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Dienstag, 10. Februar 2015

Nun doch: Satire erreicht ihre Grenzen

Was darf Satire – was darf sie nicht? Nach dem Massaker in den Redaktionsräumen von «Charlie Hebdo» ist die Frage tausendfach gestellt und tausendfach beantwortet worden: Satire darf alles, wie schon Tucholsky feststellte. "Manche Kunstwerke sind ein Fall für die Justiz", schreibt der "Stern", "trotzdem sollten wir uns nicht von Bilderstürmern einschüchtern lassen." Einhellig der Beifall, der "Spiegel" ist »Charlie«, Google trägt Trauerflor, die »FAZ« solidarisiert sich. „Ein Angriff auf die Freiheit“, zitiert die Frankfurter Rundschau den Frankfurter Stadtdekan Achim Knecht, sei der Versuch, die freie Meinungsäußerung durch zugespitzte, auch verletzende Satire zu verbieten. "Auch polemische Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern manchmal auch bitter nötig“.

Im Januar ja, nur eben nicht im Februar. Tief unten im Erzgebirge, wo die arbeitslosen Uran-Hauer mit schlechten Fußballspielern hadern und neidisch nach Leipzig schauen, das keine Demonstrationsfreiheit hat, dafür aber einen Fußballklub mit reichem Mäzen, erreicht die grenzenlose Freiheit von Kunst und Satire nur vier Wochen nach den großen Solidaritätskundgebungen für "Charlie Hebdo" ihre Grenzen. "Ein Österreicher ruft und ihr folgt blind, wohin das führt, weiß jedes Kind - ihr wärt gute Nazis gewesen" hatten die Fans des Zweitligisten Erzgebirge Aue im Spiel gegen den unbeliebten Retortenklub RB Leipzig auf Spruchbändern gedichtet. Und sich damit schlagartig den Zorn der Fußballnation zugezogen.

Nun war Hitler zwar zum Zeitpunkt, als im alle folgten, kein Österreicher, sondern ein in Braunschweig eingebürgerter Deutscher, dem die deutsche Staatsangehörigkeit bis heute nicht aberkannt worden ist. Doch die Medienseele ist im Bereich Hitlervergleich hochempfindlich, ihr kommt es nicht auf Details an: Messerscharf schloss sie aus den vorhandenen Fakten darauf, dass RB-Besitzer Mateschitz und der einstige Führer und heutige Fernsehstar irgendwie, naja, in einem Atemzug genannt worden sind.

Da braucht es nun weder Mohammed noch Allah, keinen Holocaust-Zeichenwettbewerb und kein Deutschlandradio mehr. Plötzlich gelten die durch die Rechtsprechung gezogenen Grenzen der Satire, die ihr Grenzenlosigkeit zubilligen, so lange sie sich im Aussagekern mit der Sache auseinandersetzen (BVerfGE 61, S. 213), nicht mehr.

Aus der Satire, über die man nicht lachen muss, aber kann, weil sie keine "Inhalte eines religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses" verunglimpft und damit nicht unter den Blasphemie-Paragraphen 166 fällt, wird eine "böse Entgleisung" (Bild), eine "geschmacklose Entgleisung" (SZ), eine "unglaubliche Entgleisung" (Spiegel) oder gar ein "Nazi-Skandal" (Oberhessische Presse).

Der DFB ermittelt aufgeregt, der "Spiegel" sieht eine "Hakenkreuz-Armbinde", wo keine war, Aue muss mit einer harter Strafe rechnen, ganz egal, ob die Fan-Karikatur des Brausemilliardärs und Fußballvereinsgründers nun dem Bereich der zulässigen Satire oder dem der unzulässigen Schmähkritik zuzuordnen wäre. Es gibt kein Gerichtsverfahren, das darüber befindet, keine gesellschaftliche Diskussion, um es herauszufinden.

Die Grenzen sind gezogen, über Nacht und ohne Widerrede. Niemand spricht mehr von der Freiheit der Kunst, vom Papst mit Urinfleck, von Franz Josef Strauß als Schwein, von Kohl als Birne und Klinsmann am Kreuz, den 15 Schnurbärten Putins oder davon, dass "Karikaturen sein müssen, auch wenn sie uns nicht gefallen", weil sie die einzige Chance sind, "uns nicht einschüchtern zu lassen, tolerant und gelassen zu bleiben" (Stern). Satire hat ihre Grenzen erreicht. Tief unten im Erzgebirge. Fast unbemerkt.

Ein Fachanwalt zum Thema Sind Mateschitz-Karikaturen nach deutschem Recht strafbar?

Kommentare:

Kurt hat gesagt…

Ich hab köstlch gelacht.
Alle Macht dem Volke - auch die Macht, die Nazi-Keule zu verwenden, wie es gerade passt.
Die Idee stammt garantiert aus der Ideenschmiede eines erzgebirgischen Faschingsclubs. HelaU! aAlaF!

PS: Die haben "wärt" wirklich mit "e" geschrieben! lol rofl


ppq. so hat gesagt…

echt? ich war mir nicht sicher, ob ich das richtig erkenne.

folgt wohl der vorgabe, dass satire immer als satire erkennbar sein muss

Der Auer hat gesagt…

Hallo Kurt, setz mal die Brille auf. Da steht eindeutig "wärt".

Aber mal zum Thema, die Empörung über dieses Plakat geht natürlich ausgerechnet wieder von denen aus, die vor 2 Monaten keine Skrupel hatten 10 000 Pegida Demonstranten als Nazis zu verunglimpfen und denen die SAntifa auf den Hals zu hetzen.

Anonym hat gesagt…

"wert" : Rechtzschreibreform

der Sepp

Reichsschrifttumskammer

Geier hat gesagt…

Bei dem Spruch, wenn man ihn seines Kontextes entkleidet, fällt mir nicht Brause ein, sondern Wurst.

Anonym hat gesagt…

Hallo Gert! Wohl wahr, die Conchita Wurst is auch son Ding aus Österreich.

Selbst ihres Kontexts (???) entgleidet, immer noch deutlich mehr als Adolf wärt.
War das jetzt auch n unzulässiger Nazi-Vergleich??

Geier hat gesagt…

Selbstverständlich ist der Vergleich zulässig. Beide woll(t)en Europa im Namen einer menschenfeindlichen Ideologie aufrollen.
Ansonsten möchte ich hier keine Wurst sehen, die jenseits des Kontextes auch sonst irgend entkleidet ist. Alles hat seine Grenzen (nur das Wurst hat zwei). Richten Sie das auch diesem Gert aus, wer auch immer das ist.

ppq. so hat gesagt…

ich bin ja für ein neues schulfach aequatio: aufgabe wäre es, schülerinnen und schülern bereits im kindesalter den unterschied zwischen gleichsetzung und vergleich nahezubringen. vor allem jeder, der später vorhat, in politik oder medien zu arbeiten, müsste da meiner meinung nach am ende sowohl schriftliche als auch mündliche prüfungen ablegen. derzeit findet hierzulande eine gleichsetzung zwischen vergleich und gleichsetzung statt, die beide nicht verdient haben

Geier hat gesagt…

Dann müßte man ja Gleichsetzung und Vergleich vergleichen statt sie gleichzusetzen. Das würde zu einer Differenzierung führen. Das wäre ein falsches Signal und das kann in unserer modernen, aufgeklärten Gesellschaft niemand wollen. Begriffsdifferenzeure sind letztlich, um einen großen Staatmann unserer Tage zu citieren, Rassisten in Nadelstreifen.