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Mittwoch, 9. September 2020

Die gute alte Zeit: Leben in Dreck und Gestank

Game of Thrones Klimawandel

Dreck im Wasser,, Dreck in der Luft, so sah die Vergangenheit für die aus, die in ihr leben mussten.
Vor allem viele fortschrittliche Menschen sorgen sich heutzutage um die Zukunft, der sie vorwerfen immer weniger wie die Vergangenheit zu sein. Immer mehr Technik, immer mehr Biotechnologie, künstliche Dünger, elektronische Intelligenz und computergestützte Lebensbegleitung statt gesunder Bienen, sauberer Streuostwiesen und klarer Luft - Greta Thunberg, die schwedische Öko-Revolutionärin, hat die romantische Idee von der besseren Vergangenheit auf den Punkt gebracht, als sie den heute Erwachsenen vorwarf, die hätten ihre Zukunft zerstört.


Grundlage des Glaubens daran, dass das zutreffend sein könnte, ist die Vorstellung, dass Menschen in der Vergangenheit "gut gelebt" hätten, weil sie weniger konsumierten, die Umwelt weniger verschmutzten, nicht so krankhaft mobil waren und hauptsächlich gesundes Essen aus der Nachbarschaft zu sich nahmen. Die Zerstörung begann nach Ansicht dieser Menschen, die durchweg in den Wohlstand aufwuchsen, den sie für verderblich halten, als die industrielle Revolution einsetzte: In jener Zeit habe die Zerstörung der Welt begonnen, das Waldsterben, das Ozonloch, die schmutzigen Flüsse, die Epidemien, der politische Streit, die Probleme mit dem Nahverkehr, mit Feinstaub, CO2, Stickoxiden und Gift im Essen.

Fantasie und Wirklichkeitsverweigerung


Es gehört allerdings viel Fantasie und Wirklichkeitsverweigerung dazu, daran zu glauben. denn natürlich ist es richtig, dass die Industrialisierung der Umweltverschmutzung zu einem ungeahnten Aufschwung verhalt. Doch das bedeutet natürlich nicht, dass Luft und Wasser sauber waren, bevor Fabriken und Mühlen entstanden. Ganz im Gegenteil: Im Vergleich zu heute hatten alle unsere Vorfahren schreckliche Umweltbedingungen zu ertragen. Und sie alle halfen kräftig mit, die Situation fortwährend zu verschärfen.


Beginnen wir mit der Luftqualität. Im 17. Jahrhundert in London bemerkte Claire Tomalin in "Samuel Pepys: The Unequaled Self": „Jeder Haushalt verbrannte Kohle Der Rauch aus ihren Kaminen verdunkelte die Luft und bedeckte jede Oberfläche mit rußigem Schmutz. Es gab Tage, an denen eine Rauchwolke mit einer Höhe von einer halben Meile und einer Breite von dreißig Kilometern über der Stadt zu sehen war… Londoner spuckten schwarz.“ Wer die DDR Ende der 80er Jahre erleben durfte, hat einen Eindruck davon, was Kohle vermag. Wer heute nach Tschechien oder Polen fährt, kann die Bildungslücke leicht füllen. Es war nicht alles gut, sondern gar nichts, bevor die Industrie effektiv genug wurde, um aus dem geschaffenen Mehrwert auch Umweltschutz zu finanzieren.

Zuvor galt die Natur den Menschen jahrtausendelang als Warenlager, aus dem man sich bedienen konnte. In Griechenland führte das zur weitgehenden Entwaldung, in Deutschland ebenso. Tausende von Orten, deren Name auf -rode endet, künden heute noch stolz davon, wie harter Männer Arbeit über Jahrhunderte die größte Entwaldungsaktion durchführte, die es auf deutschem Boden je gab.

