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Dienstag, 11. Dezember 2012

Kontinent in großen Schuhen

Der rote Teppich in Oslo ist ausgerollt. Die Fotografen sind bereit für das große Blitzlichtgewitter. Die Limousine hält an und wer steigt aus? Es ist ein Trio. José Manuel Barroso, Herman Van Rompuy und Martin Schulz. Sie repräsentieren in diesem Moment 502 Millionen Menschen aus 27 Ländern. Für die Welt ist es ein historischer Moment: Drei Männer um die 60 nehmen den Friedensnobelpreis für die EU in Empfang. Europa ist damit der erste Kontinent, der als Friedens-Erdteil ausgezeichnet wurde. Alle drei Politiker waren wegen der neuen europäischen Quotenregelungen zusammen mit ihren Ehefrauen zum Festakt erschienen, sie betraten das Podium jedoch allein. Im Osloer Rathaus brandete dennoch Applaus auf, als das hochrangige Trio aus Brüssel auf die Bühne ging, um den Preis entgegenzunehmen.

Allerdings fiel auf: Weder dauerte der Beifall die 7.41 Minuten, die Angela Merkel bei ihrer Wahl zur Kanzlerkandidatin erhalten hatte, noch konnte er die elf Minuten toppen, die Peer Steinbrück von seinen Genossen bejubelt worden war.

Doch auch so war es ein guter Tag für Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Parlamentspräsident Martin Schulz und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, die 20 Jahre nach Verabschiedung des Hades-Planes die Früchte der Vision ernteten, die Helmut Kohl und eine Handvoll Getreuer damals im Bonner Kanzler-Bungalow entworfen hatten. Der Chef des Nobelkomitees Thorbjørn Jagland dankte den zahlreichen Politikern in seiner Rede für ihr Kommen, das umso höher einzuschätzen sei, als die EU derzeit in einer ernsten Finanzklemme stecke.

Dennoch habe zum Glück keiner der höchsten Würdenträger sein Ticket selbst zahlen müsse, scherzte der fröhlich aufgelegte Norweger. So könne man nun stellvertretend für 500 Millionen Europäer gemeinsam feiern, dass Europa von einem "Kontinent des Kriegs zu einem Kontinent des Friedens geworden ist", in dem Frankreich seine Roma-Flüchtlinge ohne große Bedenken nach Rumänien zurückexpedieren könne. Für diese Errungenschaft müsse man Tag für Tag kämpfen, so Jagland.

In einer bewegenden Rede erinnerte der Norweger, dessen Heimatland immer noch auf eine Bevölkerungsmehrheit wartet, die EU-Mitglied werden möchte, an den Fall der Berliner Mauer, die Auflösung des Ostblocks, die Kriege auf dem Balkan, den Tod des Eisbären Knut und den Klimawandel. Die EU sei stets treibende Kraft gewesen und habe geholfen, "die Bruderschaft und den Frieden zwischen den Nationen" zu fördern, so der Norweger. Der Friedensnobelpreis für die EU sei deshalb "nicht nur gerechtfertigt, sondern auch notwendig", weil die Gemeinschaft ohne den Preis schweren Zeiten entgegengehen könnte.

Jagland forderte die Regierungen der europäischen Krisenländer auf, die Proteste der Bevölkerung ernst zu nehmen. Die sozialen Unruhen seien auch durch Korruption und Steuerflucht ausgelöst worden. "Die Aufgabe der Politik ist es, die Proteste in konkretes politisches Handeln zu verwandeln", belehrte Jagland die drei aufmerksam lauschenden Heiligen aus dem Abendland. Der Weg zu einer Lösung bestehe nicht darin, europäische Institutionen zu zerschlagen, Solidarität müsse stattdessen über die Grenzen hinweg aufrecht erhalten werden. Europa sei nicht perfekt, die Institutionen der EU seien notwendig, um sicher zu stellen, "dass Nationalstaaten und einzelne Menschen sich kontrollieren und mit Bedacht vorgehen", so Jagland. In einem größer gewordenen Europa könne nicht jeder machen, was er wolle.

