Dienstag, 31. Juli 2012

So funktioniert die totale Euro-Rettung

Was unterscheidet die Schulden Griechenlands von denen der USA? Wieso ist Spanien ein schlechterer Schuldner als Großbritannien, obwohl es doch weniger Schulden hat? Die Kernfragen der Währungskrise sind leicht beantwortet: Die USA und Großbritannien verfügen über eigene Währungen. Das versetzt beide Länder in die Lage, ihren Gläubigern jede nur denkbare Menge zuvor geliehenen Geldes zurückzuzahlen, indem ihre Zentralbanken die Druckerpressen anwerfen und einfach neues Geld herstellen. Gläubiger bekommen so zwar nicht den Wert der ausgereichten Kredite zurück, aber deren nominalen Betrag nebst Zinsen.Und das immer, unter allen Voraussetzungen.

Spanien und Griechenland können das nicht, weil ihnen die Verfügungsgewalt über ihre Währung fehlt. Die Europäische Zentralbank ist die Zentralbank ganz Euro-Europas - inflationierte sie die Schulden von Spanien, Griechenland und den übrigen Krisenländern, heizte sie damit auch die Geldentwertung in den noch funktionierenden Volkswirtschaften an, die mit dem Euro dieselbe Währung benutzen.

Deshalb steht in den Maastricht-Verträgen, dass die EZB keine Staatsanleihen aufkaufen und dafür neues Geld in die Welt bringen darf. Bislang umging die EZB diese Vorschrift, indem sie sie weiträumig ausdeutete: Gemeint sei, man dürfe keine neu emittierten Staatsanleihen kaufen, von bereits am Markt gehandelten sei nicht die Rede, hieß es. Die EZB kaufte also am Markt, unabhängig davon, dass die Formulierung in den Verträgen von "Staatsanleihen" spricht, womit offensichtlich alle Staatsanleihen gemeint waren.

Der Vertragsbruch durch die, die vorgeben, im Geist der Verträge zu handeln, ist aber zu deutlich, um zur Beruhigung beizutragen. Wer bereit ist, so gegen völkerrechtliche Vereinbarungen vorzugehen, der wird auch jeden anderen Trick nutzen, egal wie schmutzig er ist, glauben die Chefs von Banken, Versicherungen und Pensionskassen, die ihre Rücklagen früher in Staatsanleihen steckten, um ihren Kunden eine sichere Anlage präsentieren zu können.

Alles wird gut, aber nichts wird besser, das haben nur ein halbes Jahr später auch Europas Spitzenpolitiker bemerkt. Wer handelt wie ein Winkeladvokat, dem wird ein vertrauen entgegengebracht wie einem Winkeladvokaten. Nun soll nach einem Bericht der SZ ein neuer, noch zirzensischerer Trick aus der Bredouille helfen: Nicht die EZB wird künftig Staatsanleihen von Krisenländern kaufen, wenn niemand anderes sie mehr haben will. Sondern de ewige Rettungsschirm ESM.

Dem sind solche Stützungskäufe nicht verboten, er verstieße also nicht gegen die Maastricht-Verträge. Allerdings müsste sich der ESM irgendwo Geld in unbegrenzter Höhe besorgen können, um glaubhaft zu machen, dass er notfalls nicht nur bereit, sondern auch in der Lage ist, die europäischen Staatsschulden in Höhe von rund 15 Billionen Euro komplett aufzukaufen.

Woher nehmen und nicht stehlen? Natürlich von der Notenbank! Und so funktioniert die totale Euro-Rettung: Der ESM kauft mit den Mitteln seiner finanziellen Erstausstattung von 700 Milliarden Euro Staatsanleihen, die er anschließend als Sicherheit für neue Kredite bei der EZB hinterlegt. Die EZB gibt ihm dafür neue Milliarden, mit denen er weitere Staatsanleihen kauft, die er wiederum als Sicherheit bei der EZB hinterlegt, die ihm daraufhin neue Milliarden überwiest, mit denen er weitere Staatsanleihen...

Ein Geldkarussell, das sich drehen und drehen und drehen kann, bis sämtliche 15 Billionen europäische Staatsschuld einen neuen Gläubiger gefunden haben: Die EZB. Also der europäische Steuerzahler.

Exklusiver Geheimreport: An der Großgeldquelle: Wo Europas Geld entsteht

Weidmanns Unheil

So tapfere, offene Worte kommen sonst nur von der „Zeit“ oder der Frankfurter Rundschau. Diesmal aber ist es die Financial Times, die Klartext in der Euro-Krise spricht. Natürlich sind der Europäischen Zentralbank Anleihekäufe eigentlich verboten. Aber wenn Bundesbankchef Jens Weidmann mal endlich aufhören würde, darauf hinzuweisen, wäre die Eurorettung schon ein ganzes Stück weiter, heißt es in einem Kommentar, der für die Verhängung einer Art Euro-Kriegsrecht plädiert, so lange die Gemeinschaftswährung nicht für alle Ewigkeit gerettet ist.

Was geschrieben steht, soll nicht mehr gelten, wer etwas dagegen hat, soll endlich seine Klappe halten. schließlich sind EZB-Chef Mario Draghi, viele europäische Regierungschefs und zunehmend auch die Kanzlerin Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble einig darin, dass mehr getan werden muss als erlaubt ist, um die Währungsunion zu retten. Es grenzt an Impertinenz, wenn dann einer wie Weidmann kommt und ständig nörgelt.

Leider könne niemand Weidmann den Mund verbieten - schließlich ist die Bundesbank unabhängig und hat das Recht, ihren kaum mehr existenten geldpolitischen Einfluss geltend zu machen. Aber auch wer das respektiert, wie es die FT nicht tut, darf schon mal fordern, dass man den widerspenstigen Banker „dazu bringen“ muss, „seinen Widerstand nicht ständig so demonstrativ zum Ausdruck zu bringen“. Soll er doch zu Hause seiner Frau erzählen, was er von den Rettungstaten Draghis, Merkels und Hollandes hält. Aber doch nicht dem Volk.

Schnauze, Weidmann! „Verhindern kann die Bundesbank ein neues Euro-Stützungspaket mithilfe der EZB sowieso nicht“, schreibt die FT, also könne der Querschütze auch damit aufhören, so zu tun, als wolle er das. Hilft der offene Brief nicht, müssen andere Seiten aufgezogen werden. Weidmanns Heil!

Exklusiver Report: Zu Besuch an der Großgeldquelle

Montag, 30. Juli 2012

Mittendrin und doch dabei

Es gibt auch fleißige Blogger, die sich richtig was vornehmen. Carsten vom FCS-Blog etwa hat sich vorgenommen, alle Begleitblogs aller Mannschaften der 3. Liga vorzustellen. Irgendwann war da auch PPQ dran, schließlich ist der hieisge Hallesche FC dank einer begeisternden Vorsaison nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder im zumindest schlechtbezahlten Fußball vertreten.

Wer schon immer mal wissen wollte, wie das ganz große HFC-Bild aus Sicht des PPQ-Expertenteams aussieht, welche Gräben immer noch zwischen Ost und vor allem West klaffen, wie groß der Emotionsverlust ist, den Sachsen-Anhalts bester Klub durch das schnöde Versagen der Konkurrenten aus Magdeburg und Leipzig erleidet und welche unfehlbare Zukunftsprognose wir zur 3. Liga abgeben, kann das seit heute im FCS-Blog nachlesen.

EZB-Report: An der Großgeldquelle

Mehr als drei Jahre lang hatten zahlreiche Expeditionen zum Teil mit großem Aufwand nach ihr gesucht, doch alle waren sie letztlich tragisch gescheitert. Wissenschaftler stellten schon kurz nach der Einführung Hypothesen dazu auf, wo die neue Währung eigentlich herkommt, 2004 machte sich dann der berühmte britische Forscher David Livinghome auf, die geheimnisvolle Euro-Quelle selbst zu sehen. Er meinte sie schließlich nahe Brüssel gefunden zu haben, doch auch er irrte. Erst durch umfangreiche Recherchen der "Welt" ist es jetzt gelungen, die sogenannte "Großquelle" nachzuweisen: Sie liegt mitten in Hessen, vor neugierigen Augen versteckt in aller Öffentlichkeit. Ein PPQ-Reporterteam hatte in der vergangenen Woche Gelegenheit, die sich Wochen am Rande der Produktionskapazitäten arbeitende Geldfabrik zu besuchen und als embedded hands mit einem der Megatrucks der Firma Mielke-Logistik (Foto oben) mitzufahren, in denen die Trilliarden und Trillionen auf Anweisung von EZB-Präsident Mario Draghi Tag für Tag pünktlich zu den Bedürftigen gebracht werden.

Es riecht nach Papier, nach Farbe, nach Schmiere und, ja, es riecht auch nach Geld. "Kein Wunder, denn unsere Maschinen und Druckerpressen laufen zur Zeit 24 Stunden am Tag, zur Not mit Notstrom", sagt Karsten Kunze stolz, während er die neugierigen Besucher durch die riesigen unterirdischen Hallen der EZB in einer großen Stadt in Hessen führt. Alles hier ist geheim, nichts von hier darf nach außen dringen. Nichts? Nein, falsch. Seit das ansonsten sehr erfolgreiche Europa-Projekt, das der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl mit einigen Vertrauten im "Hades-Plan" niedergeschrieben hatte, am Rande des Zusammenbruchs laviert, herrscht Ausnahmezustand in der Hauptnachschubstation für den europäischen Schuldenberg. "Früher haben wir vielleicht mal drei, vier Milliarden im Monat hergestellt", umreißt Kunze die neuen, gewaltigen Herausforderungen, "heute machen wir das in einer halben Schicht."

Dank moderner Gelddruckmaschinen sei die Herstellung selbst "nicht das ganz große Problem", erklärt der Experte. Kopfzerbrechen bereite vielmehr der reibungslose Abtransport der vor allem in Spanien, Griechenland und Italien dringend benötigten Geldmassen. "Für solche Geldgebirge sind unsere Laderampen eigentlich nicht ausgelegt."

Die 7321 MitarbeiterInnen und Mitarbeiter mussten sich etwas einfallen lassen, um die pausenlos vorfahrenden Mielke-Megatrucks beschicken zu können, die nach einem komplizierten verteilungsplan (Grafik oben) direkt aus dem zwei Kilometer langen Geheim-Tunnel von der Rettungsgeld-Produktionsanlage zu den Euro-Abnehmern in Athen, Paris, Madrid und Rom fahren. "Wir haben hier ein ausgeklügeltes System aus automatischen Förderbändern aufgebaut", erläutert Kunze. Finanziert durch einen Sechs-Millionenkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau, der kofinanziert wurde durch den Rettungsschirm ESM gelang es, den Geldausstoß binnen eines halben Jahres zu verhundertfachen. "Sollte der Bedarf weiter steigen, haben wir auch noch freie Spitzen", so Kunze, der als Rettungsgeldreferent bei der EZB anfing und nach der ersten endgültigen Rettung Europas im Frühjahr 2010 auf den Posten des obersten Geld-Logistikers wechselte.