Keine gute alte Zeit


Gute, alte Zeit. Carlo Cipolla zitiert in seinem Buch "Vor der industriellen Revolution" das Tagebuch des britischen Schriftstellers John Evelyn, der 1661 schrieb: „In London gehen und unterhalten sich Menschen, die verfolgt und verfolgt werden von diesem höllischen Smoke. Die Bewohner atmen nichts als einen unreinen und dichten Nebel, begleitet von einem üppigen und dreckigen Dampf… der die Lunge korrumpiert und die gesamte Gewohnheit ihres Körpers durcheinander bringt.“

Die Straßen waren genauso dreckig, die Menschen ebenso. Man trug Perücke und im Gewölle nistete allerlei Viehzeug. Statt sich zu waschen, wurde gepudert. John Harrington erfand die Toilette zwar schon im Jahr 1596, doch auch zweihundert Jahre später blieben Badezimmer seltener Luxus. Nachttöpfe wurden weiterhin auf die Straße entleert, die als Abwasserkanäle dienten. Weil überall in den Städten Landwirtschaft betrieben wurde, „wurden Schweine in Freiheit auf den Straßen aufgezogen. Und die Straßen waren so schmutzig und matschig, dass man sie auf Stelzen überqueren musste.“ (Fernand Braudel)

Offenbarungseid der Rückschrittsgläubigen


Jeder Fortschrittsskeptiker und Rückschrittsgläubige wäre vermutlich nach einer Viertelstunde in solcher Umgebung geheilt. Niemand klärte Wasser, niemand kannte auch nur den Begriff Hygiene. Man packte Fleisch nicht ein, man deckte Brot nicht ab. Man trank das Wasser, in das man pisste. Lawrence Stone stellte in "The Family, Sex and Marriage" über das England zwischen 1500 und 1800 fest: „In Städten des 18. Jahrhunderts wurden die Stadtgräben, die heute oft mit stehendem Wasser gefüllt sind, häufig als Latrinen benutzt. Metzger töteten Tiere in ihren Läden und warfen die Schlachtnebenerzeugnisse auf die Straße; tote Tiere wurden dort, wo sie lagen, verfaulen und eitern gelassen; Latrinengruben wurden in der Nähe von Brunnen gegraben und verseuchten so die Wasserversorgung.“


Ein "spezielles Problem" in London, schrieb Stone, waren die "armen Löcher" oder "großen, tiefen, offenen Gruben, in denen die Leichen der Armen Seite an Seite, Reihe an Reihe gelegt wurden. Erst wenn die Grube mit Körpern gefüllt war, wurde sie endgültig mit Erde bedeckt. Ein zeitgenössischer Schriftsteller, den Stone zitiert, bemerkt: "Außerdem wurden große Mengen menschlicher Exkremente nachts auf die Straßen gegossen, so dass Besucher der Stadt oder von der Stadt „gezwungen sind, die Nase anzuhalten, um den üblen Geruch zu vermeiden“.

Alltag mit der Angst vor Ruhr


Laut Stone „war das Ergebnis dieser primitiven Hygienebedingungen ein ständiger Ausbruch bakterieller Mageninfektionen, wobei die Angst vor Ruhr am größten war, die innerhalb weniger Stunden oder Tage viele Opfer beiderlei Geschlechts und jeden Alters hinwegfegte. Magenbeschwerden der einen oder anderen Art waren chronisch, weil die Ernährung der Reichen nicht ausgewogen war und die Armen schlecht und zu wenig zu essen hatten.“

Eine Idylle allenfalls für jemanden, der nicht gezwungen ist, sie selbst zu ertragen. Der Alltag wurde regiert von Darmwürmern, die "eine langsame, ekelhafte und schwächende Krankheit sind, die eine große Menge an menschlichem Elend und Krankheit verursacht hat", wie ein Zeitgenosse berichtet. Dazu kamen andere schwächende Fieberkrankheiten und die langsame, unaufhaltsame und zerstörerische Vernichtungskraft der Tuberkulose. “

Auf dem europäischen Festland war die Situation nicht besser. Mitte des 17. Jahrhunderts bemerkten Königin Anne von Österreich und Mutter von Ludwig XIV., dass „Paris ein schrecklicher Ort ist und schlecht riecht. Die Straßen sind so verpestet, dass man wegen des Gestanks von verrottetem Fleisch und Fisch und wegen einer Menge von Menschen, die auf den Straßen urinieren, nicht dort verweilen kann.“

Bis ins 19. Jahrhundert blieb die Verschmutzung ein Problem und man dachte sich Möglichkeiten aus, ihr zu begegnen. So berichtet Judith Flanders, dass „niemand in England Weiß trug, weil es unmöglich war, es sauber zu halten.“ Laut Flandern wurden Haarbürsten „schwarz nach einmaliger Benutzung" und "Tischdecken wurden erst kurz vor dem Essen aufgelegt", da sich sonst "der Staub vom Feuer absetzte und sie innerhalb weniger Stunden schmuddelig wurden."

