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Montag, 5. Dezember 2016

Linksruck: Europa steuert um

Die Wahl von Alexander van der Bellen und das zugunsten von Wagenknecht und Bartsch ausgegangene Referendum der Linkspartei sind die sichtbarsten Ergebnisse eines politischen Stimmungswandels in den westlichen Demokratien. In Frankreich hat sich der windelweiche Hollande zurückgezogen, um der Linken den Weg zur Erneuerung zu öffnen. In den USA machte der Alt-Linke Bernie Sanders vor allem bei jungen und fortschrittlich gesinnten Leuten Furore. In Thüringen regiert ein Linker, unauffällig und mit harter Hand. Baden-Württemberg wird von Winfried Kretschmann gehalten, einem Altlinken im grünen Cape, der von sich sagt, er habe "die Zeit meiner linksradikalen Verirrung" hinter sich gelassen.

Die Pegida-Bewegung aus Deutschland dagegen macht kaum noch Schlagzeilen, die AfD-Umfragewerte bröckeln. Nirgendwo ist es den Radikalinskis von rechts bisher gelungen, mitzuregieren oder durchzumarschieren. Im Gegenteil: Der rechte Aufschwung erlahmt, seit Medien und Politik sich von den Forderungen der Straße zu tätiger Reue inspirieren lassen. Das Ergebnis: Die CDU der Kanzlerin freut sich um einem seit Jahren nicht gekannten Zuspruch der Wähler. Die Kanzlerin selbst ist so beliebt, dass sie die Fortsetzung ihrer aktiven Laufbahn nur noch im Stil eines Spitzensportlers verkünden muss, damit ihr die Herzen zufliegen.

Dieser - relative - Linksruck geht einher mit einem wachsenden Populismus in der Politik. Was vor zirka einem Jahr noch als blanker Hass verdammt wurde, gilt inzwischen als Ultima Ratio zum Machterhalt. Was muss, das muss, egal wie menschenfeindlich es ist.

Die meisten Kommentatoren sind sich einig, dass die Linke ihre Lektion gelernt hat. Als die Mneschen sich massenhaft abwandten, wurde das Klima von zwei wichtigen Faktoren bestimmt: der Angst vor dem Bedeutungsverlust. Und der Sehnsucht, wieder gewählt zu werden, obwohl die Einkommensungleichheit seit der Finanzkrise 2008 in allen westlichen Demokratien deutlich zugenommen hat, der Lebensstandard für die meisten Arbeiter und die Mittelschicht stagnierte und Angst und Feinseligkeit gegenüber Einwanderern – insbesondere gegenüber Muslimen – in einem Maße zunahmen, dass die Medien bei der Aufgabe versagen mussten, gegen eine Flut an Fakenews anzuschreiben.

was tun? Diese Frage stand akut für die gesamte Linke von CDU über SPD bis zu Grünen und der PDS. Traditionell war Ungleichheit in der Vergangenheit schon immer ein Thema der populistischen Linken, Einwanderung ein Thema der Rechtspopulisten. Die punkteten zuletzt mit Ausländerhass. Dass das Pendel jetzt zurückschlagt und der linke Populismus sich anschickt, den rechten wieder rechts zu überholen, wie das Beispiel Wagenknecht zeigt, ist kein Wunder. Die Politik hat nachgedacht, Strategien geprüft und tritt nun dem Eindruck entgegen, als sei Einwanderung ein rein rechtes Thema. Alle wollen jetzt hier regulieren, Grenzen ein bisschen schließen, die niedrigen Löhne für alle erhöhen, die anhaltende Arbeitslosigkeit in den meisten europäischen Ländern zu einem Problem der Ausländer erklären und den steigenden Druck auf die Sozialversicherungen durch geschickte Versteckspiele vor den Volksmassen verbergen, so lange es nur geht.

Natürlich sind die Ursachen in Wahrheit viel komplizierter. Doch aus Sicht der van der Bellen-Wähler, die sich für die einfache Lösung des Weiter-so mit einem großväterlichen Typen, der zum Anlehnen einläadt, entschieden, ist der traditionelle Kern der Gesellschaft – in ihren Augen also die schon länger hier lebende Bevölkerung – verantwortlich für alles Leid der Welt. Der Mitteleuropäer ist den Menschen im Rest der Welt aus Sicht dieser Wählergruppen sowohl intellektuell als auch moralisch so weit überlegen, dass er für alle anderen mitdenken und seine Entscheidungen auch an deren Interessen ausrichten muss.