Zu den Aufgaben des 34-jährigen Kötheners gehört es, den Überblick über die abfließenden Trilliarden zu behalten und das zum Nachdruck benötigte Papier bei einer finnischen Baummühle zu bestellen. "Im Augenblick verbrauchen wir etwa 100 Tonnen Papier am Tag", sagt Karsten Kunze zufrieden.

Henning Ehling wartet schon draußen an seinem Truck, um eine der täglichen Touren nach Peristeri bei Athen anzutreten. "Nun macht mal hinne", ruft der schwergewichtige Fernfahrer ungeduldig, als ein Geld-Gabelstapler wegen eines elektrischen Defekts von den EZB-Monetärmonteuren beiseitegefahren werden muss. Ehling muss vor dem Mittag raus, weil die Zentralgeldannahme in Athen wie immer nur bis 15.30 Uhr geöffnet hat. "Komme ich zu spät", flucht der Mielke-Fahrer, "muss ich Konventionalstrafe zahlen."

Als positiv empfindet der Familienvater an seinem stressigen Job, dass er on the road habe lernen dürfen, "dass unser Geld nicht weg ist, wenn es ein anderer hat". Vielmehr sei es so, dass er und seine Kollegen sich von den Landesbankern in Athen, Rom und Barcelona häufig nur den Empfang der Rettungslieferung quittieren lassen müssten. "Ausladen ist in letzter Zeit nicht mehr nötig", freut sich Henning Ehling, der aus dem sächsischen Pirna stammt und zu DDR-Zeiten für den VEB Lastverkehr "Robert Mühlpforte" fuhr. Die Empfänger gäben meist sofort die Rücktour mit sogenannter "voller Last" in Auftrag, so dass die Mielke-Männer die originalverpackten Rettungstrilliarden wieder mitnehmen können. "Je nachdem, wie es gerade läuft", sagt Ehling, "dient das Geld dann dazu, Immobilien, Gold oder Antiquitäten in Deutschland, Österreich oder den Niederlanden zu kaufen."

Sonntag, 29. Juli 2012

Sensation: Foto von genetischem Fingerabdruck

Es ist nichts weniger als eine wissenschaftliche Sensation, die Wissenschaftlern des Qualitätssenders n-tv da ausgegraben haben. Es geht um eine neue Spur im Fall des mysteriösen Todes des früheren Politikers Uwe Barschel. Nach einem "Welt"-Bericht hat die Polizei bei einer Nachuntersuchung der seinerzeit in der Todesbadewanne von Genf sichergestellten Kleidungsstücke eine DNA-Spur gefunden.

Fast 25 Jahre nach dem mysteriösen Tod des CDU-Politikers in einem Hotelzimmer konnten Spezialisten des Kieler Landeskriminalamts in den Proben den genetischen Fingerabdruck eines Unbekannten entdecken. Dem vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem früheren Führer und Reichskanzler Adolf Hitler bekanntgewordene Nachrichtensender n-tv gelang es dann, ein Foto des betreffenden Abdrucks (Foto oben) anzufertigen: Auf verblüffende Weise gleich der genetische Fingerabdruck dem Abdruck eines ganz normalen menschlichen Fingers.

Die unter einem Hochleistungsfernseh-Mikrophon fotografierte DNA zeige ganz offenbar dieselben Papillarlinien wie ein üblicher Zeigefinger, bestätigten Experten inzwischen. Noch gebe es keine Erklärung für das erstaunliche Phänomen, man warte jetzt auf die Übergabe der Originalnegative der n-tv-Microaufnahmen. Erst dann werde sich herausstellen, ob genetische Fingerabdrücke nur bei Uwe Barschel ein "identisches Aussehen wie physische Fingerabdrücke zeigen".

Bei der Polizei in Schleswig-Hostein ist derzeit bereits eine wissenschaftliche Sondereinheit dabei, den genetischen Fingerabdruck des Barschel-Mörders mit der bundesweiten Fingerabdruckdatei abzugleichen. Dabei sollen auch Datenbanken von FBI, CIA und des sowjetischen Geheimdienstes KGB zurate gezogen werden.

Der Irrtum der Amputationsfeinde

Selbsterklärte Verteidiger des Kindeswohls wettern gegen die Amputation nachweisbar unwichtiger Körperteile. Dabei ist ihnen keine Übertreibung zu billig, kommentiert Lutz Beven exklusiv bei PPQ. Der Autor verteidigt die religiöse Praxis der Gemeinde der Skopzen, Mitgliedern ihrer Glaubensgemeinschaft Körperteile zu amputieren. Dies sei sehr sinnvoll und überhaupt nicht schmerzhaft. Lutz Beven bezieht endlich einmal deutlich Stellung gegen Weicheier, Selbstbestimmungstaliban und Vollfingerfanatiker. Wir freuen uns deshalb besonders, dass er uns den mutigen Text zur Verfügung gestellt hat.

Historisch gebe es eine große Tradition der Verstümmelung: Selbstbeschädigungen kamen, besonders im Mittelalter und Altertum, zahlreich aus religiösen Motiven vor, um ein Opfer zu bringen. Aber auch Amputationen von Fingern und Fingergliedern als Ausdruck von Trauer sind nach einer Studie der Uni Münster aus verschiedenen Kulturkreisen bekannt.

Wie gut, dass das Kölner Landgericht die nicht medizinisch indizierte Amputation als "Körperverletzung" eingestuft hat. Seitdem können alle, denen religiöse Rituale aller Art schon immer ein Gräuel waren, insbesondere bei Andersgläubigen, ihren Ressentiments freie Bahn lassen – unter dem Deckmantel des Säkularismus und des Gesundheitsschutzes.

Die Kritik bezieht sich neuerdings auch auf die vom Bundestag beschlossene Resolution zu dem Kölner Urteil. Darin haben alle Fraktionen, bis auf die Linke und ein Teil der Grünen sowie einige SPD-Abgeordnete, ihre Absicht erklärt, Amputationen aus aus religiösen Gründen durch ein Gesetz möglichst noch im Herbst straffrei zu stellen. Zumindest sofern diese von einem Arzt fachgerecht und ohne unnötige Schmerzen für die zu Amputierenden vorgenommen wird.

Denn die Empörung und Verunsicherung in Deutschland über das Verdikt der Richter aus Köln ist verständlicherweise groß. Schließlich hatte es hierzulande noch nie ein vergleichbares Urteil gegeben, das die Jahrtausende alte Praxis von Gläubigen in Frage stellt, Säuglingen als Zeichen des ewigen Bundes mit Gott einen der kleinen Finger entfernen zu lassen. Nun sehen sie sich als potenziell Kriminelle an den Pranger gestellt. Angeblich sei die körperliche Unversehrtheit der Kinder dadurch verletzt, auch sei ein Mensch mit nur neun Fingern (Foto links oben) in seiner Entfaltung gehindert.

Dabei gibt es natürlich genügend wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass die Amputation eines kleinen Fingers überhaupt nicht stört, wenn sie gut und fachgerecht gemacht ist. Selbst Klavierspielen können die so mit Gott Vermählten weiterhin ungehindert, so lange sie sich nicht an Liszt versuchen, der bekanntlich elf Finger hatte.

Doch auch nach der Willensbekundung des Bundestages und vieler Politiker geben die selbsterklärten Verteidiger des Kindeswohls nicht auf. Manche dieser Verteidiger halten es schon für einen "unglaublichen Vorgang", in der Abwägung zwischen dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und der Religionsfreiheit sowie dem Erziehungsrecht der Eltern letzteren den Vorrang zu geben. Dabei nehmen eine solche Abwägung gleichrangiger, gleichwertiger Grundrechte fast täglich deutsche Gerichte und erst recht das Bundesverfassungsgericht vor. Das wird am Ende, wie es aussieht, auch diese Frage entscheiden und zwar natürlich im Sinne der mittelbaren Rechte der Eltern, die allein schon wegen deren Wahlrecht höherrangiger sind als die unmittelbaren Rechte des Kindes, das kein Wahlrecht hat.

Erst recht schief wird es, wenn Kommentatoren dann auch noch die Abnahme eines kleinen Fingers mit der Amputation ganzer Finger bei den Gangsterbanden der Yakuza oder auch "bōryokudanin" in Japan vergleichen. Wie diesen werde Kindern in Deutschland, argumentieren die Amputationsfeinde plump, keine schwere Verletzung zugefügt, die sie traumatisiere und zu Verwachsungen, dem Verlust der Fähigkeit, ein Instrument zu spielen, oder gar zum Tod führen könne, mindestens aber zu Problemen mit Winterhandschuhen! Kein Schrecken ist hier schlimm genug, um ihn nicht in die Waagschale zu werfen.

Natürlich kann man über den Sinn althergebrachter religiöser Initiationsriten streiten und darüber, ob sie wehrlosen Kleinkindern heute noch zugemutet werde dürfen. Aber doch nicht hier, nicht heute, nicht auf diese Art und nicht mit der Folge, dass Maßnahmen wie religiös notwendige Amputationen nicht mehr durchgeführt werden dürfen! Dass eine von einem Arzt – nicht von einem Hinterhof-Beschneider – ausgeführte Amputation eines kleinen Finger zu gravierenden Folgeschäden führt, glaubt doch kein Mensch, es behauptet auch kaum ein Mediziner. Folglich sind die Folgeschäden winzig und so winzig sollte auch die Diskussion bleiben, die wir darüber führen!

Samstag, 28. Juli 2012

Kacheln zu Hause

Er ist wieder da, multimedialer denn je. Kachel Gott, der kunstbeflissene Fliesenleger von Halle, lässt sich auch von der brütenden Klimahitze des viertätigen Backofensommers nicht ins Handwerk pfuschen. Unbeirrt von Nachahmern, die sein Wort und Werk mittlerweile überall auf der Welt verbreiten, arbeitet der große Unbekannte weiter an seinem Ziel, der ehemalige mitteldeutsche Industriestadt Halle zur ersten vollverkachelten Cty zu verhelfen.

