer Gesellschaft geben, in der jeglicher Götzenglaube Privatsache sei und eine Sekte wie die Katholiken nicht anders behandelt werden als etwa die selbsternannte Scientology-Kirche.

Mit dem Grundgesetz sei staatlich unterstützter Glaube mit Sicherheit nicht vereinbar. Doch auch unter den politischen Atheisten gibt es nur wenige, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen wollen. Die überwiegende Mehrheit der Atheisten ist friedlich und lebt seinen Unglauben im privaten Rahmen aus, ohne zu missionieren.

Gefährlich finden der Verfassungsschützer die Atheisten so vor allem deshalb, weil sie mit Alkohol, Drogen, Sex und enthemmten Partys Einstiegsdrogen in der Hand haben, um gezielt um gläubige Jugendlichen werben. Mit großem Geschick setzen sie dafür das Internet ein, wo atheistische Propagandisten wie Hayworth beleidigende Parolen wie "Fuck Church" skandieren und ihren Anhängern das Leben als Dauerparty predigen.

Atheistische Sätze wie "Christen und Juden glauben, dass sie in den Himmel kommen", stammen von atheistischen Vordenkern. Der Zusatz "aber am Ende sind sie einfach nur genau so tot wie wir" provoziert jedoch jeden Gläubigen auf unzulässige Weise.

Vor dem Aufstieg: Daran wird es gelegen haben

Ein weiter, weiter Weg bis hierhin, wo nun die letzten 90 Minuten über alles entscheiden. Aufstieg oder Fall, Rettung oder Untergang, der Hallesche FC hat es im Spiel gegen Rasenball Leipzig, den bereits ausgeschiedenen Mitbewerber um den Aufstieg in die 3. Liga, selbst in der Hand, den Platz an der Tabellenspitze zu verteidigen.

Wie aber konnte es so weit kommen? Dass die Hallenser noch einmal zittern müssen, obwohl sie doch fünf Spieltage vor Schluss schon mehr Punkte auf dem Konto hatten als seinerzeit der Vorjahresaufsteiger Chemnitz, der seinerzeit bereits einen Spieltag vor Ultimo nicht mehr von der Spitze zu verdrängen war?

Nun, der CFC setzte damals eine Serie ungeschlagener Spiele, wie sie der HFC in dieser Saison von Ende März bis Ende April über acht Stationen zog, nicht nur fort, er krönte sich selbst mit einer Serie an Siegen. Fünfmal in den letzten fünf Begegnungen holte sich die Schädlich-Elf drei Punkte ab. Schon einen Spieltag vor Schluss stand der CFC als Aufsteiger fest.

Nicht so der HFC, der seine größte Siegesserie Ende April mit dem 0:0 in Cottbus unspektakulär beendete. Ganz unplanmäßig, denn abgesehen von einem Remis beim Konkurrenten Kiel und dem hanebüchenen 0:2 bei damaligen Tabellenletzten Wilhelmshaven war die Bilanz der Köhler-Schützlinge in der Rückrunde makellos: 30 Tore wurden geschossen, eine Steigerung um mehr als ein Drittel gegenüber den 22 Treffern aus der Hinrunde. Und hinten blieb der HFC trotz erhöhter Offensivkraft fest geschlossen: Sieben Gegentreffer stehen gegen die acht, die in der Hinrunde kassiert wurden (alle Berechnungen zur besseren Vergleichbarkeit ohne die Begegnungen mit RB).

Das Frappierende steckt nur leider unter der Oberfläche der beeindruckenden Zahlen. Denn die mehr erzielten Tore fielen in den falschen Spielen. Die Effektivität, mit der der HFC in der Hinrunde aus wenigen Toren viele Punkte machte, ließ nach. Reichten den Rot-Weißen in der Hinrunde noch 0,62 Tore, um einen Punkt zu machen, stieg dieser Wert in der Rückrunde auf 0,78 Tore. Anders gesagt und zusammengerechnet: Mit einem Drittel mehr Treffer wurden nur magere drei Punkte mehr geholt.

Das liegt offenbar am erhöhten Risikoprofil. Statt fünfmal nur mit einem Punkt nach Hause zu fahren, gab es zwar nur noch zwei Remis. Von wenigen Ausnahmen abgesehen aber blieb es dabei, dass der HFC ein Spiel gewinnt, wenn er erst einmal führt. Führt er nicht, galt bis zur Winterpause, dass mit höchster Wahrscheinlichkeit zumindest unentschieden spielt.

Nicht aber mehr so im Frühjahr. Standen in der Hinrunde fünf Remis und eine Niederlage zu Buche, durch die 13 mögliche Punkte verloren wurden, veränderte sich das Verhältnis im Rückspielmodus auf nur noch zwei Remis, aber auch zwei Niederlagen.

Damit verlor der HFC nur noch zehn statt der 13 Hinrundenpunkte – diese Verbesserung aber erkaufte Trainer Sven Köhler mit gewachsener Stärke in ohnehin starken Spielen:  In der Hinrunde gelang nur ein Sieg mit mehr als zwei Toren Vorsprung (Meppen, 3:0). In der Rückrunde schaffte die Mannschaft das gleich dreimal (FCM 3:0, Plauen 4:0, Pauli 5:0) .

Eine Stärke, die nach Schwäche riecht, denn gleichzeitig stand die Null weiter bei vier: In vier Spielen im Herbst gelang es dem HFC gar nicht, ein Tor zu schießen (drei davon am Ende remis, eins verloren). Aber trotz der höheren Durchschlagskraft des Sturms  wurden auch im Frühjahr vier Spiele ohne eigenen Torerfolg beendet (zwei verloren, zwei remis). Macht zusammen acht - zum Vergleich: Chemitz verzeichnete in seiner Aufstiegssaison überhaupt nur drei Spiele ohne eigenen Treffer, Kiel steht in diesem Jahr auch erst bei vier.

Verwunderlich ist das, weil mit der Winter-Verpflichtung von Angelo Hauk als Alternative zum enttäuschenden Andis Shala ganz offenbar mehr Qualität ins Angriffsspiel kam. Nicht nur, dass Hauk häufiger traf als der aus Schottland geholte einzige Stürmer der Hinrunde, nein, auch die Mittelfeldaußen und das defensive Mittelfeld war torgefährlicher, wenn der kleine wendige Hauk vorn von Abwehrspieler zu Abwehrspieler hechelte, als wenn der statische Shala versuchte, Standkopfbälle zu spielen.

Jedoch gilt eben auch hier: Hauk und Co. zielten in den falschen Spielen gut und in den richtigen umso schlechter. Dreimal traf Hauk gleich zweimal in einem Spiel, zehnmal dafür gar nicht. Im Angesicht der Tabellensituation führte das in Cottbus noch folgenlos zu einem heillosen Anrennen der gesamten Abwehr auf das gegnerische Tor. In Meuselwitz dasselbe – und diesmal stach ein Konter die sicherste Abwehr aller vier oberen deutschen Ligen aus wie den behäbigen Abwehrverband eines Kreisligisten.

Trotzdem wird es nicht daran allein gelegen haben, wenn alle Blütenträume welken. Der HFC ist 2012 eine sehr gute Spitzenmannschaft, die mit hoher Effektivität spielt und ihre Spiele gewinnt, wenn es ihr gelingt, in Führung zu gehen.

