Google+ PPQ: Januar 2011

Montag, 31. Januar 2011

Ausländerfeinde in Austria

Früher war es Holz vom gleichen Baum, heute schlägt sich Pack, statt dass es sich verträgt. Im "Anschluss an einen Diskothekenbesuch", berichtet Deutschlands offizielle Nachrichtenagentur dpa unter augenzwinkernder Verwendung eines Begriffes für Freunde der Historie, gab es im idyllischen österreichischen Zillertal Szene wie im ägyptischen Museum: Zehn deutsche Urlauber lieferten sich eine "Massenschlägerei" (dpa) mit einer Gruppe von Einheimischer. Gemessen an den Verletzten gewann Deutschland: Zwei Kämpfer aus dem ehemaligen Reich wurden verletzt, die frühere KuK-Seite verzeichnete vier Verwundete.

Der offenbar ausländerfeindlich motivierte Vorfall fand auf einem Parkplatz an einer Diskothek statt, wobei "besonders die Österreicher zum Teil stark alkoholisiert" gewesen seien, wie die einheimische Polizei kritisierte. In Deutschland war das traditionelle Komasaufen zuletzt in die Krise geraten, Brauerein klagten über sinkende Absätze. Trinkwillige Deutsche müssen seit dem Beginn der Finanzkrise immer öfter auf Urlaubsreisen verzichten und sich als Freitrinker durchschlagen.

Das Glück ist eine Gurke

Montagsdemos im Morgenland, Forderungen nach Demokratie in Ägypten und eine Abkehr der deutschen Politik vom langjährigen Freund und Partner Hosni Mubarak, der Angela Merkel vor fünf Jahren noch mit einer hübschen Schmuckschattulle beschenkt hatte. Am Nils wird die "friedliche Revolution" (dpa) in der DDr nachgestellt, "trotz ruhiger Lage in den Urlaubsgebieten empfehlen deutsche Reiseveranstalter, Reisepläne für Ägypten zu überdenken". Man kann dann trotzdem fahren, müsse aber nicht, heißt es im Auswärtigen Anmt, dessen früherer Chef Walter Steinmeier Mubarak dem erst jetzt als kaltem Diktator enttarnten Mubarak vor anderthalb Jahren noch sein Beileid zum Tod einer in Dresden von einem früheren Sowjetbürger erstochenen Ägypterin ausgesprochen hatte.

Das ägyptische Internet ist abgeschaltet, das deutsche quillt über vor lauter Live-Tickern. "In den nächsten sieben Tagen sollten keine weiteren Gäste nach Ägypten reisen“, warnt Rewe Touristik. Die Börse in Dubai bricht um 0,8 Prozent ein, meldet n-tv. Wegen der andauernden Unruhen sei die Versorgung der Bevölkerung und der Gäste vor Ort bereits jetzt besonders gefordert, schreibt die "Welt". Dafür aber habe sich die Lage in der ägyptischen Hauptstadt Kairo etwas entspannt.

Twittermeldungen kommen nicht mehr aus dem Land am Nil, nur Fernsehberichte und Telefonnachrichten von Antonia Rados, von der langjährige Fernsehzuschauer meinen, sie sei nicht immer dort, wo etwas los sei, sondern dort, wo sie sei, gehe wenig später immer etwas los. Mubaraks Strategie, das Netz zu kappen, um den traditionellen Medien in ihrem Abwehrkampf gegen Facebook und Youtube zu helfen, sie geht auf.

Ägyptische Oppositionelle, bis vor zwei Wochen ein Fachbegriff, der ausschließlich zur Beschreibung der islamistischen Muslimbruderschaft Verwendung finden konnte, rufen zu einem "Marsch der Millionen" auf. "Jede Revolution hat ihre Phasen und ihren Rhythmus", analysiert die FAZ buttermesserscharf. Erst kommt der Unmut, dann die Empörung, schließlich die Euphorie, das Glück, die Siegestrunkenheit. Und am Ende die Enttäuschung: Die neue Freiheit ist die alte Knechtschaft, nur nun unter der Knute der Clique, die der Umsturz nach oben spülte. Demokratie eine dauernde Wahl zwischen alternativlosen Entscheidungen. Ob Leipzig oder scharm-El-Sheikh: Die Banane, die eben noch jubelnd in die Höhe gereckt wurde, ist doch nur wieder eine Gurke.

Ägypten damals und heute: Hellwach am Welterbe

Der Börsenpräsident: Yes, we cash!

Er war angetreten, den Spekulanten und Hasardeuren das Handwerk zu legen, ein Hoffnungsträger des alten Europa, der Solidarität predigte und von Zusammenarbeit sprach, der Regulierung der Finanzmärkte wollte und entschlossen schien, den Großbanken und Hedge Funds ihre Grenzen zu zeigen. Zwei Jahre danach steht Barack Obama, dem im Sommer 2009 eine enthusiasmierte Menschenmenge in Berlin als Heilsbringer einer neuen Ära von nachhaltigem Glück und allgemeiner Zufriedenheit begrüßt hatte, schwer in der Kritik. Immer noch führe der Präsident, der den Frieden versprochen hatte, Krieg. Immer noch sei es ihm nicht gelungen, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Immer noch bestehe der amerikanische Staatshaushalt hauptsächlich aus Löchern, gestopft mit neuen Löchern, immer noch ist der gute alte Dollar nicht mehr wert als in den schrecklichen Tagen, da George W. Bush im Weißen Haus misswirtschaftete.

Allerdings - so schrecklich, wie es seine Kritiker ausmalen, ist die Bilanz von Präsident Barack Obama gar nicht. Wenn auch die Arbeitslosenzahlen gestiegen sind, viele Amerikaner ihre Häuschen verloren, die Handelsbilanz weiter negativ ist und in Afghanistan noch immer gestorben wird - zumindest alle die, die zu Beginn seiner Amtszeit Aktien besaßen oder sich welche zulegten, hat der erste Afroamerikaner im Oval Office längst versöhnt.

Von wegen Regulierung, Gemeinwohl, staatliche Kontrolle. Seit Obama das Sagen hat, boomt die Wall Street. Am 9. März vor zwei Jahren erreichte der Dow Jones mit 6547 Punkten das Tal nach der Wahl. Danach ging es fast in einem Zuge auf 12.000 Punkte nach oben. Seit dem Amtsantritt des Mannes aus Chicago am 20. Januar 2009 hat der Dow Jones fast 50 Prozent zugelegt, der "breiter gefasste" (dpa) S & P 500 stieg um 60 Prozent. Wer Taschengeld oder Vermögen im High-Tech-Bereich des Nasdaq angelegt hatte, freut sich inzwischen über eine Verdoppelung seines Kapitals.

Obama ist der Börsenpräsident, das zeigt auch der historische Vergleich. Schaffte sein Vorgänger George W. Bush, von allen guten Menschen in der Welt als williger Handlanger des Großkapitals erkannt, in den ersten beiden Jahren seiner ersten Amtszeit ein Minus von knapp 13 Prozent und in seiner gesamten Dienstzeit ein Minus von 20 Prozent, knüpft Obama an die Erfolge seines demokratischen Parteikollegen Bill Clinton an. Unter dessen Ägide schraubte sich die Börse in acht Jahren um mehr als 50 Prozent in die Höhe. Doppelt soviel wie der republikanische Vorgänger Geroge Bush sen. schaffte.

Beeindruckend sind vor allem die Zahlen aus dem Finanzbereich, die Obama durch das predigen von Solidarität und die Ankündigung härtester Regulierung organisieren konnte. Die Bank of America konnte ihren Kurs verdoppeln, Goldman Sachs schaffte 138 Prozent, JP Morgan Chase machte aus jedem Dollar 2,50. Unter der erstklassigen Führung von Angela Merkel blühten auch die deutschen Kreditinstitute auf: Die für die weltweite Finanzkrise verantwortliche Deutsche Bank etwa verlor seit Merkels Wahl zur Kanzlerin rund ein Drittel ihres Wertes.

Tolle Bilanz: Der Staat am Stromzähler
Der Betrug des Jahrhunderts
Hier gärtnert der Bock
Mecki Beck reguliert die Welt

Sonntag, 30. Januar 2011

Auszug aus dem gekachelten Land

Andere Länder, andere Fliesen, so sieht es in Thüringen aus. Während die Behörden in Halle, der mitteldeutschen Fliesenhauptstadt, erneut eine Großbaustelle eröffnet haben, um einmal mehr einen Teil des vom in Kunstkreisen kultisch verehrten Kachelmann geschaffenen Fliesenerbes unauffällig zu vernichten, gehen andere Städte einen ganz anderen weg. In Thüringen etwa haben Stadtverwaltung und Staatsregierung das touristische Potential der prallbunten Kachelklebungen erkannt und gehandelt: Direkt in der Regierungsstraße durften Kunstaktivisten aus dem Umfeld des bis heute anonym gebliebenen halleschen Kachel Gott jetzt eine erste Großklebung anbringen, mit der sich die uralte Kulturstadt nicht nur auf den anstehenden Papstbesuch im Herbst vorbereitet, sondern auch Ambitionen anmeldet, Halle als Kachelhauptstadt der Region abzulösen.

Mit zwei stilisierten Anführungszeichen grüßen die Künstler ironisch in Richtung Halle, der Heimstatt aller Kachelei, wissend, dass alle Propheten künstlerisch neuer Wege seit Händel nichts gelten am Strand der Saale. Drei aus der Ur-Kachel fallende Kreuze symbolisieren nach Ansicht von Fliesenforschern einerseits den Auszug der Kachelkünstler aus dem Gelobten Land, spielen aber gleichzeitig auf den Heiligen Vater in Rom an, von dem erwartet wird, dass er sich endlich stark macht für die zölibatstreue Klebekunst. Ein starkes Statement für künstlerische Unabhängigkeit, ein unüberhörbarer Appell aber auch an die Stadtverwaltung von Halle: Haltet inne mit der Bilderstürmerei, bedenket, was ihr Euch selbst antut, wann ihr unserer Kachelkunst Gewalt antut.

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Der Kampf um die Kachelkunst :
Leise flieseln im Schnee
Kachelland ist abgebrannt
Verehrte Winkel-Fliese
Anti-Kachel-Strategie
Vernichtungsschlag gegen Kachelprojekt
Fliesenkünstler im eigenen Land
Kanonen auf Kacheln
Antifaschisten im Fliesen-Ferrari

Samstag, 29. Januar 2011

Wer hat es gesagt?

Einerseits haben wir das Phänomen des Nachrichten-Über-Angebots - eine endlose Aneinanderreihung der immer selben Bilder, der gleichen Informationen. Und mein Eindruck ist: Es steckt nicht mehr so viel Journalismus drin.

Andererseits gibt es eine stärkere Polarisierung. Die Konservativen überlegen nicht lange und wählen automatisch einen rechten Sender aus, weil der ihre Weltsicht, genauer: ihre Vorurteile bestätigt. Die Liberalen machen es genauso, sie suchen sich einen liberalen Sender.

Früher bezog sich die gesamte Nation auf einige wenige Nachrichtensendungen bei einem der wichtigen landesweiten Sender. Die boten verantwortungsbewussten Journalismus, weil sie überparteilich waren. Das ist schon lange nicht mehr der Fall.

Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das Gros der heutigen Nachrichten-Sendungen für die Bevölkerung noch von Nutzen ist.

Wasserkocher an der Waterkant

Nächste Runde im Vorkarneval um "unmenschliche Rituale" an Bord des deutschen Vorzeigeseglers "Gorch Fock". Ein Kräftemessen zwischen Giganten der Unabhängigkeit von der Berichterstattung, ein Märchenfestival für Erwachsene, dass jedem zufällig neu hereingeratenen Besucher den Atem stocken lässt. "Eine Kadettin soll so lange gemobbt und schikaniert worden sein, bis sie weinend
zusammenbrach", prangert die ehemalige "Bild"-Zeitung an. „Blonde Mädchen haben hier nichts verloren“, soll ein Ausbilder die Offiziersanwärterin angeschnauzt haben. „Die haben nichts im Kopf“, sie hätten auch nicht genug Kraft, um „aufzuentern“, also in die Takelage zu klettern.

Dass Offiziersanwärter das müssen, war bisher nicht bekannt gewesen. dennoch schingt sich ausgerechnet der "Spiegel", bishe Sturmgeschütze gegen die Kapitänsdiktatur an Bord des Seglers, auf, die Schiffsbesatzung der Fock zu verteidigen. Zwar hat die Bundeswehr der Stammbesatzung den Kontakt zur Presse verboten, doch das investigative Qualitätsmagazin hat dennoch einen "Brief der Stammbesatzung" vorliegen, in der sie sich bei Guttenberg beschwert.

Wieviel Aufwand es erforderte, an das geheime Papier heranzukommen, das zuerst beim Spiegelfechter veröffentlicht worden war, offenbart ein nachgereichter Eintrag von Spiegelfechtermacher Jens Berger. "Der Brief, der SPON angeblich vorliegt, ist definitiv von mir. Ich hatte nämlich an zwei Stellen kleinere Fehler ausgebessert, die im Brief an Guttenberg drin sind und von SPON wörtlich zitiert werden."

Das größte Nachrichtenmagazin der Republik hat sich den Originalbrief der "Gorch Fock"-Besatzung also offenbar mit Hilfe von Copy&Paste aus einer Quelle besorgt, die sich das authentische Papier ebensogut ausgedacht haben könnte. Nach dem Ausdruck war es dann ein "Spiegel Online vorliegender Brief". Völlig korrekt. "Die kochen auch nur mit "Wasser, kommentiert Berger amüsiert.

Noch mehr Qualität: Diebe! Räuber! Contentklauer!

Freitag, 28. Januar 2011

Lautschrift macht das Leben leichter

Pisa hin, Gesamtschule her, bisher hat es ja alles nicht den großen Durchbruch gebracht. Neue Hoffnung aber kommt aus Baden-Württemberg, das mit einer neuen Bildungsoffensive verstärkt die Ingenieure, Bundestagsabgeordneten und Herzchirurgen für morgen ausbilden will. Schülerinnen und Schüler in dem wirtschaftlich traditionell erfolgreichen Bundesland sollen künftig eine noch stärker vereinfachte Handschrift erlernen (Bild links). Die Schrift, die von einem Stuttgarter Künstlerkollektiv um den Grafikdesigner Kevin Käsebrecht erarbeitet wurde, verzichtet auf alle überflüssigen Striche, Buchstaben bestehen einzig aus ihren "prägenden Linien" (Käsebrecht). Sie sind damit unverwechselbar, leichter zu merken und mit viel weniger Tinteneinsatz zu schreiben.

"Ich will nicht, dass die Kinder sich an der Schrift abarbeiten", sagte Kultusministerin Marion Schick, "ich will, dass sie ihren Hirnschmalz für Deutsch, Mathe und die anderen Fächer einsetzen". Schreiben zum Beispiel sei kein Deutsch, Mathe habe ja letztlich auch nichts mit Zahlen zu tun und Sport nicht mit Bewegung. Schach und Skat, beides Sitzsportarten, bewiesen das. Im nächsten Schuljahr soll ersteinmal an einigen Schulen im Land ein Test mit einer vereinfachten Schreibschrift starten, in anderen will das Kultusministerium Versuche mit einer Lautschrift starten, bei der Schüler alle Worte so schreiben können, wie sie mögen oder wie sie sie beim SMS-Schreiben ohnehin interpretieren. Bildung werde groß geschrieben.

Parallel dazu laufen Versuche an mehreren Gymnasien, die umständliche und für viele gar nicht mehr immer verständliche Schriftsprache komplett auf die im Internet gebräuchlichen Emoticons umzustellen. Die Bildungserfolge Chinas lägen auch in der Verwendung einer sehr bildhaften Schriftsprache, glaubt man im Badischen, Emoticons könnten eine Art deutsches Chinesisch werden. Im Rahmen einer bundesweiten Bildungsoffensive werde das Experiment später auf andere Bundesländer und Grundschulen ausgeweitet. Es gelte, die Benachteiligung derer zu beenden, denen es trotz fleißigstem Lernen nicht gegeben sei, alle möglichen Kombinationen der gebräuchlichen 26 Buchstaben auswendig zu lernen. Mit einer erneuten Rechtschreibreform, die die Benutzung der überholten "Buchstaben" verbietet, werde aber dennoch nicht vor dem Ende der nächsten Legislaturperiode gerechnet.

Direkt zum wundgescheuerten Sprachgefühl.

Gabriel: Gemäßigte Erinnerung


SPD-Chef Sigmar Gabriel erinnert sich ganz genau. "Wir wurden wir kritisiert, als Kurt Beck damals Gespräche mit den gemäßigten Taliban forderte", flunkerte der derzeit amtierende Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie vor dem Bundestag. Das "wir" band ihn, seinerzeit noch als Pop-Beauftragter dilettierend, wie selbstverständlich in die Forderung des Mecki-Igels der deutschen Politik ein: Gabriel, so will Gabriel damit sagen, war schon immer für das große "Einbinden", für das Völkerverbinden, die "innere Zivilität" (Gabriel) und Befriedung durch Rückzug.

Gabriel ist da ganz entschieden, und das schon seit langer Zeit, er hat es nur ewig nicht herumgetratscht. Im Google-Archive, der unbestechlichen Protokollmaschine deutschen Politikergeschwätzes, findet sich bis heute kein Eintrag, der Gabriels Begeisterung für Gespräche mit "gemäßigten Taliban" für die Nachwelt festgehalten hat. Auch das "Spiegel"-Archiv vermerkt keine entsprechende Äußerung des Wahl-Magdeburgers mit dem raumgreifenden Helmut-Kohl-Körper.

Komasaufen in der Krise

Etappensieg für die weitsichtige Drogenpolitik der Berliner Rettungskoalition. Nach einer neuen Zählung des Statistischen Bundesamts sank der Bierabsatz der in der Bundesrepublik ansässigen Brauereien und Bierlager im vergangenen Jahr trotz Komasaufen und Fußball-WM erneut um 1,7 Prozent. Insgesamt hätten sich die deutschen nur noch 98,3 Millionen Hektoliter Gerstensaft schmecken lassen, das sind zehn Prozent weniger als noch Anfang des Jahrtausends. Auch der Versuch, die nachlassende Sauflust mit Hilfe bunter und kräftig gesüßter Mischgetränke zu beleben, ging schief. Auch hier schrumpfte der Absatz um 2,7 Prozent. Insgesamt schaffen die Deutschen pro Kopf und Jahr nur noch knapp 102 Liter - nicht ganz ein kleines Pilsken am Tag.

Der Saufstandort Deutschland schafft sich ab, ungeachtet aller Bemühungen in Flotte und Heer. Bei den deutschen Brauereien herrsche "seit Jahren Katerstimmung", hat die staatliche Nachrichtenagentur dpa herausgefunden. Besserung sei auch "nicht in Sicht". Ohne den Rückenwind der Fußball-WM könne der Konsumrückgang in diesem Jahr sogar noch stärker ausfallen als im vergangenen, in dem es Gesundheitspolitikern, Krankenkassen und Medien erst im Dezember gelungen war, mit Zahlen über einen "besonders hohen Anstieg beim sogenannten Komasaufen" bundesweit Schlagzeilen zu machen.

Ursache sei vermutlich die Alterung der Gesellschaft, die das Konsumverhalten nachhaltig ändere. Obwohl Gesundheitspolitiker seit Jahren warnen, dass vor allem ältere Menschen viel trinken sollten, zeige der Trend in die andere Richtung. Ältere tränken weniger und gingen auch nicht mehr so oft in die Kneipe, weil jede durchzechte Nacht Tage der Rekonvaleszenz zufolge habe.

Die junge Generation aber trinke aus Sicht des Deutschen Brauerbundes leider "mehr alkoholfreie oder Mischgetränke", so sie nicht in die Komatrinkaktivitäten eines beständig wachsenden Teil der deutschen Jugend involviert sei, der sich noch verantwortlich fühlt für Wohl und Wehe von Hopfen und Malz. Außerdem habe sich der Umgang mit Bier verändert, schreibt dpa: "Gehörte früher auf dem Bau die Flasche Bier zum guten Ton, so ist heute im Büro die Tasse Kaffee obligatorisch."

Zwei Jahrzehnte nach dem letzten "Tatort", in dem ein Kommissar noch betrunken durch eine Eckkneipe tanzen durfte, und eins nach der ersten DAK-Studie zum wachsenden Alkoholgebrauch der Deutschen greift der Deutsche denn auch am liebsten zum leckeren Fläschchen Oettinger, zum Bitburger Bierersatz oder einer Krombacher Regenwald-Rettungspulle, wenn schon ein Hefegetränk sein muss.


Ein Besuch bei den Freitrinkern an der Straße der Gewalt und in Bayern, wo Alkohol verboten ist.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Auf dem Dach oder in der Hand?

Wir hatten den putzigen Piepmatz ein bisschen aus den Augen verloren. Schon vor mehr als zwei Jahren berichtete das Kleinvogel-Board PPQ über die eigentümliche Verhaltensweise des Haussperlings - vulgo Spatz -, gleichzeitig auszusterben und einer der häufigsten Vögel Deutschlands zu sein. Die untrügliche Google-Timeline zeigt aber deutlich, dass diese markanten Populationsschwankungen offenbar zu den natürlichen Eigenheiten des "gefiederten Zweibeiners" (dpa oder andere) zählen. Im Jahr 2002 war der Spatz quasi weg vom Fenster, von 2003 bis 2007 erholte sich der Bestand augenscheinlich deutlich, ab 2008 setzte der Niedergang wieder ein, ohne von Monat zu Monat trotzdem zwischen Euphorie ("Spatz bleibt häufigster Gartenvogel") und Entsetzen ("Spatz auf der Roten Liste") zu pendeln.


Doch die Kontinuität des Nicht-Kontinuierlichen ist dem Sperling medial in die Gene geschrieben. Im April 2010 dräute wieder der Untergang ("Warum sterben unsere Spatzen?") - und im Januar 2011 ist alles wieder gut ("Haussperling ist häufigster Wintervogel").

Da wir keine Biologen sind, können wir keine Aussagen zum Verhalten der heimischen Fauna treffen. Eins scheint jedoch klar: Der Gang ins Archiv ist deutschen Journalisten allem Anschein nach streng verboten.

Diebe! Räuber! Contentklauer!

