Freitag, 10. Juli 2026

WRKdoBw: Fünf Jahre Star Wars

Vor fünf Jahren stellte die damalige Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer das WRKdoBw genannte Weltraumkommando der Bundeswehr in Dienst. Seitdem wacht die Schutztruppe über das All.


Vor genau fünf Jahren stand Annegret Kramp-Karrenbauer in Uedem und tat das, was sie am besten konnte: Sie gab einer Idee einen mitreißenden Namen, ein schmuckes Logo und eine feierliche Indienststellung. Das "Weltraumkommando der Bundeswehr" (WRKdoBw) war geboren. Deutschland, so verkündete die damalige Verteidigungsministerin, werde nun endlich nicht nur am Hindukusch, sondern auch im All verteidigt. Die letzte Dimension war endlich erschlossen. Ein Schutzschild wölbte sich um das empfindlichste Vaterland von allen. Die Zukunft gehöre denen, die den Weltraum nicht nur anschauen, sondern beherrschen.

Das All ist deutsch

Fünf Jahre später schaut Deutschland weiterhin vor allem nach oben – und der Himmel ist immer noch da. Er ist nachts dunkel und am Tag manchmal blau. Über das Firmament fliegen zahllose Satelliten. 12.000 sollen es sein, fast 5.000 davon hat allein die US-Firma SpaceX für ihr Starlink-Netz ins All geschossen. Auch deutsche Flugkörper gibt es, etwa 70 oder 80, "etwas mehr als zehn" davon betreibt die Bundeswehr. 

Seit Annegret Kramp-Karrenbauer das Weltraumkommando in Dienst gestellt hat, wurde die Flotte nicht ausgebaut, aber erneuert. Mit den drei Aufklärungssatelliten SARah-1, SARah-2 und SARah-3 gelang es, eine Nachfolgelösung für das SAR-Lupe-System aufzubauen. SAR-Lupe war eine Notlösung gewesen, installiert, weil der eigentlich Horus-Plan mit 2,5 Milliarden Euro zu teuer zu werden drohte. SARah hatte drei Jahre Verspätung, kostet aber nur die Hälfte. Statt Roskosmos-Raketen waren es Falcon-9 von SpaceX, die den Ersatz 2021 und 2023 in die Umlaufbahn brachten.

Beeindruckende Bilanz 

Für das WRKdoBw, das in diesen Tagen sein fünfjähriges Bestehen feiert, ist das eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Zwar hat sich die mediale Aufregung gelegt, die am Tag der feierlichen Indienststellung mit Star-Wars-Kostümen, Jedi-Zauber und Uraufführung des Truppenmarsches des Weltraumkommandos "Space Guard Salut" von Robert Kuckertz losgebrochen war. Doch dass die Publikumsmedien nicht mehr über die Leitstelle für den Sternenkrieg berichten, bedeutet nicht, dass die Dienststelle nicht mehr existiert. 

Ganz im Gegenteil. Der Nachfolger des "Air and Space Operations Centre" (ASOC) hat zwar keinerlei Raumfahrzeuge zur Verfügung. Darf deshalb aber keinesfalls mit dem ähnlich ausgestatteten unterstellten Weltraumlagezentrum (WRLageZ) verwechselt. Das ist keine reine Beobachtungsbörde, sondern eine nachrichtendienstlich-analytische Einrichtung. Es hat ein Logo mit fünf Sternen zusätzlich zu den drei Satelliten. Das des übergeordneten WRKdoBw hat nur zwei. Um fremde Geheimdienste zu verwirren.

Beide Space-Einheiten teilen sich den militärischen Leiter. Daneben fungiert ein ziviler Experte als Abteilungsleiter Raumfahrtmanagement. Die Aufgabe der inzwischen entlassenen Ministerin mit der großen Welttraumvision steht: Einen verlässlichen und eindeutigen Katalog aller Flugkörper da oben erstellen. Auch wenn nichts und niemand aus Deutschland die Möglichkeit hat, die zumeist nur 500 Kilometer Entfernung zwischen der höchsten militärischen Weltraumkommandobehörde in Uedem und dem unbekannten fliegenden Objekt zu überwinden.

Die Ausrüstung der Weltraumkrieger

Dank der Hilfe der Verbündeten verfügt Deutschland über Augen im All. Aber über mehr auch nicht. Bis zu 30.000 Objekte im erdnahen Orbit beobachten die Sternenkrieger in Nordrhein-Westfalen mit Radaranlagen wie GESTRA und Unterstützung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrten. Die Zuschauerrolle muss reichen. Eigene Weltraumwaffen hat die Bundeswehr nicht. Eigene Startkapazitäten besitzt sie auch nicht. Die Großoffensive mit eigenen Spionagesatelliten der nächsten Generation könnte in Planung sein. Der Aufbau einer eigenen Satellitenkonstellation war bis 2029 geplant. Aber wie einen hochkriegen?

Das WRKdoBw ist also vor allem ein hervorragendes Lagezentrum. Es sieht zu. Es analysiert. Es warnt nie, ist aber immer da. Falls was wäre, könnte es nichts tun, aber man wüsste Bescheid. Die Sternenkrieger erstellen PowerPoint-Präsentationen, auf denen die "komplexe Lage im Weltall" recht genau zu erkennen ist. Die Operation Domain ist wie eine Kinoleinwand mit eigenem Weltraumwetter. Deutschland kann zuschauen, was sich tut. 

Weit über die Erd- und sogar die Mondumlaufbahn hinaus schauen die Sternenkrieger von Uedem aus dem Weltraumlagezentrum in der nach dem preußischen Kavalleriegeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz benannten Klinker-Kaserne in die Sterne: Die nehmen am Himmel so unendlich viel Platz ein, dass das Ausmaß möglicher Bedrohungen noch gar nicht abgeschätzt werden kann. Was sie hier aus auch nicht können, ist es, aktiv im Weltraum zu operieren.

Die Luftkampf-Probleme der SPD 

Boris Pistorius, beliebtester Politiker einer Partei, die mit bewaffnetem Luftkampf lange ernste Probleme hatte, weiß, dass er das auch mit einer Menge neuer Milliarden nicht wird ändern können. In seinem dritten Jahr als Chef auf der Hardthöhe erklärte der Verteidigungsminister den Weltraum deshalb zur neuen "Achillesferse" Deutschlands. Bis 2030 sollen 35 Milliarden Euro in den Schutz von Satellitensystemen, eigene Aufklärungskapazitäten - Pistorius nennt sie "Wächtersatelliten" und ein neues militärisches Satelliten-Betriebszentrum investiert werden. 

Heute schon, so hat der Minister bei einer wegweisenden Rede auf einem "Weltraumkongress" im September 2025 beschrieben, verfolgten russische Aufklärungssatelliten Bundeswehrsatelliten. Um verteidigungsfähig zu bleiben, forderte Pistorius deutsche Offensivfähigkeiten im All. "Im Weltraum gibt es keine Grenzen oder Kontinente", sagte er, "dort sind Russland und China unsere direkten Nachbarn." 