Unmöglich vereinbar ist mit dieser Sichtweise, dass das Volk Zweifel an Europa hegt, den Eliten misstraut und einen "Zustrom" (Merkel) von Obdachsuchenden verbal ablehnt. Der Wähler in Österreich hat - im Unterschied zum unbelehrbaren Italiener - in diesem Sinne entschieden: Links, wo das Herz schlägt, da machte er sein Kreuzchen. Nicht nur für sich, sondern für ganz Europa.

Theoretisch ist das einleuchtend. Die demokratischen Systeme des Westens unterscheiden sich in ihrer Struktur und Form, aber sie alle basieren auf dem Prinzip, dass die Wähler das letzte Wort haben. Das ist ein gutes Prinzip, das beste, das je erdacht wurde. Aber es basiert auf einer verrückten Voraussetzung, die nie erfüllt worden ist: dass die Wähler informiert und bedacht sind.

Im Zeitalter von Facebook aber, in dem die Wähler ihre Entscheidungen auf der Basis von Facebook-Fakenews treffen, statt sich von echten Informationen leiten zu lassen, die von unparteiischen Leitmedien geliefert werden, ist die Demokratie trotz der vorübergehenden Entwarnung auch nach dem Votum von Österreich weiter akut bedroht.

Trotzdem sprechen manche Beobachter bereits von einer "friedlichen Revolution an der Wahlurne". Der Wähler, eben noch ein leicht beinflussbares Wesen mit einem Hang zu einfachen Deutungen, ist wieder souverän, bedacht in seiner Entscheidung, ein guter Mensch, der das Richtige wählt. Europa kann überleben, der Euro kann ein Segen bleiben, selbst das Verhältnis zu den USA ist vielleicht reparabel, wenn dort ein Neuanfang ohne Trump gelingt. Andere sehen die Zukunft der Globalisierung schon durch das Votum um die Wiener Hofburg wieder positiver, weil intelligente, an menschengemachten Klimawandel, Bürgerversicherung und Nullzinspolitik glaubende Linke nun wieder proeuropäische Politik für die Abgehängten machen können.

Vielleicht stimmt beides. Langfristig sicher ist jedoch: Die Linkspopulisten, die jetzt an die Macht kommen, werden die Probleme, die zu ihrer Wahl geführt haben, nicht lösen.

Denn qauch der bei Linken beliebte politische Mix aus hohen Steuern, der Ablehnung jeder Privatisierung öffentlicher Aufgaben und der Aufblähung des Sozialstaates wird den ökonomisch Abgehängten, die die Linken gewählt haben, nicht helfen. Letztere hatten zuletzt oft aus Protest und Fremdenfeindlichkeit rechts gewählt. Nun haben sie sich für links entschieden. Beides hilft vermutlich aber nicht.

Das ist das Paradox der Gegenwart. Künftig dürfte es noch größere Probleme geben, wenn die Wähler erkennen, dass sie mit ihren Erwartungen erneut in die Irre geführt worden sind. Nur in die andere Richtung.

Dennoch ist die Demokratie gastfreundlich gegenüber diesem Populismus, der langfristig denselben Schaden anrichtet. Nur größer, weil es nach seinem Versagen kein "dann geht doch rüber" mehr geben kann.


HFC: In der Bedeutungskrise

Klaus Gjasula führt, der HFC siegt - aber ehe aus Abneigung wieder Liebe wird, kann es noch Jahre dauern.
Wie das Messer durch die Butter geht der Hallesche FC durch seine vierte Saison in der 3. Liga. Zu Hause ungeschlagen, auswärts zuletzt erstmalig eher unglücklich vom Dauerrivalen aus Magdeburg ins Stolpern gebracht und nach einem mühsam erarbeiteten, aber nie gefährdeten Sieg gegen die an der Saale immer gern empfangene Bremer Reserve plötzlich auf Rang 3 der Tabelle.

Sieben zarte Monate nach dem in höchster Not vollzogenen Wechsel von Trainer Böger zu Trainer Schmidt ist der Hallesche FC am Ziel von Träumen angekommen, die im ehemaligen Kurt-Wabbel-Stadion überhaupt niemand geträumt hatte. Spitzenreiter Ost in der 3. Liga, hinter Dresden, Union und Aue viertbeste Mannschaft auf dem Gebiet der früheren DDR überhaupt. Vor 25 Jahren stand der HFC in der letzten Oberliga-Saison exakt an dieser 4. Position. Und wie damals kummern unter der ängstlichen Euphorie, die Fans allmählich erfasst, dieselben Probleme.

