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| Mario Draghi rettete einst den Euro, doch auf eine Ehrung mit dem Karlspreis musste er warten, bis alle anderen einen hatten. |
Es ist natürlich ein übler Affront, eine gezielte Maßregelung und eine öffentlich Abstrafung sondergleichen. Nur nach außen hin scheint die Verleihung des Karlspreises an den früheren EZB-Chef Mario Draghi eine außergewöhnliche Ehrung für einen der großen Europäer zu sein.
Acht lange und schwere Jahre hat Draghi dem alten Kontinent als Chef der Europäischen Zentralbank gedient. Er war mitten in der Finanzkrise der Retter der Gemeinschaftswährung, als er ohne Rücksprache mit irgendwem verkündete, der Euro werde gerettet, was immer es koste.
Der zweitgrößte politische Führer
Der italienische Wirtschaftsprofessor, Welt- und Goldman-Sachs-Banker, Ministerialer in Italien und Chef der italienischen Staatsbank, stieg zum "zweitgrößten politischen Führer der Welt" auf. Er war es, der den Märkten die Übermacht der Politik verdeutlichte. Er zwang die Spekulanten in die Knie, die den Euro hatten zerstören wollen. Er tat es mit fremdem Geld, aber in bester Absicht. Die Erwartungen im Vorfeld waren hoch gewesen. Doch der EZB-Präsident toppte sie, als er versicherte: Glauben Sie mir, es wird reichen.
Gedankt aber hat es im Europa nie. Statt EU-Kommissionspräsident zu werden, ein Posten, der ihm gut gestanden hätte, wurde Draghi nach Hause zurückgeschickt, um in Italien eine Nationale Rettungskoalition zu leiten, die die Rechtsextremen von der Macht fernhalten sollte. Es gelang ihm nur vorübergehend. Der "Retter des Euro" musste nach nur einem Jahr aufgeben und seinen Hut nehmen. Mit gerade mal 75 Jahren sah sich der stets engagierte Römer auf die Ersatzbank verbannt, aussortiert und abgeschoben.
Die höchste europäische Ehrung
Dass er jetzt doch in den Genuss kommt, mit dem Karlspreis die - inoffiziell - höchste europäische Auszeichnung in Empfang nehmen zu dürfen, ist keine Wiedergutmachung des Unrechts, das Mario Draghi angetan wurde. Ganz im Gegenteil: Der mittlerweile 78-Jährige soll, am traditionellen Himmelfahrtstermin, vorgeführt und blamiert werden.
Draghi, der schon für die EU tätig war, als Ursula von der Leyen sich noch Hoffnungen machte, eines Tages deutsche Bundeskanzlerin zu werden, erhält die Auszeichnung ein Jahr nach der zehn Jahre jüngeren Deutschen. Und er erhält sie nicht für seine lebenslange Kärrnerarbeit im Dienst der Gemeinschaft der 27 Völker. Sondern um ihn daran zu erinnern, dass jede Diskussion um seinen berühmt-berüchtigten "Draghi-Bericht" aus dem Jahr 2024 mit der Konferenz "Der Draghi-Bericht: ein Jahr später" im vergangene Dezember offiziell für beendet erklärt worden ist.
Die Fortschritte der Kommission
Die Zusammenkunft damals, eingeleitet mit einer fundamentalen Rede, in der Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen über die Fortschritte der Kommission bei der Umsetzung der Empfehlungen für mehr europäische Wettbewerbsfähigkeit sprach, ist als einer der großen Europa-Momente in die Geschichte eingegangen.
Von der Leyen, gerade erst in ihre zweite Amtszeit gewählt berufen, lobte Draghis Arbeit ausdrücklich. Der greise Italiener habe in seiner Untersuchung "die Stärken Europas zum Vorschein gebracht, ebenso aber die Mängel und wie wir sie angehen könnten". Sie, die Führerin des freien Europa, nehme das "einen Fahrplan zum Handeln".
Die Grabplatte für den Draghi-Bericht
So klingt eine Grabplatte, wenn sie sich in Brüssel über einem Toten senkt. Nie wieder hat Ursula von der Leyen den Draghi-Report seitdem erwähnt. Keines der Probleme, die der treue Europäer vorfand, den sie selbst mit einer grundlegenden Untersuchung der Zustände im lahmenden, ratlosen Europa betraut hatte, wurde gelöst oder auch nur angegangen.
