Dienstag, 30. Juni 2009

Kachel Gott fliest zu den Sternen



Zwei ältere Motive des halleschen Fliesenlegers "Kachel Gott" seien hiermit ins Gedächtnis gerufen, die im ersten mitteldeutschen Heimwerkerkunst-Verzeichnis bisher noch keine Aufnahme gefunden haben. Während das obere Motiv in seiner rudimentär-kubistischen Linienführung von Ferne an Picasso gemahnt, kann das untere Bild gerne als Gruß an Defätisten und das städtische Ordnungsamt gedeutet werden.

Ein bisschen verfassungsfeindlich

Natürlich heucheln sie nun alle, wie zufrieden sie mit dem Urteil des Verfassungsgerichtes zur Klage gegen den Lissabon-Vertrag sind. Erinnert sich noch jemand daran, wie Horst Köhler angegriffen wurde, als er die Unterschrift unter den Vertrag verweigerte? Nie geschehen scheint das zu sein - dabei hatten alle Kritiker nach Ansicht des Verfassungsgerichts völlig recht mit ihrer Annahme, dass die Übertragung von Entscheidungsrechten aus der Hochheit der gewählten Volksvertreter im Bundestag an die nach ganz anderen Regeln gewählten Vertreter der Staaten in Brüssel verfassungswidrig wäre.

Zur normalen Routine in einem Land, das Wahrheiten immer öfter wegen ihrer unkalkulierbaren Auswirkungen lieber nicht ausspricht, gehört es, nun erfreut zu tun und sich dankbar für die wertvollen Hinweise der Verfassungsrichter zu geben. Ein bisschen sei der Vertrag ja schon in Ordnung, nur ein bisschen nachgebessert müsse werden, die Kläger hätten schließlich auch nur einen Teilerfolg errungen.

Dass aber die Forderung der Richter nach einem "echten Mitspracherecht der deutschen Parlamentarier" bei europäischen Entscheidungen nichts anderes bedeutet, als dass der Bundesstaat Europa, wie er bisher gedacht war, begraben werden muss, das erzählen schon ein paar Zitate aus dem Urteil: Von "strukturellen Demokratiedefiziten" ist da die Rede und davon, dass die EU derzeit wie ein Staatenbund funktioneire, der sich bemühe, sich wie ein Einzelstaat zu regieren. Es gebe aber eben kein "europäisches Staatsvolk", das seinen Willen mehrheitsgerecht artikulieren könne - zum Glück, denn gebe es das, "wäre in Deutschland eine Verfassungsneuschöpfüng" notwendig. Dem Europäischen Parlament hingegen bescheinigen die höchsten deutschen Richter, es sei "hinreichend gerüstet, politische Leitentscheidungen zu treffen". Nun wird nachgebessert werden. Und auch was dann kommt, wird, bei diesen Vorgaben, wieder ein bisschen verfassungsfeindlich sein.

Die Ratifikationsurkunde der Bundesrepublik Deutschland zum Vertrag von Lissabon darf solange nicht hinterlegt werden, wie die von Verfassungs wegen erforderliche gesetzliche Ausgestaltung der parlamentarischen Beteiligungsrechte nicht in Kraft getreten ist. Der Umfang politischer Gestaltungsmacht der Union ist - nicht zuletzt durch den Vertrag von Lissabon - stetig und erheblich gewachsen, so dass inzwischen in einigen Politikbereichen die Europäische Union einem Bundesstaat entsprechend - staatsanalog - ausgestaltet ist. Demgegenüber bleiben die internen Entscheidungs- und Ernennungsverfahren überwiegend völkerrechtsanalog dem Muster einer internationalen Organisation verpflichtet; die Europäische Union ist weiterhin im Wesentlichen nach dem Grundsatz der Staatengleichheit aufgebaut.

Solange im Rahmen einer europäischen Bundesstaatsgründung nicht ein einheitliches europäisches Volk als Legitimationssubjekt seinen Mehrheitswillen gleichheitsgerecht politisch wirksam formulieren kann, bleiben die in den Mitgliedstaaten verfassten Völker der Europäischen Union die maßgeblichen Träger der öffentlichen Gewalt, einschließlich der Unionsgewalt.

Für den Beitritt zu einem europäischen Bundesstaat wäre in Deutschland eine Verfassungsneuschöpfung notwendig, mit der ein erklärter Verzicht auf die vom Grundgesetz gesicherte souveräne Staatlichkeit einherginge. Ein solcher Akt liegt hier nicht vor. Die Europäische Union stellt weiterhin einen völkerrechtlich begründeten Herrschaftsverband dar, der dauerhaft vom Vertragswillen souverän bleibender Staaten getragen wird. Die primäre Integrationsverantwortung
liegt in der Hand der für die Völker handelnden nationalen Verfassungsorgane.

Bei wachsenden Kompetenzen und einer weiteren Verselbständigung der Unionsorgane sind Schritt haltende Sicherungen erforderlich, um das tragende Prinzip der begrenzten und von den Mitgliedstaaten kontrollierten Einzelermächtigung zu wahren. Auch sind eigene für die Entfaltung der demokratischen Willensbildung wesentliche Gestaltungsräume der Mitgliedstaaten bei fortschreitender Integration zu erhalten. Insbesondere ist zu gewährleisten, dass die Integrationsverantwortung durch die staatlichen Vertretungsorgane der Völker wahrgenommen werden kann.


Das Europäische Parlament ist weder in seiner Zusammensetzung noch im europäischen Kompetenzgefüge dafür hinreichend gerüstet, repräsentative und zurechenbare Mehrheitsentscheidungen als einheitliche politische Leitentscheidungen zu treffen.

Angesichts dieses strukturellen, im Staatenverbund nicht auflösbaren Demokratiedefizits dürfen weitere Integrationsschritte über den bisherigen Stand hinaus weder die politische Gestaltungsfähigkeit der Staaten noch das Prinzip der
begrenzten Einzelermächtigung aushöhlen. Die mit dem Vertrag von Lissabon noch einmal verstärkte Übertragung von Zuständigkeiten und die Verselbständigung der
Entscheidungsverfahren setzt deshalb eine wirksame Ultra-vires-Kontrolle und eine Identitätskontrolle von Rechtsakten europäischen Ursprungs im Anwendungsbereich der Bundesrepublik Deutschland voraus.

SS-Kragenspiegel sind Kunst

Ein Skandal, der aus den Bergen kam, und das mit Verspätung. Mitglieder eines Dessauer Vereins zur Pflege der Militärgeschichte paradierten beim Sachsen-Anhalt-Tag in Thale auf Einladung der Landesregierung in SS-Uniformen, vorsichtshalber allerdings hatten sie die Runen auf den Röcken abgeklebt.

Hellwache Hingucker erstatteten nach reiflicher Überlegung dennoch Tage später Anzeige wegen des demokratiegefährdenden Zeigens verfassungsfeindlicher Symbole. Und die Staatsanwaltschaft fühlte sich sogar bemüßigt, dem Quatsch nachzugehen.

Zwei Wochen lang prüfte sie Stoffqualität und die Größe der Abklebbänder, ehe sie jetzt befand, dass eine Straftat nicht vorliege. Trotz überklebter SS-Symbole sei zwar der "Eindruck einer SS-Uniform bestehen" geblieben. Die SS-Männer gehörten jedoch nicht dem rechten Lager an, außerdem läge selbst mit nicht-abgeklebten SS-Runen keine Straftat vor, da es sich auch beim offenen Zeigen der Uniformen mit Kragenspiegel "womöglich um einen rechtmäßigen künstlerischen Beitrag" gehandelt hätte.

Der "Stauffenberg"-Film mit Tom Cruise, über den vorher soviel geredet wurde, den aber nachher gar keiner sehen woltle, darf damit weiter gezeigt werden.

Alles sinkt

Ein Chor, der ein halbes Dutzend Lieder gleichzeitig singt: Die Steuern müssen sinken, die Steuern müsen steigen, die Steuern sind zu hoch und zu niedrig und alles gleichzeitig. Während der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Wolfgang Böhmer aus der Erfahrung seiner beruflichen Praxis als Gynäkologe Steuererhöhungen fordert, weil der Staat mehr Geld brauche, erinnern sich die Älteren noch an Ronald Reagan und dessen Steuergeschenke mitten in der Krise, die den Grundstein legten für die Wiedergeburt Amerikas als Wirtschaftsnation Nummer 1.

Gerhard Schröder, als Kanzler Anfang der 2000er Jahre verantwortlich für eine gelähmte Volkswirtschaft, nahme sich reagan zum Vorbild und senkte die Steuersätze mitten in der Krise.

Das erstaunliche Ergebnis, das der Steuerexperte Wolfgang Böhmer und seine Mitdiskutanten weitgehend erfolgreich vergessen haben, waren allerdings nicht sinkende Steuereinnahmen, sondern stark steigende.

Kacheln gegen den Kartoffelkäfer

Es ist der Sommer des Fliesenlegers, es sind die Tage des Kachelmannes, den eine beständig wachsende Fangemeinde nur den "Kachel Gott" von Halle nennt. Seit hier bei PPQ, der einzigen offiziellen Online-Galerie des begnadeten Klebers, mit Unterstützung des kalifornischen Internet-Riesen Googledas erste Kachelverzeichnis der Werke des mysteriösen Kunstschaffenden ins Internet gestellt wurde, treffen jeden Tag neue Hinweise auf bislang unbekannte Kachelklebungen ein.


In der Wallstraße entdeckten Feldforscher jetzt ein im Kachelverzeichnis bislang nicht notiertes prächtiges Werk aus der von Kritikern häufig angegriffenen Käferserie, das bei der letzten Stadtinventur internationaler Fliesenforschen und Kacheologen noch nicht vorhanden war. Nach Ansicht einiger Experten deute die verstärkte Klebung des Käfermotivs im 20. Jahr des Mauerfalls auf eine kritische Auseinandersetzung des nach wie vor anonymen Künstlers mit der berüchtigten "Kartoffelkäfer"-Kampagne der DDR-Einheitspartei SED im Jahr 1950. Eine abweichende Lehrmeinung geht allerdings davon aus, dass Kachel Gott mit den bewusst naiv gehaltenen Klebungen gegen die Übertechnisierung der Moderne protestieren will, ohne deshalb auf modernen Baumarktkleber zu verzichten.

