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Freitag, 5. August 2016

Olympia: Vier Wochen unterm Regenbogen

Ein Humunculus mit Katzenkopf und OP-Handschuhen: Vinicius wurde nach dem lateinischen Sprichwort "Veni, vidi, vici" benannt.
Wir kommen durch den Westeingang in die große Arena, die den Namen Peles trägt. Von der gegenüberliegenden Tribüne leuchten auf weißem Grund die fünf Olympiaringe in Regenbogenfarben. Kommando über den Lautsprecher : "Eins..." Die Ringe verwandeln sich in eine rote Fläche... zwei" Auf den Rängen erscheint plötzlich in riesigen Ausmaßen Vinicius, das Olympiamaskottchen, zusammengesetzt aus einem Katzenkopf und blauen OP-Handschuhen. Ein bisschen verwackelt zwar noch, die Kommandostimme korrigiert das.

Auf dem Rasen üben etwa hundert hübsche, junge Fanfarenbläser beiderlei Geschlechts ihre Aufstellung. Ein- und Abmarsch. Eine Kommission prüft die mit Tabletts gesteuerten Aufzugsmechanismen der Fahnenstangen. Hunderte Elektriker, Elektroniker, Monteure, Platzarbeiter sind dabei, dem Stadion den letzten Schliff zu geben. Vorolympische Atmosphäre im Zentrum der Sommerspiele. Hier werden heute die Olympischen Spiele eröffnet, hier findet die Abschlussveranstaltung statt, hier werden die Leichtathleten ihre Kräfte messen, und hier wird der Sieger im Fußball ermittelt. Hierher schaut die Welt.

In den letzten Wochen hat es in Rio fast jeden Tag geregnet, manchmal wie aus Eimern. Ich wundere mich, dass der Rasen auf dem Fußballfeld fast trocken ist. Diego Schneider, Sohn deutscher Auswanderer und als Leiter der Pressegruppe des Sportparks mit diesem geradezu verwachsen, lächelt nachsichtig bei meiner Frage. Er zeigt mir eine Vertiefung an der Stirnseite der Arena, in der Ballen von Plastikfolie liegen. Ein Knopfdruck, sagt er, genügt, um sie automatisch herauszuheben und über Laufbahnen und Rasen auszurollen: So schütze man den Untergrund vor Niederschlägen.

Noch in den Nachkriegsjahren hätte man einen Phantasten genannt, wer vorausgesagt hätte, dass ausgerechnet an dieser Stelle einmal einer der größten Sportkomplexe der Erde entstehen würde. Rios Olympiapark, das waren überflutete Favelas, ein widerliches, morastiges Gelände im südlichen Bereich der Metropole. An Sportarten kannte diese Gegend in ganz alten Zeiten nur Beachvolleyball und Fußball.

Der bekannte Architekt Carlos Porto erhielt den Auftrag, einen ganz neuen Sportkomplex zu entwerfen. Beim gründlichen Suchen nach einem geeigneten Bauplatz verfiel er auf den Bereich, in dem heute das nach dem alten korrupten Strippenzieher João Havelange benannte Olympiastadion steht. Es ist gut vom Zentrum aus zu erreichen und liegt inmitten neuer Stadtteile. Doch es gehörte eine ordentliche Portion Mut dazu, große Stadien auf Sumpfboden bauen zu wollen. In 90 Tagen war das Projekt fertig. Das war schon ein Rekord. Die Bauzeit wurde auf 15 Monate veranschlagt. Zur ersten Spartakiade der Völker Südamerikas sollten alle Sportanlagen übergeben werden. Dieser kurze Termin rief großes Erstaunen hervor. Auch im Ausland und gerade in Deutschland, das seit Jahren vergeblich versucht, einen kleinen Flughafen fertigzubekommen.

Auf einer Pressekonferenz in Paris wurde damals von einem kritischen deutschen Journalisten mit skeptischem Lächeln gefragt, ob Porto es schriftlich geben könne, dass dieses umfangreiche Werk in so kurzer Zeit beendet würde. Porto nahm ein Schema der zukünftigen Sportstätten von der Wand und schrieb darauf: April (Baubeginn), August (Bauabschluss). Dann rollte er den Plan zusammen und gab ihn dem Reporter. Der lächelte weiter: "Ich habe schon viel Propaganda erlebt, doch die brasilianische übersteigt alles. Wir werden ja sehen."

Und er sah. Porto hatte ihn eingeladen. Bei der Eröffnung der Spiele der Jugend der Welt sitzt er heute im Stadion. Ein wenig froh auch darüber, dass diesmal eine auch politisch saubere deutsche Mannschaft an den Start geht: Alle Teilnehmer wurden auf fragwürdige Verbindungen familiärer Art überprüft, alle stellten sich als ideologisch sauber und international vorzeigbar heraus.

Was die Bauarbeiter, junge Menschen aus allen Teilen Brasiliens, in diesen letzten Monaten schafften, ist wirklich bewundernswert. Es entstanden das Große Stadion für 100 000 Zuschauer, ein kleineres, ein Schwimmbassin, weitere Fußball-, Volley-, Basketballfelder, Tennisplätze, Turnhallen, Gymnastikräume, insgesamt 140 Sportanlagen, ein medizinisches Zentrum, ein Filmstudio, ein Sportlerhotel. Eine ganze Sportstadt.

Später kamen noch der Sportpalast mit maximal 13 000 Plätzen, die Eissporthalle und in den letzten Jahren eine Mehrzweckhalle hinzu.

Das schwere Werk der Bauarbeiter war bald in der ganzen Welt berühmt. Brasilien wurde eine Stätte der Rekorde, besonders sein Herzstück, das Stadion. Viele Große der Leichtathletik stellen nun in den nächsten Wochen in diesem Oval Europa- und Weltrekorde auf. In der Mitte der Osttribüne erhebt sich dabei vor ihnen auf einer 38 Meter hohen Metallsäule die Schale für das olympische Feuer. Ich bin Zeuge, wie plötzlich die Flamme meterhoch emporschießt. Aber ich sehe keinen, der sie da oben entfacht hat. Nikolai Toloraja klärt mich auf. Es wäre gefährlich, einen Fackelträger auf diese Höhe zu schicken. Deshalb wird das Feuer schon in der Säule gezündet. "Die Flamme ist auch am Tage im Stadtzentrum zu sehen.

Ich erlebte nur eine Probe. Doch von heute an wird das olympische Feuer all diese bunten, fröhlichen Olympiatage über Rio de Janeiro brennen. Ein Licht für den Frieden der Welt. Für den olympischen Gedanken. Für den Profit des IOC. Deutschland sollte reagieren, denke ich. Wir brauchen diese Spiele auch.


*Originaltext Neues Deutschland 1980

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