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| Noch ist einiges an Vermögen wegzusteuern. Friedrich Merz hat das erkannt. |
Es hielt den künftigen Kanzler kaum mehr auf dem Kandidatensitz. Friedrich Merz wäre in die Luft gegangen, so stand er unter Druck, als sein schärfster Widersacher Robert Habeck im Wahlkampf seinen vielleicht verhängnisvollsten Fehler machte. Wie so oft ohne große Überlegung und gänzlich ohne jeden Plan, hatte der grüne Bündniskanzler davon geplappert, Deutschland nach seinem Einzug ins Amt gerechter machen zu wollen, indem auf Kapitalerträge künftig Beiträge zur Sozialversicherung erhoben würde.
Habecks Enteignungsplan
Wie viel genau, wusste er noch nicht zu sagen. Doch um die Lohnlast zu senken und die Krankenkassen zu finanzieren, seien Sozialabgaben auf Zins- und Aktiengewinne der beste Weg, versicherte Habeck. Schließlich, das zumindest glaubte der amtierende Klimawirtschaftsminister, seien Arbeitseinkommen mit höheren Steuerabgaben belastet als Kapitaleinkünfte.
Ein Irrtum, wenn auch ein weit verbreiteter. Es war Friedrich Merz, der konservative Gegenspieler des grünen Stars, der sofort widersprach. Habecks Vorschlag sei eine "Schnapsidee", denn mit den höheren Belastungen würden vor allem Facharbeiter getroffen. Zudem stimme Habecks Grundthese nicht - Kapitalerträge würde heute schon, alle Ebenen eingerechnet, stärker besteuert als Erwerbseinkommen aus Arbeit. Merz machte seinen Punkt.
Es war der vielleicht entscheidende, der ihm den Wahlsieg brachte. Denn selbst in den gutverbeamteten Bionadevierteln der Republik zog in jenen Wochen der Unsicherheit das Gefühl ein, niemand werde bald gar nichts mehr haben, weil sich ein nimmersatter Staatsapparat alles nehme, was er haben könne.
Eine Zusatzsteuer für Sparer
Für Habeck ebnete die nach ihm benannte Habeck-Steuer auf Zinsen und Dividenden, die Menschen aus der hart arbeitenden Mitte mit ihrem sauer Ersparten erwirtschaften, den Weg aus der Politik ins amerikanische Exil. Für Friedrich Merz aber war es die letzte Stufe zum Sieg. Der Sauerländer nutzte die Gelegenheit, sich als Vermögensschützer zu inszenieren. Ein Schutzengel, der zwischen den Spargroschen der Bürgerinnen und Bürger und der unersättliche Gier des selbsternannten Gemeinwesens nach immer mehr Milliarden und Billionen steht. Aufrecht. Unbeugsam.
Friedrich Merz aber wäre nicht der Friedrich Merz, den seine Wählerinnen und Wähler im zurückliegenden halben Jahr kennengelernt haben, wüsste er nicht, wann es Zeit ist, auch diese Position im Interesse des Erhalts der eigenen Macht zu räumen. Nur 23 Tage nach seiner öffentlichen Klage, dass die sinkenden Privatinvestitionen in Deutschland ein großes Problem seien, hat sich der Bundeskanzler von der deutschen Sozialdemokratie von der grünen Idee einer Zusatzsteuer auf Kapitalerträge und Mieteinkünfte überzeugen lassen.
Ein Politiker der jähen Wendungen
Ein echter Merz. Kaum ein anderer Politiker hätte die vielen jähen Wendungen, die der inzwischen unbeliebteste Kanzler seit seinem Amtsantritt hingelegt hat, so souverän weggesteckt wie der Mann aus Münster. Merz nutzt seinen zerstörten Ruf produktiv, indem er tut, was ihm im Moment gerade opportun scheint. Derselbe Politiker, der vor zehn Monaten bei einem Wahlkampfauftritt in Langenhagen bei Hannover gerufen hatte "Wie kann man auf eine solche Schnapsidee kommen?", findet nun, dass es ein hervorragender Vorschlag ist, "einen solchen Unsinn zu reden, wenn man Sparer entmutigen und den Kapitalmarkt zerstören will".
Der CDU-Kandidat Friedrich Merz hielt davon gar nichts. Wissenschaftler sprangen ihm zur Seite und rechneten vor, dass Staat dann nicht nur die Hälfte der Rendite, sondern mehr als die Hälfte kassieren würde. Das werde Menschen demotivieren und die in Deutschland ohnehin prekäre Vermögensbildung weiter schwächen.