Materialforscher haben unterdessen Kachelproben an verschiedenen Klebeorten genommen, um sie im Labor zu untersuchen. Nach ersten Ergebnissen, die PPQ inoffiziell bekannt wurden, verwendet der manische Fliesenleger bei der Umsetzung seines Planes, die gesamte Innenstadt von Halle neu zu verfliesen, neben Keramikplatten auch Scheiben aus Holz, die zumeist mit konservativem Fliesenkleber Marke "Master Fix", hin und wieder aber auch mit der transparenten Variante "Bio-Fix" im Mauerwerk verankert werden.

Montag, 29. Juni 2009

Der schnelle Tod der Jubelperser

Eben noch machte die Süddeutsche Zeitung Nägel mit Köpfen und ließ Thorsten Denkler aus Berlin in kräftigen Farben beschreiben, wie die Union sich vor Wahlkampfbeginnin einen Betonpanzer aus einheitlichen Positionen zu zwängen versucht. "Stunde der Jubelperser" hieß der Beitrag im Gedenken an die Mitarbeiter des damaligen iranischen Geheimdienstes, die den Besuch des Schahs Mohammad Reza Pahlavi und seiner Frau Farah Diba am 2. Juni 1967 in Berlin mit Dachlatten prügelnd begleiteten.

Doch nur der frühe Leser fing den Wurm: Wer zwei Stunden und einen mutmaßlich sehr empörten Anruf aus dem Kanzleramt später kam, um die Jubelperser im CDU-Kostüm zu besuchen, fand nur noch einen Beitrag mit dem Titel "Stunde der Claquere. In der Google-Suche, die ehrlicher ist als die in München gemachten Wahrheiten, findet sich letzterer Artikel aber natürlich noch unter dem Suchbegriff "Stunde der Jubelperser".

Irgendwas Schickes hinschicken

Der Neupirat und Ex-SPDler Joerg Tauss gibt auf abgeordnetenwatch einen wundervollen Einblick in die Gedanken- und Vorstellungswelt der Frauen und Männern, die dieses Land zu regieren vorgeben. Tauss, seit den Kinderpornovorwürfen gegen ihn ein politisch toter Mann, schafft hier einen der seltenen Momente, in denen unverstellt deutlich wird, wie Politik funktioniert und warum nicht. Das geht dann so:

Ein grosser Teil der Parlamentarier ist mit dem Internet nicht aufgewachsen. Sie empfinden es daher moeglicherweise sogar als Bedrohung. Sie nehmen es nicht als technisches Netz oder als Kommunikationsinfrastruktur wahr, verstehen nichts von Netzneutralitaet, sondern als etwas, wo man eben Boeses bekommen kann und wo vermeintlich das Boese auch herkommt und die Gesellschaft durchdringt. Das Netz spiegelt nicht Probleme wider, sondern verursacht sie in deren Augen: (in beliebiger Reihenfolge und austauschbar Islamismus, Pornos, Hacker, Bombenbauanleitungen, Terroristen, Rechtsradikale und dann auch noch amoklaufende Jugendliche etc. etc.). Deshalb muss das auch bei uns bekaempft werden, zumal, siehe Olympia, es die Chinesen ja schliesslich sogar vormachen koennen (CSU- Uhl ernsthaft: Bei der Ueberwachung des Internet von China lernen).

Ein weiterer Teil, angefuehrt von durchaus netten Kolleginnen wie Karen Marks und Christl Humme, hat wirklich und ernsthaft die Auffassung, mit dem Gesetz tatsaechlich etwas gegen Pornographie mit Kindern zu tun und fuer missbrauchte Kinder Positives zu bewirken. Das steht seit 15 Jahren schliesslich schon in EMMA und Unicef sagt es auch. Fakten zaehlen da nicht mehr.

Kein (SPD-) MdB kaeme z.B. auf die Idee, zum Gespraech auf einen Bauernhof zu fahren, ohne sich vorher etwas ueber die Milchquote oder dergl. anzulesen oder wenigstens aufschreiben zu lassen. Unter "Internet" koennen sich aber eben viele immer noch weniger vorstellen als unter einer Kuh. Ein weiterer Teil hat sich daher auf die Aussagen von "Fachleuten" wie Martin Doermann verlassen, der in der Fraktion von einem "guten Kompromiss" und "Verhandlungserfolg" gegen die Union sprach. Dass sich Stasi 2.0 die Haende reibt weiss er nicht, will er nicht wissen, weil es ihm weder die Bundesnetzagentur noch sein Referent so aufgeschrieben haben und nur ueble Lobbyisten das Gegenteil behaupten. Er glaubt denen daher auch nicht, glaubt vielmehr den von ihm verbreiteten Unfug selbst und ist beleidigt, dass ihm die gleichfalls boese "Szene" wiederspricht und "sein" Werk nicht auch noch lobt. Er hat mich beim Parteitag sogar noch gebeten, zu helfen, die "Szene" mal richtig zu informieren.

Und ein anderer Teil hat sich, wie Peter Struck, davor gefuerchtet, ein negatives Medienecho zu bekommen (ueberlegt mal bei einer Ablehnung, was wohl die Zeitungen dazu sagen....). Dieser Teil der Partei, zu dem auch Muentefering gehoert, nimmt die "digitale" Welt noch allenfalls als eine wahr, in die man preiswert und ohne Portokosten "etwas hinschicken" kann. Bevorzugt nette Worte ueber sich selbst oder die Partei. Und Obama hat es ja schliesslich auch irgendwie und ganz schick gemacht, auch wenn man gar nicht weiss oder wissen will, was der eigentlich gemacht hat. Aber man will dann doch irgendwie modern sein und twittern oder sonst was schickes, sofern es nicht gerade aus der Fraktion ist oder voreilig das Ergebnis der Bundespraesidentenwahl. Und Sascha Lobo sieht ja trotz allem ganz lustig aus und so, wie man sich diese Internet - Freaks, von denen es ja welche sogar als Waehler (!) geben soll, so vorstellt.

Diese Mischung aus Borniertheit, Uninformiertheit, technischem Desinteresse, der guten Absicht, wenigstens "etwas" zu tun, Angst vor der BILD- Zeitung etc. fuehrte dazu, dass man weder die Expertenmeinungen noch die Meinungen von 134.000 Petentinnen und Petenten wenigstens in ihrer Mischung zur Kenntnis nahm oder nimmt. Weil es aber doch irgendwie seit ein paar Tagen komisch laeuft, gruendet man jetzt mit Brigitte Zypries wenigstens nachtraeglich noch einen Arbeitskreis.

Ein Kollege hat mir jetzt tatsaechlich geschrieben, er verstehe mich ueberhaupt nicht, wegen "dem bisschen Freiheit" im Internet die SPD verlassen zu koennen. Dieses Zitat belegt, wie weit die handelnde gesetzgeberische Generation tatsaechlich vom Problem weg ist und keinerlei Sensibilitaet dafuer entwickelt hat, was der systematische technische Aufbau von Zensurinfrastruktur fuer einen freien Staat tatsaechlich bedeuten kann oder bedeutet.

Streikfront im Schlaraffenland

Die Kommunen sind alle pleite, die Länder brauchen mehr Geld, die Schulden steigen, so dass sogar Sachsen-Anhalts Strickjacke im Landeskanzleramt, ein Hobbykleingärtner namens Wolfgang Böhmer, bei jeder Gelgenheit darauf hinweist, wie schön das wäre, wenn er seinen Bürgern noch viel, viel mehr Steuern abknöpfen könnte.

Denn allerlei muss bezahlt werden in Sachsen-Anhalt. Letztes Jahr etwa waren die Lehrer im Lande tagelang im Ausstand. Für die Zeit, die sie ihre lernbegierigen Schüler sich selbst überließen, steht den Pädagoginnen und Pädagogen natürlich kein Gehalt zu. Damit die Armen sich aber auch im Arbeitskampf etwas zu Beißen kaufen können, unterhält die Gewerkschaft Verdi eine große Streikkasse: Aus der zahlt die Kampfbund der Lehrerschaft, wie Karl Eduards Kanal richtig bemerkt, was der Arbeitgeber seinen Arbeitnehmern nicht geben darf, wenn die nicht zur Arbeit kommen.

Doch Deutschland ist ein Sozialstaat, der zu einem ganz überwiegenden Teil auf den Prinzipien von gerechtigkeitsschaffender Umverteilung und gelebter Solidarität ruht. Die Gewerkschaft Verdi durfte also ihre Streikkasse geschlossen lassen. Das Land Sachsen-Anhalt, am höchsten verschuldet unter allen bundesdeutschen Flächenländern, zahlte seinen streikenden Lehrerinnen und Lehrern auch für die Streiktage großzügig das Gehalt, das eigentlich nur bekommt, wer dafür auch arbeitet.

Es werde zu teuer, den Betrag, der den Lehrern nicht zustehe, aus den Überweisungen herauszurechnen. Viel billiger ist es, die Steuern einfach nochmal zu erhöhen.

Noch mehr fremde Federn

Eckart D. Stratenschulte hat leider einen Namen, der klingt wie ein abgespreizter Finger aussieht. Der Mann ist überdies Leiter der Europäischen Akademie Berlin und hat deshalb Zeit, über Dinge nachzudenken, die unsereins einfach hinnimmt. In der Frankfurter Rundschau, die sich selbst als "linksliberal" bezeichnen würde, tät' sie denn noch jemand fragen, hat Stratenschulte gerade über die unterschiedliche Versuche, den angeschlagenen Kapitalismus zu beseitigen, nachgedacht. Denn der sei gar nicht so leicht aus der Welt zu schaffen, schreibt der Mann, der sich mit seinem öffentlichen Denken einreiht in die Reihe mutiger Männer und Frauen, die das Wort "Kapitalismus" wieder in den Mund zu nehmen wagen, obwohl es doch schon abgeschafft war, wie die Statistik von Google (oben) unbestechlich ausweist.

