Google+ PPQ "

Mittwoch, 22. Februar 2017

Last night in sweden II: Schickte Terror-Trump seine 5. Kolonne?

Bis gestern gab es in Schweden nie Probleme, nirgendwo und mit niemandem. Dann kam Trump.

Was für eine miese Masche ist das denn! Kaum hatte die demokratische Weltpresse in einer kollektiven Kraftanstrengung widerlegt, dass an einem Abend vor einer Trump-Rede in der vergangenen Woche irgendetwas in Schweden passiert ist, kommen aus dem friedlichen Land im Norden Nachrichten über gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Schweden, die schon länger dort leben, und welchen, die noch nicht allzu lange dort sind.


Hat Trump einfach zu früh gewarnt? Oder sind die Unruhen in dem als so überaus friedlich bekannten Wohlfahrtstaat zu spät ausgebrochen? Oder attackierten Jugendliche im Migrantenviertel Rinkeby die Polizei etwa gar nicht zufällig? Sondern auf streng geheimen Geheiß des Weißen Hauses, das seit Trumps Amtsantritt bekanntlich einen hybriden Krieg gegen die verbliebenen Demokratien des Westens führt?

Das zeitliche Abfolge von Trumps völlig haltloser Behauptung, in Schweden sei etwas passiert, der faktensatten Gegendarstellung durch hochkarätige Übernahmen eines Artikels der Zeitung «Aftonbladet» und den nur sieben Stunden später ausbrechenden Auseinandersetzungen mit drei Verletzten, zehn abgefackelten Autos und geplünderten Geschäften ist auffällig. Gerdae vor dem Hintergrund des Mordes am Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim und der Verwirrung um Putin weiteren Kurs im Cyberkrieg gegen die Bundestagswahl bemerkten Geheimdienstexperten zuletzt ein Ansteigen der geheimen Aktivitäten weltweit. Deutsche Dienste vermuten nun sogar: Der "Hassprediger" (Steinmeier) selbst steckt hinter der Randale!

Donald Trump, der nach übereinstimmenden Angaben renommierter deutscher Blätter "geisteskrank" ist, könnte sich für die Blamage rächen wollen, zu der seine von Medien weltweit scharf zugespitzt interpretierte Bemerkung über die letzte Nacht in Schweden geworden war. Der mächtigste Mann der Welt war vor aller Augen ausgelacht worden. Trump ist nicht nur "irre" (Spiegel), sondern auch ein krankhafter Narzisst, erträgt solche Zurücksetzungen nur schwer. Es verlangt ihn danach, sofort zurückzuschlagen, um seine Wahrheit wenigstens im Nachhinein in Erfüllung gehen zu sehen.

Im Fall des unerwarteten Gewaltausbruchs in Schweden, das eigentlich als komplett gewaltfrei gilt, könnte eine geheime, wenngleich weltweit überaus berühmte Geheimeinheit hinter dem Geschehen stecken: Die Spezialeinheit DEVGRU (Navy SEAL Team 6) wurde im Mai 2011 bereits von Trumps Vorgänger eingesetzt, um den Terrorfürsten Osama Bin Laden zu erschießen. Jetzt könnte Trump versucht gewesen sein, die auf den Präsidenten eingeschworenen Kampfmaschinen als 5. Kolonne auszuschicken, um die friedliche schwedische Realität durch eine False-Flag-Operation an seine kranken Gewaltfantasien anzupassen.

Ein simpler Plan, der aber offenbar aufgeht. "In Rinkeby machen Einwanderer mehr als 80 Prozent der Einwohner aus; die Arbeitslosigkeit ist hoch", übt sich die FAZ in Schuldzuweisungen. Die Polizei sei in dem Viertel, das bis hierhin zurecht noch nie eine Rolle in einer deutschen Zeitung gespielt hatte, in der "Vergangenheit mehrfach für ungeschickten Umgang mit den Problemen in dem Stadtteil kritisiert worden" - eine Behauptung, die schon widerlegt war, noch ehe sie geschrieben wurde.

