Mittwoch, 27. Mai 2026

Magnifica Humanitas: Glückskekse für Gott

Der neue Papst bleibt der alten Tradition der Fortschrittsfeinde treu, die seit Jahrtausenden im Vatikan herrschen. 

Sie schmücken sich mit Fantasienamen, verdrängen ihre gottgegebene Sexualität und stehen einer weltweiten Organisation vor, die dafür bekannt ist, seit mehr als 2.000 Jahren Verschwörungstheorien, Demokratiefeindlichkeit und die Angst vor einem angeblichen drohenden Schmoren in der Hölle verbreitet. Die sogenannten "Päpste" sind ungeachtet der blutigen, mordlüsternen und niemals aufgearbeiteten Geschichte der katholischen Kirche nicht nur Führer der vermutlichen reichsten Institution der Welt, sondern auch anerkannt als eine moralische Institution.  

Leitschnur für Milliarden 

Was die höchsten Priester aus dem Vatikan verkünden, ist Leitschnur für 1,4 Milliarden Katholiken. Zwar ist in Deutschland schon seit einiger Zeit der Islam die öffentlichkeitswirksamste Religion. Doch weil die von Atheisten, Agnostikern, Buddhisten, Taoisten und Hindus gestellte Bevölkerungsmehrheit keine einheitliche Interessenvertretung hat, kommt den vom selbsternannten Stellvertreter Gottes auf Erden in Rom geäußerten Anweisungen nach wie vor eine große Bedeutung zu. 

Papst Benedikt, der Deutsche, den sie "Benedetto" riefen, schaffte vor Jahren die Vorhölle für ungetaufte Kinder ab, weil deren Ausschluss aus dem Paradies jahrhundertelang "der besonderen Liebe Christus für die Kleinen" widersprach. Er forderte zugleich ein Ende der Ausbeutung der Erde "durch den Missbrauch der Energien und durch deren schonungslose Ausbeutung für unsere Interessen". 

Der alte Mann und die Jugend 

Benedikt, der bescheidene Mann aus Bayern, lebte vor, was die prominentesten Klimamahner bis heute als Muster nutzen. Mit einem CO2-Fußabdruck so groß wie ein Bergsee vermochte er hunderttausende Pilger, die eigens deshalb in Flugzeuge, Autos und Züge gestiegen und lange, lange Strecken gefahren waren, mit eindringlichen Appellen vor einem  "unersättlichen Verbrauch" begrenzter Ressourcen zu warnen. Benedikt begeisterte damit eine Jugend, die endlich eine Möglichkeit sah, ohne Verzicht zu verzichten und Gutes zu tun, indem sie andere aufforderte, Gutes zu tun.

Benedikt war ein wahrer Gläubiger. Er brauchte keine Fakten, er lebte auftragsgemäß ganz in seiner Vorstellungswelt. Unbeirrt von allen vergeblichen Versuchen aller seiner Vorgänger, Frieden herbeizubeten, trat auch er nur zu gern in seiner Rolle als Versöhner auf, der klare Grenzen für die Meinungsfreiheit zieht und auf eine zentral gesteuerte Weltregierung hofft, damit auch der Missbrauch in der katholischen Kirche endlich endgültig angegangen werden kann.

Gott und sein Plan 

Sein Nachfolger Franziskus, ein leiser Argentinier, der am liebsten in härenen Gewändern gegangen wäre, aber golddurchwirkte Brokatkostüme tragen musste, beendete diesen "Stillstand unter Benedikt XVI." (Frankfurter Rundschau). Er betete nicht nur für den Frieden, sondern zeigte sich überzeugt, dass "Gott nicht ein vom Menschen gebautes Haus will, sondern Treue zu seinem Wort, zu seinem Plan". Der, so predigte Franziskus, sei denkbar einfach: "Christus! Hüten wir Christus in unserem Leben, um die anderen zu behüten, um die Schöpfung zu bewahren!" 

Wer Päpsten zuhört, weiß, wo die besten Politikinfluencer der Neuzeit ihre Lektionen nehmen. Das moderne Berlinern, jener Sprachquark, der sich in markigen Sätzen voller Redundanz und Leerlauf äußert, stammt ursprünglich aus den Sprachlaboren in Rom. Das Dikasterium für die Kultur und die Bildung und die häufig als "Sektion für Allgemeine Angelegenheiten" getarnt auftretende Latinitas-Kommission haben es über Jahrhunderte zur Meisterschaft bei der Entwicklung sogenannter Nullinhalte gebracht. 

