Mittwoch, 18. Februar 2026

Zeichentrick im ZDF: Märchenbilder aus der Retorte

Nicht alle Bilder waren echt, aber doch einige. 


Bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz spotten sie seit Jahren. "Nirgendwo wird so viel gelogen wie im Krieg, in der Liebe und im ZDF", amüsieren sich die Kolleginnen und Kollegen von der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten über die Mannschaft vom Mainzer Lerchenberg.  

Die gilt als das Aushängeschild der deutschen Großmedienfamilie im Bereich medialer Manipulation. Mehr, häufiger und drastischer noch als die um keine Realitätsveränderung verlegenen anderen Gemeinsinnsender sind die Hessen dank ihrer Meisterwerkstatt für mediale Manipulation (MMM) in der Lage, jedes störende Detail aus der Wirklichkeit zu entfernen. Und es durch selbstgeschaffene sogenannte Narrative zu ersetzen.

Die traditionelle Technik 

Dunja Hayali, die unerschrockene Reporterlegende des Zweiten, die sich selbst noch nach Sachsen wagte, als dort die Ungeimpften alles verseucht hatten, hat die Produktionstechniken ihres Haussenders mit dem Satz beschrieben, "jeder kann eine eigene Meinung haben, nicht aber eigene Fakten". Die, davon rückt die erfolgreiche Buchautorin, Sportmoderatorin und Frühstücksdirektorin im "Moma"-Studio keinen Millimeter abrücken, seien vom ZDF zu beziehen, wo sie in eben jener Meisterwerkstatt für mediale Manipulation mit viel Liebe, Herzblut und Einfallsreichtum von Hand gefertigt werden.

Nur das ZDF kann solche Grafiken.
Ein Produktionsverfahren, das sich über Jahre hinweg bewährt hat. Im Zweiten werden Gerüchte gestreut, bis nach Fakten klingen. Dunja Hayali selbst konnte schon berichten, wie es den friedlichen Demonstranten am Ende der DDR gelang, die "Wehrmacht zurückzudrängen beziehungsweise in die Defensive zu drängen". 

Im Zweiten gab es schon reihenweise informative Grafiken (links) zu sehen, die in ihrer Faktenfreiheit an abstrakte Gemälde erinnerten. Und das Zweite war es, das mit geschickt verrutschten Satzseiten frohe Botschaften für alle Stromkunden verkündete, gegen die Grimms Märchen wie eine Sammlung wissenschaftlicher Tatsachen erscheint.

Fakten ohne Bezug 

In Mainz wissen sie genau, wie man Fakten ohne jeden Bezug präsentiert, störende Umstände ausblendet, mit falscher Betonung arbeitet oder Ereignisse so kontextualisiert, dass sie ganz anders wirken, als sie es täten, berichtete man ausschließlich Fakten. Dieser Sender, viel kleiner als die monströse ARD, aber emsig und engagiert, das ist nach Angaben des Medienforschers Hans Achtelbuscher in der Wissenschaft unumstritten, schafft Unmögliches: Er kann Menschen durch Informationen dümmer machen.

Doch mit welchen Manipulationsmechanismen gelingt es den professionellen Betrügern, anderen Menschen die absurdesten Lügengeschichten zu verkaufen? Bisher schien es, als würde sich auch die MMM des ZDF mit Blick auf die konsequente Verbotspolitik der Europäischen Union für die Anwendung Künstlicher Intelligenz weiterhin auf Handarbeit verlassen. Verfälschte Grafiken und retuschierte Bilder von Atommeiler, aus denen warnend schwarzer Strahlungsqualm steigt - die besten Werke der Mainzer Manipulateure haben es nicht ohne Grund ins Wahrheitsmuseum im Spreewaldörtchen Wellendorf geschafft. 