Donald Trump aber wird es freuen. Er hat die Demokraten weltweit gespalten, Zweifel an einem wichtigen Partnerland der EU geschürt und den Glauben an die wirklichkeitsprägende Kraft vereinter Anstrengungen der demokratischen Medien unterminiert.


Dienstag, 21. Februar 2017

Generation Selbsthass: Wie Europa die amerikanische Demokratie retten muss

Hauptsache laut: Die Generation Selbsthass schürt die Angst vor einer Diktatur in den USA, um von den eigenen Problemen abzulenken.

Zwischen Hysterie und Kampfgeschrei, zwischen Panik und Entsetzen hat sich die deutsche Medienbranche nach dem Amtsantritt von Donald Trump platziert. Waren "Spiegel", "Stern", "SZ", "Bild", "Zeit", ARD, ZDF und der Rest des sterbenden Gewerbes vorher noch Partei in einem Gefecht gegen die, die drohten, nicht mehr so weiterzumachen wie bisher, haben sich die Leitmedien seit der Inauguration der Inkarnation des aus ihrer Sicht Bösen in Person des blonden Milliardärs entschieden, den Mann im Weißen Haus auf Biegen und Brechen zu bekämpfen.


Selbst wenn eines Tages kein Zuschauer mehr die aufrüttelnden Talkshows einschalten und kein Leser mehr die Zeitungen und Magazine mit den warnenden Leitartikeln zur Kenntnis nehmen wird, der Kurs bleibt, weil er richtig ist. Und er ist richtig, weil er wahr ist.

Wehret den Anfängen, ruft es aus den Redaktionsstuben, in denen eine Generation Platz genommen hat, die erst den Dienst bei der Bundeswehr verweigerte, dann in der Friedensbewegung aktiv war, schließlich Politikwissenschaft, Philosophie, Neue deutsche Literatur und Soziologie studierte und heute als Nato- und Rüstungsexperte durch Kommentarspalten und Fernsehrunden pilgert.

In Ritualen erstarrt


Diese Generation, aufgewachsen in einem Zeitalter, dass das Finale des Kalten Krieges, den Sieg des Westens über den Kommunismus, die Jahre des imaginierten Zusammenwachsens aller mit allen und den Schock von 9/11, Islam-Terror und Rückkehr nationaler Egoismen brachte, sehen in Trump das Symbol einer Zeitenwende. Nicht Osama Bin Laden, Abu Bakr al Baghdadi oder ein unter den Händen unfähiger Anführer wie in Zeitlupe zersplitterndes Europa gilt ihnen als größte Gefahr für die Fortexistenz des Westens. Sondern Donald Trump, der als Zerstörer des müden, in Ritualen erstarrten Modells der Globalisierung angetreten ist.

Ein Mann, der Bernd Ulrich, dem stellvertretenden Chefredakteur der eng mit der alten USA verbundenen "Zeit", in helle Aufregung versetzt. Nicht, dass Trump Politik machen könnte, die Ulrich nicht gefällt wie damals die Politik von Helmut Kohl. Nicht, dass nach einer Phase, in der Obama als Heldentenor startete und als quietschende Schwingtür endete, nun eine Phase folgt, in der ein andersdenkender, frei gewählter Präsident andere Rezepte ausprobiert.

Nein. "Es ist ein offener Kampf, ob die USA eine Demokratie bleiben", zetert Bernd Ulrich bei "Anne Will". Der Joschka-Fischer-Biograf ist hier eingebunden in einer Runde aus Alarmisten, die nicht im seit zwei Jahren anhaltenden Ausnahmezustand in Frankreich, nicht in den Straßenschlachten dort, nicht im seit sechs Jahren vor der Pleite zu rettenden Griechenland, nicht in einem demokratieunterhöhlenden Parteienkartell und nicht in einer einsam entworfenen Flüchtlingspolitik. Sondern in einem neuen Hausherren im Weißen Haus, von dem seine Kritiker behaupten, er sei so "gefährlich" (Ulrich), dass "Europa jetzt die westlichen Werte verteidigen muss".

