Donnerstag, 1. Dezember 2022

Frauen auf der Fußball-Bühne: Leerstelle mit Nummerngirls

In Deutschland ist Fußball Männersache: Hier eine Momentaufnahme vom DFB-Bundestag.

Ihr Platz ist neben dem Kampfgericht am Spielfeldrand, gleich neben dem Mann im Bademantel, der wichtig schaut und alles im Auge behält. Bei der Fußball-WM in Deutschlands neuen Gaslieferstaat Katar füllen die jungen Frauen in kurzen Hosen die Stelle aus, die bei Boxkämpfen den Nummerngirls zukommt: Immer wieder mal im Bild, wenn sie Auswechselschilder hochhalten.  Oder aber wie eine  Weltsensation herumgereicht, um über grausame Wahrheiten  hinwegzutäuschen.

Aber ohne die tragende Rolle, die die Männer auf dem Rasen, die männlichen Trainer und die überwiegend männlichen Schiedsrichter und Linienrichter ausfüllen. Als Deutschlands mutige Innenministerin Nancy Faeser sich in die Herrenrunde auf der Ehrentribüne wagte, war ihre kleine "One Love"-Binde die geringere Provokation. Verglichen mit dem Einbruch einer Frau in ein Reich, das auch Jahrzehnte nach den deutschen Gleichstellungsgesetzen und den Quotenregelungen für Aufsichtsräte noch nach Testosteron riecht wie die Umkleidekabine eines Dorfklubs.

PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl deckt auf, wie der Weltfußball und  seine deutsche Vertretung die Geschlechtergerechtigkeit mit Füßen treten - ein Foul an der notwendigen Diversität, das allgemein akzeptiert wird.

Kaum Frauen im Fußball-Kosmos

Die Frau als Nummerngirl der Fußballshow.
Dass Frauen im Fußball-Kosmos kaum eine Rolle spielen, kommt für Beobachter überraschend. "Beim Spiel Argentinien gegen Saudi-Arabien im Lusail-Stadion saß Fifa-Präsident Gianni Infantino nahezu ausschließlich mit Männern auf der Tribüne", bemerkte das Redaktionsnetzwerk Deutschland erst in der zweiten Turnierwoche. Nur drei Schiedsrichterinnen seien berufen, aber bisher nicht einmal eingesetzt worden. Ein einziger Flitzer wurde bisher registriert, auch er: Ein Mann. Doch sind es wirklich die "anderen Werte", die das im Auftrag der SPD arbeitende RMD dem Gastgeberland zubilligt? Sind anderer Glaube, andere Sitten, andere Kultur schuld an der klaffenden Fehlstelle in der man's man's world, die der Mann James Brown schon vor Jahrzehnten bitter angeklagt hatte?

Ein Blick in den Veranstaltungssaal eines DFB-Bundestages zeigt eine andere Wahrheit, und es ist zufällig dieselbe wie die, die auf jedem Platz in der Fußball-Bundesliga liegt. Männer und Frauen dürfen heiraten, sie dürfen zusammen leben, zusammen schlafen, sie dürfen sogar zusammen Tennis spielen. Männer und Frauen, Frauen und Männer sind verschieden, doch moderne Gesellschaften haben kein Problem damit, sie gemeinsam Büroarbeit erledigen zu lassen, sie zusammen zu Kriegseinsätzen in Krisengebieten zu schicken. Frauen wie Männer können klempnern, Beton gießen, kochen, Kinder wickeln, in gemischten Gruppen wandern, saunieren, Musik machen, Züge steuern, Taxifahren; sie dürfen sogar ihre Geschlechter tauschen und trotz männlicher Chromosomen als Frau mit einem Mann oder einer Frau zusammen Kinder erziehen.

Verbot von gemeinsamem Sport

Alles ganz normal - nur eines dürfen Männer und Frauen immer noch nicht zusammen tun, nicht einmal in Deutschland: Fußball auf professionellem Niveau spielen. Von der Fédération Internationale de Football Association über die Uefa bis hin zum DFB in Deutschland hüten milliardenschwere Geheimgesellschaften, die allesamt noch nie von einer Frau geführt wurden, eifersüchtig über ein striktes System der Geschlechterapartheid: Unter ihrer Ägide gibt es Fußballmannschaften, die aus Männer bestehen. Und den "Frauenfußball", eine Art Softball, der von "Frauenfußballspielerinnen" betrieben wird, denen niemand zutraut, mit den Herren der Fußballschöpfung mitzuhalten.

Nicht einmal in der sechsten oder achten Liga darf eine Frau heute im Punktspielbetrieb eine Männermannschaft verstärken, selbst wenn die aus lauter langsamen älteren Herren mit dicken Bäuchen und Kniebeschwerden besteht. Als 77 Vertreter*inne aus 21 Länder*innen vor Jahren den neuen  Fußball-Weltverband Mixed Internationale de Football Association (Mifa) gründeten, um diesem männerdominierten Monopol eine geschlechtergerechte Alternative entgegenzustellen, schwiegen sich die Medien aus. Zu eng verbunden sind sie mit den Herren des Balls, zu sehr hängen Wohl und Wehe von der erfolgreichen Vermarktung der Spiele ab.