Schuld wird vor allem der böse Oktober 2011 sein, in dem der HFC seine einzige Negativserie hinlegte - auch, weil der als einziger Stürmer verpflichtete Andis Shala den ganzen Monat über nicht traf, ausnahmsweise aber auch kein anderer Spieler für ihn einsprang. 0:3 in Havelse (der TSV ist der einzige Gegner, gegen den das HFC-Torverhältnis in dieser Saison mit 3:4 negativ ist. Dazu das 0:0 in Lübeck und dann auch noch ein 0:0 bei Magdeburg, einem Verein, der zu Hause stolze acht von 17 Spielen verlor. Danach waren sieben Punkte weg, die nur sehr schwer zurückzuholen sind, wie sieben Monate später klar wird.

Aber noch geht es, noch ist alles drin. Die Hinrundenbilanz zeigt unter Einbeziehung des Hinspielsieges bei RB Leipzig 38 Punkte, genau bei dieser Marke liegt auch die Rückrundenbilanz vor dem Rückspiel gegen die Markranstädter.

Die finale Frage der Saison ist also nicht nur, ob der HFC den Ex-Aufsstiegsfavoriten ein zweites Mal besiegen kann, sondern auch, ob der HFC einer sehr guten Hinrunde (38 Punkte - zum Vergleich: Borussia Dortmund stand zur Hinrunde bei 34 Punkten) eine wahrhaft meisterliche Rückrunde folgen lassen kann.

Ein Sieg gegen Rasenball würde 41 Punkte in der Endabrechnung bedeuten – nicht ganz so viel wie Dortmund, das 47 holte, aber fünf mehr als Bayern München. 41 Punkte wären drei mehr als im Herbst und ein kleines, aber entscheidendes Plus, erwirtschaftet durch verbesserte Sturmleistungen. Ganz nebenbei bedeuteten sie aber auch den Aufstieg. Und das dann völlig zu Recht.


Zur PPQ-Doku des gesamten Aufstiegsrennens:

Vor dem Aufstieg: (VdA) XIII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XII
Vor dem Aufstieg: (VdA) XI
Vor dem Aufstieg: (VdA) X
Vor dem Aufstieg (VdA) IX
Vor dem Aufstieg (VdA) VIII
Vor dem Aufstieg (VdA) VII
Vor dem Aufstieg (VdA) VI
Vor dem Aufstieg (VdA) V
Vor dem Aufstieg (VdA) IV
Vor dem Aufstieg (VdA) III
Vor dem Aufstieg (VdA) II
Vor dem Aufstieg (VdA) I

Dienstag, 15. Mai 2012

Bazillus im Parteibrei

Er reiste im Schutz der Immunität, denn er war nicht auf frischer Tat ertappt worden. Aber wie es sich zeigte, dass er ein Verbrecher war, ließen sie ihn natürlich fallen, lieferten ihn freudig aus, sie, die sich das Hohe Haus nannten, und welch ein Fressen war es für sie, welch ein Glück, welche Befriedigung, dass er mit einem so großen, mit einem so unvorhergesehenen Skandal abging, in die Zelle verschwand, hinter den Mauern der Zuchthäuser vermoderte, und selbst in seiner Fraktion würden sie bewegt von der Schmach sprechen, die sie alle durch ihn erlitten (sie alle, sie alle Heuchler), doch insgeheim würden sie sich die Hände reiben, würden froh sein, dass er sich ausgestoßen hatte, dass er gehen musste, denn er war das Korn Salz gewesen, der Bazillus der Unruhe in ihrem milden, trägen Parteibrei, ein Gewissenmensch und somit ein Ärgernis.

Wolfgang Koeppen, Das Treibhaus, 1953

Dichterheer liefert Geschwätzdesign

Treffpunkt Kanzleramt, Hintereingang, lange vor Beginn des Berufsverkehrs. Rainald S. empfängt die kleine Reportertruppe, die im kalten Berliner Morgenwind steht, ausnehmend freundlich. Der Chef der Bundesworthülsenfabrik (BWHF), die auf Beschluss der Regierung Kohl seinerzeit direkt im Berliner Regierungsviertel unterhalb der Kanzlerwaschmaschine in den märkischen Restsand gegossen wurde, ist bester Dinge.

Während der Fahrstuhl direkt aus der Lobby des Amtssitzes der deutschen Kanzler und Kanzlerinnen hinunterfährt ins 2. Tiefgeschoss, wo Tag und Nacht Reimprogramme rattern und die Wortschweißgeräte im Drei-Schicht-Betrieb glühen, gibt sich Deutschlands oberster Blabla-Poet lockerer denn je. „Wir haben einen Lauf“, sagt S., der seinen richtigen Namen aus Geheimhaltungsgründen nicht nennen darf, „aber das macht uns nicht selbstsicher, das spornt uns nur an.“

Die Bilanz, auf die die Bundesworthülsendreher in den letzten paar Jahren verweisen können, lässt jedoch längst jede Kritik verstummen. Mit „Rettungspaket“, „Konjunkturspritze“, „Abwrackprämie“, „Schuldenbremse“, "Wachstumspakt" und „Rettungsschirm“ haben die vierhundert Vollzeitbeschäftigten in einem historisch kurzen Zeitraum mehr Als-Ob-Worte herstellen können als der seinerzeit noch von SED-Politbüromitglied Kurt Hager geleitete VEB Geschwätz im gesamten letzten Fünfjahrplanzeitraum der DDR.

Und da ist noch lange nicht Schluss, versichert Rainald S., der nicht nur Verwaltungschef, sondern auch einer der Starschreiber der Behörde ist. Beinahe jeden Tag stünden neue Herausforderungen an, kämen aus der Bundes- und Landespolitik dringende Forderungen nach neuen Begrifflichkeiten, die jeweils möglichst ungreifbare Inhalte transportieren sollen. „Unsere Aufgabe sehen wir darin, Vokabeln für das Unsagbare zu liefern, bei deren Benutzung alles wirklich Wichtige unausgesprochen bleibt.“

Als beispielhaft nennt der erfahrene Hülsendreher das Wort „Rettungsschirm“, das eine kleine Sondereinheit von BWHF-Geschwätzdesignern unter seiner Leitung aus Resten der altbekannten Vokabel „Rettungsring“ und einem benutzten „Fallschirm“ zusammenlötete. Zuvor hatte das Kanzleramt nach einem neuen Fachbegriff verlangt, mit dem sich die Finanzkrise optimistisch umschreiben lassen sollte. „Wir wussten sofort, Rettungsring geht nicht, weil das nach Absaufen klingt“, sagt S., „und Fallschirm war ebenso unmöglich, weil fallen immer Absturz signalisiert.“

Also „Rettungsschirm“, ein sinnfreies Gebilde wie der im letzten Herbst von der SPD-Troika vorgestellte "Nationale Pakt für Bildung und Entschuldung" , von dem danach nie wieder etwas gehört wurde. Aber gerade wegen ihrer immanenten inneren Leere feiern solche Blabla-Markenprodukte aus der Worthülsenfabrik riesige Erfolge. „Inzwischen stehen wir damit sogar im Duden“, freut sich der Mann, vor 20 Jahren noch für Erich Honecker tätig war und in dieser Funktion unter anderem den Satz vom "Sozialismus in den Farben der DDR" erfand.

