Dienstag, 22. Januar 2013

Klimapause: Hiobsbotschaften aus Hamburg

So war das ja nun nicht gedacht. Nach dem göttlichen Ratsschluss der Klimakirche hatten Klimawandel-Wanderprediger weltweit ein einheitliches Fahrenheit Unser gebetet, das sich an Grundschulmathematik orientierte: Vorgestern ein Grad mehr macht gestern zwei Grad mehr macht heute drei Grad mehr und morgen vier. Wie sollte es auch anders sein? Hatten Experten wie der Kanzlerflüsterer Schellnhuber doch langfristige Klima-Beobachtungen über 15, 20 und teilweise sogar 75 Jahre als Rechenbasis zur Verfügung. Die Medien, willige Helfer der jeweils herrschenden Mehrheitsmeinung, sekundierten aufgeregt. Tuvalu geht unter. Kyoto versagt. Bush ist schuld. Hunderttausend Forscher können nicht irren.

Wie so häufig ist es nun der „Spiegel“, der doch lieber die Klicks mitnimmt, die dem winken, der von der Einheitsmeinung abweicht, als das große Schweigegelübte weiter durchzuhalten, nur um sich nicht berichtigen zu müssen. Wobei: Berichtigen muss der „Spiegel“ sich nie, weil er stets nur wiedergibt, was andere sagen. Und hier nun gestehen die Klimawandel-Forscher: „Wir rätseln über Stillstand bei Erderwärmung“.

Spiegel-Klimaspezialist Axel Bojanowski wagt sich weit vor mit dieser Geschichte, die fast vollständig auf Motiven einer Erzählung beruht, die das britische Met Office bereits Ende November vergangenen Jahres verbreitete. „Nasa-Forscher belegen, dass der Temperaturanstieg seit 15 Jahren eine Pause macht“, heißt es da in seltsamer Stilistik zum „überraschenden Stillstand".

Hiobsbotschaften aus Hamburg: "Erwärmung macht Pause“. Zwar habe sich das Klima verändert, aber seit nunmehr 15 Jahren stocke die weitere Erwärmung - und „das britische Met Office prognostiziert sogar neuerdings, dass sich die Temperaturpause auf hohem Niveau bis Ende 2017 fortsetzen könnte - trotz des rapide zunehmenden Ausstoßes von Treibhausgasen.“

Schreckensvisionen für jeden aufrechten Gläubigen, für den Klimaveränderung ist, wenn drei Sommer hintereinander im Urlaub die Sonne scheint. „Wie viele Jahre“, fragt Bojanowski, „müsste die Temperatur denn noch stocken, bis Klimaforscher ihre Prognosen einer künftigen Erwärmung überdenken?“ Oder kommt die nächste Hitzewelle doch noch rechtzeitig, um die Milchmädchenrechnungen aus den millionenteuren Modellrechnern zu retten?

Es geht um Ausreden, darum, Zeit zu gewinnen und letztlich natürlich um viel, viel Geld. Den letzten, in Deutschland ungemütlich kalten Winter hatten die Experten zwar nicht vorhergesehen, dafür aber schnell theoretisch nachbereitet: Die Klimaerwärmung sorge ja logischerweise für kalte Winter, weil das Eis in der Arktis und das Wasser und die Luftströmungen und so weiter. Dieses Jahr dann bisher nicht, logischerweise, weil die Klimaerwärmung mit dem Eis in der Arktis und dem Wasser und den Grundrechenarten und überhaupt.


Wie also weiter? Wo ist vorn? „Der Stillstand der globalen bodennahen Durchschnittstemperatur zeigt, dass die Unsicherheiten der Klimaprognosen überraschend groß sind“, verblüfft der Autor alle Leser, die allein die Bandbreite der bisherigen wissenschaftlichen Vorhersagen als Indiz dafür genommen hatten, dass beim Preisrätselraten auch in Klimafragen stets jeder versucht, irgendwo in der Nähe der Mehrheit zu tippen.

Immerhin, nach rückwärts messen klappt noch und bringt auch befriedigende Resultate. „Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist die Fieberkurve der Erde um 0,8 Grad angestiegen, den stärksten Schub von 0,5 Grad gab es von Mitte der 1970er Jahre bis zur Jahrtausendwende“, rechnet Bojanowski vor. Erst seit 1998 langsam alle Staatenlenker symbolische Klimapolitik mit Eisbärbesuchen, Glühlampenverboten und Subventionen für Sandschmelzöfen als zukunftsweisende Werbeform entdeckten, „verharrt die globale Durchschnittstemperatur auf hohem Niveau: Alle Jahre in diesem Zeitraum gehören zu den wärmsten seit Beginn der systematischen Temperaturaufzeichnung vor gut hundert Jahren.“

Aber es geht nicht höher. Was natürlich sofort zu einer Theorie führt, die noch viel höhere Temperaturen verspricht. Die Wärme nämlich, sie ist da, verspricht der „Spiegel“ allen Kleingläubigen und Skeptikern, allen Leugnern und Klima-Agnostikern. Sie verstecke sich nur vorübergehend in den oberen drei Metern der Ozeane, wie Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie zu erklären weiß. Von dort, hatte der „Freitag“ bereits im November gewarnt, komme der Klimawandel irgendwann mit doppelter Wucht auf die Zweifler nieder: Die Durchschnittstemperatur werde „nicht nur um 1,5 oder zwei Grad, sondern um das Doppelte ansteigen“. Großes Aufatmen im Gebetsraum. Die Katastrophe kommt. Je später, je schlimmer. Wie schön.

Klima: Das Gespür der Kanzlerin
Die abgesagte Katastrophe

Montag, 21. Januar 2013

Wer hat es gesagt?

Das politisch korrekte Sprechen ist eine Sprachstellung der bürgerlichen Verklemmungen. Das ersetzte Unwort erzeugt eine Leerstelle.

Brauner Bomber mit blondem Haar

War es doch die NSU? Hat die Polizei tatsächlich wiedermal einen Sprengstoffverstärker übersehen? Kann die durch eine unerklärliche Schwäche des Neofaschismus akut bedrohte Projektarbeit gegen rechts auf Hilfe aus Bonn hoffen? Und welche Rolle spielt gut einen Monat nach dem versuchten Sprengstoffanschlag von Bonn ein dunkelhäutiger Komplize des Hauptverdächtigen, der ein blondes Nazi-Haar im Bombenkoffer hinterlassen hatte?

Offene Fragen, auf die die Bundesanwaltschaft entschlossen reagiert. Nach Informationen des „Spiegel“ suchen die Ermittler jetzt endlich auch nach Spuren in die rechtsextreme Szene. Das funkelnagelneue Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus wurde eingeschaltet, hier wird jetzt parallel zum nagelneuen Bundesabwehrzentrum gegen islamistischen Terror, das weiterhin von einem Anschlagversuch einer terroristischen Vereinigung radikal-islamistischer Prägung ausgeht.

Die Bombe war am 10. Dezember in einer blauen Sporttasche auf einem Bahnsteig des Bonner Hauptbahnhofs abgestellt worden, aber nicht explodiert, weil sie keinen Zünder hatte. Dadurch hätten die noch in Verkaufsverpackung befindlichen Batterien, die ungeöffneten Campinggaskartuschen und ein Metallrohr nicht mit dem beigelegten Wecker reagieren können. Glücklicherweise, denn so konnten Ermittler nun in der Reisetasche ein Haar finden, bei dem sämtliche angeschlossenen Qualitätsmedienanstalten davon ausgehen, dass es nur vom Bombenleger stammen könne.

Nun sind nicht mehr nur "nur Radikal-Islamisten unter Verdacht" (Focus), nein, die Suche nach dem Bonner Bombenleger reicht bis in die rechte Szene. Denn beim Täter handele es sich dem Haar zufolge um „einem hellhäutigen Europäer oder Nordamerikaner“, eventuell auch um einen hellhäutigen Südamerikaner, Südafrikaner oder Australier. Da eine DNA-Analyse noch nicht durchgeführt wurde, komme allerdings auch ein weltbekannter Italiener infrage, hieß es in Ermittlerkreisen. Die Bundesanwaltschaft sucht unter anderem nach einem bärtigen Mann, der auf der Videoaufnahme einer Überwachungskamera eines Schnellrestaurants am Hauptbahnhof mit einer Tasche zu sehen ist, bei der es sich um die Tasche mit dem Haar handeln könnte. Auf einem Fahndungsplakat wird der Mann als Europäer beschrieben. Außerdem wird nach einem dunkelhäutigen Mann gesucht, der zuletzt im Besitz der Tasche gewesen sein soll. Seine Beteiligung könnte darauf hindeuten, dass die Rechtsterroristen falsche Spuren legen und den Verdacht auf Islamisten lenken wollen.