Alle auf die Palme, zu den Waffen und auf ihn mit Gebrüll.

Lust an der eigenen Angst


"Lust an der Angst" nennt es "Die Zeit" selbst, wenn auch in anderem Zusammenhang. Deutschland, das seine demokratischen Grundlagen, das Meinungsstreit und offene gesellschaftliche Diskussion längst einem erstarrten System geopfert hat. In dem besetzt eine Handvoll Spitzenpolitiker Ämter im Hinterzimmer, sie öffnen und schließen Grenzen ohne Parlamentsbeschluss, sie ändern Gesetze nach Tagesform, brechen die Verfassung nach Gutdünken und sich sprechen untereinander ab, über welche Themen öffentlich gestritten werden darf und über welche nicht. Die freie Presse steht daneben und hat eine einheitliche Meinung dazu: Manche Themen könnten Teile der Bevölkerung nur beunruhigen, die lassen wir lieber weg.

Umso lauter das Kriegsgeschrei gegen den symbolischen Gottseibeiuns Donald Trump. Hier, nicht in der Misere um die welthistorisch einmalige Nullzinspolitik, die die Bürger enteignet und den Staat reich macht, sieht die Generation Ulrich ("Sagt uns die Wahrheit! Was die Politiker verschweigen und warum") die größte Bedrohung für einen Lebensstil, den sie mit Selbsthass pflegen. Dort, in Übersee, wird die Zerrüttung diagnostiziert, die vor der eigenen Haustür mit Händen zu greifen wäre. 

Last night in sweden: Leg es ihm in den Mund

Nüscht passiert in Schweden, nicht mal das, was sich Medienarbeiter mühsam ausgedacht haben.

„Trump erfindet Terroranschlag in Schweden“ hat der Focus herausgefunden, „Trump und der nicht verübte Anschlag in Schweden“ heißt es bei RP Online, „Donald Trump erfindet einen Terroranschlag in Schweden“ schreibt die Augsburger Allgemeine, „"Letzte Nacht in Schweden": Trump erfindet Terror-Anschlag in Schweden“ die BILD und „Terrorattacke? Was hat er geraucht?" sendet der ORF.

Ein Aufstand des Kollektivgewissens gegen den König der Fake News und Verächter aller wahren Wahrheitsberichterstatter. Die nur ausnahmsweise und ausgerechnet hier etwas widerlegen, das nie gesagt worden ist – oder doch jedenfalls nicht von Donald Trump.

Heißt "passiert" jetzt Terroranschlag?


Der nämlich spricht nicht von einem Terroranschlag in Schweden, kein bisschen, mit keiner einzigen Silbe. Er sagt "You look at what’s happening in Germany, you look at what’s happening last night in Sweden. Sweden, who would believe this?” Mit Sicherheit ist irgendwas passiert in Schweden, auch in der fraglichen Nacht, weil auch in Schweden dauernd etwas passiert. Nichts besonders Schlimmes allerdings, nur das Übliche: Irrationale Ängst greifen Raum, Bombenwürfe krimineller Banden, scharfe Grenzkontrollen, seit anderthalb Jahren vorübergehend.

Kein Terroranschlag, aber von einem Terroranschlag hat Trump ja auch nicht gesprochen. Um ihm also gründlich nachzuweisen, dass es den Terroranschlag, von dem er nicht sprach, gar nicht gab, muss ihm der Terroranschlag also zuerst einmal untergeschoben werden. Routiniert geschieht das inzwischen schon, alle ziehen an einem Strang und den binnen Stunden so lang, dass „Trump Schweden Terroranschlag“ eine kraftschlüssige Verbindung eingehen, die keine Wirklichkeit mehr trennen kann. 