 Spitzensport vor halbleeren Rängen

Denn der sportliche Erfolg lässt die Landschaft rund um die inzwischen Erdgas-Arena genannte Spielstätte des HFC seltsam ungerührt. Mehr noch: Die Zuschauerzahlen bröckeln. Den Sieg gegen Bremen, der erwartbar war und die Mannschaft von Trainer Rico Schmitt absehbar in der Spitzengruppe der Tabelle etablierte, sahen nur noch 5.300 Zuschauer. Der ohnehin bedenkliche Gesamtschnitt der Zuschauerzahlen von nur noch 6.882 pro Spiel sinkt damit noch weiter. Der HFC ist damit zwar sportlich erfolgreicher als alle seine Liga-Konkurrenten. Bei den Fans aber liegt er hinter Magdeburg, Duisburg, Rostock, Münster und Osnabrück nur auf einem bescheidenen 6. Platz.

Die Bilanz wirkt wie aus einer Zeitmaschine. 1991, als sich der Hallesche FC mit der besten Saisonleistung seit Anfang der 70er Jahre mit einem Aufstieg in die 2. bundesdeutsche Liga aus dem DDR-Fußball verabschiedete, kamen durchschnittlich 6.098 Zuschauer zu den Heimspielen im Kurt-Wabbel-Stadion.

Ein Vierteljahrhundert danach sind es 6.710 - ein Gewinn von nur 612 Fans in 25 Jahren.

Angesichts der langen, dunklen Jahre, die der Traditionsklub in den Niederungen des deutschen Fußballkellers verbracht hat, wo seinen jahrzehntelang vergeblichen Bemühungen, keines grausamen Todes zu sterben, häufig nur ein paar hundert Getreue zuschauten, ist das kaum verwunderlich. Angesichts der Entwicklung bei damaligen Oberliga-Konkurrenten wie Dresden, Rostock und Magdeburg aber wird der langfristige Schaden deutlich, den mehr als 20 Jahre im Armenhaus des Amateurfußballs angerichtet haben.

Es fehlen zwei Generationen

Es fehlt eine, es fehlen sogar zwei Fangenerationen, zwei komplette Alterskohorten aus - vor allem - jungen Männern, die, angezündet von hochemotionalen Spielen mit großer Bedeutung, die sie als Kind oder Teenager an der Hand des Vaters oder im Kreis von Freunden erlebt haben, heranwachsen und später selbst ihre Kinder mit ins Stadion nehmen.

Denn das ist es, was Dresden, Rostock und vor allem Magdeburg von Halle unterscheidet: In den letzten Momenten der Oberliga lag Rostock nur durchschnittlich 4.000 Zuschauer vor Halle, Dresden nur 3.000 und Magdeburg kam nur auf etwas über die Hälfte der Fans, die die Spiele der Rotweißen in Halle besuchten. Mittlerweile aber kommen zu Spielen des FCM fast zwei Drittel mehr Fans als zu denen des HFC, Rostock begrüßt regelmäßig doppelt so viele Zuschauer wie Halle und Dynamo Dresden, derzeit eine Liga höher, kommt sogar auf viereinhalb mal so viele.

Probleme mit Gewalt gibt es dort überall auch. Und - wenigstens unter fußballfernen Familienvätern - genießen all die zuschauertechnisch erfolgreicheren Klubs denselben schlechten  Ruf wie der HFC: Im Stadion sei es unsicher, mit Kindern könne man dort wegen der Aktionen der Ultras kaum hingehen, mit Frauen schon gar nicht. Neidisch geht der Blick nach Leipzig, wo sich Red Bull als keimfreie Fußball-Alternative für Familien inszeniert - und Zuschauer schon nach wenigen Jahren Existenz in einer Größenordnung begeistert, dass kaum noch vorstellbar ist, dass beide Vereine noch vor vier Jahren in einer Liga spielten. Und der HFC damals die bessere Mannschaft war.

Doch während die Zuschauer in Rostock, Dresden und Magdeburg trotz der jahrelangen Berichte über Gewalt, Pyrotechnik und Fremdenhass kommen, scheinen in Halle viele abgeschreckt. Zu DDR-Oberliga-Zeiten war der HFC immer von in der Besucherliga, heute liegt er hinten.


Eine frustrierende Erfahrung für die HFC-Klubführung, aber auch für die Spieler, die ihre Siege regelmäßig vor halbleeren Rängen feiern müssen. Abhilfe tut not, doch Rezepte sind rar, auch wenn immer mal wieder nach "Marketing-Offensiven" gerufen wird. Sie werden vermutlich nichts bringen, selbst wenn es sie eines Tages geben wird. Weil - wie die Beispiele aus Dresden, Rostock und Magdeburg zeigen - nur Erfolg Menschen euphorisiert und sie - wiederholt er sich wenigstens gelegentlich - zu treuen Fans macht.

