Mittwoch, 21. April 2021

Tagesschau: Es ist nicht leicht, ein Clownender zu sein

Eine Weiche lässt sich am leichtesten stellen, wenn der Zug noch ein Stück entfernt ist. Dann flutscht es, dann ändert sich die Richtung, aber die Fahrgäste bekommen es bestenfalls gar nicht mit. Als Gebührenpioniere wie Anne Will und Dunja Hayali die günstige Gelegenheit der alles überstrahlenden Pandemieproblematik vor Monaten zu nutzen begannen, um ihre Moderationen in aller Öffentlichkeit und auf Kosten eben dieser Öffentlichkeit in einer selbstausgedachten Fantasiesprache zu absolvieren, blieb es im Publikum wie zum Beweis ganz still. Sollen sie halt von einem imaginären "Bundessteuerzahler:Innnenbund" reden. Sollen sie halt in jede Berufsbezeichnung eine Loch bohren. Man muss sie doch nicht ernst nehmen. Und eines Tages lässt das auch wieder nach, dachten sich die, von denen Will, Hayali. die ZDF-Moderatorin Petra Gerster und Ruth Moschner dachten, sie würden bald alle im selben bizarren Pausenidiom sprechen.

Sprachverhunzung als Mission

In der Fläche, draußen im Land, ist das nicht der Fall. Eher kopfschüttelnd als bewundernd oder auch nur anerkennend beobachten die Gebührenzahler der Gemeinsinnsender, wie deren Spitzenverdiener ihr Hobby Sprachverhunzung zu einer Mission machen, um die Millionen vor den Fernsehgeräten vom Umstieg auf eine sogenannte  geschlechtergerechte Sprache zu überzeugen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Eine chinesische Wasserfolter für jedermann, der eine Liebesaffäre mit seiner Muttersprache pflegt. 

Für die ausführenden Aktivisten und ihre Sender aber ein steter Balanceakt zwischen offenkundigem Unsinn, verbalen Peinlichkeiten, dem Rückfall ins Ungerechte und vollkommener Unverständlichkeit. Wie spricht man einen Doppelpunkt korrekt aus? Reicht eine lange, für den Uneingeweihten unsinnig wirkende Pause mitten im Wort, um einen geschlechtergerechten Unterstrich hörbar zu machen? Oder sollte besser ein großes, phallisches "I" verwendet werden, moduliert in Form eines als spitzer Einzelton gesetzten Ausrufezeichens? Oder könnte ein Klicklaut als gesprochenes Sternchen, wie es die Khoisan-Sprachen im südlichen Afrika in ihrem Phoneminventar bereithalten, ein Ausweg sein, die eigene, unerbittliche Fortschrittlichkeit tagtäglich nach außen zu signalisieren?

Rennen um die korrekteste Korrektheit

Die abschließende Entscheidung im Rennen um die korrekteste Korrektheit bei der Umsetzung des Gendergedanken im sprachlichen Umganwärenst noch nicht gefallen. Wie bei den Rettungsmaßnahmen für die Pandemie herrscht großes Durcheinander, eine allgemeine Verwirrung verhindert die Durchsetzung einheitlicher Sprachregelungen. Sollen aus Studentinnen und Studenten allgemein "Studierende" werden, die bei einem Aufenthalt in der Bibliothek dann auch noch "Lesende" wären, die zugleich "Lernende" sind, immer und auch nach Feierabend aber Studierende blieben, obwohl sie nun vielleicht Tanzende, Trinkende oder Kinogehende wären? Wie unterscheidet sich ein Lesender, der gerade liest, von einem Studierenden, der gerade nicht studiert, sondern isst? 

Was ihn genaugenommen zu einem Essenden macht, der, wenn er nicht nebenbei liest, kein Lesender ist, aber den Regeln der Sprachgerechtigkeit zufolge immer noch ein Studierender, obwohl er eben gar nicht studiert? Wäre da nicht die Doppelpunktform "Student:Innen" fairer und nachvollziehbarer für alle, auch wenn jede Studierenden-Mannschaft vor einer Verwendung des Fantasiewortes ab auf auf geschlechtliche Zusammensetzung geprüft werden müsste, weil eine rein männliche Zusammensetzung die Zulassungskriterien nicht erfüllen dürfte?

Botschaften für Deutschseiende

Die "Tagesschau", für Millionen ehemals Deutsche, nun mehr Deutschseiende oder auch Deutsch:Innen", immer noch der allabendliche Gottesdienst der Tageswahrheit, ist sicher das was muss, aber auch noch nicht sicher was und wie. In einer wegweisenden Mitteilung über die Landung einer

Sojus-Kapsel in der Steppe Kasachstan blätterte die führendste Nachrichtensendung der Republik eben ein breites Spektrum an Sprachvarianten auf: Von "drei Raumfahrern" war die Rede, die dann "drei Raumfahrer:innen" waren, ehe sie als "US-Astronauten" bezeichnet wurden, um schließlich triumphal als "Raumfahrende" zur Erde zurückzukehren.