Punktlandung für Demoskopen

Natürlich haben sie kurz nach 18 Uhr wie immer alle gewonnen, die Schwarzen, die Roten, die Gelben und die Grünen. Und sogar die Ganzroten und die Orangenen, die den Sprung in den Landtag nicht schafften, sind irgendwie wieder Sieger, denn sie haben sich verbessert oder doch nicht so schlecht abgeschnitten wie alle vorher dachten.

Hauptsieger aber ist einmal mehr die Wissenschaft, die sich nach der für alle beteiligten Parteien so erfolgreichen Niedersachsenwahl zufrieden auf die Schulter klopfen kann. Einmal mehr haben die Wissenschaftler der deutschen Wahlforschungsinstitute mit Hilfe ausgeklügelter Messmethoden gezeigt, dass eine Wahl nicht von Kommentatoren und Demoskopen, sondern von den Wählern entschieden wird.

Zuvor war es Infratest Dimap, der Forschungsgruppe Wahlen, Allensbach und Forsa erneut gelungen, den Wahlausgang mit einer Genauigkeit vorherzusagen, die an einen Bagger erinnert, der einen Zwirnsfaden in eine Nähnadel-Öse schiebt: Die
CDU sollte um die 40 Prozent bekommen, die SPD 33 Prozent, die Grünen lagen bei 13 Prozent und die FDP bei fünf Prozent. Linke und Piraten sahen die Forscher bei drei Prozent.

Sie hätten würfeln sollen, am besten mit einer Kugel. Denn viel danebener als mit den wissenschaftlichen Vorhersagen, die schon in der Vergangenheit nahezu jedesmal in die Irre führten, hätte auch ein Rateteam nicht liegen können. Statt 40 Prozent kommt die CDU nur auf 36 Prozent, die SPD holt nur 32,6 Prozent der Stimmen, die Grünen kommen auf 13,7 Prozent, die FDP aber auf beinahe zehn Prozent.

Prozentual gesehen sind das Abweichungen um zehn  (CDU), zwei (SPD), drei (Grüne) und fast 50 Prozent. Selbst bei Linken (3,1 Prozent) und Piraten (2,1 Prozent), die wie vorhergesagt nicht in den Landtag kamen, beträgt die Abweichung des Ergebnisses von der Vorhersage bis zu 30 Prozent. Hätte ein Schamane Knochen geworfen oder in der Asche gelesen, vermutlich wäre er näher dran gewesen.

Eine stolze Bilanz, die einmal mehr zeigt, dass es unmöglich zu sein scheint, Wahlergebnisse wirklich vorab zu wissen - eine Fähigkeit, auf deren angeblichem Vorhandensein allerdings eine Millionenbranche gründet. Demoskopen befragen Medienkonsumenten, um mit den Ergebnissen Medien zu beliefern, die wiederum Medienkonsumenten darüber informieren. Rückkopplungseffekte spielen hier eine Rolle, andererseits aber offenbar auch der Umstand, dass Befragte bei Befragungen einfach nicht die Wahrheit sagen: Sie lügen vielleicht nicht, geben aber eben auch nicht an, was sie wirklich wählen.

Beeindruckend angesichts dieses seit Jahren offenkundigen Phänomens ist es, mit welcher Gläubigkeit die Qualitätsmedien den Angaben der Prognostiker dennoch Glauben schenken. Mit Umfragezahlen, die wie diesmal im zweistelligen Prozentbereich neben dem tatsächlichen Ergebnis liegen, bestreiten ARD und ZDF ganze Fernsehsendungen, Magazine und Zeitungen füllen Analyseseiten mit Prozentrechnungen, in denen es 1,5 oder zwei Prozent hoch- oder runtergeht, auf dieser Basis werden Politikerkarrieren beendet, Parteien totgeschrieben und neue Parteien als erfrischen anders gefeiert. Obgleich allein die Fehlertoleranz der Umfrageinterpretation augenscheinlich nicht nur in Ausnahmefällen gut ein Viertel oder Drittel erreichen kann.

Ein Rätsel, zumal Kritik an den hanebüchenen Vorhersageversuchen kaum irgendwo laut wird. "Zwischen Umfrage- und Wahlergebnissen klaffen Welten", kritisieren Blogs wie wahlprognosen-info.de, die in einer Tabelle mit 120 Daten aus vier Bundestagwahlen zeigt, dass es offenbar wirklich möglich ist, nie - nicht einmal zufällig - das richtige Ergebnis zu tippen.

Eine "demoskopische Bankrotterklärung" heißt es dort. Anderswo aber geht der Trend unverdrossen zur nächsten Umfrage. Wer die haben muss, weil alle sie haben, kann natürlich nicht darüber berichten, dass sie vermutlich genauso falsch ist wie die vorherige war und die nächste sein wird. "Union in Umfrage auf Fünfjahreshoch" vermeldet die "Zeit" mit Blick auf eine Umfrage zur Bundestagswahl. Die Union sei nun so stark wie SPD und Grüne zusammen, die FDP sei raus aus dem Bundestag. 41 Prozent bekommt die Merkel-Partei hier, die FDP nur vier. Nach den Abweichungen der Niedersachsen-Wahl könnten es ebenso gut 36,5 Prozent für die Union und acht Prozent für die CDU sein.

Sonntag, 20. Januar 2013

Verbot der Woche: Prostitution im Heim

Erst vor knapp zwölf Jahren war es soweit. Damals legalisierte der deutsche Bundestag mit dem "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten" (ProstG) endlich deutschlandweit den Beischlaf gegen Geld. Seitdem begründen "sexuelle Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt" eine rechtswirksame Forderung. Seitdem werden auch Wartezeiten vergütet, weil eine Person, die sich "für die Erbringung derartiger Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt für eine bestimmte Zeitdauer bereithält" Entlohnung verlangen kann.

Allerdings eben seit jüngstem nicht deutschlandweit, wie ein Bericht der Hildesheimer Zeitung vermuten lässt. In der einst von Ludwig dem Frommen beherrschten Randlagenmetropole sollen sich mehrere behinderte Bewohner einer diakonischen Einrichtung prostituiert haben, wie das auf Sex spezialisierte Magazin "Bild" reportiert. So sei etwa "ein 40-jähriger Bewohner regelmäßig nach Köln gefahren, um sich zu prostituieren". Andere Behinderte hätten sich am Hildesheimer Hauptbahnhof gegen Geld angeboten.

Nirgendwo steht etwas von Zwang, nirgendwo wird die freiwillige Entscheidung der Heimbewohner, ihr Taschengeld auf diese Weise aufzubessern, infrage gestellt. Und doch: Die Polizei ermittelt nun wegen des "Verdachts des sexuellen Missbrauchs" meldet dpa - ein wegweisendes Verfahren, das das ProstG im Sinne der großen PPQ-Reinheitsserie "Verbot der Woche"ganz neu zu interpretieren verspricht. Kommt es doch im Falle einer Anklageerhebung einem Prostitutionsverbot für Behinderte gleich.

Ein Vierteljahrhundert, nachdem Henk van Kooperen, ein Bewohner eines Arnheimer Pflegeheims, sich und seinen Leidensgenossen die Freiheit erkämpfte, sexuelle Assistenz nutzen zu dürfen, werden behinderte Heimbewohner erneut diskriminiert, als gesellschaftliche Gruppe entmündigt und rundheraus zu betreuungspflichtigen Personen erklärt. Der Aufschrei aber bleibt aus.

Mehr Verbote der Woche

Das große deutsche Inflationswunder


Aktien, Immobilien, Gold – aus Angst vor einem Inflationssprung bringen viele Sparer ihr Geld in Sicherheit. Tatsächlich ist ein Anstieg der Teuerungsrate aber noch längst nicht in Sicht, schreibt der "Focus" in einer aktuellen Ausarbeitung zum Thema "Angst vor Geldentwertung". Die Sache ist völlig klar, von der ersten Zeile an, die das "Ja, wo ist sie denn, die Inflation?" lautet - ein Gespenst nur geht um in Deutschland, ein Gespenst, das nach Focus-Forschungen "aus Sicht vieler Deutscher" das Schlimmste ist, "was einem drohen kann": „steigende Lebenshaltungskosten“ wie damals in der großen Inflation, als Opa seinen Lohn mit der Schubkarre nach Hause fuhr und wenn er ankam, war das Geld schon nur noch halb soviel Wert.