Die aber braucht es in merklich höherer Zahl, will der Hallesche FC wirklich Kurs auf die 2. Liga nehmen. Dort noch mehr als in der 3. schießt Geld Tore. und Geld geht dorthin, wo es auf Menschen trifft, je mehr, desto besser.




Sonntag, 4. Dezember 2016

Martin Schulz: Einer von uns. Einer für alle.


Als er als Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokratie zur Europa-Wahl antrat, verblüffte er mit nationalen Parolen. Als er unterlag, handelte er im Hinterzimmer eine Abfindung für sich aus. Als Frühstücksdirektor des Brüsseler Empfehlungsparlaments wurde er zur menschlichen Sirene, schrillte nimmermüd im höchsten Diskant, warnte vor der Gegenwart, vor der Zukunft und vor allem vor allen, die nicht seiner Meinung sein wollten.

Trotzdem verlor Martin Schulz seinen Posten wie vor Amtsantritt im Hinterzimmer mit der politischen Konkurrenz ausgeklüngelt zur Halbzeit der Legislaturperiode. Die Entscheidung kam gerade noch rechtzeitig.

Mit der Empfehlung, damals bei der Europawahl nur acht Millionen Stimmen - und damit etwa drei Millionen weniger als seine Partei ein Jahr zuvor im Bund - geholt zu haben, stieg Schulz sodann zum Liebling der gabrielmüden Medien und anschließend zum Zählkandidaten seiner Partei für die nächste Bundestagswahl auf.

Nun stellt sich Schulz in einem populöären Video vor. Volksnah, bürgerfreundlich, nicht beliebig, aber beliebt. Ein Typ eben, echt, unelitär, der Bart auf halb acht, Brille Kassenmodell. Bescheiden. Einer von uns. Einer für alle. 



Open Range: Die mexikanische Grenze, die gar keine ist

Die mexikanisch-amerikanische Grenze nahe Terlingua: Darf hier eine Mauer gebaut werden?
In der Mitte entspringt kein Fluss, sondern die Mitte des Flusses markiert eine Grenze. Der Rio Grande - mexikanisch Rio Bravo del Norte - trennt Armut von Wohlstand, Vergangenheit von Fortschritt, spanisches Siesta-Erbe von calvinistischem Durcharbeiten. Der Fluß zwischen Mexiko und der USA markiert für Menschen, die ihn von Süden aus sehen, den Anfang eines gelobten Landes. Dort, im Norden, wollen viele sein. Dort wird mehr verdient, besser gelebt, es gibt keinen Drogenkrieg und selbst der Arme ist reicher.

Hunderttausendfach überwinden Menschen die Grenze, nicht nur Menschen aus Mexiko, sondern  Menschen aus ganz Lateinamerika. Das hat eine Bevölkerung von 640 Millionen Menschen, doppelt so viel wie die Vereinigten Staaten, deren Bürger vor allem in den Grenzstaaten im Süden seit Jahren nach einer verschärften Abschottung nach Süden verlangen.

Eine Forderung, die Donald Trump im Wahlkampf mit der Ankündigung des Baus einer "Mauer" zu erfüllen versprochen hat. Doch was deutsche Politik und deutsche Medien im Fall der ukrainischen Mauerbaupläne als rationalen Schritt sahen, die Grenze zu Russland abzuriegeln, wird im Falle der USA als hanebüchener Schwachsinnsplan denunziert, der logistisch kaum zu realisieren sei und zudem Kosten von 25 Milliarden Dollar verursachen würde.

Eine Summe, die im Verhältnis zu den in der Ukraine erwarteten Kosten leicht überhöht erscheint. Dort rechneten Experten, als noch vom Mauerbau die Rede war, mit 100 Millionen Euro für 2000 Kilometer Grenzmauer. In den USA wären es rund 3200 Kilometer Mauer zu bauen - zum 250-fachen des Preises?

Zudem, heißt es dann vor allem in Deutschland stets, sei die Grenze zwischen den USA und Mexiko ja schon eine der am besten gesicherten der Welt: Mit Mauern, Zäunen und Grenzpatrouillen. Dass Trump auch nach seiner Wahl an seinen Mauerbauplänen festhält, zeigt für deutsche Medien, dass der Mann eine "Mauer im Kopf" (RP) hat. Allein das Wort "Mauer" gilt in Deutschland als anrüchig, wer Mauern baut, steht unter Faschismusverdacht. "Gigantomanie des Schwachsinns", tönt es vom Kontinent, der eben dabei ist, die abgeschafften Einreisevisa als "Einreisegenehmigung" wieder einzuführen.