Diebe! Räuber! Contentklauer!, so schallt es aus den Pressehäusern, in denen sich die Qualitätsmedien vor der Wirklichkeit verbarrikadiert haben. Immer wieder stehlen kleine Blogger wertvolle Inhalte, immer wieder verschaffen sie sich mit Maus und Linksklick widerrechtlich Zugriff auf allgemeinzugängliche Pressemitteilungen, die Deutschland einzig wahre staatliche Nachrichtenagentur dpa eben noch als Premium Content verkauft hat.

Das darf nicht sein, das muss unterbunden werden, fordert eine breite Phalanx von "Spiegel" über ARD bis zu Bild und Taz, eine Phalanx, die es ihrerseits mit den Urheberrechten etwa so genau nimmt wie Mullah Omar mit den zehn Geboten der Christenheit. Der "Spiegel" zum Beispiel wies im letzten Jahr ein Video der US-Armee, das über das Portal Wikileaks veröffentlicht worden war, dreist als spiegeleigene Leistung aus. Als Quelle des Film wurde einfach "Spiegel TV" angegeben - schließlich, so begründete die Redaktion auf Nachfrage von PPQ, habe man das Ursprungsmaterial ja aufwendig zusammengekürzt und geschnitten und einen Kommentar darüber gesprochen.

Ein Beispiel, das den Presserat nicht gerade aufschreckte. Er wies eine Beschwerde zuerst ab und seit einer Beschwerde gegen die Abweisung berät er, wie er die nächste Abwesiung begründen kann. So lange macht das Vorgehen Schule: Nach dem Terroranschlag von Moskau zeigte die ARD-Tagesschau Bilder vom Anschlagsort mit der Quellenangabe "Internet". Erwogen werde allerdings, wird ein GEZ-Sprecher auf Nachfrage sagen, beim nächsten Mal korrekt als Quelle "Planet Erde" anzugeben.

Wie die stets willige "Zeit" macht auch die seriöse Bild-Zeitung da gern mit. Während die von Putin halbdikatorisch regierte russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti wenigstens noch halbkonkret vernerkt, dass gezeigte Terrorort-Video unter Umgehung der Youtube-Nutzungsbedingungen heruntergeladen und dann weiterverbreitet wurden, spart sich der Qualitätsboulevard diese Einzelheiten. Auf Deutschlands meistbesuchtem Webportal stammt das Filmmaterial kurzerhand von Deutschlands meistbesuchtem Webportal, wie Die Anmerkung sofort feststellte. Jeden Hinweis darauf, woher das Original stamme, habe man sich gespart - ganz nach "Spiegel"-Art.

Zum unmarkierten Original bei Youtube.

Mehr Spielgeld gegen Spielsucht

Trauer, Wut und Scham deutschlandweit, stilles Entsetzen, peinlich berührtes Schweigen. Nachdem der verdienstvolle "Spiegel" in einer atemberaubenden Reportage aus dem Herzen der Finsternis erstmals öffentlich gemacht hatte, wie Migranten, "die es nach Deutschland verschlagen hat" (dpa), hier als willfährige Opfer der Spielautomatenindustrie herhalten müssen, regt sich Widerstand auch in den Kommentarspalten des ehemaligen Nachrichtenmagazins. Deutschland hat noch Empathie, Deutschland fühlt mit den Bedauernswerten, die "Spielhallen ohne einen Cent verlassen und nichts zu Essen für ihre Frau und ihre Kinder kaufen können".

"Widerlich, die Methoden der Ausländerfeinde", heißt es in einem rührenden Beitrag. "Sie stellen jetzt einfach Spielautomaten auf, um die armen Migranten spielsüchtig - ja krank - zu machen." Das sei ja fast, als ob die Migranten nicht wüssten, wohin mit dem Hartz4-Satz. Doch diese menschenverachtenden Methoden kenne jeder aufmerksame Fernsehgucker aus Amerika, wo man seinerzeit pockenverseuchte Decken an Indianer verteilt habe. "Ich weiß nicht, was perfider ist", fragt sich der geschockte "Spiegel"-Leser, "die Sache mit den Decken oder mit den Spielautomaten".

Nicht nur er hofft, dass "Spiegel Online" mutig "an dieser Schockersache dranbleibt". "Warum bekommen betroffene Familien nicht einen Heimautomaten, an dem der Herr Papa nach der Arbeit einfach abgestellt wird?", fragt ein besorgter Leser. Auch ein anderer Diskutant nutzte die Nacht und die weit offenstehende Kommentarfunktion, um seine tiefe Betroffenheit zu formulieren. "Ich als Gutmensch kann dazu nur sagen, dass die Gesellschaft und der Mangel an Perspektiven die Ursachen für die Spielsucht der Migrantinnen und Migranten sind", schreibt er. Ausweg könne nur die Aufstockung der Hartz-IV-Leistungen um einen angemessenen Betrag von 200 Euro im Monat sein, um Betroffene mit Spielgeld zu versorgen. Wichtig seien außerdem "die Vorort-Betreuung durch Sozialtherapeuten" und die Erleichterung des Familiennachzuges in die Sozial- und Betreuungssysteme. Der Staat habe eine Fürsorgepflicht. Auch und gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte müsse deshalb das Motto gelten: "Migranten fordert eure Rechte - wir bezahlen sie."

Zur Diskussion.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Mein Leben als Drilling


Vor mehr als einem Jahr enthüllte das Doppelgänger-Board PPQ: Der deutsche Bestseller-Autor Frank Schätzing und der Sänger der Flaming Lips Wayne Coyne sind ein und dieselbe Person. Damals war uns Enthüllungs-Desperados jedoch nicht klar, dass zwei Leben als graumelierter Klodeckel-Bart nicht genug sind. Ein bisschen Farbe ins Gesichtsgestrüpp - und schon schließt sich eine Karriere als Virgin-Chef Richard Branson nahtlos an. Fische, Musik und Hochtechnologie: Unser Mann im Spiegelkabinett hat sich viel vorgenommen.

Weitere erstaunliche Doppelgänger-Existenzen finden sich wie immer in unserer Datenbank.

Die ganze Gegenwart in drei Zeilen

Schlimm, entsetzlich, zu Tränen rührend. Allen Vorwürfen zum Trotz, des gebe keine Medien mehr, die heiße Eisen tabulos anpacken, mit schlimmen Schicksale zu Tränen rühren und der Gesellschaft ihr grausames Spiegelbild gnadenlos vor Augen halten, hat es die führende Illustrierte des Landes jetzt geschafft, den gesamten bedauernswerten Zustand von Land, Volk und Bevölkerung in drei lässigen Zeilen darzustellen. Es handelt sich bei dem Stück Hochdruck-Poesie um die Einleitung eines fürwahr zu Tränen rührenden Poems mit dem Titel "Migranten in Daddelhallen". Wer sich vorm Weiterlesen nicht fürchtet, hat kein Hirn. Wer nach dem Lesen noch glaubt, er habe es auch nicht leicht, hat kein Herz.

Hier nun die Kurzgeschichte, die ein Vorspann ist, der in die tiefsten Tiefen der Gegenwart blicken lässt. Alles drin, alles dran, Wirklichkeit als Essenz. Drei Zeilen für ein Hallelujah.

Hunderttausende Menschen in Deutschland sind spielsüchtig. Unter ihnen sind auffällig viele Migranten. Sie fordern von der Politik endlich schärfere Kontrollen und mehr Aufklärung.

Das gesamte Elend im Original.

Verbot der Woche: Gmail ist illegal

Da wird Google seine hochfliegenden Pläne für Deutschland nun wohl ganz schnell ändern müssen. Eben hatte Eric Schmidt, der scheidende Chef der US-Datenkrake, noch vollmundig versprochen, Google werde in Deutschland mehrere hundert neue Stellen schaffen, jetzt setzt der deutsche Datenschutz den Versuchen der Firma, immer weiter zu expandieren, ein schnelles Ende. Wie der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix klarstellte, sind IP-Adressen von Internetnutzern in Deutschland Telefonnummern gleichgestellt. Das habe zur Folge, dass Websiten IP-Adressen nicht in die USA übermitteln dürften, wie es beim Einsatz von Google Analytics geschehe. Alle Internetseiten, die die Google-Funktion zur Besucheranalyse verwenden, sind damit in Deutschland illegal.

Während das Analyseboard PPQ vom im Rahmen der selbstinitiierten Kampagne "Verbot der Woche" nicht betroffen sein wird, weil sich die zum Teil auch auf Deutsch angebotenen Texte hier ausschließlich an in Oklahoma und dem Süden Chiles lebende Exil-Schwaben richten, trifft die Berliner Entscheidung die Qualitätswebseite der seit Jahrzehnten im Sinne der Aufklärung arbeitenden Tageszeitung FAZ hart. Womöglich werde die Internetplattform, die traditionell auf Google Analytics vertraut, schon heute abgeschaltet, heißt es in einschlägigen Internetforen.

Dasselbe Schicksal droht nach Angaben von Dix auch dem zwielichtigen Google-Maildienst Gmail. Auch der sei "mit deutschem Datenschutzrecht nicht vereinbar" und könne deshalb in Deutschland "nicht legal genutzt werden". Wann die Bundesregierung direkt gegen die illegalen Angebote vorgehen wird, ist allerdings noch nicht bekannt, auch die Strafen für störrische Weiternutzer von Gmail und dem deutschen Ableger Googlemail müssen noch vom Bundestag durchgewunken werden.

Zur bürgerschaftlich engagierten Reihe Verbot der Woche.

Mehr Google-Geheimnisse bei NWR.

Brettharter Dienst am Vaterland

In banger Erwartung der großen Bundestagssaussprache zum Bundeswehrskandal, zu der inzwischen 37 von 552 Abgeordneten ihr Kommen zugesagt haben, erreichten das Taktikbord PPQ neue Zahlen zum Missbrauch in den Reihen von Heer, Marine und Kochcorps. Augenzeugen aus allen Truppenteilen berichten von überhartem Dienst, teilweise schon vor dem Morgengrauen. Drill soll es nicht nur an Bord der "Gorch Fock", sondern sogar bei den lustigen Stadtmusikanten in Grau und Grün gegeben haben.

Der Bericht eines ehemaligen Kantinenbullen bei der Marine zeigt, dass es sich bei den Einzelfällen, bei denen es zu Alkoholgenuss kam, nicht um einen Einzelfall handelt. "Für die 30-Mann-Besatzung meines Minensuchers musste ich für eine vierwöchige Reise nach Norwegen 150 Kisten Bier und 350 Flaschen Schnaps an Bord nehmen." Bei den Schnapsflaschen habe es sich "natürlich um Literflaschen" gehandelt. Dennoch war nach drei Wochen Holland in Not auf hoher See: "Ich musste noch 25 Kisten Bier und 30 Flaschen Schnaps vom Versorger nachkaufen".

