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Mittwoch, 18. Februar 2015

Debalzewe oder Debalzewo: Wenn Sprache Krieg gewinnen soll

Sprache als Frontstellung, hinter der sich die Truppen eingraben. Im Fall des Krieges in der Ukraine hat jedes einzelne Kapitel Sprachgeschichte geschrieben - von den "Putinverstehern" als Schimpfwort über die "moskautreuen Separatisten" bis zum aktuellen Gebrauch des Namens des Ortes, an dem die Kiewer Regierung ihren Offenbarungseid leistet, indem sie tausende eigene Soldaten sinnlos in einem Kessel verbluten ließ.

Debaltsewo heißt der Ort, der zu Zeiten des Zarenreiches gegründet wurde, als die heutige Ukraine zum Russischen Reich gehörte. Debaltsewe sagen die Ukrainer (Деба́льцеве) heute - dasselbe Wort, eine andere Endung, denn auf russisch heißt die 1878 eröffnete Bahnstation nach wie vor Debáltsewo (Деба́льцево). So steht es am Ortseingang, bis heute.

Kein großer Unterschied, doch es sind nie die großen Unterschiede, in denen die große Weltgeschichte sich lesen lässt. Am Namen der Stadt, um die nach deutschem Verständnis die Endschlacht um die Einhaltung des Waffenstillstandes im Bürgerkrieg im Osten tobt, sind die Frontstellungen zu sehen: Deutsche Medien von tagesschau über Spiegel bis Süddeutsche und Zeit sind die Würfel für "Debalzewe" gefallen, die Bezeichnung, die im Grunde eine Verballhornung des ursprünglichen Namens im ukrainischen Dialekt ist. Die Betonung liegt hier auf dem Ukrainischen, die Verwendung des Namens soll als Zeichen dafür dienen, wozu wir den Ort zählen. Er ist Ukraine, nicht Neurussland, von Hamburg und Berlin aus betrachtet.

Die Separatisten dagegen sprechen konsequent von "Debalzewo", mit demselben Anliegen: Für sie sind es die russischen Wurzeln, die wichtiger sind als die ukrainische Staatszugehörigkeit späterer Jahre.

In der Ukraine selbst haben sie den Kampf gewonnen, wenn auch knapp und mit nicht eben virtuoser Trickserei. 91400 Mal Деба́льцево in ukrainischen Medien, die ukrainisch schreiben, addieren sich derzeit zu 92300 Деба́льцево in ukrainischen Medien, die die russische Sprache verwenden. Деба́льцеве kommt dagegen nur auf 50000 und 61000 Verwendungen.

Ganz anders im Westen. Debalzewe und seine Abwandlungen liegen hier weit, weit vorn im Kampf um die Deutungshoheit: Selbst wenn die Separatisten die Einnahme von Debalzewo melden, wird daraus eine Meldung über die Einnahme von Debalzewe.

Welche inneren Zerreißproben bis zu diesem Gleichklang zu überwinden waren, verrät der Blick ins Archiv. Der "Spiegel" etwa schrieb im vergangenen Jahr noch stabil von "Debalzewo, ehe er im November 2014 auf "Debalzewe" umschwenkte, das auf keinem Ortsschild steht. Auch die FAZ fand im vergangenen Jahr noch "Debalzewo" richtig, ehe sie zur selben Zeit wie der "Spiegel" zu Debalzewe" wechselte.

Ob der Krieg um die Köpfe so noch gewonnen werden kann, ist aber unklar. Denn ein Riss entzweit die Einheitsfront der Leitmedien. Welt, Focus und n-tv, bei denen das Fax aus der Bundesworthülsenfabrik wohl unleserlich ankam, benutzen "Debalzewo", als seien sie Russlandversteher. Faz, Spiegel, Süddeutsche, Handelsblatt, Taz und Bild haben sich auf das die Freiheit Europas verteidigende "Debalzewe" geeinigt.

Kommentare:

Kurt hat gesagt…

Das kennen wir doch schon aus Zeiten der Fußball-EM in Polen. Da war Lwow plötzlch Lwiw, Kiew wurde zu Kiiv und aus Donjetzk wurde Danizk usw. Ein vergebliches Rebranding eines schlechten Produkts(dem failed state)

Im Krieg dient das dazu, daß der deutsche Michel das Geschehen nicht mehr in seinem Schulatlas nachvollziehen kann, da er die Orte nicht findet!

ppq. so hat gesagt…

richtig, damals fing das an. als würden sie morgen plötzlich von "praha" und "warszawa" reden. ich denke eher, bei der ukraine es geht um besitzansprüche: nenn es auf ukrainisch, dann ist es unser, nenn es auf russisch, dann erkennst du die russischen ansprüche an.

mir ist nur unklar, warum das im fall debalzewo letztes jahr im november mit einem schlag überall eingeführt wurde. was war denn da?

Heinrich Ernst hat gesagt…

Феин беобахтет liebe PPQ - ach würden alle nur ihr Monokel so schärfen und genauer hinsehen... (ist aber in unseren Zeiten eher selten).
Mit nachhaltigen Grüßen
Heinrich Ernst

Anonym hat gesagt…

Die deutschen Schreibtischtäter sagen sich nicht nur im Fall des Ukraine-Konflikts: Wer die Macht über die Sprache hat, hat auch die Macht über die Menschen. Im Fall Debalzewo entgleitet ihnen dennoch die Macht, weil sich das Selbstbestimmungsrecht dort durchsetzt, und zwar mit Hilfe der Waffen und der besseren Kampfmoral.

ppq. so hat gesagt…

@Heinrich: dann würde das alles doch nicht mehr funktionieren! gott bewahre uns davor!

Anonym hat gesagt…

Inzwischen scheint auch die Welt das Memo bekommen zu haben.

Geier hat gesagt…

Für den DDR-Bürger ist das ja sowieso ein Albtraum, daß die ukrainischen Waffenbrüder und die russischen Waffenbrüder nicht mehr lieb zueinander sind. Das ist ja fast, als würden Mutti und Vati sich streiten. Und jetzt auch noch dieses Debalzewo-Debalzewe-Problem. Ich schlage daher für alle überforderten Scheidungswaisen die Schreibweise Debalzewœ vor. Hätte Merkel übrigens auch mal drauf kommen können, dann wäre jetzt vielleicht Ruhe da drüben.

Anonym hat gesagt…

Interessante sprachwissenschaftliche Abhandlung. Dabei fällt etwas unter den Tisch, dass die Putinversteher mit der Einnahme von Debowasauchimmer gerade rasant an Boden verlieren. Meinem Eindruck nach wurde das Blatt mit dem Einmarsch deutlich überreizt und die russische Sicht der Dinge wird für mehr und mehr Menschen vollkommen unglaubwürdig.

ppq. so hat gesagt…

das bwar jetzt gerade nicht das thema. zu lange texte liest niemand

Anonym hat gesagt…

@ Debowasauchimmer: Nicht so viel Sudel und Locus lesen - das geht heftiger auf den Brägen, als eine Pulle Hochdrehenden jeden Tag zu schütten.