Kinder in Angst 

Doch offenbar bleibt die Zeit auch beim ZDF nicht stehen. Als Dunja Hayali sich jetzt in einer "Heute Journal"-Sendung anschickte, der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump ein deutliches Stopp entgegenzurufen, warnte sie vorab nicht nur vor den vielen, vielen manipulierten und gefälschten Videofilmchen, die in den umstrittenen sozialen Netzwerken kursieren. Nein, Hayali zeigte anschließend im enthüllenden Filmbeitrag "Kinder in Angst vor Abschiebung" selbst ein von Künstlicher Intelligenz produziertes Video.

Zu sehen waren Beamte der US-Einwanderungsbehörde ICE. Die wird in deutschen Großmedien und bei fortschrittlichen Politikern als eine Art SS oder Gestapo bekämpft, aus sicherer Entfernung, aber mit markigen Worten. Grünen-Chef Felix Banaszak hatte die ICE-Mitarbeiter, die versuchen, illegale Migranten außer Landes zu schaffen, wie es US-Präsident im Wahlkampf versprochen hatte, als Boten einer "Entmenschlichung" gebrandmarkt. Wer sich ihnen in den Weg setze, "wird halt erschossen", flunkerte der 36-Jährige, der in seinem ganzen Leben noch keinen Tag mit einem Brotberuf außerhalb des grünen Biotops verbracht hat.

Stichwortgeber Banaszak 

Die Leitlinie auch für das ZDF war damit gegeben. Der Auftrag, dem deutschen Fernsehpublikum klarzumachen, was es bedeutet, Recht und Gesetz selbst gegen "irregulär eingereiste Migranten" (Spiegel) durchzusetzen, stand. Bei der MMM begann eine neue Zeitrechnung. Weil es an drastischen, brutalen Bilder und Videosequenzen fehlte, die zeigen "dass auf offener Straße Leute erschossen werden" (Banaszak) und "Kinder in Angst vor Abschiebung"  leben müssen, beauftragte die MMM die OpenAI-Videofabrik Sora, einen entsprechenden Film herzustellen.

Ein richtiges Video ist es nicht. Die künstlich erzeugte Szene ist nur wenige Sekunden lang zu sehen. Aber wirkungsmächtig: Eine weinende Frau in Handschellen wird von einem brutalen bärtigen Schergen des Trump-Systems abgeführt. Vergeblich zerren und zotteln zwei winzig kleine Mädchen am Schoß der Mutter, die ihnen entrissen werden soll. 

Polizeiauto mit Fantasieemblem 

Es ist kalt in Amerika. Es liegt Schnee. Die ICE-Leute in ihren schwarzen Uniformen haben keinen Durchsuchungsbefehl, sagt die ZDF-Stimme aus dem Off. Im Hintergrund steht ein Polizeifahrzeug mit einem Fantasie-Emblem. Für einen Sekundenbruchteil blitzt dann aber das Sora-Logo im Bild auf.

Verräterisch. Die Frau in der Daunenjacke, mutmaßlich hispanisch oder von den Philippinen, ist das Produkt einer Rechenoperation? Der arme Mann in der rot-weiß-karierten Decke, dem die ICE-Leute es offenbar verweigert hatten, sich Hose und Hemd anzuziehen, existiert in Wirklichkeit nicht? Die beiden bitterlich weinenden kleinen Mädchen sind nicht die Töchter der armen Frau, sondern das Werk eines Text-to-Video-Programms? Und der Junge in kurzer Hose, der von einem beleibten ICE-Mann "vor seiner Schule mitgenommen wird" (ZDF) besteht vielleicht auch nur aus bewegten Worten?

Hauptsache eine gute Absicht 

Die gute Absicht war zu sehen. Der Film sollte das brutale Vorgehen der ICE-Officers illustrieren und die nach dem Tod der gegen ICE protestierenden Aktivistin Renée Good so vielverprechend aufwallende Empörungswelle neu beleben. Der gute Zweck heiligt die Mittel. Das Ziel ist der Weg. Und auch das ZDF öffnet sich und seine Sendungen mehr und mehr modernen amerikanischen Manipulationstechniken. 

Noch etwas unbeholfen. Noch erkennbar für das aufmerksame Auge. Es dauerte nur Minuten, bis sich beim umstrittenen Portal X Nutzer meldeten, die auf das in der Wirklichkeit nicht existieren Wappen auf dem Polizeifahrzeug hinwiesen und auf das Sora-Logo aufmerksam machten. 