Dabei zeigt ein Blick auf die Grenze zwischen den USA und Mexiko , dass dort stellenweise nicht einmal zu erkennen ist, wo die Grenze verläuft. Open Range, offenes Land, links und rechts des Flusses prägt derzeit das Bild. Kein Zaun, kein Grenzpfahl, kein Mäuerchen, schon gar keine Mauer. Wer möchte, kann hier problemlos die 30 Meter von einem Ufer des Rio Grande ans andere schwimmen. Denn entgegen dem Bild, das alle deutschen Medien verbreiten, ist die Grenze zwischen Armut und Wohlstand, Vergangenheit und Fortschritt, spanischem Siesta-Erbe und calvinistischem Durcharbeiten derzeit an vielen Stellen gar keine.

Samstag, 3. Dezember 2016

Zitate zur Zeit: Ich krieg‘ die Tür nicht zu

Das aktuelle Kampflied heißt: Der Menschheitsfeind in Washington pöbelt (was er tatsächlich gröblichst im Wahlkampf tat), plustert sich auf und heißt Trump. Ich weiß nicht, wer Trump ist. Ich kann ihn wirklich nicht einschätzen.

Ist das meine Schuld? Das streite ich ab. Schuld daran sind unsere eigentlich freien Medien. Im SED-Propagandastil ließen sie kein gutes Haar am Bösewicht Trompete. Sie ließen so gründlich kein gutes Haar an diesem Gottseibeiuns, dass mir die Zweifel wie zu Zonenzeiten kamen, ob das denn tatsächlich das richtige Bild vom Donald ist.

Genau so hatten uns die Kommunisten die Bundesrepublik und Sozialdemokratie zur Sau machen wollen. Deshalb kam ich in meiner Jugend darauf, mich selbst um Informationen über die Sozialdemokraten, über Kurt Schumacher, über Willy Brandt, über Helmut Schmidt, auch über Sozialdemokraten wie Mosche Dayan zu kümmern. Im Ergebnis wurde ich Sozialdemokrat. Oskar Lafontaine trug keinerlei Schuld an diesem Erkenntnisprozess.

Gunter Weißgerber sattelt den Angstgaul

Herr Schulz mit Stern und Schulterband

Freudig erregt nimmt Martin Schulz (rechts) seine Ernennungsurkunde entgegen.
So empfängt eine große Nation ihre besten Söhne, wenn diese zurückkehren von einer jahrelangen beschwerlichen und gefährlichen Reise an ferne Gestade, wo sie unter Aufbietung all ihrer Kräfte für das Gute gekämpft haben. Großer Bahnhof in Berlin, Bahnhof für Martin Schulz, der beinahe zehn Jahre nach seiner letzten Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz heute mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband geehrt wird. Ein historischer Moment, denn Schulz ist der erste sozialdemokratische EU-Parlamentspräsident, der sich das so selten vergebene Schulterband umwerfen darf.

Martin Schulz selbst wirkt ruhig und gelassen, als das große Festorchester zum Beginn der Zeremonie "The Saints go marching in" intoniert. Der Bellevue-Palast ist heute ein besonders geschmückter Bau, und er wurde einst auch geschaffen, um zusätzliche Pracht nach Berlin zu holen, die es hier vorher nicht gab: "Solch einen prunkvollen Bau will ich auch haben", soll Kronprinz Ludwig von Bayern ausgerufen haben, nachdem er 1823 bei einem Berlin-Besuch am Bellevue eine Kutschenpanne hatte.

Doch so ausgelassen fröhlich wie in früher Jahren, als bei den Verleihungszeremonien im Beisein des Bundespräsidenten Partiestimmung herrschte, während Christian Wulff die Gäste überschwänglich und mit Dauerlächeln begrüßte, war die Stimmung diesmal nicht. Zu angespannt ist die Stimmung im Land vor der Abstimmung in Italien, der Präsidentenwahl in Österreich, der Kür des linken französischen Präsidentschaftskandidaten, dem Amtsantritt des amerikanischen Populisten Donald Trump. Miesmacher hatten selbst noch beim Einmarsch der Prominenten Sprüche geklopft und lauthals Kritik gebrüllt.