63 Prozent der Befragten fürchteten sich bis heute vor steigenden Lebenshaltungskosten, denn die "Politik des billigen Geldes mit rekordniedrigen Zinsen, Milliardenkrediten für die Banken und die gewaltige Staatsverschuldung, die irgendwann abgebaut werden muss, schüren die Sorge" (Focus). Für die es nach Ansicht der Illustrierten natürlich keinerlei Ursache gibt. "Eine grassierende Geldentwertung ist aktuell überhaupt nicht in Sicht", haben die Autoren nachgerechnet. Gerademal zwei Prozent verlor der Euro in Deutschland im vergangenen Jahr an Kaufkraft, im laufenden Jahr sage "das Ifo-Institut nur einen Inflationswert von 1,6 Prozent voraus, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut prognostiziere 1,9 Prozent und der Sachverständigenrat der Bundesregierung gehe von zwei Prozent aus".

Wie die das nur immer machen und wie überzeugend sie dabei sind. Vor wenigen Wochen erst zeterte auch der "Focus" im Chor mit allen anderen angeschlossenen Abspielstationen der staatlichen Nachrichtenagentur dpa über das Jahr mit den höchsten Benzinpreisen aller Zeiten. Wenig später empörte sich das Blatt wie alle anderen über die explodierenden Energiepreise. Anschließend ging es dann darum, dass "Wohnen in Deutschland so teuer wie nie" sei, weil die Mieten kerzengerade in die Höhe gingen. Und vor zwei Tagen erst notierte auch das Bauernblatt aus Bayern, dass auf der "weltgrößten Agrarmesse Grüne Woche" Aufschläge von bis zu drei Prozent bei den Preisen für Lebensmittel angekündigt wurden, nachdem die Lebensmittelpreise im vergangene  Jahr bereits um mehr als drei Prozent gestiegen seien.

Zwei Wirklichkeiten, die schwer in eine Welt passen. Statistisch gesehen entfallen nämlich ausgerechnet auf die Wohnkosten mit 32,6 Prozent, die Heizkosten mit 15 Prozent, die Mobilität mit 14,6 Prozent und auf Lebensmittel, Getränke und Tabakwaren (14,3 Prozent) rund 76 Prozent aller Ausgaben deutscher Haushalte. Und die Mietkosten  sind 2012 um drei Prozent gestiegen, die Heizkosten um knapp sechs Prozent, der Preis von Sprit um fünf Prozent und die Lebensmittelpreise um 3,2 Prozent.

Die Preise für die Dinge, für die die Deutschen rund drei Viertel ihrer Ausgaben auf den Tisch legen, wurden also durchschnittlich zwischen drei und sechs Prozent teurer. Die Inflationsrate aber lag weiter bei allseits beruhigenden zwei Prozent. Ein Wunder, das sich womöglich erklärt, weil Jeans, iPads, Kinderschuhe und Buntstifte billiger geworden sind. Dass aber womöglich auch nur Wirklichkeit wurde, sich weil sich "keine Inflationsgefahr" einfach besser anhört als mehr Geld auch immer weniger wert.

Inflation: Der Segen der Mega-Enteignung
Der Frosch mit der Maske

Samstag, 19. Januar 2013

Fasten und die explosive Fiebrigkeit

Wie sich die Bilder gleichen. Damals, am frühen Nachmittag des 12. Mai 1956, zerriß trockenes Peitschen von Gewehrsalven das laute Stimmengewirr in den engen Straßen der algerischen Stadt Constantine. Von den Wachtürmen und Sandsackbarrikaden der auf einem Felsen erbauten Stadt schepperten hackende MG-Garben, mit denen die französischen Sperrposten den Überfall der angreifenden arabischen Rebellen zurückzuschlagen suchten. Dazwischen hörte man die dumpfen Detonationen von Granatwerfern, so berichtete der „Spiegel“, der seinerzeit noch Worte wie „Moslemstadt“ und „Todesscharen Allahs“ im Repertoire hatte.

Es war das Jahr, als Nikita Chruschtschow die Entstalinisierung zur rettung des Stalinismus startete. Marokko, Tunesien und dem Sudan wurden unabhängig. Mit 1500 Freiwilligen gründete Deutschland die Bundeswehr. Und Adolf Hitler wurde vom Amtsgericht Berchtesgaden amtlich für tot erklärt. Damals jagten Feldhörner in der alttürkischen "Kasbah"-Kaserne ein Alarmsignal in den Sonnenuntergang. "Zur Stunde des Aperitifs, die die Europäer Constantines in dichten Reihen auf den Kaffeehausterrassen und in den Bistros der Rue Nationale, der Hauptstraße der Stadt, zu verbringen pflegen", ist das eine unerwartete Unterbrechung. „Fremdenlegionäre mit weißen Képis, Fallschirmjäger mit roten, blauen und grünen Baretten sprangen von den Tischen auf, ließen den Rotwein und den milchiggrünen Pernod stehen und stürzten in die Quartiere ihrer Einheiten, von denen bereits die ersten Stoßtrupps im Laufschritt zu ihren Einsatzposten in der Stadt unterwegs waren.“

Der Krieg ist da und aus der Rue Nationale brechen nun die bewussten "Todesscharen Allahs" hervor. Sie drängten, „Entsetzen verbreitend, in die aufgescheuchte Menschenmenge der überfüllten Straßen“, berichtet das Nachrichtenmagazin aus der Schlacht, „sie schossen auf alles und jeden, ohne darauf zu sehen, ob sie Weiße oder Glaubens- und Rassenbrüder trafen“.

Franzosen im Auslandseinsatz gegen „Fellaghas“, die sich „in Häusern, Mauerstücken und Ecken festsetzen“ und „erst nach langen Gefechten vernichtet oder in die Höhlen, Mauerlöcher und Gänge zurückgetrieben werden, aus denen sie emporgebrochen waren“. Gebrochen, nicht gekrochen.

Alles hat sich seitdem geändert. Die Kriegsberichterstattung deutscher Medien verzichtet längst auf Einzelheiten, auf taktische Finessen und tragische Schicksale, um sich dem großen, strategischen Überblick zu widmen. Wenn Frankreich in Mali siegt, und wir waren nicht dabei, was bedeutet das für die Europa-Politik? Verliert Merkel ihr Gesicht? Verliert sie gar Wahlen?

Auch der Einsatz selbst war damals ein farbigerer, weniger technisch ausgerichteter. es wurde noch gestorben, wenn auch unklar blieb, wie oft: „Wie viele unbeteiligte Araber getötet und verletzt wurden, blieb ungewiss, denn eine Woge turbanbedeckter Moslems sprang mit flatternden Burnussen die Gassen der Araberstadt hinunter, ihre Toten und Verletzten mit sich schleifend.“

Die Hinterlist der Feinde, in Deutschland bekannt aus Karl Mays Persien-Märchen, ist unverkennbar schon damals vorhanden gewesen. „Fellagha waren in den letzten Wochen truppweise als Pilger, Händler, Bauern und oft als Frauen verkleidet in die Felsenstadt gesickert, um den Aufstand vorzubereiten. Muselmanische Geheimbünde der Stadt, an deren Spitze bekannte arabische Ärzte, Apotheker und Anwälte stehen, hatten ihre Moslembrüder schon seit Jahren aufgeputscht.“

Ersetze muselmanische Geheimbünde mit Al Kaida im Maghreb und der heilige Krieg im algerischen Constantine der 50er Jahre fühlt sich im Mali 2013 wohl. Auch ohne den Ramadan, der in den ungebildeten 50ern noch als Erklärung für die Gewalt herhalten musste: „Die lange Zeit des Fastens pflegt in den Gemütern eine explosive Fiebrigkeit aufzuhäufen, die beim Übergang zur normalen Lebensweise nach Entladung drängt.“

500.000 Soldaten hatte Frankreich seinerzeit in seiner Kolonie stationiert, um sie mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Doch am Abend des Angriffs in Constantine häuften sich im Hauptquartier des Korpsgenerals Henri Augustin Lorillot, der in Algier als Wehrkreiskommandeur Algeriens residiert, Unglücksmeldungen aus fast allen größeren Städten der vier nordafrikanischen Departements Oran, Bône, Algier und Constantine.

Seit langem war sich der General darüber schon darüber im Klaren, „daß seine seit Anfang März mit der vollen Wucht militärischer Überlegenheit gegen die arabische Rebellion geführte Offensive in eine kritische Phase führen kann“. Das vordringlichste Ziel dieser Offensive war, die Rebellen aus den dicht besiedelten ländlichen Gebieten zu vertreiben, wo sie sich im Verlauf des letzten Jahres festgesetzt und teilweise sogar einen eigenen Behördenapparat aufgezogen haben. In den unwirtlichen Berge wollte man sie dann zum letzten Gefecht stellen.