Brettharter Dienst am Vaterland, wie ihn auch Matrosen an Bord eines Zerstörers erlebten. "Ging es auf Fahrt, mussten die Spinde ausgeräumt werden, um Bierkästen zu bunkern", erinnert sich ein Fahrensmann. Ein bisschen Stolz schwingt bei der Abrechnung mit: "Was soll ich sagen, es war alles leer, bis zum Einlaufen in den Heimathafen". Der "Alte" genannte Kapitän habe verhindern wollen, dass "ich den Stoff nachverzollen muss". Oppossitionspolitiker im Bundestag haben Bundesverteidigungsminister Karl von und zu auch Guttenberg nach den neuen Enthüllungen aufgefordert, umgehend Konsequenzen zu ziehen. Es handele sich hier ganz offenbar um ein Zollvergehen, das "systemisch" sei, hieß es im politischen Berlin. Entweder, der Minister habe das gewusst, dann müsse er zurücktreten, weil er es geduldet habe. Oder er habe es nicht gewusst, dann müsse er seinen Hut nehmen, weil er sein Haus ganz anders als seine SPD-Vorgänger Rudolf Scharping und Peter Struck, bei denen es keinerlei Alkoholgenuss in den Reihen von Heer und Marine gab, nicht Ordnung halte.

Gorch Fick: Leiden auf Lustreisen

Dienstag, 25. Januar 2011

Wer hat es gesagt?

Tatsächlich bezweifle ich, dass es ohne Prügelstrafe je eine klassische Erziehung gegeben hat oder dass es je eine geben kann.

Alkohol bei der Armee?

Neue Berichte mit neuen Einzelheiten von der "Gorch Fock" werfen neue Fragen auf. Der "Spiegel", überwiegend von ungedienten Militärspezialisten betrieben, berichtet über "hemmungslos betrunkene Soldaten" an Bord und einen Kommandanten, der " meist in Badehose unterwegs" gewesen sei: Offiziersanwärter, gekommen, um das fröhliche Kriegshandwerk zu erlernen, beklagten sich "über den massiven Alkoholkonsum der Stammbesatzung" des Segelschulschiffes.

Abgesehen von Berichten aus dem Jahr 2009, als von Soldaten in Mittenwald die Rede war, die zum Alkoholtrinken gezwungen worden sein wollten, ein einmaliger Vorgang, der auf Alkoholkonsum in der gesamten Bundeswehr hinzudeuten scheint. Auf neun Seiten berichtet der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus dem "Spiegel" vom Genuss geistiger Getränke an Bord, davon "wie ein Offizieranwärter das Erbrochene der Offiziere von Deck schrubben musste" und dass ein Besatzungsmitglied den Neuankömmlingen "im Rausch sogar mit dem Tod gedroht habe."

Altgediente Soldaten und Offiziere fragen sich besorgt: Ist das noch meine Bundeswehr? Die Armee, in der wir nüchtern so viel Spaß hatten? Wo wir Maskensaufen und Bierrennen für den Frieden machten? Denn was jetzt öffentlich wird, geht weit über alles hinaus, was seit den Napoleonischen Kriegen in deutschen Armeen denkbar war. Die NVA etwa, Bild oben, war eine völlig "trockene" Armee, Alkohol zu trinken galt hier als verpönt. Ganz anders bei der Bundesmarine: "Je mehr über die Zustände auf dem einstigen Paradeschiff der deutschen Marine herauskommt, desto mehr stellt sich die Frage nach Disziplin und Ordnung auf dem Segler", orakelt Matthias Gebauer, bisher der "einzige Online-Journalist, der mit dem Kanzler Dienstreisen macht", nun aber aufgestiegen zum "Spiegel"-Wehrbeauftragten.

Alkohol bei der Armee? Schnaps auf See? Wermut auf Wache? Bier auf Bude? Unfassbare Einzelheiten, die das Bild von der deutschen Bundeswehr als Spaßarmee mit durchweg traumatisierten Mitmarschierern nachhaltig zu trüben droht. Nie zuvor hatten einfache Rekruten das "Erbrochene der Offiziere wegschrubben" müssen, hatten Stammbesatzungen "hemmungslos gesoffen", waren mörderische Scherze auf Kosten der Neuankömmlingen erlaubt gewesen. Der Nahblick auf die "Gorch Fock" wird zum Blick in den Abgrund. Alkohol bei der Armee. Betrunkene bei der Bundeswehr. Ein Schock, der Deutschland nachhaltig traumatisieren wird.

Menschenverachtende Experimente an lebenden Soldaten hier:

Missbrauch bei der Bundeswehr
Waterboarding mit Heringsbrühe

Essen auf Müllautorädern

Immer mehr Kinder sind immer mehr arm, immer mehr Jugendliche hungern, immer mehr Erwachsene können sich nicht einmal mehr die regelmäßigen Mahlzeiten von der "Tafel" leisten. Die "Schere zwischen arm und reich" (Angela Merkel), sie klafft in den Tagen der Dioxinangst, in denen EU-Politiker den Preiseinbruch beim Schweinefleisch aufhalten wollen, während andere EU-Politiker gegen die ständigen Spekulationen auf höhere Lebensmittelpreise ankämpfen, als wäre die Welt noch der gute alte Ort, wo Oma die Kanne Milch von der eigenen Kuh zum Abholen bringt und dafür Wurstsuppe beim Schlachter bekommt.

Doch was dereinst Mangel war, sieht heute wie Überdruss am Überfluss aus. 60 Jahre nachdem die letzte Brennesselsuppe verzehrt wurde werfen die Europäer etwa ein Viertel aller gekauften Speisen und Getränke unverzehrt in den Müll, wie die Europäische Kommission in einer Studie herausfinden ließ. Zuvor ist auf dem Weg zu den Endkunden allerdings bereits ein Drittel aller erzeugten Nahrungsmittel als "Nachernteverlust" im Abfall gelandet, wie der inzwischen auch auf Lebenmittelsicherheit spezialisierte World Wildlife Fund in einer anderen Studie feststellt. Das "verschlimmert die weltweite Ernährungskrise", stellen die Freunde der freilebenden Fauna fest, jedoch nicht so sehr, dass nicht genügend in den Haushalten ankommt: Immerhin 89 Millionen Tonnen oder 179 Kilogramm pro Person Speisen werden in der EU Jahr für Jahr weggeworfen. Knapp ein Drittel der gesamten Müllmenge, die ein Europäer produziert, besteht damit aus Essbarem. Die Deutschen steuern mit rund 20 Millionen Tonnen etwa ein Fünftel der Gesamtmenge bei, pro Kopf liegen aber die Niederländer vorn, die Griechen hingegen ganz hinten.

Bundes-Facebook-Ministerin Ilse Aigner hat auf die schockierenden Nachrichten reagiert und angekündigt, dass Lebensmittel in Deutschland "wieder einen höheren Stellenwert und mehr Wertschätzung erhalten" sollen. Not, Armut und Hunger seien alltäglich in Deutschland, dennoch werde von denen, die über reichlich Lebensmittel verfügen, zum Teil sehr sorglos mit Nahrungsmitteln umgegangen. Viele Nahrungsmittel werden einfach weggeworfen, bloß, weil sie überlagert seien oder nicht schmeckten. "Wir sollten bewusster genießen, uns bewusster ernähren und auch bewusster einkaufen", appellierte die Ministerin.

Montag, 24. Januar 2011

Mehr schon wieder weniger

Der Plan war wieder super, die Rechnung stimmte. Peer Steinbrück, der erste deutsche Finanzminister, der gar nichts falschmachen konnte, war ganz sicher. Um die verstärkte private Altervorsorge der Bevölkerung zu unterstützen, hatte der Arbeiterführer im Februar vor zwei Jahren eine Abgeltungssteuer durchgedrückt, die darauf angelegt war, dem Staat von jedem Häppchen Vermögenszuwachs im Land automatisch ein Viertel Steuern zu sichern, vor allem Großanleger aber zu schonen: Statt mehr als 40 Prozent Steuern zu zahlen, sollten auch die wie Oma auf ihre Sparbuchzinsen mit 25 Prozent davonkommen.

25 Prozent auf alles, das wäre mehr als die 30 bis 42 Prozent auf das, was die Leute freiwillig angeben, glaubte der beliebte Allesexperte, der in jedem Deutschen nicht nur einen .otentiellen, sondern einen täglich tätigen Steuerhinterzieher sah. Zwei Jahre später lässt sich das Ergebnis des Experiments am lebenden Anleger in Zahlen besichtigen. Die Einnahmen aus der Abgeltungssteuer im Vergleich zum Vorjahr um 3,7 Milliarden Euro gesunken. Statt wie im letzten Jahr vor Steinbrücks wegweisendem Steuerbeschluß 13,5 Milliarden Euro einzunehmen, kassiert der Bund nur noch 8,7 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr sollen die Einnahmen weiter zurückgehen und auf rund acht Milliarden Euro sinken.

Dabei war der Plan super und die Rechnung stimmte. Nur rechnet die andere Seite leider auch: Kurz vor Einführung des Abgeltungsmodells kauften die deutschen Anleger deshalb noch einmal massenhaft Fonds und Aktien, seitdem aber verkauften sie kaum welche. Und wenn, dann mit anrechenbarem Verlust. Aalen statt Zahlen!, ist das Motto (Foto oben: Zwei Festgeldsparerinnen aus Wolfenbüttel). Auf Aktien, die gehalten werden, werden aber keine Steuern fällig - und selbst wenn die Deutschen jetzt begännen, ihre Altbestände aus der Geltungszeit der zuletzt von der SPD reformierten Spekulationssteuer abzustoßen, bliebe deren Verkauf steuerfrei.

Was Steuerhinterziehung verhindern, Schwarzgelder ins Inland locken und die Einnahmen des Staates erhöhen sollte, reißt so neue Löcher in den Haushalt. Mehr ist wie gerade erst bei der Tabaksteuer schon wieder weniger. Kapital ist auch nicht zurückgeströmt, die Steuererklärung ist noch ein wenig schwieriger auszufüllen. In der "Welt" fordert die Deutsche Steuergewerkschaft (DSTG) deshalb, die Abgeltungsteuer abzuschaffen, denn dazu ist sie ja auch da. In Berlin hat das Finanzministerium inzwischen einen Plan ausgeknobelt, wie sich die Einnahmen langfristig erhöhen lassen: Mit einer marginalen Erhöhung der Steuerfreibeträge für Kapitaleinkünfte sollen möglichst viele Bürger veranlasst werden, ihre neue Steueridentifikationsnummer bei allen ihren Banken anzugeben. Damit würde es den Finanzämtern möglich, erstmals einen vollständigen Überblick über alle Konten aller Anleger zu gewinnen. Die Abgeltungssteuer brächte dann irgendwann doch noch richtig Geld...

Wikileaks: Geheime Hochwasser-Verschwörung


"Hübsch, gut geschossen": Ein neu aufgetauchtes Video stürzt die Hochwasser-Krisenstäbe in Erklärungsnöte. Es zeigt, wie mehrere Männer im Zuflussbereich der Flutgebiete eine Gruppe von Hochleistungspumpen aufbauen und beginnen, Leitungswasser in die Schwemmgebiete zu leiten - ohne sichtbaren Grund. Während der Arbeiten lachen und scherzen die Männer über ihre Opfer.

Schlimm genug, dass im Hochwasserfall immer wieder unbeteiligte Zivilisten betroffen sind. Schlimmer noch, wenn die Krisenstäbe nachher versuchen zu vertuschen, dass es zu rätselhaften Einleitungen von Leitungswasser in die Flutgebiete gekommen ist. Am 12. Januar 2010 hat sich in Mitteldeutschland ein solcher Fall ereignet: Hunderte Häuser, Wege und Grünflächen wurde überflutet, weil im Zuflussbereich Pumpen immer mehr Wasser in die Auen fließen ließen.