Jüngster Geniestreich des bescheidenen Künstlers, dessen Schaffen von PPQ und dem Internetriesen Google in einem gemeinsam betriebenen Kachelverzeichnis präsentiert wird, ist eine crosskünstlerische Fliesenaneignung. Auf die quasi alttestamentarische Grundkeramik hat der von Stadtverwaltung und Landespolitik noch immer mit Nichtachtung gestrafte Kachelkönig eine Compact Disc aufgeklebt, die anschließend via action painting im Pollockschen Sinne zu einem Auge umgestaltet wurde.

Besser als mit dieser Großminiatur, die am Kreuzvorwerk in der Nähe der wegen einer Hitler-Ausstellung so umstrittenen Kunsthochschule Burg Giebichenstein ausgestellt ist, kann der Überwachungswahn der Mächtigen der Neuzeit nicht angeprangert werden. Schweigend starrt die glühende Iris vom Backsteinpfeiler, nebenan spielen arglose Jugendliche Fußball, als gebe es weder die dauernden Angriffe auf die Kachelkunst noch die Eurokrise, Olympia, die Syrienfrage oder den kaum wahrnehmbaren Wirbel um den in einen Fördermittelskandal verwickelten Landesvater Reiner Haseloff. Später am Abend kommt ein Pärchen vorbei, sie spricht Englisch, er sagt gar nichts. Wortlos schauen sie auf zur Augenkachel. Deutlich ist zu sehen, wie beeindruckt beide sind.


Der Kampf um die Kachelkunst :
Leise flieseln im Schnee
Verehrte Winkel-Fliese
Antifaschisten im Fliesen-Ferrari

Völlig zu rechts

Meinungsfreiheit ist in der Verfassung der Bundesrepublik zwar festgeschrieben, die Realität sieht aber anders aus. Die ideologische Formung der Kinder und Jugendlichen im Sinne der regierenden Parteien ist erklärtes Ziel der Volksbildung. Diesen Drill in Frage zu stellen bedeutet, das Machtmonopol der Führung der demokratischen Parteien zu untergraben. Und das ist gefährlich.

Schüler einer 10. Klasse einer Gesamtschule im rheinland-pfälzischen Kirchberg erfahren dies im August 2012 am eigenen Leib. Sie singen bei ihrer Abschlussfeier ein nicht verbotenes Lied einer nicht verbotenen Band, weil ihnen, so sagen sie, der Text gefallen habe. Zudem lädt einer der Schüler eine verwackelte und übersteuerte Videoaufzeichnung des apokalyptisch schlechten gemeinsamen Auftritts (oben) zum Internetportal Youtube hoch, um beim Aufbau des vierten Reiches zu helfen.

Doch es ist Sommer, die Euro-Rettung ist langweilig, Olympia beginnt erst. So werden diese privaten Aktionen einen Monat später durch den Berliner Blogger Hans Jagnow aufgedeckt und nach ersten empörten Medienberichten auch von der Schulleitung bemerkt. Die Qualität des Videos sei grauenhaft, heißt es nun, der Takt schleppend, es werde unsicher und viel zu leise gesungen. Kreisverwaltung und Polizei melden sich zu Wort, aber auch hauptberuflich engagierte Vereine gegen rechts greifen mutig ein.

Die beteiligten Schüler finden sich öffentlich als "raspelkurz geschoren" enttarnt, sie müssen völlig zu rechts Befragungen, außerordentliche Versammlungen und Diffamierungen im Internet über sich ergehen lassen. Bei Leitmedien wie dem "Spiegel", der "Süddeutschen Zeitung" und der "Taz" werden ihnen rechte Tendenzen und NPD-Nähe nachgewiesen. Im Internet enttarnen Nazijäger ihren Musikgeschmack, ihre Freizeitbeschäftigungen und ihre Lebensplanung.

Der Vorwurf: Ihr Verhalten sei „rechtsradikal“, sie betrieben „Unterwanderung“ und bildeten eine hinterlistige Verschwörung, um entartete Kunst an deutsche Mittelschulen zu schmuggeln. "Es war einfach zu geil :) ein perfektes Lied", hätten die Täter sich im Nachhinein gebrüstet. Ein Schulverweis für die Haupttäter konnte nicht ausgesprochen werden, weil die Schulzeit der Betreffenden bereits beendet war. In alter SED-Tradition werden wie unter der Bildungsministerin Margot Honecker in der Schule abweichende Musikgeschmäcker nicht gestattet.

Ein weiterer Triumph der Demokratie im Kampf gegen versöhnlerische Tendenzen im Umgang mit den gefährlichen "Einstiegsdrogen für die Ohren", gegen die schon Erich Mielke in seinem berühmten Befehl "Härte gegen Punk" Front gemacht hatte. Geistige Brandstifter finden sich in die Schranken gewiesen, ihr Anhang muss anerkennen, dass der Versuch, die Demokratie durch faschistischen Chorgesang auszuhebeln, gescheitert ist.

Freitag, 27. Juli 2012

Der Himmel über Halle XLVI

Nicht der Mond über der Bourbon Street, sondern der über der mitteldeutschen Kunsthauptstadt Halle, aufgenommen vom Halloren-Teleskop auf der Peißnitz-Insel im Rahmen der weltweit beachteten PPQ-Serie "Der Himmel über Halle". Vom Himmel ist wegen der akuten Euro-Dämmerung nicht viel zu sehen, dafür aber von der Mondoberfläche, auf die sich zuletzt vor allem in den USA viele Hoffnungen auf einen Neuanfang für die Menschheit gerichtet hatten.

Neue Meldungen allerdings zeigen, dass der Erdbegleiter ihnen wohl nicht gerecht werden kann. Forschungsergebnisse des Instituts für Weltraumforschung der österreichischen Akademie der Wissenschaften beschreiben immense Gesundheitsgefahren, die die Mondoberfläche für Besucher und Bewohner birgt. Bereits die Apollo-Astronauten hatten von Problemen mit der Haut, den Augen und in den Atemwegen berichtet, dabei waren sie nur kurz auf der Oberfläche unterwegs. Das größte Gefahrenpotenzial stecke im Mondstaub, der sich an die Schutzanzüge heftet und später in die Lebens- und Arbeitsräume der Astronauten gelange, glauben die Forscher. Ähnlich wie der in zumindest in Teilen Europas inzwischen verbotene Feinstaub seien seine Partikel "winzig", wodurch sie tief ins Lungengewebe vordringen und Infektionen, jedoch auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs auslösen könnten.

"Hände weg vom Mond", warnt das internationale Team aus Physiologen, Pharmakologen, Radiologen und Toxikologen vor einer vorschnellen Besiedelung. Europa müsse seine Probleme wohl ohne Ausweitung der bewirtschafteten Fläche lösen, weil Mondstaub-Partikel so scharfkantig sind, dass sie selbst Kevlarstiefel angriffen. Das führen die Forscher darauf zurück, dass das Mondgestein mangels Atmosphäre viele Erosionsprozesse der Erde nicht durchlaufen habe. Dadurch steige das Risiko für Besucher und Mondbewohner, sich Hautirritationen, Schleimhautreizungen und Abschürfungen zuzuziehen.

Zur Serie Der Himmel über Halle

Rechtsroß raspelkurz rasiert

Der Schoß ist furchtbar noch! Nur eine knappe Woche nachdem die Polizei den ehemaligen Führer und Reichskanzler und heutigen Starmoderator Adolf Hitler beim Eichhörnchenfüttern in einer halleschen Galerie entdeckt und vom Fleck weg entfernt hatte, meldet der "Spiegel" ein erneutes Vorkommnis mit rechtsradikaler Kunst im rheinland-pfälzischen Kirchberg. Bei einer Abschlussfeier sangen Schüler dem Bericht zufolge ein Lied der Nazi-Band Sleipnir. Schön sei das Lied nicht gewesen, berichtet Spiegel-Reporterin Marein Budiner nach einer Recherche beim Videoportal Youtube.

Der Text sei "schwermütig" gewesen, aber er habe "ganz gut zum Ende des Lebensabschnitts Schule" gepasst. "Es geht darin um Freundschaft und um die gute alte Zeit, die jetzt vorbei ist", schreibt Budiner und aufmerksame Abonnenten können herauslesen, dass die 15-Jährigen damit nur die Zeit gemeint haben können, als man mit 15 an der Flak stehen durfte. Immerhin hätten zwei Musiker "raspelkurz rasiertes Haupthaar" und "sichtbar Spaß an ihrer Darbietung" gehabt, deckt der "Spiegel" weiter auf. Und das, obwohl zwei der 17 regulären Sleipnir-Alben vor zwölf bzw. 14 Jahren wegen rassistischer Hetze in den indiziert seien und der Bandname der germanischen Mythologie entlehnt wurde.

Zwar ist weder der dargebotene Titel „Verlorene Träume“ noch das Album, auf dem er erschien, strafrechtlich relevant, beklagt die "Taz". Doch Felix Hansen vom Antifaschistischen Infobüro Rhein-Main sieht gerade darin eine besonders perfide Strategie der Rechten, rechtsextremen, Rechtsradikalen und Rechtsextremisten: Der Sleipnir-Song „Eine Jugend rebelliert“, der in Kirchberg nicht gespielt wurde, sei bei Nazis "sehr populär". Er rufe Jugendliche "zum rechten Umdenken" auf: „Das System bescheißt uns alle und jeder ist gefragt, ob du Glatze hast oder nicht, ist völlig scheißegal!“

Hitlers Untier ist wieder unterwegs, "auch wenn die Ballade selbst keine expliziten Textstellen enthält", wie der "Spiegel" mit bedauerndem Unterton bemerkt. Beim Polizeipräsidium Koblenz, für derlei Anfragen zuständig, sei im Vorfeld keine Anfrage zum Gedankengut des Liedtextes eingegangen, sagt ein Polizeisprecher. Man erwarte, das künftig vorher gefragt werden, welche erlaubten Lieder verboten seien und welche nicht.

Die Schule und die zuständige Kreisverwaltung haben unterdessen Konsequenzen aus dem Nazi-Skandal gezogen. Künftig muss die Schulleitung über Inhalte von Veranstaltungen, die von Schülern organisiert werden, informiert werden. Geplante Lieder sind vorzusingen, Texte müssen unter Aufsicht vorgegoogelt werden. Ein Sprecher der Kreisverwaltung machte klar: "Es ist nicht zu tolerieren, dass bei Schulabschlussfeiern im Rhein-Hunsrück-Kreis Lieder rechtsextremistischer Bands gesungen werden." Künftig müssten Schüler zu diesem Zweck in den benachbarten Kreis Bad Kreuznach ausweichen müssen.

