Dienstag, 30. Juni 2026

Fußball-WM: Ballarbeit an der Volksseele

Die Fußball-Weltmeisterschaft hätte ein totgeborenes Kind sein sollen. Kaum hatte sie begonnen, überwog aber doch das allgemeine Interesse an Ablenkung. Jetzt ist Deutschland raus. Nationale Tragödie.

Wie mit der Schere abgeschnitten war an Tag eins alles vorbei. Deutschlands Medien drehten den Hass-Hahn zu, aus dem bis dahin über Wochen ein endloser Strom an Hetze geflossen war. Unerschrockene Reporter hatten der Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada in ihren Berichten immer wieder die miese Maske vom Gesicht gerissen. 

Als es begann, war es vorrüber mit Hetze, Hass und Gejammer über alles. Als es zu Ende war, viel schneller als gedacht, erschien der Coitus interruptus fast gerecht: Die Selbstgerechten fahren wieder einmal früh nach Hause. Wie seit Jahren schon. Eine gute deutsche Gewohnheitsübung. 

Tapfere Enthüller 

Die Geschichte dieser WM ist die einer inneren Ablehnung, gepaart mit dem üblichen Größenwahn. Die Bemühungen vorab waren groß, alles kaputtzureden, abgesehen vom eigenen Team. Tapfer enthüllten ganze Reporterbrigaden, dass es sich bei dem Fifa-Turnier eigentlich um ein gewaltiges kommerzielles Unternehmen handelt. Dass der wirklich üble US-Präsident Donald Trump sich des Ereignisses schamlos bemächtigen werde, um es vollständig zu vereinnahmen. Und dass Millionen Amerikaner in Angst lebten, beim Stadionbesuch von den Terrorgruppen der Ausländerpolizei ICE gefangen und in fremde Länder voller Wurzeln abgeschoben zu werden. 

Der Abschreckungseffekt 

Der gewünschte Effekt trat umgehend ein. Umfragen zeigten, dass die Deutschen sich kaum für das größte Sportevent der Geschichte erwärmen konnten. Niemand würde hinfliegen. Kaum einer zuschauen. Trump habe das nicht verdient, sagten wackere Gelegenheitsfreunde des runden Leders bei Straßenumfragen. 

Es war auch alles viel zu teuer. Die ARD hatte eine Busfahrkarte für fast 100 Dollar entdeckt und einen Mann, der für seinen Parkplatz fast 400 Dollar bezahlt hatte. Shock & Ave wie es ein früherer US-Präsident genannt hatte, der in seiner Amtszeit als das Böse unter der Sonne betrachtet worden war. 

Ganz schlug die Abschreckungsstrategie nicht an. Als das deutsche Team, nach Jahren unter dem toxisch maskulinen Claim "Die Mannschaft" infolge des allgemeinen Rechtsrucks neuerdings wieder als "Fußball-Nationalmannschaft" bezeichnet, zum ersten Mal auflief, konnten die großen Medien zwar befriedigt das Fehlen jeder Euphorie konstatieren. Aber ein wenig Restliebe zum eigenen Team war geblieben, bei aller Ablehnung von Nation und Nationalstolz, wie Schnee vom vom letzten Jahr in einer dunklen Höhle. 7 zu 1 gegen Curacao! Wir waren Weltmeister!

Empörende Zustände 

Das Umschaltspiel im Medienbetrieb lief. Keine der entrüsteten Reportagen über die empörenden Zustände im Hauptgastgeberland USA hatte auch nur annähernd so viele Zuschauer wie die Halbzeitpause eines beliebigen Freundschaftsspiels der DFB-Elf hatte. Doch nachdem die Bundesregierung diesmal demonstrativ darauf verzichtet hatte, selbst ins Bällebad zu springen, schien es nur angemessen, das Mammutturnier in Übersee allenfalls mit den spitzen Fingern anzufassen. Es sind dieselben Finger, die schon Olympia in China und die letzten Weltmeisterschaften in Russland und Katar zu ausgesprochen ekelhaften Veranstaltungen gemacht hatten.

Es fehlt nicht an Sicherheit 

Nicht einmal die früher so beliebten Public-Viewing-Events in namhafter Zahl gebe es, schrieben sie. Als Ursache wurden nicht etwa die Sicherheitsvorkehrungen ausgemacht, von deren Ausmaß sich zur Heim-WM 2006 noch niemand eine Vorstellung hätte machen können. Sondern das fehlende Interesse wegen Trump und seinem Spießgesellen, dem Fifa-Chef Gianni Infantino, den hohen Eintrittspreisen, der mangelnden Möglichkeit, der Welt seine Regenbogenbinden zu zeigen.

Kurz auf knapp aber riss der Dauerbeschuss plötzlich ab ab. 7 zu 1 gegen Curacao! Wir waren Weltmeister! Die Enthüllungen mit Titeln wie "Spielfeld der Macht - Die Welt in Trumps Amerika" und "Foulspiel unter Freunden" waren gesendet. Torben Börgers aus dem ARD-Studio Washington hatte von den Spannungen zwischen den drei Gastgebern-Staaten erzählt und der bekannte Amerika-Kenner Elmar Theveßen hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass die "Fifa machtlos ist gegen Donald Trump". 

Klage über kein Sommermärchen 

Damit war es dann auch gut. Nach Deutschlands Auftaktsieg folgte die Qual gegen die Elfenbeinküste. Nicht schön, nicht gut. Aber die Klage, das werde wohl wie in Katar im Winter wieder kein Sommermärchen, verstummte. ARD und ZDF erinnerten sich gerade noch rechtzeitig der im Kanzleramt formulierten Hoffnung, wenn schon nichts anderes Grund zur Zuversicht gebe, könne vielleicht König Fußball die konsternierte, enttäuschte und ratlose Nation für ein paar Tage aus ihrer Depression reißen. 

Fußball ist immer auch psychotherapeutische Ballarbeit an der von Kummer und Enttäuschung verletzten Volksseele. Genau deshalb war ja das teilstaatliche Telekom-Portal Magenta beauftragt worden, alle die Übertragungsrechte für sämtliche Spiele ohne Rücksicht auf Verluste einzukaufen.

Bei ARD und ZDF galt es zudem, die allein bei den beiden Sendern bei rund 150 Millionen liegenden Ausgaben für den Rechteeinkauf zu rechtfertigen: Eine WM, die niemand anschaut, ist kein Argument für hohe Investitionen ins nächste Turnier. Ohne Fußball aber fehlt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Quotenbringer, in dessen Schatten der Grundversorgungsapparat ungesteuert immer teurer werden kann.

Trumps irritierendes Desinteresse 

Das politisierte Turnier fiel überdies vollkommen überraschend aus. Trump kümmerte sich nicht um die WM. Regenbogenfahnen und -binden waren so wenig zu sehen wie deutsche Innenminister bei spontanen Demonstrativhandlungen auf der VIP-Tribüne. Deutschland trat wieder in den Farben Preußens auf. Das Trikotmuster zitierte überdies das Jahr 1990, jene entgrenzte Aufwallung der Einheit, die in nationalem Rausch und Weltmeistertitel gipfelte.

Schwarze Hose, weißes Hemd, so waren die ersten Fußballer für Deutschland aufgelaufen, klassisch im Stil des Königreichs. Schwarze Hose, weißes Hemd, so wurden die Kicker des Deutschen Fußballbundes (DFB) dreimal Weltmeister. Klassisch waren sie nun von der weißen Hose zurückgekehrt zur schwarzen. Und selbst die Linke und die rabiaten Grünen taten sich diesmal schwer, zu den üblichen Hetzjagden auf Nationalfahnen aufzurufen. 

Die Basis war gerade erst mit einem Strategiewechsel überrascht worden. Im Zuge des allgemeinen Rechtsrucks hatte die Partei beschlossen, vor den Landtagswahlen im Osten mit dem regressiven Schlagwort "Heimat" populistisch um den extremistischen Rand der radikalen Nationalisten zu buhlen.

Hassgesänge beim Rudelgucken 

Zwar sangen ein paar jüngere Parteimitglieder beim Rudelgucken auf dem Parteitag "Deutschland, verrecke", die dank eines Urteils des Bundesverfassungsgerichtes straffrei nutzbare Hassparole aus dem alten Slime-Hit "Deutschland muss sterben". Doch im Gegensatz zur Syltkrise löste das keine allgemeine mediale Aufregung aus, sondern nur große Sorgen im Karl-Liebknecht-Haus: Wer sich von Siegern fern hält, wird in den Augen des gemeinen Volkes schnell selbst zum Verlierer. 

Es war nicht wie damals, als sie die Populisten aller Lager schamlos in Leibchen hüllten, die sich die Ärmsten und Armutsbedrohten nicht einmal in ihren kühnsten Träumen leisten können. Auch der neue Bundeskanzler hoffte aber still darauf, dass die Elf von Julian Nagelsmann möglichst lange durchhält. Von seiner Vorgängerin, die lange mit dem Sport gefremdelt hatte, weiß Merz, dass sportive Großereignisse immer auch Handlungsgelegenheiten sind. 

Helden in kurzen Hosen 

Die Idee von der Sportnation, der Beste sich im fairen Wettbewerb mit anderen Sportnationen messen, kann in diesen Augenblicken missbraucht werden, um Politik zu machen. Ist das Volk im nationalen Taumel, weil elf junge Männer in kurzen Hosen von Sieg zu Sieg eilen, regiert es sich mit leichter Hand: An Tagen, in denen schicksalhafte Länderspiele anstanden, haben Bundesregierung und Parlament statistisch gesehen dreimal häufiger wegweisende Steuererhöhungen, gesetzliche Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten und teure Reformen beschlossen als in Zeiten ohne entsprechende Ablenkung. 

Das Fahnenschwenken, die nationalistischen Adidas-Trikots, die Event-Fans, von Kopf bis Fuß von Check24, Rossmann und 1und1 ausgestattet mit Girlanden in Nationalfarben, billigen Trikot-Kopien und Autofähnchen, sie gehören zur Kulisse eines Sommers, der jetzt nach Verwesung riecht: Nichts, was zuvor prognostiziert worden war, ist eingetreten. Aber alles ist so gekommen, wie es abzusehen war.

Donald Trump hat die Schlagzeilen nahezu komplett geräumt. Wo vor drei Wochen noch jeder Witz des Präsidenten eine Woge an Empörung zur Folge hatte, schalteten die Kommentatoren dann doch lieber nach Winston-Salem, wo die Vorbereitung auf das nächste Match ganz konzentriert betrieben wurde. Polierte Kulissen wurden präsentiert. Wie einst die ARD den dopingverseuchten Tour-de-France-Radsport zu einem hauseigenen Produkt gemacht hatte, machten die Medien jetzt die DFB-Titelmission zu ihrer Aufgabe.

Um das Schicksal der Nation 

Nicht einmal mehr Spurenelemente der Aufregung um die Großkrisen der letzten Monate fanden sich in den letzten Wochen in den Unterlagen.Vom Iran bis Ukraine, von Reformen und Rente über Merz bis Bas und Klingbeil -  alles musste zurückstehen, seit der Ball rollte und sich das Schicksal der Nation und ihrer Regierung wieder auf dem Platz entscheiden sollte. Die "Stimmungswende", die Friedrich Merz im letzten Jahr hatte herbeibefehlen wollen, sie sollte jetzt von Nmecha, Brown, Musiala und Tah bewirkt werden, herbeigeschossen von Dennis Undav und Kai Havertz, angeführt von Joshua Kimmich.

