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Sonntag, 13. März 2016

Fremde Federn: Im Überlaufbecken

Zeit gegen Geld, Luft gegen Platz, das sei das Kalkül Angela Merkels vor der Grenzöffnung vom 4. September 2015 gewesen, hat Herfried Münkler zur Erklärung des Kanzlerinnen-Kurse in der Flüchtlingspolitik beschrieben. Deutschland habe im vergangenen September die Absicht gehabt, „gemeinsam mit Österreich und Schweden als eine Art 'Überlaufbecken‘ zu dienen, das die Zeit verschaffen sollte, eine europäische Lösung herbeizuführen: faire Verteilung in Europa, bessere Sicherung der europäischen Außengrenzen, Stabilisierung der Peripherie", so der Deuter der gerade im Licht der jüngsten Regierungsentscheidung zum "Ende des Durchwinkens" rätselhaften Merkel-Strategie.

Gunnar Heinsohn, ein Spezialist für junge Männer, hat das Vorgehen nach der alten strategischen Formel Raum gegen Zeit jetzt im European einem Praxistest unterzogen: Konnte der Plan, durch kalkulierten Verfassungsbruch taktische Optionen zur Lösung der Krise im großen zu gewinnen, überhaupt aufgehen?

Heinsohn glaubt es nicht. Am leichtesten könne man das Scheitern einer Politik des Überlaufbeckens natürlich an Merkels eigener Heimat studieren. Die Territorien der DDR hätten zwischen 1949 und 1989 rund 3,8 Millionen Bürger verloren, ab 1990 wandern durch die dann offenen Grenzen weitere zwei Millionen ab. "Obwohl die Lösungen der Probleme vor Ort je nach Berechnung zwischen 1300 und 2000 Milliarden Euro verschlingen, finden von den 5,8 Millionen nur 400.000 wieder nach Hause." Ungeachtet des langen Zeitraums und der Hyper-Summen werde die erhoffte Beseitigung der Auswanderungsgründe in Deutschlands „Peripherie“ zu einem Fiasko, das heute andauert und sich weiter verschärft: „Insgesamt lässt sich die demografische Situation in den neuen Ländern als schlecht bis katastrophal einstufen“.

Wie das zum Verständnis der aktuellen Fluchtbewegungen, deren Dimension und Wucht beitragen kann, schreibt Gunnar Heinsohn hier:

Auch über die Lage im viel größeren Afrika hätten ein paar googlende Schulkinder das Notwendige schnell ermitteln können. Zwischen 1950 und 2015 springt die Bevölkerung im Subsahara-Raum von 180 auf 980 Millionen und soll 2050 bei 2,1 Milliarden stehen. 600 Millionen sind ohne Stromanschluss und können selbst von den überwundenen DDR-Zuständen nur träumen. Die Zahl der absolut Armen (1,90 Dollar pro Tag) wächst allein zwischen 1990 und 2011 von 280 auf 390 Millionen (PovcalNet 2015). Deshalb verwundert nicht, dass bereits 2009 das Gallup-Institut 38 Prozent der Bevölkerung als migrationswillig einschätzt. Das wären heute 390 und 2050 rund 840 Millionen Hilfesuchende.

Wenn nun 100 Millionen Menschen in Deutschland, Österreich und Schweden mit ihrem Durchschnittsalter von 44 Jahren für viele hundert Millionen nicht einmal halb so alte Afrikaner zum Auffangbecken werden sollen, bis es in deren Heimatländern keine Auswanderungsgründe mehr gibt, ist zu bedenken, dass man etwa in Schweden pro Kopf hundertmal so viel exportiert wie im Subsahara-Raum. Haben die Berliner Strategen über die Menge und Leistungskraft der für das Wenden dieser Zustände auszusenden Helfer wirklich nachgedacht? Gewiss wäre das eine Aufgabe für die Zukunft. Doch für die lässt sich leicht ermitteln, wie viele Helfer man tatsächlich über das Mittelmeer schicken könnte. In Gesamt-Europa (mit Russland) gibt es 2015 rund 140 Millionen Menschen unter 18 Jahren. Für 2050 werden sogar nur noch 130 Millionen prognostiziert. Gesamt-Afrika (mit dem arabischen Norden) hat heute 540 und 2050 rund 1000 Millionen Kinder und Jugendliche im selben Alter (Zahlen hier). Die hiesigen Jugendlichen werden nicht einmal ausreichen, um die Alten sowie die zornigen Gleichaltrigen ohne Ausbildung zu versorgen. Wie soll dann noch jeder vier oder acht Afrikaner für eine Hightech-Wirtschaft fit machen?