Vorfälle, die bisher vertuscht wurden. Auf Nachfrage von Nachrichtenagenturen und anderer Medien antworteten Krisenstäbe stets, die mit Warnjacken bekleideten Männer hätten nur den Damm verteidigt. Es gab allerdings einen Zeugen, der normalerweise nie Ärger macht: Ein ehemaliger Wasserwerker filmte das Treiben auf dem Damm.

Nur wurden die Aufnahmen in diesem Fall auf der Internetseite Wikileaks veröffentlicht. Jetzt kann die Welt sehen, dass die Krisenstäbe gelogen haben. In dem knapp zwei Minuten langen Film ist zu sehen, wie mehrere Männer an Pumpen arbeiten, die riesige Wasserfontänen in die Auenbereiche am Stadtrand der mitteldeutschen Kulturhauptstadt Halle schießen.

Was die Männer vorhaben, ist nicht ersichtlich, zu erkennen ist allerdings, dass mindestens zwei von ihnen sich mit der Materie auskennen - was in Halle zunächst nicht ungewöhnlich ist, da von hier auch Händel stammt, der einst die "Wassermusik" komponierte. Während die Kamera über der Szene kreist, hört man die ebenfalls aufgezeichneten Stimmen der Pumpen-Besatzung. Die Männer beratschlagen, was zu tun ist, um noch mehr Wasser bewegen zu können, um die Wasserrechnung in die Höhe zu treiben. Davon ist auf dem Video nichts zu sehen: Weder sieht man einen Wasserzähler, noch ist das Verlegen neuer Schläuche zu sehen.

Was das Video brisant macht, sind nicht allein die unhörbaren Kommentare, sondern auch die erschütternden Bilder, deren Authentizität inzwischen von offizieller Stelle bestätigt wurden. Erst Wikileaks ist es nun dank "einer couragierten Quelle" aus der Wasserwirtschaft gelungen, die vom Krisenstab verhängte Nachrichtensperre in diesem Fall zu umgehen. Die Behörden müssen fürchten, dass das Beispiel Schule macht: Touristen mit Digitalkameras filmen traditionell einen Großteil der Einsätze von Hochwasserhelfer in Mitteldeutschland oder dem Rheinland, bei umstrittenen Einsätzen können sie im Nachhinein als Beweis dafür dienen, was tatsächlich vorgefallen ist. Die Aufzeichnungen sind als geheim klassifiziert.

Wikileaks ("leak" ist Englisch für "lecken, Leck schlagen") ging im Januar 2007 online. Die Seite gibt Insidern eine Plattform, die Geheimnisse ausplaudern wollen. Sie soll von chinesischen Dissidenten und Hackern aus aller Welt betrieben werden, alle sollen auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Die Dokumente, die Quellen auf der Seite der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, behandeln ein weites Themenspektrum von Giftmüll-Verklappung in Afrika bis zu Enthüllungsberichten über Scientology. 2008 wurde die Seite vom britischen "Economist"-Magazine mit dessen Preis für Neue Medien ausgezeichnet.

Zum Original-Artikel im "Spiegel"

Sonntag, 23. Januar 2011

Gorch Fick: Leiden auf Lustreisen

Bundeswehr in der Krise, Marine auf dem Trockenen, das Elite-Segelschulschiff "Gorch Fock", 1958 als Nachfolger von Hitlers gleichnamigen und baugleichen Segelschulschiff vom Stapel gelaufen, ein schwimmender Puff: Trotz des unmittelbar bevorstehenden Abzuges aus Afghanistan steht das deutsche Militär unter Minister von und zu und auch Guttenberg in seiner größten Abwehrschlacht seit den Kämpfen an den Seelower Höhen. Unglaubliche Einzelheiten werden plötzlich öffentlich. So sollen Offiziersanwärter nach einem Bericht der Wehrbeauftragten bei der Welt an Bord der "Gorch Fock" "Drill, Einschüchterung und Schlafmangel" erlebt haben. Eine Augenzeugin berichtet zudem, die Ausbildung, von der Experten und Teilnehmern mehr als 50 Jahre lang angenommen hatten, sie beruhe durchweg auf Jux und Dollerei mit hohem Spaßfaktor, habe "offenbar System gehabt".

Die Einzelheiten treiben jedem ehemaligen Uniformträger die Schamröte ins Gesicht. Dass eine deutsche Armee, eine deutsche Seestreitmacht so tief sinken kann! An Bord der "Gorch Fock" fielen offenbar die letzten Tabus: „Da wurde gebrüllt, da wurde gedrillt", erzählen Opfer sowohl in der "Welt" wie auch im "Spiegel" und allen anderen zivilgesellschaftlichen Medien gleichlautend. Nach den Worten einer Zeugin seien junge Menschen zum Segelhissen oder Einziehen zum Hinaufklettern in die Masten gezwungen worden, statt dafür Ein-Euro-Jobber anzuheuern oder im europäischen Ausland nach Helfern auf Pauschalbasis zu suchen. „Wenn Aufentern befohlen ist, dann musst du in die Takelage. Alles andere ist Gehorsamsverweigerung“, zeigt sich die Soldatin bis in die tiefste Seele verletzt.

Kein Einzelfall. Immer wieder seien die Kadetten von den Vorgesetzten unter Druck gesetzt worden. Zähneputzen, Duschen, bettenbau, Reviere reinigen, KLos putzen. „Der Druck war ständig da. Es ist vom ersten Tag an klar: Wer nicht spurt, der fliegt", enthüllt das Blatt.

Statt Befehle demokratisch zu diskutieren und Kadetten freizustellen, die etwa zum Küchendienst oder zum Plankenscheuer keine Lust hatten, habe jeder, der gemeine Befehle wie den zum Kartoffelschälen oder zum Schlafen in einer vorsintflutlichen Hängematte verweigerte, damit rechnen müssen, zu fliegen. "Zuerst nach Hause, dann aus der Offizierausbildung.“

Hier zeige sich eine Armee, die im Gegensatz etwa zu Dax-unternehmen quasi feudalistisch funktioniere, sagt ein ehemaliger NVA-Oberst, der nie zuvor von solchen Umgangsformen gehört hat. Verweigere ein Elektriker bei Siemens die Arbeit, bekomme er Blumen, erscheine eine Sekretärin bei der Deutschen Bank mehrfach nicht zum Diktat, erkundige sich der Vorstand höflich nach ihren Gründen. Grausam dagegen die Zustände an Bord der "Gorch Fock": In der „Hackordnung“ an Bord seien die Kadetten anders als in allen anderen Armeen der Welt "das letzte Glied, macht eine junge Frau öffentlich, wie sehr sie leiden musste. Wo bei NVA, US-Army, bei den britischen Seals oder der chinesischen Volksarmee immer der Grundsatz gelte, der General dient, der Soldat genießt, sei es auf der "Gorch Fock" ganz anders gewesen. Das Schiffe werde regiert von „übertriebener Härte und Männlichkeitsgehabe“, im Gegensatz zum normalen Ablauf etwa in der Sowjetarmee oder bei den französischen Streitkräften, wo alle mit allen alles ruhig durchsprechen, herrsche hier der grausame Grundsatz: "Die einen müssen den anderen immer gehorchen."

Dadurch sei die "Gorch Fock" zum legendären "schwimmenden Puff" geworden. "Wir nannten sie nur Gorch Fick". Anders als in der bunten Broschüre der Bundesmarine (Bild oben), wegen der die meisten an Bord sich für eine Admiralslaufbahn entschieden hatten, ging es nicht um eine Lustreise, wie sofort nach dem Ablegen klar wurde. "Ständig wurden wir angeschrien: 'Sie sind nicht hier, um das schöne Wetter zu genießen!" Auf Rückfrage habe die Marine aber dennoch eine Minderung des Reisepreises ausgeschlossen.

Zum Opfertreff im Netz: Krieger VZ
Folter in Uniform: Missbrauch erreicht Pornoindustrie
Direkt zur Generation Waschlappen
Blick in den Abgrund bei Kewil

Wer hat es gesagt?

Es sind immer die guten Menschen, die den größten Schaden anrichten.

Samstag, 22. Januar 2011

Plus plus Plus ist Minus

Müsste ein Politiker aufmalen, wie er sich das
Funktionieren eines Staatswesens vorstellt, käme womöglich das Bild einer Saftpresse heraus: je mehr man drückt, desto begieriger fließt der Saft. Die Mechanik des Küchengerätes ist es denn auch, die die Regierenden gleich welcher Partei vermuten lassen, dass Steuererhöhungen stets mehr Geld einbringen, Steuersenkungen hingegen zu Mindereinnahmen führen.

Von der Realität war Glaube nie zu heilen, schon gar nicht der Glaube des politischen Führungspersonals an seine "Stellschrauben" (Steinmeier) und die "Lenkungswirkung" der eigenen Beschlüsse. Da kann das Komasaufen sich nach dem Verbot der Alcopops verzehn- oder verhundertfachen, weil die Jugend nun statt teurer Mixgetränke billigen Vollschnaps konsumiert. Da kann die Einwegquote nach dem Verbot der Getränkebüchse explodieren und die Tabaksteuer auch nach der fünften Erhöhung in zehn Jahren immer weiter sinken: Spätestens bei der nächsten Gelegenheit wird sie wieder erhöht.

Und wieder wird das Gegenteil erreicht. Wie hier bei PPQ schon vorab vielmals in Rauchzeichen an die Wand gemalt,
sanken die Einnahmen aus der Tabaksteuer auch im vergangenen Jahr wieder. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden nach einem Rückgang von 1,5 Prozent absolut 200 Millionen Euro weniger eingenommen. Inzwischen kassiert der Staat nur noch 13,4 Milliarden Euro - satte 900 Millionen weniger als vor der der Idee des damaligen Arbeiterführers und Finanzministers Hans Eichel, mit einer höheren Tabaksteuer die Zahl der Raucher zu senken und die Staatseinnahmen zu erhöhen.

Dass Menschen ausweichen, dass eine Gesellschaft keine Maschine ist, dass Bedienungsfehler dazu führen, dass das Gegenteil des ursprünglich Beabsichtigten eintritt - Eichels Nachnachfolger Wolfgang Schäuble würde sagen, davon habe er noch nie gehört. Er setzte zuletzt mit Zustimmung der Steuersenkungspartei FDP erneut eine Tabaksteuererhöhung durch, um "den Einstieg in Steuervereinfachungen zu finanzieren", wie Wirtschaftsminister Rainer Brüderle strahlend mitteilte.

Geht es in der Welt zu, wie es in der Welt zugeht, fehlt schon in zwei Jahren eine weitere halbe Milliarde aus der Tabaksteuer.

Mehr Saft aus der Presse: Denn sie wollen nicht wissen, was sie tun

Freitag, 21. Januar 2011

Im Lager der hasserfüllten Verleumder

Er hat das von Berlin aus gemacht, das Gespräch mit der BBC. Besser so für den ehemaligen Bundesbanker Thilo Sarrazin, gebürtig in Gera, einer Stadt der späteren und dann ehemaligen DDR: Als zum letzten Mal ein Mann in Deutschland beschuldigt wurde, sich "außerhalb unserer Gesellschaft" gestellt zu haben, durfte er seinen Auftritt im Ausland noch genießen. Danach aber nicht mehr zurück nach Hause.