Siegeszug der Industrialisierung


Noch im Jahr 1858, also vor dem großen Siegeszug der Industrialisierung, war der Gestank von der Themse so schlimm, dass „die Vorhänge an der Flussseite des Gebäudes in Kalkchlorid eingeweicht wurden, um den Geruch zu überwinden“. Doch die Bemühungen blieben so erfolglos, dass Ministerpräsident Benjamin Disraeli einmal "mit einer Masse von Papieren in einer Hand und einem Taschentuch an der Nase" aus einem Saal floh, weil der Gestank so schlimm war. Er nannte den Fluss "einen stygischen Teich, der mit unbeschreiblichen und unerträglichen Schrecken stinkt."

Was da stank und giftete, waren nicht die Abwässer der industriellen Revolution. Henry Mayhew, ein englischer Sozialforscher, stellte vielmehr fest, dass die Themse „Zutaten aus Brauereien, Gaswerken sowie chemischen und mineralischen Manufakturen enthielt; tote Hunde, Katzen und Kätzchen, Fette, Schlachtnebenerzeugnisse; Straßenschmutz aller Art; Gemüseabfall, Stallmist; der Müll von Schweineställen; Nachtboden; Asche, zerbrochenes Steinzeug, Gläser, Krüge, Blumentöpfe; Holzstücke; fauler Mörtel und Müll verschiedener Art." Wer heute in manches südliche Land kommt, sieht die Mischung noch hinter den Häusern dampfen, Dreck und Gestank, erträglich nur durch die Kraft der Gewöhnung.


Rettender Kapitalismus


Erst die Industrialisierung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann, schuf die Voraussetzungen, die Schäden, die bis dahin angerichtet worden waren, einzudämmen und nach und nach zu reparieren. In der Themse leben heute wieder 125 Fischarten, die durchschnittliche Schwebstoffkonzentration in dem Fluss sank von 623 im Jahr 1891 auf heute 16 Mikrogramm pro Kubikmeter. Auch Deutschland arbeitet leise und unauffällig daran, Schäden zu beseitigen, die früherer Generationen angerichtet haben.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die Leute projizieren das Heute minus Elektrogeräte ins beliebig entfernte Gestern und denken, wenn es wie damals wäre, würden sie beim grünen Tee in einem nachhaltig gebauten Haus sitzen und sie wären wie diese Leute in diesen historischen Filmen. Keine Autos, komische Klamotten und komische Frisuren, alle fit, alles sauber.

Die Fiktion vom Goldenen Zeitalter ist seit der Antike überliefert, und die Menschen hängen ihr seitdem unreflektiert an. Kommunismus und Wahhabismus sind bekannte, manifeste Ausgeburten dieser Fiktion, man kann sicher noch anderen finden. Die einen wollen eine imaginierte Urgesellschaft ins Heute transferieren, die anderen das Zeitalter Mohammeds.

https://de.wikipedia.org/wiki/Goldenes_Zeitalter

Die Anmerkung hat gesagt…

https://twitter.com/dieLinke/status/1303397434467508227

DIE LINKE @dieLinke

Wir halten an dem Menschheitstraum fest, dass eine bessere Welt möglich ist. #Sozialismus

Jodel hat gesagt…

So viel ungefilterte Wahrheit, wie in diesem Artikel, ist heutzutage ja kaum zu ertragen.
Nur werden die, die besser einmal zuhören und nachdenken sollten, dies garantiert nicht tun.
Genau so wie es den "richtigen" Sozialismus noch nie gegeben hat, war die Vergangenheit immer besser, reiner und schöner.
Da können sie leider noch tausend Stunden mit Engelszungen reden und mit allerlei Fakten um sich werfen. Die Betreffenden werden ihnen nicht zuhören, geschweige denn glauben. Erst wenn wir wieder die alten üblen Zustände mutwillig herbeigeführt haben werden, wird es ein unangenehmes Erwachen geben. Natürlich werden dann aber die Reaktionäre schuld gewesen sein, das es mit dem Paradies wieder mal nicht geklappt hat. Und der nächste Anlauf Richtung Garten Eden kann in Angriff genommen werden.
Ich habe leider nicht die geringste Ahnung wie dieser Teufelskreislauf einmal durchbrochen werden könnte. Irgendwie ist das unausrottbar in der Mehrheit der Menschen angelegt.