Einmal ohne alles 

Nachbarn, die schon können, was die Bundeswehr nicht vermag. Davon musste sich Boris Pistorius bei einem Besuch der bei dieser Gelegenheit als "Luftverteidigungsanlage " bezeichneten deutschen Weltraumzentrale in Uedem selbst überzeugen. Ohne eigene Rakete, ohne Killersatelliten, ohne eine einzige Startrampe auf eigenem Boden stößt der angekündigte "massive Ausbau der Fähigkeiten im All, um die Handlungsfähigkeit der Bundeswehr auch jenseits der Erdatmosphäre zu sichern" bisher jedoch weiter auf die Beschwernisse der Gravitation. 

Die Investitionen in Milliardenhöhe, sie fliegen nicht von allein. Die "Stärkung der militärischen Verantwortung über den Operationsraum Weltraum" (Bundesministerium für Verteidigung) ist ein Papierflieger, der einfach nicht abheben will.

Die Lage im All 

Als der Deutsche Bundestag die neue Dimension diskutierte, in der sich Großkonzerne aus China und den USA lukrative Geschäfte versprechen, schwieg Pistorius. Er ließ Bundesforschungsministerin Dorothee Bär den Vortritt beim Versuch, sich nicht zu blamieren. Die CSU-Politikern, eine studierte Politikwissenschaftlerin, die auch schon in ESA-Uniform für Fotografen posierte, nannte Deutschland "eine Raumfahrtnation". Bär entdeckte "ganz viel Made in Germany in der internationalen Raumfahrt".  So sei das Servicemodul der Artemis-II-Mondmission  in Deutschland entwickelt worden und ebenso der "Sternensensor", mit dem Raumfahrer ihre Lage im All bestimmen.

Für ein Land, das die Raumfahrt erfand, mag das wenig scheinen. Für eine Politik, die mit wenig zufrieden ist, reicht es. Für Medien, die ausschließlich auf Einladung durch die Pressestellen der Ministerien berichten, langt es. Im "Spiegel" etwa, einst das Zentralorgan deutscher Neugier, tauchte das Weltraumkommando seit seiner Indienststellung ganze viermal auf: Mit der frohen Botschaft "Die Bundeswehr hat jetzt ein Weltraumkommando" - für "Defensivoperationen" anno 2021. Und angekündigt mit "Der Weltraum war noch nie friedlich" als Überschrift über einem Interview mit WRKdoBw-Kommandeur Michael Traut, der erläuterte, wie gut es ist, dass seine "Behörde" (Spiegel) jetzt "Waffen für Angriffe in der Umlaufbahn" bekommt.

Die vielen Geheimnisse der Weltraumkrieger 

Wann genau, welche und wie sie an den Einsatzort gelangen sollen, all das ist bisher geheim. Wie immer geht es um eine große Vision, nicht um die kleine Wirklichkeit. Deutschland soll mitspielen im neuen Great Game ums All, sie soll "operationsfähig im Weltraum" (Pistorius) werden, von dem, so hatte es Annegret Kramp-Karrenbauer formuliert, "unser Wohlstand und unsere Sicherheit in hohem Maße vom Weltraum abhängig" sind. 

Eine deutsche Weltraumstrategie baut auf dem durch das WRLageZ bereitgestellten Weltraumlagebild (Recognized Space Picture) auf, das durch das WRKdoBw zukünftig verstärkt "hin zu einem deutlich umfassenderen Lagebild in der Dimension Weltraum" entwickelt wird, um die "Space Domain Awareness" (SDA) zu erreichen, wie es Bundeswehrfachzeitschriften heißt. Der Fachbegriff beschreibt dabei "das Lagebewusstsein eines jeden Truppenführers über die eigene Weltraumnutzung und die daraus resultierenden Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten für die eigene Operationsführung sowie den Schutz von Weltraumsystemen vor Auswirkungen gegnerischer Aktivitäten" im All. 

Das Ergebnis wird mit viel Glück ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte deutscher Symbolpolitik sein: viel Ankündigung, wenig Umsetzung, hervorragende Pressemitteilungen, keinen Startplatz und kein Booster, der auf einer Plattform vor Boltenhagen donnern landet.

Ein Sinnbild von den Sternen

Das Weltraumkommando der Bundeswehr ist das perfekte Sinnbild für die aktuelle Politik, die hinter jeder Lage hinterherhoppelt wie ein Duracell-Hase mit ausgelaufenen Batterien. Es gibt Nsmen und zuständige Dienststellen. Pläne und Folien. Es kostet kräftig und schwappt gelegentlich in die Schlagzeilen, wenn ein erneuter Neustart ansteht. Nur im Ernstfall würde es vermutlich nur eines tun – hervorragend dokumentieren, wie andere den Weltraum beherrschen.

Zum fünfjährigen Jubiläum ist viel erreicht. Nicht bei der Weltraumverteidigung, die eines Tages in der Leitung von "satellitengestützten kinetischen Wirksystemen gegen andere Satelliten" (Co-orbitaler ASAT) und der Störung von Datenverbindungen feindlicher Kommunikationssatelliten im Rahmen von Space-Electronic-Warfare-Maßnahmen bestehen soll. Sondern beim Ausbau der bemerkenswerten Fähigkeit, den Bedarf an militärischer Kontrolle von Weltraumsystemen in einer Führungseinrichtung auf taktischer Ebene zu bündeln, die ihre Truppen ausgrechnet dorthin nicht schicken kann, wo es die "Dauereinsatzaufgabe militärische Weltraumnutzung" erfordert.

Zuschauen immerhin können alle: Auf der vom Space Command erstellten Internetseite whatsin.space sind die 79 deutschen Satelliten gelegentlich unter den 16.144 amerikanischen, den 5384 chinesischen, 5639 russischen und 724 britischen Flugkörpern zu entdecken.

Donnerstag, 9. Juli 2026

Strack-Zimmermann: Die Läutselige am Totenglöckchen

Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist das bekannteste Gesicht der inzwischen weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwundenen FDP.

Sie hat das Zetern drauf, das herablassende Besserwissen und das kampflustige Provozieren. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, von Spöttern im politischen Europa nach dem Vorbild der mitteldeutsche Sommerzeit MESZ häufig "MAZS" genannt, ist die letzte Vertreterin einer sterbenden Spezies. Fast im Alleingang behauptet die 67-Jährige die Fortexistenz einer Partei, die nach der Bundestagswahl fast unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit einen leisen Tod gestorben war. 

Der neue Chef heißt Dürr 

Nicht Wochen, sondern nur Tage nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag brach die ehemals so stolze liberale Partei in sich zusammen. Der Parteichef kündige. Die ehemalige Ministerriege zog sich ins Privatleben zurück. Der neue Chef hieß "Dürr", ein sprechender Name wie "Dröge" bei den ähnlich gebeutelten grünen Kollegen. 