Am meisten allerdings überrascht, dass die wortmächtigen Moralisten der Berliner Politik keine humanitären Verordnungen für das Durchbrechen der Dublin-Regeln und auch keine Aufnahmeeinrichtungen fertig haben, als die Tore geöffnet werden. Hat man der Kanzlerin verschwiegen, dass seit den 1960er Jahren nach Vertreibung der Europäer über 18 Millionen Subsahara-Afrikaner in Kriegen und Genoziden umkommen und das Sterben täglich weitergeht (Zahlen u.a.hier)? Allein in Merkels Kanzlerschaft gibt es eine Zehnjahresfrist (2005-2015), um die plötzlich herausgestellte Politik der Herzen mit Gesetzen und Strukturen realitätsfest zu machen. Es ist die Erbarmungslosigkeit und das Fehlen jeglicher Vorbereitung bis 2015, die es so schwer machen, die humanitären Begründungen für den 4. September zu glauben.

Was nun hätten die Berater der Berliner Spitze zum arabischen und islamischen Raum mitteilen können? Die nicht endende Überraschung zur großen Zahl junger Männer unter den Kommenden ist nur erklärbar, weil man die Kanzlerin über globale Differenzen beim Kriegsindex im Unklaren gelassen hat. In Deutschland liegt er 2014 bei 0.66. Auf 1000 rentennahe Männer zwischen 55 und 59 Jahren folgen lediglich 660 Jünglinge zwischen 15 und 19 Jahren, die den Lebenskampf aufnehmen. In Pakistan aber sind es nicht 660, sondern 3600, in Syrien 3700, in Jemen 5700, in Gaza 6200 und in Afghanistan 6400, die um nur 1000 Positionen kämpfen müssen. In Schwarzafrika liegen die Spitzen sogar bei 6900 (Uganda) und 7000 (Sambia). Wer in dieser Aussichtslosigkeit nicht töten oder sterben will, schlägt ganz selbstverständlich den Weg des Wirtschaftsflüchtlings ein. Dorthin will jetzt eine halbe und bis 2050 eine ganze Milliarde. Und jeder Bleibende, der es doch mit dem Schießen auf die heimischen Eliten versucht, verwandelt sein Land in ein Kriegsgebiet, in das nach internationalem Recht niemand zurückgeschickt werden darf.

Über ganz lange Fristen hinweg wird sich die arabische (nicht die afrikanische) Situation entspannen, aber hat man zwischen Wien, Berlin und Stockholm genügend Jahrzehnte und Millionen Experten, um die Geflohenen zu versorgen und den Ferngebliebenen moderne Ökonomien hinzustellen? Von 70 auf 380 Millionen Araber geht es seit 1950. 2050 sollen die stolzen Völker zwischen Marokko und Oman fast 650 Millionen umfassen. Nach dem Gallup-Befund von 2009 hätten nur 23 Prozent bzw. 87 Millionen emigrieren wollen. Aber nach einer aktuellen Erhebung wollen 35 Prozent beziehungsweise 133 Millionen weg. Das ist ein Befund, den die Kanzler-Berater im September 2015 nicht kennen können, weil man ihn erst im Dezember 2015 vorlegt (. Er zeigt zugleich – bei 85 Prozent harten Antisemiten – den entsetzlichen Erfolg der arabischen Erziehung zum Judenmord, wozu vor allem Syrien seit 2001 bestens erforscht ist. Jeder hätte auch ohne die Sorgen der jüdischen Gemeinde wissen können, wen er da holt. Man kann nur hoffen, dass dabei lediglich Ignoranz und nichts Untergründiges im Spiel gewesen ist.

Im Ergebnis wirkt die Strategie des Überlaufbeckens wie die hastig nachgeschobene Rechtfertigung eines Handelns, für das es Vorüberlegungen oder gar Planungen in Wahrheit nicht gegeben hat. Man kann die Millionenaufnahme nur dann als gewollten Zeitgewinn für die Lösung der Probleme von Afrika bis Afghanistan hinstellen, wenn man dem die Diagnose einer grenzenlosen geopolitischen Inkompetenz der Berliner Führung hinzufügt.