Die Anmerkung hat gesagt…

@Jodel

>> Ich habe leider nicht die geringste Ahnung wie dieser Teufelskreislauf einmal durchbrochen werden könnte.

Mit Sozialismus oder Rosenthaler Kadarka (Der Nostalgie Wein).

ppq hat gesagt…

fettbemmen dazu, unbedingt

Hase, Du bleibst hier.. hat gesagt…

Und blauer Würger ! Unbedingt ! Es war nicht alles schlecht, der Würger war steril - hülfte gegen Blähungen und Depressionen jeglicher Art.

Anonym hat gesagt…

Ja, Lexikon der Öko-Irrtümer. Nicht übel.(Davor z.B. Lexikon der populären Irrtümer, auch nicht verkehrt.)
Obwohl sich Maxeiner und Miersch inzwischen zu Astlöchern entwickelt zu haben scheinen, so sie es nicht vorher schon waren ... Damals schnippte die Weltbevölkerung gerade von 5 auf 6 Kilomillionen.
Es hat etwas Faszinierendes, diese Verdrängung des Gebotes der Vernunft - wenn der Divisor größer wird, wird der Quotient kleiner ... Wie man in die Kaserne ein Flasch' Gruselfusel geschmuggelt hat, um die Vita Cola zu veredeln - mit 3-5 Kameraden teilt man gern und willig, aber wenn die halbe Kompanie angeschissen kommt, gibt es unschöne Bilder.

Anonym hat gesagt…

Blauer Würger! Im Ausländerwohnheim Lutherstraße (40 ? - 42 ?) ein Mathematikstudent aus Caracas, ähnelte dem Schlagzeuger Animal aus der Muppetsshow in Schwarzweiß - goß das Zeuch wie Wasser, lunglunglung, während sich uns die Speiseröhre zur Spirale wand ... wie auch beim akademischen Kampfzechen den Mathematikern die Bronzemedaille gebührte.

Halbgott in Weiß

Jodel hat gesagt…

@Die Anmerkung
Die Einführung des Sozialismus sollte nach dessen Zusammenbruch vor einer erneuten Einführung desselben bewahren. So sollte man denken.
Nun ist es aber so das z. B. gerade in unserem schönen Ländchen der Sozialismus in einem großen Landesteil erst gerade vor 30 Jahre zusammengebrochen ist. Trotzdem können immer mehr Mitbürger gar nicht erwarten endlich wieder unter die Knute des allwissenden Staates zu kommen.
Auch alle östlich von uns liegenden Länder, die sich damals vom Sozialismus befreien konnten, sind nach anfänglichen Reformen doch längst wieder in diese Richtung unterwegs. Zwar langsamer als wir, aber doch peu a peu.

Das einzige, was zumindest einen längeren Aufschub bei der Verwirklichung linker Träume bedeuten würde, wäre wenn die heilige Kuh "One man, one vote" geschlachtet würde. Wenn, in welcher Form auch immer, nur die mitbestimmen dürfen bzw. ein Veto haben, die im Staate mehr einzahlen als sie herausbekommen, könnte man dem Sozialismus für eine Weile den Riegel vorschieben. Aber auch eine solche Maßnahme würde im Laufe der Zeit durch der Druck der Massen gekippt werden.

Der Mensch will mit möglichst wenig Einsatz das Maximale herausbekommen. Das ist wohl eine Grundkonstante unserer Existenz. So lange die Mehrheit solchen Politikern glaubt, dieses Ziel mit dem Sozialismus, zumindest kurzfristig, zu erreichen, sehe ich nicht, wie das jemals überwunden werden könnte.

Warten wir also darauf, das der Rosenthaler Kadarka, der blaue Würger und die Fettbemmen wieder eingeführt werden. Und selbst dieses Zeug wird wieder knapp werden, da es im Sozialismus immer so läuft und nie anders.