Nur ein blieb. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, vier Worte, zwei Bundesstriche. Die ehemalige Verlagsmanagerin aus Düsseldorf startete ihre politische Profikarriere spät, zumindest für die Verhältnisse in der Berliner Republik. Strack-Zimmermann war über 50, als sie ihr erstes Parteiamt übernahm. Sie rückte erst mit fast 60 in den Parteivorstand auf, etwa ein halbes Jahrhundert älter als es in den Parteilaufbahnvorschriften für künftige Minister, Staatssekretäre und Bundesbeauftragte inzwischen vorgeschrieben ist. 

Eine für die Hinterbank 

Natürlich hat der Spätstart Gründe. In einer FDP, in der Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle oder Klaus Kinkel etwas zu sagen hatten, war der Bedarf an Frauen einerseits gering. Andererseits wählte die Herrenrunde, wenn schon, denn schon, frauliche Frauen als plakativen Beweis dafür, dass auch die FDP mit der Zeit geht. 

Strack-Zimmermann wäre damals allenfalls unbeobachtet in einer Hinterbank des Bundestages verschwunden. Erst unter Parteichef Christian Lindner bekam sie die Gelegenheit, in die erste Reihe vorzurücken und nach der Katastrophe bei der Wahl 2025 zum Gesicht des Endes einer ganzen Ära zu werden. Mit ihrem unverhohlen drohenden Satz zu einem ihr missliebigen Demonstranten "Weiß Ihr Chef eigentlich, was Sie hier am helllichten Tag machen?", hat Strack-Zimmermann ihr Verständnis von Freiheitlichkeit öffentlich gemacht. Seine Meinung soll jeder haben. Der sie sich leisten kann.

Strack-Zimmermann ist berufen, das Totenglöckchen der Liberalismus in Deutschland zu läuten. Die Totengräberin der FDP wird in ihrer Strahlkraft nur von Wolfgang Kubicki übertroffen, einem Dinosauerier aus freiheitlichen Zeiten, der noch lauter, aber vom Spielfeldrand unangenehm oft daran erinnert, wofür die FDP einst stand. Dem hat sie beim Kräftenessen um den neuen Vorsitz den Fehdehandschuh hingeworfen. Wenn schon nicht die ganze Partei, dann wenigstens eine gespaltene.

Die Partei der Gespenster 

Kubicki spricht seitdem für eine Partei, die es nicht mehr gibt, für eine Partei der Gespenster von Bürgerrechten, Freiheit und Individualität. Verführt vom Angebot, unter Scholz und Habeck ein Zipfelchen der Macht für sich beanspruchen zu dürfen, hatte Parteichef Christian Lindner 2021 den Grundsatz über Bord geworfen, lieber nicht zu regieren als schlecht zu regieren. Heute ist die Aussicht auf beides gering.

Es folgten drei Jahre, in denen es Lindner und seine Minister Volker Wissing, Marco Buschmann und Bettina Stark-Watzinger die alten Ideen des Liberalismus begruben. Statt auf Eigeninitiative, freien Wettbewerb und einen schlanken Staat zu setzen, der sich wo immer möglich aus dem Leben der Bürger heraushält, erlag die FDP dem Glauben, der Zeitgeist verlange Gesetze zur Verhinderung freier Debatten. Strack-Zimmermann war immer vorn dabei.

Die späte Zeitgeist-Partei 

Als letzte unter den traditionellen Parteien der alten Bundesrepublik verwandelte sich die FDP eine Zeitgeist-Partei: Die Liberalen Lindners standen für ein Weltbild, das sich nicht allzu sehr von dem der Grünen, der Linken, der SPD und der CDU unterschied. Differenzen waren allein taktischer, nicht strategischer Natur.

Man war sich nicht einig, ob man für das Ziel, dem Staat und seinen Parteien immer mehr Macht und Verantwortung zu geben, offensiv werben sollte. Oder - dafür stand die FDP -  Verwaltungen und Behörden lieber still ausbauen und den Vorschriftendschungel unter der Hand wuchern lassen.

Gequält schaute Lindner zu, wie seine Koalitionspartner den demokratischen Rechtsstaat fit für die Aufgabe machten, Kontrolle über das Privatleben der Menschen auszuüben. Tatenlos stand die FDP Spalier, als das Individuum seinen Anspruch verlor, als Auftraggeber der Politik über das Handeln der Parteien entscheiden und Rechenschaft einfordern zu dürfen.

So jung und schon so illiberal 

Die FDP neuen Typs war die ihrer jüngeren Funktionäre. Franziska Brandmann etwa, Chefin der Jungen Liberalen, engagierte sich gemeinsam mit ihrem Parteikollegen Alexander Brockmeier als Gründerin des Start-ups "So done" (zu deutsch so viel wie "vollkommen erledigt"), das KI-gestützt Hassnachrichten im Internet sucht und automatisiert zur Anzeige bringt.  

Auf dem Höhepunkt des Erfolges des Unternehmens gelang es, die Justiz mit 1.000 Strafanträgen pro Monat zu überschütten. "So done" initiierte damit ganz allein 0,2 Prozent aller Ermittlungsverfahren im Land. Anerkennung blieb nicht aus: Parteiübergreifend zeichnete die schwarz-grüne Landesregierung von Nordrhein-Westfalen die junge Firma mit einem Gründungspreis aus, der den Namen "MUT" trägt.

"Abschalten von Hass" 

Wie andere spätliberale Kollegen gehörte auch Marie-Agnes Strack-Zimmerman zu den Auftraggebern, die beim "Abschalten von Hass" (So Done) Hilfe von der "Verfechter unseres Rechtsstaates" in Anspruch nahmen. 250 Anzeigen pro Monaten gingen in Hochzeiten in ihrem Namen raus. Die Erfolge der Abmahn- und Klagewelle blieben überschaubar. Der Rufschaden, den die beteiligten Politiker zu verzeichnen hatten, war immens. 

Für Marie-Agnes Strack-Zimmermann ein Glücksfall. Wer keinen Ruf mehr zu verlieren hat, der muss aus seienm Herzen keine Mördergrube machen. "Strackzi", wie sie sich gern nennen lässt, hat die Phase ihrer Laufbahn hinter sich gelassen, in der sie irgendwem gefallen wollte und musste. 

Zur rechten Zeit abgesprungen 

Früher als andere in ihrer Partei hat sie die beständig sinkenden Umfragewerte richtig gedeutet und zur rechten Zeit den Absprung geschafft. 2024 wagte sie den Spurwechsel aus der Bundes- in die Europapolitik. Die 5,2 Prozent der Wähler, die die FDP von sich überzeugen kontne, reichten gerade so zum Wiedereinzug ins EU-Parlament. Seitdem ist Strack-Zimemrmann stolz darauf, die letzte Spitzenkandidatin gewesen zu sein, die ihre Partei über die Fünf-Prozent-Hürde führte.

Und die wird sie wohl für immer bleiben. Unbeindruckt von den weiter sinkenden Zustimmungswerten ihrer Partei, der ist nicht gelingt, die Unzufriedenheit einer großen Bevölkerungsmehrheit mit der aktuellen Bundesregierung zu melken, agiert Strack-Zimmermann, als lege sie es darauf an, immer noch mehr Menschen vom Scheitern des Liberalismus zu überzeugen.