Donnerstag, 26. Juli 2012

Hitler: Alle füttern mit

Erst war es ein Raunen, dann war es Empörung, jetzt schließlich kippt das deutschlandweite Entsetzen in Widerstand. Nach einem staatlichen Willkürakt gegen ein aufmüpfiges Kunstwerk, das von bewaffneten Beamten aus einer Ausstellung der Kunsthochschule Burg Giebichenstein entfernt worden war, rollt eine Welle der Solidarität durchs Land. Menschen engagieren sich zivilgesellschaftlich gegen das Verbot des Eichhörnchenfütterns, Tierschützer fragen nach der Freiheit der Kunst, die nicht bei Hitler aufhören dürfe, Kunstfreunde prangern an, dass das Grundgesetz immer öfter nicht nur vom Bundestag ignoriert werde, sondern jetzt auch schon so genannte Art-Legastheniker öffentlich mit der Unkenntnis der Rechtslage protzen könnten.

Zeit, dagegenzuhalten, Zeit, mehr Kunst für den guten Zweck zu schaffen. Auch Tom Müller (Name geändert), der unter dem Namen Autobahn2hell junge, unangepasste Filme dreht, hat sich der Initiative "Hitler füttern" angeschlossen. In einem Kurzfilm mit dem anspielungsreichen Titel "Where the Hell feed that?" deckt lMüller gnadenlos auf, dass letztlich alle Hörner gleich sind in unserer "globalen Welt" (Angela Merkel). Völlig egal, ob im ehemals besetzten Paris, in Bari, beim früheren Verbündeten Italien oder in Berchtesgaden, wo die Böse zu Hause war - überall sind die Untiere des Führers bereit, zu fressen, was man ihnen vorsetzt, ohne Fragen danach zu stellen, woher das Futter kommt und wer es ihnen vor die süße Schnauze hält.

Ein Gleichnis, das es in sich hat, wie bereits dieDiskussion um die Abwrackprämie belegt hat. Ob Chile oder Lahti, ob Tanger oder Vincovci, das Eichhörnchen ist braun wie die Haselnuss, und es nimmt, was es kriegen kann. Der Schatten Hitlers aber schwebt immer über der Szenerie, gerade weil er nicht zu sehen ist. Spätestens wenn ein besonders possierliches Exemplar der braunroten Sciurus vulgaris durch Linz, die Herzensstadt des heutigen Starmoderators, hüpft, wird klar, dass niemand den Geistern entkommen kann, die sich von seinen Fluchtreflexen ernähren.

Europa braucht Supraleitung

Der Europarechtler Thomas Fritz fordert im Interview eine grundlegende EU-Reform zur Abschaffung der Finanz- und Staatskrise. Wenn der Euro scheitert, droht ein antieuropäischer Populismus, sagt der Kölner Experte, der von 2006 bis 2010 in Lettland gearbeitet hat. PPQ-Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech hat das Gespräch von Fritz mit Zeit Online übersetzt und herausgearbeitet, was der Wissenschaftler wirklich meint, wenn er von "Europa-Populismus", "Bürgerbeteiligung" und "europäischem Zusammenhalt" spricht.

Frage: Mitten in der Euro-Krise wird nun wieder über eine stärkere europäische Integration diskutiert. Ist die EU in der bisherigen Form nicht mehr in der Lage, mit den gewaltigen Problemen fertig zu werden?

Fritz: Das sehen wir ja jeden Tag. Es hat sich gezeigt, dass die EU mit ihren schwerfälligen, zum Teil undemokratischen Entscheidungsverfahren und ihrer ewigen mühsamen Kompromissfindung nicht schnell und nachhaltig genug auf Krisen reagieren kann. Dazu bräuchte es eine Diktatur - oder doch wenigstens einen Prozess der Entscheidungsfindung, der ein paar Potenzen einfacher ist. So stehen wir eben da: Das Bundesverfassungsgericht sieht die Grenzen dessen, was an Souveränität im Rahmen des Grundgesetzes an Brüssel übertragen
werden darf, nahezu erreicht, gleichzeitig wird der Ruf nach der Abgabe von immer mehr Souveränität etwa in Finanzangelegenheiten immer lauter. Beides geht ja nicht. Stellen Sie mir jetzt aber bitte bloß nicht die Frage, ob nicht weitere Schritte zur europäischen Integration notwendig sind. Die Antwort wäre zu peinlich.

Frage: Sehen Sie denn Chancen, dass die EU auf absehbare Zeit auf dem Weg zu einer politischen Union vorankommt?

Fritz: Notwendig wäre das, aber nach den Vorgaben des Grundgesetzes scheint es nicht möglich zu sein. Deshalb bin ich skeptisch. Im Moment wird nur über eine Finanz- und Wirtschaftsunion geredet, aber selbst die könnte das Verfassungsgericht mit seiner Entscheidung im September schon stoppen. Wie soll es da bitte zu einer engeren politischen, sozialen und gesellschaftlichen Union gehen? Leider müssen die Bürger ja immer beteiligt werden, wenn man mit Europa vorankommen will.

Frage: Halten Sie eine neue Debatte über eine europäische
Verfassung für sinnvoll?

Fritz: Die Bürger haben doch schon der Verfassungsvertrag von 2004 scheitern lassen. Stellen Sie sich vor, der wäre durchgekommen! Dann säßen wir heute aber erst recht in der Tinte! Eine gemeinsame Verfassung hätte der europäischen Politik eine höhere Autorität und Legitimation gegeben, die Staaten hätten einfach machen müssen, was Brüssel sagt. Keine langen Diskussionen! Bei den Bürgern hätte das das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt. Wir hier unten gegen die da oben. Das ist doch immer so. Stattdessen wurde der Vertrag von Lissabon geschlossen, bloß weil ein paar Volksabstimmungen daneben gegangen waren.

Frage: Eine neuerliche Verfassungsdebatte wäre also aussichtslos?

Fritz: Sie wäre wünschenswert, ist aber wenig wahrscheinlich, weil ohne den Mut zum Verfassungsbruch wird bei der gegenwärtigen Stimmung ja jede europäische Verfassung abgelehnt. Auch würde eine Verfassung natürlich nicht eins unserer Probleme lösen, selbst wenn sie beim nächsten Mal nicht nur 500, sondern 5000 Seiten dick wäre. Ich denke
jetzt manchmal über eine völlig neue supranationale europäische Union nach, vielleicht ohne Mitgliedstaaten, aber handlungsfähiger und geschlossener als die jetzige. Jedes Land könnte dann tun, was es will, und jeder Bürger könnte sagen, ich trete der EU bei. Aber auch das könnte nur eine Übergangslösung sein. Sie könnte allerdings den notwendigen zeitlichen Freiraum verschaffen für einen geordneten Übergang zu einem europäischen Bundesstaat.

Frage: Haben wir noch soviel Zeit, um in Ruhe über all diese Fragen nachzudenken?

Fritz: Ich ja, ich werde ja nicht so schlecht bezahlt wie die Kollegen in Griechenland. Ich setzte große Erwartungen in den bevorstehenden Wirtschaftsabschwung. Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagte mein Großvater immer - also könnte der Übergang vom alten Nationalstaat, wie wir ihn kennen, zu einem demokratisch nicht behinderten europäischen Bundesstaat recht schnell kommen, wenn sich die Krise zuspitzt, die Wirtschaft abzustürzen droht und dann auch noch die Verfassungsgerichte einiger Mitgliedstaaten die Grenzen dessen, was an supranationaler Integration mit den gegenwärtigen Staatsverfassungen machbar ist, erreicht sehen. Das könnte eine grundsätzliche Neuaufstellung Europas erzwingen.

Frage: Wie lange bräuchte man, um eine europäische Verfassung zu erarbeiten?

Fritz: Um eine Verfassung für einen europäischen Bundesstaat gründlich vorzubereiten, bräuchte man mehr Zeit, mehr als vorhanden ist. Eine Notverfassung, eine Übergangsverfassung für eine neue supranationale EU könnte man dagegen schnell beschließen. Wie immer am Wochenende kleinen Spitzengipfel, vier Beamte, die sich was ausdenken, ein Kopierer und ein paar zu allem entschlossene Männer im Anzug, die das durchwinken. Das muss ja passieren, bevor die Märkte in Fernost am Montagmorgen öffnen. Manche Teile, zum Beispiel den Grundrechtskatalog, könnte man aus dem Verfassungsvertrag von 2004 übernehmen, das war ja nicht alles schlecht.

Frage: Müsste das Endziel ein europäischer Bundesstaat sein? Oder gäbe es auch etwas darunter – irgendwo zwischen dem jetzigen Staatenbund und einer Föderation?

Fritz: Eine Lösung dazwischen haben wir schon. Und die ist keine. Die EU ist schon jetzt in mancher Hinsicht zentralisierter als manche Bundesstaaten wie etwa die USA. Der Übergang zu einem europäischen Bundesstaat wird sich eines Tages auch empfehlen, um beständigere Strukturen zu schaffen und eine weitere Zentralisierung zu verhindern.Wozu das alles gut sein soll und weswegen es Politiker prinzipiell für besser halten als das, was wir bis zur Einführung des Euro hatten, weiß ich nicht. Es gibt da wohl keinen speziellen Grund, meiner Meinung nach kommt es daher, dass es einer mal gesagt hat und alle anderen reden seitdem so, als seien sie selbst drauf gekommen.

Frage: Wenn man die Betreffenden fragt, was die Vorteile sind, was sagen die dann?

Fritz: Fragen Sie sie! Eigentlich nichts, denn sie wissen ja nichts, weil es nichts gibt. Es geht ja den Schweizern oder den Norwegern heute nicht schlechter, nur weil sie ihre eigene Währung haben. Und den Griechen oder Spaniern nicht besser, weil sie keine mehr besitzen. Aber solche Fragen stellt ja keiner, weil das Ziel ist, voranzukommen, egal, wohin. Ich könnte mir vorstellen, dass vor allem die EG-Gründerstaaten, also Deutschland, Frankreich, Italien und die Benelux-Staaten immer mitmachen, wenn es im eine weitere Vertiefung der Integration geht. Da will ja niemand zugeben, dass das Experiment schiefgegangen ist. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass sich Österreich, Polen, Slowenien, Spanien, Portugal und - lachen Sie nicht - eventuell sogar die Schweiz beteiligen würden, wenn es um eine ernsthafte Perspektive einer gemeinsamen europäischen Zukunft auf der Grundlage unserer gemeinsamen Werte und der uns verbindenden europäischen Kultur geht. Aber all das haben wir ja nicht.