Das war auch vor dem Start des offiziellen Festaktes das große Thema, ehe dann die Lichter gedimmt wurden und Martin Schulz ins gleißende Scheinwerferlicht trat. Präsident Joachim Gauckr betont dann die Transparenz und Offenheit der Bundesregierung und erzählt, dass viele ihm gesagt hätten: "Wir stehen zu euch." Schulz nickt unmerklich. das ist auch, was er als Reaktionen wahrgenommen hat, nachdem er seine Kandidatur als Bundeskanzler bekannt gegeben hatte.

Gauck gibt sich staatsmännisch: "Ich sage nichts zu dem Thema." Stattdessen bezeichnet ein CDU-naher Besucher den Bericht als "kompletten Unsinn". Er spricht von "Unterstellungen und Unwahrheiten" und einem "nicht repräsentativen Ergebnis".

Doch darum geht es heute so wenig wie um die Kritik, dass sich die sogenannte "Elite" in schöner Regelmäßigkeit gegenseitig staatliche Orden umhänge. Die Vergabe, heißt es offiziell, beruhe immer "auf sauberen, statistisch repräsentativen Auswertungen".

Und so tritt Joachim Gauck, das Gewissen der friedlichen Revolution in der ehemaligen Ex-DDR, auch mit einem Lächeln ans Mikrophon. Er begrüßt die vielen bekannten Gesichter aus Film, Funk, Fernsehen und Radio, die herbeigeeilt sind, um Schulz zu ehren. "Herzlich willkommen in Schloss Bellevue! Herzlich willkommen zu dieser Feierstunde", sagt Gauck mit seinem weichen, nachdenklichen Bass.

Dann kommt er zur Sache. Blicke man auf die vielen, vielen Würdigungen, die der "liebe Herr Schulz" schon erhalten habe, sei offenkundig: "Wir zeichnen hier und heute einen begeisterten und begeisternden Europäer aus, der in Nah und Fern hohe Wertschätzung und großes Vertrauen genießt." Warum also nicht noch eine bedeutende staatliche Ehrung?

Das "Große Goldene Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich" hat Schulz schon, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ebenso. Auch den internationalen Karlspreis, die Ehrenbürgerwürde von Würselen, das „Goldene Karussellpferd“ der Arbeitsgemeinschaft der Schaustellervereine und die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem trägt er seit Jahren mit Stolz. Blieb nur noch das Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband, das auch schon Lennart Bernadotte, Präsident der Deutschen Gartenbau Gesellschaft und Besitzer der Blumeninsel Mainau, der Humorist Loriot und neben Andreas Meyer-Landrut, dem vater der bekannten Popsängerin, auch der frühere Wehrmachtsgeneral Hans Speidel, Chef des Stabes der Heeresgruppe B unter Erwin Rommel, tragen.

Joachim Gauck taucht tief ein ins Leben Martin Schulz´, dem er attestiert, dass er bei der Karlpreisverleihung mit dem Präsidenten der Französischen Republik, François Hollande, und dem König des Haschemitischen Königreichs von Jordanien, Abdullah II. Ibn Al-Hussein, "über die Bedeutung Ihres Wirkens für Europa" gesprochen habe. Die habe immer der Frage gegolten, "wo liegt die Zukunft"? Das sei Schulzens, eine unbeantwortete Frage, seit der frühere Fast-Fußballer die ersten Schritte auf dem europäischen Spielfeld gegangen ist. Gauck sorgt sich. "Brauchen wir als Konsequenz aus den Krisenerfahrungen der jüngeren Vergangenheit neue europäische Visionen?", fragt er. "Oder einfach nur mehr Pragmatismus?" Eine Antwort scheint auch Gauck nicht zu haben. "Um uns herum geschehen Dinge, die uns Europäer mehr fordern, als uns lieb sein mag und als wir uns lange haben eingestehen wollen."

Diese dunklen Zeiten aber sind vorüber. Jetzt wolle er daran "erinnern, dass unser Leben und das Leben künftiger Generationen in Deutschland ebenso wie in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union entscheidend davon abhängt, wie wir Europa gestalten." Quasi sei das Ende vom Anfang bestimmt, der Ablauf vom Einsatz. Es liege deshalb "in unserer Verantwortung als Deutsche und als Europäer, gemeinsam die Krisen zu überwinden", die alle Europäer gemeinsam heraufbeschworen hätten. "Es liegt in unserer Verantwortung, Tendenzen von Abschottung und Ausgrenzung anderer sowie dem Schüren von Ängsten und Hass entgegenzutreten. Und es liegt in unserer Verantwortung, verlorenes Vertrauen in die europäische Idee zurückzugewinnen."