Die leidenschaftliche Motorradfahrerein ist für Aufrüstung und Strafen für Quertreiber in der EU, sie ist antiamerikanisch und für die Rückholung der deutschen Goldreserven aus den USA. Sie ist für Freihandel und die "Suche nach Gleichgesinnten". Aber auch für Zölle, wenn sie die Richtigen treffen. Eine ewige und unsterbliche Erbwalterin des verrückten Zeitgeistes der kurzen Ampel-Ära.

Nichts zu verlieren 

Strack-Zimmermann hat nichts zu verlieren. Bis 2029 ist ihr der Platz im EU-Parlament sicher. Am Ende der Legislaturperiode wird sie 71 Jahre alt sein und nicht mehr um eine Anschlussverwendung bangen müssen. Das macht frei, das erlaubt es ihr, die roten Karten zu ignorieren, die der FDP seit der desaströsen Bundestagswahl in jeder einzelnen Umfrage gezeigt wird. 

Nicht nur im Habitus gleicht Strack-Zimmermann verblüffend den anderen oft abfällig als "Flintenweiber" verspotteten Führerinnen Deutschlands und Europas. Christine Lagarde und Ursula von der Leyen tragen eine andere Frisur. Die innere Stärke aber, sich nicht um die Folgen des eigenen Tuns zu scheren, besitzen sie alle.

Der Kelch muss bis zur Neige

Marie-Agnes Strack-Zimmermann wirkt manches Mal sogar, als genieße sie den Absturz der FDP als ultimativen Thrill. Der freie Fall als letzte, ultimative Form von Freiheit. Losgelöst von der Erde alles hinter sich lassen, nicht mehr nachdenken über die Konsequenzen, über die Zukunft, über das, was war und sein könnte. Stattdessen einfach fallen lassen, ungebremst stürzen, hinein ins Nirgendwo, dessen Ende kein ungewisses, aufregendes ist. Nach der politischen Laufbahn kommt der Ruhestand. Kein  Aufprall in der brutalen Wirklichkeit einer Welt. Sondern der - verspätete - Rentenbeginn. 

Die letzte Aufgabe, die Strack-Zimmermann noch zu erfüllen hat, ist das Läuten der Totenglocke für die Freidemokraten. Aufrecht, aber vollkommen unbeachtet steht die entkernte Partei des Christian Dürr in den Stürmen der Zeit. Ein Bollwerk der Belanglosigkeit, von dem nicht einmal mehr die verbliebenen Mitglieder genau sagen könnten, wofür es steht. Den liberalen Mauern fehlen nicht mehr nur Putz und Anstrich, sondern auch Steine und Balken. Überall im Land rangiert die ehemals dritte Kraft mit Umfragewerten von einem bis fünf Prozent unter ferner liefen. 

Das Erbe ist verprasst 

Keine andere Partei hat ihr politische Erbe derart schnell und radikal verprasst. Selbst die SPD, die alles tut, um sich möglichst zügig aus der Geschichte zu verabschieden, sieht neben der FDP aus wie ein Erfolgsmodell. Auch sie ist in vielen Bundesländern irrelevant geworden. Doch die frühere Arbeiterpartei, die das Land in 24 der letzten 28 Jahre regiert oder mitregiert hat, bleibt auch auf den letzten Metern ihres tragischen Todeskampfes systemrelevant, weil ohne sie keine Mehrheiten mehr zu organisieren sind.

Die FDP daggeen ist wie eine Band, die den Saal mit atonalem Jazz leerspielt. Mit der Selbstverständlichkeit, mit Samurais einst ihren Seppuku begingen, stürzen sich Strack-Zimmermann und die anderen, bundesweit kaum bekannten Führer der Partei Tag ür tag neu ins Schwert. Parteichef Christian Dürr, bei X mit einem Zehntel der Follower, die Strack-Zimmermann vorzuweisen hat, vertraut darauf, dass ein stures Weiterso Wählerinnen und Wähler bald wieder überzeugen wird, die  Liberalen als Brandmauer zum Sozialismus zurückzurufen. 

Abgewehrter Angriff der Basis

Der neue Parteichef absolvierte seine Wahl mit einem Ergebnis von 82 Prozent. Auch die FDP-Basis weiß, dass außer ihm nur noch Marie-Agnes Strack-Zimemrmann verfügbar gewesen wäre. Seitdem tritt Vize Wolfgang Kubicki regelmäßig in seiner Rolle als mahnendes Klageweib auf, das über "bittere Ergebnisse" und schlimme Umfragewerten klagt und "entschlossene Kurskorrekturen" hin zu einer "mutigeren und fortschrittlicheren Wirtschafts-, Energie- und Migrationspolitik" verlangt. 

Ein unvollendetes Talent 

Doch Christian Dürr, vor 15 Jahren als politisches Talent vom entschiedenen Liberalen Guido Westerwelle entdeckt und in die Bundespolitik eingeführt, steht über solch kleinen Dingen wie Wahlergebnissen oder Wahlprognosen. Mit Mitte 20 wurde er Berufspolitiker, mit Mitte 40 hat er seine Rolle gefunden. Zahm zeiht er den  Kanzlers und die Pläne der CDU zur Einführung einer Klarnamenpflicht für die Nutzung des Internets einer Art Angst vor den Wählern. Merz-Aussage, dass er ja auch mit offenem Visier kämpfe, klinge für ihn wie: "Ich möchte wissen, wer mich kritisiert." 

Als die Union ihren großen Beschluss zur Glättung der Meinungslandschaft danngetroffen hatte, fiel FDürr dazu gar nichts ein. Parteilinei wohl, denn auch Strack-Zimmermannbegrub die Bürgerrechtstradition der FDP unter einem tiefen Schweigen. In einem Moment, in dem ihre Partei sich hätte positionieren können, forderte sie die Ausweisung iranischer Diplomaten. 

Lächelnd in den Untergang

Die großen Medien haben die FDP abgeschrieben. Nicht einmal mehr Nachrufe schreiben sie. Die Parteioberen aber akzeptieren den eigenen Niedergang kaltblütig. Mehr oder weniger desinteressiert, aber keineswegs beunruhigt von den Aussichten, schon in Kürze kaum mehr in irgendeinem Parliament vertreten zu sein, scheinen sie den Absturz hinzunehmen. Es war einmal und wird nie mehr sein. 

Ein Land, das den Liberalismus fürchtet und Individualität verabscheut, braucht keine Partei, die diese Ideale vertritt. 