Stattdessen wichen sie nun in die Städte aus. Dorthin, wo die ineinander übergehenden Wohnviertel der französischen und arabischen Bevölkerung den Einsatz von Militär erschweren, „wo schon die gesichtslose Masse der arabischen Bevölkerung die Rebellen vor dem Erkanntwerden schützt, wo der Neid der verelendeten Araber gegen die Franzosen den nationalistischen Zündstoff mit sozialem Dynamit anreichert und wo die Hysterie des europäischen Mobs dafür sorgt, daß die religiösen, nationalen und sozialen Gegensätze der beiden algerischen Bevölkerungsteile, der knapp anderthalb Millionen "Europäer" und der neun Millionen Araber, sich in blinde Leidenschaften verwandeln“.

Dort - in den Städten - bietet sich tatsächlich dem arabischen Aufstand die vorläufig letzte, aber auch furchtbarste Chance, das Land endgültig und unwiderruflich in blutige Wirren zu stürzen. "So", schreibt der "Spiegel" damals, "zeigte sich das bis heute anhaltende Bestreben der Aufständischen, das Land durch wahllosen Mord aufzuputschen". Ein wenig Analyse noch hinterher: "Der Amoklauf ist bis heute ein bewußt eingesetztes Mittel des arabischen Freiheitskampfes und der arabischen Politik geblieben".

Der ganze Feldpostbrief im „Spiegel“,

Klimaforscher graben Nasa aus

Ist die US-Weltraumbehörde Nasa in Wirklichkeit viel älter als bisher angenommen? Bisher waren Wissenschaftler und Lexikaverlage weltweit davon ausgegangen, dass die National Aeronautics and Space Administration der USA am 29. Juli 1958 gegründet worden sei - Präsident Eisenhower hatte mit dem „National Aeronautics and Space Act“ angeblich auf den Sputnik-Schock reagieren wollen. Doch neue Daten des renommierten Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) lassen vermuten, dass die Nasa tatsächlich schon viel älter ist: Eine aktuell vorgelegte PIK-Studie „basiert auf Daten aus 131 Jahren von mehr als 12.000 Punkten rund um die Welt, die von der US-Weltraumbehörde Nasa erhoben wurden“, wie die staatliche deutsche Nachrichtenagentur dpa recherchiert hat.

Eine Differenz von immerhin 76 Jahren, während derer die Nasa noch nicht existierte, aber schon emsig Daten sammelte? Die statistische Analyse der von dpa verwendeten Angaben durch PPQ belegt die gelegentliche Verwendung des Begriffes Nasa in der Tat bereits ab 1800. Das könnte auf eine geheime Gründung weit vor der Eisenhower-Initiative deuten.

Eine Zunahme der Erwähnung der Nasa verzeichnen die Archive dann um den Zeitpunkt der offziellen Gründung herum, seitdem erreichte die Nasa immer öfter neue Erwähnungsrekorde. Die Forscher verglichen die monatlichen Durchschnittserwähnungen.

Bei fortgesetztem Klimawandel werde sich die Entwicklung weiter verschärfen, warnte das PIK, das nicht angab, woher es die Informationen über eine Gründung der Nasa bereits im Jahr 1882 hat. Sicher scheint allerdings, dass sich die „die Zahl der Monatsrekorde in 30 Jahren verzwölffachen“ werde, während die Nasa dann bereits Daten aus 161 Jahren zum Vergleich heranziehen könne. Die Dramatik dieser Situation dürfe nicht unterschätzt werden, denn die Studie belege heute schon eine "systematische Zunahme der Anzahl von Rekorden durch den Klimawandel", erklärte Stefan Rahmstorf, Ko-Autor und Leiter des Forschungsbereichs Erdsystemanalyse am PIK.

Nasa-Spuren bei PPQ

Freitag, 18. Januar 2013

Wer hat es gesagt?

Dank der friedlichen Präsenz unserer Armee entsteht so das Algerien von morgen.

Gesänge fremder Völkerschaften: Das bessere Amerika


Von Deutschland aus gesehen hat Barack Obama einiges geradegerückt. Durch den ersten schwarzen Präsidenten wurde aus dem vorher vieldiskutierten räuberischen Hauptreich des Imperialismus ein kaum noch beachtetes Land weit jenseits des Atlantik - wichtig, wenn gerade ein Fiskalcliff in Sicht kommt. Sonst aber kaum bedeutsam.

Die Vereinigten Staaten haben sich damit dem Status angenähert, den ihr nördliches Nachbarland Kanada schon seit Jahrzehnten behauptet. Deutsche assozieren Blockhäuser, Trappermützen mit Biberschwanz und Eishockeyspieler. Ja, Neil Young ist Kanadier. Aber wer, fragen sich die Jüngeren, ist Neil Young?

Ein Musiker, auf dessen Spuren Quebec und Vancouver ganze Heerscharen von jungen Bands wandern. Bands wie The Black Flies, eine Kapelle, die von Nathanial James Goold angeführt und auf der Bühne mit selbstgemachtem Drei-Akkorde-Americana glänzt, der mehr verdient hätte als CDs im Eigenvertrieb und Konzerte in Niagara Falls und Umgebung.

Allein schon Goolds aus einem Ölkanister selbstgebaute Gitarre ist sehenswerter als eine ganze Staffel "Superstar", allein schon "You were Miles" vom ersten Album "Road Ahead" hat mehr Gefühl als eine ganze Soap Opera über Sylvie und Raffael Van der Vaart. Highwaymusik, endlos, geradeaus und ohne Experimente, Satzgesang, Ohrwurmmelodien und zum Himmel geseufzter Liebeskummer. Forever Young, nur jünger.

Demnächst erscheint das dritte Album "Roots + Roll" - eine Empfehlung der Redaktion, die vollkommen ernstgemeint ist.

Zur Band: The Black Flies
Zur naturkundlichen PPQ-Reihe Gesänge fremder Völkerschaften


Im Reich der Regulierer

Weil sie so selten sind in der Politik, diese Momente, in denen die ganze Wahrheit unverstellt und ungeschminkt auf den Tisch kommt, sind sie nur umso kostbarer. Damals im April 2011 war es, als es der SPD geschah: „Politik hat die Aufgabe, das tägliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft zu regeln“, offenbarte die SPD dem Wahlvolk seinerzeit in einer Broschüre (oben) ihre Weltsicht. So habe es das Grundgesetz vorgesehen.

Und so wird es durch die frühere „Arbeiterpartei“ (Willy Brandt) umgesetzt. Regulieren und regeln, Verbote und Vorgaben, Obergrenzen und Mindeststandards – nach dem Maß der deutschen Sozialdemokratie ist eine Gesellschaft ein Ding, dessen mögliche Lebensäußerungen im Parteivorstand geplant und mit Hilfe der staatlichen Behörden durchgesetzt gehören.

Da gibt es „Bremsen“ für Benzinpreise und für Mieten, Fördermittel für Sonne und Wind, einen „Deckel“ für die Bezahlung von Managern und einen Mindestlohn für Geringqualifizierte. Dazu kommt die "Demokratieabgabe" zum Erhalt der Werbeplätze für deutsche Premiumprodukte und ein Sozialausgleich für Familien, die ihre Kinder selbst erziehen, statt sie in den öffentlichen Kindergarten abzugeben. Plakettenpflicht und Rauchverbot, Nachweisgrenze und Stromverzicht, Dispo-Bremse, Zusatzrente und öffentlicher Trinkerbann, Vokabelverbrennung und Sprachregelung - Freiheit meint die Freiheit, dass sich jedermann an Vorgaben halten kann.

Links der Mitte, dort, wo das Herz einer Gesellschaft schlägt, die sich nur allzu gern rund um die Uhr betreuen lassen möchte, wächst eine große Koalition der Verbieter, Regulierer und Volkserzieher, die das von PPQ über Jahre reportierte "Verbot der Woche" aus dem Reich des Möglichen ins Reich des Realen überführt.

Politik als Sehnsucht nach Gestaltung der Gesellschaft zu einem einheitlichen Ganzen mit einheitlichen Normen und Gedanken. Die Grünen möchten das Ponyreiten auf Jahrmärkten abschaffen und die Tierhaltung ebenso, sie stehen für ein Rauchverbot in Innenstädten und die Tempo 30-Pflicht. Fett und Süßigkeiten stehen ebenso auf der Verbotsagenda wie gegnerische Parteien. Hier trifft sich die grüne Weltsicht mit der der Brandt-Enkel, deren Führungstrio Gabriel, Steinbrück und Steinmeier die Idee von der Politikbremse in persona verkörpert: Die SPD plant nicht nur ein NPD-Verbot zur "Ausmerzung" (Müntefering) des Faschismus, sondern auch eines für Fracking (zur Ausgestaltung der Energiewende), für "Steuersünder-Banken" (zur Erreichung von Steuergerechtigkeit), für Atommüll-Exporte (für die Seele) und ein Verbot des Verbotes von Investitionen des Bundes in Bildungseinrichtungen der Länder (für mehr Bildung).