Mittwoch, 25. Juli 2012

Rettungsschirm für den Rettungsschirm

Nach der hinterlistigen und durch nichts zu rechtfertigenden Ankündigung der Rating-Agentur Moody's, Deutschlands Kreditwürdigkeit prüfen zu wollen, haben die verantwortlichen Manager des Unternehmens von der Ostküste nun auch den Ausblick für die Kreditwürdigkeit des Euro-Rettungsschirms auf negativ gesenkt. Die Geldgeber Deutschland, Niederlande und Luxemburg könnten wahrscheinlich doch nicht alle Schulden Europas zurückzahlen, vielmehr sehe es ganz danach aus, als hätten sogar die Geberländer finanzielle Probleme. Damit sei die Finanzierung des Euro-Rettungsschirms EFSF nicht mehr gesichert und der Ausblick müsse auf negativ gesenkt werden.

Die Süddeutsche Zeitung nennt es in der ersten Analyse eine "Triple-A-Verschwörung" - ausgerechnet kurz nach Ferienbeginn in Sachsen-Anhalt drohe die Agentur, den Rettungsschirm abzustufen. Das politische Berlin wird erschüttert und empört reagieren, zumal mit Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt gleichzeitig auch sechs blühende Bundesländer abgewertet wurden. Für alle lautet die Ratingaussicht jetzt negativ, obwohl das Leben in den betroffenen Regionen bislang weitestgehend friedlich abläuft und auch das Eintreiben von Steuern nach wie vor zu gelingen scheint.

Moody´s fürchtet dennoch, dass die finanzielle Kraft Deutschlands nicht ausreichen könne, rund ein Drittel der Zahlungen für den bisher vom Verfassungsgericht noch nicht genehmigten EFSF zu leisten. Aus den Reihen der deutschen Wirtschaftswissenschaft kam als erste Reaktion die Idee, einen Rettungsschirm für den Rettungsschirm aufzuspannen. 271,4 Top-Ökonomen aus Europa verlangen dazu in ungewöhnlicher Deutlichkeit eine grundlegende Erneuerung der Euro-Zone. Unter der Überschrift "In der Sackgasse – Ein Weg aus der Krise" verlangen die Experten, darunter der deutsche Karikaturist Manfred Bofinger, alle grundsätzlichen Vereinbarungen, die bei der Gründung der Währungunion vereinbart worden waren, in die Tonne zu treten.

Es handele sich beim Maastricht-Kriterium ebenso wie bei der No-Bail-Out-Klausel um "Konstruktionsfehler der Währungsunion". Nötig zur Behebung sei eine "stärkere Verflechtung des Finanzsystems", damit alle in die Knie gehen, wenn einer wackelt. Dies könne durch eine neue, personalstarke Institution auf EU-Ebene erreicht werden, die "Staatsfinanzen und Kreditversorgung entkoppele", indem sie selbst Geld drucke. Gleichtzeitig müsse der Euro-Rettungsfonds ESM eine Banklizenz erhalten, um als Rettungsschirm für den Rettungssschirm EFSF fungieren zu können. Nur eine Banklizenz gestatte es dem ESM, über unvorstellbare Hebelkonstruktionen, wie sie zuletzt die Bank Lehman Bros. benutzt hatte, aus den vorhandenen Milliarden Euro ruckzuck Fantastrillionen zu machen, mit denen die Investoren zumindest für die kommende Woche beruhigt werden könnten.

Dazu müsse allerdings auch die Europäische Zentralbank zu ihrer Praxis zurückkehren, die verbotene Aufkäufe von wertlosen Staatsanleihen durchzuführen. Die Empfehlung der Wissenschaftler: Die EZB solle die in den Maastricht-Verträgen ausgeschlossene direkte Staatsfinanzierung durch die Druckerpresse zu diesem Zweck einfach "unkonventionelle Werkzeuge" nennen.

Wie die ARD inzwischen berichtet, werden in Teilen Polens derzeit noch Euro als Zahlungsmittel angenommen (Foto oben). Experten rechneten allerdings mit einem Ausstieg der Straßenhändler aus dem Euro-Verbund bereits in naher Zukunft. "Die Unsicherheit ist groß", hieß es bei "Kennzeichen D", "keiner weiß, wie es weitergeht."

Kampf um Kunst: Wir füttern zurück

Der ehemalige Führer und Reichskanzler und heutige Top-Moderator (ZDF, ARD, n-tv, Phoenix) hat es getan. Die junge Künstlerin Julia Kiehlmann hat es getan. Der eine woltle Künstler sein und wurde Völkermörder. Die andere wollte Kunst machen und wurde von der Staatsmacht irrtümlich abgehängt. Angst vor der öffentlichen Darstellung von Eichhörnchen-Fütterfotos statt Respekt vor der Kunst, Furcht vor der Wiedererrichtung des vierten oder fünften Reichen an einer staatlichen Kunsthochschule.

Zwar hat die in grundgesetzlichen Dingen traditionell wenig bewanderte Staatsmacht keine 24 Stunden nach der Anweisung, Kiehlmanns aufrüttelndes Kunstwerk über die Banalität des Bösen und die Verführbarkeit jedes Einzelnen einen verschämten Rückzieher gemacht:Nie und nimmer greife der Strafrechtsparagraph zur Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole hier, weil es sich um ein "geschlossenes Kunstprojekt" gehandelt habe, ließ die Polizei wissen, die die Entfernung des Doppelbildes aus der Öffentlichkeit zuvor veranlasst hatte.

Weil es sich bei dieser Erklärung offenbar um ein offenes Kunstprojekt handelt, zum dem jeder mit eigenen Eichhörnchenfütterbildern beitragen kann, wir durch PPQ seit fünf Uhr fünfundvierzig zurückgefüttert (Bild oben). Das eigens angefertige Eichhorn-Kunstwerk zeigt die Perspektive Hitlers beim Futtergeben, quasi den bisher in der Diskussion völlig vernachlässigten Blick aus des Unmenschen Augen auf das so harmlos wirkende Tier aus der Familie der Sciuromorpha.

Das Eichhörnchen ahnt nichts, es hofft mit sehnsüchtigem Blick auf Gnade von oben. Hitler selbst ist ebensowenig zu sehen wie die Hakenkreuze, mit denen der über Jahre bei großen Teilen der Bevölkerung so beliebte Diktator sich während seiner Amtsjahre, aber auch in seiner Funktion als Fernsehstar stets schmücken zu müssen glaubte. Darin liegt, so lassen erste Reaktionen aus der Kunstwelt vermuten, eine besondere Provokation der Sinne: Der abwesende Führer und Völkermörder zeigt durch seine bloß vermutete Gegenwart seine unentwegte, unauslöschbare, unendliche Allgegenwart.

Das für das oben abgebildete Kunstwerk auf mehrere Dutzend großformatige Fotoplatten gebannte Exemplar der braunroten Sciurus vulgaris wurde zuvor von Tierrechtsaktivisten aus einer menschenunwürdigen Eichhornpelz-Legebatterie nahe Schwedt befreit. Die Teilnahme an der Fotosession erfolgte freiwillig und in voller Kenntnis der Konsequenzen. Es lebt inzwischen unter dem Namen Eddie mit zahlreichen Verwandten bei einer liebevollen kleinen Familie in einem kleinen Ort an der Straße der Gewalt.

Dienstag, 24. Juli 2012

Matt tanzt wieder

Wer hat es gesagt?


Fiktion und Wahrheit sind ja nicht mehr wirklich zu unterscheiden.

Kunst unterm Hakenkreuz

Auch im dritten Rettungsjahr ist der engagierte, liebevoll fürsorgende Staat noch in der Lage, gemeine Angriffe auf sich, wie sie von Eurogegnern, Faschisten und Künstlern immer wieder unternommen werden, elegant abzuwehren. Das zeigt ein aktuelles Beispiel aus der Jahresausstellung der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in der früheren Kulturstadt Halle. Hier hatte eine Nachwuchsartistin versucht, ein Foto des früheren Führers und Reichskanzlers und heutigen Fernsehmoderators Adolf Hitler in eine ansonsten gelungene Exhibition studentischer Kunstwerke zu schmuggeln. Hitler zeigte sich dabei in Form eines Tierfreundes, der grinsend ein Eichhörnchen füttert. Die Künstlerin Julia Kiehlmann hatte sich selbst in ähnlicher Pose mit einem Nachkommen des so genannten Führer-Hörnchens fotografieren und direkt neben dem früheren Führer des deutschen Volkes aufhängen lassen.

Ein Vorfall, der zum Glück nicht unbeobachtet blieb. Nachdem aufmerksame Mitbürger mit fester demokratischer Gesinnung und großer Kenntnis der entsprechenden grundgesetzlichen Regelungen die Polizei gerufen hatten, veranlassten die Beamten eine Entfernung des unter anderem mit einem Hakenkreuz aus dem Fundus der Geschichtswerkstatt Knopp versehenen Führerfotos. Beim Abbild von Hitler handele es sich unter Umständen um ein verfassungsfeindliches Symbol, das sich nicht auf den Schutz von Art. 5.3.1 GG berufen könne. Vielmehr sei das die Menschenverachtung des gebürtigen Braunauers verherrlichende Foto in der Tradition der vom nationalsozialistischen Regime verhängten Ausstellungsverbote etwa gegen Franz Radziwill und Ottmar Hörl sofort von der Wand zu nehmen.

Um ein Ausstellungsverbot, das widerrechtlich in die Kunstfreiheit eingreift, handelt es sich dabei jedoch nicht. Erstens sei ein Ausstellungsverbot in einer Diktatur etwas grundsetzlich anderes als ein Ausstellungsverbot in einer freiheitlichen Demokratie. Zweitens sei Kiehlmanns Kunstwerk freiwillig und nur vorübergehend bis zum Ende der Ausstellung abgehängt worden. „Aus Gründen der künstlerischen Freiheit“, so die Polizei, sei die grundgesetzliche garantierte Unverletzlichkeit der Kunst durch die Abnahmeverfügung, die es nie gegeben habe, gewährleistet worden.

Medien: Alltag in der Armenküche

Von „medialer Planwirtschaft“ schreibt Martin Eiermann im „European“ und damit meint er nicht die Medienlandschaft in der DDR, in der es das „Sportecho“ montags nicht gab und das „Mosaik“ nicht ohne Vorbestellung. Eiermann berichtet aus der Medienwelt von heute, in der Themenvielfalt aus unterschiedlichen Überschriften über denselben Texten besteht und Meinungsvielfalt in einem Zulässigkeitstrichter mehr und mehr zusammenschrumpelt. „Was bleibt, ist Planwirtschaft: zentrale Produktion von Inhalten, Mangelwirtschaft, monopolistische Vermarktung“, stöhnt der Autor.