Der "Kapitän", wie die ARD eine liebevolle Dokumentation über den Kicker aus Rottweil genannt hat, war nach seiner Verdammung wegen gewisser Corona-Vergehen wieder in die Gesellschaft aufgenommen worden. Er galt als das Herz der deutschen Mannschaft, er war ihr Taktgeber und neben dem ewigen Torhüter Manuel Neuer ihr bekanntestes Gesicht. Als Friedrich Merz der deutschen Nationalmannschaft in einer typisch merzschen' Fehleinschätzung vor Turnierbeginn telefonisch "viel Erfolg auf der Jagd nach dem fünften Stern" (DFB) wünschte, war es der Impfverweigerer, der sich Merz Versicherung anhören musste. "Ganz Deutschland hält euch die Daumen!", soll Merz gesagt haben, "hier fiebern alle mit!"

Comeback des Ungeimpften 

Wie der ungeliebte, weil ungeimpfte Bayernspieler erlebte das Nationale ein famoses Comeback. Sämtliche Medien hatten das Bashing eingestellt. Es kam vor, dass Gianni Infantino im Fernsehen zu sehen war, wie er auf der Haupttribüne saß und guckte, ohne dass Kritik geäußert wurde. Um 150 Millionen Tickets hatten sich Fans beim fürstlich geführte Weltverband des Italieners beworben. Nur 5,5 bis sechs Millionen standen zur Verfügung.

Und trotz der gerade von Nicht-Amerikanern als astronomisch hoch empfundenen Preise ist so ziemlich alles weggegangen. Auch deutsche Anhänger seien mehr da als zuletzt in Russland und Katar, hat ein Turnierbegleiter des ZDF bemerkt. Nach all dem Aufwand und den Mühen im Vorfeld, möglichst jedem allen Spaß an einer Reise zur WM zu vergällen, klang das geradezu obszön unkritisch.

Merz spürte das Mitfiebern 

Der Regierungschef, ein Meister im Erkennen gesellschaftlicher Großströmungen, spürte das Mitfiebern schon vor dem ersten Anstoß. Wie auf sein Wort waren aus den Bildern der fahnenschwenkenden Sachsen, die für einen ganz normalen Menschen kaum zu ertragen waren, Hoffnungszeichen geworden. Wenn schon nichts sonst mehr geht, würde der Fußball zeigen: Deutschland kann es noch, Deutschland könnte wieder wer werden! 7 zu 1 gegen Curacao!

Der Schub könnte die Landtagswahlen entscheiden. Die schlimmen Umfragewerte drehen. Auf europäischer Ebene würden endlich die Stimmen verstummen, die nach der europäischen Armee endlich auch eine einzige unschlagbare Multinationalmannschaft fordern. 

Lange reichten Medien es als gutes Omen herum, dass das Lied zum kommenden Triump "Dieser Zug hat keine Bremsen" hieß. Ein dumpfer Gesang gleichen Namens hatte den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz vor neun Jahren bis beinahe ins Kanzleramt getragen. Der Hausherr dort zeigte sich auch Augenblick des Scheiterns noch einmal als Besucher aus einer Parallelwelt: "Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, DFB-Team!", stellte er seine Sichtweise vor. "Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch."

Montag, 29. Juni 2026

Flüsse als Verschwender: EU-Rettungsrichtlinie für unser Wasser

Sie wirken auf das ungeübte Auge idyllisch, sind aber die wahren Wasserfresser in der EU: 188 Billionen Liter Wasser fließen aus deutschen Flüssen jährlich ins Meer, wo sie sofort versalzen.

Es ist das blaue Gold, eine wertvolle Ressource, an deren beständige Verfügbarkeit sich die Menschen in Europa über Jahrtausende gewöhnt haben. Wasser ist immer die, in hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland abgesehen von den Zeiten der Dürre sogar häufig über das Maß hinaus, das sich Bürgerinnen und Bürger wünschen.

In manchen Regionen reagieren die Behörden in Krisensituationen mit Verboten, Wasser aus dem eigenen Brunnen zu entnehmen oder mit Trinkwasser den Garten zu bewässern. Mit der Energieeffizienzrichtlinie hat die EU-Kommission überdies bereits vorbeugend für einen sparsamen Umgang mit dem kostbaren Nass gesorgt. 

Wasserverbrauch unter Beobachtung 

Falls es eines Tages doch noch zum Bau der geplanten Giga-KI-Rechenzentren kommen sollte, deren Errichtung die Kommissionsvorsitzende Ursula von der Leyen im April vor fünf Jahren mit ihrer ersten "Mitteilung über die Förderung eines europäischen KI-Ansatzes" angekündigt hatte, wird deren Wasserverbrauch unter genauer Beobachtung bleiben. Es soll verhindert werde, dass ein Überverbrauch wie den Vereinigten Staaten die europäischen Dürreprobleme weiter verschärft.

Die Daten selbst sind zwar umfassend durch Geheimhaltungsvereinbarungen geschützt. Kern der übergreifenden Strategie ist allerdings eine "KI-First"-Politik, bei der Künstliche Intelligenz als potenzielle Lösung in Entscheidungsprozesse einbezogen wird. Europäische Sprachmodelle wie Mistral AI, das gerade nach Kanada abgewanderte Aleph Alpha und die souveräne KI-Plattform DeepL werden zur Identifizierung von Problemen und bei der Suche nach Lösungen herangezogen.

KI deckt Wasserfresser auf 

Mit großem Erfolg bereits im ersten Anlauf. Während die Beamten in Brüssel bei der Regulierung des Wasserverbrauchs bisher vor allem ein Auge auf Vorgärten und Rechenzentren gelegt hatten, enthüllte die KI bereits nach einem sechswöchigen Agent-Einsatz im Auftrag der EU-Kommission den wahren Wasserfresser. 

Der im Rahmen der  "Apply AI Strategy" erteilte Auftrag förderte unglaubliche Zahlen zur größten Trinkwasserverschwendung innerhalb der Union zutage. Es geht um eine Wassermenge von täglich 515 Millionen Kubikmetern allein in Deutschland, die sich pro Jahr auf 188 Milliarden Kubikmeter summieren. 

Für ganz Europa sieht das Bild sogar noch schlimmer aus: Hier gehen täglich 7,67 Milliarden Kubikmeter verloren. Pro Jahr entspricht das einer Wassermenge von 2.800 Milliarden Kubikmetern oder umgerechnet 2,8 Billiarden Litern. Es bräuchte den Victoriasee in Ostafrika, dessen Ufer sich Tansania, Uganda und Kenia teilen, um diese Wassermenge aufzunehmen. 

Die größten Wasserverschwender 

Europas Flüsse verschwenden so bisher Jahr für Jahr eine Wassermenge, wie sie der drittgrößte See und  flächenmäßig zweitgrößte Süßwassersee der Welt enthält. 188 Milliarden Kubikmetern verschwinden ungenutzt in den Meeren rund um die EU. Sofort nach dem Einfließen werden sie für menschliche Zwecke unbenutzbar: Wertvolles Trinkwasser versalzt - mit der allein aus Deutschland auf diese Art vernichteten Wassermenge ließe sich der Bodensee knapp viermal komplett füllen. 

Die Folgen der fehlenden Wassermenge sind inzwischen überall zu spüren, vor allem aber dort, wo der Mangel sich zeigt. Vor Jahren schon rief die Stadt Konstanz sich wegen der Verschwendungsfolgen selbst zum Klimakrisengebiet aus.  Seitdem hat sich die Lage verschlimmert: Heute transportieren deutsche Flüsse in jedem einzelnen Vierteljahr einmal das Wasservolumen des Bodensees ungenutzt im Meer. Im Fall des Bodensees befindet sich die Leckstelle bei Stein am Rhein, der eigentliche Abfluss erfolgt dann in die Nordsee. 

Das größte Leck im Wasserloch 

Ein Problem, das bisher weder in Berlin noch in Brüssel Beachtung gefunden hatte. Alle von der EU bisher beauftragten Forschungsarbeiten zur Wasserknappheit in Europa fokussierten die Aufmerksamkeit auf Industrie, Verschmutzung, Verschwendung in Haushalten und Kleingärten. Selbst engagierte Aktivistengruppen vermochten sich mit Vorwürfen an die Brandenburger Tesla-Fabrik als Hauptverursacher deutscher Dürren nur zeitweise durchzusetzen.  

Mit den Studienergebnissen der KI, gewonnen im Auftrag eines von der EU an das Climate Watch Institute (CWI) in Grimma vergebenen Forschungsarbeit, bekommt die zunehmende Verknappung von Wasserressourcen in der EU ein neues Gesicht. Das größte Leck im Wasserloch Europa sind die Flüsse, die auf das ungeübte Auge idyllisch wirken, aber dafür sorgen, dass Billionen Liter Wasser verschwinden, versalzen und nur mit großem Aufwand wieder genutzt werden können.

Die Verursacher der Dürre  

Schon im Jahr 2022 hatte das EU-Parlament konstatieren müssen, dass bis zu 34 Prozent der EU-Bevölkerung und 40 Prozent des EU-Gebiets von saisonaler Wasserknappheit betroffen waren. In Südeuropa litten in den Sommermonaten bis zu 70 Prozent der Bevölkerung unter Dürre, obwohl Europa durch seine Geografie und die riesigen Flusssysteme als extrem gut mit Süßwasser versorgt gilt. 

Doch woher der erstaunliche Mangel rührt, blieb lange unklar. Die privaten Haushalte in Deutschland etwa verbrauchen im Jahr nur rund 3,80 Milliarden Kubikmeter Wasser. Selbst zusammen mit der Industrie, dem Handwerk, der Landwirtschaft und dem wachsenden Behördenbedarf kommt das größte EU-Land nur auf einen Süßwasserbedarf von 4,67 Milliarden Kubikmetern. Gemessen an den 188 Milliarden Kubikmetern Wasser, die in deutschen Flüssen treiben, sind das nicht einmal 2,5 Prozent.

Die Weltmeere als Wasserräuber 

Ursächlich für die Wasserkrise sind die Süßwasserabflüsse der europäischen Flüsse in Atlantik, Nordsee, Ostsee, Mittelmeer und Schwarzes Meer. Die liegt bei erschreckend hohen 2.800 Milliarden Kubikmeter jährlich. Eine Wassermenge, mit der Deutschland 600 Jahre lang komplett versorgt werden könnte. Der 
Bodensee-Vergleich zeigt die enorme Dimension des Problems: Mit den Wassermassen, die ganz Europa jährlich ungenutzt ins Meer entlässt, könnte man den Bodensee gut 58-mal randvoll füllen.

Das soll jetzt Konsequenzen haben. Nach der Europäischen Energieeffizienzrichtlinie (Energy Efficiency Directive – EED) sind die Mitgliedsstaaten der Gemeinschaft nicht nur verpflichtet, elektrische Kleingeräte zu regulieren und energiehungrige Industrieansiedlungen zu verhindern, sondern auch einen sparsamen Ressourceneinsatz durchzusetzen. Das zentrale EU-Rahmenwerk, einst Kernstück des "Fit-for-55"-Pakets der EU, schreibt die Überwachung der Energie- und Wassereffizienz vor. Bei Kennziffern wie der Power Usage Effectiveness und der Water Usage Effectiveness (WUE) aber schneiden Flüsse sogar schlechter ab als Kleingärten, Zementfabriken, Giga-Rechenzentren und Zahnarztpraxen.

