Sonntag, 20. September 2026

Mama Manuela: Sehnsucht nach Mutti

Manuela Schwesig ist die Mutter Mecklenburgs. Die 52-jährige Tochter eines Schlossers aus Frankfurt an der Oder spielte eins im Defa-Film "Verbotene Liebe" mit. Seit 2017 geht sie in ihrer größten Rolle als Ministerpräsidentin auf.

Sie kam, diente treu und auf einmal war sie Ministerpräsidentin. Zwar nur von Mecklenburg-Vorpommern, einem Bundesland, das fast so alt und arm ist wie das benachbarte Sachsen-Anhalt. Doch für eine Spätberufene, die nie eine der für SPD-Funktionäre eigentlich vorgeschriebenen Kaderschmieden von innen gesehen hat, ist auch die Staatskanzlei in Schwerin ein Traumschloss. 

Schwesig, ausgebildete Steuerfahndungsprüferin, war erst mit 29 in die SPD eingetreten. Fünf Jahre später war sie Ministerin. Zehn Jahre später übernahm sie den Landesvorsitz und wechselte als Familienministerin nach Berlin. Keinem anderen deutschen Politiker gelang in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten eine solche Abfolge rasanter Karrieresprünge, zumal Manuela Schwesig inmitten ihres unaufhaltsamen Aufstieges auch noch schwer erkrankte und monatelang pausieren musste. 

Instinkt ohne Kaderschulung 

Die Mutter eines Sohnes und einer Tochter aber hat den Instinkt, der anderen nicht nur in ihrer Partei fehlt. Schwesig ist keine Ideologin, sondern überaus gelenkig positioniert. Als Deutschland noch keine größeren Probleme hatte, beteiligte sie sich engagiert am Feldzug der damaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die versuchte, den "Kampf gegen Kinderpornografie" zu nutzen, um Teile des Internets sperren zu lassen. Schwesig übertraf die als "Zensursula" verspotteten  CDU-Frau sogar noch, indem sie sich unter dem Vorwand des Kinderschutzes für eine noch strengere Zensur des Internets einsetzte. 

Das Ziel der Sozialdemokratin, die damals noch als unbeschriebenes Blatt in Partei und Öffentlichkeit galt, war es, sich ein mütterliches Profil zuzulegen. Sie war es, die als erste Landesministerin verfügte, dass die Verfassungstreue der Mitarbeiter von Kindertagesstätten geheimdienstlich überprüft werden muss. Sie schlug vor, der Gesetzgeber solle die Arbeitszeit für Mütter und Väter um rund 20 Prozent reduzieren. In jenen guten alten Zeiten, als die deutsche Wohlstandsmaschine noch brummte, sah sie kein Problem darin, dass der Steuerzahler den notwendigen Lohnausgleich und einen zusätzlichen "Partnerschaftsbonus" aus der Portokasse zahlt.

Jederzeit ins richtige Horn 

Mit Leerformeln wirbt die Linke für sich.
Schwesig atmete den jeweiligen Zeitgeist ein und blies jederzeit ins richtige Horn. Schon 2014 beendete sie mit den Kampf gegen den Linksextremismus mit einem Federstrich. In ihrem Programm "Demokratie leben!" war nur noch die Rede von einem "aktiven" Einsatz "gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit". Das angebliche Problem des Linksextremismus sei Schwesig "aufgebauscht", die Bemühungen worden, linke Gewalt präventiv zu bekämpfen, habe nur "Gräben vertieft". Als ihre Partei später kurzzeitig mit "Protestterroristen" (SPD) haderte, tauchte Schwesig gelenkig unter dem Vorwurf durch, sie habe ein gesellschaftliches Problem verharmlost. Sie habe "diese Aussage so nicht getätigt und schon gar nicht auf Gewalttaten bezogen", teilte sie mit.

Ein politisches Überlebenstalent, das sich für Hokus-Pokus-Homöopathie einsetzt, für die verfassungsfeindliche Vorratsdatenspeicherung, die DDR ausdrücklich nicht als "Unrechtsstaat" bezeichnet hören will und mit der Gründung der vom russischen Gazprom-Konzern finanzierten "Stiftung Klima- und Umweltschutz MV" bewies, dass Anti-Amerikanismus und biegsame Russlandfreundlichkeit eine gute Mischung ergeben, um den Respekt der Wählerinnen und Wähler zu erringen.

Schwesigs größter Trick 

Die Stiftung war Schwesigs größter Trick. Nachdem US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen alle Firmen und Privatpersonen angekündigt hatte, die am Aufbau der deutsch-russischen Erdgaspipeline Nord Stream II mitarbeiten, entstand die Stiftung, um mögliche Schläge ins Leere laufen zu lassen. Das Land Mecklenburg-Vorpommern spendierte 250.000 Euro. Der Kreml legte 20 Millionen Euro drauf. Schon stand eine rechtliche Konstruktion, besetzt mit Ruheständlern und Politrentnern und formal Umweltschutzzwecken gewidmet, die über ein undurchsichtiges Netzwerk von Tochterfirmen und unter höchster Geheimhaltung notwendige Arbeiten für den Pipelinebau beauftragen konnte.

Die CDU verspricht Fischbrötchen.
Kurzzeitig ging die Idee auf. Schwesigs Stiftung vergab Aufträge mit einem Volumen von 165 Millionen Euro. Trumps Nachfolger Joe Biden knickte ein und nahm die Sanktionsdrohungen seines Vorgängers zurück. Erst mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine verwandelte sich das gewitzte Tarnmanöver, mit dem Schwesig die große Schutzmacht USA erfolgreich vorgeführt und blamiert hatte, in ein Debakel. Selbst die SPD, bis dahin gemeinsam mit Linkspartei, CDU und AfD bereit, Russland um deslieben Freidens willens viel nachzusehen, hatte es nun eilig, "eine der größten Dummdreistigkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte" (Der Spiegel) abzuwickeln.

Die Lebensversicherung der Partei im Norden 

Geschadet hat es Schwesig nicht. Ganz im Gegenteil. Die "vielen Menschen in unserem Land", die ihr "am Herzen liegen" schätzen Schwesig, gerade weil sie Anti-Amerikanismus und Russlandfreundlichkeit, Populismus und Pragmatismus trickreich verbindet. In anderen Zeiten und anderen Ländern hätte ein Politiker nach einem gescheiterten Versuch zurücktreten müssen, sich mit der früheren Schutzmacht gegen die aktuelle zu verbünden. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen genießt diejenige höchste Achtung selbst bei denen, die es nicht mit ihrer Partei halten.

Die auf Schwesigs Umgehungsversuch am Rande der Illegalität nachfolgende Hetze gegen den Versuch, eine Weltmacht auszumanöverieren, hat die erste Ministerpräsidentin eines ostdeutschen Bundeslandes zu einer Heldin gemacht. Ihre Landeskinderlieben sie nicht, doch es schlägtihr auch nicht das Übermaß an Verachtung entgegen, das MP-Kollegen wie Sachsen-Anhalts Sven Schulze und der Thüriger Ex-Doktor Mario Voigt zu einer Last für ihre Parteien macht. 

Schwesig ist die Lebensversicherung der Sozialdemokratie im Norden. Zwar stürzten die Zustimmungswerte zu ihrer Partei von den 39,6 Prozent, die sie bei der letzten Landtagswahl erreicht hatte, im Zuge der Erosion der früheren Volkspartei auf bedenkliche Werte um knapp über 20 Prozent ab. Doch Schwesigs überzeugende Auftritte in ihrer großen Rolle als Landesmutter leiteten ab Anfang 2026 eine Wende ein. Heute steht die junge Sozialdemokratie im Norden des Ostens wieder bei beachtlichen 29 Prozent -  etwa viermal so viel wie in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg unf der mit großem Abstand beste Wert aller Flächenländer und

Wer bietet mehr?
Das "Problem für die SPD", als das die FAZ Manuela Schwesig vor vier Jahren noch bezeichnet hatte, sei ihre Rettung, sagt der bekannte Regressions- und Medienforscher Hans achtelbuscher, dessen An-Institut für Angewandte Entropie in Schwesigs Geburtsstadt Frankfurt an der Oder residiert. Die lange als "Küsten-Barbie" verspottete Sozialdemokratin zeige, wie Anlehnungsbedürfnis weite Teile der Bevölkerung noch immer hätten. "Letztlich will eine Mehrheit nicht das ,Land, das einfach funktioniert', wie die Grünen einmal versprochen haben, sondern ein Land, in dem man sie einfach in Frieden machen lässt", sagt er im großen PPQ-Interview.

PPQ: Herr Achtelbuscher, Manuela Schwesig steht vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sind ein langjährigen Beobachter und Begleiter der SPD-Powerfrau. Erklären Sie uns doch bitte, wie diese gar nicht von der Partei ausgebildete Quereinsteigerin sich über die eigene Parztei erhebt.

Achtelbuscher: Schwesig fehlt wirklich der in der SPD eigentlich vorgeschriebene Stallgeruch nach Kaderschule. Sie ist der klassische Typ der durch die Verwerfungen nach dem Ende der DDR geborenen ostdeutschen Queraufsteiger. Geboren 1974 in Frankfurt/Oder, aufgewachsen in Seelow, Diplom-Finanzwirtin, Steuerverwaltung Brandenburg und Schwerin, dann Finanzministerium MV und Entdeckung durch den damaligen Ministerpräsidenten Erwin Sellering, der den damaligen Parteichef Sigmar Gabriel auf das quicke Mädchen aufmerksam gemacht haben soll. Das reicht dann schon für eine rasche Raketenkarriere, denn die Konkurrenz ist bei Frau, jung, ostdeutsch und ansehnlich nicht groß. Dank ihrer Talente brauchte Schwesig brauchte keinen langen Marsch durch die Gremien, sie war sofort da. 

PPQ: Und sie blieb, inzwischen fast zehn Jahre schon als Ministerpräsidentin. Ohne politische Grundausbildung.

Achtelbuscher: Vielleicht auch, weil ihr die fehlt. Sie wirkt auf die Menschen eher wie die tüchtige Beamtin, die das Land organisiert, nicht wie die Ideologin. Der Mecklenburger und noch mehr der Vorpommer liebt das. Nicht lang schnacken. Anpacken. Eine Mama, eine Muttifigur.

PPQ: Dennoch zeigten die letzten Umfragen vor dem heutigen Wahltag, dass die AfD bei bis zu 36 Prozent liegt, Schwesigs SPD aber deutlich dahinter. Überzeugt sie dann doch nicht so?

Achtelbuscher: Es ist richtig, dass ihre rot-rote Regierung nach den Zahlen keine Mehrheit mehr hat. Die AfD liegt auch in Mecklenburg-Vorpommern klar vorn, die Linke stagniert bei 11–12 Prozent, die CDU ist hier mit nein oder zehn Prozent eine ähnliche Kleinstpartei wie in Sachsen-Anhalt die SPD. Aber diese Zahlen sind für die SPD im Osten überaus respektabel, denn wie Sie wissen dümpelt die frühere Volkspartei bundesweit bei desaströsen zwölf Prozent, Tendenz fallend.  Und Frau Schwesig hat den Tiefpunkt von unter 20 Prozent im Herbst 2025 hinter sich. Es geht wieder aufwärts. 

PPQ: Wie hat sie das denn bewerkstelligt? Auch Mecklenburg hat ja im Grunde keine Möglichkeiten, gegen die Berliner Politik anzuregieren?

Achtelbuscher: Sie hat sich, wenn man das so sagen will, das Merkel-Kostüm der Landesmutter angezogen. Sie regiert ihr Land ein bisschen wie eine Bundespräsidentin, die über den täglichen Dingen steht. Immer wieder lässt sie auch durchblicken, dass ihre schwere Erkrankung sie gelassener und weiser gemacht hat, eine solche Instrumentalisierung rührt viele undflösst Vertrauen ein. Zudem wagt sie Kampfansagen an die verkopfte Spitze der eigenen Partei Merz, verkauft das aber öffentlich geschickt als Fundamentalkritik am Kurs des Kanzlers. Das ist für uns in der Regressionsforschung schon schön anzuschauen, dass jemand so virtuos auf der Klaviatur der Irreführung spielt.

PPQ: Letzlich sind die zahlen besser, aber zugleich so schlecht, dass Rot-Rot nicht wird weitermachen könne. Welche Koalitionen sind nach jetzigem Stand realistisch?

