Freitag, 28. April 2023

Wir sind die Welle: Radikalisierung der Ratlosen

Nette junge Leute: Luisa Neubauer inspirierte die zentrale Rolle der "Lea" (2.v.l.)

Sie sind marginalisiert, sie werden geschnitten, sie haben kaum Hoffnung und keinen Kontakt zueinander. Als Erfolgsregisseur Jan Berger vor fünf Jahren mit den Dreharbeiten zu seiner Netflix-Serie "Wir sind die Welle" begann, waren Fridays for Future, Extinction Rebellion und Last Generation ebenso noch ein Zukunftsversprechen wie Luisa Neubauer, heute längst als Führerin des Widerstandes anerkannt und geschätzt. Dem Visionär Berger aber gelang es damals schon, Aufbruch und Weg der neuen Öko-, Klima- und Gerechtigkeitsbewegung in a nutshell filmisch vorab zu empfinden. Gerade im Rückblick gesehen ein begeisterndes Spektakel.

Start voller Spaß

Vom naiven Start voller Spaß und neugewonnener Lebensfreude bis zum Ausbruch von Gewalt, der harten Konfrontation mit dem Unverständnis des Staates und brutalen Sanktionen gegen die Aufständischen ist alles enthalten in der Geschichte der Oberschüler von Meppersfeld, die aus ihrer adoleszenten Agonie geweckt werden, als ein geheimnisvoller neuer Mitschüler die Verhältnisse in der Klasse durcheinanderbringt.

Wie ein Sozialingenieur ordnet dieser Tristan Broch die Menschen um sich neu. Er ist der Magnet, zu dem es vorzugsweise die Beschädigten, Überfütterten und für Einflüsterungen Anfälligen zieht. Er schmiedet aus den Traumatisierten eine scharfe Waffe gegen das System, gegen die gesellschaftlichen Missstände, gegen Umweltfrevel, nicht-vegane Ernährung, die Nutzung von Recyclingpapier und rechte Populisten. Einer im Film "Luise Befort" genannte Luisa Neubauer spielt die Hauptrolle der Lea, ein Mädchen aus allerbesten Bionadeadel, das dem Straßenkötercharme des an den frühen Andreas Baader gemahnenden Tristan widerstandslos erliegt. 

Gelungene Prophetie

Dass "Wir sind die Welle" bei aller gelungenen Prophetie nur ein Film ist, zeigen einige wenige Details. Es gibt hier, in der idealen Welt des Widerstandes, im Unterschied zu den inzwischen wirklich aktiven Widerstandsbewegungen den Quotenmoslem, den Dicken und mit Zazie auch einen Anscheinslesbe, die sich im Falle einer Fortsetzung zweifellos noch als queer outen wird. Auch diese Welle ist überwiegend weiß, Kleinstadtrebellen in Markenklamotten, die sich erst richtig lebendig zu fühlen beginnen, als sie in Lea und Tristan zwei anständige Führer finden, denen sie ohne große Fragerei bedingungslos folgen können.

Wie die Leute von der "Letzten Generation" heute die deutsche Hauptstadt ins Visier nehmen, greift die "Welle" ihre kleinstädtische Umgebung an. Parolen wie "Wir nehmen nicht länger hin, dass die Regierung keinen Plan hat, wie die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen gestoppt werden kann - wir leisten jetzt Widerstand" zeugen von der Selbstermächtigung der kleinen Truppe, die sich unter Führung des - natürlich - Liebespaares Lea und Tristan unablässig weiter Richtung Rand der Gesellschaft bewegt. Die Radikalisierung steckt im Genmaterial, denn je weniger Erfolg die kindischen Aktionen gegen das System haben, desto mehr drängt Enttäuschung zu brutalerem Vorgehen. 

Blaupause der Wirklichkeit

Die Serie wirkt aus vier Jahren Abstand gesehen wie eine Blaupause der tatsächlichen Ereignisse auf Deutschlands Straßen. Das früh vorweggenommene Porträt der letzten Generation erzählt von Wissenslücken, auf denen ganze Weltbilder gebaut werden, es hat die Ahnungslosikeit von Geschichte, die Gruppen immer wieder zu gemeinsamer Zeichensprache drängt, die nie als Wiederholung von Hakenkreuz und Stalinsichel erkannt wird. Ohne jede Vermutung von der Komplexität einer menschlichen Gesellschaft zumal im hochentwickelten Westen begeben sich die jungen Leute in den Kampf für Gerechtigkeit und für die Umwelt, unterwegs unterhalten von Liebe und Hiebe und durch die eigenen Triebe. 