Flüsse mit desaströsem Verhältnis 

Das Verhältnis von verbrauchtem zu genutztem Wasser in Litern ist bei Flüssen geradezu desaströs. Nicht einmal vier Prozent der mitgeführten Wassermenge werden effektiv eingesetzt, um grüne Energie zu erzeugen, Bionahrungsmittel heranzuziehen oder Getränke herzustellen, damit Alte und Vulnerable bei Rekordtemperaturen viel trinken können. 

Der Vergleich mit dem unter Umweltaktivisten für seinen Durst bekannten Tesla-Werk in Grünheide zeigt das ganze Dilemma: Zuletzt verbrauchte das Werk rund 457.000 Kubikmeter Frischwasser pro Jahr für eine Produktion von 200.000 bis 250.000 Fahrzeugen. Pro Auto wurde 2,16 Kubikmeter benötigt. Alle europäischen Flüsse verbrauchen 6,1 Millionen Mal mehr, ohne ein einziges Auto zu produzieren. Alles strömt ungehindert und ungebremst in Meere, wo sich das wertvolle Süßwasser ungehindert mit Salzwasser vermischt.

Die EU greift ein 

Auch gemessen am jährlichen Wasserfußabdruck aller US-Rechenzentren von 800 Millionen Kubikmetern sieht die Bilanz der europäischen Flüsse verheerend aus. Der Wasserbedarf der US-Giga-KI-Fabriken und Cloud-Farmen entspricht gerade einmal 0,43 Prozent der Wassermenge, die aus Deutschland jedes Jahr ungenutzt ins Meer fließt. In nur anderthalb Tagen spülen Rhein, Elbe und die anderen Fließgewässer den gesamten Jahresverbrauch der US-Hightech-Rechenzentren der in die Meere.

Die EU-Kommission will dem jetzt ein Ende setzen. Als Konsequenz aus dem Testat der CWI-Prüfer aus dem sächsischen Grimma plant die Kommissarsrunde einen Water Act, mit dem die bereits existierende Wasserrahmenrichtlinie und die Trinkwasserrichtlinie konsequenter umgesetzt und auch im Flussbereich durchgesetzt werden soll. Der sogenannte Blue-Deal - Kommissionschefin von der Leyen spielt mit der Namensgebung auf ihre erfolgreiche Green-Deal-Initiative von 2019 an - soll künftig strenge Standards für Flussläufe setzen, um deren Hang zur Verschwendung auszubremsen.

Gigantische Aufgabe für Europa 

EU-Wasserkommissarin Magdalene Marsten hat in den Zeitungen der Funke Mediengruppe deutlich gemacht, welch gigantische Aufgabe vor Behörden, Haushalten und Industrie steht. Sollen Deutschland und anderen europäischen Staaten wasserneutral werden, müssen ab 2027 europaweit Jahr für Jahr 48 Bassins gegraben mit der Tiefe und Größe des Bodensees gegraben werden. 

Dabei handelt es sich um Becken mit einer Tiefe von über 200 Metern und einem Oberflächenmaß von mehr als 500 Quadratkilometern. Um wertvolle Fläche zu sparen, sieht die EU-Wasserstrategie vor, bis auf eine Tiefe von 600 bis 1.000 Metern zu gehen. Dadurch könnten die Blue-Deal-Bassins  auf Abmaße von etwa 20 mal 20 Kilometern beschränkt werden, heißt es in Brüssel.

Zuvor aber will die Kommission "das Bewusstsein schaffen, dass Flüsse enorme Wasserverschwender sind", wie es in Brüssel heißt. Eine Möglichkeit, diese bislang so erfolgreiche verdrängte Tatsache zu verdeutlichen, könne darin bestehen, den Verbrauch der einzelnen Fließgewässer zu messen, betont ein Sprecher. 

Die Flüsse als Verschwender 

Zwar sei vielen Bürgerinnen und Bürgern bekannt, das viel Wasser in privaten Gärten, in Haushalten und in der Industrie verbraucht werde. Bislang aber fehle es "an einem Problembewusstsein dafür, wo das größte Leck der europäischen Wasserversorgung klafft", teilte die Umweltkommissarin mit. "Verglichen mit Flüssen handeln Industrie, Landwirte und wir als Verbraucher schon längst so, wie wir müssen, weil Wasser ein endliches Gut ist." 

Europas zunehmende Wasserknappheit aber erfordere die Bereitschaft, sich einem Bewusstseinswandel zu stellen, den die geplante Blue-Deal-Messkampagne befördern soll. "Wenn die Leute genau sehen können, wie viel von unserem wertvollen Wasser Flüsse sinnlos verbrauchen, werden sie auch bereit sein, die notwendigen Investitionen zu unterstützen." Gedacht ist zur Umsetzung des Bassin-Plans an ein neues gemeinsamen EU-Sondervermögen nach dem Vorbild des letzten Rettungspakets für die Ukraine.

Sonntag, 28. Juni 2026

Europa 2031: Angst vor dem Untergang

Eine transistorbasierte EU-KI neuester Bauart.  

Der Verbrenner darf doch weiterfahren. Das Heizungsgesetz wird rückabgewickelt. Die EU reformiert den CO₂-Handel. Und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat jetzt auch das Energieeffizienzgesetz so umgebaut, dass möglicherweise doch noch investitionswillige Unternehmen nicht gezwungen werden, bei der Umsetzung der Europäischen Energieeffizienzrichtlinie neue Rechenzentren um sogenannte "Mindesteffizienzanforderungen" herumzubauen.

Großmütig, räumt die Bundesregierung den Unternehmen eine längere Übergangsfrist ein. Nicht nach zwei, sondern erst nach vier Jahren sollen sie komplett auf einen Antrieb aus erneuerbarem Strom umsteigen müssen. Und die anfallende Abwärme muss nur noch in Fernwärmenetze eingespeist werden, wenn am Standort welche existieren.

Digitale Souveränitäter 

Ob die Erleichterungen dafür sorgen, dass die erhofften Milliardeninvestitionen digitale Souveränität und wirtschaftliches Wachstum endlich doch noch in Gang kommen, ist nicht ausgemacht. Trotz der neuen Regeln bleiben die Strompreise hoch, die Bürokratie ist weiterhin erstickend und vielerorts im Land haben sich Bürgerinnen und Bürger bereits von Populisten scharfmachen lassen, gegen die digitale Zukunft ins Feld zu ziehen. 

Doch die Kette der zuletzt abgeschwächten, ausgehebelten und verschobenen strengen Vorgaben zeigt das Ausmaß an Beunruhigung und Panik, das in Berlin und Brüssel herrscht. Europa, im letzten Jahrzehnt im internationalen Wettbewerb ohnehin schon nach hinten durchgereicht, droht, den Anschluss an die Moderne endgültig zu verlieren.

Aufregung in den Chefetagen 

Woher die öffentlich nirgendwo bekundete stille Aufregung in den Chefetagen der deutschen und der multinationalen europäischen Regierung rührt, zeigt ein düsteres Szenario, das eine Gruppe europäischer KI-Experten hat unter dem Namen "Europe 2031" vorgelegt hat. Das Papier ist ein Dokument eines epischen Scheiterns, das einen Kontinent beschreibt, der wie die berühmte Trickfilmfigur längst über die letzte Kante zur Schlucht spaziert ist und jetzt nur noch Luft tritt.

Mehr als das, zu diesem Schluss kommt der Horrorroman auf 68 Seiten, wenn Kommissionschefin Ursula von der Leyen ihre KI-Strategien in die Welt bläst oder Katherina Reiche sich für eine "deutliche Entlastung von mehr als drei Milliarden Euro für besonders energieintensive Betriebe" durch ihre neuen "praxisnahen Regeln für Rechenzentren" lobt.

Ein verlorenes Spiel 

Das Spiel, so prognostizieren die acht Experten, ist verloren. "Europe 2031" zeigt schonungslos, wie die EU die KI-Revolution verpasste und bis 2031 weiter verpassen wird. Ökonomisch, technologisch und geopolitisch werde sie sich in fünf Jahren an den Rand gedrängt wiederfinden. Kein "Kraftzentrum" der Welt mehr, sondern eine Ladentheke für die virtuellen Produkte der anderen. 

Das Entsetzen, das kürzlich ausbrach, als Anthropic AI auch den Europäern den Zugang zu seinen "Fable"- und "Mythos"-Modell abschnitt, wird nicht die letzte dunkle Stunde blieben. Es warten deren noch viele auf dem Weg in eine Zukunft, die die EU mutwillig abgelehnt hat, weil ihr Verwaltung und Umverteilung schon immer wichtiger waren als Wirtschaft, Wettbewerb und Wachstum.

Eine Dystopie wie ein Kinderbuch 

Für die einfachen Gemüter in den Regierungszentralen haben die Autoren sich beim Verfassen ihrer Dystopie ausdrücklich Mühe gegeben. Ihre Erzählung verzichtet auf kompliziertes Fachkauderwelsch, sie nähert sich der Schicksalsfrage nach schlimmen Stunde, als alles vor die Hunde ging, durch die Gestalt der fiktiven EU-Beamtin Caroline Dubois, die in Brüssel dient, und dem ins Silicon Valley geflüchteten deutschen AI-Innovator Christian Vogt. 

"What getting AI wrong means for us", soll geklärt werden, heißt es. Also "was Fehler im Umgang mit KI für uns bedeuten". Das "uns" ist natürlich das politische "Wir", mit dem sich die EU-Eliten bei jedem ihrer großen Auftritte aller verfügbaren Volksmassen bemächtigen. "Uns" schließt aber auch die Forscher ein, die sich davor fürchten, was kommt, "wenn wir jetzt nicht handeln". 

Europa verliert die Zukunft 

Europa verliere dann "die Fähigkeit, seine Zukunft selbst zu gestalten", Europa werde wirtschaftlich und politisch an den Rand gedrängt, "mit Werten, die wir nicht verteidigen können, Sozialsystemen, die wir nicht mehr finanzieren können, Risiken, denen wir nicht begegnen können, und einer Union, die nicht mehr bestehen kann".

Das Wort "Wohlstand" kommt  hier nicht vor. Im Duden der europäischen "Wir"-Welt steht es ganz hinten. Sichtlich schreiben hier Spezialisten, die sich als Lobbyisten einer Branche sehen, die es geben könnte, würden die demokratisch gewählten Weichensteller nur endlich aufwachen. Und, wieder einmal wie immer, die Notwendigkeit der "ambitioniertesten politischen Agenda in der Geschichte  Nachkriegseuropas" ausrufen.

Der falsche Siegeszug

Die Not ist groß. Lange hatte sich die EU mit dem Gedanken über ihre Unfähigkeit,  Innovationen zu entwickeln, vom chinesischen Chatbot DeepSeek Modell R1 trösten lassen. Das Teil war günstig, leistungsstark und aus Teilen zusammengebaut, deren Herkunft bis heute ungeklärt geblieben ist.  Brüssel nahm das als Beweis, dass Europa nicht die Fehler der Amerikaner machen müsse, viel Geld zu investieren, um bei der Künstlichen Intelligenz mitzuhalten. Man würde die großen Imperien aus dem silicon Valley einfach überholen, ohne sie vorher einholen zu müssen.

"Klein und clever", das war die Devise des KI-Acts, vor allem aber streng überwacht und staatliche finanziert. Caroline Dubois aber, die gerade aus dem Silicon Valley zurückkehrt, ist demonstrativ alarmiert: In Übersee hat sie erfahren, dass dort wirklich daran geglaubt wird, dass die Allgemeine KI, die alles können wird, schon in zwei bis drei Jahren Realität sein werde. Den Europäer bliebe damit nicht einmal genug Zeit,  ihre großen Giga-KI-Fabriken an die Fernwärmenetze anzuschließen, denn bis dahin wären die nicht einmal genehmigt.

