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Sonntag, 5. Juli 2015

Griechenland: Das Flehen der Union

Eine Kolonne marschiert so schnell wie ihr langsamster Soldat, ein Pfeil fliegt so weit wie seine vorderste Spitze und eine Union ist so stark wie ihr schwächstes Mitglied. Die EU, vor Jahren aufgebrochen, die dynamischste aller Weltregionen zu werden, ist also schwach, schwach wie Griechenland. Der Knabe, der der Welt hatte vorleben wollen, wie sich Moral, Anstand, Sauberkeit, Fairnis und gegenseitige Rücksichtnahme zu einem völlig neuen Wohlstandniveau aufschaukeln, ist als junger Mann - im November feiert die EU ihren 22. Geburtstag - ein kranker, müder, jeder Illusion oder Vison verlustig gegangener Mensch, der nur noch versucht, eine Fassade von Gemeinsinn und Zusammenhalt zu wahren, hinter der, wie jeder weiß, nichts als Zwist, Zank und Postengeschachere steht.

Griechenland, die zu spät zur Party gekommene Nation, droht nun, die Schimäre zu enttarnen. Was ewig halten sollte, aneinandergezwängt durch das eiserne Band einer gemeinsamen Währung, droht beim ersten Präzendenzfall eines Volkes, das sich lieber wieder allein regieren will, als aus der Ferne von Fremden regiert zu werden, zu zerspringen wie ein Vase aus Glas. Waren es bisher perfide Populisten, miese Rechtspropagandisten und ewige Euro-Skeptiker, der abweichende Ansichten schon die Gefahr heraufbeschworen, das nur vom eigenen Beharrungsvermögen aufrecht gehaltene Gebilde EU in Turbulenzen zu stürzen, sind es nun die einfachen Bürger einer der 27 EU-Nationen. Zehn Millionen Griechen, an denen, so drohen die Eurokraten, das Schicksal eines Kontinent hängt.

Nick Cave, der Mann, der vom einzigen Kontinent der Welt stammt, der zugleich ein Staat ist, hat vor Jahren ein Lied über die komplizierte Frage geschrieben, wo Gott ist, wenn ein Politiker ihn wirklich braucht. Cave selbst, ein bekennender Gläubiger, vermutet, dass Gott den Dingen ohnehin ihren Lauf lässt, ahnt aber, dass andere das anders sehen. "But if I did I would kneel down and ask Him not to intervene when it came to you, not to touch a hair on your head, to leave you as you are and if He felt He had to direct you then direct you into my arms", singt er da an den "Lord", dieses überirdische Wesen, das sich der gemeine Europäter inzwischen als eine Art Mischung aus Mario "was immer es kostet" Draghi und Martin "ich bin optimistisch" Schulz vorstellt. Caves Flehen ist ihres. Kommt, Griechenland, into my arms!

Bei Nick Cave ist das Barmen balladesk, aber von einem gewissen Rhythmus getragen. Die EU lebt, ihr Herz zuckt. Cave zweifelt. "But looking at you I wonder if that's true, but if I did I would summon them together and ask them to watch over you to each burn a candle for you, to make bright and clear your path". Scott Matthew dagegen, ein Landsmann des dunklen Australiers, interpretiert die Klage als Flüstergesang ohne Hoffnung. "I believe in Love and I know that you do too and I believe in some kind of path that we can walk down, me and you", murrt er sich am Originaltext entlang. Doch er weiß: Es gibt kein Gemeinsam mehr für Griechenland und Europa, selbst wenn die beiden zusammenbleiben werden. Zuviel ist geschehen, zu tief sind die Gräben des Misstrauens, zu sehr ist jede der 27 Seiten in der Staatengemeinschaft bestrebt, zum eigenen Vorteil Mitglied zu sein auch wenn das zum Nachteil anderer Mitglieder ist.

Die Hemd ist näher als die Hose, und so lange nur die Jacke brennt, bleibt Zuversicht auf lange Sicht. "So keep your candlew burning", singt Scott Matthew zum Abschied von Athen, "and make her journey bright and pure that she will keep returning always and evermore". Der Lord hört es lächelnd im Himmel.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Laut Umfragen der Qualitätsmedien gibt es ja ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Referendum, und ich tippe, dass am Ende ein hauchdünner Vorsprung der Ja-Sager herauskommen wird, so dass die Geldströme zur alternativlosen Rettung der EU weiter nach Süden fließen werden.