Ein Anspruch, dem das im Vergleich zu den Anfängen heute doppelt so große Dichterheer im Kanzlerkeller mit jeder neuen Kreation gerecht werden will, egal, ob auf Antrag von Opposition an einem Begriff wie "toxische Papiere" gearbeitet wird, der mit seiner schönen Ringstruktur aus giftig wirkenden Is Gefahr schon auf der Zungenspitze signalisiert. Oder ob ein Auftragswerk für die Regierungskoalition geschaffen wird wie zuletzt das Wort "Wachstumspakt", dem man demnächst wohl - aber sei noch unter Drei - die Gründung eines "Runden Tisches Stabilität" (RTS) nachschieben werde. "Die Überlegungen dazu sind schon weit gediehen."

Dabei verfahre man inzwischen häufig nach Muster, bekannte Muster zu reproduzieren. „So, wie wir aus dem Rettungsschirm später das Rettungspaket abgeleitet haben, das in der Weltwortgeschichte zuvor auch völlig unbekannt war“, berichtet der Bundesworthülsendreherchef, „lassen wir uns derzeit von der recht erfolgreich implementierten Schuldenbremse zu allerlei anderen Bremsen inspirieren.“

Wie die Schuldenbremse sei natürlich auch die gerade erst erfundene „Benzinpreisbremse“ ein Wort ohne jeden Inhalt. „Das macht aber nichts, weil zusammengesetzte Substantive jedem inhaltsleeren Gewäsch ein prächtiges Gepränge von Sachverstand und Tatkraft geben“, wie es in der streng geheimen Begrüßungsbroschüre der Behörde als Werbung in eigener Sache heißt.

Die Assoziation sei hier die einer wirklichen Bremse, auf die man nur treten müsse, um zum Stehen zu kommen. Das Wort wirke erstaunlicherweise so stark, dass Politiker, die es verwenden, gleichzeitig zum verbalen Bremsakt steuerlich Vollgas geben und einen "Wachstumspakt" fordern können. Politik schaffe es so zum Beispiel, an jedem Cent, den der Benzinpreis steige, mitzuverdienen. „Während sie gleichzeitig glaubhaft den Eindruck erweckt, eine Benzinpreisvollbremsung im Dienst des Volkes durchzuführen.“

„Ich bin oft selbst fasziniert, wie sich Wirklichkeit durch suggestive Beschreibung ändert“, sagt Rainald S. , der sich selbst ironisch als "Staatsdeutsch-Komponisten" bezeichnet. „Brandmauer“ hält der im erzgebirgischen Aue geborene Sprachschöpfer für ein weiteres imposantes Beispiel für schöpferisches Worthülsendrehen. „Jeder denkt an Feuerwehr, an kräftige Männer mit C-Rohren, an moderne Löschtechnik und Lebensrettung, ohne dass diese ganzen Milliardenberge irgendetwas damit zu tun haben.“ Was sich dennoch ausbreite, sei ein gutes Gefühl, dass die Lage im Griff ist, dass hohe Mauern zuverlässig schützen und die Stabilität des politischen und wirtschaftlichen Systems gesichert ist. „Hätte Walter Ulbricht seine Mauer damals Brandmauer genannt“, denkt S. manchmal, „würde sie heute noch stehen.“

Montag, 14. Mai 2012

Fliesen in der Fremde: Görlitz kachelt

Eine Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift - nicht nur die neue Kraft aus NRW zeigt das derzeit beeindruckend, sondern auch der Siegeszug der Kachelkunst, die die Grenzen ihrer Heimatstadt Halle an der Saale längst gesprengt hat. Und nicht nur im benachbarten leipzig, das schon immer neidisch nach Sachsen-Anhalt schielt, wird der Kachelmann mit offenen Armen empfangen.

Nein, längst zieht er viel weitere Kreise, ungeachtet der Tatsache, dass dem von seinen Fans verehrten Kachel Gott in seiner Heimatstadt Flucht und Vertreibung drohen, laden ihn nun auch andere kunstsinnige Verwaltungen ein, mit seinem Schaffen ein Zeichen zu setzen gegen Intoleranz, Armut und Krankheit. Peter Mansfeld etwa war bass erstaunt, als er auf der Görlitzer Friedensbrücke hinüber nach Polen die unverwechselbare Handschrift des Meisters entdeckte. Elf detailreich ausgearbeitete, von strahlender Farbigkeit getragene Kacheln schlagen hier, wo sie Asien und Okzident die Hände reiche, um billige Zigaretten gegen bedrohte Euro zu tauschen, eine Brücke über die Brücke.

Ein Fanal für mehr Fliesen, ein Armutszeugnis für die Metropole, aus der alles kam, die ihrem größten lebenden Künstler aber immer noch schätzt, als wäre er eine Art Pflasterkrätze. Zuletzt wurde eine ehemals prächtig beflieste Hauswand in der auch von ausländischen Besuchern vielbefahrenen Ludwig-Wucherer-Straße zu tilgen gar mit einem neuen Wohnkomplex überbaut, um alle Erinnerungen an die aus der Urzeit des Kachelprojektes stammende und von Kennern als Relikt der frühen Flieszeit verehrte "Schmetterlingskachel" zu tilgen.


Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Der Kampf um die Kachelkunst :
Leise flieseln im Schnee
Verehrte Winkel-Fliese
Kanonen auf Kacheln
Antifaschisten im Fliesen-Ferrari

Röttgenwind für Wurstbürger

Der Wähler hat gesprochen, und herausgekommen ist ein klares Votum für Inhalte: Der Erdrutschsieg der deutschen Sozialdemokratie bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen zeigt auf besonders beeindruckende Weise, dass Bürgerinnen und Bürger genug von Krisengipfeln, Eurorettung und linker Emazipationspolitik haben. Was zählt, sind fassbare, leicht verständliche Inhalte, präsentiert von Politikerinnen wie Hannelore Kraft, die so oder so ähnlich jeder aus seinem Handarbeitszirkel oder aus der Kleingartensparte kennt.

Mit "SPD isst Currywurst" hatte die NRW-Ministerpräsidentin die richtige Antwort auf die Ängst vieler Wähler vor einem Übergreifen der griechischen Krankheit auf Deutschland mit grassierender Verarmung, immer teureren Krankheiten und höheren Spritpreisen. Im mitteldeutschen Halle hatten zuletzt Hungeraufstände wegen einer angedrohten Unterbrechung der Currywurstversorgung gedroht - Hannelore Kraft aber fand die richtige Antwort. Nein, wir werden auch morgen noch gut essen können, hielt die beliebte Landesmutter allen Befürchtungen der zu Wurstbürgern konvertierten Wutbürger entgegen - während ihr als kalt und semiintellektuell geltender Konkurrent Norbert Röttgen unverständliche Slogans wie "Politik aus den Augen unserer Kinder" und mehrsilbige Horrorvokabeln wie "Schuldenstaat" plakatieren ließ.

Das möchte niemand mehr hören, so etwas möchte keiner mehr sehen. Sarah Wagenknecht, der Partei Ängst vor endlichen Currywurstvorräten schüren wollte, steht plötzlich nackt da. Die Grünen, die Wahlkampf gegen die Braunkohle machten, stagnieren. Die FDP muss mit einem Ergebnis klarkommen, das verdeutlicht, dass auch ein Umfrageergebnis von zwei Prozent nicht sicher ist. Die Piraten kommen ins Parlament, wissen aber immer noch nicht, was sie dort sollen. Und Röttgen wurde abgestraft, weil er Schuld daran war, dass die CDU abgestraft wurde.