Das größte Hindernis 

Die amerikanische Dynamik macht der jungen Forscherin Angst. Ihr schwant fast, dass ausgerechnet die umfassende europäische Regulierungsstrategie das größte Hindernis bei der Umsetzung der europäischen Souveränitätsstrategie sein könnte. Europa 2031 wäre dann ein Kontinent am Tropf fremder Technologie. Also eigentlich wie heute, nur noch schlimmer. Derzeit lassen sich die Großkonzerne wenigstens noch drangsalieren, wo sie schon nicht zu ersetzen sind. Eine AGI aber ließe sich deutlich schwerer abkassieren

Dieses Szenario des Abgleitens der EU in die Bedeutungslosigkeit durch eine KI-Politik, die jeden Kontakt  mit der Realität vermeidet, malen die Autoren plakativ an die Wand. KI schreibt heute schon den Großteil der Software in den führenden KI-Laboren. KI betreibt eigene Forschung und definiert Cybersicherheit neu. Sie droht, auf Arbeitsmärkte und Kriegsführung überzugreifen. Und sie wird, das ist absehbar, das globale Machtgleichgewicht so grundlegend verändern wie das Maschinengewehr und der Panzer. 

In Jahren, nicht Jahrzehnten 

"Als zuletzt eine Technologie das Leben so grundlegend veränderte wie die KI es nun tut, nannten wir es eine Industrielle Revolution", schreiben die Warner von der Arq Foundation, dem Delta Institute, dem Visionaries Club und dem MIT. Und diese Veränderung werde "in Jahren, nicht in Jahrzehnten, eintreten".

Sie sind beunruhigt, denn "der Großteil Europas hat das Tempo und das Ausmaß des bevorstehenden Wandels noch nicht begriffen, und diejenigen, die es begriffen haben, äußern sich nicht laut genug." Immer noch hofften viele, "dass sich die KI-Problematik irgendwie erledigt oder dass Klugheit die notwendigen Kompromisse ersetzen kann, um in einer sich rasant verändernden Welt relevant zu bleiben". Viele kluge und gut informierte Menschen im Silicon Valley hätten den Kontinent deshalb bereits abgeschrieben. Sie "sind überzeugt, sein Niedergang sei besiegelt und unumkehrbar."

"Giga" schrumpft bedenklich 

Der Augenschein spricht dafür. Seit dem Pariser KI-Gipfel im Februar 2025, auf dem Ursula von der Leyen wie immer euphorisch einen 200 Milliarden schweren "InvestAI-Fonds" ankündigte, ist nichts passiert. Außer, dass sich die Preise für Halbleiter, die die geplanten "AI Gigafactories" benötigen würden, verdreifacht haben. "Giga" schrumpft, auch wenn es keiner öffentlich sagt. Die 200 Milliarden reichen heute so weit wie Alphabets Etat für KI-Investitionen im August.

Die als Strohfeuer entfachte Kommissionseuphorie ist verpufft. Der 200-Milliarden-Fonds hat sich als  Luftnummer entpuppt. Die traurige Wahrheit ist, dass Regulierung von Innovationen Innovationen nicht ersetzen kann. Und staatliche Fördermittel, vergeben in langwierigen, länderübergreifenden Ausschreibungsverfahren, bei denen Regierungen um jeden Cent feilschen, die massiven Investitionen anderenorts nicht ausgleichen können. 

Es mangelt an allem 

Seit sich herausgestellt hat, dass Rechenleistung wirklich die Voraussetzung für Künstliche Intelligenz ist, kommt EU-Europa nicht mehr hinterher. Der Kontinent kämpft Europa mit Energieknappheit, Bürokratie und fehlendem Kapital. Das bisschen, was schon da ist, wird verkauft. Der Rest stellt sich als schlecht heraus. 

Brutal legen die Ergebnisse der Fehleinschätzungen, die von Paris über Brüssel bis Berlin als Mantra gebetet wurden, den Grundmangel offen: KI automatisiert Arbeit und führt zu hohen Produktivitätsgewinne. Dort, wo die Produktivität ohnehin schon lange hinter die USA und China zurückgefallen ist, verliert sie noch mehr an Wettbewerbsfähigkeit. 

Der Tiefpunkt

Europa ist 2031, wie heute schon bei den Fragen von Krieg und Frieden, nur noch Zuschauer. Die Union wird noch schwächer sein, sie wird ihre üppigen Sozialsysteme auch mit den geplanten Tricks nicht mehr finanzieren können und damit auch Illusion verlieren, eines Tages würde alle auf den europäischen Weg einschwenken, wenn man nur konsequent an seinen "Werten" festhalte. 

Europas Geschäftsmodelle brechen zusammen. Die Steuerbasis erodiert schneller noch als heute. Die noch können, zahlen noch mehr. Doch es reicht nicht. Soziale Unruhen nehmen zu. Caroline Dubois wird im Papier zu einer Tagung in die Staaten begleitetet. Sie ist unschwer als Menetekel zu erkennen. Sie kommt mit der Bostchaft zurück, dass Europa hat die KI-Revolution nicht verpasst hat, weil es zu dumm war – sondern weil die falschen Leute aus falschen Gründen die falschen Prioritäten gesetzt haben.

Niemand wird es gewesen sein 

Verantwortung für dieses Versäumnis wird - aus der Causa Merkel ist das bekannt - niemand übernehmen. Europa wird sich abfinden  mit einem Status als durchreguliertes Museum, dem es an Taxifahrern fehlt, weil selbstfahrende Autos noch in der Genehmingungsschleife hängen. 

Am Endpunkt des Szenarios im Jahr 2031 hat die verpasste KI-Revolution zu dauerhafter ökonomischer und politischer Marginalisierung geführt. Washington kontrolliert den Zugang zur KI und teilt die besten Modelle nur noch mit ausgewählten Partnern. Vielleicht wird einer der großen US-Konzerne die alten  deutschen Autobauer übernehmen und Roboterfabriken daraus machen. 

Samstag, 27. Juni 2026

Zu Lande, zu Wasser und in der Luft: Auf Grund gelaufen

Das Drama um die Fregatte F126 ist beendet. Für nur 2,3 Milliarden bekommt die deutsche Marine jetzt kein Schiff, das zwei Jahre im Einsatz bleiben kann.

Gemeinsame Flugzeuge können sie nicht. Bei Panzern sieht es schwierig aus. Und jetzt geht auch noch die Kampfschiffflotille der Zukunft auf Grund. Rüstung ist 85 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und vier Jahre vor dem erwarteten Einmarsch der Russen ein hochkompliziertes Geschäft. Nie weiß man vorher, was man braucht. Ist es dann endlich ermittelt, in endlosen Beratungsrunden, die immer wieder nachjustiert werden müssen, droht oft ein Gorch-Fock-Trauma: Was man haben will, das kriegt man nicht und was man kriegen kann, das gefällt einem nicht.

Ein multinationales Planungsjahrzehnt

Dramatisch endete das beim Luftüberlegenheitsjäger FCAS, von dem nach einem multinationalen Planungsjahrzehnt, das bis zur EU-Kommissionschefin zu Vorabverzückung gesorgt hatte, nur Luft blieb. Dem deutsch-französischen Panzerbauvorhaben MGCS - die Abkürzung steht für "Monstre Gigantesque Chose Super", also so viel wie "Monstermäßiges Kettenfahrdings", geht es kaum besser. 

Auch hier zieht Europa gemeinsam an viel zu vielen Strängen: Die Bundeswehr möchte ein Gefechtsfahrzeug, das auch schwangere steuern können. Frankreich aber besteht darauf, dass der Panzer der nächsten Generation atomar bewaffnet sein müsse, einen französischen Namen bekommt und groß genug wird, um ausreichen viele Teile in Frankreich fertigen zu können.

Keine Eile im Panzerbau

Da das MGCS erst für die 2040er Jahre erwartet wird, ist bei den Panzerbauern noch keine Eile ausgebrochen. Frankreich hat über die Zeit bis zum erwarteten russischen Angriff im Jahr 2029 eine Zwischenlösung mit der Bezeichnung "CAPINT" präsentiert. CAPINT, ins Deutsche übersetzt so viel wie Canon d'Assaut sur Plateforme Intégrée Nouvelle Technologie, also "Kanonensturmplattform mit integrierter neuer Technologie", ist ein hochvernetzter Panzer mit unbemanntem Turm und automatischer Ladeeinrichtung. 

Das Fahrzeug kann vollständig aus der Wanne bedient wird. Dazu wird einfach ein  französischer ASCALON-Turm auf ein altes Fahrgestell des deutschen Leopard 2 A8 genagelt. ASCALON bedeutet Avionique Système Combat Aérien Long Offensif Nucléaire - auf deutsch schlicht "Avionik Langstrecken-Offensiv-Luftkampfsystem Nuklear".

Die Auslegung auf 120-mm-Munition gilt Praktikern zwar nicht als ideal, aber nach einer Fronterprobung aber halten Praktiker eine Umrüstung auf Kaliber bis 140 Millimeter für machbar. Im Moment verfüge, heißt es auf der Hardthöhe, die Bundeswehr ohnehin nicht über Vorräte an 140-mm-Granaten, da in den aktiven Truppen wie dem Leopard 2 standardmäßig sparsam 120-mm-Munition genutzt wird, weil auch da die Lager nicht übervoll sind.

Ein Mehrzweck-Milliardengrab

Zu Lande ist damit alles in Butter. Bei der Marine aber drängte die Entscheidung. Sechs Jahre nach dem scharfen Start des Rüstungsprojekts F126 hatte sich das ursprünglich unter dem Tarnnamen "Mehrzweckkampfschiff MKS 180" entworfene Bauvorhaben als Milliardengrab entpuppt. Dabei war im Juni 2020 bei der Vertragsunterzeichnung zwischen dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und dem niederländischen Hauptauftragnehmer Damen Naval noch von einem wahren Wunderkreuzer die Rede gewesen. 

Weltweit einsetzbar würde der neue Stolz der Bundesmarine sein, auf Befehl des Bundestages unterwegs von den Tropen bis in Eis führende Gewässern. Sowohl die Straße von Hormus könnte er bei Bedarf freikämpfen als auch das von den USA bedrohte Grönland entsetzen. Modular aufgebaut und ausgelegt, zwei Jahre im Einsatz bleiben zu können, ehe es zur Wartung in die Werft muss, stand auch nicht die Frage, was geschieht, wenn der Russe pünktlich ist.

Zwei Schiffe sind immer teurer als vier 

Anfangs waren vier dieser Schiffe für knapp 5,3 Milliarden Euro bestellt worden. Eine Summe, die sich nach Berechnungen der Groko leicht aus Einsparungen beim Bürgergeld finanzieren lassen würde. Später kamen zwei weitere Bestellungen hinzu. Nach neueren Berechnungen stiegen die Kosten damit erwartbarerweise auf zehn Milliarden. Zwei Schiffe sind immer teurer als vier. Es war jedenfalls das größte Marine-Rüstungsprojekt der Neuzeit, ein Vorhaben wie damals der Bau des Schlachtschiffs "Tirpitz", eines 250 Meter langen Stahlkoloss mit 2.500 Mann Besatzung, dessen größter Einsatz die Beschießung der Wetterstation Barentsburg auf Spitzbergen im Jahr 1934 war.