Mittwoch, 8. Juli 2026

Männer müssen draußen bleiben: Frischfleisch für den Wehrwolf

Gegen Krieg, Wehrpflicht und Kapitalismus und zurück zum freiwilligen Wehrdienst wie früher im Sozialismus, als es noch keine Kriege gab. 
Es sollte ein Tauschgeschäft werden, so geschickt eingefädelt, dass gar niemand etwas bemerkt. Als Friedrich Merz und Ursula von der Leyen im Herbst der Reformen anno 2025 darangingen, der bedrängten Ukraine neue Milliarden zur Verfügung zu stellen, war die Erfindung des Geldes nur ein Teil einer viel umfassenderen Verteidigungsmaßnahme. Die beiden christdemokratischen Spitzen planten, russische Auslandsvermögen am Völkerrecht vorbei zu konfiszieren und als Sicherheit für ein am EU-recht vorbei aufgenommene gemeinsame Schulden der Gemeinschaft einzusetzen.

Grenzen dicht wie in der DDR 

Im Gegenzug sollte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj allerdings die Grenzen dichtmachen. EU-Europa habe, zu dieser Auffassung waren die meisten der Regierungschefs der 26 Mitgliedsstaaten mit Blick auf die Meinungsumfragen in ihren Ländern gekommen, allmählich mal genug ukrainische Kriegsflüchtlinge aufgenommen.

Insgesamt sind inzwischen 5,37 Millionen Kriegsflüchtlinge in Europa registriert. 4,2 Millionen genießen seit vier Jahren vorübergehenden Schutz. Aktuell leben ca. 1,3 Millionen von ihnen in Deutschland. Entgegen der Hoffnung, die gut ausgebildeten Neuankömmlinge würden dem wachsenden Fachkräftemangel schnell abhelfen, arbeiten auch heute nur rund ein Drittel von ihnen.

Flüchtlinge als Waffe

Wolodymyr Selenskyj aber spielte nicht mit. Erst im August vor einem Jahr  hatte der Präsident die ukrainischen Grenzen für junge Männer zwischen 18 und 22 Jahren geöffnet, um Druck auf die EU-Partner zu machen. Das weggefallene Ausreiseverbot brachte die fast zum Erliegen gekommene Fluchtbewegung aus der Ukraine neu in Schwung. Aus Angst, anderenfalls in Uniform, an der Front und in einem Leichensack zu enden, nahmen mehr als 100.000 Betroffene die Beine in die Hand und reisten nach Westen aus. Die Botschaft aus Kiew war klar: Ohne mehr Hilfe, mehr Waffen und mehr Geld aus der EU wird das erst der Anfang sein.

Die Nutzung der als "eingefroren" bezeichneten russischen Vermögenswerte im Westen als Sicherheit für ein neues EU-Sondervermögen für die Stärkung der Kriegstüchtigkeit des Favoriten unter den EU-Aufnahmekandidaten sollte Selenskyj beschwichtigen. Der Widerstand einiger unbotmäßiger Staatsführer und der Europäischen Zentralbank aber ließ den Plan scheitern. 

"Zu viele Männer aus der Ukraine" 

Für Kanzler Merz eine so unangenehme Situation, dass er für einen Moment die Contenance verlor: Es kämen "derzeit zu viele Männer aus der Ukraine nach Deutschland", die "eigentlich noch ihren Wehrdienst vor sich haben", beklagte er sich beim ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Der müsse "dafür sorgen, dass diese jungen Männer im Land bleiben, weil sie im Land gebraucht werden und nicht in Deutschland".

Unausgesprochen ließ Merz erkennen, dass die Ukraine zwar weiterhin nicht nur sich selbst, sondern das ganze freie Europa verteidigt. Dass es ihm angesichts des bedauernswerten Zustandes der Bundeswehr und der immer noch in Teilen einem romantischen Pazifismus anhängenden deutschen Öffentlichkeit lieber ist, dass Ukrainer zwangsweise "Militärdienst in der Ukraine" (Merz) leisten, als dass er junge deutsche Männer zwangsweise in Uniform stecken muss.

Lockere Regeln 

Bei Selenskyj tropfte der Deutsche ab. Die Ausreiseregeln für blieben locker. Wer noch nicht unter die Wehrpflicht ab 23 fällt, kann die Ukraine ungehindert verlassen.  Offiziell soll das den jungen Menschen die Möglichkeit geben, im Ausland Bildungsabschlüsse zu erwerben, damit sie später zum Wiederaufbau der Ukraine beitragen können. Inoffiziell ist klar, dass die meisten der 4.000 bis 6.000 Teens und Twens, die pro Monat verschwinden, nicht zurückkehren werden, so lange der Krieg nicht beendet ist.

Für Selenskyj sind die Flüchtenden ein Druckmittel. Für die EU ein Ärgernis, das niemand so nennen darf. Ein halbes Jahr nach dem ersten gescheiterten Versuch, die Ukraine dazu zu bewegen, ihren wehrbaren Nachwuchs sicher einzusperren, bis er frontverwendungsfähig geworden ist, hat die EU deshalb einen neuen Versuch gestartet. Diesmal strebt sie an, allen ukrainischen Männern zwischen 23 und 60 Jahren den auf der Basis der Massenzustrom-Richtlinie seit 2022 automatisch zugeteilten Schutzstatus zu entziehen.

Keine Aufenthaltserlaubnis mehr 

Nach deutschem Recht wird Ausländern, die auf Grund eines Beschlusses des Rates der Europäischen Union gemäß der Richtlinie 2001/55/EG den Anspruch haben, ohne individuelle Prüfung Schutz gewährt zu bekommen, automatisch eine Aufenthaltserlaubnis erteilt. 

Dieses großzügig gewährte Privileg soll ab März kommenden Jahres wegfallen: Der europäische Gesetzgeber unterscheidet dann auf der Basis seiner eigenen Interessenlage zwischen dem "wehrfähigen Ukrainer" (ZDF) auf der Flucht vor seiner Pflicht zur Verteidigung des Vaterlandes. Und allen übrigen Menschen, die nicht wehrpflichtig sind und deshalb den Anspruch haben, als Kriegsflüchtlingen anerkannt zu werden. Der UN-Menschenrechtsausschuss hat mehrfach klargestellt, dass das Recht auf Kriegsdienstverweigerung "nicht aus Gründen der nationalen Sicherheit eingeschränkt werden darf". Daran müsse sich auch die Ukraine halten.

Eine Bitte aus Kiew 

Die Mahnung verpufft. Und nun hält sich auch die EU nicht mehr an ihre Schutzpflicht. Man folge damit einer "Bitte der Regierung in Kiew", hat die EU-Kommission die Abkehr vom Grundprinzip, dass es sich bei der Verweigerung des Kriegsdienstes um ein Menschenrecht handelt. Diese Auffassung vertrat die Gemeinschaft bisher im Einklang mit dem Wortlaut des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte.

 Im Jahr 2011 hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ("Menschengerichtshof", n-tv) dieses Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen in seinem Grundsatzurteil (Fall "Bayatyan gegen Armenien") aus der Europäischen Menschenrechtskonvention abgeleitet. Bei der Verweigerung des Militärdienstes handele es sich um "einen universellen Bestandteil der Glaubens- und Gewissensfreiheit". Die Missachtung von Verletzung von Artikel 9 (Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit) der Europäischen Menschenrechtskonvention dar.