Das Terrorphantom aus den Redaktionsstuben


Er hat es nicht gesagt. Aber je mehr die Medien von New York Times über Spiegel, Zeit und DPA bis ARD und Taz über ein zuerst auf Twitter aktenkundiges Übersetzungsproblem berichten, umso mehr wird klar, dass er es gemeint haben könnte. Gemeint haben muss. Nur gemein haben kann. Schließlich stammt die Originalenthüllung, Trump habe von einer "Terrorattacke" gesprochen , von der seriösen Huffington Post. Von hier aus breitete sie sich aus wie ein Lauffeuer.

Der Terror in Schweden ist ein Terrorphantom aus der Scheinwelt der internationalen Redaktionsstuben, ein Ergebnis von mutwilligem missverstehen und irrationaler Übersetzung. Aber es dient der guten Sache und ist von daher gut und richtig.

Fake News aus erster Hand, die alles beiseite lassen, was niemand weiß, weil nur mal ganz schnell zwischendurch darüber berichtet wird. Schweden, dieses bunte Paradies aus Holzfällerromantik, perfektem Sozialstaat und finsteren Fernsehkrimis, leidet akut unter der eigenen Flüchtlingspolitik. Das Land sei zwar nicht Kollapsistan, aber auch nicht Idyllien, schreibt Dagens Nyherter. Die Grenzen sind schon seit Monaten dicht, aber selbst das, was an Menschen schon gekommen ist, schaffen sie nicht so reibungslos, wie sie gern hätten.

Aber alles in Butter. Es gab keinen Terroranschlag, von dem auch nie jemand behauptet hat, dass es ihn gab. Stattdessen schließen junge Flüchtlinge sich kriminellen Banden an oder flüchten in den Freitod. Originelle Verbrechensarten greifen Raum und die traditionell folgsamen Schweden wagen plötzlich "tacklas" auf die "Polis".

Kein Terror weit und breit. Eigentlich gar nichts, über das sich zu berichten lohnt. Frankreich ist viel schlimmer. Und darüber schreibt ja auch keiner.


Montag, 20. Februar 2017

Aufbruch nach Osten: Warum die Nato immer über Land marschiert


Sie sind nicht zu übersehen, die Kolonnen und Züge mit US-Militärtechnik, die sich in den vergangenen Wochen durch Deutschland nach Osten wälzten. Seit der Nato-Gipfel in Warschau im Juli 2016 beschloss, jeweils ein megamonstergroßes Nato-Bataillon mit etwa 1000 Soldaten in Polen, Litauen, Lettland und Estland zu stationieren, sind die Truppenbewegungen im Gang. 


In einem sehr seltsamen zumal: Nach knapp 7000 Kilometern Seereise bleibt die Ausrüstung der nach Europa verlegten US-Truppen für die Operation „Atlantic Resolve“ nicht etwa auch für die letzten 1200 Kilometer bis ins Baltikum an Bord. Nein, in Bremerhaven gehen Mannschaften und Panzer von Bord. Um sich dann äußerst mühevoll quer durch Europa über Land Richtung russische Grenze zu bewegen.

Eine wunderliche Taktik, zumindest auf den ersten Blick. Statt von Bremerhaven aus 2000 Kilometer per Eisen- und Autobahn zu den Einsatzorten zu fahren, könnten die US-Truppen samt Ausrüstung auch verladen bleiben und auch die letzten 1800 Kilometer bis zum Ziel per Schiff zurücklegen. Die Route über den Öresund und an Bornholm vorbei ist links und rechts im Blickfeld verbündeter Staaten, der Seeweg mindestens so sicher wie der von der Ostküste der USA bis nach Bremerhaven.