Das System war das nicht - und wird es wohl auch nicht werden. "Die Linksradikalen beispielsweise bekämpfen in sogenannten "action weeks" das System, indem sie in Berlin Mittel- und Luxusklassewagen in Brand stecken. Damit tragen sie allerdings lediglich dazu bei, dass die Konjunktur wieder anspringt, denn die Besitzer dieser Wagen werden vermutlich nicht fortan Fahrrad fahren, sondern ein neues Gefährt erwerben. Der Neuwagen wird von der Versicherung bezahlt, aber wirklich geschädigt hat man die damit auch nicht, weil solche Vorfälle gleichzeitig gute Werbung für den Abschluss eines Vollkasko-Vertrags sind.

Ein anderer Versuch, dem Kapitalismus den Garaus zu machen, ist der der Linkspartei, die am Wochenende ihr Programm für die Bundestagswahl verabschiedet hat. Sie will den Kapitalismus durch Überforderung zerstören. Im Gegensatz zu den Autonomen kann sie hier immerhin schon einen Erfolg vorweisen. 40 Jahre benötigte die SED, aus der "Die Linke" ja zu guten Teilen besteht, um den Sozialismus mit der Strategie "Viel ausgeben, wenig investieren" an den Wand zu fahren. Das könnte jetzt auch mit der Bundesrepublik Deutschland klappen. Bedauerlicherweise ist allerdings weit und breit kein Staat in Sicht, der dann den Insolvenzverwalter spielen und durch Milliarden-Transfers die Folgen bewältigen könnte.

Sehr populär ist ein dritter Versuch, nämlich das System durch Ignoranz zu Fall zu bringen. Die Menschen tun einfach, als gehörten sie nicht mehr dazu, frei nach dem oft abgewandelten Motto: Stell Dir vor, es ist Gesellschaft und keiner geht hin. Die Wahllokale bleiben leer, wie nicht nur die Europa-, sondern auch andere Wahlgänge der letzten Zeit gezeigt haben, das Engagement in Parteien und Gewerkschaften geht zurück. Mögen die Menschen in anderen Ländern abends auf den Dächern ihrer Häuser stehen und sich mit dem Ruf nach freien Wahlen die Kehle heiser schreien, uns ist das egal.

Blöderweise ändert auch dieser Rückzug ins Private nichts, alle Hoffnungen, dass der Kapitalismus, durch die Verachtung der Massen gestraft, schluchzend ins Grab sinkt, bleiben unerfüllt.

Die vierte Variante ist die klassische Waffe der Ausgebeuteten, der Streik. Aber selbst der hilft nicht viel, wenn Unternehmen unter Überproduktion leiden und sich über jeden freuen, der zu Hause bleibt. Eine besondere Form der Auseinandersetzung haben wir gerade erlebt, den "Bildungsstreik". Eine Woche lang ließen die Studenten Seminare ausfallen, was den Professoren Zeit für ein Frühstück im Café gab. Vorlesungsstreik ist leider ein bisschen so, wie wenn Pensionäre aus Protest ihre Rente nicht abholen, aber immerhin haben die Studenten sich gerührt.

Irgendwie werden wir den Kapitalismus einfach nicht los",
sollte der Autor jetzt eigentlich schließen und es dabei belassen. Aber es war noch Platz übrig, so dass er noch eine Runde auf dem Hof entlangkehrt. Das ist jetzt nicht mehr so schön, deshalb lassen wir das Ende weg, das auch gar kein richtiges ist. Wer es lesen will, findet es hier..

Fremde Federn

"Auch wenn nach Schätzungen die deutschen Privathaushalte gigantische 50 Milliarden Euro eingebüßt haben, so leben die Börsenverlierer und Arbeitslosen von heute dennoch weitaus besser als die Armen, die 1929 vor den Suppenküchen Schlange standen." Michael Miersch fasst unaufgeregt zusammen, was Churchill schon vor langer Zeit wusst: Kapitalismus ist die schlechteste aller Wirtschaftsordnungen, außer allen anderen.

Nur der Herr, nicht das Gescherr

Sie wissen seit Jahrzehnten immer schon im frühen Nachmittag eines Wahltages, wie die Wahlen um 18 Uhr ausgegangen sein werden. Obwohl die Veröffentlichung von Wahlergebnissen von Schließung der Wahllokale unter Strafe steht, erfahren sämtliche Parteizentralen in Deutschland traditionell durch die sogenannten Exit-Polls der Wahlforscher, was das gewöhnliche Wahl-Fußvolk erst kurz nach 18 Uhr erfahren darf. Illegal sei das nicht, so heißt es, weil die Parteien ja nicht die Wahlergebnisse, sondern hochgerechnete Zahlen zum mutmaßlichen Ergebnis bekämen, um sich Ausreden und Jubelsprüche ausdenken zu können.

Doch das Volk draußen soll dieses Recht trotzdem nicht haben. "Es wäre der GAU, wenn die Wählerbefragungen vor Schließung der Wahllokale öffentlich bekannt würden", klagt Bundeswahlleiter Roderich Egeler im "Spiegel". Via Internet könnten dann Unentschlossene mobilisiert werden, doch noch zur Wahl zu gehen, andere könnten gerade davon abgeschreckt werden, weil sie glaubten, ihre Stimme bringe sowieso nichts mehr.

Dass sich beides vermutlich aufheben würde, spielt in der Diskussion der Internetausdrucker und Verbotsfetischisten keine Rolle. Nach einer Anfechtung des Ergebnisses müsste die Wahl womöglich wiederholt werden, orgelt der "Spiegel" - und natürlich hält es der SPD-Innenexperte Dieter "Trallafiti" Wiefelspütz sofort für angebracht, über "ein Verbot der Wählerbefragungen nachzudenken".

Dorothee Bär, eine stellvertretende CSU-Generalsekretärin, die ihrer Partei bislang eher unerkannt als "medienpolitische Sprecherin" diente, fordert hingegen, alle Eingeweihten auf einen "Kodex des Stillschweigens zu verpflichten": Niemand dürfe twittern, was er wisse, keiner Bloggen, was als Herrschaftswissen in den Parteizentralen bleiben soll.

Bockwürste oder Schaltkreise?


Kachel Gott, der Fliesenleger von Halle, macht es uns vom einzigen offiziellen halleschen Heimwerker-Board PPQ wirklich nicht leicht. Eben noch stimmten wir einen Schwanengesang auf das versunkene Genie an, da rappelt er sich auf und pflastert die Stadt zu. Das städtische Kachelverzeichnis ist so unvollständig, wie es das Köchelverzeichnis nie war. Nun kommt uns das OBI-Original auch noch mit multiplen Werken - was uns offenbar zu exegetischen Höchstleistungen treiben soll. Im aktuellen Fall kapitulieren wir. Ob wir uns in dieser Hilflosigkeit einrichten werden, wird aber von Tag zu Tag zweifelhafter. Wir können nämlich auch anders.

Sonntag, 28. Juni 2009

Mundgeruch und Kredite ohne Schufa


Experten vermuten, dass etwa zwanzig Prozent aller deutschen Lottospieler auf einen Gewinn hoffen, um damit ihre Schulden bezahlen zu können. Bei 26,5 Millionen regelmäßigen Spielern sind das immerhin über fünf Millionen Schuldner, die sich mit dem Sechser plus Zusatzzahl sanieren wollen. Schulden fürs Haus, für das Auto oder Schulden bei diversen Versandhäusern, die selbst auch von der Pleite betroffen sind. Nun, Quelle lässt nun doch schon wieder den neuen Katalog drucken. 1000 Seiten Angebote für die, die ihren Schuldenberg noch etwas erhöhen möchten. Da freut sich nicht nur der Dauerkunden-Schuldner. Auch diverse Kredithaie reiben sich hoffnungsvoll die Hände. Und schalten ihre Anzeige genau dort, wo die Träume vom Schuldenfreisein bitter zerplatzen: Auf der Lottozahlen-Seite im Internet. Eilkredite ohne Schufa, 3000 bis 100.000 Euro, heißt es da. Wer keinen Bock auf überteuerte Kredite hat, jedoch über Mundgeruch klagt, kann sich direkt daneben mit Mineral-Getränken gegen diesen versorgen und sich gleich noch ein bisschen mehr verschulden.

Der Himmel über Halle IV

Ich schiebe gleich noch eins hinterher. Die wunderbare Komposition aus Ballon, Himmel und Kirche hätte ebenso Canaletto schaffen können. Ein Stück Heimatkunde mehr. Deshalb gehört es unbedingt in diese Reihe.

Der Himmel über Halle III

Als einziges amtliches Heimatkunde-Blog mit Halle-Anbindung haben wir es uns ja seit Jahrzehnten zur Hauptaufgabe gemacht, die sagenhaften Himmel über Halle gelegentlich aufmerksam zu beobachten und im Zuge der weltweiten Chemtrails-Beobachtungen filigran zu dokumentieren. Zuletzt war die Multispektral-Kamera allerdings langjährig zur Reparatur, so dass wir die verrückten und durchgängig privat finanzierten Farbenspiele erst jetzt wieder fortlaufend publizieren können.

Die Stunde der Heuchler

Trauer, Tränen und Betroffenheit weltweit. Italien jammert, Los Angeles weint, Sechsjährige wehen Halbmast, Grauhaarige kaufen CDs. Michael Jackson ist tot und der Tod steht dem gefallenen Ex-Star sehr gut. Interessierte sich noch am Abend vor seinem Ableben kein Mensch für Tun und Lassen des verwirrten Quietschsängers, ist am Morgen danach alles anders. Als habe Elvis sein Comeback angekündigt, stürmen die Menschen die Plattenläden. "Fans", so flunkern die um Fakten nie bekümmerten Fernsehansager in den "Tagesthemen", würden sich nun mit CDs des Verstorbenen eindecken, als gülten die demnächst als Eintrittskarte fürs Himmelreich.

Bislang dachte man immer, Fans haben CDs ihres Idol schon, so lange der Betreffende lebt. Aber nach Michael Jacksons gelungenem Tod ist alles anders. Um oder auf das Siebenhundertfache stiegen die Umsätze mit den Werken der Kunstfigur, die ihren letzten Hitparadenerfolg vor mehr als einem Jahrzehnt verzeichnet hatte.