Achtelbuscher: Zu Rot-Rot allein reicht nicht. Aber das ist auch egal. Für Rot-Rot-Grün käme knapp  eine Mehrheit heraus, wenn die Grünen einziehen. Wenn nicht, muss ein Bündnis mit der CDU und den Linken her. Natürlich ziert sich die CDU, aber das Brandmauer-Argument wird am Ende herhalten müssen, um eine stabile Regierung zun bilden. 

PPQ: Täuscht der Eindruck oder ist das ein allgemeiner Trend?

Achtelbuscher: Sie haben Recht, es handelt sich dabei auch unseren Erkenntnissen nach um eine Neuformierung der gesamten politischen Landschaft. Die informellen Einheitsregierungen, die wir vielerorts sehen, sind im Grunde im Begriff, die Standardregierung dessen zu werden, was wir in der Enthropieforschung ,unsere Demokratie' nennen. Schwesig und ihr Amtsbonus plus vielen Wähler, die taktisch gegen die AfD stimmen, ergeben nach der Brandmauer-Logik eine Mehrheit, die zum regieren ausreicht.

PPQ: Erstaunlich erscheint, dass Schwesigs Agieren bei Nord Stream und der Gazprom-finanzierten Umweltstiftung ihr überhaupt nicht geschadet hat.

Achtelbuscher: Überhaupt nicht kann man sicher nicht sagen. Das hat sie schon etwas gekostet. Aber der schaden ist nicht besonders schwer, weil dieses faktisch als Sanktions-Umgehungskonstrukt für den Pipeline-Weiterbau gedachte Konstrukt ja auch von der CDu und der Linken gestützt wurde. Interne Dokumente zeigten, dass die Satzung aus dem Umfeld der Gazprom-Tochter stammte und Verbindungen in die Schweiz liefen. Schwesig hat reagiert, wie ein kluger Politiker reagieren muss, wenn er mit der Hand in der Kasse erwischt wird. Sie hat einen Fehler eingeräumt, aber versichert, es sei alles nur zum Besten aller gewesen. Für ihre Mecklenburger, die günstiges Gas wollten, war das kein beinbruch. Für den Rest der Republik bleibt es der Beleg, dass sie Putins Interessen bedient hat. Aber die wählen ja nicht in Mecklenburg-Vorpo,mern.

PPQ: Es gab zuletzt mitten in Schwesigs wahlkampf den Versuch aus der Bundes-SPD, sie als neue Bundesvorsitzende ins Spiel zu bringen. Wollte man ihr damit gezilet schaden?

Achtelbuscher: Genützt hat es ihr sicherlich nicht, weil es ihren Landeswahlkampf gestört hat. Wer wählt eine Ministerpräsidentin, die auf Abruf steht? Aber aus der Parteilogik der SPd ist das zu verstehen. Es war ein Hilferuf in höchster Not. Die Bundes-SPD unter Klingbeil und Bas hat abgewirtschaftet, aber hinter den beiden Vorsitzenden ist niemand, der nach vorn drängt. Schwesig als erfolgreiche Ost-Ministerpräsidentin wäre das ideale Gesicht für einen Neuanfang. Aber natürlich hat sie sofort klar abgelehnt. Ginge sie jetzt nach Berlin, würde das daheim als Flucht wahrgenommen. Und zu gewinnen hätte sie als Trümmerfrau im Willi-Brandt-Haus sowieso nichts.

PPQ: Der Versuch zeigt, wie dünn das Personal der Bundes-SPD ist und wie sehr sich die Partei nach einem Schwesig-Faktor sehnt. Gibt es den aberüberhaupt?

Achtelbuscher: Durchaus. Mit Werten um die 30 Prozent ragt Schwesigs Landespartei ja meilenweit hervor. Der Schwesig-Faktor ist durchaus real: Ohne sie läge die SPD wahrscheinlich im Bereich der Bundespartei. 

PPQ: Und wie groß ist er Ihrer Ansicht nach?

Achtelbuscher: Enorm. In Sachsen-Anhalt ist die SPD einstellig, im Bund gerade so noch zweistellig. Schwesig hält die Sozialdemokraten in MV bei knapp 30 Prozent – das sind 15 bis 20 Punkte über dem Bundesniveau! Wissenschaftlich gesehen ist der persönliche Faktor, denn besser als anderswo läuft es an der Küste ja auch nicht. Aber Bekanntheit, Sympathie, Ost-Authentizität und die Fähigkeit, sich als eine von uns zu inszenieren, verhindern eben, dass die SPD auch im Norden abrutscht Richtung 15 Prozent und weniger. Die Mneschen möchten, dass sie eine regiert, die wie sie ist, damit sie, das spielt gerade bei den oft als brüsk und eigentbrödlerisch wahrgenommenen Nordlichtern eine große Rolle, ihr Ding machen können.

PPQ: Sie haben in einem vielbeachteten Aufsatz zum Landesmotto ,MV – Land zum Leben' geschrieben, dieser prägnante Satz sei ein großes Versprechen auf anstrengungslosen Wohlstand. Was meinten Sie damit?

Achtelbuscher: Es ist die perfekte Soft-Power-Formel. Natur, Lebensqualität, Wasser, Erholung, gut leben. Lästige Dinge wie Arbeit, Wirtschaft, Produktivität, Wohlstandserwirtschaftung sind da systematisch ausgeblendet worden. Das Motto, ausgestellt entlang aller Autobahnen, evoziert ein federleichtes Florida-Gefühl: Schönes Wetter, Strand, wenig Stress, kein Industrie-Lärm, Ruhe. Gemütlichkeit. Das passt zu einem Land, das demografisch schrumpft und nur noch den Ehrgeiz hat, der Frage recht lange auszuweichen, wovon die Leute eigentlich leben werden, wenn die Boomer abgetreten sind, die noch Ersparnisse haben und eine halbwegs auskömmliche Rente. ,Land zum Leben' klingt besser als ,Land zum Arbeiten' oder? 

Samstag, 19. September 2026

Der letzte Western: Schmutzig, halbnackt und ungebrochen

Die ARD hat begonnen, an ihren Premiumformaten zu sparen. Die Senderfamilie will endlich zurück zur Grundversorgung, für die sie von dern Müttern und Vätern des danach benannten Grundgesetzes ehemals gegründet worden war.

Es war ein veritabler Schock, als der ostdeutsche MDR die Krimifans im Frühjahr vor vollendete Tatsachen stellte. Kein "Tatort" mehr aus der Boomtown Leipzig, zumindest fünf Jahre lang oder doch bis zu dem Tag, an dem die gesichert rechtsextremistische AfD einen höheren Rundfunkbeitrag durchwinkt. 

Ein Beben walzte durch Deutschlands Krimilandschaft wie am Tag, als Horst Schimanski den Dienst quittiert hatte. Für große Teile der Bevölkerung ist der Fernsehkrimi das größte Abenteuer neben der alljährlichen Schlagerkreuzfahrt. 

Ohne Nachschub an düsteren und sozialkritischen Geschichten, von einer europäischen Krimi-KI rund um die häuslichen Probleme der Kriminalbeamten gestrickt, geht Mimi Mustermann nie ins Bett. 

Hellwache Bürger aber kann nur brauchen, wer sie woke haben will, ein Begriff, der im "Tatort" seine natürliche Verkörperung gefunden hat, seit jener Ruhrgebietshorst mit der kriegstüchtigen Kutte sein letztes "Arschloch" in die Kamera gedröhnt hat. 

In den Hexenküchen der großen Krimimeister 

Die Hexenküchen der großen Krimimeister sind niedergebrannt worden. Dort, wo Mord und Totschlag, die nie Totschlag und Mord, sondern immer Mord und Totschlag heißen, dort also, wo diese beiden tötlichsten Brüder der Pausenunterhaltung geplant werden, herrscht Todesstille. Die Streamer haben die Grundversorgung mit Frischblut übernommen. Fortsetzungen und fremdländische Ware, am liebsten aus dem ewig sonnigen Skandinavien, ersetzen die Drehbuchrealisierungen aus dem polnishcen Grenzland und den versteppten Ebenen Mecklenburgs.

Ohne "Tatort" ist Deutschland nicht denkbar 

Vorbei ist es schon, vorüber aber noch nicht. Ohne "Tatort" ist Deutschland nicht vorstellbar. Doch es braucht einen Neustart, gegen den die Versuche der Politik, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Miesepetrigkeit zu ziehen, wie Einschlafhilfe wirken muss. Statt der KI, die die lähmend langweiligen Thriller mit der Filterkamera geschrieben haben, sollen wieder echte Autoren ran, echte Autorenduos, die sich die blutigen Bälle zuwerfen und Charakterstudien schreiben, gegen die Schimmis wüstes Wirken harmlos wirken wird. 

Die Mörder mit der Maus entwickeln Täterjagden wie Heimatromane, Städte in karger Felslandschaft, voller Exotik und Erotik. Wie ein solches Drehbuch entsteht, im Zusammenspiel kühner Denker, und wie es zwangsläufig auf einen point of no return zuläuft, dokumentiert das folgende Protokoll eines brain storming in der Qualitätskrimiküche. Unter Abgabedruck.


Eine Frau, die morgens völlig aufgelöst in die Ortspolizeiwache stürmt. Das wäre ein guter Anfang. Starker Satz zu Beginn. Die wirkte verzweifelt, hatte aber sorgfältig Rouge aufgelegt. Ihre Lippen waren kirschrot geschminkt, sie trug teure Swarovski-Steine im Ohr.

Klingt brauchbar. Lass uns eine Polizeianfängerin am Tresen stehen, die völlig überfordert ist, als die Dame ihr offenbart, dass ihr Ehemann in der Nacht verschwunden ist. Als sie zu Bett gingen, legte er sich noch neben sie, als sie erwachte, war er fort.


Samt Gepäck.

Samt Gepäck. Nur sein Telefon lag noch auf dem Nachtschrank.

Ja, und ohne sein Telefon würde er nie nirgendwo hingehen.

Nie.

Die Dame vermutet also, dass ihr Mann ermordet worden ist.

Das ist doch Quatsch. Lassen wir ihn entführt sein.

Entführt. Meinetwegen. Jedenfalls Opfer eines Verbrechens.

Die junge Polizeianwärterin will es nicht glauben. Die Sonne scheint, es duftet nach Meer, ein leichter Wind wiegt die Kiefern. Nichts sieht nach Verbrechen aus, selbst die Betrunkenen in der Arrestzelle schlafen inzwischen.

Ja, es ist das Ende der Nachtschicht, die Zeit, in der nie etwas passiert.

Aber nun ist die Dame da. Sie zetert nicht, sie ist ganz ruhig, aber beunruhigt.

Sie hat Grund zu der Annahme, dass ihr Mann verschwunden ist, weil er mehr über ein geheimes Projekt des Militärs in einem gesperrten Jagdgebiet ganz in der Nähe herausgefunden hat.

Wo kommt das jetzt her?

Das erklären wir später in einer Rückblende, sobald wir es selbst wissen.

Klingt logisch. Erstmal Auftritt Revierchef. Was ist denn hier los. Diese Dame vermisst ihren Mann. Oh, das müssen sie nicht in Sorge sein, sagt der alte, erfahrene Wachleiter. Hier verschwinden immer mal Männer, die tauchen aber später wieder auf.

So leicht lässt die Dame sich nicht abschütteln.

Nein, so leicht nicht.


Sie will Anzeige erstatten.

Um des lieben Friedens willen, sagt der Revierleiter, Frau Rödenhepps, das ist die junge, überforderte Polizistin, machen sie das.

Die Schreibmaschine klappert. Es dauert, denn die junge Frau macht das zum ersten Mal.

Jetzt blenden wir. Der Berg im Sperrgebiet, eine frische Blutspur.

Klingt brauchbar. Geräusche aus dem Berg. Es klingt nach großen, menschenverachtenden Maschinen.

Blende. Die Dame, die Ursula Esenbrecht heißt, immer noch gut geschminkt, immer noch schwer beunruhigt, in einem Straßencafé. Sie raucht, obwohl sie eigentlich nicht raucht. Beim Trinken verschüttet sie Kaffee. Sie ruft immer wieder das Handy ihres Mannes an, denn sie hat vergessen, dass es im Hotelzimmer liegt. Fest steht jetzt schon, dass er dort nicht ist, denn er geht nicht ran.

