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Montag, 25. Februar 2013

Sportwetten: Der abgesagte Gratis-Kampf

All die ganzen Jahre war die Gefahr greifbar nahe. Sportwetten, so hatten es die Staatskanzleien der Länder beschlossen, bedrohen den Wohlstand der Wähler, der schnelle Online-Tipp auf den Sieg des Lieblingsvereines sei gehalten, brave Familienväter in die Glücksspielsucht zu treiben, Familien obdachlos zu machen und - vor allem - die Einnahmen der Länder aus den eigenen Lottokonzernen zu mindern. Sportwetten und Deutschland, das war ein Kapitel der Weltgeschichte mit allen Merkmalen eine misslungenen Komödie: Der Fußballverein Werder Bremen fuhr nach einem Gastspiel beim 1. FC Magdeburg mit einer Strafanzeige im Gepäck nach Hause, weil der Bremer Brustsponsor Bwin in Sachsen-Anhalt illegal war. Die Verantwortlichen des spanischen Klubs Real Madrid mussten fürchten, bei einem Champions League-Spiel in Deutschland wegen illegaler Wettwerbung verhaftet zu werden. Und die altehrwürdige ARD geriet in Erklärungsnöte, als sie ein Freundschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Österreich übertrug, bei dem über die halbe Spielzeit unübersehbar die Bandenwerbung für den daheim in Deutschland verteufelten Glücksspielkonzern zu sehen war.

Man übernehme das komplette Signal von den österreichischen Kollegen und könne nichts dafür, wenn dort auch verbotene Inhalte enthalten seien, fand die ARD-Pressestelle eine ganz eigene Interpretation von Rechtmäßigkeit, die allerdings Bestand hatte, weil niemand ein Interesse zeigte, glücksspiel-kontaminierte Sportübertragen nach deutschem Recht zu beurteilen. In Absprache mit der Bundesregierung einigten sich die Länderchefs, konsequent wegzuschauen. Bei Nachfragen wies etwa Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff darauf hin, dass er "umfassende Internetsperren" für ganz Deutschland einführen werden, die dann alle in anderen europäischen Ländern legalen Wettanbieter draußen halten würden, um Deutsche daran zu hindern, weiter Haus und Hof bei gewagten Wetten auf Siege von Bayern München zu verspielen.

Ein Versprechen, das Haseloff nicht gehalten hat. Von dem er aber inzwischen auch nicht mehr spricht. Wie überhaupt die gesamte Politik seit einer vom Europäischen Gerichtshof erzwungenen Liberalisierung des deutschen Glücksspielrechtes nicht mehr von der früher so gern und stets vollkommen gratis bekämpften Glücksspielsucht redet. Dabei sind Wettanbieter nur ein knappes Jahr nach der Zulassung in Deutschland aus kaum einem Bundesligastadion mehr wegzudenken: Nicht nur bei Bayern München und Schalke 04, sondern auch bei Werder Bremen dem, SC Freiburg, dem Hamburger SV, Borussia Mönchengladbach, Greuther Fürth, Fortuna Düsseldorf, Bayer Leverkusen und dem VfB Stuttgart geben Tipico, bet-at-home.com, mybet.de, bwin, betfair und Interwetten Millionen, um sich den Fans zu präsentieren. Der staatliche Glücksspielkonzern Lotto wirbt mit seiner Sportwette Oddset allein bei fünf Vereinen: Borussia Dortmund, 1. FC Nürnberg, 1. FSV Mainz 05, FC Augsburg und Eintracht Frankfurt.(Grafik oben: pokerzeit.com)

Wie geht das? Wieso kann, was gerade noch als vermeintlich gefährliche Droge öffentlichkeitswirksam bekämpft wurde nun plötzlich eine nicht mehr nur gesellschaftlich allgemein akzeptierte, sondern auch von der Politik zufriedengelassene Branche sein?

Nun, die Antwort scheint ziemlich genau 250 Millionen Euro schwer zu sein. So viel Steuern nämlich zahlten die Sportwetten-Anbieter letztes Jahr an die Finanzämter der Länder auf die Spieleinsätze der Deutschen in Höhe von etwa 3,2 Milliarden Euro. Selbst Reiner Haseloff, der seine Mitarbeiter ursprünglich ein neues Glücksspielrecht für ganz Deutschland hatte ausarbeiten lassen, das ausschließlich staatliche Glücksspielanbieter zulassen sollte, scheint damit sehr zufrieden: Seit anderthalb Jahren schon hat sich der frühere Vorkämpfer von Wettbewerbsbeschränkungen, Verhänger von Werbeverboten und Strafverfolger von Fußballvereinen, die mit Wettwerbung aufliefen, nicht mehr zum Thema geäußert.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wundert das wirklich jemanden?

Anonym hat gesagt…

In der Lottoszene in Deutschland sind derzeit 6,5 Milliarden Euro Umsatz drin. Die Hälfte davon gehört natürlich der Mafia, sprich: den Parteien. Macht 50 Prozent Umsatzrendite – also typisches Mafiageschäft. Wenn die Mafia das Geschäft nicht als Monopol betreiben würde käme es allerdings zu Spielsucht. Wie sie erstmals öffentlich bekannt machte als die Leute anfingen im Internet Lotto zu spielen. Die Landeslottogesellschaften sind zu 100 Prozent in der Hand der Parteien. Außer städtischen Wasserwerken, E-Werken, ÖPNV, Krankenkassen, Rentenversicherungen, Theaterbetrieben, Bildungseinrichtungen, Demokratieabgabeinstituten, staatlichen Stiftungen, Lehrauftragslisten, EU-Potemkinschen-Dörfern, kirchlichen Einrichtungen ... gibt es kaum eine solidere Sinekure für verdiente Kämpfer als der verantwortungsvolle Kampf gegen die Spielsucht in einer der Landeslottogesellschaften. Einen Einblick in die Auswahlkriterien gibt aus Versehen der SWR anlässlich der Berufung der intimen Kennerin der Drogenszene Marion Caspers Merk im November 2012: (http://www.swr.de/landesschau-bw/-/id=122182/did=10624418/pv=video/nid=122182/4s5o6s/index.html). So habe ich mir immer eine Drogenbeauftragte vorgestellt. Den Lebenslauf kann man sich sparen. Das Übliche: Politologie, Germanistik, nie eine Fabrik von innen gesehen usw. Wenn mir jemand in meiner Jugend gesagt hätte, dass das Gesicht der Mafia ist...