Es ist die Stunde der Heuchler. Jackson, der künstlerisch nicht viel mehr hinterlassen wird als die Melodie von "Billy Jean" und den aus der Pantomime geklauten "Moonwalk", triumphiert im Verschwinden über die Konkurrenz von Beatles, Stones, Cobains und Madonnas: Sein dünnlippiges Gesinge, stets nur Soundtrack für die teuer produzierten Hüpfvideos, die der Garant für seinen Erfolg waren, erhält mit dem Todestag die höheren Weihen der Weltkultur. Und die siebenhundertmillionenfache Geschmacksverirrung der Käufer seiner Alben wird zum Beweis für die Genialität des spätestens seit Anfang der 90er nur noch schwerkrank und bedröhnt vor sich hindelirierenden Pop-Gespenstes.

Das riecht nach Diana, da lässt sich noch so manche Sendestunde füllen. An den Stätten, an denen Fernsehkameras auftauchen, sind die Schamlosen nicht weit, die sich für 15 Sendesekunden ein Jacko-Bild ins Gesicht und ein paar Tränen aus den Augenwinkeln pressen. Zufällig immer genau mit Eifelturm, Scala oder Big Ben im Hintergrund. "Seit Elvis", feuern die Nachrichtenagenturen sich gegenseitig zu immer irrsinnigeren Superlativen an, habe "die Welt" nicht mehr so einhellig getrauert. John Lennon lebt. Kurt Cobain ist nie gestorben.

Michael Jacksons Tod ist nach dieser Lesart der 11. September der Pop-Musik. "Urplötzlich" und "völlig unerwartet" sei der Tod gekommen, heißt es - als habe Jackson nicht schon bei der Pressekonferenz zur Ankündigung seiner Comeback-Konzerte gewirkt wie ein Toter auf Urlaub.

Sein Abgang von der Bühne wirkt nun immerhin wie eine Abwrackprämie für zeitlos gräßliche Zappelmusik-Alben wie "Bad" und "Thriller", die nach den Aussagen eine Saturn-Mitarbeiters, den die einzig amtliche deutsche Popmusikfachagentur dpa zitiert, "seit Monaten stapelweise rumlagen, ohne dass sie jemand wollte".

Jackson war 80er, bis Freitagnacht aber lief ja eigentlich das Comeback der End-90er, mit Elekrobeats und Billigkeyboards.

Was erstmal in aller Munde ist, schafft es auch in jedes Ohr, auch wenn die eher klassisch geschulten Leser hier im Doomcore-Board PPQ entgeistert fragen "Wer ist eigentlich dieser Michael Jackson, von dem jetzt alle sprechen?" Mahmud Ahmedinedschad, der mit seinem Iran eben Sendeminuten füllte, als entscheide sich in Teheran die nächste Bundestagswahl und die das Schicksal der Welt für alle Zeiten, ist jedenfalls raus aus den Schlagzeilen.

Hätte Eva Herman gewollt, hätte sie am Wochenende "Autobahn" sagen können. Könnte Peter Sodann das noch, unbestraft bliebe seine Forderung nach Manager-Massenerschießungen. Zwei Wochen höchstens wird es dauern, bis die eine Hälfte der Fans den Tod ihres angeblichen Idols vergessen hat. Und die andere Hälfte im Internet den Mythos pflegt, die iranischen Revolutionswächter hätten Jackson ermordet, um von der gefälschten Wahl abzulenken.

Elegische Koloraturen

nýja lagið from sigur-ros.co.uk on Vimeo.

Reich macht arm

Gerademal sechs Monate nach dem ersten PPQ-Bericht über die zusammenschnappende Schere zwischen Arm und Reich hat es sich auch bis zur Premiumzeitung "Welt" herumgesprochen: Die Krise hat die Einkommensunterschiede zwischen Armen und Reichen kräftig verringert. "Während die Reichen viel Geld verloren haben, profitieren die Transferempfänger", schreibt das Blatt. Unter Berufung auf den Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, schreibt die "Welt" von einem „Kriseneffekt der Gleichmacherei“. Der Crash habe zwar viel Kapital vernichtet, die Armen hierzulande aber nicht ärmer gemacht, berichten die Finanzmarktexperten, ohne auf die entsprechenden PPQ-Enthüllung vom März 2009 Bezug zu nehmen. Vier oder fünf Monate noch, dann wird der "Spiegel" avantgardistisch enthüllen, dass Henry Fonda tot ist, die "Bild" wird mitteilen, dass der FC Bayern schon ein Jahr ohne Meistertitel ist und das ZDF Belege dafür vorlegen, dass Erich Honecker Staats- und Parteichef der DDR war.

Samstag, 27. Juni 2009

Keiner will mehr Ade sein

Am Tag davor konnte niemand seinen Namen aussprechen, am Tag danach war Adebowale Ogungbure ein Held. Nachdem der in Nigeria geborene Spieler des FC Sachsen Leipzig beim Oberliga-Derby gegen den Hallescher Fußballclub am 25. März 2006 auf Wut über Affenlaute aus der Fankurve vor der Haupttribüne den Hitlergruß gezeigt und mit zwei Fingern ein Hitlerbärtchen angedeutet hatte, kam es erst zu einer Rangelei mit HFC-Ordnern und aufgebrachten Fans. Und anschließend zu einem im Chor angestimmten Heldengesang: Von "Spiegel" über dpa bis "taz" und ARD herrschte Einigkeit darüber, dass Ogungbure sich völlig zu Recht gewehrt habe gegen "rassistische Beleidigungen" (dpa), die der Bayern-Torwart Oliver Kahn eine ganze Karriere lang als sportliche Motivationshilfe genommen hatte.

Adebowale Ogungbure, damals in Leipzig lebend, tourte einmal quer durch die Empörungsindustrie. Der Mann, der seine vielversprechende Karriere beim 1. FC Nürnberg in der 1. Bundesliga begonnen hatte, danach aber über Stationen in Reutlingen und Cottbus bis in die vierte Liga abgestürzt war, berichtete der Bundeszentrale für Politische Bildung, wie er "als Affe, Nigger und Bimbo" beschimpft wurde, er erzählte dem Tagesspiegel, wie er vor Spieltagen nicht mehr schlafen könne vor Angst vor den ständigen Beschimpfungen. Und er berichtete dem Spiegel, wie "jedes zweite Spiel zu einem Martyrium" für ihn werde.

Soviel Hass, soviel Wut. Auf beiden Seiten - denn während dunkelhäutige Spieler wie der Brasilianer Wellington da Luz oder der Nigerianer Adolfus Ofodile, die beide jahrelang in den Diensten des Halleschen FC standen, nie Probleme mit "rassistischen Beleidigungen" (dpa) hatten, war das bei Adebowale Ogungbure von Anfang an anders. Der Abwehrspieler, der seine Karriere bei Nigerdock Lagos begann und zwei Länderspiele für Nigeria bestritt, zog den Zorn gegnerischer Fans und Spieler immer wieder wie magisch an. Mal zeigte er vor der Fankurve den nackten Hintern, mal provozierte er mit obszönen Gesten, mal spuckte er demonstrativ aus. In 43 Spielen für den FC Sachsen holte sich Ogungbure neun Gelbe und zwei Rote Karten ab. Zwischen 2001 und 2007 kam er so - obwohl nie ernsthaft verletzt - auf gerademal 82 Pflichtspiele, die aber absolvierte er für immerhin vier Vereine, weil sein Vertrag nach Ablauf nie verlängert wurde. "Im Innern sind das alles noch Kinder“, sagte der damalige Präsident des FC Sachsen über seinen Abwehrchef. Ogungbure sei nicht in der Lage, "einfach profihaft mit solchen Dingen umzugehen“.

In den Tagen aber, als der "Spross eine nigerianischen Königsfamilie" (FCN) zum Symbol im bundesweiten "Kampf gegen Rassismus" im Stadion wurde, spielten die offenkundigen Charaktermängel des Opfers keine Rolle. Eine Fan-Initiative feiert Ogungbure mit der Kampagne "Wir sind Ade, die Mitspieler des Schirmmützenliebhabers malten sich die Gesichter schwarz an und der Held selbst träumte von einem antirassistischen Benefizspiel, zu dem er berühmte Profis einladen wollte. Fans sollten Anti-Rassismus-Kurse bekommen: "Den ganzen Idioten erklären, wie es auf der Welt funktioniert – die haben keinen Horizont. Völkerkunde sollten diese Idioten im Knast kriegen", empfahl er acht Monate nach seinem großen Auftritt in Halle, der dem gastgebenden Halleschen FC ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit einbrachte.

Es war das letzte Mal, dass Adebowale Ogungbure zu irgendeinem Thema nach seiner Meinung gefragt wurde. Zwei Tage später beim Punktspiel gegen Plauen griff Adebowale Ogungbure seinen ukrainischen Gegenspieler Andrij Sapyschnyj mit einem Fausthieb ins Gesicht tätlich an, weil der ihm "rassistische Schmähungen" zugerufen habe. Ogungbure wurde daraufhin für vier Spiele gesperrt. Am Ende war es wie immer - der FC Sachsen verlängerte den Vertrag mit seinem hitzköpfigen Spieler nicht.

Doch noch einmal schien das Glück dem Verfolgten und Beleidigten zu lächeln. Zum ersten Mal seit seinem Abschied aus Nürnberg sieben Jahre zuvor wechselte Adebowale Ogungbure nicht in eine tiefere Liga, sondern nach oben, zu den Kickers Offenbach in die 2. Liga. Mit 26 im besten Fußballalter, endlich in den alten Bundesländern, wo Affenlaute nicht mehr gerufen werden, seit Oliver Kahn den Dienst quittiert hat.

In 15 Spielen für die Hessen holt sich Ogungbure vier Gelbe und zwei Gelb-Rote Karten. Dann verletzt er sich bei einem Zweikampf im Spiel gegen Greuth - ein Außenbandanriss im rechten Knie, der nach Meinung der Offenbacher Ärzte "konservativ behandelt" werden kann.

Seitdem ist der Held arbeitslos. Es droht das Karriereende. Nur einmal noch besucht ihn danach ein Zeitungsmann, der notiert, dass Ogungbure "nicht aufgesteckt" habe. Die Webseite "wir-sind-ade.de" ist inzwischen abgeschaltet. Von einem Benefizspiel gegen Rassismus ist keine Rede mehr. Es ist kurz vor Weihnachten 2008 und Ogungbure, dessen Vertrag auch der OFC nicht verlängert hat, "ist überzeugt, dass er einen neuen Klub finden wird".