Längst ist aus dem fetten Acker einer Weltsicht, die Eigenverantwortung und Selbständigkeit als egozentrisch und akollektivistisch ablehnt, ein Wettbewerb um die einfallsreichsten Eingriffe in das Leben der Menschen geworden. Die Linke will Preiserhöhungen bei Neuvermietungen verbieten, die SPD kontert mit ihrer "drastischen Mietpreisbremse" (Steinbrück). Grünen-Chef Özdemir schlägt ein Verbot von Schusswaffen für deutsche Privathaushalte vor und ergänzt es mit einer Regelung zur Untersagung des Verkaufs von Energydrinks.

Nichts, was es nicht zu verbieten gilt. Selbst die CDU, inzwischen die größte sozialdemokratische Partei im Lande, lebt die Verbotslogik, nach der nur immer engere Regelungen zu Glühlampen, Duschköpfen und Raucherecken vom Volk an der Wahlurne mit Stimmen vergolten werden. Will Oskar Lafontaine eine Begrenzung der Höchstzinsen, die eine Bank einem Schuldner berechnen darf, auf 5,75 Prozent festlegen, kontert Angela Merkels Partei mit der Ankündigung, die Stromnetze zu verstaatlichen.

Fahrradfahren auf dem Gehweg, Rauchen in der Kneipe, Trinken auf der Wiese, nackte Haut vor 22 Uhr, Zigaretten in Fernsehfilmen, Süßigkeiten an der Kasse - überall ist noch Platz für einen gezielten Eingriff, überall passt noch ein Verbot zwischen zwei, die schon bestehen.Der Bürger insgesamt ist dankbar für soviel Fürsorge, für so viel abgenommene Verantwortung. Hustend steht er im kalten Wind auf dem Bürgersteig vor der Kneipe, denkt über die Erderwärmung nach und ist glücklich, dass ihm hier, in seinem kleinen Paradies, kein Radfahrer in die Quere kommen kann.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Gagameter auf der Goldwage

Gäbe es so etwas wie einen Gagameter, hier würde er ausschlagen wie ein junger Hengst auf der Wiese. Es geht um das Gold der Bundesbank, das bekanntlich zu einem Gutteil in New York deportiert ist, und nun - nach wachsenden Zweifeln daran, ob es überhaupt existiert und wenn ja, nicht in Wirklichkeit nur aus Blei besteht - heim ins Reich geholt werden soll, um hier beim Euro-Rettungseinsatz zu helfen.

Die große Sorge der Medienschaffenden in der Heimat ist nun der Transport. „700 Tonnen Gold müssen über den Atlantik“ (FR), aber wie macht man das? Muss nicht jedes Schiff sinken? Unter diesem Gewicht? Stürzen Flugzeuge nicht vom Himmel? Wird nicht jeder Kapitän, der den Schatz an Bord nimmt, sofort Zielscheibe somalischer Piraten? „1966 brachte Frankreich sein Gold aus New York per U-Boot nach Hause“, hat die Frankfurter Rundschau im Archiv recherchiert. Vielleicht eine Option für die Bundesbank? Die wolle bisher nicht verraten, wie das schwergewichtige Sparvermögen der Deutschen – vom Gewicht entspricht es etwa 350 Hyundai-Neuwagen, es ist nur kleiner - bis 2020 in die Bundesrepublik geschafft werden soll. „Kein Wunder“, schreibt das Blatt, „solche Transporte bergen enorme Sicherheitsrisiken“.

Wirklich wahr! Kriminelle könnten mit einem Überfall auf einen solchen Goldtransport „einen großen Coup landen“ – der Goldvorrat ist ganze 28 Milliarden wert, nur ein „großer Schlag gegen die wilden Gold-Mythen“ (Die Welt) zählt noch mehr.

Deshalb auch nicht einfach, wenn es kompliziert und teuer geht. Natürlich könnte die Bundesbank, wenn sie sich denn schon sieben Jahre Zeit für die Rückhol-Aktion gibt, das Gold so nach Deutschland umlagern, wie sie es in Besitz genommen hat. Denn um eine Rückholung geht es hier nicht, schließlich war dieses Gold zum größten Teil noch nie in Deutschland. In den Besitz der Bundesbank gelangte es als quasi Barausgleich für die überschießenden deutschen Außenhandelsüberschüsse in den 50er Jahren.

Warum es nicht genau so von New York nach Frankfurt bringen? Dazu bräuchte es weder U-Boote noch Flugzeuge, keine Großcontainer und keine Echtheitsprüfungen. Schließlich handelt es sich beim Goldmarkt um einen Weltmarkt im Wortsinne und noch dazu um einen so großen, dass die Bundesbank ihre New Yorker Vorräte einfach verkaufen und gleichzeitig in Deutschland dieselbe Menge erwerben könnte. Kein Schiff wäre nötig, kein Flugzeug und kein U-Boot, sondern nur ein Mann mit Rechner und Internetzugang.

Angst davor, sich selbst den Preis kaputt zu machen, müsste die Bundesbank auch nicht haben. Die paar hundert Tonnen, die die Deutschen über sieben Jahre  gestreckt loschlagen und wiederaufkaufen müssten, fallen global gesehen überhaupt nicht ins Gewicht: Täglich werden weltweit mehr als 600 Tonnen Gold gehandelt – aus Deutschland käme in Übersee ein zusätzliches Angebot von knapp einer halben Tonne pro Tag, in Europa eine zusätzliche Nachfrage in selber Höhe.

Unwahrscheinliches Unwort

Kaum ist das "Wort des Jahres" - zur Erinnerung für alle mit glücklicherweise ungesundem Kurzzeitgedächtnis: "Rettungsroutine" - mit riesigem Bohei und ohne sachliche Begründung (denn Worte des Jahres zeichnen sich vornehmlich dadurch aus, zwar "vernehmbare Spuren ... in den Notizbüchern der Sprachwächter, nicht aber im wahren Leben hinterlassen" zu haben), kaum ist also dieses Wort verkündet worden, tritt ein neuer Anbieter mit einem neuen Angebot auf. Das "Unwort des Jahres" gilt es zu verkünden, wobei die Unterscheidung zwischen dem einen und dem anderen für einen Normalbürger so schwierig ist wie die zwischen Pleonasmus und Tautologie. Nur lassen sich die beiden Begriffe aus der Sprachwissenschaft bei genauerem Hinsehen explizit differenzieren, während Wort und Unwort des Jahres in ihrer Intention oft kaum zu unterscheiden sind. Das "Unwort des Jahres" kommt etwas kritischer (denn es möchte "das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern") daher, während sich das Projekt "Wort des Jahres" (Es wählt "Wörter und Ausdrücke, die die öffentliche Diskussion des betreffenden Jahres besonders bestimmt haben, die für wichtige Themen stehen oder sonst als charakteristisch erscheinen.") neutral gibt. In der Realität blöken unterforderte Akademiker sachlich unbegründeten Dummfug Richtung Medien, die diese Dumm-Dumm-Geschosse nur zu gerne wieder und wieder und wieder abfeuern.

Jetzt ist also gerade das "Unwort des Jahres" dran, das als "Opfer-Abo" nur zu genau "den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch" richtet, um damit zu "alltäglicher sprachkritischer Reflexion aufzufordern".

An diesem Statement stimmt nichts - vor allem nicht die Annahme, es gebe (oder habe gegeben): eine Verwendung des Doppel-Unworts "Opfer-Abo "im öffentlichen Sprachgebrauch". Wie die Opfer-Suchmaschine Google deutlich macht, wurde das "Unwort des Jahres" im WWW vor Bekanntgabe des Siegers nie erwähnt, während der Index just mit Herausgabe der entsprechenden Pressemitteilung von 0 auf 100 sprang. Was wiederum - wir proletarischen Akademiker sind unter uns - gut als self-fulfilling prophecy durchgehen kann.

Mittwoch, 16. Januar 2013

Am Ende der Nachrichtennahrungsschlange

Selten genug kommen Feinschmecker in deutschen Medien auf ihre Kosten, kaum jemals dürfen Detailconnoisseure bei der Lektüre von Qualitätsschriften wie „Zeit“; „FR“ oder „SZ“ mit der Zunge schnalzen. Zu laut das alles, zu sehr mit dem Holzhammer gemeißelt, ein Gebrülle, Aufeinandereinschlagen und Denunzieren: „Du Schleicher“ und „Du Nazi“, „Du geistiger Brandstifter“ und „Du Neoliberaler“, „Du Hetzer“ und „Du Antisemit“. Im Kampf um die begrenzte Aufmerksamkeit des längst müde gerittenen Publikums nehmen sich selbst die großen Edelfedern nur selten die Zeit, auf die kleinen Finessen zu achten und die winzigen Molekülverschiebungen in der öffentlichen Debatte zu würdigen.