Die DDR-Führung hatte kurzerhand beschlossen, den Liedermacher Wolf Biermann auszubürgern. Der Hamburger Übersiedler habe eine "konterrevolutionäre Wühltätigkeit" durchgeführt, er habe die DDR "verleumdet", die Erfolge des Aufbaus negiert und damit das "Recht verwirkt", an der gesellschaftlichen Diskussion weiter teilzunehmen. Es schloss sich, und auch das ist soweit weg vom heutigen Theater, das das alte Stück zum 35. Jubiläum mit Thilo Sarrazin als Biermann wiederaufführt, eine großangelegte Kampagne an, in der Prominente vom Provinzschauspieler bis zum Staatsdichter erklären mussten, dass sie sich von Biermann verraten fühlten.

Wie ein Mann traten sie an, die späteren Polizeiruf-Kommissare, "Riverboat"-Talker und Messe-Ehrengäste. Das Bekenntnis einer DDR-Künstlergruppe um den Sat1-Drehbuchautor Benito Wogatzki wäre gegenwartstauglich, tauschte man die Worte Biermann und DDR gegen Bundesrepublik und Sarrazin: "Unser Staat hat Biermann ausgebürgert. Das ist sein Recht. Unser Staat musste ihn ausbürgern: Das war seine Pflicht; er vollzog nur juristisch nach, was Biermann schon längst getan und öffentlich demonstriert hatte: seine Trennung von der DDR durch Übertritt in das Lager ihrer hasserfüllten Verleumder".


Wie der Sänger damals seine Lieder über den Umweg Köln in die sozialistischen Wohnzimmer verklappen wollte, so hat Sarrazin, der jetzt auch singt (Soundfile oben) den Umweg über das Ausland genommen, um seinen "kruden Thesen" (Spiegel) noch weitere Verbreitung zu verschaffen.

Zu Hause untersuchen derweil Forscherteams "Sarrazins Thesen", schreibt die Süddeutsche Zeitung und sie finden heraus, dass man aufgrund derselben Zahlen auch zu anderen Schlüssen kommen kann. "Sarrazin beschreibt teilweise die Vergangenheit», sagt Naika Foroutan von der Berliner Humbold-Uni, die schon vor Beginn ihrer Untersuchung im Herbst 2010 wusste, dass Sarrazin lügt und falsche Daten benutzt. Jetzt weiß sie, dass sie Recht hatte: Viel habe sich verbessert in den letzten fünf Jahren, so sei etwa Facebook erfunden worden, was Sarrazin gar nicht erwähne. Heute liegt in Berlin der Anteil an Sozialgeldempfängern unter Türkischstämmigen bei knapp fünfzig Prozent, als Wolf Biermann aus der DDR ausreiste, war es weniger als ein Prozent. "Da wird einem klar", sagt Naika Foroutan "wieviel sich in fünf Jahren doch verändern kann."

Das alles und noch viel mehr, sang der nach Norddeutschland emigrierte Berliner Ralph Möbius, auch kein Freund von Biermann. Doch da gilt immer noch das Wort des großen DDR-Kunstschaffenden Konrad Wolf, der Biermann einst hinterherrief, der sei "nicht der unbequeme, manchmal zu weit gehende, aber zu Unrecht verdächtigte Liedermacher, sondern ein Mann, der einen anderen politischen Weg geht als wir" (Foto oben).

Das würde der Schriftsteller Thomas Lehr sicher unterschreiben, nachdem er in der FAZ Goethes „West-östlichen Divan“ als ein "antisarrazinisches" Werk bezeichnet hat. Naheliegend wie die Behauptung, der Sklavenführer Spartakus sei Antifaschist und Hitlergegner gewesen. Goethe, der Einfühlungsgigant in die islamische Kultur, habe es geschrieben, um Völker zu verbinden, nicht um zu spalten, das habe er ihm selbst gesagt. Sarrazin rufe den Dichterfürsten ohne Genehmigung als Zeugen an. Dafür gebe es Zeugen.

"In seinem Vortrag erkennt man leicht die bösartigen Wahrheitsverdrehungen", belehrt Lehr. Mit großer Überheblichkeit liefere er Ratschläge, "was unsere Bürger in ihrem Staat tun müssen, damit er und seine Freunde, ihn akzeptieren könnten."

Oh, der Satz war aus dem Jahr 1976 hereingerutscht, der große Volksschauspieler und Fernseh-Kapitän Horst Drinda brachte ihn dazumals zu Papier, um seiner Empörung über Wolf Biermann Luft zu machen. Sarrazins Gastspiel bei der BBC erntet eher entsetztes Kopfschütteln: "Der Beifall, den er mit seinem Auftritt in der BBC bei den erklärten Feinden der Integration gefunden hat, zeigt, dass diese Kräfte die Angriffe Sarrazins auf die erfolgreiche Integrationspolitik der Bundesregierung als nützlich für ihre Propaganda ansehen. Das macht Sarrazin interessant für alle Gegner der Demokratie, von den äußersten Reaktionären bis zu rechten sozialdemokratischen Führern, die dem Großkopital verbunden sind", analysiert zum Beispiel Gerd Deumlich, der zu diesem Zweck einen vor 35 Jahren als Mitglied des Präsidiums der DKP verfassten Satz nur ein ganz klein wenig aktualisieren musste.

Kein Wunder. Für den Mann erwärmten sich jetzt auch die schlimmsten Feinde der Gewerkschaften, die Sprachrohre der Konzerne, die selbst Mitbestimmungsrechte für die Arbeiter und ihre Gewerkschaften in die Ecke der Verfassungswidrigkeit rücken wollten, ließ der derzeitige Kolumnist der Internetseite Kominform wissen. Wäre Rudi Werion, der große volksdemokratische Schlager-, Musical- und Filmkomponist, der der schwedischen Migrantin Nina Lizell anno 1969 das Stück "Rauchen im Wald ist verboten" lieferte, nicht schon tot, hätte er zugestimmt: "Seine Gedanken sind nicht die unsrigen, seine Welt ist nicht unsere Welt, und seine Lieder sind nicht unsere Lieder."

Unsere Lieder schreibt nämlich der Berliner Rapper Wasiem Massiv Taha Pittbull, der auf seinem neuen, balladesken Album klar macht, wo der Gegner wirklich steht. "Ihr verbreitet die Lüge, der Islam wäre euer größter Feind." Dabei ist das doch Thilo Sarrazin, weswegen im Video zum Hit auch ein Plakat zum Bestseller "Deutschland schafft sich ab" friedlich verbrannt wird. Die FDJ-Songgruppe 49 applaudiert: "Für jeden politischen Künstler unserer Republik steht seit jeher die Aufgabe, sich mit seinen Mitteln an der Entwicklung unserer Gesellschaftsordnung zu beteiligen - das entspricht den Forderungen unserer Partei."

Donnerstag, 20. Januar 2011

Sarrazin widerlegt: Die meisten Engländer sprechen besser Englisch

Einer geht noch, einer geht noch rein. Wo Sarrazin draufsteht, ist längst nicht mehr Sarrazin drin, sondern Interpretationen von Interpretationen, die in der obersten Etage der Qualitätsmedien inzwischen zu einem Wettbewerb darum geführt haben, wer sich selbst am schönsten vorführen kann. Eine ganze Widerlegungsindustrie gründet auf den "kruden Thesen" (Spiegel) des Sozialdemokraten.

Und immer, wenn man gerade denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo noch einer her, der den ehemaligen Bundesbanker nun aber mal wirklich widerlegt, dass es sich gewaschen hat. Diesmal heißt die Edelfeder Carsten Volkery, beim ehemaligen Nachrichtenmagazin "Spiegel" eigentlich Experte für Bonusbanker, Gefängnisblogger und die durch "Merkels Minimalismus" gefährdete Euro-Rettung. Volkery, der Name ist echt und spielt nicht auf eine völkische Betätigung an, hat einer BBC-Sendung gelauscht, in der der Ex-Senator und Soziademokrat seine Hasspredigten nun auch noch auf Englisch halten durfte. "Jetzt wendet sich Thilo Sarrazin ans Ausland", klittert der aus London zugeschaltete Experte für Englischsprachiges gleich eingangs, als sei Sarrazin nicht in eine BBC-Talkshow eingeladen worden, sondern habe den Sender Gleiwitz besetzt, um den Globus aufzurütteln.

Noch schlimmer als die bloße Anwesenheit des Volkstribunen mit dem Schlupflid:Er "verbreitet seine Thesen auf Englisch - mit starkem Akzent". Volkery hat genau hingehört und exakt verstanden, dass die kruden Thesen nun noch kruder klingen. "The whitest people get the fewest babies", versteht er, sagt Sarrazin gleich mal - zumindest laut erster Fassung. Später wird das in "brightest" geändert, ein bisschen Restqualität darf ruhig sein, auch wenn es um schlimme Vorgänge geht wie diese: "Zu Beginn darf Thilo Sarrazin sich selbst vorstellen. Er sei der Autor eines Buches, das man vielleicht so übersetzen könne: "Germany is doing itself away". Da freut sich der Brite, der Volkery aber zürnt: "Wenn es um Verkürzungen geht, scheint Sarrazin immer noch einen draufsatteln zu können. Und es machte ihm offensichtlich auch nichts aus, dass seine kruden Thesen in der fremden Sprache noch kruder klangen."

Crude, wie der Brite sagt, wenn er Öl meint. Hier ist das Maß voll, noch ehe sarrazin richtig losgelegt hat. Schon der "saftige Einstieg" (Volkery) in eine erneute Wiederholng der "inzwischen sattsam bekannte Debatte", die nach früheren "Spiegel"-Erkenntnissen gar nicht von Sarrazin eröffnet wurde, sondern seit zig Jahren nur eben relativ unbemerkt im Spiegelarchiv geführt wurde. Haben wir davon nun nicht mal genug? Nein, nein, einer geht noch rein! "Rund 50 Minuten lang durfte der deutsche Bestsellerkönig am Dienstagabend in der BBC-Radiotalkshow "World have your say" seine Meinung über Muslime kundtun", hat das Magazin gestoppt. Grund genug, nun mindesten 100 Zeilen lang abzurechnen: "Die meisten Anrufer konnten besser Englisch als Sarrazin", haha! Der olle Langweiler aber ließ sich davon nicht aus seinem kruden Konzept bringen und "warnte davor, dass politische
Korrektheit die Demokratie gefährde". Dreist!

Viel mehr passiert nicht und man merkt dem Treiber an, dass er sich mehr von der Jagd auf unkorrekte Formulierungen versprochen hatte. Zum Glück ruft noch eine gewisse Kübra an, Tochter türkischer Gastarbeiter, die von Hamburg aus über "Anfeindungen auf der Straße" berichtet, "weil sie ein Kopftuch trage". Sarrazin hat kein Mitleid. Sie sei doch selber schuld: "Wenn Sie Ihr Kopftuch tragen wollen, ist das Ihre Entscheidung. Aber wenn Sie es tragen, sollten Sie nicht überrascht sein, wenn Sie als etwas Fremdes in der Umgebung angesehen werden. Diejenigen, die in Deutschland ein Kopftuch tragen, sondern sich freiwillig vom Mainstream ab. Es ist Ihre Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen und in Deutschland zu wohnen. Sie könnten genauso gut in den USA oder der Türkei wohnen."