Der gewieften Taktikerin war es damit einmal mehr gelungen, ihren Kritikern vorausschauend den Wind aus den Segeln zu nehmen: Sie selbst hatte Draghi den Auftrag erteilt, einen Bericht zum beklagenswerten Zustand der Wettbewerbsfähigkeit der EU zu erstellen. Sie selbst war es, die die diagnostizierte planwirtschaftliche Überregulierung, die unbeweglichen Entscheidungsprozesse und den Verfall der Wettbewerbsfähigkeit nun anklagend vorzeigen konnte.
Sie selbst würde, daran ließ von der Leyen keinen Zweifel, eines Tages für Abhilfe sorgen - wie immer mit einem ganz großen Plan, für den Europa Milliarden ausgeben würde.
Die späte Ehrung des Euroretters
Mario Draghi, der Mann, dem sie zu verdanken hat, dass Kritik von außen verpufft, weil sie innen schon längst formuliert wurde, kommt nun aus zweierlei gründen in den Genuss des Karlspreises, den sich Ursula von der Leyen im vergangenen Jahr noch schnell selbst verleihen ließ.
Einerseits sendet Europa mit der späten Ehrung ein klares Zeichen, dass der Euroretter weit weniger Verdienste um Europa gesammelt hat als der frühere deutsche Gottkanzler Martin Schulz, Frankreichs scheidender Präsident Emmanuel Macron, Uno-Chef António Guterres und der inzwischen abgetretene rumänische Präsident Klaus Johannis. Andererseits verpflichtet die hohe Ehre Draghi auch weiterhin, damit zufrieden zu sein, einen Bericht geschrieben zu haben, statt zu fordern, dass daraus Konsequenzen gezogen werden müssten.
Das Spiel über die Brüsseler Bande
So geht das Spiel über die Brüsseler Bande: Mit einem Preis, der schon länger als ein halbes Jahrhundert ausschließlich an Angehörige der eingeschworenen EU-Elite vergeben wird, erfährt Mario Draghi eine Ehre, die ihn verpflichtet, kein Wort der Kritik zu äußern. Natürlich sieht auch der greise Italiener, dass die EU keinerlei Anstalten macht, die von ihm angemahnten Schritte hin zu mehr für Innovationen und mehr Investitionen zu gehen.
Natürlich müsste er, nähme er seinen Auftrag ernst, zwei Jahre nach seiner Eingangsdiagnose fragen, was all die hochfliegenden Pläne und Ziele, die Sonderschulden und Wiederaufbauprogramme eigentlich gebracht haben.
Doch Mario Draghi ist Europäer. Er weiß, wann er zu sprechen hat. Und wann zu schweigen. Nie seit der Vorstellung seines Berichtes hat der EU-Altinternationale sich noch einmal zur Frage geäußert, "wie die EU ihre Wirtschaft wettbewerbsfähig halten kann".
Draghi selbst weiß am besten, dass da nichts mehr zu halten ist. Obschon von Haus aus Banker, steckt in ihm seit jeher ein Diplomat: "Sorge bereiten ihm die USA und China", hatte er damals, 2024, geäußert. Eine geradezu geniale Formulierung, denn sie beschrieb, dass es in den genannten beiden Wirtschaftsräumen deutlich besser läuft als in EU-Europa. Ohne dass es so klang.
Ein Lohn für große Rücksichtnahme
Der Lohn für solche Rücksichtnahme ist der Karlspreis, dessen Verleihung unironisch damit begründet wird, dass Draghi "die Persönlichkeit" sei, "der die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Europas anvertraut ist – und der sie wirksam vorantreibt." Statistiken lassen das nicht erkennen. dass ein 78-jähriger Ruheständler etwas diesbezüglich bewirken kann, ist objektiv auch kaum zu erwarten.
In einem Europa, das nur mühsam den Anschein ernsthafter Bemühungen um eine normale Funktionalität aufrechtzuerhalten vermag, binnen von neun Monaten aber nicht einmal ein Zollabkommen unterschrieben bekommt, reicht das. Alle sind glücklich.
Und alle eilen herbei, dem Festakt Glanz zu verleihen. Bundeskanzler Friedrich Merz hält diesmal die Festansprache, in Gegenwart prominenter die Gäste, darunter der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis und die scheidende EZB-Präsidentin Christine Lagarde.
Merz wird Draghi zweifellos als eine Persönlichkeit, die zielgerichtet und mit unerschütterlicher Entschlossenheit Großes für Europa geleistet hat. Zentral wird Draghis großer Satz von 2012 vorkommen. "Whatever it takes", drei Worte, die ein Menschheitsprojekt retteten, dem es allerdings heute kaum besser geht als damals.