Bis es Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius jetzt jäh stoppte. Zu teuer, zu spät, zu viele "Risiken, die mit einem Generalunternehmerwechsel einhergegangen wären". Nachdem der absehbare Geldbedarf um ein weiteres Drittel auf einen Schnaps über 15 Milliarden Euro gestiegen war - drei Jahre Bürgergeldkürzung oder umgerechnet 44 Jahre Sektsteuer - befahl Pistorius umstandslos volle Fahrt zurück. Deutschland spart damit immerhin fast 13 Milliarden. Abgesehen von den 2,6 Milliarden, die für die Entwicklung ausgegeben wurden, entstehen keine weiteren Kosten. Allerdings gibt es dafür auch kein einziges Schiff.

Ende einer Dienstfahrt auf dem Trockenen

Bei der Marine sind sie nicht unglücklich, dass das Drama endet. Denn der Hauptauftragnehmer war unterwegs zum fertigen Schiff auf unerwartete Probleme gestoßen. Eigentlich hatte bis zum ersten Stahlschnitt im Dezember 2023 auf der Peene-Werft in Wolgast alles gut ausgesehen. Die Auslieferung des ersten Schiffes mit Anfangsbefähigung Mitte 2028 schien realistisch - auch wenn "Anfangsbefähigung" nur bedeutet, dass das Boot schwimmfähig gewesen wäre. 

Bis 2034 sollte dann die Auslieferung der restlichen fünf Schiffe erfolgen. Nicht hektisch jedes Jahr eins, aber mit Puffer doch allesamt in sechs Jahren. Die mächtigen Schiffe, Länge 166 Meter, 21 Meter breit, Wasserverdrängung knapp 11.000 Bruttoregistertonnen, sind etwa so groß wie ein Containerschiff der Wangerland-Klasse, ein Handysize-Produktentanker oder ältere Fährschiffe, wie sie in Ostsee- und Mittelmeer mit Platz für etwa 400 bis 600 Passagiere und Fahrzeuge verkehren. Als reine Bauzeit solcher zivilen Serienschiffe kalkulieren Werften in Südkorea typischerweise neun bis zwölf Monate. Die "Tirpitz" war seinerzeit in drei Jahren zusammengeschraubt worden.

Es wirkt kleiner als es ist

Doch ein modernes Wasserüberlegenheitsschiff für die Bundeswehr braucht natürlich deutlich länger. Das Projekt F126 wirkt im Vergleich zu den historischen Großprojekten aus dem Zweiten Weltkrieg oder gigantischen Flugzeugträgern nicht nur kleiner, es ist kleiner. Die "Gerald R. Ford" (CVN-78), ein Flugzeugträger der United States Navy, ist beispielsweise mehr als 330 Meter lang, für die Ostsee aber nicht verlegungsfähig. 

Dennoch lässt sich ein solches großes Marinebeschaffungsprojekt nicht im Handumdrehen realisieren. Jede hochkomplexe, moderne Fregatte ist heute schwimmende Hochtechnologie, selbst wenn sie noch längst nicht schwimmt. Auch die niederländische Werft musste erkennen, dass die Integration von Systemen weitaus schwieriger ist als der reine Stahlbau und dass Software- und IT-Schnittstellenprobleme schwerer wiegen als die Seetüchtigkeit.

Alte Verdienste um die deutsche Kriegstüchtigkeit 

Damen Schelde Naval Shipbuilding, ein 1875 gegründetes Unternehmen, das sich vor 85 Jahren beim Bau von Zerstörern des Typs Flottentorpedoboot 1940 erste Verdienste um die deutsche Kriegstüchtigkeit erworben hatte, scheiterte schon in der digitalen Konstruktionsphase. Die Aufteilung der Verantwortung zwischen einem niederländischen Generalunternehmer, einer französischen Software-Umgebung und  deutscher Bauausführung in Wolgast, Kiel und Hamburg) erzeugte die üblichen bürokratischen  Reibungsverluste.

Die genutzte Konstruktionssoftware der französischen Firma Dassault - in Deutschland bekanntgeworden durch ihre Mitwirkung am gescheiterten Flugzeugprojekt FCAS - stellte sich als ungeeignet heraus, technische Pläne und 3D-Konstruktionsdaten fehlerfrei an die deutschen Subunternehmer zu übertragen. Dadurch war die Design-Phase über Monate blockiert und Zulieferer gerieten in Zeitnot. 

Verweigerte Meilensteinzahlungen 

Durch die Verzögerungen verweigerte das Bundeswehrbeschaffungsamt dem europäischen Partner vertraglich vereinbarte Meilensteinzahlungen. Damen Naval geriet dadurch in eine Liquiditätskrise, die erst durch eine Millionenbürgschaft und einen Notkredit des niederländischen Parlaments beenden konnte, ehe  Insolvenz angemeldet werden musste. Das Gorch-Fock-Trauma, das die Elsflether Werft nach einer Kostenexplosion von zehn  auf 135 Millionen in die Pleite gerissen hatte, blinzelte aus der Kulisse.

Aber auch ein Wechsel des Generalunternehmers zur deutschen NVL-Gruppe, neuerdings eine Rheinmetall-Tochter, erschien Boris Pistorius nicht geeignet, die bereits investierte 2,3 Milliarden zu retten. NVL hatte den Finanzbedarf auf über 18 Milliarden Euro taxiert - das wären dann schon 53 Jahre Sektsteuer gewesen. Selbst für den zupackenden Verteidigungsminister, der über einen größeren Investitionshaushalt verfügt als alle seine Vorgänger bis zurück zu Hermann von Stein anno 1917, war das zu viel. 

Ende mit Schrecken 

Das Verteidigungsministerium beende das Projekt, teilte der Minister mit. Die absehbar weiter steigenden Kosten widersprächen "dem Verständnis des Verteidigungsministeriums vom verantwortungsvollen Umgang mit Haushaltsmitteln", hieß. Statt der großen Pötte würden jetzt kleinere Schiffe gekauft werden. Entschieden hat sich das Ministerium für Fregatten vom Typ Meko A-200, die seit ihrer Entwicklung in den frühen 80er Jahren schon für Kunden in aller Welt gebaut worden sind. 

Dabei kann nicht viel schiefgehen. 29 Exemplare der "Mehrzweck-Kombination" (Meko) fahren bereits auf den Weltmeeren, unter anderen für Ägypten, Neuseeland, Südafrika und Portugal. Hersteller ist die deutsche TKMS-Werft in Kiel, der das Verteidigungsministerium schon im März mitgeteilt hatte, es wolle vier Meko-Fregatten Meko kaufen, damals noch als "Brückenlösung", bis die F126 endlich in Dienst gestellt werden könnten. 

Jetzt werden es acht für immer. Als Kaufpreis für die ersten vier waren 6,3 Milliarden Euro veranschlagt worden. Nach der Logik der Preisbildung für die F126 dürften acht auf 15 Milliarden kommen. Plus die 2,6 Miliarden, die unterwegs im Planungsprozess verlorengingen, macht das etwa genau die 18 Milliarden, die durch die Beendigung des F126-Projekt gespart worden sind.

Freitag, 26. Juni 2026

Orwell im Anzug: Mehr ist weniger

Friedrich Merz hält schon wieder Wort: Wie im Sommerinterview vor einem Jahr versprochen, wird es keine Steuererhöhungen geben, nur eine weitere Erhöhung der Sozialabgaben.

Als Friedrich Merz sich vor die Kameras stellte, um stolz die Ergebnisse seiner Expertenkommission zur Erhöhung der Sozialbeiträge vorzustellen, war es ihm besonders wichtig, auf einen fundamentalen Umstand hinzuweisen, der bis dahin noch kaum jemandem aufgefallen war.  

Natürlich, die Ankündigung, die Beiträge zur Rentenversicherung um weitere zwei Prozent zu erhöhen, hatte viele Menschen verstört. Schließlich war der Bundeskanzler mit seiner Partei angetreten, Arbeit endlich nicht noch teurer zu machen. Menschen sollten wieder mehr im Portemonnaie behalten dürfen. Sie sollten wieder konsumieren könne, um die Wirtschaft endlich anzuschieben.

Rettungsschirm für die Sozialsysteme 

Die erste Enttäuschung war groß. Auch wenn der Kanzler, die Union, die SPD und deren beiden Vorsitzende nach außen hin den Eindruck zu erwecken versuchten, das neue Erhöhungspaket sei gar keins, sondern eine Art Rettungsschirm für die Sozialsysteme, blieben die Fakten kalt und hart: Wir kehren den Trend um: Bei einem deutschen Durchschnittsgehalt von 4.500 Euro brutto kostet die neue Ausbaustufe des Sozialstaates 45 Euro im Monat. Plus die zehn Euro für das zuvor schon erfundene "Altersvorsorgedepot", sind das 660 Euro pro Arbeitnehmer und Jahr, die beim besten Willen niemand mehr ausgeben kann. 

Es brauchte ein Machtwort des Kanzlers und CDU-Vorsitzenden selbst, um die Dinge ins rechte Licht zu rücken "Die Rentenbeiträge sinken, das Versorgungsniveau steigt", betonte Friedrich Merz, der sich ausdrücklich auf den früheren Bundesarbeitsminister Norbert Blüm zitierte. "Die Rente bleibt sicher in der Zukunft und die Lasten dafür werden gerecht verteilt über alle gesellschaftlichen Gruppen und Generationen", sagte Merz. Und er rechnete vor: "Ohne Reform würden das Rentenniveau sinken, die Beiträge steigen. Das kehren wir um."

Ein kühner Kunstgriff 

Ein Kunstgriff von bemerkenswerter Kühnheit. Friedrich Merz kehrt nicht nur die Rente um, sondern auch die Realität in ihr Gegenteil. Orwellscher war selbst das politische Berlin lange nicht mehr: Höhere Beiträge sind niedrigere. Und das Rentenniveau, das Merz, Söder, Bas und Klingbeil durch die Wiedereinführung des sogenannten Nachhaltigskeitsfaktor beträchtlich absenken wollen, steigt dadurch. 

Mit einem Beutel voller Fantasiezahlen, produziert nach der Methode Pi mal Daumen plus Optionsschein auf amerikanische Hightech-Werte, flunkert die halbe Regierung den nach Hoffnung  für die Koalition lechzenden Medien etwas von "250 Euro mehr im Jahr 2040" und "770 Euro zusätzliche Rente im Jahr 2075" vor. 

"Politik für die nächsten Generationen" 

Dankbar spulen die angeschlossenen Abspielanstalten die Fertigware aus den Presseabteilungen ab: Wenn es ungerecht und teuer für alle ist, muss es ja gerecht sein, befindet die "Tagesschau" auftragsgemäß. Auch die Illustrierte "Stern" kommt zu ähnlichen Schlüssen: Nur wenn allen noch etwas mehr genommen wird, ist genug da, um einigen etwas zu geben.

Merz, der Mann, der nach eigenen Angaben "Rentenpolitik nicht nur für eine Legislaturperiode", sondern "Politik für die nächsten Generationen" macht, darf zufrieden sein. Die kräftigste Erhöhung der Rentenbeiträge seit 1968, als die Pflichtabgabe nach einer Reform der Rentenversicherung wegen der schwieriger gewordenen wirtschaftliche Situation mehrfach in relativ kurzen Abständen von 14 auf 15 Prozent angehoben wurde, geht medial tatsächlich als Entlastung durch. 

