Google+ PPQ: Die Fangzähne des Faschismus

Sonntag, 17. April 2011

Die Fangzähne des Faschismus

Es war wie die alte, ausgeleierte Strickjacke, die man am liebsten trägt. Ein fürchterliche Angewohnheit, von der man nicht lassen kann. Eine Sucht, die sich selbst befeuert, eine Angst, die für Nervenkitzel sorgt. Würden die Rechtsradikalen, Rechtsextremisten und Neofaschisten wirklich bald die Macht übernehmen?, so lautete die Frage, die sich die besorgte demokratische Öffentlichkeit alle Jahre wieder stellte, wenn es Anfang April geworden war, noch niemand an den anstehenden Führergeburtstag dachte, alle aber von Meldungen aufgeschreckt wurden, nach denen das Innenministerium im zurückliegenden "Berichtszeitraum" (RWE) eine "neue Rekordzahl an rechten Straftaten" (dpa) hatte zählen müssen.

Ein schreckliches Gefühl, in einem Land zu leben, in dem Staat und anständige Bürger auch 60 Jahre nach der Niederschlagung der Hitler-Diktatur und ihrer wenigen, aber williger Helfer kein Mittel gefunden hatten, dem Schoß, der fruchtbar noch ist, Einhalt zu gebieten. Weder strenge Bekleidungsregeln noch nachsichtige Bestrafungen halfen, weder Steinwürfe auf rechte Demonstranten noch tausende von warnenden Zeitungskommentaren. Immer wieder wurde es April, immer wieder verzückten neue, durch geschickte Veränderungen der Zählweise maßgeschneiderte Rekordzahlen die Berichterstatter. Rechte Rekorde boten Arbeit, Brot und Unterhaltung für zahllose Bekämpfungsinitiativen, zivilgesellschaftliche "Akteure" (Miteinander e.V.) richteten sich an unablässig sprudelnden Fördermittelquellen für die Umerziehung der vom Faschismus-Virus der "menschenverachtenden Ideologie" (Angela Merkel) Befallenen häuslich ein.

Wenn es so weitergegangen wäre, hätte alles gut werden können. Von Innenministerium bis Junker Jörg wusste jeder, was er hat, wie er dran ist und wann die neuen Zahlen für temporäre Aufmerksamkeit sorgen werden. Selbst die, die die Gesellschaftsordnung ändern wollen, um den wahren Nationalsozialismus aufzubauen, so, wie die Linke auf eine Gelegenheit wartet, den wahren Kommunismus zu errichten, hatten damit eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Die Straftatenzahlen zeigten die Fangzähne des Faschismus, die Kehrseite der braunen Medaille, eine Zukunft, in der ausschließlich Wirrköpfe, Idioten und Schwachsinnige regieren.

Umso mehr verunsichert war die Öffentlichkeit, als diesmal alles anders kam. Obwohl die Verantwortlichen noch einmal an der Berechnungsformer geschraubt hatten, gelang kein neuer "Höchststand rechter Taten" (dpa) mehr. Erstmals seit Menschengedenken musste die Berichterstattung über die braune Gefahr ohne das liebgewordene Wort Rekord auskommen.

Grund zu Beruhigung aber ist das natürlich nicht. Ersatzweise hat der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, gerade einen neuen Rekord bei der "Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremen" (Fromm) ausgerufen. Eine "völlig neue Qualität", würde es der durch den Fall Mannichl bekanntgewordene bayrische Innenminister Joachim Herrmann nennen: Aus Taten ohne Opfer, von denen schon die letzte Statistik der rechten Gewalt erzählte, werden Täter ohne Tat.