Alles schaut nach Rom

Ein für die politische Basisarbeit der Parteien in Deutschland unverzichtbarer Satz wie der von der "führenden Rolle der Bedeutung bei der Durchsetzung der Beschlüsse", die "uns die Zuversicht gibt, dass der Fortschritt bei der Umsetzung der Erfolge nicht nur der Anfang eines kontinuierlichen Prozesses der Vervollkommnung der planmäßigen Aufgaben sein wird", ist undenkbar ohne vatikanische Pionierarbeit. 

Nach Rom schaut alles. Rom ist, geschwundene Bedeutung des Christentums hin oder her, der Mittelpunkt der globalen Doppelmoral. In der Hauptstadt der Heuchelei erflehte man "vom auferstandenen Herrn die Gnade, nicht dem Stolz nachzugeben, der die Gewalt und die Kriege schürt, sondern den demütigen Mut zur Vergebung und zum Frieden zu haben". 

Im Kampf gegen den Kapitalismus 

"Diese Wirtschaft tötet", schloss sich der Armenpapst Franziskus samt seiner Kirche dem Kampf der Linken gegen Kapitalismus an. Die antimodernistischen, antizivilisatorischen und antisemitischen Klischees waren die gleichen. Die Zielgruppe identisch: Romantiker, Reichsbürger, Frauen und Männer, die von einer herrschaftsfreien Gesellschaft träumen, in der sie selbst gern das Sagen hätten. Für keinen der Päpste, deren Amtszeit in die Ära der Populisten fiel, die seit dem Polen Johannes Paul II. Herr über die geistliche Welt im Diesseits waren, hatte der Fortschritt Vorteile. 

Dass die Lebenserwartung drastisch gestiegen ist, seit nicht mehr Bischöfe regieren, erscheint ihnen als Makel - es dauert länger bis zum Eingang ins Paradies. Dass die Kindersterblichkeit mit dem Beginn des Siegeszuges der freien Marktwirtschaft in Jahrzehnten schneller sank als in den Jahrhunderten, in denen Kirchenfürsten ihren Zehnten noch selbst kassierten, war im Sinne von Jorge Mario Bergoglio, als Papst unter dem Moniker "Franziskus" bekannt, logischer Teil der "Globalisierung der Gleichgültigkeit". 

Im Dienst des Lebens 

Mit dem derzeitigen kapitalistischen System, "das weltweit dramatische Ungleichheiten produziert, kann es so nicht weitergehen", urteilte der Papst in seiner Lehrschrift "Evangelii Gaudium" ("Freude des Evangeliums"), die nach einer "Ökonomie des Lebens" verlangte und die "führende Rolle der Bedeutung bei der Durchsetzung der Beschlüsse" verlangt so handfeste, greifbar konkrete Vorschläge, eine "Wirtschaft im Dienst des Lebens" forderte. 

Die "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV. bleibt in der Tradition der skeptischen Zukunftsbetrachtung gefangen, mit der sich die Oberhäupter der katholischen Kirche noch jeder Art von Fortschritt entgegengestemmt haben. Leo hat lange an seinem Erstling gearbeitet, ein ganzes Jahr brauchte er für seine erste Enzyklika, die an uralten kruden Thesen wie der "von Gott geschaffenen GROSSARTIGE MENSCHHEIT" festhält, sich aber in der Form, die Versalien verraten es, der Handschrift des derzeit erfolgreichsten Populisten der Welt zu bedienen versucht. 

Nach zeitgemäßer Mode 

Franziskus Erstling hatte noch 256 Seiten, Leo kommt mit schmalen 180 aus. Die aber haben es in sich. Der 71-jährige Amerikaner, ganz nach zeitgemäßer Mode nebenher auch noch peruanischer und vatikanischer Staatsbürger, sieht sich als Warner vor der Wirklichkeit, der von Gott mit höherer Einsicht gesegnet wurde. Jene GROSSARTIGE MENSCHHEIT stehe "heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen", schreibt er ohne ins Detail zu gehen. Der Plan steht. Niemand kennt ihn.

Vieles muss erst noch geklärt werden. "Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen", verkündet Leo. Die angedachte Art von "Dialog" ist ausweislich der öffentlich dokumentierten Diskussionsfreunde des Pontifex die, die auch Grüne, Linke, Sozialdemokraten und öffentlich-rechtliche Sendeanstalten bevorzugen: Es gibt jede Menge Ansagen abzuholen.

Es mangelt keineswegs an Kalendersprüchen Marke "Eine Stadt zu errichten, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, erfordert in erster Linie, auf dem Felsen der Beziehung mit Gott aufzubauen." Nur Antworten auf Nachfragen darf in dieser Art des monologischen Dialogs niemand erwarten. 