Da muss dann das Bildblog her, das zwei Wochen nach der erstaunlichen Medienkarriere der großen Antisemitenliste des Simon Wiesenthal Centers (PDF) endlich einen Übersetzer gefunden hat, der die Überschrift der "2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs" ins Deutsche transkribiert hat. Und nun also Details: Es handele sich laut Übersetzung dabei um die „Top Ten der anti-semitischen bzw. anti-israelischen Verunglimpfungen im Jahr 2012“. Also keineswegs um eine Antisemitenliste, zu der sie die gesamte deutsche Qualitätspresse im Chor ausgerufen hatte.

Aufklärung, die Not tut, denn im Grunde habe Jakob Augstein somit nie auf der Liste der zehn übelsten Antisemiten gestanden, sondern nur einige der schlimmsten antisemitischen Äußerungen zugeliefert. „Das bedeute aber nicht automatisch, dass Augstein ein Antisemit sei“, zitiert Bildblog den "Spiegel", der wiederum den „für die Liste mitverantwortliche Rabbiner Abraham Cooper im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa“ zitiert.

Selten war eine Petitesse am Ende einer langen, erfolgreichen Kampagne so fein ziseliert und wohlabgewogen wie diese, die durch die aufschwellende Mali-Krise im Herzen Europas leider nicht mehr das Medienecho der ersten echt empörten Tage der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über das Thema „Wer ist Antisemit“ erreicht.

Denn hier, ganz am Ende der Nachrichtennahrungsschlange, wird es ja erst spannend! Wird hier doch der Unterschied zwischen denen herausgearbeitet, die Antisemit sind, und denen, die sich nur antisemitisch äußern. Letztere, das zeigt das Beispiel Augstein, müssen nicht Erstere sein, sie können es auch nur anders gemeint haben oder falsch verstanden worden sein oder im Zuge einer kurzzeitigen Gesinnungsverwirrung falsche Ansichten vertreten haben.

Alles ist offen, aber selbstverständlich auch andersherum. Wenn die, die sich antisemitisch äußern, keine Antisemiten sind, dann deutet das natürlich darauf hin, dass, wer sich nicht antisemitisch äußert, nicht zwingend kein Antisemit ist. Vielleicht tarnt er sich durch sein Verschweigen nur? Vielleicht weiß er selbst noch nichts von seiner fragwürdigen Haltung? Im Fall von Jakob Augstein war es ja nach Forschungsergebnissen des Wiesenthal-Centers anfangs ja ebenso: Es könne sein, dass Augstein sich gar nicht bewusst sei, dass er Antisemit sei, hieß es da halb warnend, halb entschuldigend.

Antisemitismus jedenfalls ist die große Mode der Saison. Jeder will Antisemit sein oder wenigstens einen Antisemiten outen. Das ist inzwischen zum Glück einfacher denn je, denn was sich beim Kolumnisten irgendwann mit Macht den Weg nach außen bahnte, bleibt bei vielen Menschen ein Leben lang in Kopf und Herz verschlossen. Dieser unausgesprochene, sich selbst nie eingestandene und dadurch erst extrem gefährlicher Antisemitismus lässt sich nach dem heutigen Stand der Technik nur daran erkennen, dass die Befallenen keinerlei Symptome zeigen. Ein Blick aus dem Fenster wird da zum Blick in den Abgrund.

Blut für Erdnüsse

"Paris sieht Sicherheitsrat hinter sich", meldet die staatliche deutsche Nachrichtenagentur dpa - und das muss auch reichen, denn mehr als die optimistische Sicht darauf, wer im großen Krieg um Erdnuss-Land wo steht, hat Francois Hollande nicht. Aber das reicht auch: Großbritannien, immer bei den Willigen, hat gleich Transportkapazitäten zur Verfügung gestellt. Auch Deutschland, in früheren Krisen gegen echte Despoten noch Teil des alten Europa, das lieber an den runden Tisch wollte als eine Runde aufeinander zu schießen, möchte dabei sein, bei der Mali-Intervention, die die Südflanke der EU schützen soll. "Verbündete lässt man nicht im Stich", heißt es in Berlin.

Auf deren Ziele und Absichten, auf gesetzliche Grundlagen und das Völkerrecht kommt es schon lange nicht mehr an. Die von Tuareg-Schergen aus den Brutkästen gezerrten Babies sind noch nicht gefunden, die Rolle der vergewaltigten Krankenschwestern und enthaupteten Schulkinder muss vorerst ein erschossener französischer Geheimagent spielen, dessen Bild von Tuaregs auf Twitter präsentiert wird. "Höhnisch" natürlich, wie der "Spiegel" ganz wertfrei berichtet.

Wir sind im Krieg, und das ist gut so. "Die Partner im Sicherheitsrat hätten anerkannt, dass Frankreich in Übereinstimmung mit internationalem Recht und der UN-Charta handelt", habe der französische UN-Botschafter Gérard Araud erzählt, schreibt dpa. Für Paris habe es "Priorität, die Sicherheitsratsresolution 2085 vom Dezember umzusetzen". Eine Resolution, die dummerweise keinen französischen Feldeinsatz vorsieht, sondern allein eine Stationierung von Truppen afrikanischer Staaten. Für den Fall, dass Ver­hand­lun­gen mit den Sepa­ra­tis­ten im Norden scheitern. Verhandlungen, die nicht einmal angefangen hatten, als die ersten französischen Soldaten in Mali landeten.

Macht ja nichts, merkt ja keiner. Da, wo beim Irakkrieg noch eine Friedensbewegung war, die in George W. Bush das personifizierte Böse erkannte, klafft heute ein Loch voll andächtigem Schweigen. Gernot Erler von der SPD, in seinen guten Tagen ein vielbeschäftigter Schwarzmaler, der den gesamten Nahen Osten brennen sah, ist abgetaucht. Jürgen Todenhöfer, dem immer schon schwante, dass stets die Kinder am meisten leiden, war noch in keiner Talkshow. Selbst Oskar Lafontaine predigt in diesen Tagen lieber den Mindestlohn, als gegen den Krieg zu wettern.

"Anlass für die Intervention war der Versuch der Islamisten, weiter nach Süden vorzustoßen", erläutert die halbstaatliche Nachrichtenagentur dapd eine imaginäre Rechtslage, wo es sicher richtiger heißen müsste die Zahl der Arbeitslosen in Frankreich liegt seit Dezember fast auf einem 15-Jahres-Hoch, Francois Hollande weiß nicht mehr weiter, also hat er Larry Beinhart gelesen und zum Telefon gegriffen.

Ohh, wie schön ist so ein Konflikt, fernab der Heimat und so telegen. Keiner denkt mehr an die Euro-Grippe, niemand schimpft über Rettungspakete und Target-II-Salden. Das Wort Griechenland ist im Orkus verschwunden, Spanien hat gar keine Krise mehr. Je weiter weg, desto kampfeslustiger sind die Beteiligten: Nur Mau­re­ta­nien und Alge­rien  bestehen noch auf Ver­hand­lun­gen, weil sie fürch­ten, dass der Libyen-Effekt sich immer weiter ausbreitet. Nach dem Sturz von Gaddafi durch Nato-Bomber waren dessen Tuareg-Söldner nach Hause gegangen und hatten den Kampf gegen die Regierung in Mali aufgenommen. Vertreiben die französischen Bomber die Tuareg nun aus Mali, könnten sie im Niger, in Marokko oder in Mauretanien weitermachen.

In Europa und Amerika dagegen wehen die Fahnen und der Verstand ist in der Trompete. Al-Kaida im Maghreb wolle Mali zu einer Basis machen, von der aus die Terrororganisation "Angriffe gegen westliche Staaten führen könnte", glaubt US-Verteidigungsminister Leon Panetta. Mali eignet sich dazu ausgezeichnet, denn das Land hat keinen Meerzugang.

Nagelprobe in der Sahelzone

Dienstag, 15. Januar 2013

Platzecks Visionen: Fliegende Flughäfen

Mit einem kurzen, knappen Satz hat Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck den erneuten Totalumbau des künftigen Großflughafens Berlin-Brandenburg International angekündigt - und einen völligen Neuzuschnitt der Bauplanung in Aussicht gestellt. "Das Ding fliegt, oder ich fliege“, sagte der ehemalige Beinahe-Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie in der Talkshow von Günther Jauch - ein auf den ersten Blick rätselhaftes Vorhaben, das bislang weltweit kein einziger Flughafen fliegen kann.