Im Vorfeld der Verleihung hatte EU-Parlamentspräsident Schulz erklärt, er sehe in der Verleihung des Friedensnobelpreises auch die Mahnung an die EU, "das Große Erbe des 20. Jahrhunderts, nämlich diese Friedens- und Wohlstandsgesellschaft nicht aufs Spiel zu setzen" (Zitat Original-Grammatik „Der Spiegel"), sagte Schulz. Der Friede dürfe nicht als selbstverständlich genommen werden und man dürfe nicht glauben, dass „Rassismus und Hass auf ewig gebannt“ seien. Der Teufel stecke im Detail, man müsse Nägel mit Köpfen machen, die aber schleunigst in trockene Tücher packen. „Es wird keine zusätzlichen Hilfen für Griechenland geben“, hatte Schulz im Vorfeld der Verleihung bekanntgegeben. Es sei nach der erfolgreichen Umsetzung des Hades-Planes „einfach kein Geld mehr da“.

Der Preis für die EU würdige vor allem das Verdienst der EU, Konflikte gemeinschaftlich und friedlich zu überwinden, sagte der ehemalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und erinnerte an die Auslandseinsätze der Bundeswehr, die zum teil seit mehr als einem Jahrzehnt Frieden schaffen mit modernsten Waffen. "Damit wird die Aufmerksamkeit wieder auf das gerichtet, was für viele als Selbstverständlichkeit gilt: Nämlich dass es hier in Europa keinen Krieg gibt, über den berichtet wird."

Der Friedensnobelpreis sei ein Bürgerpreis, auf den 500 Millionen Menschen, darunter auch viele Migranten, die wegen der schlechten Wirtschaftslage in ihren Heimatländern nach Norden gezogen seien oder noch zögen, stolz sein könnten. "Die Bürger sind es, die den europäischen Gedanken tragen, die den Frieden bewahren und sichern, und ihnen gebührt dieser Preis", sagte der FDP-Politiker. Gleichzeitig äußerte er die Erwartung, dass die bekennenden Europäer sehr viel offensiver gegen jene Kräfte diskutieren, die Europa herabsetzten, sich skeptisch äußern, Zweifel sähen oder darauf verweisen, dass die Arbeitslosenrate in Europa heute weitaus höher ist als vor Einführung des Euro. "Alte Fehler dürfen nicht wiederholt werden", warnte Genscher, „wir müssen neue Fehler machenDer Friedensnobelpreis wird seit 1901 jährlich vom norwegischen Nobelkomitee in Oslo vergeben.

Grundlage ist das Testament des Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896), der bestimmt hatte, dass ausgezeichnet wird, wer im zurückliegenden Jahr "am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt hat, für die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Verbreitung von Friedenskongressen". Zwar hatte die EU keinerlei Friedenskongress verbreitet oder vorbereitet und auch die Abschaffung der stehenden Heere kam nach dem Abschied von Karl-Friedrich zu Guttenberg eher langsam voran. Doch sowohl die Beschießung von somalischen Piraten im Rahmen der Mission Atalanta als auch die anstehenden Einsätze im Kongo, Unganda, in Mali und der Türkei zeigten, dass kaum ein anderer Kontinent mehr für den Frieden tue als der europäische.

Nobelpreis zum Anziehen

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Man könnte den Friedensnobelpreis doch gleich an die Welt verleihen und die Farce dann einstellen. Denn wenn, wie weiland bei der Verleihung an den Weltklimarat oder die Atomenergiebehörde, Spesenritter dafür ausgezeichnet werden, dass sie ihre verdammten höchstbezahlten Jobs erledigen, dann ist ja offensichtlich mit Krieg und Frieden und Menschenrechten ansonsten alles Roger auf dem Planeten.

Teja hat gesagt…

In Sachen Farce ist dem nichts hinzuzufügen.

Steht nur noch eine Frage offen: wenn alles so toll ist im Vereinigten Europa, wieso ist Norwegen noch draussen? Klingt wie höhnischer Applaus, die Verleihung des Preises, von den Norwegern.