Die Tat macht den Nazi
Hitler in der Hitparade
Rückgang als Fortschritt

Kommentare:

daniel hat gesagt…

Grandioser Schwachsinn genial zusammengefasst. Ja, so ist sie, die neoliberal-sozialistische Wirklichkeit.

nwr hat gesagt…

Man kann die Zählweise hinsichtlich der Gewaltbereitschaft ausweiten: Wer gewaltbereit ist, muß nicht zwangsläufig Gewalt ausüben. So wird man mit Sicherheit behaupten können, daß 100 % aller Rechtsextremisten gewaltbereit sind, so wie 100 % aller anderen Menschen (Säuglinge und geistig Vollbehinderte ausgenommen) gewaltbereit sind, d. h., unter bestimmten Voraussetzungen zur Ausübung von Gewalt bereit sind.

Mit dieser Zählweise hat man noch eine Menge Potential für Fallzahlen gewaltbereiter Lebewesen.

daniel hat gesagt…

Umgekehrt funktioniert das bei den Opferraten und den Diskriminierungsarten schon ganz gut.

ppq hat gesagt…

ich denke auch, dass die gefahr immer noch unterschätzt wird. vor allem die, dass die nochnichtgewaltbereiten nazis gewaltbereit werden könnten! wenn da nicht schnell ein förderprogramm aufgelebt wird, um die davon abzuhalten, der gewalt beizuschwäören 8oder wie das gegenteil von abschwören auch immer heißen mag) sehe ich schwarz. erst wenn irgendwann hundert prozent aller nazis gewaltbereit wären, könnte eine wende zum besseren eintreten. aber was ist bis dahin mit dem ansehen deutschlands in der welt? mit dem außenhandel? würden japaner noch deutsche betonpumpen verwenden, um ihre reaktoren abzudichten, wenn sie wüssten, dass zwei oder drei von den verantwortlichen schraubern nicht nur rechtes gedankengut hegen, sondern auch gewaltbereit sind? die bundesregierung sollte schnell handeln. und vor allem entschlossen. vielleicht mit einem gewaltbereitschaftsmoratorium für nachwuchsnazis?

Die Anmerkung hat gesagt…

Ich habe diese Zahlenspielerei "Rudelbeten mit Zahlen" tituliert. Was anderes ist es eigentlich auch nicht.

Volker hat gesagt…

Gab es im Oktober 2010 noch 9.000 gewaltbereite Rechtsextremistinnen und Rechtsextremisten, so hat sich die Zahl innerhalb eines halben Jahres auf 5.600 erhöht. Eine besorgniserregende Entwicklung. Wenn das so weitergeht, werden es im Herbst wohl 2.200 und nächstes Frühjahr -1.200 sein.

Klarer Fall, wir müssen die Brandstifter und Schlägerkommandos der Antifa-SA noch mehr mästen.

ppq hat gesagt…

ich kann das nicht öffnen, den link meine ich. kannst du das mal so senden, dass es geht? das würde ich doch zu gern allen offenbaren. diesmal war ich gar nicht drauf gekommen, das mit früheren zahlen zu vergleichen

Volker hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Volker hat gesagt…

Mit dem google chrome geht es auf.

http://www.bka.de/
kriminalwissenschaften/
herbsttagung/2010/
ziercke_langfassung_deutsch.pdf


Wobei man sich fragen muss ob es überhaupt lohnt, sich mit dem Zahlensalat auseinander zu setzen. Eigentlich weiß jedermann, dass das totaler Käse ist. Nur einige alte Leute, die Deutschland noch als seriöse Nation erlebt haben (z.B. Zettel in seinem Raum) glauben noch der Propaganda.

