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Mittwoch, 15. August 2018

Anetta Kahane: In der Regel tragen Glatzköpfe lange Zöpfe

Fake News aus der Qualitätspresse: In der Regel sind Reichsbürger bewaffnet, auch wenn nicht einmal fünf Prozent aller Reichsbürger bewaffnet sind.
Ältere erinnern sich noch an Holger Hövelmann, einen von der NVA zur SPD übergetretenen Offizier, der in jenen politisch trüben Tagen, in denen die neue Bundesrepublik langsam begann, die Farbe der DDR anzunehmen, auszog, gegen rechtsextreme Musik zu kämpfen. Hövelmann, in seiner Jugend Politoffiziersschüler und mit Mitte 30 nun endlich in der Lage, das Gelernte anzuwenden, zielte auf den Brüllaffenlärm dilettantischer Combos wie Noie Werte und Störkraft, weil diese als „Einstiegsdroge“ in den Rechtsextremismus dienten. Wer das hört, wird Hitler!

Der Feldzug endete ohne direkten Endsieg über den Nazirock, die „Einstiegsdroge“ verschwand vielmehr mit dem Rückzug Hövelmanns in die zweite Reihe der Landtagsabgeordeten. Selbst aktivistische Kampfportale aktualisieren die Liste der gefährlichsten Klangdrogenanbieter seit Jahren schon nicht mehr. Vergessen aber ist die Gefahr deshalb lange nicht, das zeigt jetzt Anetta Kahane, früherer DDR-Auslandskader und MfS-Kundschafter, heute Warner vor, ja, vor „Verschwörungstheorien“, die eine „Einstiegsdroge für Radikalisierungen“ seien, wie sie in einem aufrüttelnden Beitrag für die Frankfurter Rundschau schreibt.

Einsteigen für alle


Man mag die Wortwahl kritisieren, weil es grammatikalisch weder möglich ist, „für“ etwas einzusteigen noch in mehreres zugleich wie es der Plural „Radikalisierungen“ nahelegt. Doch um sprachliche Logik geht es bei Anetta Kahane nie. Bei ihr gibt es nicht einmal faktische Logik, wie schon der Leadsatz ihrer aktuellen Kolumne „Vielen gelten die Reichsbürger als exzentrische Spinner. Man sollte sie jedoch ernst nehmen, handelt es sich doch um knallharte Verschwörungstheoretiker“ verrät.

Kahane deutet hier an, dass der Reichsbürger an sich vielleicht noch lustig war, der knallharte Verschwörungstheoretiker das aber nicht mehr sein kann, weil er „wahnhaften Vorstellungen über fremde Mächte, jüdische Verschwörer, Geschichtsrevisionismus und militanten Fantasien über die finale Abrechnung am Tag X“ folge.

Knallharte Fantasierecherche


Kahanes explizite Logik: Nicht der Verschwörungstheoretiker ist es somit, den Kahane als „bewaffnet“ bezeichnet, sondern wieder der Reichsbürger, der ihrer Ausgangsthese zufolge eigentlich nur nicht mehr witzig ist, weil er sich ja nun in diesen knallharten Verschwörungstheoretiker verwandelt hat. der wioederum aber im Gegensatz zum Reichsbürger unbewaffnet seiner schäbigen Leugnungsmission nachgeht.

Oder doch nicht. „Reichsbürger sind bewaffnet“, weiß Anetta Kahane und die Redaktion assistiert ihr im Bildtext zu einem Foto, das überwiegend in Deutschland nicht waffenscheinfähige Handfeuerwaffen zeigt und mit „Reichsbürger sind in der Regel bewaffnet - und somit gefährlich“ unterschrieben ist.

In der Regel also.

Soweit ist es schon gekommen. Eben noch Einstiegsdroge Verschwörungstheorie, dann schon Reichsbürger und knallharter Verschwörungstheoretiker und einen Schritt weiter schon bewaffnete Praxis mit Waffenschein, wie Kahane klagt.

Zahlen als des Überzeugungstäters Feind


Aber wie ist denn nun die Regel? Laufen Reichsbürger wirklich alle bewaffnet herum?

Nun, der Verfassungsschutz, die Zahl nennt Kahane selbst, kann derzeit in Deutschland 18 400 Personen als Reichsbürger identifizieren.  1200 von ihnen - 6,5 Prozent – besaßen zu Jahresanfang Waffenscheine, etwa 300 konnten die seitdem entzogen werden.

„Immerhin!“ lobt Kahane, womöglich ohne zu wissen, dass ein Prozentsatz von 4,9 Prozent Reichsbürgern mit waffenrechtlicher Erlaubnis kaum höher liegt als der in der nicht-reichsbürgerlichen Restbevölkerung. Da besitzen 62 Millionen Erwachsene  2,31 Millionen Waffenscheine – das macht 3.75 Prozent.

Kahanes komplett ausgedachte und von der einstmals wenigstens halbseriösen FR unters Volk gebrachte Parole, nach der "Reichsbürger in der Regel bewaffnet" sind, ist etwa so richtig wie die, dass der Deutsche in der Regel FDP wählt, Glatzköpfe in der Regel lange Zöpfe tragen und Anetta Kahane als  Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung in ihren Kolumnen einen brutal ehrlichen Blick auf die Welt wirft.

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