Ein Herr betritt das Straßencafé. Esenbrecht schaut, Esenbrecht staunt. Das ist doch...

Genau, das ist doch Werner Heisenbeck, der im 3. Programm den Kommissar Jäger spielt. Groß, gut gewachsen, grau meliert. Ein Auskenner mit Falten, die von jahrelanger Auseinandersetzung mit Fernsehverbrechen künden.

Er hat bis heute alle seine Fälle in 90 Minuten gelöst.

Er ist der Beste.


Ja, das ist ein Zeichen. Esenbrecht schöpft natürlich Hoffnung. Wenn jemand helfen kann, dann dieser Mann. Groß, gut gewachsen. Ein bisschen sieht er aus wie ihr Vater.

Steht sie auf und geht direkt auf ihn zu? Scheut sie sich vor so einem Schritt, der sie ja exponieren würde?

Nein, keinesfalls. Die Esenbrecht hat 400 Jahre Gutsherrenschaft in den Genen, wenn sie Interessen in sich spürt, setzt sie sie auch durch. So ist sie damals an ihren Mann geraten, einen hübschen jungen Juristen mit welligem Haar, aus alter Familie, dem guten Leben nicht abgeneigt und dank altem Geld auf keinen Studentenjob angewiesen. Sie hat ihn einfach angesprochen, in einer Tanzhalle, wie man Diskotheken seinerzeit noch nannte. Hat ihn abgeschlappt, würde man heute sagen.

Genau. Und genauso macht sie es jetzt mit Jäger, mit Heisenbeck im Grunde. Geht auf ihn zu, spricht ihn an. Erzählt die Geschichte vom Verschwinden ihres Mannes. Ein Rätsel, wie es den alten Krimikämpen selbstverständlich fasziniert.


Er langweilt sich sowieso. Vier Drehtage sind ausgefallen, weil das Wetter die Reitszenen nicht im richtigen Licht erscheinen lässt. Das ist diesmal eine ARD-Produktion, da ist der Etat so, dass... solche Malaisen können ausgesessen werden.

Heisenbeck verspricht aber nichts.

Nein, der ist von der alten Schule. Er weiß schon selbst nicht mehr, ob er mehr der Jäger aus dem Dritten ist oder der Jäger aus der Buchvorlage. Genau genommen hat er schon mehr Jägerfilme gedreht als es Jägerbücher gibt.

Und immer erfolgreich.

Kein Täter ist je entkommen.

Hier hat der alte Fuchs sofort das Militär im Verdacht.

Die Spur führt auf den Berg.

Jetzt die Rückblende?

Guter Zeitpunkt. Wir sehen also Herrn Esenbrecht, wie er unter einem Stacheldrahtzaun hindurchkriecht. Immer noch gewelltes Haar, immer noch stilvoll. Aber das Gesicht geschwärzt, in einem Trockentauchanzug, eine Infrarotbrille auf der Nase.

Geigerzähler.

Exakt. Geigerzähler am Gürtel.

Er will nun was?

Er geht im Grunde dem Gerücht nach, dass es auf dem Berg nicht mit rechten Dingen zugeht. Anwohner berichten von Geräuschen, von geheimnisvollen Rohrleitungen, Starkstromkabeln, Wagenkolonnen. Mitternächtlichen Lichtern.

Esenbrecht ist Spezialist. Er hat im Internet recherchiert, seit sein jüngerer Bruder vor Jahren verschwunden ist, auf einer Wanderreise nach Patagonien. Eine letzte Postkarte zeigt eine friedliche Altstadtszene, Kirche, Markttreiben, bunte Früchte, Wandmalereien. Danach nichts mehr. Nie wieder.

Das hat Esenbrecht den Älteren nie losgelassen. Es hat ihm den Schlaf geraubt.

In der Tat. Und über unendlich viele Stationen, eine Brotkrumenspur, der er seit dem Tag der offiziellen Todeserklärung gefolgt ist, hat es ihn hierher geführt, wo Blutpipeles den Lebenssaft unschuldiger junger Menschen in die Tiefe unergründlicher Gruften pumpen.

Was niemand weiß.

Was natürlich niemand weiß.

Wer steckt dahinter?

Ein verschrobener Schweizer Millionär, der eigentlich Peruaner ist, sich aber immer als Ägypter ausgibt. Seine Familie stammt aus dem Sudan, ist aber dort Teil der christlichen Minderheit gewesen. Warum das alles so kam, wissen wir nicht, das ist ein dunkles Geheimnis. Aber letztlich läuft es darauf hinaus, dass der Mann, der eigentlich Ali Omar heißt, nach einem Vetter väterlicherseits, der in Kasachstan ums Leben kam, entschlossen ist, die Welt zu erobern.

Die Welt?

Das ist das Endziel, Teil 3 wird es zeigen. Im Moment ist der Kerl nur kriminell, aber hoch kriminell. Scheut kein Verbrechen, um seine menschenverachtenden Ziele durchzusetzen. Menschenraub, Pharmaschmuggel, illegaler Zigaretten- und Organhandel, Kinderarbeit, Prostitution über Glaubensgrenzen hinweg, Burka-Fetischismus der übelsten Sorte, er hat überall seine Finger drin.

Ist er nicht auch Jemenit?

Wollte er werden, aber die haben abgelehnt.

Deshalb ist er jetzt hier. Niederbayern.


Ein Heimatroman in karger Felslandschaft.

Gibt es in Niederbayern Felsen?

Wenn nicht, drehen wir in Jugoslawien.

Das gibt es doch nicht mehr.

Dann eben dort, was da jetzt ist.

Was macht Jäger?

Er recherchiert im Dorfkonsum. Die Leute wissen immer was. Und sein Argwohn ist ja geweckt.

Aber keiner will reden?

Omerta, keiner will reden. Alle hängen mit drin, haben nichts gelernt aus der niederbayrischen Vergangenheit. Kommissar Jäger geht ab und sieht immer noch gut, entschlossen aus. Sagt aber zu seinem Fahrer, einem jungen Mann von der ausgesourcten ARD-Produktionsgesellschaft "Roter Kreis", die die Jäger-Filme zusammenhaut, das sein Argwohn nun geweckt sei.

Er glaubt nicht an ein natürliches Verschwinden des engagierten Juristen.


Keine Minute. Er wittert Unrat, wie so oft, wenn er seine Drehbücher liest. Heisenbeck hat eine Nase für Unlogik, er kann sie riechen, schmecken, hören.
Man kann ihn nicht hinters Licht führen.


Esenbrecht schmachtet in der Zwischenzeit in einem dunklen Loch.

So dunkel, dass ihn der Leser gar nicht sieht. Wir hören nur seine Gedanken. Er ist entschlossener denn je, dem Bösen das Handwerk zu legen. Aber seine Hüfte schmerzt.

Ein alte Poloverletzung.

Zweifellos.

Wie kommt seine Frau damit klar? Es sind schon wenigstens 40 Minuten vergangen und Heisenbeck hat nicht die Spur einer Spur.

Sie hat Hoffnung. Hat sie immer gehabt. Sie schaut vom Balkon ihres Pensionszimmers direkt auf die Berge und ahnt etwas. Ihr Mann hat Andeutungen gemacht.

Wie das genau war, können wir später rückblenden.

Ja, lieber Heisenbeck am Berg. Es ist Tag, es riecht nach toter Ziege. Ein Zaun, der nach Starkstrom aussieht, kommt ins Bild.


Aber der Jäger aus dem Film vibriert vor Entschlossenheit.

Ein Mann der Tat, immer gewesen.

Betäubt er den Wächter?

Das ist doch nicht seine Art. Er spielt den Arglosen, ein Hercule Poirot in seiner Rolle als Landurlauber.

Und die lassen ihn ein?

Kein Stück.

So kommen wir nicht weiter. Es muss was passieren.

Macht es ja. Es kommt eine SMS an. "Lassen Sie die Finger von dem Fall". Kein Absender, keine Unterschrift.

Heisenbecks Argwohn ist geweckt?

Immer noch. Nach der Zurückweisung am Tor zum Berg, unter dem der Kommissar nach Recherchen in der Nachbarschaft eine Chemie- oder Biowaffenfabrik vermutet, liegt das nahe. Er lässt die Fans nicht in sein tiefstes Inneres schauen.

Er ist in dieser Rolle kein Schauspieler, sondern ein Mann der Tat.

In der Tat.

Kommt es zu einer Affäre mit Frau Esenbrecht?

Würde das der Handlung dienen? Besser wäre es, es knisterte nur unterdrückt. 10000 Volt, ohne Zaun. Andeutungen, leichte Berührungen, ein deutlich sichtbarer Brustansatz. Ein gemeinsames Sehnen, überstrahlt vom Wunsch, dieses Menschheitsverbrechen aufzuklären.

Verantwortliche Erwachsene.

Könnte man so sagen.

Die Schlafzimmerszene würde vieles kaputtmachen, brächte aber auch Zuschauer.

Lieber eine mit beiden Esenbrechts, halluziniert von Herrn Esenbrecht im Kerker.


Ja, auch da, ein tiefes Sehnen, das sich auch unter der Folter nicht löst.

Die SMS schreckt den Kommissar nicht.

Sie macht ihn erst recht mißtrauisch.

Jetzt zieht er andere Saiten auf. Ein Anruf bei einem langjährigen Fan, der als Chefermittler bei einer Sondereinheit des Innenministeriums arbeitet, die es offiziell gar nicht gibt, führt auf die richtige Spur. Die Drachen-Insel. Damit das Buch auch einen schönen Namen hat.

Ich denke Berg.

Der Berg ist auch eine Insel, die hat die Form von Drachenzähnen. Und ist nebenbei nicht nur Vogelparadies, sondern auch Zentrale für Menschen- und sonstigen Schmuggel.

In Niederbayern? Welcher See hat dort so eine Insel?

Einer in Niederbayern. Dort vermutet sie ja niemand, das ist immer die beste Tarnung. Der verrückte Millionär hat letztlich nicht nur den Berg aushöhlen und mit menschenverachtenden Maschinen ausstatten lassen, sondern auch den See installiert und um den Berg die tarnende Insel errichten lassen.

Der Hammer! Da kommt niemand drauf. In welcher Minute und auf welcher Seite sind wir jetzt?

Es geht auf die Zielgerade, denke ich. Bei einem Sackhüpfenrennen im Dorf fällt Jäger plötzlich auf, dass mehrere Säcke verräterische gelbe Spuren tragen. Ein unauffällige Befragung der Kindergärtnerin, bei der nicht Protokoll geführt wird, ergibt, dass die Plastikbeutel eine Spende eines großen örtlichen Tarnuntermnehmens der Drachen-Mafia waren.

Jäger weiß nun alles. Aber der Zuschauer weiß es noch nicht.

Alles. Er ruft kurzentschlossen das Sonderkommando beim Innenministeriuman an, wird aber ausgelacht. Erst als er die ARD-Sendung "Fakt" einschaltet, reagiert die Politik.

Es stehen Wahlen vor der Tür.

Vermutlich. Die Ereignisse laufen aber jetzt so rasant ab, dass das nicht mehr geklärt werden kann. Der Zuschauer denkt sich seinen Teil.

Was geschieht denn?

Frau Esenbrecht hat nach Jägers Eröffnung, ihr Mann werde im Berg gefangengehalten und für eiskalte Experimente benutzt, die Nerven verloren. Mit ihrem silbernen, aber sehr umweltfreundlichen Prius rast sie los, um Gunther zu befreien, den sie trotz einiger Affären immer noch liebt. Der Wagen fährt sich aber fest, als sie ein Schneefeld quert, sie versinkt bis zu den Hüften im Neuschnee, trommelt mit den kleinen Fäusten aufs Wagendach, die ganze Palette, alles was geht, aber immer noch gut anzusehen.


Jäger hinter her?

Der springt sofort in einen alten W50 der Produktionsgesellschaft, der früher der GST gehört hat. Fräst sich durch den Schnee, hört nicht auf die Rufe seines Lichtassistenten, dass es zu dunkel ist für eine Befreiung auf eigene Faust. Ein Hubschrauber greift die Befreier an, die Sonne geht unter, sie finden das Nachtsichtgerät von Herrn Esenbrecht, das am Stacheldrahtzaun hängengeblieben ist.
 