Der höchste Beitragssprung aller Zeiten 

Das gelingt, weil die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) Merz und seine Mitkämpfer klug aufmunitioniert hat: Lag der relative Anstieg 1968 noch bei 7,14 Prozent, ein Umstand, der damals laut beklagt wurde, wird der heutige Sprung um gleich 10,75 Prozent als "sinkende Beiträge im Umlageverfahren" (Merz) umschrieben. Krieg ist Frieden, Frieden ist Krieg, Freiheit ist Sklaverei, und Unwissenheit ist Stärke (George Orwell). Zudem ist weniger jetzt mehr und mehr ist weniger.

Im Zuge der "grundlegenden Veränderung des Rentensystems" (Frankfurter Rundschau) klettert der Beitrag zur Rentenversicherung in einem einzigen großen Ruck genauso stark wie zusammengerechnet in den 40 Jahren zwischen 1970 und 2010. Schuld seien die Leute doch selbst, an dieser Begründung lassen politische Verantwortliche und kritische Reporter keinen Zweifel. Sie haben einfach nicht genug Kinder bekommen, die als Nachschuldner einspringen. 

Verfluchte Demografie 

Verfluchte Demografie. Geschickt wird mit dem Verweis auf Fertilitätsraten und Nachwuchsmangel vom grundlegenden Problem abgelenkt. Das findet sich keineswegs auf leeren Geburtstationen oder in sich angeblich entvölkernden Städten. Die sind derzeit noch frei erfunden - in den zurückliegenden zehn Jahren ist die Bevölkerungszahl in Deutschland absolut um rund 1,1 Millionen Menschen gewachsen. Das entspricht einem relativen Zuwachs von etwa 1,3 Prozent, aus dem unter normalen Umständen ein mindestens genauso großes Wirtschaftswachstum hätte resultieren müssen.

Es blieb aus, weil die wirtschaftlichen Weichen hierzulande bereits an dem Tag falsch gestellt wurden, als die frischgebackene Bundeskanzlerin Angela Merkel das als "Bierdeckel" bekannte radikal vereinfachte Steuermodell vom Tisch zu wischen. Das hatte ein junger CDU-Politiker namens Friedrich Merz bereits im Jahr 2003 vorgestellt. Es sollte den Staat entschlacken, die Bürokratie ausdünnen und den Bürgerinnen und Bürger jede Menge Papierkram ersparen.

Starker Staat und fette Bürokratie 

Merkels Administrationen aber lebten genau von diesem Gleichklang: Starker Staat, fette Bürokratie und eine aus Papierbergen bestehende Plandemokratie. Merz wurde ausgebremst. Er zog sich daraufhin frustriert aus der Politik zurück. Merkel betonierte über anderthalb Jahrzehnte ungestört ein Mausoleum, in das die einst so agile, dynamische und technologisch führende Wirtschaftsnation Deutschland von einem feierlichen Trauerzug aus CDU, CSU, SPD, Grünen und FDP gebettet wurde.

Da liegt sie nun, totenbleich und in kaum einem Bereich mehr wettbewerbsfähig. Wie die gesamte EU hat Deutschland in den vergangenen 15 Jahren beständig an Fähigkeit verloren, mit dem Fortschritt Schritt zu halten. Dadurch blieb die Entwicklung der Produktivität hinter der in Asien und den USA zurück. In der Folge sank der Wohlstand dramatisch.

Die verarmte Wohlstandsinsel 

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt liegt die Kaufkraft in den Vereinigten Staaten heute um etwa 20 bis 50 Prozent höher als in der EU. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf ist in Übersee deutlich höher und sie wächst schneller. Daraus lassen sich höhere Einkommen und Ruhestandsversorgungssysteme finanzieren. Der durchschnittliche Betrag, den ein gesetzlich Versicherter in Deutschland erhält, liegt im Augenblick bei 1.154 Euro im Monat. Beim durchschnittlichen US-Rentner sind es etwa 2.080 US-Dollar, also rund 1.930 Euro. Obwohl die Fertilitätsraten mit durchschnittlich 1,6 Kindern pro Frau in den USA und 1,36 bis 1,39 Kindern pro Frau in Deutschland sowohl dort als auch hier weit entfernt liegen von den für den Bestandserhalt notwendigen 2,1 Kindern.

Gern wird die Geschichte der fehlenden Fachkräfte erzählt. Sogar noch Jahre nach dem größten Menschengeschenk, das Deutschland seit Ende der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bekommen hat. Lieber so als zuzugeben, dass die Gründe vollkommen anderer Art sind: Die EU lähmt sich durch immer weiter wachsende staatliche Umverteilung. Dazu kommt die harte Regulierung der Wirtschaft. Und drumherum windet sich eine Goldborte aus Klimagesetze, von denen mittlerweile selbst die EU-Kommission und die Regierungen, die sie in besseren Zeiten beschlossen hatten, zugeben, dass sie das Klima nicht retten, die europäische Wirtschaft aber zerstören werden.

Ursache aller Probleme 

Die Vorstellung, eine Umverteilung - meist "Reform" genannt - innerhalb eines geschlossenen Sozialsystems, dessen wirtschaftliche Basis eilig erodiert, sitzt wie eine Frisur mit Drei-Wetter-Taft. Besser so als zugeben, wo die Ursachen aller Probleme liegen: Eine Wirtschaft, die dahinschwindet und einen beständig wachsenden Wasserkopf aus Aufsichts- und Kontrollinstitutionen ernähren muss, gerät an ihre Grenzen, wenn sie auch noch ein zunehmend großes Heer an Ruheständlern unterhalten soll.  

Die wesentlichen Kennzahlen zeigen die Dimension des Problems, das Friedrich Merz und seine Koalitionäre zu verbergen versuchen. Das Pro-Kopf-BIP liegt im US-Durchschnitt bei umgerechnet über 70.000 Dollar, während Deutschland mit nur 50.000 Euro wirtschaften muss. Selbst unter Berücksichtigung der höheren Lebenshaltungskosten in den USA ist das reale Pro-Kopf-BIP der Deutschen deutlich niedriger. Laut IWF-Studien liegt es bei nur 85 Prozent des US-Niveaus.

Ein "Gesamtkunstwerk" der Irreführung 

Merz, Söder, Bas und Klingbeil versuchen nun, mit ihrem als "Gesamtkunstwerk" bezeichneten Rentenreformplan, den Anstieg der Pflichtabgabe von 18,6 auf 20,6 Prozent als Ausweg aus einer Lage zu verkaufen, die kein Renten-, sondern ein Produktivitätsproblem ist. Dabei geht die zerstrittene Regierungskoalition in seltener Geschlossenheit bis an die äußerste Grenze der Logik, indem sie die um zwei Prozentpunkte höheren Beiträge mit der Drohung verknüpft, ohne die "neue zusätzliche Kapitaldeckung" würden einfach die Renten sinken und die Beiträge trotzdem steigen". 

Eine Behauptung, an der sich der 70 Jahre alte Kanzler selbst nie mehr wird messen lassen müssen. Wenn ein Beitragszahler im Jahr 2070 feststellt, dass er durch jahrelange Beitragszahlungen in den neuen Staatsfonds wirklich 770 Euro mehr Rente bekommt, die aber leider nur noch eine Kaufkraft von 340 Euro haben, dürfte Merz für Beschwerdeschreiben schon einige Zeit nicht mehr erreichbar sein.

Eine sprudelnde neue Gebührenquelle 

Was bleibt, ist eine neue Gebührenquelle, als die die verpflichtende Kapitalrente von Anfang an konzipiert ist. Mit 0,1 Prozent der eingezahlten Beiträge wird sich der geplante Staatsfonds seine Dienste vergelten lassen. "Sehr günstig" sei das, loben die Erfinder, die auf die schwedischen Erfolge mit dem AP7 genannten Vorbild verweisen.

Aber Kleinvieh macht auch Mist. Pro Jahr werden die Beitragszahler den Apparat, der ihre Pflcitbeiträge zur Kapitalrente verealtet und anlegt, künftig mit rund 80 Millionen Euro unterhalten. Auf die 45 Jahre Lebensarbeitszeit einer Kapitalrentnergeneration kommen stolze Gesamtkosten von rund 3,6 Milliarden Euro zusammen, die das Kapitalrentenkollektiv für seine im gleichen Zeitraum fälligen Einzahlungen in Höhe von 590 Milliarden Euro an die staatliche Fondsverwaltung entrichtet.


Donnerstag, 25. Juni 2026

Zehn Jahre danach: Deutschlands bittere Brexit-Bilanz

Das deutsche Drama in einer Grafik: Europas Wirtschaftslokomotive hat den Brexit schlechter weggesteckt als das ausgetretene Großbritannien.

Zumindest die ersten paar Jahre waren noch brauchbar. Nicht so gut, wie alle vorhergesagt hatten. Aber auch nicht schlechter als dort, wo allen Prognosen zufolge alles zusammenbrechen würde. Die britische Insel hatte den Ausstieg aus der EU gewählt, gegen jeden guten Rat und sogar gegen den des damals vielleicht medienmächtigsten Europäers zumindest in Deutschland.  

Martin Schulz, eine menschgewordene Wahlkampflokomotive, hatte lange gewarnt und er sah sich schon am Ziel. Es sehe ganz nach einem Sieg für das "Remain"-Lager aus, beruhigte der Chef des Europaparlaments Anhänger der europäischen Einheit noch in der Nacht vor dem großen Referendum über das Ausscheiden der Briten aus der immerhin mit dem Friedensnobelpreis geehrten Gemeinschaft. Noch um Mitternacht des Tags der Tage sah eine Nachwahlumfrage die EU-Befürworter 52 zu 48 Prozent vorn.

Heftige Niederlage für London 

Schulz erwartete eine heftige Niederlage für das Brexit-Lager. Die wirtschaftliche Vernunft würde siegen, das glaubten alle in Brüssel, Berlin und Paris. "Annette Dittert", eine von ZDF erfundene Kunstfigur, die als menschliche Sirene über Monate Warntöne aus London gesendet hatte, schalt den Brexit-Populisten Boris Johnson einen "gewissenlosen, gefährlichen Clown", der ein "schrilles Bühnenbild von üblen Lügen und Propaganda" gebaut habe, das zum Glück "längst zusammengebrochen". Es fehlte noch die Bestätigung. Aber wenn die Menschen erst begriffen hätten, wie über sie verführt worden seien, wäre der Spuk auch wieder schnell vorüber.

Umso schlimmer, als es anders kam. Und der Schock des 52 zu 48 für den Abschied von Kontinentaleuropa saß so tief, dass die führenden Europäer Tage brauchten, um aus der schmählichen Niederlage gegen ein paar Clowns und Populisten einen glänzenden Sieg gemacht hatten. Ja, 17,4 Millionen Briten hatten für die Rückkehr zum Nationalstaat ohne EU-Aufsicht gestimmt und nur 16,1 Millionen dagegen. Aber von Festland aus gesehen war das nur eine kleine, von Putin und Boris Johnson radikalisierte Mehrheit der Briten, die nicht begriffen hatte, welchen Schaden sie sich selbst zufügen würde.

Aderlass für das perfide Albion 

Großbritannien würde verarmen, niemand würde mehr hinfahren, die britischen Intellektuellen, Findigen und Reichen würden fliehen, das Pfund jede Bedeutung verlieren. Der Traum, eine Art Schweiz mit richtiger Sprache und ein Norwegen mit besserem Essen zu werden, könne sich ohne die knapp 6.500 grundlegenden Rechtsakte der EU, zu denen Jahr für Jahr im Schnitt etwa 80 Richtlinien, 1.200 Verordnungen und 700 Beschlüsse kommen, niemals erfüllen. Zugleich aber stellten Europas Führer klar, dass das Perfide Albion seine Chance gehabt habe. 