Am Ende der Verleihung präsentierte der Ehrengast seine Auszeichungen.
Der Anfang wird ganz offenbar hier gemacht, heute, im Schloss Bellevue, wo unter edlen Leuchtern eine neue Gemeinschaftlichkeit nicht nur der Europäer, sondern auch von Eliten und gewöhnlichen Menschen gefeiert wird. Der "liebe Herr Schulz" (Gauck) habe sich dieser Herkulesarbeit verschrieben – mit einer Energie und einer Leidenschaft, die in Europa weithin sichtbar, hörbar und spürbar ist. Gauck, der vor Wochen bekanntgegeben hat, amtsmüde zu sein, fragt den 15 Jahre jüngeren, sportlichen Bartträger fast ein wenig neidisch: "Woher nehmen Sie diesen Schwung? Was treibt Sie an?"

Ist es Egoismus, Machtgier, das ewige Sicht-beweisen-wollen, das Männer nicht ablegen können? Gauck hat seine eigene Theorie. "Ich denke, es hat mit den Grenzerfahrungen zu tun, die Sie geprägt haben – mit Grenzen unterschiedlichster Art". Gauck spricht den Alkohol nicht an, den Schulz selbst immer wieder bemüht, um seinen Wandel vom beinharten Verteidiger zum Angreifer im Namen Europas zu erklären. Der Bundespräsident formuliert es praktischer: "Sie sind mit ganzem Herzen Europäer, weil Sie mit ganzem Herzen Würselener sind."

Dies eben kann nur jemand aus Würselen. Und mit Erfolg. "Nie gab es ein erfolgreicheres europäisches Projekt als die Idee der Europäischen Union – für Freiheit und Sicherheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, für die Achtung der Menschenrechte und für die Entwicklung des Wohlstands in Europa." Bald, so scheinet es, würden Schulz´ Plädoyers für mehr europäische Demokratie aus Berlin zu hören sein. "Und das, da bin ich sicher, wird die deutsche Debatte über Europa bereichern."

Es kommt Unruhe im Saal auf, weil Joachim Gauck so viel zu sagen hat. Einige ältere Schulz-Fans schauen sich nach Sitzgelegenheiten um, mancher Gast hat schon sein Sektglas geleert. Joachim Gauck aber, noch einmal ein eloquenter Beschwörer der gemeinsamen Werte, lässt nicht locker. "Wo, wenn nicht dort, wo Volksvertreter von Lappland bis Malta, von der portugiesischen Atlantikküste bis zur östlichen Grenze Estlands zusammenkommen, wo sonst sollte über die Zukunft Europas diskutiert werden?", sagt er mit deutlichem Verweis auf die Bedrohung der Grenzen der EU durch einen außer Rand und Band geratenen russischen Herrscher. Die vielen Fragen, die sich dabei stellten, habe Martin Schulz als erster zu einer zentralen Frage gebündelt: "In welchem Europa wollen wir leben?"

Dass der neue Schulterbandträger keine Antwort finden könne, treibe ihn um, treibe ihn in Talkshows und demnächst in einen Wahlkampf, der nicht leicht werde. "Europäisch zu denken und zu handeln stößt mittlerweile bei gar nicht so wenigen Bürgerinnen und Bürgern auf Unbehagen, zuweilen auf Ablehnung", weiß Gauck. "Wir erleben Grenzen europäischer Solidarität und europäischen Gestaltungswillens sowie mancherorts den Rückzug von europäischem Denken und Handeln, ja sogar den Austritt aus der Union."

In dieser kritischen Lage tue der "liebe Herr Schulz" etwas, was alle erwartet hätten. Nach der verabredungsgemäßen Weitergabe seines Postens in Brüssel sage er klar und eindringlich, worum es geht: Jemand muss gegen Angela Merkel kandidieren. Jemand muss die Sozialdemokratie in die nächste Große Koalition führen. "Sie beschwichtigen und beschönigen nicht. Sie reden Klartext", lobt Gauck.

Dann gibt es das begehrte Große Verdienstkreuz mit Stern und dem breiten, scharlachroten Schulterband. Martin Schulz ist jetzt ganz bei sich, sein Gesicht, das oft so verhärmt und verbiestert wirkt, zeigt ein zufriedenes Schmunzeln. Das Osnabrücker Symphonieorchester setzt sich seitlich auf bereitgestellte Stühle und ein Zeichen der Freundschaft. Applaus fegt durchs Schloss. Die Sektkelche klingen. Ein neuer Tag in Europa. Ein neuer Anfang für die Gemeinschaft.