Belege hat er zur Genüge. 58,8 Prozent der in Deutschland verkauften Zeitungsexemplare kamen im ersten Quartal 2012 aus nur zehn Verlagshäusern – das war ein historischer Rekord. Es ist schlimmer als bei Fast Food, schrecklicher als bei Jeans. Und das Internet ist auch keine Alternative: Die vier reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenportale – „Spiegel Online“, „Bild.de“, „Focus Online“, „Welt Online“ – erreichen laut aktueller Zahlen 38,7 Millionen Unique Visitors pro Monat. Das sind mehr, als die nächsten zwölf Webseiten zusammen.

Die Menschen aber mögen es wohl so, sonst würden sie ja den einen Klick mehr machen und woanders nach dem Rechten schauen. So aber gleicht die „scheinbar diversifizierte Medienlandschaft in ihrem Kern eben doch eher der Plan- und weniger der Marktwirtschaft: Zentrale Produktionsketten, Mangelwirtschaft, monopolistische Vermarktung und Verbreitung“. Die „Bandbreite dessen, was viele von uns als journalistisches Tagesgericht aufgetischt bekommen“, schrumpft und schrumpft und schrumpft, weil die Wahrnehmung auf das konditioniert ist, was erwartet wird. Das Unerwartete fehlt nicht, weil es weder bestellt noch geliefert wird.

Das kalte Medien-Buffett ist eine Armenküche. „Ein strukturelles Problem, weil die Vielfachverwertung immer mehr zum Alltag wird“, klagt Eiermann an. Ein und dieselbe Meldung läuft unter Umständen unter drei verschiedenen Überschriften in drei verschiedenen Regionalzeitungen. Unter Umständen aber auch in 700.

Und noch schlimmer: Sie kommt von der einzigen staatlichen Danachrichtenagentur dpa, die sie im Zweifelsfall aus einer Vorab-Pressemitteilung von „Bunte“, „Spiegel“, „Focus“ oder ZDF destilliert hat. „Präsident Barack Obama mag seinen Hund“, „Desiree Nosbusch badet gern nackt“ oder „Merkel trainiert für Bodenseemarathon“ steht dann am selben Tag überall. Wie eine Woge schwappen Nichtigkeiten so machtvoll über Land, dass niemand ihnen entkommen kann.

Vera Lengsfeld, die es irgendwie geschafft hat, querköpfig zu bleiben, wie sie es immer war, hat im Zusammenhang mit den Abstimmungen zur Euro-Rettung Parallelen zwischen dem Bundestag und der DDR-Volkskammer entdeckt. Bei den Medien steht diese Entdeckung noch aus.

Montag, 23. Juli 2012

Aussortiert vom Klassenfeind

Jeder einzelne Euro ein Schlag ins Gesicht des Klassenfeindes! Natürlich, wäre es nach Sahra Wagenknecht gegangen, hätte die Linkspartei ihre Wohnungsgesllschaft Fairwohnen einfach so gegründet, ohne die Hilfe der längst zerschlagenen Banken. Aber dann hätte das Gebot des linken Sozialimmobilienfonds für die 11500 Wohnungen der Treuhand auch nicht auf die geforderten 569 Millionen Euro lauten können, das der neue ehrgeizige Mitspieler auf dem gewinnträchtigen deutschen Immobilienmarkt am Ende dann doch lieber über verpönte Finanzierungsinstrumente wie Kredite und Bürgschaften zusammenstoppelte: Da die Fairwohnen selbst keinerlei Vermögen hat, plante die Linke sogar, den Kauf mit Krediten in Höhe des Kaufpreises stemmen zu wollen – Eigenkapitalanteil nahe null, Risiko 100.

Genützt hat es allerdings nichts. Knappe drei Monate nach der vollmundigen Ankündigung des Linke-Parteivorstandes, unter die Immobilieninvestoren zu gehen, um die betreffenden Wohnungen “in das Eigentum der selbstorganisierten Bewohnerinnen und Bewohner (zu) überführen, damit diese sie langfristig eigenständig bewirtschaften können”, hat das Bundesfinanzministerium das linke Gebot für die ehemaligen DDR-Betriebswohnungen an über 40 Standorten in Ostdeutschland bereits in der ersten Runde aussortiert. Damit erweise sich, teilte Heidrun Bluhm, die Aufsichtsratsvorsitzende von “Fairwohnen“ im „Neuen Deutschland“ mit, dass “das öffentliche Gerede von Mieterschutz, Kündigungsschutz älterer und schutzbedürftiger Mieter und letztlich Selbstorganisation am Ende nichts wert” sei. Weiter müssten Mieter in Deutschland zu Millionen auf der Straße leben, andere Mieterinnen und Mieter dienten „als die Renditezahler für die Heuschrecken”.

Wie bereits zu DDR-Zeiten für die Vorgängerpartei SED bleibe die Wohnungsfrage als soziales Problem allerdings „auch ohne Kaufoption beim Bund“ eine Aufgabe für die Linke. Die Reaktion der Menschen im Land habe gezeigt, dass die Strategie einer eigenen linken immobiliengesellschaft richtig sei. So waren zahlreiche Strausberger Offiziersfamilien an FairWohnen interessiert gewesen, die meisten von ihnen Renter im Alter ab 75 aufwärts – also genau die Generation, die mit dem Kauf einer alten DDR-Neubauwohnung noch richtig für die Zukunft vorsorgen kann. „Bedingung dafür wäre, dass nicht ein gieriger Investor den Zuschlag für die TLG-Wohnungen erhält und die Mieten ungeniert anhebt“, klärte das ND bereits in der Startphase auf, was den Mietern in den 55-Quadratmeter-Dreiraumwohnungen in der begehrten Straußberger Premiumwohnlage demnächst droht: "Rein rechtlich" könne die Miete "aller drei Jahre um 20 Prozent erhöht" werden.

Verbot der Woche: Massenmörderische Tattoos

Ein Hammer- und Sichel-Tattoo bedeutet das Aus für Evgeny Nikitin in Bayreuth. Nur wenige Tage vor dem Start der Wagner-Festspiele muss der Sänger, der die Titelrolle im "Fliegenden Holländer" spielen sollte, abreisen. Der Russe ist ein gefragter Sänger an den großen Opernhäusern, besonders für schwierige deutsche Rollen wie Wagners "Holländer". Doch durch Aufnahmen der ZDF-Sendung "Aspekte" wurde die Festspielleitung auf ein Tattoo auf Evgeny Nikitins Brust aufmerksam: Hammer und Sichel gekreuzt, unverkennbar das Symbol millionenfachen Massenmordes unter dem Stalin-Regime. Auf früheren Filmaufnahmen aus seiner Zeit in einer Metal-Band, die die investigativen Rechercheure des ZDF im Rahmen der PPQ-Serie "Verbot der Woche" hatten ausgraben können, ist das mörderische Motiv am Unterarm deutlich zu erkennen. Inzwischen ist es überstochen. Auch kyrillische Schriftzeichen - sie spielen in der Sowjet-Symbolik ebenfalls eine Rolle - trägt Nikitin am Körper, zum Teil bis heute.

Es sei ihm nicht klar gewesen, dass seine Tattoos im Zusammenhang mit einer extremen Ideologie gebracht werden können, versuchte der Sänger sich herauszureden. Nikitin versicherte, er habe sich das Symbol im Alter von 16 Jahren stechen lassen. Aus heutiger Sicht sei es ein großer Fehler gewesen, deshalb habe er ihn später vertuschen wollen.

Die Festspielleitung in Bayreuth zog dennoch sofort die Notbremse. Auf dem geschichtsträchtigen Boden, der einst Größen wie Adolf Hitler magisch angezogen hatte, könne Nikitin nicht auftreten, so lange er sich nicht deutlich von den kruden Thesen Stalins distanziert habe. Der Russe reiste inzwischen enttäuscht ab, alle Eintrittskarten behalten allerdings für eventuelle Ersatzveranstaltungen ihre Gültigkeit.

Sonntag, 22. Juli 2012

Hitler.tv: Live aus der Vergangenheit

Es wurde aber auch höchste Zeit! Wie die "Keine Zeitung" berichtet, wollen die führenden Hersteller und Sender von Dokumentationen über Adolf Hitler künftig zusammenarbeiten. Nach Forderungen aus der Bevölkerung - so hatten sich etwa geschiedene Frauen für mehr Rechte im TV eingesetzt (Ausriß oben) - starten die Fernsehsender Phoenix, N24 und n-tv sowie die Produzenten Guido Knopp und der Spiegel-Konzern noch dieses Jahr den Spartenkanal Hitler.tv. Mit Hitler.tv werde ein bislang einmaliges Projekt ins Leben gerufen: ein Fernsehsender, der sich ausschließlich mit dem Diktator Adolf Hitler auseinandersetzen wird. Der Sender wird ab 1. September deutschlandweit frei empfangbar sein.

Bisher war der frühere Führer und Reichskanzler bereits im Kino als Kassenmagnet aufgefallen. Im Fernsehen bespielte Hitler zuweilen zwei, drei Kanäle gleichzeitig, auch als Theaterdarsteller hat es der gebürtige Braunauer nach dem Ende seiner Laufbahn als Politiker, Völkermörder und Feldherr im Unterschied zu ehemaligen Gegenspielern wie Rosevelt, Chamberlain und Röhm oder Mitstreitern wie Hess, Heydrich und Himmler zu großer und nachhaltiger Bekanntheit gebracht.

Hitler.tv plant mit einem 24-stündigen Live-Programm aus der Vergangenheit, in dem es vor allem um Krieg, Verbrechen, das Privatleben der Mörder und Hintermänner sowie um und ihre finsteren Geheimnisse gehen wird. Durch die "geballte Sammlung an Dokumentationen und Filmen, über die Hitler.tv verfügen wird, muss kein Zuschauer innerhalb von fünf Monaten eine Wiederholung sehen", versprechen die Initiatoren.

Finanziert werden solle der neue Premium-Sender über interessenbezogene Werbung. Dazu werde Hitler.tv ein eigenes Sendegebäude in Berlin beziehen, in dem die etwa 120 Mitarbeiter täglich am Programm arbeiten werden. Drei Mal am Tag solle es Nachrichtensendungen geben, in denen die neuesten Erkenntnisse aus dem Bereich der Hitler-Forschung aufbereitet werden.

Da selbst der Führer, von dem es wegen der besonderen deutschen Schuldkultur keine hauptberuflichen Imitatoren gibt, kein Komplett-Programm über sich selbst stemmen kann, werde die Verantwortlichen "zwischendurch auch Dokus und Reportagen über andere Nazi-Größen wie Goebbels, Himmler und Göring" zeigen. Hier werde Hitler "nur eine untergeordnete Rolle spielen".