Jäger bricht mit dem W50 durch?

Einfach durch. Es blitzt und donnert, Pfähle fliegen durch die Luft, Schüsse peitschen. Apocalypso now!

Und als die Befreier im Feuer liegenbleiben, greift die Sondereinheit ein. Noch mehr Gewehrfeuer, noch mehr Geschrei.

Frau Esenbeck hat riesige Angst um ihren Mann, aber ihr Parfum liegt immer noch wie schwerer Rauch in der Luft, verführerisch duftend wie Grillwürstchen.

Schiefer Vergleich.


Jäger hat den gesamten Fall über nicht gegessen.

Gut, dann versteht man das. Das ist immer so. Und wie weiter?

Sie dringen ins Innere ein. Menschen sterben unterwegs. Handlanger des Drachen-Königs, wie der Schweizer Afghane achtungsvoll genannt wird. Von den wenigen Getreuen, die um seine wahre Identität wissen.

War er nicht Jemenit?

Ägypter. Aber das wollte er ja nur alle glauben machen.

Er selbst verfolgt das Eindringen Fremder in seine Festung von seiner Kommandozentrale aus zunehmend panisch. Er schickt seine besten Leute, die Wallander und die Seinen aufhalten sollen.

Frau Esenbrecht verliert einen Schuh. Ihr Gewand hängt in Fetzen. Wallander büßt einen Hut ein, als er am Boden mit einem hünenhaften Schwarzen ringt.

Asiate, lass ihn uns Asiate sein lassen. Er trägt ein Drachen-Tattoo im Gesicht.

Im Schritt.

Gut. Aber Jäger bezwingt ihn mit einem Hüftwurf, Seitseigurigummiaschi. Und einen Hitsakabarai haut er hinterher,

In der Not entwickelt der alte Mann ungeahnte Kräfte. Frau Esenbrecht himmelt ihn an, schweißgebadet.

Es brennt jetzt in der Drachenburg, lichterloh.

Ja, der Gangsterboß hat sein Refugium angezündet. Was er nicht hat, soll auch kein anderer bekommen.

Er will die Spuren seiner scheußlichen Schandtaten vertuschen. Verwischen. Seine Opfer sollen namenlos bleiben, ihre Zahl unbekannt.

Aber Jäger ist schneller, wiedermal, wie in jedem Film.

88 Minuten sind herum, da sieht der schreckliche Drachenkönig keinen anderen Ausweg mehr. Schüsse peitschen, Blut fließt. Die Sondereinheit stoppt den Blutfluss in den Leitungen zu den pharmakologischen Maschinen. Der Drachenkönig stürmt eine Treppe hinunter, Flammen schlagen hinter ihm zusammen.

Er ist besiegt, aber ist er tot?


Wohl nicht. Die Esenbrecht verlangt nach ihrem Mann. Jäger führt sie einen Gang hinunter, Alarmsignale schrillen, der Kommissar tritt eine Tür aus Eisen auf. Dahinter liegt, ein zitterndes Bündel, aber ungebrochen, Herr Esenbrecht.

Schmutzig, halbnackt, aber ungebrochen.

Die beiden Eheleute fallen sich in die Arme. Frau Esenbrecht weint, ihr Rouge ist verschmiert.

Jäger beoachtet die rührende Szene von der Stahltür aus. Er reibt sich mit der Linken das stoppelbärtige Kinn, fingert mit der Rechten nach einem Päckchen Zigaretten. Eigentlich raucht er nicht. Aber das hier ist etwas anderes. 

Abspann.

Abspann. 

Freitag, 18. September 2026

Gegen den Muff: Eine Handwerkerin fürs Schloss Bellevue

Die sächsische Handwerksunternehmerin Carola Schwarzenbach hat im Rennen um die Neubesetzung des Bundespräsidentenamtes ihren Hut in den Ring geworfen.

Sie ist 63, aufgrund ihrer langjährigen Tätigkeit als selbstständige Handwerkerin noch lange nicht rentenberechtigt und trotzdem nicht mehr so fit wie in jungen Jahren. Die gelernte Baugeräteführerin und Handwerksmeisterin Carola Schwarzenbach wäre aus verschiedenen Gründen bereit, als nächste Bundespräsidentin zu kandidieren.


Chancen, so sagt sie, den bisherigen Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier zu beerben, rechne sie sich zwar nicht aus. "Aber meine Kandidatur würde ein deutliches Zeichen setzen", glaubt sie. Erstmals wäre eine Frau im Rennen, zudem eine Ostdeutsche. Erstmals wäre zugleich eine "ganz normale Bürgerin" ohne den stickigen Stallgeruch jahrelanger Aufenthalte im politischen Biotop so dreist, Anspruch auf das höchste Amt im Staate zu erheben. 

Vertreterin der Vielen

Schwarzenbach – gepflegte Erscheinung, wacher Blick – meint es ernst. "Ich sehe mich als Vertreterin der vielen, vielen Menschen, die nie gehört oder gesehen werden", sagt sie. Mit ihrer Kandidatur bekomme Deutschland eine Chance, sich zu normalisieren und wieder ein "Staat von Bürgern für Bürger"“ zu werden, wie sie ihr Wahlprogramm in einem halben Satz umreißt. "Bei mir muss niemand Angst haben, dass ich vergesse, wo ich herkomme, und nicht mehr weiß, dass die meisten von uns weiter dort wohnen und leben."

Eine Frau gegen die Verwaltungsdiktatur

Die burschikose Frau aus Sachsen, seit mehr als 40 Jahren verheiratet und Mutter zweier erwachsener Söhne, sieht ihre Wortmeldung als demonstrativen Akt des Aufbegehrens. Zwar seien sie und ihr Mann, wie der gesamte Bekannten- und Freundeskreis, erst seit dreieinhalb Jahrzehnten Teil der demokratischen Prozesse in Deutschland. "Aber wenn wir uns unterhalten, ist uns manchmal nicht klar, wie die Brüder und Schwestern im Westen das noch deutlich länger ausgehalten haben." 

Für sie, die in der untergehenden DDR ihre Familie gründete, ihre Söhne zur Welt brachte und mit Mitte 20 die erstbeste Chance ergriff, ein eigenes kleines Bauunternehmen zu eröffnen, ist der Gedanke "nahezu unvorstellbar, einfach immer so weiterzumachen, obwohl jeder sehen kann, in welche Sackgasse uns das schon wieder führt."

Parallelen zur DDR

Carola Schwarzenbach sieht Parallelen zur DDR, die sie so glücklich hinter sich gelassen glaubte. Da seien einerseits Menschen wie sie – gewöhnliche Leute, die vom Staat nicht mehr erwarteten, als einen Rechtsrahmen zu setzen, in dem sie ihr Leben selbst bestimmen können. "Niemand, den ich kenne, möchte gelenkt, geleitet und betreut werden", sagt sie, "schon gar nicht von Leuten, die nicht halb so viel Lebenserfahrung und Fachwissen haben." 

Dennoch habe sich auch die Bundesrepublik aus ihrer Sicht in eine "Verwaltungsdiktatur" verwandelt, wie sie es nennt. "Wir haben ganz oben die politische Klasse, die ihren Nachwuchs im Inzest erzeugt, wenn ich das so hart sagen darf." Darunter befinde sich eine ausufernde Bürokratie, deren einziges Bestreben darin liege, die oft enigmatischen Ratsschlüsse der politischen Führung umzusetzen. 

Skepsis gegenüber Idealisten

Schwarzenbach lehnt das ab. Sie würde sich als Bundespräsidentin niemals als Idealistin ausgeben, wie es Amtsinhaber bisher stets getan hätten. „Ich weiß, dass jeder weiß, dass jeder, der dieses Amt anstrebt, damit vor allem sich selbst glücklich machen möchte.“ Seit ihrer Jugend seien ihr angebliche Idealisten ohnehin verhasst. 

Mit der Behauptung, man tue etwas "für die Menschen", habe bisher jedes große Elend angefangen. "Weil es immer die Idealisten sind, denen die Leute am liebsten folgen." Gebe man einem Idealisten aber Macht, setze ihm das zwangsläufig die Idee in den Kopf, er könne damit das Weltgefüge verändern. "Ein paar Jahre später hast du einen Stalin, einen Mao, einen Nicolae Ceaușescu. Oder einen Milošević."

Die „Talkshow-Republik“ aufbrechen

Dass auf Frank-Walter Steinmeier im kommenden Jahr wahrscheinlich erstmals eine Frau folgen wird, habe sie aufgerüttelt. „Ich habe gesehen, welche Namen da im Gespräch sind, und automatisch kam mir die Frage in den Sinn, warum es zwar nun Frauen sind, aber wieder nur Kandidatinnen aus dem inneren Kreis des Personals der Talkshow-Republik.“ 

Natürlich gehe ihr Zutrauen in die Prozesse der demokratischen Entscheidungsfindung nicht so weit, dass sie ihr Ansinnen nicht für vollkommen aussichtslos halte. "Es ist natürlich unwahrscheinlich, dass die Bundesversammlung, die von den Parteien mit handverlesenen Gefolgsleuten besetzt wird, jemanden wie mich wählt." 

Der lange zurückliegende Versuch einer breiten und vielfältigen Bürgerbewegung, den damals noch als vollkommen unbescholten geltenden Nationalhelden Franz Beckenbauer ins höchste Amt zu hieven, stehe ihr bis heute vor Augen. "Selbst da haben die Kräfte der Beharrung ja gezeigt, dass sie eher bereit sind, einen Kandidaten ohne jede Ausstrahlung zu nehmen als jemanden, der von Haus aus Unabhängigkeit vom politischen Normalbetrieb mitbringt."

Notausgang Selbstnominierung

So jemand zu sein, sagt sie, "kann ich mir das vorstellen, absolut". Die Kinder seien aus dem Haus, der Handwerksbetrieb werde seit der Pandemie langsam heruntergefahren. "Ich habe Zeit",  beantwortete sie kürzlich eine entsprechende Frage der "Sächsischen Zeitung", die über Facebook von Schwarzenbachs proaktiver Kandidatur erfahren hatte. 

Da es diese Form der Selbstnominierung eigentlich nicht gibt – weil die Besetzung des Amtes gewöhnlich in Hinterzimmern zwischen den Volksparteien ausgewürfelt wird –, sei ihr keine andere Wahl geblieben, als sich so zu Wort zu melden. "Zusätzlich habe ich aber auch noch Briefe an die Parteien und den Amtsinhaber geschickt." 

"Krücken des Machterhalts"

Seitdem schießen die Spekulationen ins Kraut. Carola Schwarzenbach freut es: "Ich empfinde das als große Wertschätzung." Zudem zeige es, wie viele Menschen darauf gewartet hätten, dass jemand von außen kommt und die "traurigen Rituale" aufbricht. Sie selbst stehe für Frische und für das "Ausblasen des Muffs" von vielen Jahrzehnten. Als Quereinsteigerin traue sie sich zu, unbefangen und unvoreingenommen zu amtieren. "Ich glaube, damit bin ich nicht allein, denn sonst wäre mein Name nicht in der Diskussion."

Das Rennen der Etablierten

Die Amtszeit von Frank-Walter Steinmeier endet im kommenden Jahr; die Suche nach einer Nachfolge, die sich ebenso reibungslos in die politischen Prozesse einfügt, läuft bereits. Als ungeschriebene Hauptanforderung gilt, dass es erstmals ein weibliches Staatsoberhaupt geben müsse.

Nachdem auch Bundeskanzler Friedrich Merz dafür plädiert hatte, andere Qualifikationen zurückzustellen und nach Geschlecht zu besetzen, gilt als sicher, dass der nächste Bundespräsident eine Frau sein wird. Im politischen Berlin kursieren Namen wie Annalena Baerbock, Frauke Brosius-Gersdorf iund Alice Schwarzer. Auch die derzeitige Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) und die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner haben Medienschaffende gefunden, die sie ins Spiel gebracht haben. "Sie alle", sagt Carola Schwarzenbach, "glauben jetzt natürlich, dass sie das Rennen wie immer unter sich ausmachen werden."