Doch während Kommenatoren deutschlandweit eine verklausulierte Rücktrittsankündigung aus Platzecks Worten heraushören wollten, erkannten Experten sofort die wirkliche, die gigantische Größe der Planes, der hinter den öffentlich geäußerten Gedanken des SPD-Politikers steckt. Offenbar hält sich Platzeck nach den zahlreichen Pleiten beim ursprünglich ganz herkömmlich geplanten Ausbau des Flughafens Schönefeld genau an Pläne, die der bis heute von Eingeweihten kultisch verehrte ostdeutsche Luftfahrtplaner Winfried Helmer bereits vor Jahren vorgelegt hatte. Danach sollen der Flughafen der Zukunft generell nicht mehr auf der Erde fest verankert sein, sondern sich auf 1000 Metern Höhe fliegend in der Luft befinden. Helmer verweist auf die ökologischen Vorteile: "Alle startenden Flugzeuge brauchen nur vom Rand fahren und gewinnen unterwegs genug Geschwindigkeit, um ohne Motor zu fliegen".

Zu den Mehrkosten, die die flugmäßige Ertüchtigung des zu Teilen bereits fertiggestellten Flughafengeländes in Berlin verursachen würde, wurden weder bei Jauch noch auf Nachfrage in Potsdam Angaben gemacht. Das Versprechen des Ministerpräsidenten stehe: "Das Ding fliegt, oder ich fliege“.

Hollande in Not: Massenproteste gegen Mali-Krieg


Ein Volk steht auf, ein Sturm bricht los! Während Europas Politik einhellig eine Verstärkung des europäischen Engagements gegen die Tuareg-Truppen in Mali fordert, treibt die Hollande-Politik wenige Tage nach Beginn des Mali-Krieges Hunderttausende auf die Straßen vieler europäischer Metropolen. Sie fordern Frieden für Mali und ein Ende des Einsatzes von europäischen Soldaten in einem afrikanischen Krieg. Europa müsse seinen Friedensnobelpreis auch auf dem Felde verteidigen, heißt es auf den Seiten des stets globalisierungskritischen Netzwerk Attac.

In London demonstrierten Tausende gegen die Politik der Regierungen Hollande und Merkel. Nach Angaben der Polizei beteiligten sich 25.000 Menschen an Protestzügen, die Organisatoren sprachen von 100.000 Teilnehmern. Auf Transparenten wurde Frankreichs Präsident Francois Hollande als "Weltweiter Terrorist Nr.1" bezeichnet.

Zwei Mitglieder der Umweltschutz-Organisation Greenpeace kletterten in Berlin auf den Fernsehturm. Mit ihrer Aktion wollten sie gegen den verbrecherischen Mali-Krieg demonstrieren, hieß es. Die Kletterer entfalteten ein Transparent mit der Aufschrift "Zeit für die Wahrheit". Die Polizei zeigte sich machtlos, Beamte weigerten sich, hinterherzuklettern.

Auch in Asien wurde Protest gegen den kriegerischen "Freundschaftsdienst" (Der Spiegel) laut. "Lasst Hollande fallen statt Bomben" und "Kein Blut für Erdnüsse" war auf den Plakaten der Demonstranten zu lesen. Proteste unter dem Motto "Frieden für Mali, Frieden für die Welt" gab es auch in Australien, Polen, Italien und den USA. Die Regierungen dieser Länder hatten sich geweigert, die "Operation Serval" im Sicherheitsrat der Uno zu kritisieren. Mali ist eine ehemalige französische Kolonie, seit einem Putsch vor einem Jahr verfügt das Land nicht mehr über eine demokratisch gewählte Regierung.

In Berlin und in anderen deutschen Städten protestierten ebenfalls Tausende Kriegsgegner für Frieden und ein Ende der Besatzung von Mali. Sie führten Spruchbänder mit, auf denen Gespräche mit gemäßigten Rebellen gefordert wurden. "Binnen der nächsten 24 Stunden werden weltweit Millionen Menschen ihre Regierungen aufrufen, keinen Krieg zu führen, sondern den Menschen Frieden zu bringen", kündigte eine Sprecherin der außerparlamentarischen Linken optimistisch an. Die deutsche Friedensbewegung machte ihrem Zorn engagiert Luft.

Es dürfe keinen Kriegshafen auf der Insel Jeju geben, keine deutschen Rüstungslieferungen nach Indonesien, keine Judaisierung der Negev-Wüste und keine deutschen Panzer für Saudi-Arabien, hieß es in zahlreichen Wortmeldungen.

Bei domradio.de teilte Friedensminister Thomas De Maizière inzwischen mit, dass "die Bundeswehr Teil der Friedensbewegung" sei. Auch die meisten deutschen medien zählen dazu - so etwa die Frankfurter Rundschau, die Hollandes Entwicklung "Vom Zauderer zum Feldherrn"begeistert feier, und der Nachrichtensender n-tv, der gleich neun klasse Gründe gefunden hat, warum das in der UN-Charta festgeschriebene Interventionsverbot nicht mehr gilt, wenn es nicht mehr passt.

FDP und CDU begrüßten den Einsatz französischer Truppen gegen Andersdenkende und Andersgläubige. Obgleich große Sorge herrsche, welchen Einfluss der Ausflug des EU-Partners ins seine koloniale Vergangenheit auf die Landtagswahl in Niedersachsen am kommenden Wochenende habe, stehe Deutschland treu zur Koalition der Willigen. Die SPD sieht das ähnlich, Arbeiterführer forderten, dass Deutschland seinen Waffenbrüdern aus Frankreich schnell zu Hilfe eilen müsse, um nicht wieder wie beim Libyen-Krieg ganz außen vor zu stehen.

Es dürfe keinen deutschen Sonderweg zum Frieden geben. Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold betonte, dass auch und gerade in Mali „europäische Sicherheitsinteressen bedroht“ seien. Die Bundesregierung hatte bereits erkennen lassen, dass sie bereit ist, deutsche Soldaten nach Mali zu entsenden. Dies solle aber erst nach Schließung der Wahllokale in Niedersachsen erfolgen. Deutschlands Sicherheit werde nicht nur am Hindukusch, sondern auch in Timbuktu verteidigt, hieß es im politischen Berlin. Auch Mali berühre vitale Interessen der EU, neben Baumwolle importiere Europa auch Erdnüsse aus dem Land. Als Legende für die Befreiungsmission werde ein Weiterbildungseminar dienen. Außenminister Guido Westerwelle wies auf die geografische Lage hin: "Mali liegt vor unserer europäischen Haustür", ähnlich wie etwa Puerto Rico und Karachi.

Frankreich sieht seinen ihm von Gott gebenenen Einfluss in der Sahelzone, drei Flugstunden südlich von Europa, schon lange in Gefahr. Mit Recht, wie Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin bestätigt. Der kommende Außen-, Innen- oder Finanzminister begrüßt den französischen Militäreinsatz in Mali. "Frankreich hat zu Recht einen weiteren Vorstoß der Islamisten in den Süden gestoppt", sagte Trittin, der in seiner aktiven Zeit als Minister noch selbst an der Umsetzung des serbischen Hufeisenplanes in deutsches Regierungshandeln beteiligt war. Der Befreiungskampf der Tuareg sei weder mit dem Grünen-Vorstand noch mit Brüssel abgestimmt. Der antikoloniale Befreiungskampf habe seine Zeit gehabt, nun aber müsse Ruhe einkehren.

Der Tag, als die Friedensbewegung starb
Die Anmerkung zu Trittin

Montag, 14. Januar 2013

Singen gegen neoliberale Barbarei


Solidarität muss praktisch werden, das hat ein Gedenkgipfel für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Wochenende in der Berliner Volksbühne festgelegt. Bei der Veranstaltung sorgte eine Mischung aus Musik und Reden für kämpferische Stimmung.

International besetzt war nicht nur die Bühne, auch im Publikum mischten sich Jung und Alt; Spanisch, Griechisch und Wiener Schmäh waren in Unterhaltungen an den Bars in der Volksbühne und vor dem Theaterhaus zu hören, wie eine emotional packende Reportage des "Neuen Deutschland" belegt. "Einige mussten draußen bleiben, so groß war der Andrang beim diesjährigen politischen Jahresauftakt der Partei der Europäischen Linken (EL) und der deutschen Linkspartei", wie Katja Herzberg im "ND" berichtet.

Nachdem der antirassistische Liedermacher Heinz Ratz mit seiner Band "Strom + Wasser" gesungen hatte, klärte Oskar Lafontaine die Anwesenden auf: "Die Internationale ist angesagt, wenn es darum geht, die Probleme der Welt zu lösen", verriet der linke Stargast. Auch die deutsche Linke könne wegen der Verweigerung der SPD nicht allein Weltfrieden herstellen, die Armut beseitigen, den klimawandel stoppen, die Energiewend beenden und Europa demokratisieren.