Bis jetzt hat es nicht geklappt.

Wer hat es gesagt?

"Kommt lasset uns von Tonne zu Tonne eilen, um dem Müll eine Abfuhr zu erteilen."

Das Foto zeigt das Aufräum-Kommando der Berliner Stadtreinigung, das am Sonnabend direkt hinter den Wagen vom CSD-Umzug die Straßen säubert.

Freitag, 26. Juni 2009

Mysterium Michael

Michael Jackson, der gerade in einer beispiellosen Marketing-Aktion abgetretene "King of Pop", war zeitlebens eine rätselhafte Figur mit seinem Lindenberg-Hütchen und dem Seuchentuch vor dem auseinanderfallenden Gesicht. Noch viel rätselhafter als der demnächst wahrscheinlich als Tankwart in Tenessee wiederauftauchende Quietschsänger und Zeitlupentänzer sind seine Gefolgsleute: Binnen eines halben Tages haben sie die zuletzt im Regal angerosteten CDs des Toten auf neun der ersten zehn Plätze der Amazon-Hitparade gekauft.

Wie geht das? Was treibt die Menschen? Welcher Pawlowsche Reflex treibt jemanden vom Hören der Nachricht, dass ein zuletzt zurecht und gründlich vergessener Teeniestar der 80er Jahre tragisch verstorben ist, zur Handlung, sich umgehend eine CD des teuren Toten kaufen zu wollen? Die er dann sowieso erst kommenden Montag geliefert bekommt?

Haben die Fans nicht sowieso wenigstens das eine oder andere Album im Schrank? Und die jüngeren Jünger diese oder jene Raubkopie von "Billy Jean" auf der Festplatte, zu der sich heute Abend bei Kerzenlicht nochmal von der Zeit träumen lässt, die man nicht selbst erlebt hat? Oder ist es der Wunsch, den Hinterbliebenen ein paar Euro zukommen lassen zu wollen? Eventuell vielleicht der Wille, die darbende Musikindustrie zu retten? Ein Zeichen zu setzen für die Unsterblichkeit des Werkes nach dem Tod des Künstlers?

Zweckdienliche Hinweise und Bekennerbriefe wie immer unter politplatschquatsch@gmail.com.

Kachelverzeichnis geht online

Ein Mammutwerk ist es geworden, dieses erste große und allgemeine Kachelverzeichnis der mitteldeutschen Fliesenkunst, das Kacheologen aus vier Nationen nach jahrelanger Feldforschung in den Straßen und Gassen der sachsen-anhaltinischen Kulturhauptstadt Halle erstellt haben. Mit freundlicher Unterstützung der weltgrößten Suchmaschine Google, die ihre Angebote Maps und Google Earth exklusiv für die erste umfassende Dokumentation des einmaligen Versuchs öffnet, die City einer deutschen Großstadt komplett neu zu verfliesen, ist es gelungen, alle bislang bekannten Fundstellen von Kacheln aus der Käferserie, Keramiken der ikonografisch legendären "Fäuste"-Reihe, aus der fußballaffinen "Maradona"-Serie und den verschiedenen anderen Werken des rätselhaften Kachel Gott von der Saale in eine moderne Navigationslösung einzubetten.

Obwohl zuweilen noch unklar ist, welche Botschaft der von Kunstfreunden "Kachelmann" genannte Baukultur-Avantgardist mit seiner nächtlichen Kleberei zu verbreiten hofft, erwägt die Stadtinformation der Saalestadt inzwischen, eigene thematische Stadtführungen entlang der bislang erschlossenen Kachelwege anzubieten. PPQ geht als einzig offziell zugelassene Online-Galerie des künstlernden Fliesenlegers noch einen Schritt weiter: Mit Hilfe des zum Vertrieb im Apple-App-Store angemeldeten Kachelverzeichnisses sind ab sofort gebührenfreie virtuelle Rundgänge durch die mehrere Quadratkilometer große Freiluft-Galerie des Kachel-Giganten möglich.

Die internationale Kacheologie erhoffe sich von der neuen Applikation auch eine größere Aufmerksamkeit von Bundeskulturstiftung und die Unesco-Weltkulturerbekommission für die einmalige Kunstaktion im öffentlichen Raum", sagten Fliesen-Forscher bei der feierlichen Online-Schaltung der Virtual-Galerie in San Francisco.

Die Volksbewegung zur Entdeckung weiterer Fliesversuche an Hausfassaden müsse noch breiter werden, um die nach Ansicht einiger Experten vermutlich erst durch die Raumanordnung der Fliesen im Kartenbild erkennbare Botschaft des Kachelmannes an die Welt sichtbar zu machen. "Das Kachelverzeichnis, das quelloffen geführt wird", so hieß es, "ist vielleicht nur ein kleiner Schritt für den Internet-Giganten Google, aber ein großer Sprung nach vorn für die internationale Kacheologie."

Bomben statt Brücken

Die Liste der Stätten, die nach Ansicht der anonym agierenden Weltkulturerbekommission der Unesco zum Weltkulturerbe gehören, lässt keinen Zweifel daran, dass wertvoll meist nur ist, was vom Zahn der Zeit so richtig schon zerbissen wurde.

Auch Dresden wäre vermutlich auf der vielbeschriebenen und wenig gelesenen Liste der allmächtigen, aber ohne demokratische Legitimation, erkennbare Mitglieder, nachgewiesene fachliche Kenntnis, persönliche Verantwortlichkeit und Widerspruchsrecht agierende Kommission geblieben, wenn es noch im Originalzustand nach der Zerbombung gegen Ende des zweiten Weltkrieges wäre. Dann könnte die sächsische Kulturmetropole gleiches Recht für alle reklamieren: Die Buddhastatuen von Bamian nämlich wurden ja von den Taliban nicht nur mit einer Brücke überhaut, sondern in die Luft gejagt.

Ihren bis heute bestehenden Status als Weltkulturerbestätte aber haben sie durch ihr bloßes Nichtmehrvorhandensein so wenig verloren wie die kubanische Hauptstadt Havanna den ihren durch die Tatsache, dass die Stadt dank der Bemühungen der übrigens derzeit gerade in der Weltkulturerbekommission vertretenen kubanischen Regierung schneller vergammelt, zerfällt und auseinanderbricht als sie Bomber Harris kaputtbomben hätte können.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Alles fliest


Vor ein paar Tagen schrieben wir: "Das blaue Auge deutet auf eine vertiefende Beschäftigung mit religiösen Mythen aus Vorderasien hin, nimmt aber gleichzeitig das Blau der Maradona-Motivs auf." Doch das ist nicht alles. Der Kachelmann Halles, seit einiger Zeit besser als "Kachel Gott" bekannt, musealisiert seine Werke nicht durch Unveränderbarkeit. Vielmehr ist des öfteren serielles Arbeiten wie bspw. bei Andy Warhol zu begutachten. Motive werden variiert, in neue Kontexte gestellt und immer neu und anders erfahrbar gemacht.

Das blaue Auge linst also in mindestens zwei Varianten in die Stadt und schafft so eine Koinzidenz von Blick und Gegenblick, die das Auge des Betrachters mit dem Auge des Schöpfers auf einer quasi astralen Ebene kurzschließt. Wieso die UNESCO der kompletten Fliesung eines anhaltischen Oberzentrums die Anerkennung als Weltkulturerbe beharrlich verweigert, obwohl nicht die winzigste Brücke den Blick auf auch nur eine Kachel versperrt, wird immer schleierhafter.

Dresden und die Rache der Enterbten

Eigentlich mag es die Uno-Welterbekommission ja kaputt. Die meisten der als "Welterbe" in eine umfängliche Liste geschriebenen Orte und Plätze auf Erde sind Ruinen oder - wie die Altstadt Havannas oder die Lehmruinen von Shibam im Jemen (Bild oben) - doch wenigstens auf einem guten Weg dorthin.

Auch das Dresdner Elbtal wird nun nach Ansicht der Unesco-Welterbekommission, in der derzeit Staaten wie Kuba, Marokko und Mauritius sitzen, demnächst irreversibel zerstört, wenn die geplante Waldschlösschenbrücke "die Kulturlandschaft mit ihren Flussauen zerschneidet". Doch zum Weltkulturerbe wird das Elbtal deshalb nicht ernannt, stattdessen verliert es nach fünf Jahren erfolgreichen Jahren als wertvoller Teil des Welterbes seinen Titel. Dresden ist nun eine Stadt wie jede andere, auf Augenhöhe mit Hohenmölsen in Sachsen-Anhalt, Seligman in Utah und dem Städtchen Hammamet in Tunesien. Nichts zu sehen dort in Sachsen, sagt die Unesco, nix wert, was es zu sehen gibt, "gucke se dich an, Rambo, alles kaputt hier nach der Wende" (Elsterglanz).

"Die Blamage ist jetzt amtlich", knirscht der "Spiegel", der traditionell vom Blamagen lebt. Da bricht ein Pfeiler weg, der die Berichterstattung des ehemaligen Nachrichtenmagazins drei Jahre lang prägte. Denn nun ist das Thema nun hoffentlich auch durch. Das Elbtal wird es weiter geben, glaubt auch Zettel, und es wird weiter schön aussehen für jeden, der Augen im Kopf hat und Dresden wird weiter Touristenströme anlocken. Nur von der Welterbekommission mit ihren anonymen Mitgliedern, die in den letzten drei Jahren deutschlandweit weltbekannt wurde, weil sie drohte, Dresden den Titel abzuerkennen, wird man künftig nichts mehr hören.

Äpfel nur nach Ampel-Norm

Die EU-Kommission, eben noch von einer begeisterten Fast-Mehrheit ihrer Bürger im Amt bestätigt, macht endlich ernst mit dem rigorosen Abbau von bürokratischen Hemmnissen. Ab heute setzt die Europaregierung die häufig kritisierten Regeln außer Kraft, nach denen Obst und Gemüse eine bestimmte Form und Größe haben muss, wenn es in der EU verkauft werden dürfen soll.