Feinde der Grundrechte 

Die EU bedurfte dieser Hinweise aber gar nicht. In ihrer eigenen Grundrechtecharta hatte die Europäische Union sich Artikel 10 Abs. 2 geschrieben. Der sieht das Recht auf Wehrdienstverweigerung ausdrücklich vor, wenn auch die Winkeladvokaten der Feinde der Kriegsdienstverweigerung den einschränkenden Satz haben einbauen lassen, dass Kriegsdienstverweigerung "nach den einzelstaatlichen Gesetzen anerkannt wird, welche die Ausübung dieses Rechts regeln". 

Das wäre in aktuellen Fall das Recht der Ukraine, in deren Verfassung das Recht auf Kriegsdienstverweigerung seit 1991 verankert war. Aber wie das so ist - ältere Deutsche erinnern sich oft noch gut an die Jahre der Pandemie - die Gewährung unveräußerlicher Rechte lässt sich oft nur so lange garantieren, wie das Agieren des Staates nicht dadurch gestört wird. Mit dem Beginn des russischen Angriffs wurde das Recht auf Kriegsdienstverweigerung folglich schnurstracks "ausgesetzt". 

Inhaftiert in "speziellen Einrichtungen" 

Wer es nutzen wollte, musste ins Ausland ausweichen. Das aber schließt die Türen: Ohne die Gewährung des automatischen Schutzes für ukrainische Männer zwischen 23 und 60 Jahren bliebt nur noch das Asylrecht. Geflüchtete müssten sich dem normalen Prüfungsverfahren unterziehen. Nach dem Willen der Mitgliedstaaten, die nach zehnjährigen Verhandlungen gerade erst ihr Gemeinsames Europäische Asylsystem (GEAS) beschlossen haben, in als "spezielle Einrichtungen" (DPA) bezeichneten Lagern "direkt an den EU-Außengrenzen". Statt mehrerer Jahre sollen die für "Personen mit geringer Bleibeperspektive" maximal zwölf Tage dauern. Danach geht es für die abgelehnten Scheinpazifisten an die Front.

Es ist ein Menetekel, das weit über die Frage hinausweist, welchen Schutz eine Wertegemeinschaft wie die EU Menschen gewähren muss, die ihr Heimatland "aufgrund ihrer militärischen Verpflichtungen nach ukrainischem Recht nicht verlassen dürfen", wie der österreichische EU-Innen- und Migrationskommissar Magnus Brunner sagt.

Getrieben von inneren Zwängen 

Wenn ein Land, das wie die Ukraine aus inneren Zwängen heraus beschließt, das vom europäischen Grundrechtekatalog garantierte Recht auf Kriegsdienstverweigerung zu suspendieren und zudem ein Ausreiseverbot für wehrpflichtige Männer zu erlassen, kann er das tun. Doch kein anderer Staat hat die Pflicht, diese Entscheidung zu unterstützen und die davon Betroffenen abzuweisen, weil er darum "gebeten" (Brunner) wird.

Doch auch in der EU sind die Zwänge unübersehbar: Zwar zählen die Medien im Westen lieber russische Gefallene als ukrainische. Doch die immer wieder durch Videos in den sozialen Netzwerken vorgeführte aggressive Mobilisierung neuer Rekruten zeigt, dass akuter Personalmangel nach vier Jahren Krieg nicht nur Wladimir Putin plagt. 

Auch die ukrainischen Truppen benötigen nach hohen Verlusten und wegen der Erschöpfung ihrer Frontverbände kontinuierlich Nachschub an Frischfleisch für die Front. Freiwillige, an denen in den ersten Kriegsmonaten kein Mangel herrschte, finden sich aber kaum noch. Es hat sich herumgesprochen, dass der Fronteinsatz häufiger mit Tod oder Verwundung herrscht als mit Heldenstatus.

Harter Kurs gegen Pazifisten 

Dass die Verbündeten im Westen den harten Kurs gegen windelweiche Pazifisten endlich zu stützen bereit sind, ist ein hart erkämpfter Sieg für Kiew. Endlich laufen die Bemühungen von Selenskyjs Administration, Abtrünnige mit harten Sanktionen und dem Entzug von Bürgerrechten in die Truppe zu zwingen, nicht mehr ins Leere. Natürlich, hat Kommissar Magnus Brunner erklärt, handele es sich bei der gruppenbezogenen Pauschalversagung von Schutz "nicht um eine Form der Diskriminierung". Es sie vielmehr nur "eine Ausnahme für wehrfähige Männer".

Für wehrpflichtige Deutsche sind das keine guten Nachrichten. Deren einzige Verpflichtung gegenüber dem Vaterland besteht derzeit noch darin, einen Fragebogen auszufüllen und den Werbern der Bundeswehr mitzuteilen, ob grundsätzlich Interesse am Kriegshandwerk besteht. In der ersten Runde,  berichtete das Verteidigungsministerium stolz, habe "jeder Fünfte angegeben, grundsätzlich am Wehrdienst interessiert zu sein". 

Das allerdings reicht bei weitem nicht aus, um aus der von Verteidigungsministern wie Thomas de Maiziere, Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lambrecht über Jahrzehnte hinweg gezielt abgerüsteten Truppe wieder "Europas stärkste konventionelle Armee" (Friedrich Merz) zu machen.

Die Illusion vom Antrag 

Potentielle Soldaten hierzulande sind heute noch fest überzeugt, sich mit einem Antrag auf Kriegsdienstverweigerung dauerhaft aus den Fängen des Militärs befreien zu können. "Als Kommunist bin ich überzeugt, dass die geplante Wehrpflicht direkt mit Kriegsvorbereitung zusammenhängt, dass Krieg seine Wurzeln im Kapitalismus hat", begründet das einer der Tapferen, der von einem Privileg Gebrauch macht, das ihm ein kommunistisches vaterland nicht einmal symbolisch gewährt hätte.

Die Bundesrepublik tut es. Die Ukraine aber zeigt: Die schöne Geste gilt erstens nur, wenn sich genug Freiwillige finden, die als Rekruten einrücken. Und zweitens nur solange, bis es ernst wird. Sobald ein Mangel an Soldaten die Verteidigungsfähigkeit infragestellt, wird der deutsche Bundestag nach Osten schauen. Und das verfassungsmäßige Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung nach Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes (GG) vermutlich genauso schnell aussetzen wie es die Ukraine getan hat.

Dienstag, 7. Juli 2026

Berge von Raketenpapier: Auf der Cookie-Richtlinie ins All

Ursula von der Leyen fliegt auf Bergen von Rapetenpapier ins All. Vor drei Jahren eröffnete sie persönlich höchst feierliche den Esrange Spaceport als "europäisches Tor zum Weltraum". Gestartet ist dort seitdem nichts.

Als Ursula von der Leyen sich jetzt entschloss, die bittere Wahrheit auszusprechen, stand die Zeit für einen Augenblick still. "Europa muss um seinen Platz in der Welt kämpfen", sagte die 67-Jährige, die für ein Europa steht, das kein Mensch jemals gewählt hat. Es ist zerstritten, marode, unbeweglich. Es lebt von der Hoffnung, eines Tages würde alles besser werden, wenn man nur fest daran glaube. 