Das mutige Bekenntnis von Kraft zu mehr bezahlbarer sozialer Gerechtigkeit, Essen von hier und einem klaren Profil hin zu größerer Bereitschaft für mehr Engagement hingegen hat der kritische Wähler belohnt. Versprich ihm, was er sich wünscht, und er gibt Dir, was Du Dir, was Du ersehnst - diese alte Wahlkämpferweisheit hat Hannelore Kraft beeindruckend umgesetzt. "Generationengerecht ist, was Zukunftschancen schafft", daran ließ sie keinen Zweifel, denn "eine vorsorgende Politik ist die Basis für solide Finanzen". Glückliches NRW, wo es nicht einmal die Safaisten schaffen, die geistigen Brandstifter ins Parlament zu stechen.

Jetzt geht es ans Regieren, die schwersten Schwerpunkte zuerst: "eine neue Ordnung auf dem Arbeitsmarkt ist nötig", im Verbraucherschutz werden baldigst "Maßstäbe gesetzt" und auch die von vielen ersehnte "Geschlechtergerechtigkeit" wird nun "endlich verwirklicht". Dank Currywurst kann die SPD vor Kraft nun kaum noch laufen: Ohne die Gunst der zweitmächtigsten Frau Deutschlands, schreibt die "Welt", komme kein anderer Sozialdemokrat mehr an die Kanzlercurrywurst heran.

Sonntag, 13. Mai 2012

Kennzeichnungspflicht für Fußgänger

In der Debatte um zunehmende Verkehrsverstöße von Fußgängern schlägt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) höhere Bußgelder und eine Kennzeichnungspflicht für Fußgänger vor. «Ich bin davon überzeugt, dass es leider nur über das Portemonnaie geht», sagte der Vorsitzende Bernhard Witthaut der amtlichen Deutschen Presse-Agentur. "Es müsste geprüft werden, ob der Bußgeldkatalog für Fußgänger nicht an den für Autofahrer angepasst werden könnte, etwa wenn man beim Gehen das Handy benutzt oder Straßen quer überquert." Um Verstöße besser ahnden zu können, brachte der GdP-Vorsitzende auch eine Kennzeichnungspflicht für Fußgänger in Deutschland ins Gespräch. "Da kann man ganz intensiv drüber nachdenken, gerade auch mit Blick auf das angesagte Nordic Walking."

Zuletzt hatte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ein zunehmend rücksichtsloses Verhalten von Fußgängern im Straßenverkehr kritisiert. Im Wahlkampf in NRW bekam die Idee drakonischer Strafen für Fußgänger Röttgenwind: Es solle kein Unterschied "zwischen echten Fußgängerzonen-Rambos und solchen Fußgängern gemacht werden, die auch mal eine Abkürzung nehmen", sagte Bundesumweltminister Norbert Röttgen vor seinem Umzug nach Nordrhein-Westfalen.

Dringend notwendig ist es, denn nach Zahlen des Autofahrerverbandes ACDC benehmen sich "immer mehr Fußgänger, als gehöre die Straße ihnen." Polizeigewerkschafter Witthaut sagte, notwendig sei auch eine höhere Kontrolldichte, um den Druck zu erhöhen, dass Fehlverhalten auch geahndet wird. Hierfür fehle aber oft Personal.

"Seit Jahren steigt die Zahl der Fußgänger, und in Zukunft bekommen wir es noch mit einer ganz neuen Herausforderung zu tun, den Gehhilfen", betonte Witthaut mit Blick auf die Alterung der Gesellschaft. Der sei mit Einwanderung allein nicht beizukommen. Die Polizei beobachte insgesamt eine Verrohung der Sitten, in der Stadt wie auf dem Land. «Vom Anzugträger bis zum Kind gehen alle mal bei Rot über die Ampel.»

Der GdP-Vorsitzende sprach sich auch für eine drakonische Anpassung der Promillegrenze an die für Autofahrer aus. Derzeit existiere überhaupt kein Promillewert für Fußgänger, außerdem müsse über eine "bestimmte Art der Kennzeichnung" eine Identifizierung von Fußgänger ermöglicht werden. Angesichts steigender Zahlen bei Ampelsündern und Querüberquerern sei das dringend nötig. "Sonst verpuffen alle Kontrollen." Fußgänger hätten über Jahre hinweg gefordert, als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer wahrgenommen zu werden. Diesem gemeinsamen Ziel komme man mit einer einheitlichen Kennzeichnungspflicht für Fußgänger endlich näher.


Wiedergeboren als Bärbeißer

Mit zwölf Jahren überlebte er die Bombardierung Dresdens, mit 13 musste er eine neue Heimat annehmen, mit 22 trat er in die FDP ein und zu seinem 50. Geburtstag wurde er schließlich Bundesinnenminister. Gerhart Baum (Foto oben rechts) hat ein bewegtes Leben hinter sich, doch seit vergangenem Jahr tritt der heute 80-Jährige zumindest etwas kürzer. Was viele nicht wissen und was auch in der FDP kaum bekannt ist: Unter dem Namen „Lars Brandeby“ (Foto oben links) feierte der große alte Mann des deutschen Liberalismus in der schwedischen Krimi-Serie „Irene Huss - Kripo Göteborg“ noch einmal einen späten und ganz anderen Erfolg. In mehreren Staffeln der packenden Thriller-Serie spielte Brandeby alias Baum den bärbeißigen Ermittler Sven Andersson, auf den sich Serienheldin Irene Huss alias Angela Kovács stets verlassen kann.

Tragisch: Nach 12 Fortsetzungen in zwei Staffeln wollte der Körper nicht mehr so wie Gerhart Baum. Wohl auch verursacht durch die tiefe Krise seiner Partei, die den Altinternationalen aus Dresden schwer mitgenommen hat, sah sich der in vielen Schlachten vor allem vor dem Bundesverfassungsgericht erfolgreiche Anwalt nicht mehr in der Lage, seine Rolle als 13 Jahre jüngerer schwedischer Schauspieler zu spielen. Baum entschied sich für seine Karriere als politischer elder statesman und gegen das ungleich einträglichere Filmgeschäft. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb seine Figur Brandeby bereits im November vergangenen Jahres, als Theodor-Heuss-Preisträger Baum gerade die Neuwahl der gesamten FDP-Spitze forderte. "Leider hat die FDP ganz entscheidende Grundgedanken in den letzten Jahren vernachlässigt", sagte Baum nach seinem Filmtod wohl auch ein wenig in die eigene Richtung. Der Liberalismus habe zwar immer gewollt, „dass sich freie Bürger kreativ mit möglichst wenig Bevormundung durch den Staat frei entfalten können“- Aber das bedeute nicht, dass es immer nur um Einzelinteressen gehen könne.

Gerhart Baum hat seine Konsequenzen gezogen, in der aktuelle Staffel mit „Irene Huss“ dreht der selbstlose Liberale seine Ehrenrunde auf der Krimibühne. Seinen Fans aber wird er auch nach dem Ende der letzten Folge mit Kommissar Sven Andersson nicht verloren gehen. Bruchlos ist Baum derweil auf die Talkshow-Couch gewechselt, bei Kerner, Maischberger und Co. ermittelt er in den kommenden Monaten zu Themen wie Bürgerrechte, Eurokrise und Mindeslohn.