Nach Ansicht von Carsten Volkery, der in Deutschland aufwuchs und heute in Großbritannien lebt, ist das ja nun "ein kurioser Ratschlag für jemanden, der in Deutschland aufgewachsen ist". Ins Ausland gehen. Wer macht denn sowas? Und warum? Deshalb habe Sarrazin "schnell das Thema gewechselt". Sonst, das war klar, wäre ihm der "Spiegel" diesmal auf die Schliche gekommen!

Noch mehr rattenscharfe Widerlegungen der krudesten Thesen hier.

Bizarre Sexualpraktiken ausgemerzt

Verseucht mit Nazikram (Bild oben), kruden Thesen, religiösem Hass, Virenwebseiten, gefälschten Visa-Seiten und nackten Brüsten, so kennt der deutsche Internetsurfer sein Netz aus Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen. "Das Internet ist das neue Kommunikationsmittel", stellte vor Monaten schon der Bundesnetzminister Wolfgang 2.0 Schäuble fest, "und es wird von Verbrechern genutzt." Doch in der virtuellen Wirklichkeit, die die Experten der Kommission für Jugendmedienschutz jetzt aufdecken konnten, ist alles noch viel, viel schlimmer!

Unter dem Vorsitz von Wolf-Dieter Ring konnten die elf stellvertretenden Vorsitzenden - darunter der früher zuweilen öffentlich nackt posierende Ex-Bürgerrechtler Thomas Krüger - und ihre 12 stellvertretenden Mitglieder neben einem "nach dem JMStV unzulässigen Angebot, das Handlungen, die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangen wurden, verharmlost oder leugnet, sagenhafte sieben Verstöße feststellen, "die einfache Pornografie beinhalten", wie es offiziell heißt. Dies sei nicht hinnehmbar, denn in sogenannten "Telemedien" wie dem Internet dürfe "einfache Pornografie nur ausnahmsweise innerhalb geschlossener Benutzergruppen zugänglich gemacht werden".

Hier aber lagen die Brüste offen - ein klarer Verstoß gegen den Jugendmedienstaatsvertrag, wie auch das Blogampelamt immer wieder anprangerte. Und nicht der einzige: Die ungeheuerliche Zahl von 26 weiteren Internetseiten habe "entwicklungsbeeinträchtigende Inhalte" angeboten - etwa "erotische Bilder und explizite Schilderungen sexueller Vorgänge – auch bizarrer Sexualpraktiken – unterhalb der Pornografieschwelle".

Das verdirbt die Jugend, das hat es früher nicht gegeben. Kürzlich erst hatte der mutige Hannoveraner Kriminal- und DDR-Experte Christian Pfeiffffffer in einer Studie nachgewiesen, dass sich Jugendliche häufig für Sex interessieren, ein neuer Trend, dessen Entdeckung Forscher weltweit überrascht hat. Immerhin hatte die Kommission für Jugendmedienschutz unterstützt von Blogampelamt und jugendschutz.net zuvor in "mehr als 40 Fällen" allein im vierten Quartal 2010 die Indizierung von Telemedienangeboten bei der für die Internetzensur zuständigen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien beantragt. Eine Art geheime Internetverschwörung zur Verderbung "unserer Jugendlichen" (Bild) beziehungsweise "unserer Jugend" (Egon Krenz)! Die Einzelheiten erschüttern selbst abgebrühte Gemüter, so die Hugendmedienzensurkommission: Zum Großteil hätten Internetangebote mit Darstellungen einfacher Pornografie "ausgemerzt" (Franz Müntefering) werden müssen, die drohten, "akute Entwicklungsbeeinträchtigungen" bei den unter 16-jährigen Mädels und Jungen hervorzurufen.

Nachdem damit seit der Gründung der mit sechs Direktoren von Landesmedienanstalten und sechs Sachverständigen äußerst knapp besetzten Medienaufsicht insgesamt 3250 bedrohliche Angebote aus Telemedienträgern gelöscht werden konnten, können Eltern ihre Kleinen aber jetzt endlich wieder bedenkenlos im Web surfen lassen. Nach Auskunft von Spezialisten gibt es derzeit keinerlei "erotische Bilder und explizite Schilderungen sexueller Vorgänge – auch bizarrer Sexualpraktiken" - im Internet mehr. An "kruden Thesen" werde noch gearbeitet, auch "Hassmusik" sei weiter eine akute Gefahr, heißt es beim Blogampelamt, doch weder die gefürchteten Videos der Art "unterhalb der "Pornografieschwelle", noch die nach den Reinigungarbeiten der letzten Jahre schon im vergangenen Quartal unauffindbaren oberhalb der "Pornografieschwelle" bedrohten noch die Entwicklung der unaussprechlich zarten 15-, 16- und 17-Jährigen.

Mittwoch, 19. Januar 2011

Generation Waschlappen

Er ging mit ihr, Arm in Arm, spazieren bei Smogalarm, der Klaus Eckmann, der mit seiner Band K.E.C.K. keck für eine bessere Welt eintrat. Draußen vor der Tür fiel saurer Regen, das Wort "Massenarbeitslosigkeit" hatte "Montanmitbestimmung" als Chiffre für die gesellschaftliche Grundstimmung abgelöst und die Weltmächte waren entschlossen, sich demnächst mit noch mehr Atomraketen mitten in Europa gegenseitig aus dem Wettlauf der Systeme zu bomben. Nuklearer Holocaust, Kalter Krieg, Helmut Schmidt als Kanzler, der Russe eine alltägliche Bedrohung und auch der neue Golf wieder ohne Katalysator, das waren die guten alten Zeiten, in denen Angst in Wackersdorfer Hüttensiedlungen gebrütet, bei Ton Steine Scherben-Konzerten kein Eintritt gezahlt und Gesellschaftsveränderung durch Schwarzfahren angestrebt wurde.

Dunkle Zeiten, von Frank Schöbel seinerzeit in der Zeile "Alles im Eimer, Christina-Marie" packend zusammengefasst. Dass es noch viel schlimmer kommen sollte, konnte die Frohnatur aus Friedrichshain da noch nicht wissen: Wenige Momente nur blieben der Menschheit, soweit sie in Deutschland lebte, um sich über Mauerfall, das Ende des Waldsterbens, den Abzug aller SS20-Raketen von deutschem Boden und das von einem Tag auf den anderen aus allen Schlagzeilen verschwundene Ozonloch zu freuen. Zwölf Jahre nach dem ersten Smogalarm am 17. Januar 1979 folgte im Januar 1991 schon die letzte Auslösung einer Smog-Vorwarnstufe. Der Weltuntergang, von Klaus Eckmanns Chaoten Kommando so lyrisch besungen wie keine Menschheitskatastrophe zuvor von irgendwem, schien abgesagt. Mitte der 90er Jahre schafften alle Bundesländer ihre Smog-Verordnungen wieder ab.

Doch alles wird besser, aber nichts wird gut, sang schon die von weiten Teilen der Bevölkerung längst vergessene Tamara Danz. Folgerichtig stand das Unheil schon bald in neuem Gewand vor der Tür. Rinderpest und Schweinegrippe, Missbrauchsskandale, Alcopops, Gewaltspiele, islamistischer Terror, Blutbäder im Reichstag, NPD-Kader bei der Volkszählung und als Fußballtrainer, Migration und Präsidentenrücktritt, Finanzkrise und Euro-Rettung, die Klimaerwärmung und der harte Winter, der Tod Michael Jacksons, Dioxinskandale, Spendenaffären bei der CDU, Kaltaquise am Telefon, drohende Dürren und mit letzter Not überstandene Überflutungen - gegen das, was die mittlerweile erwachsen gewordene Generation Waschlappen medial ertragen muss, sind Sklaverei, mittelalterliche Pest und Zweiter Weltkrieg fröhliche Kindergeburtstage gewesen.

Die Lust am Untergang, sie schert sich nicht um Anlässe, sie macht sich die Angst selbst. Ölpest und Oilpeak, Glatteis und Irakkrieg, autoaggressiv sucht ein Heer von Medienschaffenden nach frischem Futter für "verunsicherte Verbraucher" (dpa), die darauf konditioniert sind, im Notfall schon Furcht vor der Furcht zu äußern, die sie haben könnten, wenn sie irgendeinen Grund zu welcher hätten.

Wer nicht arm ist, dem droht stets Gefahr, es zu werden, wer reich ist, muss aufpassen, dass er es bleibt. Mit den Flakhelfern, die im Arbeitsdrillich aus alten Kanonen auf britische Flieger schossen, obwohl Winter war und die Bahn nicht immer ganz pünktlich kam, stirbt die letzte in Entbehrungen geschulte Generation. Die hatten nichts und konnten nichts verlieren. Ihren Kindern und Enkeln hingegen fehlt es an allem: Spazieren bei Smogalarm? Im sauren Regen in den Wald? Wie sollen sie denn? Sauren Regen und Smog haben sie uns doch auch schon weggenommen.

Doku Deutschland: Vom Tresen weg verhaftet

Wissense, ick hab mir jetzt ooch 'ne Selbsthilfegruppe jegründet. Dit iss nich so einfach, sein Leben als Komparse zu fristen. „Die Dirty Harrys“ nennwa uns. Iss englisch. Dunkel iss der Rede Sinn. Kennse ja. Und schmutzich. Ein Dreck war'nse wert, als Komparse. Und oft jenuch mußte man sich zum Harry machen. „Harry, laß schon mal den Wagen an.“ Sie vastehn. Ditt iss demütjend, wenn die Drehbuchautoren und Reschissöre uff diese Art ihrn Frust an een ablassen. Ditt nervt tierisch. Hab ick also die annonymen Komparsen jegründet.

So'ne Selbsthilfe iss ja nich von Übel. Dit hilft. Wenn schon nich selbst, dann andan. Nehmse ma die Rejierung. Da iss dit ooch so. Die Merkel sacht, kommste zu mir, haste jutet Auskommen, aba wehe, du muckst uff. Dann jehste zur UNO nach Nairobi oda ans Jötheinstitut in Südafrika. Strafvasetzt. Die machens eenen ja vor, wie man sich kümmat.

Wobei, janz so schlecht wart eijentlich nich, dit Leben bei olle Harry. Ick weeß noch, wie ick mich dit erste Mal als Wagenwegfahrer beworben hatte. Harry fuhr doch immer mit die riesen Schlitten ins Lokal und hat die Janoven vom Tresen weg vahaftet. Irgendwer muß ja dann den Schlitten wegfahrn, damit der Weg für die Kameras und so frei wird. Hat ick mir beworben, wurde aba nüscht. Die wollten 'ne Fahrerlizenz sehen, hat ick aba keene. Hammse 'n andan jenomm. Von wejen Freiheit unn so. Ohne Fahrerlizenz dafste inne Staaten nichma Autofahrn. Keene 5 Meter, denn so ville wärns jewesen.

Fülm iss nich so, wie sie denken. Sie ham noch janich richtich ausjepennt im Kino, da wernse schon uffjeweckt, weil sie die Leute übers Knie trampeln und nach Hause wolln. Nach Hause! Kennse ja, den Jammerspruch. Aba so iss dit nich am Fülm. Dit dauat allit viel länger. Und iss nervend.