Und doch hat sich die Nato in Gestalt des US-Generalstabes entschieden, die größte Truppenverlegung nach Europa seit dem kalten Krieg über Land abzuwickeln und Soldaten, Panzer und Ausrüstung aus Fort Carson in Colorado per Schiene und Straße nach Polen und ins Baltikum zu transportieren, wo mit dem Frachthafen Klaipeda ein Zielort zur Verfügung stände, über den vor 25 Jahren große Teile des Rückzugs der Sowjettruppen aus Deutschland abgewickelt worden waren.

Logisch ein gewaltiger Zusatzaufwand, der ausschließlich propagandistische Gründe haben dürfte. Mit den Kolonnen, die über die deutschen Autobahnen rollen, zeigt die Nato einen Einsatzwillen, den die quasi als vorgeschobene Geiseln an der russischen Grenze stationierten Einheiten in der Realität nie einlösen könnten.

Müssen sie aber auch gar nicht. Indem sie sich im Hinterland zeigen und auf dem Weg nach Polen nicht nur Deutschland, sondern demonstrativ auch Tschechien zu Fuß durchqueren, zeigen sie der Heimatfront militärische Stärke, die nicht zu sehen wäre, schwämme die 4. Infanterie-Division der US-Army per Schiff an West- und Osteuropa vorbei zu den neuen Einsatzorten an der Ostflanke der Nato. Niemand sähe sie. Niemand könnte in sozialen Netzwerken aufgeregt berichten, dass die Geheimhaltung der Nato so gar nicht funktioniert. Und niemand hätte das schöne Gefühl, dass Europa gut vorbereitet ist auf den 3. Weltkrieg.

SPD und CDU: Gemeinsam für noch mehr Höhenflug

Angelehnt an ein Motiv aus der Kohl-Ära: CDU und SPD treten gemeinsam an.

Seit dem Amtsantritt von Helmut Schmidt war die SPD nicht mehr so beliebt, seit Helmut Kohls Dresdner Rede zur deutschen Einheit war keine CDU-Kanzlerin so erfolgreich wie Angela Merkel. Angesichts eines Patts zwischen den beiden großen Volksparteien in den Umfragen und zunehmender Bedrohungen von Links und Rechts haben die Parteizentralen von CDU und SPD nun offenbar neue Maßnahmen beschlossen, mit denen der Fortbestand der freiheitlichen Grundordnung auch nach der Bundestagswahl im Herbst und unabhängig vom direkten Wahlausgang gesichert werden soll.


Dazu baut die Große Koalition auf einer Idee vom vergangenen Jahr auf, als Union und Sozialdemokraten als Reaktion auf bröckelnde Zustimmungsraten bei den letzten Umfragen vor den Landtagswahlen erstmals mit gemeinsamen Plakatmotiven auf Stimmenfang gegangen waren. Zur Budnestagswahl im Herbst gehen der erfolgsverwöhnte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und seine christdemokratische Herausforderin noch einen Schritt weiter: Gemeinsam präsentieren sich die Amtsinhaberin und der künftige Kanzler auf einem Plakat, das den alten CDU-Wahlslogan "Arbeit, Frieden, Zukunft - Gemeinsam schaffen wir´s" in einen neuen Zeitkontext stellt. Dazu titeln beide Parteien "Diese Kanzler schaffen Vertrauen".

Ein Slogan, der darauf schließen  lässt, Sozialdemokraten und die Union im Hinterzimmer bereits eine Vereinbarung darüber geschlossen haben, wie die kommende Legislaturperiode verlaufen soll. Im politischen Berlin wird von einer Abmachung gesprochen, nach der Angela Merkel nach der Wahl weiter Kanzlerin bleibt, allerdings pünktlich zu ihrem 65. Geburtstag im Sommer 2019 ihren Hut nimmt und Platz für Martin Schulz macht. Der charismatische Sozialdemokrat ist anderthalb Jahre jünger als Merkel und er gilt als frisches, unverbrauchtes Gesicht, das mit seiner grundsozialen Ausstrahlung selbst eine gegenläufige Faktenlage so überzeugend weglächeln kann, dass freundliche Umfrageinstitute einen stabilen Höhenflug konstatieren können.