Entschieden für eine Frau

Auch Carola Schwarzenbach ist entschieden für ein weibliches Staatsoberhaupt. "Es wird eine Frau. Punkt. Ansonsten gehen wir alle auf die Straße", zitiert die entschlossene Sächsin die Soziologin Jutta Allmendinger, die sich ebenfalls als Kandidatin ins Spiel gebracht hatte. Doch Schwarzenbach geht weiter: Abgesehen von Joachim Gauck war in fast acht Jahrzehnten Bundesrepublik noch nie ein Mensch aus Ostdeutschland Herr oder Frau im Schloss Bellevue. 

Ein totgeschwiegenes Thema, mit gutem Grund, glaubt die Frau vom Bau. Die Amtszeit Ostdeutscher im Bundespräsidialamt liege bisher bei nur etwa zehn Prozent, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung zwischen 16,7 und 19,5 Prozent betrage. Acht von fast 80 Jahren, Schwarzenbach nennt es ein Armutszeugnis für die Einheit, die eben nicht vollendet sei und nicht einmal auf dem Weg dorthin.

Zur Frage, ob ein Ostdeutscher oder eine Ostdeutsche wieder dran sei, nach so vielen Jahren mit einem Niedersachsen als erstem Mann der Republik, werde nicht einmal diskutiert. Für die ganz und gar westdeutsch geprägten Medien, die eine ganz und gar westdeutsch geprägte Politik abbilden, sei das einfach kein Thema. Für Millionen Ostdeutsche aber schon. "Wir können da nicht länger abwarten. Der richtige Zeitpunkt, diese doppelte Ungerechtigkeit auszugleichen, ist jetzt."

Sie ist kompromissbereit

Die Unternehmerin, die neben ihren Mann Achim über Jahre hinweg ihre einzige Angestellte war, klingt überaus entschieden. Ja, sagt sie, sie werde als Bundespräsidentin natürlich Kompromisse machen, zur Not auch politischen Notwendigkeiten Rechnung tragen. "Aber auf dem Weg dahin darf niemand von mir erwarten, dass ich das abgekartete Spiel all dieser Leute mitspiele, die aus den Landesparlamenten, den Ministerien, Universitäten und dem Deutschen Ethikrat ins Schloss Bellevue drängen."

Carola Schwarzenbach, die ihren Mann Achim auf dem Weg nach Berlin zuverlässig an ihrer Seite weiß, tritt an, den "Betrieb aufzumischen", wie sie sagt. "Ich will, dass sie in Panik geraten", zitiert sie eine Drohung der früheren Klimaaktivistin Greta Thunberg an den etablierten Politikbetrieb.  Mit 63 habe sie ein gerüttelt' Maß an Lebenserfahrung, die Begleitung ihrer Kinder ins Erwachsenenleben habe ihr zudem das Selbstbewusstsein verliehen, mit sich im Reinen zu sein, auch wenn "die See mal kabbelig wird", wie es die begeisterte Hobbyseglerin formuliert. 

Gesunder Menschenverstand im Amt

Furcht vor den internationalen Verpflichtungen, die mit der höchsten Repräsentationsfunktion im Landes auf sie zukommen würden, hat Schwarzenbach ebenso wenig wie vor der Aufgabe,  von Bundestag und Bundesrat beschlossene Gesetze abschließend auf ihre Grundrechtskonformität zu prüfen.

Dank einige Urlaubsreisen in den vergangenen Jahren verfüge sie über gewisse Kenntnisse des Italienischen, des Englischen, des Spanischen und des Tschechischen. "Wir konnten uns bisher überall gut verständlich machen." Zudem setze sie auf Fachdolmetscherdienst des Präsidialamtes. Was die Rechtsprüfungpflichten des Bundespräsidenten betreffe, der Gesetze nur unterzeichnen müsse, wenn er sie für grundrechtskonform halte, sei sie ganz gelassen. "Das ist keine Hexerei, die sich nicht mit gesundem Menschenverstand und Gelassenheit erledigen lassen würde", ist sie sicher.

Donnerstag, 17. September 2026

Fahrradprivileg: Milliardenschäden durch Steuersubvention

Selbstbewusst und ohne Schuldgefühl: Fahrradfahrer verursachen Jahr für Jahr Milliarden Euro an volkswirtschaftlichen Schäden, werden aber seit der Abschaffung der Fahrradsteuerkarten in Preußen Ende des 19. Jahrhunderts vom Fiskus verschont.

Die einen zahlen, zähneknirschend zwar, aber sie müssen ja. Die anderen sausen wie auf zwei Rädern vorbei, unbeschwert und von keiner Steuer zu Boden gedrückt – obwohl auch sie die öffentliche Infrastruktur nutzen und sich selbst wie das Land mit ihren gefährlichen Fortbewegungsmitteln belasten. Fahrradfahren gilt offiziell als gesunde Leibesbetätigung.

Der Legenden gibt es viele, die sich darum ranken. Es habe eine präventive Wirkung, die eine Vielzahl an Herz-Kreislauf-Erkrankungen vermeide. Regierungsnahe Forscher haben die Einsparungen im Gesundheitswesen, die dadurch entstehen, bereitwillig auf "über 15 Milliarden Euro pro Jahr" geschätzt.

Gnade mit den Radelnden 

Eine Gefälligkeitsrechnung, denn mit demselben Recht ließen sich weitaus höhere Einsparungen im Gesundheitswesen durch vermiedene Hüft- und Rückenschäden herbeimultiplizieren, weil Familien ihre Wochenend-Einkäufe zu großen Teilen nicht mehr im Einkaufsbeutel nach Hause schleppen. Gerecht jedenfalls sei die unterschiedliche steuerliche Behandlung Fahrender nicht, sagt der Verkehrswissenschaftler Ulf Gerlemann-Samasat, der am  Climate Watch Institute (CWI) im sächsischen Grimma zu Fragen der Gerechten Mobilität (GM) forscht. 

Dass Autofahrer Steuern zahlen müssen, um voranzukommen, Fahrradfahrer aber seit der Abschaffung der Fahrradsteuerkarten in Preußen Ende des 19. Jahrhunderts vom Fiskus verschont werden, hält Gerlemann-Samsast für einen Webfehler der deutschen Steuersystematik, der mitverantwortlich sei für die immer weiter wachsenden Haushaltslöcher in Bundes- und Landeskassen. Wer nicht Auto fährt, sondern Rad, nutze genauso öffentliche Infrastruktur. "Er oder sie macht sich aber einen schlanken Fuß, wenn es darum geht, für die finanziellen Lasten aufzukommen." 

Mobilität ohne Ausgaben 

Die seien beim Fahrradverkehr niedriger als bei der Automobiliät. Allerdings stünden hier Ausgaben von Bund, Länder und Kommunen in Höhe von jährlich 1,5 bis 2 Milliarden Euro allein für den Aus- und Umbau der Radinfrastruktur Einnahmen von genau Null entgegen. "Beim Autoverkehr spielt hingegen bereits die KfZ-Steuer die Hälfte des Etats des Bundesverkehrsministers ein. Die Einahmen aus der Mineralölsteuer und der Umsatzsteuer auf Treibstoffe ziehe der Staat Autofahrern sogar mehr Geld aus der Tasche als er für Neubau und Erhalt von Straßen ausgeben. 

Die von der Politik und in den Medien popularisierte Rechnung, dass Fahrradfahren kostenfrei sein müsse, hielt einer im Rahmen einer CWI-Studie vorgenommenen Prüfung nicht stand. "Es kommt ein dickes Minus raus", fasst Ulf Gerlemann-Samasat die Ergebnisse zusammen. 

"Wir müssen darüber sprechen, wie wir den sozialen Ausgleich in unserem Land stärken, auch finanziell", zitiert der Wissenschaftler die frühere Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckhardt. Die hatte sich schon vor Jahren dafür starkgemacht, Lasten perspektivisch besser zu verteilen. Derzeit sei es so, dass Autofahrer alle Kosten für Bau und Erhalt der Infrastruktur trügen. "Und niemand sich wagt, diese unfaire Regelung zu hinterfragen."

Zahlen sollen die Schwachen 

Nicht einmal in einer prekären Haushaltslage, in der selbst die Schwächsten der Schwachen von den Spitzen der Politik aufgefordert werden, ihren Teil beizusteuern und auf gewohnte Bequemlichkeit zu verzichten, habe es Überlegungen gegeben, auch an Radfahrer heranzutreten. "Wenn wir uns umschauen, sehen wir, dass sämtliche anderen gesellschaftlichen Gruppen sich ihrer Pflicht nicht entziehen", sagt Gerlemann-Samasat. 

Neben Autofahrern müssten auch Motorrad- und Mopedfahrer zahlen. Selbst wer mit dem Elektroroller unterwegs sei, werde über Versicherungs- und Stromsteuer für jeden Meter zur Kasse gebeten. "Aber der mächtigen Radlerlobby gelingt es seit Jahrzehnten zuverlässig, jede Diskussion um den eigenen solidarischen Beitrag zu unterdrücken." Es sei höchste Zeit, dass die Politik endlich auch die Radfahrer ins Visier nehme – eine nach Millionen zählende Bevölkerungsgruppe, die seit mehr als 100 Jahren von allen verkehrsbezogenen Abgaben verschont geblieben ist.

Pedalritter auf Edeldrahteseln

Dabei haben die "Pedalritter" (Der Spiegel) von heute, die auf Edeldrahteseln im Wert früherer Kleinwagen an gestressten Autofahrern vorbeirauschen, nicht s mehr zu tun mit den Peletons an Radfahrern aus früheren Zeiten. Die strampelten mit Morgengrauen notgedrungen auf zwei Rädern zum Werktor, um bei Heulen der Schichtsirene pünktlich mit der Erschaffung von Wohlstand für alle beginnen zu können. Zu vier Rädern reichte es einfach nicht. 

Heute aber ist Fahrradfahren zumeist freiwillig gewählte Fortbewegungsart. Und der Staat prämiert dabei selbst die, die das Klima aufgrund eines unzureichenden Trainingszustandes als Radler mehr belasten als sie es als Mitfahrer in einem Auto täten. 

Der Nimbus, Radfahren sei "klimafreundlich", sei bereits vielfach wissenschaftlich widerlegt, bestätigt Radforscher Gerlemann-Samasat. "Wenn ich sonntagsnachmittag meine 200-Kilometer-Runde auf dem Rennrad drehe, ist das reine Fahren auf nicht das Problem", erläutert er. Eher sei die hohe Geschwindigkeit, die er dabei anstrebe, die zu einem beträchtlichen Energieverbrauch führen. 

Ein Müsliriegel reicht nicht 

"Da reicht ein Müsliriegel nicht, da muss noch anderweitig nachgelegt werden." Am Climate Watch Institut haben sie ausgerechnet, dass ein Radfahrer auf 100 Kilometer Strecke einen Verbrauch von rund 2.500 Kilokalorien hat. Ein zusätzlicher Energiebedrarf, der einem Kilogramm Rindfleisch entspricht. "Das wiederum setzt in der Produktion schon rund 13,3 Kilogramm CO2 frei, also 133 Gramm pro Kilometer." Kompensation mit rein pflanzliche Lebensmittel hingegen sei nahezu unmöglich. "Sie haben eine sehr geringe Kaloriendichte im Vergleich zu tierischen", rechnet der Forscher vor, "man müsste mehr als 13 Kilogramm Tomaten essen, um auf 2.500 Kilokalorien zu kommen."

Ein Radfahrer kommt damit nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auf denselben CO2-Fußabdruck wie der Fahrer eines SUV der Kompaktklasse. "Der aber kann drei bis vier Personen mitnehmen", erinnert Gerlemann-Samasat. Aufgrund dieses Umstandes sehe die CO2-Bilanz des Radfahrers "zappenduster aus", betont er. 

Klimaschädliche Fortbewegung 

Man könne "diese Art der Fortbewegung aus Gründen des Klimaschutzes nicht mehr empfehlen". Radfahren sollte also allenfalls Hobby bleiben oder eine Option für Menschen, die körperliche Ertüchtigung schon auf dem Weg zur Arbeit erledigen wollen. "Aber Radfahren ist sicher nicht die nachhaltige Mobilität von morgen", mahnt der Wissenschaftler, "zumindest nicht, wenn wir alle Klima-Opportunitätskosten einbeziehen." 