Nehmwama „Dirty Harry“. Ha ick ja oft jenuch mitjespielt. Da kenn ick mir aus. Dit wan ja Faschofülme. Wurde hier jesacht. Wejen die Brutalität und Menschenvaachtung. Und weil doch der Herr Ostwald, wo den Inspektor jab, selber Fascho iss.

Wa aba nich. Da muß man dit Leben da drüben kenn. Hier, in deutsche Land, da jib's nur Demokraten. Der Rest iss Nazis. Deswejen will doch die Linke unbedingt demokratisch sein, damitse nich mit die Nazis vawechselt wird. Da drüben iss dit andas. Da jibt et Demokraten, die heißen aba nur so, und Republikaner. Die eenen sind keene Demokraten und die andan nich für de Republik. Aba Nazis, sind die ooch nich.

Hab ick mir also beworm für den Dirty Harry. Eijentlich 'n leichter Job. Eenmal über de Brücke in San Franzisco latschen wo der Herr Ostwald uff'n Bus ruffhopst. Da mußte um viere uffstehn, weilde nich weest, wann die Herrschaften jeneigt sind, die Szene zu drehn. Dit nervt. Sitzte 'n janzen Tach inne Sonne, wartest uff dein Ufftritt und nüscht passiert. Nach de Probefahrt mit den Bus is der Sprit alle. Müssen se erst neuen Sprit beschaffen. Dann stelln se fest, dit Dach könnte eventuell den kostbaren Schauspiela valetzen. Müssen Schweißa ran und dit vastärken. Und dann kommt dit schlümmste. Der Feiaamd.

Dit wissense jetzt so vielleicht nich. In Amerika iss allit bißchen anders. Uff uns Komparsen bezogen nobel. Jeda, der in so'n Film ma 'n Furz jelassen hat, der dürf im Abspann jenannt wern. Ham die Jewerkschafter ausjehandelt. Ergo biste druff bedacht, inne Produktion deine Duftmarke zu hintalassen, damitte am Schluß abjespannt bist. Uff de andan Seite sind die Studiobosse nich janz so doof. Die hatten die Schnauze voll vonne 20-Minuten-Abspänner und ham nu die Jewerkschaft wieda abjetrotzt, daß nur noch bis zur 10. Besetzungspostion jetickert werden muß. Also 1. Police Officer, 2. Police Officer, 1. Fahrer, 2. Fahrer usw. Nur die Frisöse und der Klamottendealer, die müssen imma jenannt wern.

Weil dit nu so iss, sitzte uff de Brücke in San Franzisco und übaleechst, watte nu machst. Wenn dit endlich losjehn würde, kannste ja schnell noch üba die Brücke latschen, dann schaffst it vielleicht jerade so zum Jewerkschaftsbüro. Oder du vapißt dich janz schnell, weil dit iss nich so einfach in Abspann zu komm. Da stehn zehn Tische oder so, hinter jedem schlanke Beene, dicke Titten und strenga Blick. Jetz mußte erst ma rauskriejen, welcha Tisch für dich zuständich iss und dann mußte noch so flink sein, unta die ersten zehne zu komm. Dann tun dir die Scriptgirls in ihre Liste eintragen. Biste ausm Schneida, zwar im Film nich zu sehn, aba im Abspann jenannt. Als 10. Fußjänga. Und nur ditt zählt.

Insofern is Fülm eijentlich langweilich. Sie vastehn? Hockst 'n janzen Tach inne Sonne und nüscht passiert. So ville Zeit hamse im Kino nich, da muß zwee Stunden später die Rolle wieda von vonne anfang. Deswejen wernse ja ooch rausjescheucht und ham die Abspänner nie zu Jesichte jekricht. Da jab it janz fiese. Wild Love. Könnse sich noch dran ainnan? Da hamse nach'n Abspann nochma Fülm inmoniert und die janzen 90 Minuten vorher jekippt. Wobei, dit jing uns Komparsen ja nüscht an.

Mit Herr Ostwald zu abeeten, dit war bodenständich. Der hat ja nie dit Trottoir valassen in seine Filme. Hatte vielleicht Höhenangst. Weeß man ja nich. Späta, woa dann selbst dit Handelsheft inne Finga jenomm hat, da bin ick jewechselt. Hat keen Spaß mehr jemacht. Der hat die Kamera uffbaun lassen, die Schaupiela jerufen, Szene abjedreht und fertich hatta jehabt. Langweilich. Der wollt keen Jeld mehr für schöne Locations ausjem, sondan Fülme fertich kriejen. Da haste als Komparse janz schlechte Karten.

Ha ick übaleecht, zun Costner zu wecheln. Der war nich übel. Zumindest in den Fülm mit die schwatte Problemfrau. Sie wissen schon, Houston, ick hab da 'n Problem. Hat die Presse späta jenau andersrum azählt und behauptet, Houston hat 'n Problem.

Wissense noch? Dit is, wo der dit Seidentuch hat von ein Samuraischwert hat zateiln lassen, ohne dit Schwert zu bewejen. Ha ick übaleecht, wat ick in die Szene als Komparse eijentlich soll. Waja keena im Bild zu sehn. Und dit Schwert wurde eh von een Samurei jehalten und bewacht. Hätt ick keene Schanze jehabt.

Uffe andan Seite hab ick die Magnum schmerzlich vamißt. Sie ham keene Ahnung wat ick meine? Na uff die Länge komms an. Beim Mann. Herr Ostwald hatte den längsten. Damals. Ein Magnum 44, so'n Argumentatiosnvastärka. Damit hatta doch so manche Info aus Jehirn vonne Leute rausainnat, wo se vorher behauptet hatten, sich an nüscht zu ainnan. Mit so'ne lange Tüte jing dit allit. Ick hat ja och so Magnum am Set, aba kleena. Meistens vons Kätering um die Ecke. Schmeckte scheußlich, war aba vatrachlich vorjeschriem.

Dann ha ick mit Silvester Stallone jeliebäugelt. Nich wat sie jetz denken.

Bei den Boxer hab ick mich aus medizinische Gründe abjelehnt. Ick kann doch ooch nachts lern. Wie die Mediziner immer begründen, wenn man sich am Tach mit wat beschäfticht und nachts dann jut einen wegschnarcht, dann lernt man dit besser. Hat ick mir doch für die vierte Runde in den Boxkampf als Sparringspartner einjetragen, aba dann zurückjezogen. Weil, dit hat sich vazöjat mit dem Dreh. Ha ik imma und imma wieda ins Drehbuch jeschaut, wann ick da nu die knallharte Rechte jeben soll. Dann wurde aba die Szene ann nächsten Tach vaschom. Und weil ick zu jut lerne beim Schnarchen, da ha ick übaleecht, dit lieba doch nich zu machen, denn wennde da nachts um zwei die knallharte Rechte übst, da krickste ernste Probleme, sa ick dir. Oda stellsta vorn Reichstach und jibts die knallharte Rechte. Oder übst dich inne lange grade Rechte. Kannste ja ma probiern. Dann kapierste, wat ick meine, daß dit Probleme jibt.

Wie jesacht, ick bin dann doch jewechselt, nich zu Costner oder Stallone, zu dem Weltretter. Stirb langsam. Bruce Willis. Dit hat eijentlich ooch Spaß jemacht. Manchma. Ick hatma doch für die Sturmtruppe beworm. Nee, nich wat sie jetz denken. Reichstach. Ick bin ja nich bekloppt und mach mir die Finga schmutzich. Nee, in dit Hochhaus, wo janz oben die Juppies abfeiaten und von Jängstan belästicht wurn. Da wär ick jut rübajekomm uff de Leinwand. Endlich ma. Aba die nehm keene Rücksicht am Set. Also hieß dit imma Treppe ruff, Treppe runta, um die Jängsta den Jaraus zu machen. Ick wa schon nach die erste Probeklappe fix un alle, dabei hatten die doch Fastuhl in dit Haus einjebaut. Aba der war kaputt. Dann kam die entscheidende Klappe, allit flitzt wieda die Stufen hoch und ick hechel nur noch hintaher. War die Kamera längst zwee Etagen üba mir, wo dann im Film vawendet worden iss. Und diesma hatt ick ooch Pech mit'n Abspann, weil die janzen Etagen runta und zur Jewerkschaft hecheln, dit dauat. Da wann die Listen schon vatütet und uffn Weech zum Abspanner. Die meisten Komparsen ooch. Die wann im Abspanner. Oda spannen, wenn die Scriptgirls dabei warn.

Frustriernd, wenn se vastehn, wat ick meene. Sie hecheln sich die Lunge ausn Leib, machen action, daß die Leinwand zittert und dann nüscht. Wieda nich im Füln jelandet, aber blaue Flecken bis zum Abwinken. Na ja, 'n bißchen Entschädijung jab's schon. Bei Herr Ostwald, da durft'n ja höchstens 20 Platzpatronen und een Kanista Benzin vabraten wern. Damals warn die noch ökologisch. Logisch. Dit wa bei Bruce andas. Nich der Andas, wie sie jetz denken, diese Schlagalusche. Nee, die hamda richtig Vaträje mit die Knallaproduktjon jehabt. Da jing die Post ab, sa ick se. Fix und alle wie de von Hochhaussturm warst, haste dir dann unten hinjesetzt. Dan warn de Pyromanen dran. Richtje. Wat die abjefeuert ham, meine Herrn. Dit war'n keene Knallerbsen, sa ick se. Unn uffe Leinwand kommt dit übahaupt nich rüba. Dit iss, wie wenn se uns jetzt inne Sueddeutsche vaklickan wolln, wie schön die Silvestaballerei jewesen is. Dann klickan se und kriejen Kreuzschmerzen, aba wie schön dit Feuawerk war, dit wissense dann imma noch nich. Aba als Komparse, da wissense dit.

Hatt ick schon awähnt, daß ick mir jetzt ooch 'ne Selbsthilfegruppe jegründet hab? Anonyme Komparsen. Weil, dit iss nämlich so. Da bring die doch jetzt die janzen Dinger ins Fernsehn. Da haste seit 40 Jahrn jekämpft, daß de uffe Mattscheibe bist, oda wenichstens inn Abspann. Wenn den Schnittmaster deine Haartolle nich jefalln hat, schwupps warste raus.

Und nu dit Fernsehn. Weil die müssen da doch jetzt die Jugend schützen, also schnippeln die die janzen juten action-Dinger zusamm, daß nur noch heile Welt übrig bleibt. So war dit aba nich. Damals. Und denn müssense mit den Nuttendiesel aus ihre Chemiefabriken Jeld vadien und schnippseln den Abspann weg. Vastehnse? Da ackerste seit 40 Jahrn inne Action-Branche und wat kommt bei raus? Nüscht. Wirste rausjeschnippelt und abjespannt von die großen Jeldvadiena. Die Szene, wode jut rübakamst, die wurde nie jesendet. Und der Fülm, wode ma glücklich wast, unta die ersten zehn zu sein, da wird uff'n Abspann vazichtet, weil Nuttendiesel und Persil wichtja sind. Jeht eben nüscht üba die deutsche Reinheit.

Da biste stocksauer.

In diesem Sinne: Wir sehn uns.

Mit freundlicher Genehmigung Die Anmerkung/

Das ganze Deutschland halb als Doku in der kritischen PPQ-Reihe "Doku Deutschland"