Die sogenannten Vermarktungsnormen für 26 Arten Obst und Gemüse sind ab sofort aufgehoben, teilten die Eurobürokraten mit. Die Initiative der Kommission, diese Normen abzuschaffen, sei "ein wichtiges Element der laufenden Bemühungen, die EU-Regeln zu straffen und zu vereinfachen sowie die Bürokratie abzubauen"

Dies bedeute einen Neuanfang für die krumme Gurke und die knorrige Karotte, freut sich die für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung zuständige Kommissarin Mariann Fischer Boel. "Es ist ein konkretes Beispiel für unsere Bemühungen, unnötige Bürokratie abzubauen". Ohnehin sei es "sinnlos, einwandfreie Erzeugnisse wegzuwerfen, nur weil sie die 'falsche' Form haben". Das sei den Kommissionsmitgliedern in den zurückliegenden Jahren, in denen krumme Gurken erfolgreich hatten vom Markt gedrängt werden können, mehr und mehr klargeworden.

Vor allem auch, weil dei krumme Gurke zum Imageproblem der Eurokraten wurde. Mit großer Geste werden Aprikosen, Artischocken, Spargel, Auberginen, Avocados, Bohnen, Rosenkohl, Karotten, Blumenkohl, Kirschen, Zucchini, Gurken, Zuchtpilze, Knoblauch, Haselnüsse in der Schale, Kopfkohl, Porree, Melonen, Zwiebeln, Erbsen, Pflaumen, Staudensellerie, Spinat, Walnüsse in der Schale, Wassermelonen und Chicoree nun in die Freiheit des Wildwuchses entlassen. Ein Fest für alle Europa-Fans, das nur leicht getrübt wird durch die Tatsache, dass die Vermarktungsnormen für Äpfel, Zitrusfrüchte, Kiwis, Salate, Pfirsiche und Nektarinen, Erdbeeren, Gemüsepaprika, Tafeltrauben und Tomaten weiter bestehen bleiben.

Die Mitgliedstaaten könnten, so versichert die Kommission aber auch diese Früchte, die ohnehin nur drei Viertel des EU-Handelswerts mit Obst und Gemüse ausmachen, von den Normen ausnehmen. Dazu müssten sie entbürokratisierungsmäßig allerdings im Einzelhandel mit einer entsprechenden Kennzeichnung verkauft werden: Jeder Apfel, der nicht nach der Norm gewachsen ist, müsse nur ganz einfach von einem EU-Handelskommissionsmitglied als unbedenklich zertifiziert, im EU-Apfel-Zentralverzeichnis mit den DNA-Proben nicht-handelsfähiger Apfelsorten abgeglichen, mit einem Etikett nach der neuen Ampel-Norm als "zur Verarbeitung bestimmtes Erzeugnis" gekennzeichnet und vom Verbraucher, der zuvor eine Haftungsverzichtserklärung in drei Kopien zu unterzeichnen und von einem Notar zu beglaubigen hat, beim Verzehr durch "geeignete technische Maßnahmen" dokumentiert werden.

Verbot der Woche: Verfassungsfeindliche Vokabeln

Endlich Klarheit für alle, die bisher nicht wussten, was hierzulande im Rahmen der großen PPQ-Serie "Verbot der Woche" genau schon verboten und was vielleicht doch noch erlaubt ist. Das Bundesverfassungsgericht hat jetzt klargestellt, dass die Wortkombination "die Fahnen hoch“ nicht in der Öffentlichkeit verwendet werden darf. Wer es dennoch tut, macht sich strafbar. Das höchste deutsche Gericht bestätigte damit die Verurteilung eines fränkischen NPD-Kreisvorsitzenden wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen: Der Mann hatte bei einer Parteiversammlung ein T-Shirt mit diesem Aufdruck getragen und damit gegen die Verfassung verstoßen.

Die Wortkombination "die Fahnen hoch“, so das Bundesverfassungsgericht, sei dem Textbeginn des Horst-Wessel-Liedes ("Die Fahne hoch“) und damit der Parteihymne der NSDAP zum Verwechseln ähnlich. Der Umstand, dass hier im Gegensatz zum Original die Mehrzahl verwendet worden sei, ändere daran nichts. Bis auf Weiteres bleiben die drei einzelnen Worte "die", "Fahnen" und "hoch" allerdings erlaubt, ebenso wie "die Hände hoch" weiter in Kriminalfilmen verwendet werden darf. Eine freiheitliche Gesellschaft müsse das ertragen können. Auch "geil", das dem im Hitler-Gruß verwendeten "Heil" nahekommt, und ""Riddler", ein Begriff aus einem US-Comic, dürfen für eine Übergangszeit noch benutzt werden, nicht jedoch der Satz "Wes Brot ich ess", da er der Wessellied-Zeile "Der Tag für Brot bricht an" zu ähnlich sieht.

In einem "Zugangserschwerungsgesetz für verfassungsfeindliche Vokabeln" (ZEGfvV) will die Bundesregierung nun noch vor der Sommerpause eine amtliche Liste erlaubter Sätze und Formulierungen verabschieden, um "Rechtsklarheit für jeden Bürger herzustellen", wie es aus Koalitionskreisen hieß.

Reichtum macht arm

Alarmierende Nachrichten kommen dieser Tage aus den Kreisen der Reichen und Superreichen. Jahrelang klaffte die Schere zwischen denen und der Normalwelt der Armen und Allerärmsten immer weiter auseinander - jetzt aber droht neues Ungemach, denn ausgerechnet die Reichen werden nun immer ärmer. Wie unser kleines Millionärs.Board PPQ bereits vor Monaten warnte, hat die Finanzkrise ausgerechnet die "High Net Worth Individuals" besonders hart getroffen. Die Zahl der Millionäre schrumpfte im vergangenen Jahr um 14.9 Prozent, die Gruppe der Ultrareichen mit einem Vermögen von mindestens 30 Millionen Dollar verlor sogar ein Viertel ihrer Mitglieder.

Das Gesamtvermögen der Besitzer von millionenschweren Vermögen sank nach dem Wealth-Report von Merrill Lynch/ Capgemini insgesamt in einem Jahr um 19.5 Prozent und beträgt nun nur noch 32.8 Milliarden Dollar - soviel wie zwei Jahre zuvor.

Die Top-Reichtumsländer sind immer noch die USA, Japan und Deutschland. In ihnen leben rund 54 Prozent aller Reichen und Superreichen. Grossbritannien hingegen ist von China überholt worden, auch in der Schweiz hat die Zahl der Millionäre abgenommen. Im letzten Jahr gab es nur noch 185300 Dollar-Millionäre in der Schweiz - 26600 weniger als 2007.

Weil Nicht-Vermögensbesitzer im gleichen Zeitraum überhaupt kein Geld verloren, klappte die Schere zwischen Armn und Reich erstmals seit dem Jahr 2000 zusammen. Allerdings am wenigsten in Deutschland - hier ging die Zahl der Millionäre nur um 2.7 Prozent auf derzeit 809700 Millionäre zurück, die im Durchschnitt nur zehn Prozent ihres Vermögens verloren. In Japan hingegen sank die Zahl der Millionäre um fast zehn Prozent, entsprechend schneller näherten sich Reich und Arm an.

Schuld am Zurückbleiben Deutschland ist die Angst der deutschen Großanleger vor zuviel Risiko bei ihren Investitionen. Statt wie die staatseigenen Landesbanken in fragwürdige amerikanische Immeobilienkredite, undurchschaubare Lehman-Zertifikate und wacklige Optionen zu investieren, blieben dei Reichen konservativ und auf Vermögenserhalt bedacht. Die Bundesregierung erwägt nunmehr, Reiche und Superreiche künftig mit Hilfe einer Invest-Abgabe zu zwingen, wie die Staatsbanken KfW und IKB auch Schrottpapiere zu kaufen. Sozial sei, was bei Reichen Armut schaffe, denn wenn das Kamel nicht durchs Nadelöhr gehe, müsse wenigstens in breitere Himmelstüren investiert werden.

Menschen wie Götter

Was der Kachel Gott von Halle für die deutsche Kunst-Keramik im öffentlichen Raum, ist Jeremy Enigk aus Seattle für den popmusikalischen Obertongesang.

Ein Klassiker aus der Emo-Rock-Kiste, die damals gerade den Aufdruck The Fire Theft trug, ist des Barden Nummer "Heaven" - eine Art Schlüssel zum gottesfürchtigen Gesamtwerk. An guten Tagen kann Enigk das Stück auch in dieser Höhe souverän singen, dieser hier auf Youtube dokumentierte Versuch hingegen geht nicht ganz schief, aber auch nicht ganz gut. Nur ein Mensch, der Rock-Gott. Ist das nicht schön?

Mittwoch, 24. Juni 2009

Hoch soll er kleben

Es sind seine produktivsten Tage, diese Wochen und Monate im Strudel der Finanzkrise. Der hallesche Fliesenleger, von Kachelogen und Fliesenfans mittlerweile liebevoll "Kachel Gott" genannt, führt sein Projekt der Neuverfliesung der gesamten Innenstadt mit beeindruckender Konsequenz weiter: Beinahe täglich melden Kachel-Spotter neue Funde an ungewöhnlichen Orten, fast scheint es manchmal, als spiele der große unbekannte Kachel-Katz und Maus mit seiner beständig anwachsenden Gefolgschaft, die hier auf PPQ eine zentrale Anlaufstelle mit einer umfassenden Online-Galerie des Riesen gefunden hat. In der Geiststraße ist er jetzt wieder aufgetaucht und hat, direkt neben eine kürzlich erst dokumentierte grellgrüne Fliese, ein bislang einzigartiges Exemplar aus lauter kleinen Mini-Kacheln geklebt - in zirka drei Metern Höhe.

Die Kacheologie bestaunt die neue Volte im künstlerischen Schaffen des nach neuesten Vermutungen von führenden Fliesenforschern wohl tatsächlich mit Hilfe einer Leiter arbeitenden Meisters, der noch immer unter dem Radar der Wahrnehmung breitester Bevölkerungsschichten kachelt.

Das Gesamtwerk des enigmatischen Keramikers soll jedoch nun demnächst in einem eigenen Kachelverzeichnis nach dem Vorbild des vor Jahren vom Heimatdichter und Kunstfreund Mike Bach erstellten Köchelverzeichnisses für Graffitikunst im Vorharz im Überblick erschlossen werden. Fördermittelanträge an die Bundeskulturstiftung und die EU sind unterwegs. Google Maps hat indes bereits zugesagt, als Sponsor und Datenlieferant für das notwendige Kartenmaterial bereitstehen zu wollen.