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Samstag, 12. Mai 2012

Vor dem Aufstieg: Traurig währt am längsten

Es ist angerichtet in Meuselwitz an diesem Samstagnachmittag. 13 Grad und 80 Prozent Regenwahrscheinlichkeit sagt wetter.com, doch die Sonne über Thüringen scheint, als hätte sie es nicht mitgeteilt bekommen. Drei Punkte muss der Regionalligaspitzenreiter HFC heute noch holen im 11000-Einwohner-Städtchen nahe Altenburg und der Aufstieg in die 3. Liga ist der Mannschaft von Trainer Sven Köhler nicht mehr zu nehmen. Ein Klacks, so schreiben es die Gazetten seit Tagen, ein letzter Hüpfer, so schallt es aus der MDR-Sendezentrale, die rechtzeitig zum Saisonfinale begonnen hat, ihren traditionell liebsten Hassklub zum Hätschelkind umzuschminken.

Die Papierform lässt keine Zweifel zu: Seit Mitte März ist der HFC ohne Gegentor, 16 eigene Treffer erzielten die ehedem abschlussschwachen Hallenser in den letzten sechs Spielen, 3000 angereiste Hallenser machen die vorletzte Saisonbegegnung zu einem Heimspiel. 80 Prozent Siegwahrscheinlichkeit für den Halleschen FC sagt bet-at-home.com vorher.

Und die Rot-Weißen starten auch, als hätten sie auf sich gewettet. Von Anfang an geht der Druck auf dem Feld nur in eine Richtung - gegen die rot-weiße Fanwand, mit dem Gebrüll im Rücken, das von dem Häuflein der ZFC-Fans kommt, das hinterm halleschen Tor freundliche Miene zum guten Hallenser Spiel macht. Es steht 0:0 und würde man die Gastgeber fragen, wäre das wohl auch ihr Wunschergebnis. Nichts wegschenken, aber nach Möglichkeit eben auch nicht untergehen wie zuletzt der FC St. Pauli, dem die Wagefeld, Kanitz, Mast, Texeira und Hartmann gleich fünf Löcher in die Piratenfahne geschossen hatten.

Hartmann hat die erste Chance, es folgt ein Versuch von Benes und ein Schuss von Texeira. Halle spielt ruhig, oft hinten herum, dann aber energisch und immer wieder mit tollen Einzelaktionen. Nur das Tor will nicht fallen - ähnlich wie in Cottbus, wo die Köhler-Schützlinge 90 Minuten stürmten, keine klare Torchance gegen sich zuließen und am Ende mit einem mageren Punkt nach Hause fuhren. Erinnerungen daran werden wach, als Angelo Hauk nach einer knappen halben Stunde eine Flanke mit dem Rücken zum Tor annimmt und per Fallrückzieher abschließt. Er trifft die fangbereiten Arme des Meuselwitzer Keepers Teichmann. Auch in Cottbuss hatte er einen malerisch schönen Fallrückversuch nicht im Tor untergebracht.

Den erfahrenen HFC-Fans ist der Rest des Spielfilms eigentlich jetzt schon klar. Hier weht er wieder, der kalte Wind der Wirklichkeit, der den Traditionsklub von der Saale jedes Mal wieder ins Tal bläst, wenn ein Gipfel greifbar nahe scheint. Aber unten auf dem Rasen rackern sie. Jan Benes kurbelt rechts, Hartmann und Wagefeld versuchen, in der Mitte Räume freizumachen. Meuselwitz hat nach einer halben Stunde fast körperlosen Spiels auf Grätschen umgeschaltet, weil Lindenhahn, Hauk und Texeira anders nicht zu halten sind. Nur gelegentlich lugt mal ein Spieler in Schwarz-Gold über die Mittellinie, in Richtung hallesches Tor aber geht gar nichts.

Andersrum jedoch ist es nicht viel anders. Dennis Mast bringt heute kaum einen seiner Flankenläufe zustande, Lindenhahn vergisst einmal mehr, dass Stürmer durchaus auch mal mit dem Ball am Fuß in den Strafraum laufen dürfen. Zudem rutschen und fallen Hallenser wie Meuselwitzer in einem fort hin: Der nach dem hübschen Programmheft "länderspieltaugliche" Platz vereint geschickt die Eigenschaften eines Kunstrasenplatzes mit denen einer Eishockeyspielfläche.

Gut zu verteidigen. Schlecht, wenn es gilt, anzugreifen. Während die HFC-Fans ihre Elf frenetisch anfeuern, holt Halle so Ecke um Ecke. Aber auch diese Standards bleiben so folgenlos wie der Freistoß, den Maik Wagefeld in der 37. Minute elegant in Richtung Teichmann-Tor befördert. Hätte genau gepasst. Wäre nicht wieder ein Meuselwitzer Kopf dazwischengewesen.

Was in den Köpfen der Hallenser vorgeht, lässt sich denken. Cottbus. Cottbus. Kiel, der vier Punkte hinten liegende Aufstiegskonkurrent, führt gegen Halberstadt, denen gleich in der Anfangsphase ein regulärer Treffer aberkannt wurde. "Hätte unser Tor in Kiel gezählt", tuschelt es unter den HFC-Fans auf den Tribünen, "wäre das hier jetzt alles nur noch Schaulaufen." Redbull, der fünf Punkte hintenliegende andere Aufstiegskonkurrent, führt zu Hause gegen Wolfsburg ebenso. Bleibt alles so, gibt es ein Aufstiegsendspiel am letzten Spieltag in Halle.

Ein Horrorszenario nicht nur für die Fans, die im Fall der Fälle fürchten, dass RB mit gnädiger Schiedsrichterhilfe noch am eigenen Verein vorbeigewunken wird. Die Mannschaft des HFC tritt nach der Halbzeitpause an, als ahne sich Ähnliches. Meuselwitz kommt jetzt minutenlang überhaupt nicht mehr aus der eigenen Hälfte, der HFC aber trotzdem nicht näher ans Meuselwitzer Tor. Am Strafraum ist Schluss, auch weil bei Schüssen von Hartmann, Benes, Kanitz und Texeira immer noch ein Bein im schwarzen Stutzen im Wege ist.

Die Restroute des nachmittags wird deutlich, als Innenverteidiger Patrick Mouaya beginnt, sich als Stürmer zu versuchen. Ist das jetzt schon Verzweiflung? Ein Schuss, den der Abwehrchef nach einem Solo durch die halbe ZFC-Verteidigung abgibt, sieht ganz danach - er geht sieben Meter rechts am Pfosten vorbei.

Aber noch sind 20 Minuten auf der Uhr, noch guckt Wagefeld streng, aber Trainer Sven Köhler hat noch taktische Mittel. Erst kommt Michael Preuß für Mast, der in der zweiten Hälfte kaum noch stattfand. Dann geht der flinke Hauk raus und der enorm große, enorm sturmtankähnliche Andis Shala kommt.

Nun gewinnt die Sturmmitte allerdings kaum noch ein Kopfballduell. Nun wuseln die Außen, vor allem Lindenhahn strafft die schon hängenden Schultern noch einmal. Aber innen steht nie jemand dort, wo der Ball hinfällt. Shala hat wieder einen Shala- statt einen Gala-Tag angedreht bekommen. Und Mouayas Versuche, die HFC-Abwehr ins Mittelfeld zu verschieben, wird bestraft: Beim ersten Mal ist Gasch durch, aber Darko Horvat klärt den Nahschuss mit einer Blitzparade. Beim zweiten Mal laufen Eismann und Mouaya dem Meuselwitzer hinterher und weil Horvat erneut den direkten Abschluss verhindert, gelingt es beiden, mit vereinten Kräften zu klären. Beim dritten Versuch allerdings kommen alle zu spät: Mouaya drischt einen weiten Ball ohne Not rücklings ins Mittelfeld, der landet bei einem Meuselwitzer, der vernascht Kanitz mit einem Körpertäuschung und flankt nach innen. Sören Eismann kommt zu spät und aus der falschen Richtung, Gasch kniet ab und köpft ins untere rechte Toreck.