Durch Meinungsverschiedenheiten und gruppendynamische Prozesse gerät natürlich alles außer Kontrolle, die Armee der Aufständischen ist zu groß, um noch kontrollierbar zu sein. Denn die ausgerufene Basisdemokratie trifft zuerst die Gründerväter und -mütter, die plötzlich raus sind aus der eigenen Jugendbewegung. Ein Problem, das weder Fridays for Future je hatten noch eine der anderen echten Klimakampfgruppen, die es von Anfang peinlich vermieden haben, sich auch nur den Anflug einer demokratischen Struktur zu geben. 

Stolpern zur Revolution

Dort wird angesagt, welche Ziele gerade eigentlich verfolgt werden sollen, welche Mittel die der Wahl sind und welche Sprechordnung einzuhalten ist. Im Film stolpern sie in die Revolution, die ebenso zu einer besseren Welt führen soll und ebenso fast im Tagesrhythmus die Feinde wechselt. Was bleibt, ist der innere Kern der Verschworenen, die vom Parolenmalen zum Bombenanschlag unterwegs sind, in der Serie detailverliebt inszeniert: Wenn Lea, Tennisprinzessin aus besseren Verhältnissen und mit einem goldenen Löffel im Mund lächelnd, im Kinderzimmer sitzt, trägt sie Strümpfe und Rolli in der Farbe ihrer Tapete. Steigt sie vom Mopedchen, zoomt die Kamera auf die roten Söckchen, dann fährt das Bild hoch zum Motorradhelm, der eine große Schnalle in derselben Farbe hat und schließlich zeigt das Abschlussbild der Szene das Moped von hinten, das Rücklicht glüht rot in einer nach "Tatort"-Vorbild auf blau-grau-schwarz gefilterten Weltuntergangslandschaft.

Die Socken und der Helmverschluss, sie erzählen auf ihre Weise vom Kampf eines winzig kleinen Teils der heutigen Jugend um Beachtung. Was als Feldzug gegen gesellschaftliche Missstände ausgegeben wird, ist vor allem Selbstsuche. Vegan leben entspricht einer Punkfrisur der 80er, theoretisch gefühlte Weltoffenheit ist das Rebellentum der letzten Generation, die schon mit 15 alles hat. Umweltbewusst leben, wie es gerade bequem ist, führt sicher nicht zu einer besseren Welt, aber zu einem besseren Gewissen. Man hat getan, was einem nicht viel ausmacht und das so lange man Bock drauf hatte.

Echter Hass auf alles 

Angetrieben von Tristan, den echter Hass auf alles motiviert, werden die Aktionen der "Welle" immer radikaler und riskanter, der idealistische Aufstand gegen das Establishment gerät zum Zweikampf zwischen der Bürgertochter Lea, die an friedliche Formen von Protest und Widerstand glaubt, und ihrem faszinierenden Geliebten, der Leas Optimismus für naiv hält und die Organisation klein halten und in Richtung offenem Terror führen will. Es ist ein Film und deshalb geht er gut aus. Luisa Neubauer schafft es auch diesmal, die radikalen Elemente in der Bewegung verbal einzuhegen. Gleichzeitig gelingt es ihr, mit einer medienwirksamen, aber sehr friedfertigen Aktion einen Waffenhersteller bloßzustellen,den Deutschland heute gebrauchen könnte, der noch 2019 aber noch hervorragend als Zielscheibe für juvenilen Zorn taugte.


2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ölaugen und Herti-Puppen für Döderonwäsche

Anonym hat gesagt…

Weiß, weiblich, engagiert. Mir ist die Klimawelle nicht bunt genug.
Gerade Afrikaner, bei denen es ja jetzt schon jeden Tag superheiß ist, sollten da mehr inkludiert werden.