"Hoch die internationale Solidarität", rief das Publikum im Anschluss an die Worte des SYRIZA-Vorsitzenden Alexis Tsipras, der von der dramatischen Situation in Griechenland berichtet hatte, das Opfer "neoliberaler Barbarei in Europa" geworden sei. Tsipras sprach sich für eine demokratische und soziale Neugründung Europas aus. "Wir haben gemeinsame Feinde und am Ende werden wir siegen", zeigte sich Tsipras überzeugt.

Maite Mola von der Kommunistischen Partei Spaniens forderte, nicht nur von einer anderen Politik zu reden: "Wir müssen eine andere Politik praktizieren". Streiks und Protesten seien die beste Möglichkeit, eine "echte Demokratie" nach dem Vorbild der früheren Volksdemokratien aufzubauen. Die hätten keine Schuldenkrisen gekannt, auch die Bankenmacht sei dort beschränkt gewesen.

Ganz praktische Solidarität zeigten die Spitzen der Linken mit der Übergabe eines Spendenschecks an Tsipras. Das Geld stamme, so hieß es auf den Fluren der Volksbühne, aus dem Vermögen der DDR-Handelsgesellschaft Novum, mit der die Wiener Kommerzialrätin Steindling der SED geholfen hatte, hunderte Millionen im Ausland zu verstecken.

Während Katja Kipping darauf nicht einging, appellierte der in der Partei weitgehend unbekannte Bernd Riexinger an die deutschen Gewerkschaften, Solidarität mit den Beschäftigten in den Krisenländern zu zeigen. Von kapitalistischen Großkonzernen finanzierte Luxusflüge dürften nicht nur IG Metall-Funktionären zugute kommen. Dass aus den Protest-Bündnissen hierzulande keine Massenbewegung geworden sei, "liegt sicher auch an der Rolle der Gewerkschaften", sagte der gelernte Banker, der über einen Geschäftsführerposten bei der Gewerkschaft ver.di ins Revolutionsgeschäft gerutscht war.

Die Teilnehmer der Großveranstaltung erhoben sich von ihren Plätzen und spendeten stürmischen, lang anhaltenden Beifall.

Hurra, es ist ein Dschungel!

In einem Land, in dem eine Partei "Piraten" heißt, kann Kakerlakenessen natürlich auf Zuschauermassen hoffen. "Im australischen Dschungel bescherten Helmut Berger und Olivia Jones RTL traumhafte Quoten", vermerkt die Illustrierte "Stern" zum "erfolgreichen Staffelstart von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!"' und das Nachrichtenmagazin "Spiegel" zitiert dieselbe Pressemitteilung des Dschungelsenders: "7,77 Millionen schalten sich in den Dschungel".

Das sind mehr als zehn Prozent der erwachsenen Deutschen - ein Ergebnis, das etwa der Anzahl der Erststimmen entspricht, die Grüne und Linke bei der letzten Bundestagswahl auf sich vereinigen konnten. Damals wurde Angela Merkel erneut Dschungelkönigin, damals öffnete sich das Startfenster zur endgültigen Eurorettung. Im RTL-Dschungelcamp zeigte seinerzeit ein inzwischen wieder vergessener "DJ Tomek" einem aus Fingernagelfeen und gepiercten Jungprekariern bestehenden Publikum den Hitlergruß. Ein Mann namens Bata Illic wurde Dritter.

Äonen her scheint es, denn mittlerweile ist der Dschungelgedanke bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen, wo Reporter der FR, die sich immer nach der Mitte der Gessellschaft gesehnt haben, bereits mit gezückten Stift warten. Das Konzept ist das alte, der Schoß aber ist fruchtbar noch und furchtbarer denn je. In Zeiten der Krise übernimmt das schmierige Spektakel die Funktion, die die Gladiatorenkämpfe im alten Rom hatten. Von großen Qualitätsmedienhäusern und einer Armee von Twitterern unter #ibes aufgehypte Kleindarsteller imitieren waffenlos die Gefechte in Vespasians Colosseum. Das Volk hebt oder senkt den Daumen per Telefon.

Die Heldenfiguren des von allen Qualitätsmedien mit zeitnaher Frontberichterstattung bedachten Theaterstücks zeigen dabei ein Spiegelbild einer Gesellschaft, der der Lebenszweck verlorengegangen ist. Nie geht es mehr um das "Wie" oder um das "Wohin" und "Wozu", immer nur um das "Wer" und "Wielange". Ein Widerhall aus den Echokammern der echten Welt: Auch Europa ist sich selbst Sinn genug, auch hier fragt niemand nach warum, wozu oder weswegen, auch hier geht es immer nur um "Wielange noch?" und "Wer setzt sich durch?"

Darwin-TV, das Abscheu erzeugt, um zu abzulenken. Dschungel-Moderator Dirk Bach, ein Säulenheiliger des vagabundierenden Schwachsinns, schaffte es auf dieser Basis, aus quellender Leibesfülle und absoluter Schamlosigkeit eine strahlende Karriere zu machen. Als er starb, versank das Land der Dichter und Denker, das Land von Goethe, Beethoven und Herbert Grönemeyer, das Land von Tiefsinn und Romantik in tosende Trauer.

"Was soll das?" (Grönemeyer) fragt niemand mehr. Das Dschungelcamp, das der dicke Mann neben einer überschlanken Igelitt-Blondine regierte, ist das Sammellager der deutschen Langeweile, eine Ausflugziel für Eurokrisenflüchtlinge, für enttäuschte SPD-Wähler, für frustrierte Liberale, agnostische CDU-Anhänger, HTML5-Piraten und genervte DSDS-Aussteiger. Hier spielt das Leben nach einer traurigen Grundmelodie Komödie, hier entfällt selbst die bei Bundestagsdebatten, Bundesligaübertragungen und der "Tagesschau" bis heute unerlässliche Behauptung, es gehe bei alldem um irgendetwas.

Tut es nicht.

Sonntag, 13. Januar 2013

Kacheln im Kampfeinsatz

Die Fliese wird zur materiellen Gewalt, wenn sie von den Massen ergriffen wird, um als Waffe zu dienen gegen ein unmenschliches System, das Asylsuchenden erst viele Freunde zubilligt, wenn sie sich in einer Gefängniszelle direkt an der Straße der Gewalt selbst angezündet haben. Oury Jalloh, ein aus Sierra Leone nach Deutschland geflüchteter junger oder – nach anderen Quellen – nicht mehr ganz so junger Mann, hatte im Kummersuff über seine schlechte Lebenssituation in Deutschland nur ein paar Ein-Euro-Jobberinnen angepöbelt, als ihn die Polizei mit auf die Wache nahm, um seine Personalien festzustellen.

Jalloh aber, erst kurz zuvor wegen Drogenhandels zu einer Haftstrafe verurteilt, wusste, dass er noch gar nicht an der Reihe war mit dem Haftantritt. Er protestierte wild, schimpfte und trat, so dass das menschenverachtende Regime sein wahres Gesicht zeigen musste: Die Beamten schnallten ihn an seiner Liege fest und retteten ihn auch nicht, als er schließlich beschloss, sich aus Protest selbst in Flammen zu setzen.

Seit Oury Jalloh tot ist, hat nun der Kampf um sein Andenken begonnen. Deutschlandweit machen junge Menschen für das Opfer von passiver Polizeigewalt mobil, die sich zu Lebzeiten von Jalloh einen Teufel um den abgelehnten Asylbewerber mit Duldungsstatus scherten. Sie sprengen Gerichtverhandlungen und Gedenkstunden, klagen an und schreiben Mauern voll im ehrenden Gedenken an ihren unbekannten Freund, der in Deutschland ein Kind hatte, um das er sich so liebevoll kümmerte, dass es zur Adoption freigegeben werden konnte.

Keine Kampfform wird ausgelassen, um aus dem vor seinem spektakulären Tod durch gelegentliche Kleinkriminalität aufgefallenen Sierra Leoner ein Symbol für eine bessere Welt zu machen. Auch Fliesen, eine bekannte Demonstrationsform der kulturliebenden Revolutionäre, dürfen neuerdings nicht mehr fehlen: In Düsseldorf haben Aktivisten aus dem anonymen Freundeskreis des Toten jetzt 100 handgemalte Kacheln mit dem einzigen bekannten Foto Jallohs an die Fassaden geklebt, auf dass der teure Tote endlich Gerechtigkeit finde.

Zur Vernissage gab es am Todestag Oury Jallohs „einen Flashmob mit Transparenten mit der Aufschrift, "Oury Jalloh - Das war Mord!!!" in der Düsseldorfer Innenstadt“, wie es im Kampfportal Indymedia heißt. Passend zum Anlass sei dabei auch „mit bengalischen Feuern“ protestiert worden.

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Der Kampf um die Kachelkunst:

Leise flieseln im Schnee
Verehrte Winkel-Fliese
Kanonen auf Kacheln
Antifaschisten im Fliesen-Ferrari