Solche Bälle haben Torleute auch schon gehalten. Aber hier passt es wieder ins übliche Drehbuch. Kiel führt inzwischen durch einen Elfmeter, den der gefoulte Spieler in klarer Abseitsposition zugesprochen bekommen hat. RB führt auch. Halle müsste führen, liegt aber zurück. Sven Köhler löst jetzt die Viererkette auf und versucht es mit Dennis Wegner, dem Joker von Halberstadt. Es sind noch acht Minuten auf der Uhr und der Weg bis in Liga 3 ist so weit wie seit Anfang April nicht mehr.

Es ist nicht einmal die Zeit, die ihnen davonläuft. es ist das Glück, das wieder fehlt. Eismann köpft aufs Tor, statt hinein. Preuß bekommt ein Abseits gewunken, wo keins war. Eismann köpft an die Latte. Hartmann schießt einen Meuselwitzer an. Lindenhahn zögert eine Flanke zu lange hinaus. Preuß trifft aus anderthalb Metern nur die Turnhose von Teichmann. Zehn Zentimeter tiefer, und das wäre der Ausgleich gewesen.

Wäre, hätte, wenn und aber. So wie in den letzten Minuten spielt kein Aufsteiger, so spielt eine vor der großen Chance verkrampfte Elf aus Spielern, von denen die meisten noch nie in ihrer Karriere um etwas gespielt haben. Es knirscht jetzt zwischen den Mannschaftsteilen, vor lauter Vorwärtsdrang stehen sich die Rot-weißen manchmal selbst im Wege. Auf den Tribünen Köpfe in den Händen, junge Männer, die empört rufen "Nun macht doch mal", wo die dort unten doch heute sichtlich einfach nicht können.

Dann ist es aus, aber glücklicherweise noch nicht vorbei. Der Fußballgott ist keine Brausetrinker, er beschert Wolfsburg bei RB Leipzig in der letzten Minute den Ausgleichstreffer. Kiel rettet nach einem Halberstädter Anschlusstreffer ein 2:1 knirschend über die Zeit. Nächste Woche hat fährt Kiel nach Wolfsburg, den nunmehr aus dem Aufstiegsrennen ausgeschiedene Rasenball besucht den HFC.

Das Finale totale ist so zumindest eine ganz einfach Versuchsanordnung: Siegen die Hallenser, sind sie doch noch aufgestiegen. Spielen sie Remis und Kiel Remis, reicht es auch noch. Ebenso sieht es aus, wenn beide Mannschaften verlieren. Siegt Kiel und Halle verliert oder schafft nur ein Unentschieden, geht es nächstes Jahr wieder nach Meuselwitz.


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Rücktritt aus dem Rateteam

Einst erfand er eigenhändig einen "leitenden Beamtes des Bundeskriminalamtes", der ihm erzählte, wie der Terrorist Wolfgang Grams im Gleisbett von Bad Kleinen durch entmenschte Terrorfahnder hingerichtet wurde. Jetzt hat Hans Leyendecker wieder Pressegeschichte geschrieben: Weil eine Enthüllungsgeschichte seiner "Süddeutschen Zeitung" bei der Verleihung des Henri-Nannen-Preise gemeinsam mit einer Enthüllungsgeschichte der „Bild“-Zeitung ausgezeichnet werden sollte, verzichtete Leyendecker darauf, die Auszeichnung anzunehmen.

Schlagzeilen kann er also nach wie vor, der moribunde Meinungsführer, der als Experte für alles jeweils schon jahrelang an einem Thema recherchiert hat, wenn alle anderen noch staunen: Ohh, die Untaten, das war also die NSU? Ob Schlecker oder Atomausstieg, Flick-Affäre der CDU-Spenden-Skandal, Rechtsterror oder RAF, Leyendecker ist der Igel unter den Berichterstattern - stets startet er spät, ist aber als erster im Rateteam bei Kerner, Jauch und Illner. Der Mann, der die Fahne des wahren, des aufrechten Journalismus hochhält, will durch die Ablehnung einer gemeinsamen Ehrung mit den Schmierfinken von "Bild", die für ihren Beitrag „Wirbel um Privatkredit - Hat Wulff das Parlament getäuscht?“ mit einer Bronzebüste des Kriegsberichtserstatter aus der SS-Standarte Kurt Eggers ausgezeichnet wurden, natürlich nicht "die Kollegen beleidigen". Er hätte sie nur gern allein gehabt, für seine Aufdeckung der „Formel-1-Affäre“ bei der BayernLB.

Vor dem Aufstieg: Die Welt schaut zu

Ein tiefes Liebesverhältnis verbindet das Fußballboard PPQ und die sozial engagierte Teeniezeitschrift Junge Welt, seit das in westdeutschem Besitz befindliche Kampfblatt für den Sozialismus daranging, dem Osten die DDR zu erklären.

Ja, das haben wir gebraucht, darauf haben wir gewartet, dafür sind wir dankbar. Umso misstrauischer macht es, dass die Politpostille nach der DDR nun den Halleschen FC entdeckt hat. "Klopf, klopf, wir kommen" heißt ein Beitrag in der verdienstvollen Serie "Aus den Unterklassen", in dem ein Karl Aalen sich geradezu liebevoll der Mannschaft nähert, die zwei Spieltage vor Schluss die Chance hat, die beste Bilanz aller deutschen Profivereine einzufahren und in die dritte Liga aufzusteigen.

"Vor über zwanzig Jahren, als der HFC in der 2. Bundesliga kickte, war meine Liebe für den Verein groß", schreibt Aalen, ehe er ein Porträt des Anhangs der Hallenser zeichnet, wie es in der "Jungen Welt" zu erwarten war: So groß wie seine Liebe damals sei auch seine "Scham" gewesen, eigentlich so gar "noch größer". denn beim Auswärtsspiel in München 1860 "fielen viele mitgereiste Hallenser nachdrücklich auf. Mit eingepißten Hosen lagen sie in ihren Mageninhalten, statt anhaltinischen Gesangs, dem phonetischen Verschnitt aus Sachsen, Thüringen und Brandenburg, kam Sabber aus ihren Mündern".

Es heißt "anhaltisch". Nicht "anhaltinisch". Außerdem ist das eine andere Ecke, schlag nach bei "Dessau". Halle wurde gegründet von Hermunduren, Angeln, Thüringer und Wenden, aus dem Redaktionsgebäude der JW gesehen: Ausländer. Leben anders. Feiern anders. Das ist vom richtigen Klassenstandpunkt aus gesehen abzulehnen.

Es hatte ja seinen Grund, warum die Zeitung, die ihren Mitarbeitern weniger bezahlt als Aldi seinen Kassiereinnen, zum letzten Mal vor sechs Jahren zum halleschen Fußball schaute. "Bye, bye, Sommer der Märchen", hieß der Text damals und er beschäftigte sich selbstverständlich mit dem "Rassismus im Ligaalltag", den jeder, der wollte, "beim Oberligaduell FC Sachsen Leipzig gegen Hallescher FC" finden konnte, wo "rassistische Schmährufe gegen afrikanische Spieler" ertönten.