Unklar scheint bislang zu sein, was die beteiligten Sender künftig in ihren eigenen Programmen ausstrahlen werden, wenn die Filme über Hitler auf Hitler.tv laufen.

EU: Traumtänzer am Taktiktisch

Die positive Folge von zweieinhalb Jahren Dauerkrise in und um Europa ist der Umstand, dass die blinde Europagläubigkeit, die über Jahre jede Frage verbot, wohin der vereinigte Markt unter dem Namen EU eigentlich ziele, gewichen ist. Selbst Blätter wie die „Zeit“, von staatswegen auf einen strengen Mehr-Europa-Kurs festgelegt, gestatten sich anlässlich der verfahrenen Rettungssituation hin und wieder Denkstücke zum Thema, die ihr eigenes intellektuelles Scheitern an der Aufgabe, Europa ein Ziel zu geben, zwar nicht benennen. Im Versuch, Europa dann aber wenigstens auch ohne gemeinsames Ziel eine Form zu verpassen, aber schon vorab klarmachen, wie das künftige Scheitern auch in dieser Frage aussehen wird.

Ludwig Greven etwa versucht es in seinem Text „So geht's nicht weiter, Europa!“ mit einer Prise Skepsis, aus der heraus er ein „gemeinsames europäisches Haus“ (Erich Honecker) entwickelt, das anmutet wie der feuchte Traum eines Dritte-Welt-Diktators. Denn um Europa zu retten, will Greven nichts weniger einführen als „eine echte parlamentarische oder präsidentielle europäische Demokratie, mit einer gemeinsamen Regierung, einem europäischen Finanzminister, einem womöglich direkt gewählten Präsidenten, der die Mitglieder seines Kabinetts, der bisherigen EU-Kommission, selbst auswählt – nach Kompetenz und nicht mehr nach nationalem Proporz“.

Gute Idee, zumal er sich ergänzend dazu ein „machtvolleres Parlament aus direkt gewählten Abgeordneten, die selbst Gesetze einbringen dürfen, die die europäische Regierung bestätigen müssen und sie kontrollieren“ vorstellt. Ergänzt wird das ganze durch „eine zweite Kammer, ein gewählter Senat oder ein europäischer Bundesrat nach Vorbild des deutschen, in dem die Regierungschefs der Mitgliedsländer sitzen und mitbestimmen“. Den Unterbau des neuen Zentraleuropa bilden nach seinen Vorstellungen die „europäischen Parteien, die sich zusammenschließen aus den bestehenden konservativen, sozialdemokratischen, liberalen, grünen und sonstigen Parteifamilien“, verständigt werde sich dann in Form einer „europäischen Öffentlichkeit und europaweiten Medien in den verschiedenen Sprachen“.

Der Weg, so der Autor, wäre frei für eine „Wirtschafts-, Haushalts-, Steuer- und Sozialunion, mit unterschiedlichen Ausprägungen wie in den deutschen Bundesländern, aber klaren Vorgaben und vereinheitlichten Standards“, inklusive einer „Haftungs- und Transferunion nach dem Muster des deutschen Finanzausgleichs“ (Greven).

Das ist so irrwitzig, dass es schon wieder ernst gemeint sein könnte. Nehmen wir aber nur die gemeinsame Regierung und das gemeinsame „machtvollere“ Parlament, das ja schon irgendwie demokratisch sein soll. Demokratisch, und nicht nach Proporz, wie Greven findet. Stellen wir uns jetzt vor, wir sind Luxemburger. Oder Belgier. Oder Slowene. Wir können auch mitwählen. Aber mitbestimmen werden wir nichts, wir paar Mann. Wir werden nicht einmal Gesetze einbringen können – ohne Proporz. Denn selbst mit Proporz, wenn er nicht eine schützende Marginalklausel enthält, sind unsere Stimmen im Chor der bevölkerungsreichen Länder Italien, Deutschland und Frankreich ja kaum zu hören. Andersherum aber hebelt eine stärkere Gewichtung der Stimmen der Wähler aus den kleinen Ländern ein demokratisches Prinzip aus: Jede Stimme zählt gleich viel. Ist es anders, ist es undemokratisch.

Auch in den Parteien, die zwangs- oder pflichtvereinigt werden müssten, wäre das so. Wie artikulierte sich künftig der Kärntener Zweig der europäischen Sozialdemokratie mit seinen Interessen? Wie könnten slowakische Christdemokraten sich artikulieren, wenn es ihnen genommen wird, als Vertreter ihres Volkes zu sprechen? In einer eventuellen Diskussion in ihrer Partei jedenfalls dürfte es ihnen wie den griechischen Grünen, den luxemburgischen Linken oder den belgischen Liberalen gehen: Untergebuttert mangels Masse.

Greven, eine Art Traumtänzer am Taktiktisch der europäischen Integration, mag es beim Schreiben selbst gemerkt haben: Ohne europäisches Staatsvolk, dass sich selbst als europäisches Staatsvolk versteht, ist aus Europa kein Staat zu machen. Ein Staatsvolk aber wird aus den 26 Nationen nicht, so lange in Madrid und Kopenhagen, Stockholm und Prag unterschiedliche Sprachen gesprochen, unterschiedliche Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert, unterschiedliche Politiker kritisiert und unterschiedliche Stars bewundert werden.

Greven selbst schwant etwas, wie er in seinem nebligen Nebensatz über eine „sich herausbildende europäischen Öffentlichkeit und europaweite Medien in den verschiedenen Sprachen“ verrät. Doch die gemeinsame Öffentlichkeit gibt es nicht. Die gemeinsamen Medien gibt es nicht. Die gemeinsame Sprache gibt es nicht. Die gemeinsamen Partein gibt es nicht. Den demokratischen Proporz gibt es nicht. Die Gleichbehandlung von Groß und Klein in einer gerechten Form für beide Seiten gibt es nicht.

Der Rest ist wahr.

Samstag, 21. Juli 2012

Drei Punkte an Krücken

Premiere in der 3. Liga und der Hallesche FC ist dabei: 64 Tage nach dem im letzten Heimspiel gegen Red Bull Leipzig klargemachten Aufstieg Premiere in der Liga, in der Fußball gespielt wird! Die Offenbacher Kickers sind zu Gast im Erdgas-Sportpark, der seine letzte Profisaison noch als "Kurt-Wabbel-Stadion" erlebt hat. Ein Gegner mit Tradition, der aus Hessen sogar fünf Handvoll Fans mitgebracht hat. Die sehen gleich zu Beginn, wie ihre Mannschaft nass gemacht wird: Auf der Spielfeldseite, auf der die giftgrün gewandeten Gäste ihre Aufwärmübungen absolvieren, springt plötzlich die Sprinkleranlage an.

Mit dem Anpfiff aber stehen sich dann doch zwei Mannschaften auf Augenhöhe gegenüber. Beim HFC stehen mit Nils Pichinot und Pierre Becken zwei Neueinkäufe aus der Sommerpause auf dem Platz - und Becken wirkt anfangs nervös. Mit einem missglückten Abwehrversuch gegen Fetsch bereitet er die erste große Chance für den OFC vor. Zum Glück ist Horvat, das immer noch äußerst bewegliche Torwartdenkmal der Rot-Weißen, auf dem Posten. Ebenso sein Gegenüber Wulnikowski, der einen langen Ball von Maik Wagefeld wegfaustet, ehe ihn Toni Lindenhahn per Kopf in die Maschen setzen kann.

Die statische Situation, in die das Spiel nach einer Viertelstunde geraten ist, löst sich erst, als Pichinot einen Ball unglücklich nach hinten spielt und Michael Preuß ihn noch unglücklicher noch weiter nach hinten verlängert. Sören Eismann, bis dahin einer der auffälligsten Hallenser, muss abtauchen, um das seltsam rosafarbene Leder zu erreichen. Offenbachs Hahn rauscht mit gestrecktem Bein heran und erwischt den Außenverteidiger unterm Knie. Rot für den Kicker, Spielende aber auch für Eismann, der nach wenigen Augenblicken bedeutet, dass das Knie nicht mehr mitspielt.

Für ihn kommt der vor der Saison beinahe aussortierte Ex-Kapitän Nico Kanitz, Jan Benes, einziger Hallenser, der mit dem Ziel Aufstieg in die erste Drittligasaison gegangen ist, wechselt auf die Eismann-Seite. Der OFC tut nun offensiv nicht mehr mehr als unbedingt nötig, der HFC steht hinten sicher, wirkt aber, als reiche das Pulver nach vorn auch nur zu ein paar wenigen Schüssen. Preuß läuft sich immer wieder am ersten Gegenspieler fest, Lindenhahn scheitert meist am zweiten. Bis zur Pause tut sich so kaum noch etwas.

Erst nach dem Wechsel verlagert sich das Spiel deutlicher auf die Offenbacher Seite, ohne dass die Gastgeber sich zwingende Chancen erarbeiten können. Bis Marco Hartmann antritt, der beste Torschütze des vergangenen Jahres. In der eigenen Hälfte holt der lange vom Pech verfolgte defensive Mittelfeldmann sich den Ball, er geht gerade durch die Mitte aufs OFC-Tor, verliert beim Abspiel den Stand, rappelt sich wieder auf, bekommt den Ball zurück, schießt, der OFC-Innenverteidiger macht eine Kerze daraus, die Nils Pichinot direkt nimmt und aufs Tor zieht. Wulnikowski hält, aber nicht fest. Marco Hartmann rauscht heran, visiert gründlich und knallt den Ball ins linke Eck.

1:0, das erste Profiliga-Tor des HFC seit dem letzten Treffer von Timo Lange in der 2. Liga vor 20 Jahren. 62. Minute, Halle führt, die zehntausend Zuschauer feiern, die hallesche Fußball-Euphorie erreicht einen neuen Höhepunkt.


Aber es wird noch einmal eng. Denn kaum ist der Gastgeber in Führung gegangen, kippt das Spiel in die Gegenrichtung. Jetzt ist der OFC am Drücker, angefeuert von den knapp über hundert Fans in der Ecke unter der Anzeigetafel. Rätselhafterweise lassen die Hallenser die Gäste kommen, mehrmals brennt es lichterloh vor Horvats Gehäuse. Einmal muss der Routinier mit den Fingerspitzen gegen Bender retten, einmal schießt ein grellgrüner Oberdrüber. Auf der Gegenseite öffnen sich Räume für Konter, die allerdings allesamt ungenutzt bleiben: Pichinot schießt nach einer herrlichen Flanke von Lindenhahn drüber, Wagefeld verzieht, Shala kommt nicht hinter den Ball, der eingewechselte Erich Sautner spielt ab, statt selbst zu schießen.