Größer, langsamer, weiter

Ganz großer Bahnhof bei der Übergabe vom Bahnhof auf dem in Bau befindlichen Großflughafen Berlin Brandenburg International, kurz BBI. Der unterirdische Rohbau des 405 Meter langen und 60 Meter breiten zukünftigen Flughafen-Bahnhofes wurde nun im Beisein von Tiefensee, Platzeck und natürlich uns Wowereit an die Bahn zum Weiterausbau übergeben. 635 Millionen Euro kostet allein das Bahn-Vorhaben am BBI.
Doch wenn am 30. November 2011 BBI und auch der dazugehörige Bahnhof tatsächlich eröffnen sollten (was zu bezweifeln ist), werden hier noch lange keine ICE oder Regionalexpress-Züge halten. Denn um eine schnelle Direktverbindung zu gewährleisten (versprochen sind 20 Minuten vom Hauptbahnhof), müsste die Bahn auf direktem Wege vom Berliner Hauptbahnhof nach Schönefeld fahren. Aber das geht nicht. Denn wenn auch der Widerstand gegen BBI an sich unterdessen recht müde, und eigentlich auch sinnfrei geworden ist, waren die Lichtenrader Anwohner bisher erfolgreich. Sie verhinderten bis jetzt den Ausbau der so genannten Dresdner Bahn. Eine Strecke, die momentan noch (inklusive Bahn-Kurbel-Schranken-Übergang)mitten durch Lichtenrade führt. Aber da fahren eben nur S-Bahnen. ICE und Expresszüge will dort niemand vorbei rasen sehen. Eine Baugenehmigung wurde deshalb bisher nicht erteilt. Und ist auch nicht in Aussicht. Selbst wenn, könnte es Jahre bis zum Bau dauern.
Also werden die vielen Urlaubssüchtigen und Business-Vielflieger und alle die anderen Fluggäste schön mit der S-Bahn nach Schönefeld gurken müssen. Etwa 40 bis 50 Minuten braucht diese dazu. Inklusive Warte- und Fußwegezeiten also eine Stunde und mehr. Da wird sich wohl der eine oder andere, zumindest im Westen oder Süden wohnende Berliner, für den ICE zum Flughafen Leipzig entscheiden. Von dort kann man indessen auch (fast) in die ganze Welt fliegen.

Zum BBI kommen dann aber zum Troste Berlins wenigstens noch die Nachbarn. So zumindest Klaus Wowereit: "Polen ist ein großes Einzugsgebiet für BBI." Und für Spargelerntehelfer.

Vernunftbegabt ja

Vernunftbegabt ist er, der Mensch. Aber vernünftig, nein, vernünftig ist er nicht.

Europa ist empört

EU verurteilt brutale Gewalt im Iran, meldet das endgültige Satire-Magazin Titanic. Und das wurde auch höchste Zeit:

Die Europäische Union hat die brutale Gewalt gegen Oppositionelle im Iran scharf verurteilt. Daß es der iranischen Regierung nicht gelinge, Proteste mittels sanfter und gut versteckter Staatsgewalt kleinzuhalten, daß sie statt dessen mit (im Internet gut dokumentierbarer) roher Gewalt reagiere, deute auf den niedrigen Grad der zivilisatorischen Entwicklung im Iran hin, teilte ein EU-Sprecher mit. Es sei regelrecht rückständig, politische Konflikte nicht durch Scheingefechte in vorgeblich kritischen Medien abzufedern und die restliche Renitenz der Bevölkerung mit Konsumanreizen zu ersticken. "Die Mullahs müssen einfach eingestehen, daß ihre Methoden ineffektiv sind", so der Sprecher, "und daß man von der westlichen Zivilisation einiges lernen kann." Vor allem könne sich der Iran ein Vorbild daran nehmen, wie man eine Wahl überflüssig und uninteressant werden lasse - so wie etwa kürzlich die der EU.

Versteckte Scharlatane

Bill Clinton ist laut MarketWatch der eigentliche Schuldige an der Finanzkrise. In den drei letzten Jahren seiner Amtszeit habe der Ex-Präsident ein fruchtbares Umfeld für "Immobilien-Scharlatane" und Verstecke für Wall-Street-Schwindler geschaffen.

Marketwatch schließt sich damit mit nur acht Monaten Verspätung einer Analyse an, die hier im kleinen Immobilienanleger-Blog PPQ im Oktober 2008 zu lesen war. Noch zwei, drei Jahre, dann dürften der "Spiegel" folgen und mit ihm wie immer der ganze Rest vom Schützenfest.

You Weren´t There

Die große Frage dieser Tage ist ja eigentlich, ob man gezwungen ist, sich für die Vorgänge im Iran zu interessieren. Ob man für bare Münze nehmen muss, was einem von Leuten erzählt wird, die sich von anderen leuten etwas haben erzählen lassen, ob man Scholl-Latour trauen soll, der wenigstens im Ungefähren bleibt, oder der "Bild"-Zeitung, die Bilder und Filme dokumentiert, aber hinzufügt, dass sie leider nicht prüfen könne, ob das Blut Blut oder vielleicht Erdbeermarmelade ist.

Die BBC hat nach Recherchen von SchallundRauch gestern eine Nachricht über Demonstrationen der Opposition im Iran mit einem Bild illustriert, das eine Demonstration von Anhänger Ahmedinedschads zeigte - nur den Wahlsieger oder Wahlbetrüger hatten sie weggeschnitten. So harsch falsch fällt es natürlich auf, für alles andere bleibt nur der New-Model-Army-Song "You weren´t there" als Soundtrack: All this information swims round and round / like a shoal of fish in a tank going nowhere / Up and down between the glass walls. Was es bedeutet aber weiß man nicht.

Well, you say it's such a small, small world
flying Club Class back from the far-east
curled up safe and warm in the big chair
you were drifting through the skies of anywhere
Get the courtesy car to the Sheraton
there's live on-the-spot reports on the CNN between the ad-breaks
so you think you know what's going on - but you don't
because you weren't in Belfast, no you weren't there
and no you weren't in Waco, no you weren't there
and you weren't in Kosovo, you weren't there
and you weren't in my head so you don't know how it felt
walking arm in arm with crowds to the square
and the banners waving and the sun glinting

All this information swims round and round
like a shoal of fish in a tank going nowhere
Up and down between the glass walls
You're so safe in the knowledge they're impenetrable
and you look out at the world and see nothing at all
so go back to sleep and you'll be woken when the time comes
and you'll never know just what hit you or where it came from
because you weren't in Bradford, no you weren't there
and you weren't on the hill, no you weren't there
and you weren't with us so you never saw
just what happened when the television crews came knocking on the door
how the people told them all to go to Hell,
smashed the cameras and sent them away
There were sirens going off and policemen coming in
and all that you love was being swept away
in the rush of a black tide all done in your name
and you'll never know just what happened there
or how it feels - just how it feels . . .

Dienstag, 23. Juni 2009

Wer rettet die Piraten?

Empörendes meldet Das Wirtschaftsblatt von den wüsten Gestaden der somalischen Piratenküste. Ein russischer Kreuzfahrtunternehmer bietet dort jetzt reichen Russen Jagdausflüge an, deren Wild die wilden Piraten auf der gefährlichsten Wasserstraße der Welt bilden.

Das Kreuzfahrtschiff ist dabei der Köder für die Piraten, versuchen sie, das scheinbar harmlose Schiff zu entern, erleben die Afrikaner ihr blaues Wunder. "Statt wehrloser Handelsmatrosen", fantasiert das Wirtschaftsblatt, "stehen ihnen bis an die Zähne bewaffnete russische Touristen gegenüber".

Ein Tag an Bord des gecharterten Kreuzfahrschiffes kostet 5.790 Dollar. Dafür wird aber solange geschippert, bis die echten Piraten auch wirklich angreifen. Mindestens ein Piratenüberfall mit Kaperungsversuch wird vom Reiseunternehmer garantiert.

Eine Maschinenpistole des Typs AK-47 kann von den russischen Kreuzfahrtpassagieren an Bord für 9 Dollar am Tag gemietet werden. 100 Schuss Munition kosten 12 Dollar. Ein Granatwerfer kostet 175 Dollar am Tag. Dazu gehören drei Granaten, die im Mietpreis enthalten sind. Die Benutzung eines an der Reeling fest installierten Maschinengewehres soll 475 Dollar kosten.

Damit die Piraten aber nicht doch noch auf dumme Ideen kommen, erhalten die reichen Russen einen Extra-Personenschutz. An Bord des Schiffes halten jederzeit zahlreiche ehemalige Mitarbeiter russischer Sondereinsatzkommandos ein wachsames Auge auf die Gäste. Die russischen Elitekämpfer sollen vor allem in der Nacht für Sicherheit auf dem Kreuzfahrtschiff sorgen - welche Festnahmeregeln im Falle eines wirklichen Überfalls gelten und ob die Bundesmarine wirklich auslaufen wird, um die bedrohten Flibustier vor den ballergeilen Ruthenen zu schützen, wird in einer Uno-Sicherheitsratssondervorstellung Ende August entschieden, die Ergebnisse sollen dann im Wahlkampf verwendet werden.

Woche der Wahrheit bei McDoof

Ist denn schon wieder Woche der Wahrheit? Oder was haben sie den Welterklärern bei Welt und Stern in den Kaffee getan? Erst der Dauerrenitent Broder, der von Israel aus erklärt, dass sich die deutsche Politik ihre NPD nur hält, um eine Trommel zu haben, auf die man draufschlagen kann, wenn das Volk in die falsche Richtung guckt. Und nun Stern-Schreiber Walter Wüllenweber, dem die Tinte zu Sätzen gerinnt, die nach Protestdemo nur so schreiben:

In Deutschland haben die Armen Geld genug. Sie besitzen Spülmaschinen, Mikrowellenherde, DVD-Spieler, meist mehrere Fernseher, die neuesten Handys sowieso. Das listen die Erhebungen des Statistischen Bundesamtes detailliert auf. Hartz-IV-Empfänger verfügen heute über einen höheren materiellen Lebensstandard als westdeutsche Facharbeiter in den 1970er Jahren oder 16 Millionen DDR-Bürger kurz vor der Wende.