Schulz ist es so gelungen, den stärksten Zuwachs einer Partei seit der Verdoppelung der NSDAP-Ergebnisse zwischen 1930 und 1933 zu erreichen. Mit seinem Schwung reißt der charismatische Ex-EU-Parlamentspräsident Millionen unentschiedener Wähler mit, er sorgt für einen Run auf SPD-Parteibücher und lässt die seit Gerhard Schröders Abschied im Zwiespalt zwischen dem Kampf für Arbeiterrechte und Partizipations am Beamtenstaat lebende Partei von einer Zeit träumen, die wieder ganz einfach wird: Gerecht ist, was Schulz sagt.

Die Union hält sich währenddessen stabil und sie liegt mit 34 Prozent immer noch im langjährigen Normalbereich. Gemeinsam könnten beide Parteien damit auf eine Zwei-Drittel Mehrheit hoffen, die ihnen die Möglichkeit gäbe, in der nächsten Legislaturperiode konsequent durchzuregieren und sowohl die Grünen als auch Linke, FDP und AfD zum parlamentarischen Zuschauen zu verurteilen.

Sonntag, 19. Februar 2017

Welt im Wandel: Wollen ist Muss

Anderthalb Jahre nach der großen Öffnung fehlt es an allem. Integration und Ausländerwahlrecht, Einsicht derer, die schon länger hier sind, in die Notwendigkeit, in die eigene Zukunft zu investieren, indem die, die noch nicht so lange hier sind, ersteinmal bezuschusst werden. Vor allem aber fehlt es an Leitbildern, an Visionen und großen, weitreichenden Zukunftsentwürfen, wie die Friedrich-Ebert-Stiftung jetzt endlich eines vorgelegt hat.


Das macht kurz vor Karneval, der hierzulande erstmals als Hochsicherheitsparty mit Lkw-Fahrverbot, Betonhindernissen an neuralgischen Punkten und schwerbewaffneter Polizei gefeiert wird, klar, wie das gelingende Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft künftig funktionieren muss: Nur, wenn alle am politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben in Deutschland teilhaben können. Und dazu bedarf es der Bereitschaft, teilhaben zu wollen.

Wollen ist ein Muss, gelingen das Ziel. Staatsministerin Aydan Özoğuz, Vorsitzende der 38-köpfigen Kommission, die das Leitbild im Auftrag der FES erarbeitet hat, ist überzeugt davon, dass der laufende "Umbau" Deutschlands (Cicero) in die richtige Richtung zielt. "Immer wieder hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland durch Einwanderung, Flucht und Arbeitsmigration verändert", heißt es in der Studie. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: "Die deutsche Gesellschaft ist heute so vielfältig wie wohl niemals zuvor."

Noch seien, heißt in dem Papier, die Haltungen der Bevölkerung dazu "höchst unterschiedlich". Aber das muss nicht so bleiben, denn Migration verstärkt die alltägliche Vielfalt fortwährend, so dass die Einwanderungsgesellschaft nie vollendet ist, sondern sich stetig weiter wandelt.

Was früher noch eine nationale Identität war, ist heute so wenig statisch wie eine individuelle Identität. "Es gibt nicht die eine und für alle gültige deutsche Identität", haben die  Kommissionsmitglieder ermitteln können. Eine Zugehörigkeit zur Gesellschaft, die stets und ständig eine andere wird, "kann vielmehr erworben werden" wie die Mitgliedschaft in einem Fitnessclub oder die Rabattkarte einer Supermarktkette.

Noch fehlt es vor allem an Einsicht. Zu hartnäckig hängt so mancher noch den Ritualen und Symbolen einer längst schwindenden Vergangenheit an, während andere, so die Studie hoffnungsvoll, "die Potenziale dieser Vielfalt erkennen und für die Gestaltung von Gesellschaft und Demokratie nutzen".