Ein gefundenes Fressen gerade für die Berichterstatter, die nicht dabei waren. Von "Affenlauten" fantasierten sie im Fall des Leipzigers Adebowale Ogungbure, dessen charakterliche Defizite in der Jungen Welt so wenig eine Rolle spielten wie in irgendeiner anderen Zeitung der Republik. Die Rollen waren verteilt, das Stück ging in einem Akt über die Bühne: Hier die schlimmen Fans. Dort der Fußballer, den ein Affenlauf irgendwie ganz anders trifft als Oliver Kahn, der seine Karriere zum Klang von Affenlauten verbrachte.

Sechs Jahre später erzählt Ogungbures Leistungsnachweis davon, dass die Geschichte wohl doch etwas anders war. Es gehört mehr als "Rassismus im Ligaalltag" dazu, seine Karriere in der 1. Bundesliga zu beginnen. Und über die 2., 3. und 4. Liga schließlich beim FC Vissai Ninh Binh in Vietnam zu landen.

Aber nun schreibt ja niemand mehr über Ogungbure. Dafür aber über den HFC. "Heute ist eine neue Generation von Fans und Zuschauern herangewachsen", lobt Aalen, bei dem Generationen schon mal in einem halben Jahrzehnt heranwachsen. Natürlich sei "weiterhin Väterchen Alk im Spiel", analysiert er den Unterschied der Fußballkultur von Halle zu der etwa in Berlin, Duisburg oder Dortmund. "Aber die eigentliche Droge ist der Verein."

Dann wird es schon leicht unheimlich, denn statt Häme und Hass zu spritzen, verschüttet das Leitblatt für gefühltes Leid Lob kanisterweise. "Die Ultras veranstalten friedlichen Rabatz, durchorganisiert wie eine Parade für das Politbüro", heißt es. der Verweis auf das Politbüro muss sein, wegen der "neuen Generation von Fans", die von der Jungen Welt nicht nur Lebenshilfe, sondern auch Geschichtsunterricht erwarten.

Die Zeitung, die nach einem kollektiven Ausscheiden der DDR-Mannschaften aus dem Europacup mal mit einer weißen Zeitungsseite berichterstattete, schmeißt sich ran. "Die Zuschauerzahlen schnellen in die Höhe, sicher wegen der Stimmung, aber auch wegen des neuen Stadions und der erbrachten Leistung". Selbst das Undenkbare, dem anhaltinischen Zuschauerdauermagneten FCM die Krone zu entreißen, sei diese Saison gelungen.

Auch, weil endlich Leute regelmäßig kommen, die früher nie zu sehen waren. Die Oberbürgermeisterin hat beim Derby gegen den FCM ihren Dienstwagen falsch geparkt, kichert Karl Aalen, ehe er vom Aufstieg träumt. "Ein, zwei Gläser Sekt" will er knallen lassen. Väterchen Alk, darum geht es beim ja hauptsächlich. Dann fährt er nach Wehen und/oder Wiesbaden, zu den Bio-Bauernhöfen in und um Burghausen an, zum Degerloch. "Dann erleben wir Kultur und Menschen!" Gibt es ja in Halle leider gar nicht.

Schön ist allerdings sein Schluss: "Wenn jetzt einer meint, Halt mal, Halt! Das Spiel gegen Brause Leipzig steht noch an … Was ist, wenn’s da Klatsche gibt? Nichts natürlich! Jetzt hab ich über zwanzig Jahre gewartet, da machen die nächsten auch nichts mehr aus."




Freitag, 11. Mai 2012

Spiegel: Rekorde frei erfunden

Endlich ist sie da, die langerwartete amtliche Statistik der extremistischen Straftaten. Fans des alljährlichen Anstiegsalarm mussten sich extrem lange gedulden – statt bis Ende März zählte das Bundesinnenministerium diesmal bis Mitte Mai. Verständlich, zuletzt hatten gerade die Zahlen bei den rechten Straftaten immer wieder enttäuscht, die ganze Hitlergrußzeige- und Hakenkreuzschmiererszene schwächelte und konnte nicht mehr an einst erreichte Hochleistungen anknüpfen.

Immerhin – was lange währt, wird viel. So konnte Bundesinnenminister Hans Friedrich in seinem verspätet vorgelegten Bericht stolz darauf verweisen, dass im Jahr 2011 in Deutschland – nur darauf beziehen sich alle Zahlen - insgesamt 30.216 politisch motivierte Straftaten bei ihm gemeldet wurden. Dies bedeute einen Anstieg um rund 11,2 Prozent gegenüber dem Jahr 2010. Bei den politisch motivierten Gewalttaten habe mit insgesamt 3.108 Delikten im Vergleich zum Vorjahr (2.636) eine Zunahme um 17,9 Prozent verzeichnet werden können.

Friedrich verzichtete bei der Vorstellung der Zahlen auf die historische Wahrheit und konnte so den von zahlreichen Medien erhofften Satz sagen „Damit ist seit Einführung des derzeit geltenden Definitions- und Erfassungssystems im Jahre 2001 der bislang höchste Wert bei den politisch motivierten Gewalttaten erreicht worden.“ Nach seiner Rechnung seien die aktuell verfügbaren 30.216 politisch motivierte Straftaten natürlich viel mehr als die 33.917 Delikte, die sein Amtsvorgänger Thomas de Maizière für das Jahr 2009 hatte melden können. De Maiziere hatte damals gesagt, in Deutschland habe es 2009 so viele extremistische Straftaten wie noch nie gegeben. Dieser Satz gilt als Teil der Grundausstattung aller Innenminister, nach Ablegen ihres Amtseides müssen die Amtinhaber ihn – unabhängig von den tatsächlichen Zahlen - mindestens einmal im Jahr mit beunruhigtem Unterton aussprechen.

Nachfragen von Qualitätsmedien, etwa danach, durch welche Zahlenzauberei ein Rückgang der politisch motivierten Gewalttaten von mehr als 33.000 auf nurmehr 30.000 und ein Rückgang der rechtsextremen Taten von mehr als 20.000 auf nur noch knapp 17.000 einen „Rekord bei politisch motivierten Straftaten“ (Der Spiegel) ergibt, bleibt das Geheimnis des Ministeriums und der angeschlossen Transmissionsriemen.

Wie ein dreister Schwindel sich durchsetzt: Inzwischen schreiben 162 deutsche Qualitätsmedien von einem "neuen Höchststand".

Steuerschätzer: Zuverlässig unzuverlässig

„Heute hier, morgen dort, bin kaum da, bin ich fort“, heißt es im Hannes-Wader-Klassiker zu Ehren des Bundessteuerschätzerkreises (Foto oben), der seit Jahren mit zuverlässig unzuverlässigsten Prognosen von sich reden macht. Vor zwei Jahren im Mai zum Beispiel warnten die Experten Bund, Länder und Gemeinden, dass sie sich "in den nächsten Jahren auf deutlich geringere Steuereinnahmen einstellen müssten". Ein Schock, und was für einer.

Bis Ende 2013 flössen 38,9 Milliarden Euro weniger in die Staatskassen „als bisher eingeplant", habe der Steuerschätzerkreis Finanzminister Wolfgang Schäuble nach dreitägigen Verhandlungen in einem Wohlfühlhotel mitteilen müssen. "Wir liegen erst 2013 wieder da, wo wir 2008 waren, aber nicht höher", wusste der Finanzminister genau, ehe er schon im Dezember 2011 so viele Steuern einnahm wie noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik.