Umso unverständlicher für ihn: Dennoch verschone der Staat Radfahrer bislang von allen Folgekosten ihrer Betätigung. Einmal zahlt der Radbesitzer beim Kauf. Danach stellt ihn der Fiskus von allen weiteren Abgaben frei - ungeachtet aller volkswirtschaftlichen Schäden, die er anrichtet.

Und die sind enorm. In Deutschland rollen derzeit rund 91 Millionen Fahrräder über die Straßen, 16 Millionen davon sind hochgerüstete, enorm klimaschädliche E-Bikes. Statistisch kommen damit mehr als 1,1 Räder auf jeden Einwohner. Die jährliche Fahrleistung liegt bei etwa 44 bis 50 Milliarden Personenkilometern. Ein erheblicher Teil davon sind ehemalige Autofahrten – vor allem auf den beliebten Kurzstrecken unter fünf Kilometern.

Der Staat subventioniert mit Milliarden 

Allein durch dieses Ausweichen auf das vom Staat subventionierte Rad entstehen jährlich Steuerschäden im Milliardenbereich: Während Autofahrer jede Kilowattstunde, jeden Liter Kraftstoff und jede Tonne CO₂ mit Energiesteuer, CO₂-Abgabe und 19 Prozent Mehrwertsteuer bezahlen, gleiten die Radfahrer steuerlich unbelastet durchs Land. 

"Das ist eine krasse einseitige Subventionierung einer Verkehrsform auf Kosten der anderen", sagt Gerlemann-Samasat. Unter allen 200 Einzelsteuergesetzen und in den 100.000 ergänzenden Rechtsverordnungen und Verwaltungsanweisungen, über die Deutschland verfügt, finde sich kein anderer Tatbestand neben dem Radfahren, der "auf eine solche übertriebene Weise privilegiert wird".

Die verpasste Chance für mehr Gerechtigkeit

Gerlemann-Samasat sieht eine mächtige Lobby am Werk, die bis nach Brüssel Einfluss habe. Die EU und die Bundesregierung steckten Jahr für Jahr Milliarden in Radwege, Fahrradparkhäuser und neuerdings sogar in Fahrradautobahnen. Finanziert werde das alles durch die Steuern und Abgaben der Autofahrer. Die eigentlichen Nutzer der neuen und vermeintlich ökologischen Infrastruktur müssten sich hingegen nicht an den Kosten beteiligen. 

"Dabei wissen wir in der Fachwelt durchaus, dass jeder Bau mit Bitumen, sei der Radweg auch noch so schmal, für das weltklima eine zusätzliche Bedrohung darstellt." Eine faire Beteiligung der Radfahrer sei deshalb nicht nur finanziell sinnvoll, sondern auch "ein starkes Signal für mehr Gleichbehandlung im Verkehr".

Es würde allen nützen 

Am CWI haben sie ausgrechnet, wie die Gesellschaft insgesamt von einer fairen neuen Steuer profitierenwürde. "Eine moderate Fahrradsteuer von beispielsweise 22 Euro pro Jahr und Rad würde die aktuellen Ausgaben für die Radinfrastruktur bereits nahezu decken", sagt Gerlemann-Samasat. Bei einer etwas ambitionierteren Variante von 65 Euro pro intensiv genutztem Rad kämen leicht mehrere Milliarden Euro zusätzlich in die klamme Staatskasse – Geld, das dringend für Haushaltskonsolidierung, Klimaschutz oder die Förderung wichtiger NGOs benötigt wird.

Die Argumente, Schuss zu machen mit der Übervorteilung einer kleinen Gruppe von Menschen, wiegen schwer. Nach Erkenntnissen der CWI-Forscher verursachen Radfahrer alljährlich Unfallkosten in Höhe von jährlich 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro. Obwohl die jährliche Fahrradfahrleistung in Deutschland bei nur 44 bis 50 Milliarden Personenkilometern liegt und damit nicht mehr als drei bis vier Prozent der gesamten Verkehrsleistung aller Verkehrsmittel ausmacht, ist heute schon jeder sechste Verkehrtote ein Radfahrer.

Zehnmal häufiger tödlich 

90.000 bis 95.000 Radfahrer verunglücken jährlich, die Zahl der getöteten Radler liegt sogar bei etwa 450 bis 480. Auf zwei Rädern unterwegs zu sein, ohne Airbag und Knautschzone, neuerdings aber immer öfter elektrisch energisch angetrieben, ist um zehn Prozent gefährlicher als zu Fuß zu gehen. Und es geht zehnmal häufiger tödlich aus als die Fahrt in einem Auto.

Die Zeit für falsche Rücksichten sei abgelaufen, mahnt Gerlemann-Samasat. Auch die radfahrer  als sehr kleiner Teil der Bevölkerung, die sich jeglicher Solidarität bisher verschließe, "sollte gerade in Zeiten der Krise seinen fairen Beitrag für das Land leisten". Mit den neuen EU-Regeln zur Reduzierung des Transports und zur Einführung von Grenzwerten für Bremsen- und Reifenabrieb wegen der gefährliche Mikroplastik stehe der Gesetzgeber ohnehin erneut vor einer historischen Chance, die steuerliche Ungleichbehandlung der Verkehrsmittel endlich zu beenden. "Wir brauchen da jetzt eine grundlegende Reform."

Ende der Fahrrad-Subventionierung

Um einen Meilenstein auf dem Weg zu einer echten Verkehrswende zu setzen, weg von der einseitigen Belastung der Autofahrer, hin zu einer fairen Beteiligung aller Verkehrsteilnehmer, brauche es keine große Bürokratie, ist der Forscher sicher. Überlegungen, dass die vielen neuen spezifischen Grenzwerte, die im Verkehr künftig einzuhalten sein werden, auch für Fahrräder gelten sollten, erteilt er eine Absage. In seiner Studie "A new Bicycle revolution - Economic impacts of over-privileging the bicycle as a mode of transport" plädiert das CWI für eine Lösung adäquat zur KfZ-Steuer. Dank der Digitalsiierung der Behörden werde es kein Problem sein, Fahrräder zu tokenisieren und fällige Jahressteuern automatisiert einzuziehen.

Im Finanzministerium sehen die sächsischen Fahrradrevolutionäre Unterstützung wachsen. "Jeder Fachmann weiß, dass eine Verlagerung von zehn Prozent der Pkw-Kilometer auf das Rad Mindereinnahmen von  1,5 bis 2,5 Milliarden Euro jährlich bedeutet." Diese Ausfälle würden derzeit noch weggeschwiegen und durch Milchmädchenrechnungen mit angeblich geringeren Kosten für Straßensanierung, Umweltschäden und Gesundheit entschudligt. 

Zehn Milliarden zusätzlich 

"Nach unserer Kalkulation einer Fahrradsteuer, die die jährlichen Infrastrukturinvestitionen deckt, wäre eine Höhe von 22 Euro pro Jahr angemessen", sagt Gerlemann-Samasat. Um sämtliche volkswirtschaftlichen Schäden asuzugleichen, die der Fahrradverkehr verusacht, seien um die 65 Euro pro Jahr nötig. "Und wenn wir eine Einnahme-Ausgabe-Rechnung erstellen, die der entspricht, die wir bei der KfZ-Steuer haben, wären 120 Euro angemessen." Für den Finanzminister brächte das immerhin um die zehn Milliarden Euro zusätzlich. "Und für uns als Gesellschaft das Gefühl, dass sich endlich alle finanziell an den Kosten des großen Umbaus beteiligen."

Mittwoch, 16. September 2026

Wenn Dogmen helfen: Die Zerstörung der Wissenschaft

Wissenschaft entsteht, indem wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegt werden. Das gefällt nicht immer und schon gar nicht jedem.

Es muss um das Jahr 2022 gewesen sein, als die Geschichte der Wissenschaft ihr Ende erreicht hatte. Alles war erforscht, alle Erkenntnisse waren abschließend gefunden. Es schien über Monate, ja, einige Jahre sogar so, als sei die Gesellschaft gegen Zweifel gut gewappnet. 

Forscher, die abweichende Ansichten äußerten, bekamen im öffentliche-rechtlichen Rundfunk schon lange keine Plattform mehr geboten. Betreiber von sozialen Netzwerken wurden in die Pflicht genommen, Meinungen, die nicht den von staatlichen Kommissionen getroffenen Einschätzungen entsprachen, zu löschen. Wer hartnäckig weiter wetterte, bekam die harte Hand des demokratischen Rechtsstaates zu spüren. 

Alles zum Besten aller 

Das alles war zum Besten aller. Das neue Berufsfeld des Faktencheckers erlaubte es, professionelles Interpretieren an die Stelle der üblichen journalistischen Einordnung zu setzen. Der Staat zahlte die Instrumente, die seinen Kritikern das Handwerk legten. Zuversicht sollte jedermann Programm sein. Fakten galten als richtig, wenn sie dem guten Zweck zu dienen versprachen. 

Der Ruf "Hört auf die Wissenschaft" entfaltete magische Kräfte. Wissenschaft war, was überall besonders gut sichtbar platziert wurde. Um keine Wissenschaft handelte es sich, wenn Forscher weiterfragten und die Beschlusslage von hochrangigen Institutionen infrage stellten. Wissenschaft, so war zu lernen, ist, wenn alle Forscher oder wenigstens eine überwiegende Mehrzahl einer Ansicht ist. Wissenschaft ist nicht, wenn einzelne Wissenschaftler es anders sehen.

Eine Stimme, die klügsten Köpfe 

Ein halbes Jahrzehnt später aber erweist sich die Hoffnung, für alle Zeiten würden die klügsten Köpfe mit einer Stimme sprechen, "nicht direkt als naiv, aber doch als zu optimistisch" (Patrick Gensing). Kaum war der dreifache Druck verschwunden, den das lebensbedrohliche Virus, die herbeieilende Klimavernichtung und eine Allianz aus Regierungen entfaltet hatten, die Störer und Verunsicherer zum Schweigen brachten, melden sich die Abweichler, Dissidenten und Kritiker wieder allerorten.

Als hätten ihnen Politik, Behörden und die organisierte Zivilgesellschaft nicht den Kampf angesagt, sind sie wieder da, die Fake News und fragwürdigen Relativierungen. Gezielt berufen sie sich darauf, dass viele Diagnosen der Wissenschaft falsch gewesen seien. Kaum etwas habe sich wie vorhergesagt bestätigt. Die Wirklichkeit habe die meisten Prognosen überrollt. Es sei Zeit, den falschen Glauben zu korrigieren, dass der zwischen 2015 und 2024 vollzogene Komplettumbau des gesamten Diskursraums hilfreich dabei gewesen sei, Menschen von der Richtigkeit des Regierungskurses zu überzeugen. 

Wissenschaft als Waffe 

Es waren die Parteien und die von ihnen okkupierten Institutionen, die mit dem großen Flüchtlingszustrom und noch mehr mit dem Beginn der Pandemie zur Wissenschaft als Waffe gegriffen hatten. Nicht nur in Berlin, sondern auch in anderen Hauptstädten machte sich ein absoluter Glaube an wissenschaftliche Erkenntnisse breit. 

Der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, in ihrer Jugend selbst wissenschaftlich tätig, mag bewusst gewesen sein, dass das staatsamtliche Berufen auf vermeintlich abschießend erteilte Antworten das Wesen der Wissenschaft leugnet. Doch der studierten Chemikerin war langfristige Schaden am Leumund der Wissenschaft weniger wichtig als der kurzfristige Nutzen, den sie sich von der Handreichung ihrer Migrationsforscher und, später, Virologen versprach.

Hilfreiche Dogmen 

Wissenschaft musste zum Dogma werden, Forschung zur Suche nach unveränderlichen Wahrheit, um "hilfreich" (Merkel) zu sein. Dabei ist Wissenschaft von ihrem ganzen Wesen her ein provisorischer Prozess: Auf Basis bekannter Tatsachen werden Hypothesen oder Theorien aufgestellt, die anschließend in der Praxis und durch neue Beobachtungen oder Experimente auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Erklärt eine Theorie die Realität nicht mehr adäquat – weil neue Daten auftauchen oder Widersprüche entstehen –, wird sie hinfällig.

Genau diese ständige Revision und Selbstkorrektur ist die eigentliche Triebkraft der Wissenschaft. Genau diese Triebkraft schalteten Politik und Medien in den Jahren aus, von denen Meta-Chef Marc Zuckerberg später berichtete, dass seine Firmen gezwungen worden seien, die Meinungsfreiheit nach detaillierten Vorgaben einzuschränken, um sie zu schützen.  