Es ist, ganz wie die Mütter und Väter des Hades-Planes es vorgesehen hatten, ein größeres Deutschland, gebaut nach dem Muster des früher so bewunderten Stehaufmännchen-Landes mit seinen Wirtschaftswunderschuftern. Nichts dreht sich, nichts bewegt sich. Selbst der Stillstand erscheint langsam. Es ist ein schwerer Fall, anfangs in Zeitlupe. Inzwischen unaufhaltsam.

"Europa" heißt immer "EU" 

In Brüssel habe  sie das gut verstanden. Ursula von der Leyen hat ihren Berlaymont-Palast zu einer Wagenburg umbauen lassen, aus der ein Strom an Durchhaltebefehle an die nachgeordneten Nationalstaaten geht. Monat für Monat produziert der Generalstab der früheren deutschen Verteidigungsministerin neue Pläne für Europas Endkampf, wobei mit "Europa" stets nur die Europäische Union gemeint ist. 

Mal sind es Giga-KI-Fabriken, die das Kriegsglück wenden sollen, mal ist es der Rückbau der Bürokratie, mal sind es neue Milliarden für die Vorneverteigung  der Gemeinschaft an der Ostfront.

Auch den Weltraum, den zu erobern Europa vor lauter Beschäftigung mit der Verwaltung der eigenen Verwaltung ganz vergessen hatte, stand schon auf der Agenda. Drei Jahre ist es her, die Älteren erinnern sich, als die EU-Kommissionspräsidentin selbst daranging, die europäische Raumfahrt durch ein "EU-Weltraumgesetz" voranzutreiben. Es war ein "großer Moment für europäische Raumfahrtindustrie", als die studierte Medizinerin ins schwedische Esrange nördlich von Kiruna eilte, um dort persönlich einen "Weltraumbahnhof für Satellitenstarts" (EU) zu eröffnen. 

Eine Startrampe mit strategischer Bedeutung 

Der hatte den Worten der EU-Chefin nach "strategische Bedeutung": Von der Leyen nannte die Einweihung "einen wichtigen Moment für Europa und für die europäische Raumfahrtindustrie". Denn "als erster orbitaler Startplatz auf unserem Festland bietet Esrange Spaceport ein unabhängiges europäisches Tor zum Weltraum". Nichts, was Kritiker kleinreden können: "Die Zukunft der EU als eine Weltraum-Macht wird auch in Schweden geschrieben."

Knapp dreieinhalb Jahre später wird das auch niemand wollen. Es ist einfach unnötig. Der im Januar 2023 feierlich eingeweihte neue Komplex für orbitale Satellitenstarts - in EU-Englisch schick als "Spaceport Esrange" bezeichnet, wartet bisher vergebens auf seinen allerersten Raketenstart. Die schwedische Raumfahrtbehörde war bisher nur damit beschäftigt, gelegentlich suborbitale Starts genehmigen zu müssen. 

Studenten schafften es bis auf ein drittel V2-Höhe 

Ein bis zwei Genehmigungen pro Jahr waren zu prüfen, ehe etwa die von Studenten gebastelte Hybridrakete HEROS 3 einen Höhenweltrekord für Amateur-Raketen aufstellen konnte: Der stolze siebeneinhalb Meter lange Flugkörper schaffte es bis auf 32 Kilometer Höhe. Das ist mehr als ein Drittel der Höhe, die die von Wernher von Braun entwickelte V2-Rakete (Aggregat 4) bei ihren ballistischen Testflügen im Oktober 1942 erreicht hatte.

Bis ins Weltall schafften es die Studenten nicht. Raketen in den Weltraum fliegen zu lassen, niemand weiß das besser als Deutschland, dessen Tüftler derzeit noch reihenweise am Endgegner Gravitation scheitern, sind eine ganz andere Baustelle als die Tiefflieger, die vom neuerdings in "SSC Space Center" umbenannten Weltraumbahnhof starten. Es geht hoch hinaus, über Ländergrenzen hinweg und - sollte der Spaceport Esrange" eines Tages in Betrieb gehen, ist mit bis zu 20 Anträgen auf Startgenehmigung zu rechnen. Das würde hektisch. Das würde jeweils nur zweieinhalb Wochen Zeit zur Prüfung lassen. 

Erstmal umbenannt 

Keine Eile ohne Weile. Auch in Schweden kennen sie die europäischen Abläufe: Erst jetzt, drei Jahre nachdem Ursula von der Leyen gemeinsam mit König Carl XVI. Gustav und dem schwedischen Regierungschef Ulf Kristersson feierlich ein Band durchschnitt und so den symbolischen Startschuss für Europas neuen Weltraumbahnhof gab, hat Schweden sein Budget aufgestockt, um das nötige Personal für die neue Weltraumbürokratie einzustellen.

Akuter Bedarf herrscht allerdings nicht. Am "Space Center" - zu Deutsch "Mittelpunkt des Weltalls" - drohen auf Sicht keine echten Raketenstarts bis in den Erdorbit. Das SSC hat keine Raketen, weil Europa keine Raketen hat. Es gibt Partnerschaften mit der US-Firma Firefly Aerospace und mit Perigee Aerospace aus Südkorea. Doch obwohl die Startrampen bereitstehen, verzögern sich die ersten  Starts in den Orbit nun schon so lange, dass niemand mehr Termine für "erste Testflüge mit wiederverwendbaren Raketenstufen wie dem europäischen Demonstrator Themis" nennen will. 

Mondlandung, aber kein Start 

Firefly Aerospace etwa gelang im vergangenen Jahr zwar eine spektakuläre Mondlandung. Doch schon der nächste darauffolgende Startversuch einer Alpha-Rakete missglückte, weil die Düse des Zweitstufentriebwerks kurz nach der Stufentrennung versagte. Erst im März gelang es dem Unternehmen, wieder eine Rakete in den Orbit zu bringen. Der Einfachheit halber aber startete man den Versuch vom Space Launch Complex 2 auf der kalifornischen Vandenberg Space Force Base. 

Bei Perigee Aerospace sieht es kaum besser aus. Die "Blue Whale 1" Rakete der Südkoreaner sollte ursprünglich bereits 2020 ihren Jungfernflug erleben. Der Termin verschob sich dann auf 2024, später auf 2025. Derzeit wird kein Termin mehr genannt, an dem das "most efficient launch vehicle for orbital transportation of small satellites" erstmals abheben könnte, um seine 200 Kilogramm auf einer Umlaufbahn abzuladen. Ein erfolgreicher Start in Südkorea aber ist Vorbedingung für eine Startgenehmigung in der EU. 

Nullnummer mit Verzögerung 

Auch bei der "Themis" genannten wiederverwendbaren ESA-Rakete, die als Europas Antwort auf Elon Musks unverschämte Raktenlandungen gilt, herrscht tiefes Schweigen. Der als "Demonstrator" bezeichnete Prototyp schaffte es bisher bei einem Test auf einem Gelände der Ariane-Group im französischen Vernon, sein "Prometheus" genanntes Triebwerk zwölf Sekunden  am Laufen zu halten. 