Entdeckte Täuschungsabsicht 

Die Entdeckung der Manipulation breitete sich in Windeseile aus. Innerhalb von Stunden erreichten Beiträge Tausende Views und Likes und immer mehr Nutzer forschten selbst mit Reverse-Image-Searches und KI-Detektoren selbst nach Beweisen für die Täuschungsabsicht, um visuell die Behauptung zu belegen: "Sie führen Eltern vor den Augen ihrer Kinder ab."

Die Vorwürfe kamen in Mainz anfangs nicht an. Der Sender kommentierte nicht, dass seine Hauptnachrichtensendung beim Fälschen ertappt worden war. Erst als sich der Shitstorm hochschaukelte und drohte, auch die seriösen Leitmedien auf den Plan zu rufen, reagierte die Redaktion mit einem dürren Ablenkungsmanöver. 

"Was harmlos beginnt..." (ZDF)

Der Sender, erst zwei Monate zuvor beklagt hatte, dass "KI-generierte Videos das Internet fluten" und "was harmlos beginnt, zur Herausforderung für Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Orientierung im Netz wird", griff zu einem Taschenspielertrick. Nicht die künstliche Herstellung der dramatischen Bilder sei problematisch, sondern deren fehlende Kennzeichnung. Die hätte Ehrensache sein sollen, sie war sogar geplant. Doch "diese Kennzeichnung wurde bei der Überspielung des Beitrags aus technischen Gründen nicht übertragen".

In Weltfremdenhausen hofften sie wohl wirklich noch, damit durchzukommen. Man kann fälschen. Man kann Wirklichkeit simulieren. Man kann sich visuelle Metaphern erzeugen lassen, um seinen Zuschauern fehlende Authentizität vorzuspielen. Und man behält all seine Glaubwürdigkeit, ganz egal, wie oft man beim Lügen, Betrügen und gezieltem Radieren an der Realität ertappt wird. 

Man ist das ZDF. Man hat keinen Ruf mehr zu verlieren. Denn man warnt gelegentlich eindringlich: "Mit Desinformation wird immer stärker um die öffentliche Meinung gekämpft, mit Fake News Stimmung gemacht. Die Meinungsmanipulation gefährdet die Demokratie."

"Entsprechend angepasst" 

"Die Redaktion hat den Fehler korrigiert und das Video entsprechend angepasst", hieß es im ersten Gegenangriff auf die Kritiker. Die sollten sich mal nicht so haben. Das "Heute Journal" zeige natürlich auch Fake-Videos, aber eben mit entsprechender Kennzeichnung. Die wurde bei der "Anpassung" allerdings nicht nachträglich eingefügt. Stattdessen wurde die künstliche Passage  mit den KI-generierten Bildern aus dem Beitrag herausgeschnitten.

Die Verteidigungslinie mit der Behauptung, die Fake-Szene sei bewusst präsentiert worden, nur eben leider unmarkiert, hielt nicht lange. Schon wenige Stunden später löschte das ZDF die komplette Sequenz. Doch auch diese Rückzugslinie hielt nicht. Nachdem ersten Nutzern aufgefallen war, dass nicht nur die KI-generierten Sekunden verschwunden waren, sondern auch der - erstaunlicherweise mit einer kurzen Hose bekleidete - Schuljunge, den ein ICE-Beamter am Schlafittchen remigrieren will, flog auch der nächste Fake des Zweiten auf. Bei den Bildern des Jungen handelt es sich um sechs Jahre alte Aufnahmen der Festnahme eines Jugendlichen nach einer Amokdrohung.

Lügen, Fehler, Peinlichkeiten 

Die Lügen, Fehler, Pannen und Peinlichkeiten türmen zu einem zweiten Lerchenberg. Zum Glück aber zeigen sich die übrigen Abspielstationen des Üblichen solidarisch. Ein festes Band aus Schweigen  spannt sich von Hamburg und München über Frankfurt nach Berlin. Zugegeben wird nur, was pflichtschuldigst nicht zu leugnen ist. "Transparenz um künstliche Intelligenz", heißt es im  "Der Spiegel" schwurbelig, "ZDF entfernt KI-Bilder aus Beitrag über ICE-Einsatz". 