So wahr, so klar, so unbeendet. Denn gerade wo keine Armut ist, muss sie bekämpft werden, daran lässt auch Wüllenweber keinen Zweifel. Nur "wenn das Haben der einzige Maßstab zur Beurteilung von sozialen Situationen wäre, wenn nur das monatliche Haushaltseinkommen zählen würde - dann könnten wir uns zufrieden zurücklehnen", schreibt er, denn "dann müssten wir uns um die soziale Gerechtigkeit in Deutschland keine Gedanken machen".

Was wäre das aber für eine Welt? Alle lässig zurückgelehnt, unreich, aber auch unarm! "Soziale Gerechtigkeit" heißt doch eben gerade "soziale Gerechtigkeit", weil sie mit Gerechtigkeit wenig, mit Wortklauberei aber viel zu tun hat. Merke: Wo es kein Gegenteil für einen Begriff gibt, gibt es auch keinen Begriff. Das gilt grundsätzlich, also auch für "soziale Gerechtigkeit", deren Widerpart ja die "unsoziale Gerechtigkeit" sein müsste. Ein Wort, das selbst in einer langen Merkel-Rede auffallen würde.

Beschrieben wird also, was es gar nicht gibt, ein Ziel, das als Zustand unerreichbar bleiben muss, weil es weder definiert noch definierbar ist. Wüllenweber setzt mit den üblichen Vokabeln nach: "Chancengleichheit" und, das scheint ein neuer Einfall, "Chancenungerechtigkeit". Ist aber Gerechtigkeit schon hergestellt, wenn jeder gleich oft würfeln darf? Oder doch erst, wenn jeder die gleiche Zahl an Sechsen beisammen hat?


"Die Almosen vom Staat sind nur ein Schmerzmittel", formuliert der Stern-Schreiber scharf, sie machten "die Benachteiligung erträglich, aber sie beseitigen sie nicht".

Was durchaus im Interesse von Staat und Teilen der Armen liegt, würde man gern hinzufügen, rührte das nicht an ein hierzulande besonders liebevoll respektiertes Tabu. Das befiehlt strikt, mehr Bildung zu fordern, wo ein gern spätaufstehender Genußtrinker mit seinem Leben durchaus zufrieden ist. Es fordert, für mehr Förderung zu plädieren, wo Faulheit und Selbstgenügsamkeit die einzigen Hürden auf dem Weg zur selbstfinanzierten Existenz sind. Und es verlangt, niemals zu erwähnen, dass "Chancengleichheit" als Voraussetzung für "soziale Gerechtigkeit" so lange nicht zu erreichen sein wird, wie Menschen dumm oder schlau, klug oder dämlich, schnell oder lahm und schön oder häßlich geboren werden.

Deukisch

Scheiß auf die Pisa-Studie. Die Berliner Jugend spricht eh nur noch Deukisch. Kein Wunder, geschrieben wird es ja auch.

Gesänge fremder Völkerschaften: Poguen in Polen

Brücken zu bauen nicht nur im Elbetal, sondern weltweit, mit diesem Anspruch ist das Völkerkunde-Board PPQ vor Jahr und Tag angetreten, die verschiedensten musikalischen Entäußerungen der Völker dieser Welt in einer allumfassenden Datenbank der Gesänge fremder Völkerschaften zu bündeln. Ob Saxophon in Schanghai, schüchterner Dylan in Los Angeles oder singender Jangtse-Treidler in China - in der aural nicht immer museumswürdigen Ausstellungen klingender Kurz-Skulpturen hat alles Platz, was singt und drei Akkorde kennt. So auch unsere neueste Entdeckung, der polnische Pogues-Nachbau Trzy Majtki aus Gdansk, das früher Danzig war und noch früher Gdansk. Trzy Majtki heißt allem Anschein nach "Drei Matrosen", auf der Bühne und auf der Cover der CD sind vier Männer abgebildet, die im Auftreten zwischen Red-Hot-Chilli-Peppers-Bassist und Computer-Nerd changieren. Ihre Musik nennen sie "Shanty", für uns klingt es ein bisschen nach den fabelhaften Mora Per aus Schweden, die eine PPQ-Expedition im vergangenen Jahr entdeckte. Was keineswegs mit der Tatsache im Zusammenhang gesehen werden darf, dass das epochale neue Album "Brev till en vän" bisher ein Geheimtipp geblieben ist.

Fremde Federn: Nachgeholter Widerstand

Rituale dürfen nicht so genannt werden, denn sobald der Mythos zum Dogma erstarrt, ist er tot. Henryk M. Broder unterlässt es trotzdem nicht, die Dinge zu nennen, was sie sind - gerade eben in der Welt, die seine Rede "Das Undenkbare denken" nachdruckt. Wer bisher nicht wusste, was die "rechte Gefahr" in Deutschland ist und wozu die NPD gebraucht wird, darf es sich hier erklären lassen. Von einem Juden, falls jemandem das wichtig ist.

Lassen sie sich, schreibt Broder, "von den Berichten über die Umtriebe der NPD nicht täuschen. es droht keine zweite Machtergreifung, die NPD ist ein öffentlicher Störfaktor, aber politisch ist sie vollkommen irrelevant. Niemand will mit ihr etwas zu tun haben. Die Partei hat Mühe, eine Bank zu finden, bei der sie ein Konto eröffnen könnte: Zu sagen, die Nationaldemokraten seien politische Außenseiter, wäre schon eine Schmeichelei, sie sind Aliens auf einer Umlaufbahn, auf der sie ganz allein ihre Runden drehen. wobei sie gelegentlich abstürzen und verglühen. Wie kommt es, werden Sie nun fragen, dass so viel über die NPD geredet und geschrieben wird? Ich will Ihnen diese Frage gerne beantworten.

Sich gegen die NPD zu positionieren, ist der einfachste Weg, sich als Demokrat zu präsentieren. Es ist eine Form des nachgeholten Widerstandes gegen die NSDAP. Weil man damals versagt hat, will man heute nicht versagen. Unter dem Motto „Wehret den Anfängen“ treten Demokraten gegen einen Feind an, den sie erst mit der Lupe suchen müssen. Mehr will ich dazu nicht sagen. Das bedeutet freilich nicht, dass es im wiedervereinigten Deutschland keinen Antisemitismus mehr geben würde. Natürlich gibt es ihn, so wie es ihn in jedem anderen europäischen Land gibt, in einem mehr, im anderen weniger."

Montag, 22. Juni 2009

Canaletto-Blick mit Betoneinfassung

Es ist ein gar seltsames Ding um den grandiosen Blick auf das Elbtal, den die Unesco-Weltkulturerbekommission vor einigen Jahren in den Rang eines zu erhaltenden Erbstücks der Menschheit erhob.

Und das Seltsame ist nicht etwa die Tatsache, dass das natürlich entstandene Tal als menschliches Kulturerbe gilt, nicht aber aber das Grüne Gewölbe, der Zwinger und der Rest der kulturträchtigen sächsischen Metropole. Nein, verwunderlich ist, dass das, was da "Welterbe" genannt wird, genaugenommen nur in der Vorstellung der Welterbekommission existiert.

Der unverstellte Blick das Elbtal entlang ist nämlich eine reine Vorstellung, die sich in der Praxis seit jeher genausowenig verwirklichen läßt wie ein freier Blick den kompletten Grand Canyon in Nevada entlang. An der Stelle, an der die Brückenfeinde monatelang protestierten, wird die Dissonanz zwischen vermeintlich vor der Zerstörung stehendem Weltkulturerbe und der Realität schnell erkennbar: Das Hochufer, von dem aus der Blick die klassischen Flußbiegungen entlangschweifen sollte, ist bis auf 15 Meter Höhe mit Bäumen und Gebüsch zugewachsen. Auch von der erhöhten Terasse der Waldschlösschen-Brauerei geht der Blick nur ins Blattwerk. Man muss schon einen Kran besteigen, den man extra mitgebracht hat (Bild oben), um das Welterbe erahnen zu können.

Und sieht dann vor allem einen wuchtigen Brückenbau aus DDR-Zeiten, den der "Tagesspiegel" jetzt auch zum ersten Mal entdeckte. Was den Autoren des Hauptstadtblattes zehn Jahre nach Beginn des Brückenstreits zur Frage veranlasste, was hier eigentlich womit noch zerstört werden könne, wo doch die Silhouette aus Blickrichtung Waldschlösschen ohnehin von häßlichen DDR-Hochhäusern bestimmt sei. Weltkulturerbe. Canaletto-Blick mit Betoneinfassung.

Diese Frage aber wird sonst sowenig gestellt wie überhaupt nach dem Blick gesucht wird, der angeblich durch den Brückenbau zur Vernichtung freigegeben wurde. Seit Jahr und Tag diskutiert Deutschland aufgeregt, wie sehr Dresden der Verlust des Titels schaden könne, von dem höchstwahrscheinlich 97 Prozent der Weltbevölkerung gar nicht wissen, dass es ihn überhaupt trägt. Oder wussten Sie, dass die Unesco einem Antilopen-Schutzgebietes im Oman, das 1994 in die Liste aufgenommen worden war, den Titel vor zwei Jahren wieder aberkannte?

Wir hier beim Welterbeschutz-Blog sind natürlich nur deshalb nicht in den Oman gefahren. In Dresden tun es uns schon zehn Prozent der Touristen nach, behauptet ein leitender Brückenfeind und Museumschef in Dresden - allein wegen des Streits kommen sie nicht mehr. Wirtschaftskrise? Nie gehört! Einbrechende Touristenzahlen von Warnemünde bis Heidelberg? Kann nicht sein. Auch die jüngste Gewinnwarnung der Lufthansa hat ihre Ursache mit Sicherheit im Brückenstreit.

Die finden aber sicher schnell neue Ziele. Ganze 35 neue "Weltkulturerbestätten" will die Unesco den bisher geadelten 878 in 145 Staaten auf der Welterbeliste hinzufügen, zu denen unter anderem die welterbegerecht langsam wegfaulende Altstadt von Havanna gehört. Neu hinzukommen jetzt die Ruinen von Loropéni in Bukina Faso, die Altstadt der ehemaligen Hauptstadt Ribeira Grande auf Cap Verde und der heilige Berg Sulaiman in Kirgistan.