Der Bundeskanzler Friedrich Merz war da stur. Noch Mitte November schwor er im Zusammenhang mit der Rentendiskussion, "wir können auch die Beiträge nicht weiter erhöhen". Das aber ist zehn Tage später hinfällig. Aus dem "Unsinn" vom Januar, damals vorgetragen von einem nichtsahnenden Etatisten, ist kein Jahr später eine Idee zur Sanierung der maroden Sozialkassen geworden.
Unsinn als Koalitionskleber
"Unsinn" (Merz) als Koalitionskleber. Die SPD, die Abkürzung steht für "Steuererhöhungspartei Deutschland", favorisiert eine Ausweitung der Staatseinnahmen schon lange, kam aber selbst auf keinen Vorschlag mehr, der nicht noch weitere Prozenten in den Umfragen gekostet hätte. Der jetzt gefundene Kompromiss mit der Union, als "Einbeziehung anderer Einkunftsarten" in die künftige Beitragspflicht nur oberflächlich getarnt, stellt die Partei zufrieden. Die Einfürhung von Sozialabgaben auf Kapitalerträge wäre die Einlösung eines Wahlversprechen eder Grünen, das die SPD sich damals nicht nicht zu machen gewagt hatte.
Zu groß war die Angst vor den Facharbeitern, den fleißigen Kleinsparer und den Alten, die heute immer noch Solidarzuschlag auf ihre Zinserträge zahlen, sobald die den in den zurückliegenden 30 Jahren wegen der galoppierenden Geldentwertung von 3.000 auf nur noch 1.000 Euro gesenkten Sparerfreibetrag überschreiten. Die Situation ist mittlerweile eine ganze andere. Seit Union und SPD die Hoffnung aufgegeben haben, mit einem "Herbst der Reformen" eine große Stimmungswende einleiten zu können, muss keine der beteiligten Parteien mehr Rücksicht auf den eigenen Ruf nehmen. Viele werden den Code nicht entschlüsseln können, ehe es zu spät ist. Die übrigen werden Zetern und Klagen, doch sie haben SPD und CDU ohnehin verloren gegeben.
"Einbeziehung weiterer Einkunftsarten"
Der Vorteil einer Umsetzung des Habeck-Plans liegt auf der Hand. Neue Sozialversicherungsbeiträge durch die "Einbeziehung weiterer Einkunftsarten" würden genau die Leute treffen, die die SPD verraten haben. Jene 47 Prozent, auf deren Zustimmung sich die inzwischen emeritierte Parteichefin Saskia Esken noch verlassen hatte, haben die Parteiführung enttäuscht. Gerade Facharbeiter aus der hart arbeitenden Mitte wandten sich mehr und mehr ab und der rechtsextremistischen AfD zu. Auch die Abwanderung früherer Unionswähler nach rechts speiste den Aufschwung der Faschisten. Das haben die Leute nun davon.
Sie werden herangezogen, um "die Beiträge stabil zu halten", wie es im Krisenpapier des Koalitionsausschusses heißt. Und das geschieht, indem sie höhere Beiträge zahlen. ollen. Die Logik ist Schwarz-Rot, der Weichenstellung Grün: Werden auf Dividenden, Zinsen, Aktiengewinne und Mieteinnahmen nicht nur Steuern fällig wie bisher, sondern auch Renten-, Krankenkassen-, Pflege- und Arbeitslosenversicherungsbeiträge, würde das vor allem die Mittelschicht schmerzhaft treffen. Sie müsste mit denen teilen, für die sich der Staat verantwortlich fühlt: Alle die, die nicht sparen können. Oder könnten, aber nicht wollen.
Das ehemals reichste Land der Welt
Für Deutschland, nach Angaben des ZDF vor sieben Jahren noch das reichste Land der Welt, ist es wein weiterer Schritt in eine gerechte Zukunft. Noch steht nicht fest, wer wann wie viel mehr zahlen wird, aber kombiniert mit dem laufenden Rückbau von Industrie und Handwerk verspricht der neue Kapitalertragsbeitrag, die im europäischen Vergleich bettelarmen Deutschen nicht reicher, aber allemal gleicher zu machen. Sozialbeiträge auf Erspartes darf auf breite Zustimmung hoffen, denn in einem vergleichsweise vermögensarmen Land stellen die, die nicht haben, die Mehrheit.
Die Minderheit, die zahlen muss, ist selbst schuld. Wer bei 30 Prozent Steuern auf den Ertrag aus zuvor schon mit bis zur Hälfte versteuerten und verbeitragtem Erspartem Gewinn macht, hat allemal noch genug, um denen zu geben, die alles verpulvern, verqualmen oder trotz Mindestlohn einfach nicht genug verdienen. Überall dort, wo der Staat noch nicht alles nimmt, ist genug übrig, den Rasenmäher tiefer zu stellen.