Es geht ja weiter. Sieh nur diese schicke Grafik

http://www.stmi.bayern.de/
imperia/md/content/stmi/
sicherheit/verfassungsschutz/
verfassungsschutzberichte/
verfsch2009_grafik.pdf

In Bayern gab es zur Jahrtausendwende 8.000 Rechtsextremisten, 9 Jahre später nur noch 2.900.
Wo sind die 6.100 verblieben?
Kann sein, die wurden mit Nazi-Ufos ausgeflogen.
Denkbar ist aber auch, dass die Verfassungs-Fuzzies unter dem Eindruck der Internet-Drucks ihre Fantasiezahlen an die Realität angepasst haben. Ist ja blöd, wenn man auf die Frage "Wo sind die denn?" nichts zu bieten hat als ominöse, nicht substantiierte "Erkenntnisse".

ppq hat gesagt…

dnke. mich interessiert eigentlich nicht, was fromm und zierke dazu zu sagen haben. die besorgen sich arbeit, die sind mit solchen zahlen immer dabei, ihre jobs zu erhalten.

aber kann mir jemand erklären, wie in 400 deutsche zeitungen, zeitschriften und fernsehanstalten aller art, die rundfunksender nicht mitgerechnet, nicht ein EINZIGER auf die idee kommen kann, diese zahlen zu prüfen? nicht mit investigativen mitteln, nicht durch nachzählöen oder so. sondern durch einen schlichten vergleich mit denen vom letzten mal?

derherold hat gesagt…

"aber kann mir jemand erklären, wie in 400 ... nicht mitgerechnet, nicht ein EINZIGER auf die idee kommen kann, diese zahlen zu prüfen?"

Ganz einfach:
Es spielt seit Mitte/Ende der 90iger keine Rolle mehr, ob irgendetwas "richtig" oder "relevant" ist.

Es geht um die "narrative" (USA ?) oder den "spin" (GB ?). Es wird eine "Geschichte" erzählt/konstruiert, die benutzt wird, um die eigene Agenda zu vermitteln.

ppq hat gesagt…

glaube ich nicht. das sind ja keine zentralen anweisungen, die da ausgeführt werden. am ende der agenturdrähte sitzen einzelne menschen, hier mindestens 400.

das müssten, selbst wenn die welt ganz dumm und böse ist, mindestens 40 auf die idee kommen, die volker hatte: nachschauen, was sie gestern geschrieben haben

daniel hat gesagt…

Erste und einzige zentrale Anweisung: rentabel zu arbeiten; woraus sich alle weiteren (dezentralen) Anweisungen ableiten. In diesem Fall: only bad news are good news.

Teja hat gesagt…

@volker

Aus der Grafik von 2009 ist eindeutig abzuleiten, dass die Rechten die Fraktion gewechselt haben. Von rechts nach links.

derherold hat gesagt…

"glaube ich nicht. das sind ja keine zentralen anweisungen, die da ausgeführt werden. am ende der agenturdrähte sitzen einzelne menschen, hier mindestens 400."

Eben !
Jungs (und Mädels) ... wir sind nicht mehr in der DDR, wo Kurt Hager "Tageslosungen" ausgibt.

In der ZIVILGESELLSCHAFT muß JEDER mitarbeiten.
... jeder Lehrer, jeder Journalist, jeder Student ein Kämpfer an der Produktions ... äh... Antifaschistenfront.

Warum gibt es keinen Journalismus mehr in Deutschland ?
Weil eine Zentratstelle dies so vorgibt oder (@daniel) die zwanzigprozentumsatzrendite-Medienkonzerne dies so wollen ?
Oder vielleicht, weil nun "die eigenen Leute" den Totalitarismus durchdeklinieren ?

Ist Westerwelle "dumm" (so wie einst Helmut Kohl) und Cem *Hosenkauf* Özdemir "klug" ?

ppq hat gesagt…

daniel, du hast wahrscheinlihc recht. das wird es sein.

daniel hat gesagt…

"Oder vielleicht, weil nun "die eigenen Leute" den Totalitarismus durchdeklinieren ?"

Ich sehe da nicht den Widerspruch zu meiner Erklärung: Rentabel arbeitet man am besten, wenn man sich am mainstream orientiert. Und der hat seit 1945 damit zu tun, sich vom Führer abzugrenzen.

Dazu kommen natürlich noch die Zonis, die sich und der Welt beweisen müssen, dass "nicht alles schlecht" war in der DDR.