Kommentare:

derherold hat gesagt…

Münkler ... ich nenne das "Bewähren in der Produktion". Er ist in den letzten Jahren Gegenstand von zivilgesellschaftlicher Studentenkritik geworden. Da wundert es nicht, daß er nun den übereifrigen Lakaien spielt.

Man denke an Thierse. Der erklärte um die Jahrtausendwende, man solle das Thema "rechtsradikal in Ostdeutschland" nicht so hoch hängen, da die PolPot-Anhänger und linksextremen Schläger der 70er und 80er in Westdeutschland auch ganz wunderbar verbeamtet wurden.
Da kam nicht gut an. Seitdem ist Thierse ganz vorne in der Entlarvung des Faschismus.

Anonym hat gesagt…

Sloterdijk bei 3sat ; immer zwischen den Zeilen lesen .

Die de facto nicht benötigte linksliberal antifantistisch anakademisierte Langzeitjugend wird nun doch benötigt - für Merkels Integrationsmaschine . Großmeister Sloterdijk ( und seine Schüler ) haben natürlich bereits vor Jahren begriffen : die Mittelschicht wird sich an diesem Projekt nicht beteiligen - Zeit für Vermeidungsstrategien ( "Integration und negercontainer sind toll ; aber bitte nicht hier ) die Nochmittelschicht lügt sich in dieTasche , macht manchmal mit ; ist dann aber schnell überfordert und setzt auf Privatisierung ( Schutz der eigenen Kinder vor dem Globalismus ) .

freue mich auf die neue deutsche Härte - auch weil die Buntmenschenbetreuung niemand länger als 2 Jahre durchhält - den Dreck wird man den sozi Wählern vor die Füße kippen und gut ist - das ist pädagogisch betrachtet wertvoll .

der Zepp

Gernot hat gesagt…

Das interessiert die Machthabenden doch alles nicht, wenn sie über entwurzelte Massen herrschen können, denen das Wir-Gefühl von Stämmen und Völkern abstammungsbedingt nicht eigen sein kann und denen man die Auswahl zwischen verschiedenen, natürlich von oben generierten Moden als ihre Freiheit verkauft.
Die sozialen Verhältnisse mögen dann noch so schlecht sein, man bringt sich höchstens untereinander um; die da oben ficht das nicht an.
In Südamerika und der Karibik ist das teilweise schon lange Realität.

So wird dann auch der Merkel-Umschwung verständlich. Man muss nur aufhören, zu ignorieren, dass hochrangige Politiker seit Jahren ganz offen erklären, für der Menschheit friedliche Zukunft die Rassen vermischen zu wollen.
Das funktioniert natürlich nicht, wenn plötzlich Millionen einwandern. Steter Tropfen höhlt den Stein, nicht der Schwall.

Volker hat gesagt…

"Die sozialen Verhältnisse mögen dann noch so schlecht sein, man bringt sich höchstens untereinander um"

Vorbild Brasilien. Dort haben die eine Gewaltkultur etabliert, wo Underdogs damit beschäftigt sind, sich gegenseitig abzuschlachten. Damit sind die Machenschaften der Nomenklatura nicht mehr auf dem Radarschirm. So ist´s der Nomenklatura recht.
Zwar ziemlich chaotisch, trotzdem lesenswert Klaus Harts Brasilientexte

Anonym hat gesagt…

Wahlen : Deutschland wird härter .

Euer Sepp , Reichshärtemesswart

Carl Gustaf hat gesagt…

Kleine Lektüre zur Nacht: Chez Max vom leider zu früh verstorbenen Jakob Arjouni ...

Und wer nach den Gründen für den gestrigen Wahlausgang sucht, der möge sich vielleicht einen Spiegel Artikel aus dem Jahr 2010 (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-74948265.html) zu Gemüte führen, als es noch keine Kolumnen von Diez, Augstein und Konsorten dort gab ...

Anonym hat gesagt…

Wer "Jakob" heißt, der kann überhaupt nicht früh genug abschrappen. Hier stehe ich (sitze in einem kurdischen Internetcafé) - ich kann nicht anders.