Download-Tipp: Das wegweisende Papier, künftig Pflichtlektüre für jeden, der die Einwanderungsgesellschaft aktiv mitgestalten will, kann hier heruntergeladen werden.


Frankreich brennt, lasst uns noch eine Trump-Geschichte machen

Die Vorstädte brennen, die Polizei schießt mit Tränengas und Gummigeschossen, es fliegen Steine auf Beamte, die Regierung schweigt in Schockstarre, Chaos ganz oben bei den Ministern, Chaos auch unten in der Bevölkerung, die erschrocken zusieht, wie ein ganzes Land, das sich für das Mutterland der Demokratie hält, in Anarchie versinkt.


Doch nein, es geht nicht um die USA. Sondern um Frankreich, einen Nachbarn Deutschland und mit Deutschland so eng verbunden, dass früher, in der guten alten Zeit, beide für den Kern eines kommenden friedlichen und freiheitlichen Europa gehalten wurden.


Das war damals, im letzten Jahrtausend. Hier im neuen ist Frankreich nun aber weiter weg als die Vereinigten Staaten: Eine einzige Nachrichtenseite nur vermerkt, dass jenseits der Grenze schon vor Tagen ein kleiner Bürgerkrieg ausgebrochen ist, dass Vorstädte brennen und Straßenschlachten toben. "Frankreich droht von einer neuen Gewaltwelle auf die Vororte erfasst zu werden", schreibt jene eine Seite, die der "Focus" betreibt, ein Blatt, das im Normalfall nicht zum Understatement neigt. Diesmal aber doch: Eine Woche schon grassiert die Gewalt. Und das Revolverblatt aus München sieht sie "drohen".

Schweigen im Walde zum französischen Bürgerkrieg


Was die deutsche Medienlandschaft anbelangt, steht das Nachrichtenmagazin aus Bayern damit trotzdem in einer einsamen Pionierrolle. Wo sich französische Medien mit Berichten überschlagen, die die blutigen Ausschreitungen in Aulnay, Bobigny, Argenteuil und zahllosen anderen Orten beschreiben, schweigt die deutsche Presse einfach konsequent und komplett.

Während das Zentrum von Paris brennt und sich vermummte Demonstranten und Polizisten gewaltsame Auseinandersetzungen am Montmatre liefern, behandelt die einzige aktuelle "Spiegel"-Meldung aus dem Nachbarland das "Snacken für Jecken". Die "Süddeutsche Zeitung" versteckt im Kleingedruckten eine achtzeilige DPA-Meldung, als sei in Indien eine Frachtfähre auf Grund gelaufen. Und die FAZ kennt gleich gar kein Frankreich mehr außer dem, das Opel kaufen will.

Man sieht sie fast sitzen in den Redaktionsstuben, und nachdenken, wieso Brandsätze und Flaschen, martialisch aufmarschierende Sicherheitskräfte, Tränengas gegen aufmüpfige Migranten, brennende Autos,eingeworfene Schaufenster und verletzte Polizisten wenige Kilometer jenseits der deutschen Grenze überhaupt kein Thema sind.

Dann doch lieber nochmal Donald Trump


Donald Trump! Er hat getwittert! Er hat eine Pressekonferenz gegeben! Er hat etwas gesagt, etwas gemeint, irgendwie geguckt und überhaupt. "Lass uns noch eine Trump-Geschichte machen", sagen sie beim "Spiegel", "diesmal am besten irgendwas Medizinisches!" In München dasselbe: "Lass uns noch eine Trump-Geschichte machen", ruft es durch die Redaktionskonferenz der SZ, "diesmal am besten was mit Internet!" Und auch die FAZ stimmt ein, ein Medium, das seine Aufgabe ernst nimmt. Statt Frankreich und des unschönen Bürgerkrieges zwischen Polizei und Migranten lieber noch mal Trump und wie er auf die Medien schimpft.

Als gäbe es dafür irgendeinen Anlass.