Sorry. Ein Zurück in die Arme der Gemeinschaft der gemeinsamen Schulden, des ungelösten Flüchtlingsstreits und der Nichtanwendung des Rechts werde geben. Die Briten würden schon sehen. Ihre Steuern würden steigen. Reisen dürften sie bald auch nicht mehr. Es gibt kaum noch etwas zu Essen, zu trinken natürlich erst recht nicht. Britische Firmen würden umgehend reihenweise in eine Krise rutschen, die ihnen nur noch eine Möglichkeit lasse: Auswandern in die EU.  

Weltuntergang in England 

Damit wäre dann auch Schluss mit der Rosinenpickerei der Reichen. Die zögen zu Millionen aus London ab. Immobilienpreise im freien Fall. Die Immobilienblase platzt. Weltuntergang in England, Wales, Nordirland und sogar in Schottland, einer spalterisch gestimmten Ecke, der Brüssel im Gegensatz zum spalterisch gestimmten Katalonien die Daumen drückte und den Rücken stärkte.

Auf einmal war der Austritt nicht mehr das Ende des einmaligen europäischen Erfolgsmodells, sondern das Ende der störrischen Insel. Die hatte den Normannen widerstanden, den Römern, den Angelsachsen und Friesen und Franzosen und den Deutschen. Die meisten hatte sie eingemeindet,  die anderen in Kriegen geschlagen. Die Brexit-Angst, bis dahin ein Gefühl, das vor allem außerhalb Großbritanniens gepflegt wurde, schlug um in eine gewisse Schadenfreude. 

Protest der Propagandakolonnen 

Das geschieht se recht, was fährtse mits Rad, sagen die Alten im ländlichen Ostdeutschland achselzuckend, wenn die Nachricht im Dorf die Runde macht, dass sich die 78-jährige Elsbeth bei einem Sturz mit dem Fahrrad bei Glatteis die Hüfte gebrochen hat. Die Nachbarn bringen dann trotzdem Blumen und gute Wünsche, sie fühlen mit und es tut ihnen leid. Nicht so den Propagandakolonnen in Hamburg, München und Berlin. Enttäuscht und wütend zugleich verstärkten sie ihre vergeblichen Bemühungen, die Briten umzustimmen, nachdem die abgestimmt hatten.

"Es könnte damit enden, dass der Brexit nicht stattfindet", berichtete Dittert. Die EU hatte eindeutig dadurch gewonnen, dass sie ein besonders selbstsüchtiges Mitglied verlor. Was sich dem aber auf dem Weg zur Tür an Steinen in den Weg legen lassen würde, das sollte es haben. Elmar Brok, ein europäisches Urgestein aus der Breshnew-Ära, mahnte eine "Vereinbarung" an, die London möglichst schwer gemacht werden müsse, um Nachahmer abzuschrecken.

Jean-Claude Juncker, damals der Ursula von der Leyen aus dem Berlaymont-Palast, beschrieb die britische Abhängigkeit: Großbritannien setze die Hälfte seiner Ausfuhren in den EU-Staaten ab. Man werde schon noch sehen, wer am längeren Hebel sitze.

Das hatten sie nun davon 

Fünf Jahre lang verhandelten die beiden Seiten, ohne bis heute vollkommen überein gekommen zu sein. Das hatten sie nun davon. Das erscheint eine lange Zeit zu sein, ist aber deutlich kürzer als Verhandlungen, die die Gemeinschaft und die Schweiz nach der dortigen Volksabstimmung über die Ausschaffungsinitiative im Jahr 2010 über einen "Rahmenvertrag" führen. 

Die offiziellen Zusammenkünfte über ein institutionelles Abkommen (InstA) starteten im Mai 2014. Sie wurden im Mai 2021 vom Schweizer Bundesrat abgebrochen. Und begannen im März 2024 neu. 14 Jahre aber sind nichts im Völkerball: Über die Heimholung des Nordteil der EU-Insel Zypern wird seit dem Einmarsch türkischer Truppen im Juli 1974 gefeilscht.

Eine großmütige Geste 

Dass es mit den Abtrünnigen schneller ging, war eine großmütige Geste. Doch zehn Jahre nach jenem tragischen Junitag im Jahr 2016, im historischen Volksentscheid mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union stimmten, zeigt sich, wem das "politische Erdbeben" (FAZ) noch mehr als den Briten geschadet hat: Deutschland ist einmal mehr das am schlimmsten betroffene Gebiet. 

Betrachtet man den Zeitraum vom letzten Vor-Brexit-Jahr 2016 bis Mitte 2026, ist das Bild frustrierend: Zwar hat die Europäische Union die einsame Insel beim Wirtschaftswachstum  abgehängt. Die EU kommt in den zehn Jahren auf rund 15 Prozent Wachstum, errungen vor allem in südeuropäischen Ländern  Spanien und Portugal und in osteuropäischen Staaten wie Polen. Doch auch Großbritannien verzeichnet heute eine um acht bis neun Prozent gewachsene Wirtschaftsleistung. Deutschland dagegen verharrt auf dem Stand des Tages, an dem deutsche Medien verkündeten, dass Großbritannien ohne den Binnenmarkt untergehen werden. 

Eine gelinde Katastrophe 

Eine gelinde Katastrophe. Überall wird zum Jubiläum berichtet, was die Insel alles hat liegenlassen. Ökonomen schätzen, dass das britische BIP heute ohne den Brexit und die damit beiderseits errichteten Handelsbarrieren um etwa sechs bis acht Prozent höher liegen würde. Großbritannien wäre damit auf Augenhöhe mit der EU, doch auch so ist es Deutschland davongeeilt: Der Einbruch, der vorausgesagt worden war,  kam erst mit der Corona-Pandemie. 

Er war drastischer als In Deutschland, aber weniger tiefgreifend als in der gesamten EU. Und statt des erwarteten totalen Kollapses folgte eine Erholung, die das einstige wirtschaftliche Kraftzentrum der EU im Staub der Stagnation zurückließ. Das reale deutsche BIP liegt heute mit plus 0,8 Prozent nur hauchdünn über dem Vor-Pandemie-Niveau von Ende 2019. Damit verzeichnet nicht Großbritannien, sondern Deutschland das schwächste Wachstum aller G7-Staaten in diesem Zeitraum.

Enttäuscht von eingetretenen Vorhersagen 

Ein unfassbares Glück für die in den letzten zehn Jahren in Berlin regierenden Parteien CDU, CSU, SPD, Grüne und FDP, dass diese bittere Bilanz niemand ziehen möchte. Deutsche Medien rekurrieren lieber darauf, dass  der Wohlstand, den der "Wegfall der Fesseln" hatten bringen sollen, sich nicht eingestellt hat. Zehn Jahre nach dem Votum falle die Bilanz ernüchternd aus, heißt es in der FAZ. Das Pfund sei abgestürzt, es mangele an Investitionen aus dem Ausland, die neu geschaffenen Handelshemmnisse belasten die Unternehmen spürbar und auch das Thema Einwanderung sei nicht erledigt.

Bei der EU dagegen klappt alles wie am Schnürchen. Für die Mehrkosten, die die EU nicht vermeiden konnte, weil sie trotz des ausscheidenden Nettozahler  am einmal erreichten Haushaltsvolumen festhielt, hat Deutschland noch unter Angela Merkel auf seinen großen Deckel genommen. Eine gemeinsame europäische Lösung für die Flüchtlingsfrage fand die Gemeinschaft pünktlich kurz vor dem elften Jubiläum des großen "Zustroms" (Merkel) - mit augenzwinkernden Anleihen bei Boris Johnsons menschenfeindlichen Ruanda-Lagern

Die Schäden wurden unterschätzt 

Das Ausmaß der Schäden durch den Brexit wurde jedoch sogar noch unterschätzt. Statistiken (oben) zeigen, das Deutschland nur die ersten fünf Jahre nach dem Brexit noch einigermaßen Schritt halten konnte mit den Abgefallenen. Corona überstand das Land sogar besser als die Briten.

Seitdem zeigt sich ein verspäteter "Brexit-Effekt" mit aller Gewalt: 2020 stürzte das Vereinigte Königreich noch um zehn Prozent ab. Doch mit 8,5 Prozent plus, 5,2 Prozent plus, 0,3 Prozent plus, 1,1 Prozent und 1,3 Prozent ließen die Briten die Führungsmacht der EU, die nach minus 4,1 Prozent nur auf Wachstumsraten von 3,9 Prozent, 1,8 Prozent, 0,9 Prozent, 0,5 und 0,2 Prozent kam, in jedem einzelnen Jahr seitdem weit hinter sich.

Deutschland hinkt Großbritannien hinterher 

Das Gesamtwachstum im Königreich lag bei 6,7 Prozent, in Deutschland nur bei 0,5. Die Folgen zeigen sich auch bei der Arbeitslosenquote. Die lag vor fünf Jahren in Deutschland noch bei 5,7 Prozent, bis heute ist sie auf 6,4 Prozent gestiegen. In Großbritannien dagegen blieb die  Jahresdurchschnittsquote nahezu stabil. Sie kletterte von 4,6 Prozent im Jahr 2021 auf 4,9 Prozent heute. Obwohl, wie die FAZ schreibt, "Investitionen, Beschäftigung und Produktivität unter der jahrelangen Ungewissheit und den neuen Zollschranken gelitten haben".

Die deutsche Bevölkerung reagiert zunehmend desillusioniert auf die Misere. Akuelle Meinungsumfragen zeigen, dass eine deutliche Mehrheit heute lieber schon längst eine andere Politik hätte. "Doch die politische Realität ist eine andere", wie die FAZ richtig bemerkt: Die Hoffnung der Regierenden bleibt, dass es der Insel eines Tages doch wieder schlechter geht und Deutschland dadurch besser dasteht.

Mittwoch, 24. Juni 2026

Das Totenschiff: Kaum geboren, schon verloren

So lange noch etwas bei jemandem im Portemonnaie steckt, hat der Staat sich nicht genug herausgenommen.

Ich sage den jungen Leuten immer nur "Kaum geboren, schon verloren". Die gucken mich natürlich an wie Bahnhof. In der Schule erzählen sie denen ja heute nichts mehr darüber, wie die Welt funktioniert. Das ist schon erstaunlich und ein bisschen erschreckend, weil diese Generation sich auch kein bisschen von selbst dafür interessiert. Die haben ihr Handy, ihre Snapchats oder was auch immer. Und Sorgen wegen Krieg und Klima, Hitze oder Dürre und Hochwasser, so richtig kommt man da als Älterer nicht mit.

Was unsereins so umtreibt 

Keine Sorgen haben sie wegen allem anderen, was unsereins so umtreibt. Unwissen macht ein reines gewissen, sagte ich immer.  Schauen Sie sich die Leute unter 30 an, kaum einer von denen hat eine Ahnung davon, dass er zu denen gehören wird, die den ganzen Bumms eines Tages bezahlen müssen. Bei allem, was da mancher Spinner gegen uns ins Spiel gebracht hat, die dieses Land dreimal wieder aufgebaut haben - nach dem Krieg, nach der Einheit und nach der Pandemie - Sie glauben doch nicht wirklich, dass unsere Parteien mit so einer billigen Enteignungsnummer durchkämen!

Wir Älteren sind doch mittlerweile hypersensibilisiert. Wir haben alle mitbekommen, wie die das machen, wenn sie uns an Portemonnaie wollen. Über irgendwas anderes reden. Irgendwelche tollen Versprechungen machen. Nur um nicht zuzugeben, wo die Probleme liegen und weshalb sie nie gelöst, sondern immer nur auf eine neue lange Bank geschoben werden können. 