Freitag, 2. Dezember 2016

In der Lava der totalen Irrelevanz



Ursprünglich war es der russische Potentat Wladimir Putin, dessen permanente Wühltätigkeit an den Wurzeln der deutschen Demokratie zu empörenden Auswüchsen wie den Pegida-Demonstrationen in Dresden und der grundgesetzwidrigen Gründung der mutmaßlich von Rechtsextremen, rechten, Rechtsradikalen und rechtsetremisten durchsetzten AfD führten. Dann aber kam Trump und angesichts eines beiderseits des Atlantik unübersehbaren medialen Trommelfeuers für dessen Konkurrentin Hillary Clinton konnte das Narrativ der Moskauer Trollfrabiken, die den Macho-Milliardär im Dienst des Kreml ins Amt geschrieben hätten, nicht verwendet werden.

Doch ein Beinbruch ist das nicht, denn mit Mark Zuckerberg und seinem Sozialnetzwerk Facebook fanden die einschlägigen Postillen sofort einen neuen Verantwortlichen für das Desaster der eigenen Erwartungen. Unverhohlen gespickt mit antisemitischen Ressentiments, liefen die Berichterstatter der unter dem Wahlergebnis leidenden Medien zu höchster Form auf: Facebook gelinge es nicht, "seinen Newsfeed halbwegs frei von Falschmeldungen zu halten", hieß es da ungeachtet des Umstandes, dass Facebook nicht einen, sondern der Anzahl seiner Mitglieder entsprechend rund 1,2 Milliarden Newsfeeds ausliefert. Deshalb beschere "der Facebook-Algorithmus in einem von Lügen und Halbwahrheiten dominierten US-Wahlkampf erfundenen Nachrichten Millionen von Interaktionen" , schreib das Magazin "Der Spiegel", das in den Wahlkampfwochen selbst wie ein 3D-Drucker für Erfundenes, Herbeigewünschtes und absurde Fantasien funktioniert hatte.

Statt Selbstkritik zu üben und zu fragen, wie es passieren konnte, dass eine komplette Branche in kompletter Überschätzung der realen Lage wie der eigenen Bedeutung versucht, sich eine ebenso blutleere wie skandalumwitterte Politveteranin zur Präsidentin zu backen, soll der Jude Zuckerberg, der sich im Wahlkampf geweigert hatte, den Trump-Unterstützer Peter Thiel aus dem Facebook-Vorstand zu entfernen, mit seinen typisch jüdischen Winkelzügen Schuld sein.

"Zuckerberg versucht, sich seit dem Trump-Erfolg aus der Affäre zu ziehen, indem er die Macht seines Netzwerks kleinredet", raunt es im "Spiegel". Schon meuterten die Mitarbeiter gegen den Chef und seine irrwitzigen Erklärungen.

Das würde in deutschen Medienunternehmen nie passieren, denn deutsche Medien werden bei Workshops im Bundesinnenministerium über die jeweils geltende aktuelle Sichtweise gebrieft.

So muss Markus Somm in der Basler Zeitung in die Tiefe bohren und fragen "Warum haben die Journalisten das nicht kommen sehen?" Somms Betrachtung ist schlüssig, sein Urteil so hart wie treffend: "Man tat alles, um diesen Mann zu verhindern – und schreckte vor nichts zurück", schreibt er, "Kommentare, Meinungen, Bilder, Zitate, Berichte, Reportagen, Fakten: Viel zu viel wurde gebogen, manipuliert, gedreht und gedrückt, bis die Realität so aussah, wie man von vornherein wusste, wie sie auszusehen hatte."

Aus Information wurde Propaganda, aus Nachricht der Wunsch, die Wirklichkeit möge sich danach richten. "Es war die faktische Wirkung des Normativen: Nicht was ist, sondern was sein soll, war plötzlich zu dem geworden, was war", heißt es bei Markus Somm, der nur vordergründig über amerikanische Medien schreibt. Deren Leiden gleicht dem ihrer deutschen Pendants: Vom Strukturwandel wie von einer Schlammlawine überrollt, sind sie jetzt im Begriff, von der "Lava der totalen Irrelevanz" (Somm) verbrannt und ausgelöscht zu werden.

Der Schaden, den realitätsferne Wunschberichterstattung, Schweigen und Gefälligkeitsjournalismus in den vergangenen Jahren bereits angerichtet haben, ist noch einmal größer geworden. "Was immer die Journalisten rieten, viele Wähler kümmerten sich nicht darum, was immer sie berichteten, viele Amerikaner hielten es für falsch", glaubt Markus Somm und er hätte "Amerikaner" zweifellos auch durch "Leser" ersetzen können.

Vertrauen lässt sich nur einmal verspielen. Ist es erst weg, bleibt es verschwunden.