Die Verteilung der Nettovermögen ist in Deutschland weit weniger ungleich als bisher angenommen, zumindest historisch verglichen. Den obersten zehn Prozent der Bevölkerung gehörten, glaubt man es denn, "nicht etwa wie bisher geschätzt 59 Prozent der Vermögen". Nein, sie besitzen rund zwei Drittel! Und das reichste Prozent der Mitbürger und Mitbürgerinnen - von Udo Lindenberg über Herbert Grönemeyer bis zu den Aldi-Brüdern, Susanne Klatten, Hasso Plattner und "Zeit"-Besitzer Stefan von Holtzbrinck - steigt der Anteil von bisher knapp 22 Prozent auf rund 35 Prozent.
Das entspricht erstaunlicherweise ziemlich genau den Zahlen, die der Schröder-Bericht im Jahr 1990 zeigte, der die Reichtumsverteilugn in der DDR untersuchte. Auf nur etwa zehn Prozent der Sparkonteninhaber in der sozialistischen Republik entfiel vielmehr mit 60 Prozent der Guthaben ein ähnlicher Anteil wie heute. Den reichsten zwei Prozent der DDR-Bevölkerung gehörten rund 20 Prozent aller Spareinlagen - dabei waren Immobilien, der Besitz von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben und Anlagevermögen in Form von Schmuck, Antiquitäten oder Kunstgegenständen nicht einberechnet.
Das Spiegelbild der DDR
Spiegelbildlich erreicht auch die Armut in der Arbeiter- und Bauernrepublik, die eigentlich eine der Funktionäre war, fast detailgenau die Verhältnisse von heute. Nach der in der Bundesrepublik üblichen Berechnungsmethode lebten Ende der achtziger Jahre in der DDR etwa 20 Prozent der Haushalte unter der Armutsgrenze. Das durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen in der DDR lag bei etwas über 2.000 Mark, aber gut 26 Prozent der Haushalte verfügten monatlich über weniger als 1.200 Mark. Knapp 10 Prozent mssten sogar mit weniger als 800 Mark auskommen.
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Ausgaben - die DDR war eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. So gaben die Haushalte mit den höheren Einkommen für Genussmittel, Bekleidung und Textilien doppelt soviel aus wie die Haushalte mit den niedrigen Einkommen. Bei Technikartikeln, die zu DDR-Zeiten besonders preisintensiv waren, betrugen ihre Ausgaben sogar das Dreifache.
So ungerecht ist es immer
Was für eine Ungerechtigkeit. Hatte die Bundesregierung vor sieben Jahren noch versucht, die herrschende Ungerechtigkeit aus dem alljährlichen Armutsbericht zu streichen, ist sie seitdem nur noch viel schlimmer geworden. Sollte das berühmte bettelarme Mädchen mit der roten Jacke wirklich umsonst aus allen Medien verschwunden sein? Haben Mindestlohn und Armenrente gar nichts gebracht für Millionenheer der wackeren Riestersparer und Rüruprentner? Muss wirklich erst wieder Sozialismus werden, damit sich die berühmte Schere zwischen Arm und Reich endlich kleiner wird?
Zehn Prozent der Vermögen, immer
Bisher kämpft die Politik vergebens dagegen, dass die reichsten zehn Prozent der Haushalte in Deutschland über mehr als Prozent des gesamten Nettovermögens verfügen, die untere Hälfte der Haushalte dagegen immer nur über ein Prozent. Es herrscht Einigkeit darüber, dass Deutschland immer ungerechter wird. Und das Volk ist sicher, dass früher alles viel besser gewesen sein muss. Vor allem ganz früher, wie die Älteren glauben: Damals in der DDR zum Beispiel hatten alle nichts, das aber war gleichmäßig verteilt.
Ehe nicht allen alles genommen ist, bleibt genug übrig, immer noch mehr einzusammeln. Robert Habeck war sicher, dass der Staat weitaus besser als der Einzelne weiß, wo Geld verschwendet werden kann. Er war seiner Zeit einmal mehr voraus. Friedrich Merz hat erst jetzt verstanden, dass auch die 2008 aufs Doppelte gestiegenen Einnahmen des deutschen Staates nicht reichen, als das zu tun, was getan werden muss. Nehmen, was zu haben ist. Nicht fragen, sondern zugreifen.


3 Kommentare:
Die DDR war seinerzeit die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt (Quelle: meine Staatsbürgerkundelehrerin).
Ja, da hast du wahr! (Quelle: Emil Steinberger)
DIE haben keine "Angst"! Jedenfalls, und zwar zurecht, nicht vorm "Volk".
Zuwanderung ja, aber sooo doch nicht! Klimaschutz ja (Bettina Sauer), aber sooo doch nicht! Undsoweiter.
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