So bunt kann Sprache sein, die sich traut, Rassismus und Geschlechterunterschiede hinter sich zu lassen und sich zur Feier der bizarren Formen nicht übermäßig bei inhaltlicher Stimmigkeit aufhält. Denn der dem Partizip Präsenz abgerungenen Form "Raumfahrende" mangelt es sowohl an inhaltlicher Beschreibungskraft wie auch an konkreter Korrektheit: "Raumfahrende", die zur Erde zurückkehren, sind im Gegensatz zu eben startenden "Raumfahrenden" in der geschlechtergerechten Substantivierung selbstverständlich "Raumgefahrenseiende" oder "Raumgewesenseiende".
 

Das Raumfahrende unter Verdacht

Bei der "Tagesschau", die sich scheut, von "raumfahrenden Personen" (MDR) zu sprechen, findet sich ausgerechnet diese zutreffendste Form der aus dem aktuellen Status der zur Erde Zurückkehrenden abgeleiteten Bezeichnung nicht. Inkonsequent wie beim "Studierenden" wird zu Begriffen gegriffen, die aus der Tätigkeit im Partizip Präsens eine dauerhafte Zuschreibung ableiten: Die "Raumfahrenden" im Plural sind noch einfach zu handhaben. Doch das "Raumfahrende" im Singular wirft schon wieder ernst Fragen auf: Ist es ein der, ein die oder ein das Raumfahrende/r/s? Und bleibt es derdiedas, auch wenn es gar nicht in den Raum fährt? Oder sogar gerade aus dem Raum zurückkehrt, also beruflich mit dem Gegenteil dessen beschäftigt ist, was seine Berufsbezeichnung ausmacht, aber nicht genannt werden darf, weil der Begriff "Raumfahrer" genus und sexus nicht auseinanderzuhalten vermag, so dass das Wort im Verdacht steht, nicht beide Geschlechter zu "meinen"  (Anne Will). 

Mit der öffentlich-rechtlichen Nominalisierung wird der Wille, gerecht zu sprechen, zum Prinzip einer Substantivierung, die sich an alten, in einigen kleinen und oft recht rückständigen Regionen gebräuchlichen Sitten der mit Hilfe von Verbalnomen gebildeten periphrastischen Tempora orientiert."Geh' Sitzen", sagt der Rheinländerseiende (oder knapper "Rheinländer:_*In" bzw. "Rheinländernder"), der seit den Urgründen seiner Geschichte auch die Formulierung "ich bin am Arbeiten" kennt. Beispielhaft: Der Amarbeitenseiende ist zugleich beiderlei Geschlechts, tritt aber aus seiner Rolle als Tätiger, sobald er die Arbeit niederlegt. dann verwandelt er sich stickum, wie es in diesem geheimnisvollen Landstrich heißt, in Jemandseiendes, von demderdas in den meisten Fällen eines ganz sicher angenommen werden kann - es handelt sich in aller Regel um Nichtraumfahrende.


Kommentare:

Carl Gustaf hat gesagt…

Um es in die Zeit zu passen, ist gendergerechte Sprache de facto so etwas wie Sprach-Covid bzw. Sprach-Corona: anormal, hochansteckend, realitätsverzerrend und gesellschaftszerstörerisch.

Anonym hat gesagt…

Auf dem Foto sind eigentlich Fallschirmspringende zu sehen. Oder sind es Fallschirmspringende Raumgefahrenseiende? Was ist, wenn beim Fallschirmspringen oder Raumfahren ein tödlicher Unfall passiert? Haben wir es dann mit Blick auf die im Artikel erwähnte „dauerhafte Zuschreibung“ mit toten Fallschirmspringenden und toten Raumfahrenden zu tun? Also mit Zombies.

ppq hat gesagt…

fallschirmfallende, würde ich sagen

Anonym hat gesagt…

die Falschirmenden fallen vom Himmel herab ; Herr Zehesubrinckhouse schwadroniert ; die graue Stadt ist garu ; es schwätzt der Bundesgeldminister der von seiner Wartburgbank Sozikohle einsteckt - es ist Mittwoch , der graue Tag mitten in der Woche ; Hausbüro , Kater und Frauchen hier und da - gleich eine Wurst heißgemacht - es muss ja weitergehen .



aus : "die letzten Tage der Republik ; wie der rote Spießer die bürgerliche Gesellschaft beseitigt"

Anonym hat gesagt…

Realistisch betrachtet ist dieses Trümmerdeutsch längst die Sprache der Eliten, zumindest derer, die dazu ernannt wurden. Die Zeiten, in denen Hochsprachen oder gar tote Sprachen als Mittel der Distinktion gepflegt wurden, sind vorbei. Man mag das als eine Folge des allgemeinen Wahlrechts sehen.