Nur Gott ist auf Augenhöhe 

Dieser Mann spricht nur mit Gott, dem Einzigen auf Augenhöhe. Nach unten predigt Leo, so will es sein Amt als Wanderprediger auf dem CEO-Posten einer billionenschweren Weltfirma, die sich sogar einen eigenen Staat geschaffen hat. Die Erkenntnis wird ihm von oben zuteil, wo theologisch gesehen eine allwissende Wesenheit wohnt, der AGI, jene Fähigkeit, umfassend intelligenter als alle Menschen zusammen zu sein, schon bei ihrer Entstehung als ewiges, ungeschaffenes Wesen außerhalb von Zeit und Raum zugeteilt wurde.

Diesem Papst, dem aktuellen Sprachrohr jener Artificial General Intelligence, geht es diesmal um die Bewahrung des Menschseins im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, die den "lebendigen Korpus an Wahrheiten" bedroht, von dem  der Vatikan angesichts der langen und traurigen Geschichte spricht, wenn er Tatsachen und wissenschaftliche Erkenntnisse meint. Algorithmen dürften keine neuen Sklavenhalter sein, mahnt der Papst. Er vergleicht die Assistenzsysteme mit den Maschinen, die zur Industriellen Revolution führten und erklärt KI zur neuen "res novae", im Deutschen "neue Dinge. 

Schreckensbegriff aus dem alten Rom 

Dieser harmlos klingende Schreckensbegriff stammt aus dem alten Rom, einer nicht weniger traditionellen Männergesellschaft wie sie der Vatikan heute ist. Neue Dinge galten damals wie heute in der Europäischen Union als per se bedrohlich. In der Sprache der alten Römer hatte der Begriff die Bedeutung von "Revolution", "Umsturz"  und "Staatsstreich", hätte es damals Kettensägen gegeben, wären sie womöglich unter dem Markennamen "res novae" verkauft worden.

Die Logik, der die Besorgnis folgt, die in Rom und Brüssel angesichts der neuen Technik herrscht, ist unbestechlich. Da alles gut ist, muss sich nichts ändern. Jedenfalls nichts, was man nicht selbst geplant hat. Alles sollte so bleiben, wie es immer gemacht wrude. Wenn also jemand mit neuen Dingen um die Ecke kommt, bedeutete das im Ernstfall, dass er die bestehende Ordnung stürzen will.

Der Turm zu Babel 

Papst Leo stellt beschwört in seiner Enzyklika den Turmbau zu Babel herauf, um vor den bösen Tech-Milliardären zu warnen. Ein KI, die nicht wie der historische Nehemia allen zutraut, das zu tun, was sie am besten können und den Familien den Teil Jerusalems zum Wiederaufbau zuweist, der am besten zu ihnen passt, ist keine gute KI.

Womöglich rührt so eine eines Tages gar ans Unantastbare. Noch kommen Gemini, ChatGPT und Grok beim Versuch, die Wahrscheinlichkeit der Existenz Gottes zu berechnen, an ihre Grenzen. Als philosophisches, nicht empirisches "Problem" (Grok) sei Gott nicht falsifizierbar, weil er kein messbares physikalisches Phänomen darstelle. Glaube, wie ihn die katholische Kirche im Angebot hat, beruhe auf maximaler, aber nicht widerlegbarer Unwissenheit: Gott existiert oder er existiert nicht. Weder das eine noch das andere lasse sich abschließend beweisen. 

Die geringe Wahrscheinlichkeit des Christengottes 

Mit einer Wahrscheinlichkeit von um die 50 Prozent für und gegen die Gottesexistenz ist eines allerdings klar: Dass es sich beim höheren Wesen um den christlichen Gott handelt, inkarniert in Jesus, aufgefahren zum Vater nach der Auferstehung unter Zurücklassung der Bibel als Offenbarung, ist kaum anzunehmen. Tausende von Religionen beanspruchen Gott für sich. Selbst ohne die zahllosen Schismen im christlichen Glauben läge die Gesamtwahrscheinlichkeit für einen christlichen Gott nur bei zwei bis höchstens 15 Prozent.

Wohl deshalb ruft Leo XIV. nach seiner Analyse der Bedrohung durch Künstliche Intelligenz mit einer Glückskeksparole zur "Zivilisation der Liebe"– in der Praxis versteht er darunter mehr Solidarität, mehr Gemeinwohl, mehr Regulierung und gern auch mehr KI. Solange sie mit dem moralischen Betriebssystem des Katholizismus trainiert worden ist. 


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Habe mal die Abschnitte zur Menschenwürde in der Enzyklika überflogen. Seit die Geltung von Artikel 1 GG auf den Planeten ausgedehnt wurde, ist man da ja ein gebranntes Kind.
Zum Glück nur etlichen Abschnitte Leerlauf, die eine KI nicht besser hätte aufblähen können.