Krokodilstränen im Täterland

Die Krokodilstränen, die nun in Deutschland fließen, weil ausgerechnet das eng mit den Regeln des Koran verbundene Katar  keinen Schlussstrich unter dieses vom Gesetzgeber in Deutschland schon viel zu lange geduldete Trauerspiel der Trennung von Mann und Frau zieht, sind von der staubtrockenen Art. Eine "Männer-Veranstaltung in einem Land mit eingeschränkten Frauenrechten" (RND)? Ja, genau wie daheim in Deutschland, das vorgibt, "die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht" zu haben. Und doch dem weltgrößten Sportverband ein Zuhause bietet, unter dessen 54 Spitzenvertretern ganze drei Frauen zu finden sind.

Gemeinnützig, im Dienst der gesamten Gesellschaft, mit Fördermitteln gepäppelt und mit Fernsehgeldern genährt. Selbstbewusst wehrt dieser Verband seit Jahren Versuche ab, wenigstens eine Mixed-Liga einzuführen, in der Frauen und Männer in gemischten Mannschaften gegeneinander antreten wie im Tennis oder beim Eistanz und im Skispringen. Selbst das Internationale Olympische Komitee, ein knochenharter Männerklub erzkonservativer Ausprägung, ist hier schon weiter: Den Vermarktern dort gelten Mischwettbewerbe längst als zusätzliche Melkkuh für Extraprofite, die sich zudem mit gutem Gewissen einstreichen lassen. 

Geschlechterapartheid bleibt wesensprägend 

Geschlechterapartheid bleibt wesensprägend für den Weltfußball auch 15 Jahre nach Joseph Blatters Versprechen, dass die "Zukunft des Fußballs weiblich" sein werde. Als die im Internet aktive Initiative "Fußball für alle" (FFA) angesichts der Querelen um die verschiedenen vom DFB in Doha eingereichten Protestbinden vorschlug, auf der Basis des neuen deutschen Selbstbestimmungsgesetzes drei oder vier  Frauen für die DFB-Auswahl zu nominieren, um ein Zeichen für mehr Diversität zu setzen, bekamen die engagierten Initiatoren nicht einmal eine Antwort aus Frankfurt am Main.

Dort wie bei der Fifa konzentriert man sich nicht auf Inklusion, sondern weiterhin auf Abgrenzung. Fußball und Frauenfußball werden als zwei verschiedene Sportarten begriffen, ohne dass in den Chefetagen oder den Begleitmedien jemals der Gedanke aufkommt, dass Frauenrechte Teilhabe ermöglichen sollen und nicht nur den ungestörten Aufenthalt in einer Parallelwelt, die in Wettbewerben ausgetragen, die man ebenfalls "Europameisterschaft" und "Weltmeisterschaft" nennt, jeweils aber mit der Einschränkung "der Frauen". Gerade westliche Länder und Deutschland mit seiner hochentwickelten Moral und seinen feinen Antennen für politische Botschaften, wie sie inzwischen in jedem Sportereignis stecken, sind hier gefordert, Druck auf die männerbündischen Vereinigungen zu machen, die den Fußball vor mehr als 100 Jahren okkupiert haben und bis heute betreiben, als sei er ihr Eigentum.

Der Kampf geht weiter

Dass dieser Kampf um Gleichberechtigung durch gleichberechtigte Teilhabemöglichkeiten selbst dort keine Rolle spielt, wo kritische Journalisten den Finger mutig in die weltweit klaffende Wunde legen,  spricht Bände über den Stellenwert, den die Gesellschaft Frauen im ihrem populärsten Sport der westlichen Welt zubilligen. Wer Katars autokratischer Regierung, die sich selbst als "ausdrücklicher Vertreter der Frauenrechte" rühmt, vorwirft, der die Freiheit der Frauen durch Gesetze einzuschränken, der darf nicht schweigen, wo Verbände und eingetragene Vereine sich ihre Regeln selbst machen, um Vorgaben zur Gleichstellung zu unterlaufen. 

Auch wenn selbst Menschenrechtsorganisationen diese Zustände (noch) nicht kritisieren, ist das keine Entschuldigung hinzunehmen, dass Frauen selbst in Deutschland nicht einmal die Erlaubnis von Vater, Ehemann oder Vormund genügt, um in einem Männerteam im Ligabetrieb Flankenläufe zu absolvieren, Tore zu schießen oder Treffer als beherzte Torfrau zu verhindern. Netzwerkorganisationen wie "Fußball kann mehr", "Fußball für alle" oder der geschlechtergerechte Mifa-Weltverband fordern nichts Unmögliches, sondern Selbstverständlichkeiten ein. 

Das sollte jeden im Hinterkopf haben, der sich heute beim letzten Schicksalsspiel der deutschen Männerelf entschließt, gegen alle Gewissensnöte mitzuhitlern.


2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das war jetzt der 2. Artikel von Svenja Prantl ohne Foto. Das ist schlecht. Es dürfen auch gern
mal neue Bilder sein.

ppq hat gesagt…

sie war der ansicht, das lenke sonst vom content ab