Ein weltweites Phänomen. Während Regierungen, Behörden und eilfertige NGOs wissenschaftliche Erkenntnisse als absolute Wahrheiten verbreiteten und jede Infragestellung als "Leugnung" brandmarkten, unterstützten Medien sie unter Vernachlässigung ihrer Kernaufgabe, Kontrolle durch Kritik auszuüben. 

Ideologie für den Überbau 

Der Oberbau der Gesellschaft betrieb nicht Wissenschaft, sondern Ideologie. Er verwandelte vorläufige Modelle in unantastbare Glaubenssätze und behinderte genau den Fortschritt, den Wissenschaft ermöglichen soll. Fehlt es der Forschung am Vermögen, den aktuellen Wissensstand infragezustellen, ist sie keine Forschung mehr, sondern Religion. Sind Wissenschaftler nicht mehr in der Lage, den Satz "das wissen wir noch nicht" zu sagen, verwandeln sie sich in Priester. Sind Medien nicht mehr willig, das zu erkennen, werden sie zu Werkzeugen der Zerstörung der Wissenschaft.

Die Geschichte ist voll von solchen Fällen. Über Jahrhunderte galt beispielsweise als unumstößlich, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums steht und alles andere sich um sie dreht. Kopernikus, Galilei und Kepler zeigten zwar durch Beobachtungen, dass das heliozentrische Modell besser passt. Doch ehe die alte Theorie des von Ptolemäus erdachten geozentrisches Weltbild verschwand, galten die Heliozentriker als Zweifler, Leugner und schädliche Elemente. 

Das Entweichen des Phlogiston

Sie wurden verfolgt, sie wurden unterdrückt und es wurde versucht, sie persönlich zu vernichten. Obwohl das letztlich nicht gelang, erging es den Zweiflern an der von Georg Ernst Stahl erfundenen Phlogiston-Theorie Jahre später nicht anders. Stahl hatte die Idee gehabt, dass Stoffe brennbar sind, weil sie "Phlogiston" enthalten, das beim Verbrennen entweicht. Erst ein Jahrhundert später fand Antoine Lavoisiers Nachweis Anerkennung, dass Verbrennung mit der Oxidation mit Sauerstoff zu tun hat, nicht mit einem ominösen Geheimstoff.

Ähnlich falsch war die Äther-Theorie, die Physiker des 19. Jahrhunderts ausdachten, um die Verbreitung von Licht zu erklären. Sie hielt sich dennoch fast 1.800 Jahre, ehe Christiaan Huygens sie mit seiner Wellentheorie widerlegte.

Wissenschaft lebt vom Zweifel und vom beständigen Scheitern alter Modelle. Der absolute Glaube an den jeweils aktuellen Wissensstand blockiert genau diesen Mechanismus. Und doch: So wie die katholische Kirche im Mittelalter am geozentrischen Weltbild fest, weil es bequem mit ihrer Bibelauslegung harmonierte, folgen die modernen Dogmatiker heute demselben Glauben an eine abschließende Beschlusslage. 

Die Mehrheit als Kronzeuge 

Die "Mehrheit der Klimawissenschaftler" wird dann als Kronzeuge herangezogen, je nach Bedarf auch die "Mehrheit der Virologen". Gern heißt es dann "die Wissenschaft beweist". Gern beweist sie alles und das Gegenteil dazu, so lange man sie lässt. Nichts ist für immer.  Wenigstens nicht, so lange die Wissenschaft selbst bestimmten kann.

Auch Galileo Galilei durfte die kopernikanische Lehre hypothetisch diskutieren. Erst als er sie wie eine bewiesene Tatsache verkündete, verlangte die Kirche, dass er abschwor. Der Astronom könne an eine Theorie glauben, er dürfe sie aber nicht als Faktum propagieren, denn Fakt sei allein, was die katholische Kirche als Fakt anerkenne. 360 Jahre lang blieb es dabei. Erst 1992 wurde Galilei durch die Kirche rehabilitiert.

Abschreckende Beispiele 

Abschreckend wirkt dieses bekannteste Beispiel für den schädlichen Nutzen, den Dogmatismus anrichtet, trotzdem nicht. Klimaschützer, Kernkraftgegner, Freunde des erweiterten Meinungsfreiheitsschutzes und Degrowth-Ökonomen verhalten sich ähnlich dogmatisch: Jeweils wird der Konsens einer behaupteten Mehrheit von Wissenschaftlern zur unantastbaren Doktrin erhoben. 

Wer Details, Modellunsicherheiten, Anpassungspotenziale oder Kosten-Nutzen-Abwägungen, kritisch hinterfragt, gilt schnell als Leugner. Er leugnet Covid, das Klima, die Energiewende, die Demokratie. Einwände wegen einer anderen Gewichtung von Fakten oder Zweifel aufgrund der Tatsache, dass nie alles gewusst wird, gelten nicht als normaler Bestandteil jeder Diskussion und schon gar nicht werden sie als wichtiger Beitrag begrüßt, der den wissenschaftlichen Fortschritt vorantreibt. Vielmehr handelt es sich schnell um einen Angriff auf die Wahrheit, einen Versuch, die einzig gültige Einschätzung zu diskreditieren.

Die Magd der Politik 

Die Wissenschaft hatte im Marxismus-Leninismus die Magd der Politik zu sein, sie sollte beweisen, was geglaubt wurde. Sie tat es mit Hingabe und großem Erfolg. So lange das kommunistische Weltsystem existierte, mangelte es seinen Führern ungeachtet aller Tatsache nie an Beweisen dafür, dass allem anderen weit überlegen war und demzufolge eines Tages siegen werde. Nachfolgende Staatenlenker lernten daraus: Spätestens mit der Finanzkrise begannen sie, die Wissenschaft zu instrumentalisieren, um die eigenen politischen und moralischen Positionen zu stützen.

Nicht sie sagten "Wir schaffen das", nicht sie bezifferten die Kosten der Energiewende auf eine Kugel Eis oder schrieben den Masken in der Corona-Zeit Zauberkräfte zu. Es war vielmehr die Wissenschaft, die Politikern und Medien Munition lieferte. Jeder berief sich jederzeit auf "die Wissenschaft", die angeblich "alles schon herausgefunden" hatte. Ein Land mit begrenzen Ressourcen hatte "Platz". Ein Staat mit einer energiehungrigen Industrie würde ganz leicht auf Grundlast verzichten können. Ein Lockdown oder doch wenigstens der zweite würden die Welle brechen. Follow the science! 

Es ist alles schon erforscht 

Selbst Experten kamen nicht gegen die Überzeugung an, dass alles erforscht und ergründet sei. Der absolute Glaube an den jeweils aktuellen Stand der Erekenntnis machte jede Revision zum Verrat. Und jeden, der Anmerkungen vorzubringen hatte, und sei es nur die, dass er meinte, man wisse nicht genug, zum Verschwörungstheoretiker. Studien wurden selektiv zitiert oder politisch gefärbt. Später erwiesen sich viele Vorhersagen als übertrieben oder fehlerhaft. Doch ihre Aufgabe hatten sie erfüllt: Eingriffe in Freiheitsrechte waren legitimiert worden. Die Politik hatte es vermocht, Einwände zu einer Gefährdung der Gesellschaft zu erklären.

Dass Wissenschaftler oft genau das liefern, was politisch gewünscht ist, ist kein neues Phänomen. In der Sowjetunion hatte der Agronom Trofim Lyssenko eine pseudowissenschaftliche Vererbungslehre propagiert, nach der Lebewesen erworbene Eigenschaften vererben können. Humbug, aber ideologisch passgenau in einer Diktatur, die Erziehung über alles stellte. 

Der Nutzen einer falschen Lehre 

Stalin förderte Lyssenko. Kritiker wie Nikolai Wawilow wurden verfolgt oder starben im Gulag. Die sowjetische Landwirtschaft litt jahrzehntelang unter Missernten, weil die wissenschaftlich bewiesene Lehre falsch war. Doch die Wissesnchaft hatte ihre Nützlichkeit gerade dadurch bewiesen: Sie erlaubte es, einen kompletten Unsinn als unumstößliche wissenschaftliche Tatsachen zur Grundlage weitreichender politischer Entscheidungen zu machen.

Ein Muster, das bekannt aussieht. Seit Jürgen Trittin 2004 versprach, der Umstieg auf erneuerbare Energien koste den Durchschnittshaushalt "nicht mehr als eine Kugel Eis pro Monat" sind daraus 50 Kugeln im Monat geworden. Doch wie Bundeskanzler Friedrich Merz sagt: Die Weichenstellung ist irreversibel. Tja.

Achselzuckend, wenn es nicht stimmt 

"Jetzt sind sie halt da", hatte schon Angela Merkel achselzuckend darauf hingewiesen, dass die Folgen ihrer Politik der offenen Grenzen nun eben zu akzeptieren sein werde. Galt vor zehn Jahren noch als ausgemacht und versprochen, dass syrische Flüchtlinge zurück nach Hause gehen würden, sobald der Diktator Bassar Al Assad gestürzt sei, warnt die Wissenschaft heute genau davor. Die Neuankömmlinge würden als Arbeitskräfte gebraucht. Schön, dass sie da sind.

Es dauert meist Jahre und es braucht immer schmerzhafte Niederlagen bei Wahlen, ehe wissenschaftlich verbrämte Illusionen platzen. Dann braucht es neue Erklärungen, die den früheren widersprechen dürfen, aber als ihre ganz natürlich Fortschreibung behandelt werden. 

Nach dem Kalten Krieg etwa war die deutsche Politik der Überzeugung, Deutschland brauche keine starke Armee mehr, es sei nun  Zeit, die Friedensdividende einzustreichen. Die Bundeswehr wurde heruntergefahren. Ihre Reste abgerockt und ausgeschlachtet. Erst der russische Angriff auf die Ukraine führte zu einer zaghaften, überwiegend verbalen Zeitenwende. Und erst die harschen Töne von Donald Trump fegten den Glauben hinweg, Deutschland brauche keine Streitkräfte, weil die Amerikaner ja für Abschreckung zuständig seien. Ab diesem Tag hatten es alle schon immer gewusst.

"Die Wissenschaft sagt..."

Die politische Klasse agiert in einem Biotop, das den Ereignissen hinterherhinkt. Sie greift gern zu aktuellen wissenschaftlichen Zwischenergebnissen, um eigene Positionen zu legitimieren und Glaubwürdigkeit zu gewinnen. "Die Wissenschaft sagt…" klingt neutral und objektiv. Es scheint jedes mal neu, als werde da nur der Auftrag abgearbeitet, den eine höhere, gänzlich neutrale Macht erteilt habe. Nach der Methode Lyssenko gelang es ihr, einen Virenausbruch als weltweite Todespandemie zu deuten. Das ganze Manöver aber nach drei Jahren sang- und klanglos wieder abzusagen. Justament an dem Tag, an dem mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ein neuer Endgegner erstanden war.

Die Wissenschaft stand beide Mal bereit, die Notwendikeit genau des politischen Handelns zu bezeugen, für das sich Politiker entschieden hatten. Wir tun nur, was die Wissenschaft sagt, antworteten die Gremien auf Vorhaltungen, dass es auch andere Möglichkeiten gebe. Doch der Verweis auf  Expertenratschläge, Ethikkommissionen und Spezialinstitute schlug alles. Politisches Handeln war  alternativlos. Wissenschaft, die so genutzt wird und sich so benutzen lässt, dienst kurzfristigen,  propagandistischen Zwecken. Und langfristig reitet sie ihren eigenen Ruf zuschanden.

Dienstag, 15. September 2026

Atomkraft in der DDR: Weintrauben im Winter

Der Traum der DDR-Oberen von der Atomkraft scheiterte.

Sie hatten ja nüscht, wie der Sachse sagt. Und mussten doch Versprechen halten, die Staats- und Parteichef Walter Ulbricht gegeben hatte, um die hart arbeitende Mitte seiner DDR über den Scherz des Mauerbaus zu trösten. Ulbricht versprach seinen Untertanen blühende Landschaften, ein Begriff, den der gesamtdeutsche Bundeskanzler Helmut Kohl 30 Jahre später mit Bedacht wiederholen wird.  

