Google+ PPQ: Phantomeinspeisung: Wie der Cyberkrieg die Kumpel rettet

Samstag, 2. Februar 2019

Phantomeinspeisung: Wie der Cyberkrieg die Kumpel rettet

Deutschlands künftige Cyberkrieger: Heute noch Kumpels in der Braunkohle, morgen schon disruptivim Innovationseinsatz.
Am 29. August des vergangenen Jahres gab die Bundesregierung bekannt, dass alles, was sie im Bereich der sogenannten "Cybersicherheit" bisher unternommen zu haben glaubte, nicht ausreicht. Das "GIZ" genannte "Gemeinsame Internetzentrum" des Verfassungsschutzen - ein Rohrkrepierer. Das "Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrums" (GTAZ) der Polizeibehören - ein Flop. Und die erst 2017 vom damals noch in hohen Ehren stehenden Innenminister Thomas de Maiziere aus der Taufe gehobene neue Internet-Polizei namens "Zentrale Stelle für Informationstechnik" (Zitis) auch nicht in der Lage, virtuelle Bedrohungen durch Spam-Mails und Russen-Trolle durch das gezielte Aufbrechen von Whatsapp-Verschlüsselungen auf der Ebene des einzelnen Bürgers zu verhindern.

Cybersymbol für den Osten


Nun muss es eine zusätzliche "hundertprozentige Tochtergesellschaft" (DPA) des Bundes richten, deren Gründung seit dem Offenbarungseid vom August 2018 unter dem Arbeitstitel „Agentur zur Förderung bedarfsorientierter Forschung an disruptiven Innovationen im Bereich Cybersicherheit und Schlüsseltechnologien“ (AzFbFadIiBCuSch) vorbereitet wurde.

 Inzwischen als „Agentur für Innovation in der Cybersicherheit“ (ADIC) mit einem griffigen Namen ausgestattet, soll die "Forschungsstelle für digitale Waffen" Die Zeit mehrere Aufgaben erfüllen: Der vom Braunkohleausstieg erschrockene Osten bekommt - pünktlich vor der Landtagswahl in Sachsen - einen multimedial-siliconvalley-haften Leuchtturm aus Bit und Bytes. Die von einem minderjährigen Hessen-Hacker beunruhigte politische Klasse empfängt ein Zeichen, dass demnächst schon zurückgehackt wird. Und die Bundespolitik schleift wie nebenbei ein klein wenig mehr von der verfassungsrechtlichen Mauer weg, die eigentlich verbietet, dass die Bundeswehr im Inneren eingesetzt wird.

Die Finanzierung der „Agentur für Innovation in der Cybersicherheit“ - laut Pressemitteilung "ausgestattet mit einem Startkapital von 200 Millionen Euro" als handele es sich um eine gemeinnützige Stiftung - teilen sich Innenministerium und Verteidigungsministerium, als sei es das Normalste von der Welt, das die deutsche Polizei Cyberwaffen zum Angriff auf andere Staaten entwickelt und die deutsche Armee sich um Technologien bemüht, die es ihr gestatten, einen Cyberkrieg im Bundesgebiet zu führen.

Der Kumpel wird zum Cyberkrieger


Das Manöver zeigt die große Koalition auf dem Gipfel ihres Einfallsreichtums. Schmale 100 Jobs, in Aussicht gestellt für in vier Jahren und verteilt auf zwei Städte, gelten unwidersprochen als "ambitioniertes Forschungs- und Innovationsvorhaben im Bereich der Cybersicherheit",
das dem vor dem Arbeitsplatzverlust stehenden Braunkohlekumpel im mitteldeutsche Revier signalisiert, wie engagiert sich um ihn gekümmert wird.

War es eben noch ein schlechter Witz, dass neue Behördenstandorte im Osten gegründet werden, um die Stimmung zu verbessern, überholt die Realität die Satire nun auch hier leichtfüßig: "Die Cyberagentur wird Ideen fördern, die noch nicht entwickelt sind", erklärt die Leiterin des Projektes, Frau Dr. Myriam Boeck, nach deren Vorstellungen das in einem "internationalen, exzellenzorientierten, dynamischen und inspirierenden Arbeitsumfeld" geschehen wird.

Wer denkt da nicht an Sachsen oder Sachsen-Anhalt? Wer sieht sie nicht vor sich, die kernigen Kumpel aus Schleenhain und Profen, die den Vorschlaghammer beiseite legen, um künftig Deutschlands Grundbedarf an disruptiven Innovationen im Bereich Cybersicherheit und diesbezüglicher Schlüsseltechnologien zu decken?

Vorbild Fernsehserie


Vorbild für die Arbeitsweise des ADIC ist für Myriam Boeck erklärtermaßen die aus erfolgreichen Fernsehserien wie "Lost" bekannte US-amerikanische DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), die mit Mitteln von drei Milliarden Dollar jährlich für die US-Streitkräfte forscht und neben dem Internetprotokoll TCP/IP auch das Satelliten-Navigationssystem Global Positioning System (GPS) entwickelt hat.

Große Schuhe für die Kumpel aus Hohenmölsen, Zeitz, Borna und Markkleeberg, denn die "derzeitige Lage im Bereich der Cyber-Abwehr ist gekennzeichnet durch sehr reale digitale Konfliktszenarien, wie hybride Kriegsführung oder erhöhte Bedrohungen durch Cyber-Angriffe wie beispielsweise Cyber-Kriminalität, Cyber-Spionage und -Sabotage, Terrororganisationen", gibt Myriam Boeck einen kleinen Einblick in die akute Bedrohungslage, die sich "mittel- bis langfristig" "durch die wachsende Durchdringung der Gesellschaft" mit "IT-Informationstechnik" (Boeck) noch deutlich erhöhen wird.

Helfen muss hier nun die exzellente deutsche Forschungslandschaft, deren Ruf gerade bei sogenannten Sprunginnovationen im Internet wie Donnerhall um die Welt grollt. Zalando, Parship, Mymüsli, buch.de - alles Neuland-Gründungen aus Deutschland, die zeigen, wie es geht. Es fehlt zu umfassender Cybersicherheit nur "eine zielgerichtete, am Bedarf der inneren und äußeren Sicherheit orientierte Beauftragung der Forschungseinrichtungen", analysiert ADIC-Chefin Boeck.

Ein Zalando für die Bundeswehr


Da dadurch nationale und europäische Schlüsseltechnologien nur noch rudimentär gegeben seien, "ist die Gewährleistung der staatlichen Sicherheitsvorsorge im Cyberraum gefährdet". Aber nicht mehr lange: "Eine Agentur für Innovation in der Cybersicherheit wird diese Lücke schließen und dadurch für Deutschland mittel- bis langfristig eine nachhaltige Technologiesouveränität erreichen und sicherstellen", sagt Boeck. Dazu werde die neue Agentur nicht selbst forschen, sondern "Innovationswettbewerbe ausschreiben, mit Unternehmen und Wissenschaftlern zusammenarbeiten – und ihre Projekte unbürokratisch finanzieren".

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