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Freitag, 25. September 2009

Fremde Federn: Silberne Steigbügel

Selten, dass Qualitätsmedien wirklich die Qualität liefern, durch die man wie durch eine gut geschliffene neue Brille einen neuen Blick auf das gewinnt, was sich bis dahin vorm unverstärkten Auge verborgen hat. Daniel Koerfer, Zeitgeschichtler von der Freien Universität Berlin, beschreibt heute in der FAZ die Umstände, unter denen Angela Merkel im September 2005 zur ersten Bundeskanzlerin wurde. Am Anfang war Schröders polternder Fernsehauftritt, dem nach Koerfers Ansicht nicht der Wirkung von Alkohol, sondern einer Siegesbesoffenheit durch falsche Informationen zugrunde lag. Tragischer Irrtum für den einen, unerwarteter Triumph für die andere. Wie genau das ging, steht hier:


Sie wusste es um fünfzehn Uhr. Auch an jenem Sonntag im September 2005 war die Bundestagswahl zu dieser Stunde für die Hauptakteure entschieden. Die Meinungsforschungsinstitute hatten ihre Nachwahlbefragungen abgeschlossen und die Hochrechnungen, die mit den Prognosen kaum etwas gemein hatten, an die Parteizentralen übermittelt. Für die Kanzlerkandidatin begann der Überlebenskampf.

Sie hatte einen offenen, mutigen, unverstellt sozialmarktwirtschaftlichen Wahlkampf geführt. Sie hatte - erstmals in der deutschen Geschichte - beträchtliche Steuererhöhungen angekündigt. Die Umfragen hatten ihr lange einen Wahltriumph verheißen. Es schien möglich, im Bündnis mit der FDP die seit 1998 festgezurrte strukturelle linke dunkelrot-rot-grüne Mehrheit im Lande aufzubrechen. Und nun das.


Vor dem politischen Nichts
Der archimedische Punkt von Angela Merkels erster Kanzlerschaft war der 18. September 2005. Genauer: die traumatischen Erfahrungen der Nachmittags- und frühen Abendstunden. Ihre zunehmende Neigung zur Einpanzerung, ihr wachsendes Misstrauen, die Abschottung im persönlichen „circle of trust“, aber auch ihre bald einsetzende Sozialdemokratisierung, die plötzliche Bereitschaft, staatliche Mittel weit über das eigentlich vernünftig vertretbare Maß zu mobilisieren, ins Fett des Sozialstaates nicht weiter einzuschneiden, den Schuldenstand trotz der höchsten Steuereinnahmen in der Geschichte der Republik noch vor dem Beginn der Finanzkrise immer weiter auszuweiten - all das erklärt sich aus jenem traumatischen Wahltag und aus der daraus abgeleiteten Konsequenz eines mächtigen „Nie wieder“.

Hatte Machiavell nicht recht gehabt? Das Gros der deutschen Wähler goutierte keine Veränderungen, keine bitteren Wahrheiten, war teilweise empfänglich für demagogische Hetze. Das linke Etikett „kalt-neoliberal-marktradikal“, fast so vergiftet wie der Begriff „Nazi“, hatte sich als wirkungsmächtig erwiesen. Unsere potentielle protestantische Fürstin aus der Uckermark stand am 18. September 2005 plötzlich vor dem politischen Nichts. Stimmen in ihrer Umgebung, weibliche Stimmen vor allem, rieten zum Rücktritt. Die männlichen Granden der Union würden ihr ein solches Debakel niemals verzeihen, würden von ihr abrücken, sie zermürben, verjagen - und hatten offenbar an jenem Spätnachmittag schon hinter ihrem Rücken Kontakt zur anderen Seite aufgenommen. Also sollte sie ihnen ein letztes Mal zeigen, was fehlte im Lande, sollte die Verantwortung für das Debakel übernehmen, zurücktreten, aufrecht die Karriere beenden auf dem brennenden Scheiterhaufen des desaströsen Wahlergebnisses.

Suboptimal gelaufen
Was hat Angela Merkel gerettet? Nicht ihr kühler Kopf, denn zu zerzaust, verdruckst und fast stumm begegnet sie uns in der denkwürdigen „Elefantenrunde“ jener Wahlnacht, die bis heute zu den am häufigsten angeklickten politischen Sendungen auf „Youtube“ zählt. Gerettet hat sie ausgerechnet jener Mann, der sie in den Tagen zuvor beinah politisch vernichtet hätte: „Testosteron-Gerd“. „Ich bleibe Bundeskanzler“, erklärte er strahlend-siegestrunken der verblüfften Runde und der erstaunten Nation. „Niemand außer mir ist in der Lage, eine stabile Regierung zu bilden“, fuhr er fort und schloss: „Ich meine, wir müssen die Kirche doch mal im Dorf lassen . . . Also, ich sage Ihnen, Frau Merkel wird hier keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner Sozialdemokratischen Partei hinkriegen. Machen Sie sich da mal gar nichts vor!“

Ihm selbst war leider etwas vorgemacht worden. Kaum jemand der Zuschauer wusste: Gerhard Schröder hatte die Information erhalten, seine Partei, die SPD, habe durch Überhangmandate mehr Sitze im Bundestag als die bei den Wählerstimmen knapp vorne liegende Union, habe die Wahl in letzter Sekunde gewonnen. Diese Information sollte sich als falsch erweisen. Sie löste aber den Hormonschub eines gefühlten Wahlsieges aus und führte zu jenem legendären Auftritt, den er selbst am nächsten Morgen auf den Rat seiner presseerfahrenen Frau hin „suboptimal“ nennen sollte.

Mitmachen aus Partei- und Staatsräson

Optimal war dieser Angriff für die Rivalin. Einen silbernen Steigbügel hatte Schröder coram publico für sie geschmiedet. Denn sofort schlossen sich die Reihen um sie. Unmittelbar nach der Sendung redeten ihr Edmund Stoiber und Guido Westerwelle, aber auch die engsten Vertrauten alle Rücktrittsgedanken aus. Jetzt hieß es kämpfen, Schröder widerlegen, die einzige real verbliebene Machtoption einer Großen Koalition ruhig, besonnen und verbindlich gegenüber dem einstigen Gegner ansteuern. Dass die SPD Wahlbetrug beging, nach der bundesweit plakatierten Ablehnung von 2 Prozent Umsatzsteuererhöhung am Ende sogar noch einen Prozentpunkt draufsetzte, dafür in den Medien kaum Kritik erntete? Geschenkt. Verschweigen. Mitmachen aus Partei- und Staatsräson.

In den folgenden Tagen bewies Angela Merkel ihre hohe taktische Geschicklichkeit. Sie ließ sich bereits knapp achtundvierzig Stunden nach dem Desaster zur Fraktionsvorsitzenden wählen, sicherte ihren Anspruch auf das Kanzleramt, blockte jede interne Führungsdebatte ab, versprach eine spätere gründliche innerparteiliche Aufarbeitung des Wahldebakels, die nie stattfand, und erreichte nach Wochen zähen Ringens tatsächlich noch als Kind der ostdeutschen Diktatur und erste Frau ihr Ziel, das am 18. September plötzlich so weit entfernt schien: die Kanzlerschaft. Und alles nur, weil Gerhard Schröder für einen Moment an das glaubte, was seine Nachfolger heute vorsorglich verteufeln: einen Sieg durch Überhangmandate.

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