Das, worum es eigentlich geht, verschwindet hinter einer Nebelmauer, die das frühere Nachrichtenmagazin kollegial verdichtet. Es seien da "Bilder zu sehen" gewesen, "die mit einer künstlichen Intelligenz erstellt wurden". Das Problem dabei: "Dies war nicht gekennzeichnet. Also entfernte der Sender die Passagen nachträglich." Gehen Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen. Schon gar nicht ist zu fragen, warum eine Nachrichtensendung KI-generierte Filme nutzt.

Märchenbilder aus der Retorte 

Es gab gar keinen Versuch, das drei bis vier Millionen Menschen vor den Fernsehern mit Märchenbildern aus der Retorte und Archivmaterial aus der Regierungszeit des großen Demokraten Joe Biden zu betrügen. Das Problem waren nicht die Kunststränen und Kunstkinder. Es war "die Kennzeichnung". 

72 Stunden nach der Sendung räumte das ZDF nicht ein, dass eine Nachrichtensendung, die computergeniertes Material als reale Filmaufnahmen ausgibt, auf einem schnellen Pferd in die Irrelevanz reitet. Sondern nur, dass "diese Sequenz nach den Regeln des ZDF ohne Kennzeichnung und ohne Einordnung so nicht hätte verwendet werden dürfen". Die "weitere Sequenz, in der ein Kind abgeführt wird" sei "zwar real, stammt aber aus einem anderen Kontext aus dem Jahr 2022". Ende. 

Anne Gellinek, stellvertretende Chefredakteurin und "Leiterin der Aktualität" (ZDF) bat nicht um Entschuldigung. Sie ließ bestellen, dass man sich selbst verziehen habe: "Wir entschuldigen uns in aller Form für diese Fehler."


7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

A propos ICE bzw. Eintrag unter 'mit der Wahrheit lügen'.

Throughout eight years in office, the Obama administration logged more than 3.1 million ICE deportations, according to Syracuse's Transactional Records Access Clearinghouse

Frau Halali kann ja mal recherchieren, warum sich damals keine weißen Lesben vor ICE-Dienstfahrzeuge geworfen haben.

https://tracreports.org/tracatwork/detail/A6019.html

Anonym hat gesagt…

OT aber irgendwie auch ICE
Hillary Clinton calls for secure borders at Munich ...

Wie Kommentatoren anmerkten, sollte an auf diese Lüge nicht hereinfallen. 2026 haben die Amis Midterm Wahlen, das ist alles.

Anonym hat gesagt…

Das ZDF hat das gemacht, was anderswo inzwischen ebenso gang und gäbe ist: die Verbreitung KI-manipulierter Inhalte zu propagandistischen Zwecken. Es gibt da so einige Journalisten (insbesondere auch bei Springer-Medien), die sich bei der Verbreitung von YouTube- und Tiktok-Schnipseln regelmäßig vor Freude in die Hose machen.

Anonym hat gesagt…

Gerade hat ein Professor im Fernsehen (MDR, Sachsen Anhalt Heute) gefordert, ab der 1. Klasse Politunterricht. SPD Lehrer sollen vor der bösen AfD warnen. Nur so ist Unsere Demokratie noch zu retten.
Von besserer Politik hat er nichts erwähnt.

Anonym hat gesagt…

Da drängen sich Diktaturenvergleiche geradezu auf.

ppq hat gesagt…

guter mann. der weiß genau, wie es geht

Anonym hat gesagt…

Wichtig ist, was hinten herauskommt, wie ein Weiser einst sagte. Der Pöbel fiel zu allen Zeiten und fällt auch heutzutage auf die erbärmlichsten und durchsichtigsten Psychoscheiß herein. Nichts zu wollen. Ein Dementi ist der Versuch, die Zahnpasta wieder in die Tube zu kriegen.