Auch ein Grieche ist geladen
Armin Laschet, durch ein Schmunzeln im falschen Moment um die Ehre gebracht, diese Festrede zu halten, ist seit heute Vorsitzender des Direktoriums der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises. Er hat den Griechen Kyriakos Mitsotakis symbolisch nach Aachen laden lassen, um Gräben zuzuschütten. Hatten die Hellenen in jenen Jahren nach dem Auffliegen ihres Milliardenbetruges vor dem Eurobeitritt voller Zorn und Wut auf die EZB geschaut, der sie vorwarfen, nicht genug Solidarität zu üben, droht jetzt, alles gut zu werden.
Mitsotakis wird die Solidarität in höchsten Tönen loben, die Draghi den südeuropäischen Nationen entgegengebracht habe. Er wird Draghi eine Stimme des Gewissens nennen, die Europa immer wieder mahnend daran erinnert habe, dass man ein Volk nicht allein an seinen Schulden messen dürfe. Er wird ihn vielleicht sogar zum Gegenspieler des harten Hundes Wolfgang Schäuble erklären, der als damaliger Finanzminister folgenlos nach enger geschnürten Gürteln rief, jetzt aber tot ist.
Eine Messe im Krönungssaal
Der Vater des Rettungswunders von 2012 hat es damals geschafft, den Schein zu wahren und im prunkvollen Krönungssaal des Aachener Rathauses wird ihm dafür gedankt werden. Sein Satz aus drei goldenen Worten war es, der Europa Zeit genug gekauft hat, in nahezu allen wirtschaftlichen Kennziffern hinter nahezu alle anderen Wirtschaftsräume der Welt zurückzufallen.
Er machte den Erhalt der Gemeinschaftschaftwährung zum Kern der europäischen Identität. Nach ihm war der Euro so teuer geworden, dass eine Rückkehr zu nationalen Währungen noch schlimmere Folgen haben würden als die Entscheidung, dem vielen schlechten Geld für den Euro noch mehr hinterherzuwerfen.
Fragt nicht nach den Folgen
Nicht nach dem Preis zu fragen und nicht nach den Folgen, das ist die einigende Logik, die die Karlspreisverleihung prägt. Die EU, die "im Rahmen des globalen Ziels der nachhaltigen Entwicklung ein Vorbild für den wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Fortschritt in der Welt" hatte werden wollen, heute aber alles vermeiden muss, um an dieses Vorhaben erinnert zu werden, findet zur Draghi-Krönung in der Aachener Fata Morgana zusammen.
Alles ist, wie es ist, auch ohne den von Draghi vergebens vorgeschlagenen "Marshallplan" und ohne die von ihm für unerlässlich gehaltenen "zusätzlichen jährlichen Mindestinvestitionen von 750 bis 800 Milliarden Euro". Statt großem Wurf gibt es einen großen Preis, die Siegerurkunde für Wirklichkeitsverweigerung, ausgeschildert als Ehrung für herausragendes Engagement "für die Rettung der Währung und die Standfestigkeit des europäischen Marktes". Es wird ein Cello-Trio spielen, etwas Klassisches sicherlich, und danach wird Applaus aufbranden, den Mario Draghi sichtlich gerührt genießen wird.


3 Kommentare:
Verhöhnt wird damit in Wirklichkeit ausschließlich der in Europa lebende Mensch, der die Komödie, die auf dieser Bühne gespielt wird, für sein eigenes Leben als wesentlich erachtet (wie etwa so einige der Kommentatoren hier ;)
Letzendlich ist der Karl ja auch nur wegen der heißen Quellen (Gicht ? ) in dieses langweilige Nest (Heine) gekommen - und natürlich, weil ihn in Köln keiner haben wollte. Die hatten dort seit vierhundert Jahren keine Post mehr und kein gutes Quellwasser als der Karl anklopfte, also ganz andere Probleme. Man sollte die Quellen daher mehr ins Zentrum der Zermonie bei der Preisverleihung rücken - einmal untertauchen vielleicht ? - obwohl, gut riechen sollen sie ja auch nicht.
Wie mag wohl der Prompt für dieses Gemälde gelautet haben?
'erstelle ein ganz normales Foto eines ganz normalen Europäers, der des Karlspreises würdig ist'
Das war's vermutlich.
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