Kohl wird damit Landesgartenschauen meinen und die Deindustrialisierung weiter Landstriche. Ulbricht hat anderes im Sinn. "Als Sozialisten sind wir uns darüber klar, dass im sozialistischen Lager bis 1965 ein Überfluss an Lebensmitteln erreicht werden soll", rief er enthusiasmiert aus. Doch er sah auch die Probleme: "Was da auf den Handel zukommt, diese immer mächtiger anschwellende Woge von Lebens- und Genussmitteln aus aller Herren Länder, von Kleidern und Schuhen, von wundervollen neuwertigen Stoffen, von Küchen- und Waschmaschinen, Autos, von Kunstgewerbe und Schmuck, von Fotoapparaten und Sportgeräten!"

Der Tisch mit dem Besten gedeckt 

Das müsse alles auch erstmal bewältigt werden. Sobald es so weit sei, werde "unser Tisch" aber "mit dem Besten gedeckt werden, was die Natur zu bieten hat: hochwertige Fleisch- und Milchprodukte. Edelgemüse und beste Obstsorten, früheste Erdbeeren und Tomaten zu einer Zeit, da sie auf unseren Feldern noch nicht reifen", sagte Ulbricht vorher. Und "Weintrauben im Winter, nicht nur zur Zeit der großen Schwemme."

Um zwei Jahrzehnte Geduld bat Ulbricht noch. Nur zwei Jahrzehnte! Diese Spanne wird bis heute in der Politik genutzt, um Besserung in Aussicht zu stellen. Das Klima soll jeweils vom heute aus gerechnet in 20 Jahren gerettet werden. Die Sicherung der Renten nimmt genau so viel Zeit in Anspruch. Und auch die Bewälting der Folger der einsamen Entscheidung Angela Merkel, ihr persönliches Deutschland angesichts eines "Zustroms" (Merkel) von Millionen Schutzsuchender weit zu öffenen, wird nicht schneller gehen.

Das Paradies liegt in der Zukunft 

Die Zeit heilt alle Wunder, das wusste auch Walter Ulbricht. Was Du heute vorhersagst, spielt keine Rolle mehr, wenn es nicht eintritt, wenn der Prognosezeitraum nur weit genug in der Zukunft liegt. "Gegen 1985", wedelte Ulbricht deshalb selbstbewusst vor der Nase seiner Bürger, "wird das monatliche Durchschnittseinkommen 3.000 bis 5.000 Mark sein, die Arbeitszeit liegt täglich bei sieben Stunden und bei der Fünftagewoche" und es werde "undenkbar sein, dass ein Jugendlicher nicht studiert".

Recht hat gehabt, nur anders, später und ohne die von ihm angenommenen Gründe. Nichts ist so gekommen wie Ulbricht glaubte oder Glauben machen wollen. Dabei unterließ der gelernte Möbeltischler aus Leipzig nichts, um auf dem Weg zum Ziel voranzukommen. 

Seine DDR hatte nichts, abgesehen von Braunkohle und Uran, das ihr der große Bruder Sowjetunion auch noch wegnahm. Ohne Energie aber, der Schneidersohn aus Sachsen war dahingehend geerdeter als spätere hochstudierte Politikergenerationen, geht industriell gar nichts. Und ohne Industrie wird es nichts mit "Genussmitteln aus aller Herren Länder" und "Weintrauben im Winter".

Der größte Tagebau der Welt 

Noch liefert die Braunkohle. Die DDR ist der größte Tagebau der Welt. Mehr als 300 Millionen Tonnen werden Jahr für Jahr aus dem Boden gezerrt und verbrannt. Die Qualtität der Kohle ist schlecht. Sie wird immer schlechter. Ulbrichts Experten warnen, dass ab Mitte der 70er Jahre nicht mehr genug gefördert werden kann, um die Schwerindustrie, die Chemie und die Haushalte zu versorgen.

Das Glück des Politbüros ist ein doppeltes. Einerseits herrscht an Alternativen ernster Mangel. Und zweitens hat die Kernkraft, die als einzige Möglichkeit zur Vermeidung eines Energieausstieges bleibt, in den 60er Jahren noch nicht den Ruf, Millionen von Menschen zu töten und weite Landstriche für Jahrtausende zu verseuchen. 

Visionen im märkischen Sand 

Unter Ulbrichts Ägide beschließt die SED ein ehrgeiziges Atomprogramm, das weit mehr ist als ein technisches Projekt. Die Kernspaltung sollte der Grundstein für eine strahlende Zukunft werden. 20 Meiler, hübsch übers Land verteilt, würde Maschinen antreiben, Wohnungen heizen und Stahl schmelzen. 

1988 zeichnet der westdeutsche Beobachter Joachim Kahlert in seinem Werk "Die Kernenergiepolitik in der DDR" die Visionen nach, die im märkischen Sand und an der Ostseeküste ihren Lauf nehmen sollten. Am Ende hätte eine Halbnation gestanden, die im Überfluss lebt und auf einer Welle aus reiner Energie nach utopischen Verheißungen strebt.

Der Traum vom atomaren Überfluss

Die Grundlage dafür, dass sich nirgendwo Widerspruch gegen die Kernenergie regte, war keineswegs die Angst vor Repressalien. In den 60er Jahren herrschte vielemehr auch im Osten Deutschlands eine fast religiöse Technikgläubigkeit. Die Kernenergie galt weltweit Hoffnungsträger. Lenins Elektrifizierung des ganzen Landes, so sah es die DDR-Führung, werde eine atomar gespeiste sein. Die  Energiewissenschaftler der jungen Republik entwarfen Szenarien, die heute wie Science-Fiction anmuten: Bis 1985 sollte die nukleare Kraftwerksleistung auf über 20.000 Megawatt steigen. Daraus würde, so glaubte man, eine atomare Explosion der Produktivkräfte folgen.

Billiger Strom sollte den Energiebedarf vollklimatisierter Städte in Wüsten und Eisregionen decken,  atomar angetriebene Züge, Schiffe und Flugzeuge würden das Reisen revolutionieren. Endlich wäre die Zeit reif, die heimische Braunkohle, den einzig verfügbaren anderen Rohstoff, im Boden zu lassen. 

Schleppender Ausbau 

Der Weg der DDR ins Atomzeitalter begann bescheiden. 1966 ging in Rheinsberg der erste Reaktor ans Netz, ein kleiner Meiler mit lediglich 70 Megawatt Leistung. Er sollte der Prototyp für eine Serie von Großkraftwerken sein. 

Doch der Ausbau verlief schleppend. Die Planziele wurden meist nicht erreicht. Auch der erste große industrielle Bau, das Kernkraftwerk "Bruno Leuschner" in Lubmin bei Greifswald, auch als KKW Nord bekannt, schleppte sich dahin. Im laufenden Bau mussten grundlegende Sicherheitsvorkehrungen umgeplant werden. Nach dem Unfall von Tschernobyl stand der gesamte Stolz der sozialistischen Industrie infrage.

Bis dahin war schon nicht mehr viel übrig geblieben von den ursprünglichen Plänen, die Kernenergie als "beherrschte Technologie" ohne Scheu vor auftauchenden Gefahren an allen Ecken und Enden des Landes zu nutzen. Die offizielle Doktrin besagte, dass Unfälle systembedingt nur im Kapitalismus vorkommen könnten, weil dort Profitgier über Sicherheit gehe. In der DDR hingegen war die Kernkraft eine absolut sichere Technik. Selbst schwerste Unfälle seien bei Reaktortypen, die in der Sowjetunion entwickelt wurden, sicher beherrschbar.

Ein uneingelöstes Versprechen

Jede Mark, die in den Ausbau von Kernkraftwerken gesteckt werdem, komme doppelt und dreifach zurück, propagierten die Staatsmedien. Uran schreiben keine Rechnung, hieß es. Das sei viel besser als der teure Import von Öl und Gas, selbst wenn zur Nutzung der eigenen Uranvorräte Technologie importiert werden müsse. 20 Atomkraftwerke würden reichen, prognostizierte der stellvertretende Leiter des Amtes für Kernforschung und Kerntechnik im "Neuen Deutschland", um eine "blühende Zukunft" zu bauen.

Doch am Ende der 80er Jahre war die Bilanz ernüchternd. Statt der prophezeiten 20.000 Megawatt lieferten die Reaktoren in Rheinsberg und Lubmin 1984 gerade einmal 1.830 Megawatt – ein Anteil von mageren 3,3 Prozent am Primärenergiebedarf. Großprojekte wie das Kernkraftwerk Stendal stagnierten. Die meisten anderen Projekte waren abgesagt worden - zu teuer, zu viel Angst davor, dass die menschen in den Städten rund um die neuen Atommeiler wie im Westen zu Protesten neigen könnten.

Ohnehi war alles viel teurer geworden als anfangs gedacht. Die Kernenergie war kein Hoffnungsträger mehr, sondern ein Lückenbüßer. Ohne das KKW in Greifswald wären die Lichter in der DDR ausgegangen. Aber aus Angst vor der vielleicht doch nicht immer beherrschbaren Technologie schrekcte die SED davor zurück, alles auf Karte Kerntechnik zu setzen. Sobald ein neues Problem auftauchte, ließ sie umplanen. Umgeplant wurde ohnehin schon in der sowjetischen Reaktorindustrie. Immer noch gab es keine Alternative zur Kernkraft. Aber die Kernkraft selbst war auch keine.

Die Illusion der Unabhängigkeit

60 Jahre nach dem Start des DDR-Kernenergieprogrammes, das auf seinem Höhepunkt 100.000 Mitarbeiter der DDR-Staatswirtschaft, in Forschung, Lehre und Staatssicherheit beschäftigte,  wiederholt sich in der Bundesrepublik ein strukturell ähnliches Muster – nur unter umgekehrten Vorzeichen. 

Wie die DDR hat sich auch das größere Deutschland bewusst von heimischen fossilen Energieträgern verabschiedet. Nicht nur die Energieerzeugung mit Hilfe von Kohle, sondern auch die Kernkraft gilt heute als obsolete, gefährliche und teuere Technologie. Was die DDR an Hoffnungen mit der Atomkraft verband, genießen heute die soegannten erneuerbaren Energien. Sie seien billig, leicht verfügbar, sauber und nachhaltig, umweltschonend und jederzeit verfügbar, heißt es.

Doch auch diese grüne Wende hat neue, massive Abhängigkeiten geschaffen: von den USA, Norwegen, dem arabischen Raum (LNG) und vor allem von China als Technologielieferant für Solarpaneele, Batterien, seltene Erden und große Teile der Windkraftanlagen. 

Wie die SED-Spitze diesen unangenehmen Teil der Transformation ignorierte, so ignorieren ihn heute die Heilsprediger grüner, speichernder Netze und einer verzichtbaren Grundlastfähigkeit. Die Energiewende wird erneut als alternativloses, moralisch überlegenes Projekt dargestellt, das das Nachhaltige mit dem Nützlichen verbinde.

So wie vor 60 Jahren die neue Technologie Kernkraft als ideologischer Heilsbringer verkauft wurde, werden heute die Erneuerbaren als wahre Wundermaschinen ohne Fehl und Tadel angepriesen. Wie die DDR-Planer, die die hohen Kosten, bestehende technische Probleme und Sicherheitsfragen der Kernkraft ignorierten, fallen heute die Systemkosten der Erneuerbaren (Speicher, Netzausbau, Backup-Kraftwerke) systematisch unter den Tisch.

Die DDR tauschte die Abhängigkeit von der eigenen, ineffizienten Braunkohle gegen eine Abhängigkeit von sowjetischen Reaktorarchitekten. Heute ersetzt Deutschland russisches Gas (bis 2022) durch amerikanisches, norwegisches und katarisches LNG – und gleichzeitig die heimische Stromerzeugung durch chinesische Solar- und Batterietechnologie. In beiden Fällen wurde eine einseitige Abhängigkeit durch eine andere, geopolitisch kaum weniger riskante ersetzt, begleitet von der Parole, Abhängigkeiten zu verringern.

Das bittere Fazit bleibt: Energiepolitik, die ideologisch überhöht wird und reale Abhängigkeiten ignoriert, endet in neuer Verwundbarkeit. Die DDR hat ihre Lektion nicht mehr lernen können. Ob  Deutschland sie lernt, wird erst die spätere Geschichte zeigen.