So wird die Nachspielzeit zum Herzschlagfinale. Als alle Hallenser schon auf die Uhr schauen, flattert ein Freistoß in den Fünfmeterraum. Pierre Becken bricht verletzt zusammen, während ein OFC-Spieler zum anderen köpft, der den Ball prompt über die Linie drückt.

Zum Glück aber hat der Linienrichter schon die Fahne oben: Abseits! Stimmt zwar nicht, wie die Fernsehbilder später beweisen, aber es reicht schließlich doch. Die OFC-Anhänger in der Kurve drehen jetzt durch, besteigen die Zäune und beweisen mit Bengalos und Feuerwerkskörpern, dass die Fankultur in den alten Bundesländern immer noch sehr zu wünschen übrig lässt. Die Fans der Gastgeber aber feiern drei Punkte, die mit zwei verletzten Spielern teuer bezahlt sind. Nach dem ersten Spiel sind zehn Prozent der Mannschaft außer Gefecht. "Wenn das so weiter geht", sagt ein Zuschauer beim Rausgehen, "kriegen wir Anfang September schon keine elf Mann mehr zusammen."

Klauen ist das neue Exklusiv

Nick Hornby ist Schriftsteller, mit "High Fidelity" hat er mal einen richtigen Buchhit geschrieben. Jetzt hat der Brite, der nebenbei noch Fan der Band The Gaslight Anthem ist, für "Welt Online" zur feder gegriffen und eine Kritik zum neuen Album "Handwritten" verfasst. Das zumindest behauptet das Online-Portal der "Morgenpost", das den exklusiven "Welt online"-Text auch "exklusiv" veröffentlichen darf.

Aber hat Hornby tatsächlich für Springer den Plattenkritiker gemacht? Hat der "britische Popschriftsteller" (Morgenpost) "exklusiv für Welt online über das neue Album der Band" geschrieben, wie die "Welt" behauptet?

Natürlich nicht. Nick Hornby hat über "Handwritten" geschrieben. Im Klappentext des Albums. Das Qualitätsblatt "Welt", engagiert im steten Kampf gegen Abschreiber, Contentdiebe und Verletzer von heiligen Leistungsschutzrechten, hat den Text dann einfach übersetzt. Und einen aufwendigen dreizeiligen Vorspann davor gebaut, der behauptet, Hornby habe "exklusiv" für die "Welt" geschrieben.

So geht hochlassiger Journalismus in Zeiten abgeschriebener Doktorarbeiten, gestohlener Videos, die unter eigenem Namen wiederveröffentlicht werden und öffentlich-rechtlicher Sender, die Inhalte aus Privatfilmen stehlen, um sie im Abendprogramm zu senden.

Die "Welt" setzt mit ihrer aus dem CD-Heft geklauten "Handwritten"-Hymne von Nick Hornby Maßstäbe. Kostensparender lässt sich exklusiver Inhalt wahrscheinlich wirklich nicht herbeischwindeln. Unten drunter schreiben sie natürlich auch noch stolz "© Axel Springer AG 2012. Alle Rechte vorbehalten". Merkt ja keiner.

Euro-Blues auf lautlos

Die Wohnungsnot als soziales Problem gelöst, der Euro gerettet, die Völkerfreundschaft durch feste, bindende Verträge in Ewigkeit gesichert und auch die Inflation ist kein Thema (Foto oben).

Fünf Jahre nachdem hier zum ersten Mal die bange Frage "Wo bleibt eigentlich der Weltuntergang?" gestellt wurde, steigt die Unsicherheit darüber, ob er überhaupt noch kommt. Fernsehsender wie Sophia TV beschäftigen sich inzwischen in einem 24-Stunden-Programm mit dem Ende der Welt. Immer mehr Regen, immer mehr Hitze, immer mehr Autos, immer mehr Fernsehsender. "Ist das nicht eine Reaktion des Organismus Erde auf die Eingriffe des Menschen", fragen sich die Experten der Gesprächsrunde "Gott aktuell".

Sicher ist, Gott meint es gut. Er droht, aber er handelt nicht. "Durch den Siegeszug der Marktwirtschaft werden weltweit die Reichen reicher und die Armen reicher", beschreibt die "Presse" aus Österreich zynisch die Auswirkungen der Malaise: "Vor allem in Schwellenländern haben nun Millionen einen Lebensstandard, der früher dem Westen vorbehalten war."

Der "Euro-Blues auf lautlos", das Ende abgesagt? Kaum noch jemand glaubt die wohlstandsschaffende Kraft des Kapitalismus, denn "noch nie zuvor ging es den Bewohnern dieses Planeten so gut wie heute" (Die Presse). Musste laut UNO im Jahr 1990 noch fast die Hälfte aller Menschen in den Entwicklungsländern von weniger als einem Euro pro Tag leben, so ist es heute nur noch ein Viertel. Auch absolut stehen die Chancen gut, dass diese Zahl bis 2015 auf 920 Millionen Menschen fällt – nur mehr die Hälfte des Wertes von 1990. Statt jedem fünften Bewohner der Entwicklungsländer gilt heute nur noch jeder siebente als unterernährt.

Schlimm, gerade verglichen mit den Tagen, als in der urkommunistischen Gesellschaft keine fünf Millionen Menschen die Erde bewohnten und mit Ach und Krach ihr Überleben fristeten. Die Zahl der Armen und Hungernden hat sich seitdem fast verzweihundertfacht, verursacht durch Industriaalisierung und Globalisierung. In China geht es dem durchschnittlichen Bürger der Volksrepublik heute zehnmal besser als vor 30 Jahren. Auch in Indien, Brasilien, Indonesien und in Afrika wurden viele Menschen wohlhabender. Dadurch leben sie auch länger: In China im Schnitt um 28 Jahre länger als 1955, in Südkorea um 26 Jahre und in Nigeria um sieben Jahre. In Botswana verdient heute ein Durchschnittsbürger mehr als der durchschnittliche Finne 1955. Selbst in Ostdeutschland können sich 25-jährige Automechaniker, Grundschullehrer und Hundekosmetikerinnen Autos leisten, die vor 25 Jahren kein VEB-Generaldirektor hätte bezahlen können.

Der saure Regen hat aufgehört, das Öl ist immer noch nicht alle, das Ozonloch findet kaum noch Platz in den Zeitungen und an die Grenzen des Wachstums der Weltwirtschaft sind offenbar keine feste, sondern eine mobile Schranke. Je weiter es geht, desto weiter kann es gehen.

Wo soll das hinführen? Was sind die Alternativen? Thomas Robert Malthus rechnete schon 1798 vor, dass der Menschheit zwangsläufig das Essen ausgehen müsse, weil sie sich so schnell vermehre. Damals lebten ungefähr eine Milliarde Menschen auf dem Planeten, heute sind es neun Milliarden. Oswald Spengler beschwor 1918 den „Untergang des Abendlandes“, aber auch das war vergeblich. "Wohlstand für alle", rief Konrad Adenauer.

Freitag, 20. Juli 2012

Turn Innovation into Crime


EU: Land ohne Kontinent

Lange hat Herbert Reul geschwiegen. Aber jetzt platzt auch dem Chef der Unionsfraktion im Europäischen Parlament der Kragen. In "Cicero" spricht er Klartext zur Lage der multinationalen Nation: "Wir müssten unsere Mitbürger von Europa überzeugen", sagt er, "denn Europa ist eine Erfolgsgeschichte." Für den Rest der Welt sei der Kontinent "weiterhin ein Vorbild". Dafür gebe es viele gute Gründe: "Jugendarbeitslosigkeit, schrumpfende Wirtschaftskraft, überbordende Sozialkosten, ausufernde Staatshaushalte und Verschuldung", rechnet Reul vor: "Wir verstehen immer mehr, dass wir Europäer über unsere Verhältnisse gelebt haben".

Das ist er endlich, der von Joachim Gauck so vehement geforderte Erklärtext zu den Grundlinien der deutschen Europa-Politik. "Die jahrelange haushalts- und wirtschaftspolitische Unvernunft besonders einiger gefährdet unser gemeinsames politisches Projekt „Europäische Union“, schilt der wackere Reul, der sich bislang in der Euro-Krise vor allem um die Beibehaltung der zweijährigen Tüv-Frist, "Engelaktionen" vor dem EU-Parlament und schärfere Demokratie-Kontrollen für Rumänien gekümmert hatte.

Jetzt wirbt der Kölner umso nachdrücklicher für ein "ein Europa für die Bürger, nicht für die Institutionen". Die Krise zeige, "dass wir weiter denken müssen" und "die entscheidende Frage ist, wo es hingehen soll in Europa". Schließlich handele es sich bei den Völkern, die denselben Kontinent bewohnen, um eine "Schicksalsgemeinschaft", wie es schon Adolf Hitler in seinem "Appell an die Nation" vor der Reichstagswahl im Juli 1932 genannt hatte.

Nun, auch Reul beantwortet Fragen nicht. Er stellt lieber welche. "Was wären wir denn ohne Europa?", ruft er, und "wie würden wir die Probleme der Zukunft lösen, ohne unsere europäischen Partner?" Wären wir die Schweiz? Wären wir Norwegen? Wären wir überhaupt, als Land ohne einen Kontinent unter sich? "Alleine lassen sich die großen Fragen unserer Zeit nicht erfolgreich angehen", weiß der Spitzenpolitiker der deutschen Christdemokratie in der EU-Diaspora aus vielen Reisen nach Japan, Russland, die USA, Kanada, China, Australien und Brasilien. Alle diese Länder sind allein. Keines ist in der Lage, die großen Fragen unserer Zeit erfolgreich anzugehen.

Doch während die Singles in der Völkerfamilie deshalb demnächst aussterben werden, haben wir im Erfolgs-Europa "die Chance, Fehler der Vergangenheit zu beheben und eine krisenfestere Ordnung zu schaffen." Weil die europäische Integration schon immer "zu den wesentlichen Elementen deutscher Staatsraison" zählte, würde eine Volksabstimmung "endlich zu der längst überfälligen breiten öffentlichen Debatte über Europa für unser Land führen" mutmaßt der EU-Parlamentarier in einem offenbar ungewollten Anfall von Realismus: Zweifellos gäbe es diese Debatte. Sobald in der Volksabstimmung klar geworden wäre, wo die Mehrheit des Volkes in dieser Frage steht.

Und das wäre ein Gezeter.