Die Hälfte ist immer schon weg 

Es ist doch so: Ab dem ersten richtigen Gehalt verliert man dauerhaft fast die Hälfte seines Einkommens. Das ist die Realität, mit der wir alle leben gelernt haben. Die Politik macht es uns ja einfach, sie hat ein System geschaffen, in dem der Bruttolohn nur eine Zahl ist, auf die niemand mehr achtet. Man ist fixiert auf das, was unten rauskommt. Dieser klägliche Rest, sage ich immer. Verglichen mit dem, was so ein Arbeitgeber ausgibt, ist das, was unsereins überwiesen bekommt, ja sowieso nicht mal die Hälfte wert. 

Was bekommen wir dafür? Ein paar Jahre ein bescheidenes Almosen.  Sehen Sie, in einem Buch von  Samuel P. Huntington habe ich mal gelesen, dass das Überleben einer Demokratie nicht von der Größe ihrer Probleme noch von ihrer Fähigkeit abhängt, sie zu lösen. Wichtig sei nur, wie die Führer dieser Demokratie reagieren, wenn sie die Probleme ihres Landes nicht lösen können. 

Die nächste Runde Vertröstung 

Das ist doch, was wir jetzt sehen: Statt zu sagen, tut uns leid, das war's, es geht nicht mehr so, wie es immer ging, weil wir über viele, viele Jahre ziemlich viel falsch gemacht haben, tut uns leid, kommt die nächste Runde Trost und Vertröstung. 2090, sagen sie jetzt, wird alles gut geworden sein. Bis dahin müssen wieder allerlei Stellschrauben gedreht und neue Kassen eröffnet werden. 

Ich habe das mal ausgerechnet. Also diese kapitalgedeckte Säule der Altersversorgung mit ihren staatlich geprüften Fonds und der Miniprämie von ein paar Euro, wenn man selbst ein paar Euro mehr reinsteckt, das haben die ja neulich erfunden, kostet mich nicht viel. Aber alles extra. Generationenkapital! Neue Komponente zur Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung! Da hat die Bundesworthülsenfabrik wieder Überstunden geschoben!

Einstieg in die nächste Enteignungsstufe 

Und jetzt auch noch die "Kapitalrente" obendrauf, das nächste Heilmittel, für das wir noch mal bezahlen. Die rechnen uns das vor wie Erstklässler. Da ziehen sie dir ab dem Jahr 2028 erst mal ein halbes Prozent vom Brutto ab, später ein ganzes. Und den Arbeitgebern nochmal so viel. Für die Politik ist ja immer vor allem der Einstieg in die nächste Enteignungsstufe entscheidend. Ich bin älter, ich erinnere mich noch, wie es mit der Pflegeversicherung anfing. Erst war die in der Krankenkasse inklusive, dann  kostete sie ein Prozent des Bruttoeinkommens obendrauf. Heute sind wir bei 3,6 Prozent!

Natürlich behaupten die, sie hätten ja gar keine Beiträge erhöht. Würde ich auch machen. Es kommt darauf an, eine möglichst gute Ausrede zu finden, ohne direkt zu lügen. Wer eine neue Versorgungskasse gründet, erhöht die Beiträge insgesamt sicherlich auch. Aber er macht es ja nur, um sie nicht weiter erhöhen zu müssen.

Niemand rechnet nach 

In der Regel geht das durch. Gerade die jungen Leute sagen, das ist ja nicht viel, das merkt man doch kaum. Ich habe es nachgerechnet: Bei meinem Lohn von 4.500 Euro brutto reden wir in der vollen Ausbaustufe von knapp 45 Euro weniger netto im Monat. Plus Minimum zehn Euro für das "Altersvorsorgedepot". Plus, das wollen wir mal nicht vergessen, 130 für die Pflege. Das macht im Jahr mehr als 3.000 Euro, die ich nicht mehr ausgeben kann. 

Wenn du das auf ein ganzes Arbeitsleben von 47 Jahren hochrechnest, kommt da eine Summe zusammen, da schwindelt's mich: Wir reden hier von 150.000 Euro! Geld, das erstmal weg ist, weils aus der privaten Verfügungsgewalt verschwindet.

Die nächste "Zusatzrente"


Muss ja, sagen die. Du musst ja vorsorgen, sagen die. Und was bekommst du dafür? Das Versprechen auf eine "Zusatzrente", die in irgendeinem staatlich verwalteten Topf liegt. Da wird es richtig üppig, sage ich Ihnen. Zusatzrente, das hatten wir in der DDR schon mal. Da haben wir schon freiwillig eingezahlt. Und dann haben sie die Auszahlung gestrichen. Zack und weg.

Wenn ich sowas wie "Altersvorsorgedepot" und "Zusatzrente" höre, kriege ich Schwämmchen. Das ist doch keine private Altersvorsorge, das ist eine Enteignung auf Umwegen. Guck doch mal, wie die sich das gedacht haben: Spare ich schön in meine Fonds und ETFs oder zahle mein Häuschen ab, ist das meins und wenn ich nicht mehr bin, bekommen es meine Leute. Bei dem, was die sich da ausklamüsert haben, guckst Du in Röhre. 

Gespartes ohne Erbrecht 

Wer früher stirbt, hat Pech gehabt. Das Kapital ist ja nicht vererbbar! Da kannst du dein Leben lang geschuftet haben, um für deine Frau oder deine Kinder etwas aufzubauen und was zu hinterlassen. Aber dann kommt der Staat und sagt: "Das ist ja nun doch eigentlich gar nicht dein Geld." Ich glaube, die wissen genau, was sie tun. Das ist doch kein Zufall, dass diese ominöse Alterssicherungskommission aus lauter Professoren und Politikern, die noch keinen Tag in der Produktion von irgendetwas verbracht haben, am liebsten auch das Ehegattensplitting abschaffen würde. Ergibt ja auch Logik, wenn Du Dein staatliches Altersvorsorgezeug verlierst, wenn du tot bist, aber dein eigenes Zeug vererben darfst.

Das begreift leider alles gar keinen. Und das meiner Ansicht nach Absicht. 33 Vorschläge, wo gibt es denn sowas? Da reichen doch zehn oder elf. Aber die wollen ja, dass in dem ganzen Wust von Quatsch  mit Ende der Haltelinie, Änderungen bei Altersteilzeit, Gesundheitsprüfung und Rente nach  mathematischer Lebenserwartung kein Mensch mehr durchblickt. Das ist nicht sozial, das ist brutal.  

Noch ein neuer monströser Apparat 

Weil es klappt, so weit ich das sehen kann. Meine Kollegen kapieren gar nicht, dass ihnen schon wieder ein neuer monströser Apparat vor die Tür gestellt wird, den sie wieder mit Geld überversorgen müssen. Haben Sie mal gelesen, wie vielen Arbeitslosen die Agentur für Arbeit mit vielen Mitarbeitern einen Job vermittelt? Vier Leute brauchen die im Durchschnitt, um einen Kerl in Arbeit zu bringen! Vier! Auf einen!  

Aber wen juckt das? Die Nahles hat da ihr Auskommen gefunden und unsereiner ist ja schon froh, wenn die Beiträge nicht dort auch noch steigen oder sie einem wieder mitteilen, dass man zwar Jahrzehnte einzahlen durfte, aber nur ein paar Wochen Stütze bekommt. 

Mir ist doch klar, warum der Merz und die Bas auf einmal der Meinung sind, ihre Kommission tue allen weh und das sei deshalb super. Die wissen seit Jahren, dass ihr hochgelobtes Umlageverfahren an die Wand fährt. Nicht, weil die Menschen zu alt werden. Das ist bloß ihre Standardausrede. Aber gucken Sie doch mal: Bei uns machen jetzt weniger weniger, keiner macht mehr. Es ist die Produktivität, die nicht mehr mitkommt. Vor 100 Jahren haben fünf Leute einen Rentner durchgebracht, später drei. 

Jede Menge neuer Verwalter 

Das ging, weil jeder dieser drei Leute das Zehnfache dessen produziert hat, was sein Vorfahre erwirtschaftet hat. Aber wenn das dann 20 Jahren so bleibt, weil nur die Behörden neue Verwalter einstellen und keiner mehr Leute, die irgendwas produzieren, wächst die Zahl der Versorgungsfälle schneller als das, was wir Alten in den Werkstätten und Fabriken zusammennageln. 

Ich sage immer, ein bisschen ist das wie auf dem Totenschiff, kennen Sie sicher, dieser Science-Fiction-Roman von B.Traven. Da spielt der runtergekommene Dampfer Yorikke für mich das System von heute. Wir transportieren wertlose Fracht auf einem schrottigen Kutter, aber weil uns der Kapitän und die Eigner kaum Heuer auszahlen, kommen wir auch nicht weg. Wir Gefangene, Gefangene auf einem Totenschiff. Und weil nichts anderes mehr da ist, vergesellschaften sie unseren Besitzstand, um den Zusammenbruch noch ein paar Jahre hinauszuzögern. 

Der Staat hat noch lange nicht genug 

Das Motto  kennt jeder: So lange noch etwas bei jemandem im Portemonnaie steckt, hat der Staat sich nicht genug herausgenommen. So lange der Staat nicht alles hat, haben alle noch zu viel. Kommen Sie mir nicht mit diesen Clowns von der Linkspartei,  die das ganz ehrlich so sagen. Für mich sind anderen viel schlimmer, mit ihren neuen Behörden, neuen Prüfstellen, neuen bürokratische Ungetüme. Wissen Sie, die könnten stattdessen einfach den Sparer-Freibetrag anheben. Der liegt heute bei einem Drittel des Jahres 1996. Bei einem Kaufkraft, die gerade noch bei der Hälfte von damals liegt. Aber nein, das wäre ja zu einfach! 

Jetzt säuseln sie etwas von Renditen, die unsere Kapitalrente bestimmt einspielen wird, wenn wir alle mitmachen müssen. Sie sagen dann, wir sollen uns den Fonds mit den Rücklagen anschauen, die die ehemaligen Kernkraftwerksbetreiber bilden mussten. Da seien zuletzt Gewinne von neun bis zwölf Prozent rausgekommen – in einem Markt, der insgesamt um 20 bis 25 Prozent gestiegen ist! Kunststück!

Schlank und arm in die Grube 

Aber wie gesagt, die Menschen da draußen wollen es so. Schlank und arm möchten sie sein, alles andere lohnt ja doch nicht. Wie es schon in der Bibel heißt: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Eigenheimbesitzer ins Pflegeheim! Erstmnal abgeben, was übersteht. Um zu begreifen, wie tief wir im Schlamassel stecken, muss man sich nur den von der Bundeswortbürokratie schon vor vielen Jahren geprägten Begriff "Schonvermögen" laut vorsagen. Der zeigt, wie politische Parteien und Politiker über das Eigentum ihrer Bürger denken: Eigentlich gehört alles dem Staat – als Verwaltungsmasse, um das Staatsschiff anzutreiben und auf Kurs zu halten.

Weil man aber kein Unmensch ist, gönnt man den alten, kranken und ohnehin gebeutelten Bürgern ein kleines Schonvermögen. Das will die Expertenkommission symbolisch sogar anheben. Dann haben die Alten, die sich jahrzehntelang etwas vom Munde abgespart haben, in ihren letzten Jahren ein paar Cent mehr unterm Kopfkissen als die, die sich schon immer vom Staat versorgen ließen.