Aber immerhin hatte ihm das Schätzergremium ja auch für 2012 12,3 Milliarden Euro weniger Steuereinnahmen versprochen. 2013 steige der Ausfall dann sogar auf 13,7 Milliarden Euro, teilten die Qualitätsmedien seinerzeit im üblichen Chorgesang mit.

Alles hier bei der Schätzerei ist natürlich exakte Wissenschaft. Das zeigt nicht nur die alle Jahre wieder huldvolle, ja, ehrerbietige Aufnahme, die jede vom Schätzerkreis in die Runde geworfene Milliardenzahl bei Spiegel, Stern, dpa und dem Rest der vierten Gewalt findet. Sondern vor allem die Trefferquote, die die 35 Abgesandte aus den Finanzministerien von Bund und Ländern, der Bundesbank, von Forschungsinstituten, der Kommunen, des Sachverständigenratrs und des Statistisches Bundesamtes Jahr für Jahr erzielen.

Sie liegt irgendwo unterhalb von dem, was ein Dreijähriger mit verbundenen Augen mit einem auf ein Bingobrett geworfenen Dartpfeil schaffen würde.

Das aber stabil: Wie die „Zeit“ und der Rest der Qualitätsmedien jetzt im üblichen Chorgesang mitteilten, rechnen die Experten zwölf Monate nach ihrer Minus-Vorhersage nun damit, dass aus dem eben noch vorhergesagten Steuerminus von 12,3 Milliarden für 2012 ein Plus von 4,6 Milliarden Euro wie. Auch das geschätzte Steuerloch von 13,7 Milliarden für 2013 hat sich inzwischen in Mehreinnahmen von fünf Milliarden Euro verwandelt. Und für 2014, 2015 und 2016 betrüge das Steuerplus zusammengerechnet sogar noch einmal bei 19,7 Milliarden Euro. Betrüge. Wenn die Steuerschätzung zutrifft. Es wäre das erste Mal.

Alles wie immer: Steuerschätzer flunkern wieder

Party zum Todestag: Alle wollen Willy

Klare Kante gegen Extremisten und das direkt an der vielbesuchten "Straße der Gewalt". Pünktlich zum heutigen 60. Todestag des kommunistischen Jugendfunktionärs Philipp Müller hat sich der Stadtrat der schwer verschuldeten sachsen-anhaltischen Kulturhauptstadt Halle entschlossen, der bisher bestehenden Philipp-Müller-Straße ihren Namen abzuerkennen. Als Mahnung und stete Warnung vor überzogenen Zeitplänen bei Flughafenbau-Vorhaben soll der Straßenzug künftig den Namen "Willy-Brandt-Straße" tragen. Der Name erinnert an das Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands Herbert Ernst Karl Frahm.

Die Umbenennung, die nicht mehr als 500 Euro koste, sei nötig, weil Philipp Müller im Gegensatz zu Brandt keine Beziehung zu Halle habe. Der 21-jährige Jungkommunist hatte am 11. Mai 1952 von einem Polizisten erschossen werden müssen, als sich in Essen 30.000 junge Menschen aus der ganzen Bundesrepublik zur „Jugendkarawane“ zusammenrotteten, um im Auftrag Moskaus gegen die völlig legitime Wiederbewaffnung Deutschlands Stimmung zu machen. Die Behörden hatten die extremistische Kundgebung natürlich verboten, als sich der aus München angereiste Müller dagegen verwahrte, trafen ihn zwei in Notwehr abgegebene Schüsse des Polizisten Knobloch.

Die FDP begrüßte den Antrag zur Änderung des Straßennamens, den die SPD gestellt hatte. Müller sei im Unterschied zu Brandt nicht nur nicht Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands gewesen, die zum Zeitpunkt seiner Volljährigkeit nicht mehr bestanden habe, sondern er habe auch im "Sozialistischen Jungarbeiter Aktiv" mitgewirkt und die Versammlung zum Angriff auf Polizisten genutzt. Egal, ob linker oder rechter Extremismus, es stehe der Stadt gut zu Gesicht, seinen "Namen aus dem Adressverzeichnis zu nehmen".

Das sieht auch der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Rüdiger Fikentscher so. Als Mitglied im Verein "Gegen Vergessen - Für Demokratie" weise er darauf hin, dass der 20. Todestag Herbert Ernst Karl Frahms anstehe. Da der Flugplatz in Berlin wohl nicht wie geplant zum Todestag des Ex-Kanzlers im Oktober fertig werde, habe Frahm wenigstens die "Ehre verdient, in Halle geehrt zu werden".

Das sei dringend nötig, findet die Mehrheit der Stadtbewohner. Man empfinde es als schmerzlich, dass von den drei Nobelpreisträgern, die Deutschland "seit der Nazi-Zeit gehabt habe", zwar Albert Schweitzer und Carl von Ossietzky mit einem Straßennamen geehrt würden, nicht jedoch der aus Lübeck stammende Brandt. Bei Grass könne man eine solche Verweigung des Naturrechtes jedes Nobelpreisträgers, eine Straße in Halle zu bekommen, verstehen, denn Grass habe sich durch seine jüngsten Dichtversuche delegitimiert.

Aber Brandt? Immer anständig, immer seriös nach seinem Wahlkampfspruch "Wir haben die richtigen Männer" (1969). Die ehemalige Philipp-Müller-Straße, so glaubt eine breite Bevölkerungsmehrheit, die keine anderen Sorgen hat, biete sich für die Umbenennung an, weil im Veranstaltungshaus "Hofjäger", das vom kommunistischen Regime rechtswidrig in "Philipp-Müller-Haus" umbenannt worden war, anno 1890 der erste Parteitag der SPD nach dem Fall des Sozialistengesetzes stattgefunden habe. Willy Brandt sei damals zwar mangels eigener Geburt an der Teilnahme gehindert gewesen, habe aber seitdem eine feste Verbindung zu Halle gehabt.

Auch die städtische Linkspartei sieht das so. Während ewiggestrige Linkspartei-Genossen in westdeutschen Landesverbänden für einen Gedenkmarsch zu Ehren von Müller trommeln (Plakat), gebe es in der fortschrittlichen halleschen Fraktion der Linken "großen Konsens, Brandt zu ehren".

"Wir sollten Willy Brandt durch ein neues großes Bauprojekt ehren, wenn es in Berlin schon nicht klappt." Die Linkspartei stelle sich eine Art Triumphbogen oder einen Bismarck-Turm vor, der dann allerdings Brandt-Turm heißen müsse. Man sehe jedoch die Kostenfrage kritisch, "so lange sich die Bundesregierung weigert, eine Reichensteuer zur Finanzierung solcher wichtiger Bildungsausgaben einzuführen".

Eine Ehrung aber müsse sein, wie Müller sei schließlich auch Brandt in seiner Jugend Marxist gewesen. Dennoch habe der als Kuba bekannte Kurt Barthel nur ein Gedicht über Müller geschrieben und der Komponist Paul Dessau nur für Müller ein Kampflied komponiert. Brandt ging leer aus. "Es wird Zeit, dass wir hier Gerechtigkeit herstellen." Damit folge der Stadtrat auch der üblichen Praxis, dass das jeweils folgende Regime versuchen müsse, die Ikonen des vorhergehenden zu schleifen.