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Montag, 5. Mai 2008

Einar für Halle


Als Maniker, Berserker, Wüterich und Genie wurde er zu Lebzeiten gern und oft gerühmt. Doch nie war der Theatermann Einar Schleef so wertvoll wie im siebten Jahr nach seinem Tod, das dem Liebling der Feuilletonisten und Hobbymaler endlich eine große Gemäldeausstellung beschert. Nicht irgendeine, nicht irgendwo, denn Schleef, der jung aus einem Zug auf den Kopf gefallene Sangerhäuser, ist nicht irgendwer. Für den wuchtigen Theater-Tarzan, der zeitlebens ein Stück namens Provokation aufführte, wurde ein stillgelegtes altes Kaufhaus in Halle, von Ortsansässigen nur "Neues Kaufhaus" genannt, entkernt, mit orangefarbenem Papier beklebt wie eine Bahnhofsvideothek und mit dunklen Tüchern ausgehängt. Mittenhinein in die schachtartige Dunkelheit stellte die Staatliche Galerie Moritzburg, mit 150.000 Euro unterstützt von der Bundeskulturstiftung, lange graue Kaufhauswände, auf die Schleefs grellbunte Bilder passen wie die Kakerlake auf den Kuchen.

Die zeitliche Anordnung der Schleefschen Skizzen und barocken Farborgien entzieht sich jedem Verständnis. Vorn an der Tür hängen die Gigantenschinken auf fußballfeldgroßen Leinwänden, wilde Kreuz- und Querstrich-Ritte durch die Farbpalette, die nach den Fußnoten immer "zwischen 1986 und 1990" entstanden sein sollen. Die lange Arbeit sieht man ihnen überhaupt nicht an.

Weiter hinten dann, in der Tiefe des 11.000 Quadratmeter-Raumes, den sozialistische Bestarbeiter einst einem längst vergessenen Geburtstag der Republik auf den Gabentisch betonierten, versteckt sich die Jugend des Pinsel-Berserkers. Das Publikum geht automatisch verkehrt herum - aus dem Damals ins Früher, zurück in der Zeit bis zu Bildern wie Sitzungskritzeleien gelangweilter Manager und groben, ungeschlachten Porträts aus Kneipen, die ihrem Schöpfer bei Entdeckung in jeder Lokalität weltweit Prügel beschert hätten.

Schleef mag ein toller Theatermacher gewesen sein. Als Maler war das Multi-Genie etwa so talentiert wie jeder andere Malende, der sich für wichtig genug hält, um schon als 25-Jähriger seine nicht mal sehr drolligen Tuschpinseleien auf alten Zeitungen zu archivieren.

Liegt das Spielfeld großformatig vor ihm, kann Schleef eine Leinwand allemal dekorativ gestalten. Fest ist der Strich, breit der Pinsel. Wo die symbolträchtige Anhäufung von Sternen, Kreuzen, Gräbern und Müttern eventuell noch Raum für Spekulationen ließe, schreibt er zur Sicherheit ganze Romane mit unleserlichem Schwung kleinteilig obendrüber. Bilder wie Brummtopf-Musik, von einem Maler wie ein Rammstein-Konzert. Filigranes liegt Schleef fern, Details sind ihm der Teufel. Der Mann aus dem Vorharz, der schon Mitte der 70er Jahre im Westen arbeiten durfte, versteckt seine technischen Mängel, seine wuchernden Selbstzweifel hinter lauten Farbgetöse. Diese Kunst ist kalt wie die gruftige Kaufhaus-Halle. Alle Menschen, die Schleef malt, sind nur tote, tiefgefrorene Schablonen, in die der Meister sich selbst malt.

Das aber immer ohne Augen, mit bizarren Nasen, mit Füßen, die eher Ziegenbeinen ähneln als menschlichen Extremitäten. Füße konnte er nicht, der Mann, der Bilder "o.T. Rampe 1" nannte. Auf Augen strich er wohl aus demselben Grund immer eine dunkle Sonnenbrille, sagt eine staunende Besucherin, die sich die Strickjacke fröstelnd enger um die Schultern zieht.

Kleine Kunst in großer Halle: Selbst die Telefonzellen, die Schleef aus einer seltsamen Obsession heraus studierte und immer wieder zu malen versuchte, sind erkennbar nur an ihrer Ausschilderung. Die spärlichen Betrachter tröpfeln ratlos an plakatfarbenen Männern hinter Milchglas vorüber, die Trinken oder Telefonieren oder ein Hase sein könnten oder ein Schrank oder ein baum ohne Blätter.

Ein Ereignis, ein Künstler wie die Stadt, in der er, der einstige Weltstar, zum ersten Mal gastiert. Hier, wo Kunst meistens Honig ist, passt ein Teilzeit-Warhol aus Plakatfarbe genau. Einar für alle, ja, Einar für Halle.

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