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Donnerstag, 29. Mai 2008

Abriß-Exkursionen: Abschied der Kosmonauten

In einem Land ohne Alcopops, einem Land mit historischer Mission und Auslandsschulden bis zum Mond, hatte die in Geschmacksdingen gelegentlich avantgardistische Führung, was neuerdings erst richtig schick geworden ist: Den Eindruck, Kinder müssten möglichst früh möglichst gut ausgebildet werden, um ihrem Land helfen zu können, sich in der kalten, feindlichen Welt zu behaupten.

Heute wird dann keine Herdprämie gezahlt und der Jugendklub im Dorf zugemacht, weil lauter Glatzen darin Musik hören, die für eingefleischte Beatlesfans schon ein bisschen nach Böhse Onkelz klingt. Damals gab es noch keinen Rechtsrock, weshalb an den Rand der Stadt ein behaglicher Palast gestellt wurde, in dem die Jugend, die keine Jugend war, "die immer nur Yeah, Yeah und Yeah ruft" (Walter Ulbricht) in die Geheimnisse von Natur und Universum eingeweiht werden konnte.

Die Station Junger Techniker und Naturforscher, ein Betonbau mit großem Lichthof, der in Stadtplänen als "Block 675" firmiert und den weltraummäßig hallenden Ehrennamen "K. E. Ziolkowski" trug, war frühe Ausgabe der erst kürzlich neu erfundenen Ganztagsschule. Jeden Nachmittag versammelten sich junge Kosmonauten und junge Biologen, junge Computerbastler und, ja, junge Physiker. Computerklubs ergründeten hier die Geheimnisse von C 64 und Z 1013, der "Kreislichtspielbetrieb" betrieb einen Schülerfilmklub und die "Gesellschaft für Natur und Umwelt", eine Art Vorläufer von Siegmar Gabriel, lud zur Öko-Kirmes mit Ausstellung, Vorträgen, Bastelstraße und Wissenstests.

Wer kam, hatte vorher das "Gelöbnis der Thälmannpioniere" gesprochen und einen feierlichen Blick ins "Traditionskabinett für sozialistische Wehrerziehung" geworfen. Wurde nicht gerade geforscht, gab es auch Höhepunkte wie Zusammenkünfte mit Genossen der Volkspolizei, Vertretern der Patenbrigade oder des Elternaktivs. Manchmal lud auch das Wehrkreiskommando der NVA zu einem "militärpolitischen Forum für künftige Berufssoldaten" eing.

Mit Heimvorteil, denn die Station Junger Techniker hatte auch einen "Klub der Offiziersbewerber", in dem mutige Soldaten wie Oberstleutnant Erhard Watzke und Oberstleutnant Karl-Heinz Brockel Schülern aus 7. Klassen dann einen Schlag Geschichten aus dem Klassenkampf erzählen konnten. "Über die Entwicklungsmöglichkeiten in allen Waffengattungen", schwärmt eine lokale Zeitung anno 1976, "erhielten die wißbegierigen Jungen Auskunft."

Das waren noch Zeiten, als nur "gute schulische Leistungen und eine intensive Vorbereitung in der GST den Weg in die Panzertruppen frei machte." Zur alljährlichen Leistungsschau der jungen Erfinder lieferten die Abgesandten der Station eines Jahres ein Lichtgewehr, das ohne Munition funktionierte.

Also schoß.

Gerettet hat das die Idee von der Nachwuchsschmiede nicht. Als die Mauer fiel, stürzte die Station gleich hinterher, wie einiges andere auch. Die Randlage machte Ziolkowski zu einem beliebten Ziel von Wurfübungen, jetzt wieder mit Munition. Erst brachen die Fenster, dann die Fensterrahmen. Das Glasdach über dem beeindruckenden Lichthof, der einmal den Speisesaal beherbergt hatte, hielt beim Drüberlaufen doch nicht. Regen wusch das Parkett weg, nach der Entkernung durch Schrott- und Devotionaliensammler das letzte originale Bauteil im Haus.

Die kunstsinnige Jugend des Stadtteils Halle-Neustadt, Söhne und Töchter der letzten Thälmann-Pionier-Generation, machte die langsam reifende Ruine schließlich zu ihrem Atelier, ihrer Galerie, ihrer geheimen Klagemauer. Kein Zentimeter, der nicht mit großzügig verschmierter Sprühfarbe bedeckt ist, keine Tür, die ohne Liebesschwüre und intimste Bekenntnisse auskommen muss. Nebenan gibt es neuerdings eine Cartbahn, Vorbote der Spaßgesellschaft. Im Lichthof wachsen Bäume.


Kommentare:

panzerbummi hat gesagt…

oh, der asutragungsort diverser matheolympiaden und startpunkt für einen crosslauf (1981, denke ich). ziolkowski - hatte ich schon vergessen.

Sockenpuppe hat gesagt…

im halleforum wundert man gerade darüber , daß der obelisk der eichendorffbank gestürzt wurde, ich vertrete schon eine geraume weile die meinung, daß ja hier in den letzten 17 jahren eine generation mit verfall, abriß und zerstörung aufgewachsen ist, derart, das es prägt
und ich glaube nicht , daß die überaus hübschen siedlungen, welche die saalestadt umkreisen das ausgleichen können, im gegenteil

politplatschquatsch hat gesagt…

ich las dort das schöne deutsche wort "geschändet". und fand das geradezu hübsch in dem zusammenhang.

die these ist bestimmt richtig. irgendwoher muss es ja kommen