Danach versicherte der Leiter des Bereichs "Zukünftige Raumtransportsysteme" der ESA, dass "Themis" bis 2025 anwendungsbereit sein werde. Der erste Flugversuch war entsprechend für das vergangene Jahr angesetzt. Dabei sollte die Rakete nur einige wenige Meter abheben und anschließend an ihren Startplatz zurückkehren. Mittlerweile aber erfolgte eine weitere Verschiebung, diesmal auf "Anfang 2026". 

Flieg nicht so hoch... 

Auch dieser Termin, ehrgeizig angesetzt auf einen Tag nur sieben Jahre nach dem Beginn des "Themis"-Programms,  darf inzwischen als knapp verpasst angesehen werden. Doch Europas Raumfahrtpioniere sind von solchen Rückschlägen nicht zu erschüttern. 

Offiziell heißt es, dass die neuerliche Verzögerung der ersten Themis-Startkampagne frustrierend sei, die nachgelagerten Folgen aber nur minimal. Die einzige direkte Anwendung der im Rahmen des Themis-Programms entwickelten Technologie sei die erste Stufe der zweistufigen MaiaSpace-Rakete, eines weiteren Falcon-Miniaturnachbaus, der nach erfolgter Mission wieder auf der Erde landen soll.

Maia ist kein Thema 

Die Maia-Rakete, gebaut von einem französisches Tochterunternehmen der Ariane-Group, das schon "Europas SpaceX" genannt wird, soll bis zu 500 Kilogramm ins All befördern können - 120 Maia-Starts könnten damit genau so viel Fracht in den Weltraum bingen wie eine von Musks "Falcon Heavy". Nur ab wann ikst noch unklar: Der erste echte Startversuch Testflug der Maia wurde eben wegen "Anpassungen im Test- und Entwicklungsablauf" von 2026 auf 2027 verschoben. Gleich anschließend aber soll, der Erfolg des Tests gilt als sicher, wrde der kommerzielle Betrieb starten.

Nicht aber von Europa aus, nicht durch Europas Tor in die unendlichen Weiten. Wie die große Ariane startet auch die kleine lieber vom Guiana Space Centre in der französischen Kolonie Französisch-Guiana. Andere europäische Kleinstunternehmen weichen nach Norwegen aus, um ihre Böller auf dem dortigen Weltraumbahnhof Andøya zu zünden. 

Auch der "SaxaVord Spaceport" auf den Shetland-Inseln und der "Space Hub Sutherland" liegen wohlweislich außerhalb der Legislative der Europäischen Union, die sich zuletzt mit dem "EU Space Act" genannten "ersten Weltraumgesetz" (von der Leyen) der Menschheitsgeschichte  anschickte, eine Art Cookie-Verordung für die Unendlichkeit zu erarbeiten. 

Per Verordnung und Papier 

Ein sinnbildliches Unterfangen in allen Dimensionen: Die größte Staatengemeinschaft aller Zeiten, die es mit ihrer einzigen Rakete auf sieben bis höchstens acht Starts in diesem Jahr bringen wird, macht sich auf, per Verordnung "die Genehmigung und Registrierung von Weltraumaktivitäten sowie deren Aufsicht harmonisieren", wie es vor einem Jahr in Brüssel hieß, als die EU-Kommission ihren Entwurf für den "EU Space Act" vorlegte. 

Die mächtige Präsidentin selbst hatte das Gesetz zu einer weiteren ihrer unzähligen jeweils für zwei, drei Tage wichtigen Prioritäten gemacht. Es sollte Standards für Sicherheit, Nachhaltigkeit und Resilienz im "europäischen Orbit" (EU-Kommission) setzen und "Weltraumkapazitäten nutzen, um europäische Interessen und Sicherheit zu gewährleisten".

Auf die Medien ist Verlass 

Damals war die Kommissarsriege entschlossen, "bisherige Regulierungslücken im Weltraumrecht" zu schließen und der "uneinheitlichen Regelung auf nationaler Ebene zu begegnen". So lange war das Thema Weltraum verschlafen worden, im Grunde genommen genau so lange wie das Thema Künstliche Intelligenz, Internet, Gentechnik, Kernkraft oder was sonst noch so an High Tech modern geworden ist. So eilig war es vn der Leyen dann, voranzukommen. 

Die Frau aus Hannover räumt Versäumnisse immer so ab: Gibt es erst einmal ein EU-Gesetz dagegen, eilt sie weiter, um den nächsten peinlichen Brandherd mit pathetischen Reden und umfassenden Regulierungsankündigungen abzulöschen. Auf ihre Leitmedien, öffentlich-rechtlich-staatlich wie privat, kann sich die ausgebuffte Taktikerin dabei verlassen: Von der Leyen überlädt die Protokollanten einfach mit so viel neuen Null-Informationen, dass deren Kraft nicht reicht, sich an früherer Mitteilungen zu erinnern.

Von der Leyen und das Schweigen 

Der Erfolg gibt ihre Recht. Seit ihrer großen Einweihungsreise nach Esrange, die vor drei Jahren auch medial ein Knaller war, hat  kein einziges deutsches Leitmedium jemals gefragt, was eigentlich aus der Ankündigung wurde, von Nordschweden aus "Minisatelliten und Zwergraketen in den Weltraum zu schicken" (Der Spiegel). Nicht einmal die Umbenennung der einzigen EU-europäischen Startrampe wurde bisher gemeldet. Geschweige denn der Umstand, dass von dort aus exakt so viele Raketen ins Weltall fliegen wie aus der Innenstadt von Neubrandenburg.

Ein Jahr nach der Verkündung des "EU Space Act" ist auch der kein Thema mehr. Es läuft wie immer auf die Umbenennung und den Ausbau einer Behörde hinaus. Mit ihrem aktuellen Vorschlag für eine neue "Verordnung über die Agentur der Europäischen Union für Weltraumdienste" zielt die Kommission darauf, die EUSPA genannte EU-Agentur für das Raumfahrtprogramm  zu einer "Freiraumorganisation der Europäischen Union" zu ernennen.

Mehr Raketen und mehr Weltraumkapazität als sie das traurige "Weltraumkommando" der Bundeswehr  (WRKdoBw) hat, wird das Europa nicht bescheren. Aber besser verwaltet wird der Mangel sein, wenn der Kommissionsvorschlag "die derzeitige Rechtsgrundlage der EUSPA gemäß der Verordnung (EU) 2021/696" erst ersetzt hat. Berge von Raketenpapier werden in Brüssel produziert. Die EU nicht ins All fliegen, sondern auf Aktenbergen hinaufklettern zum Firmament. 

Nichts umgesetzt, aber optimistisch 

Nichts, rein gar nichts  von dem, was Ursula von der Leyen in der kurzen Phase ihrer frischen Verliebtheit ins Weltall angekündigt hatte, wurde umgesetzt. Doch an ihrer hochfliegenden "Vision für die Europäische Weltraumwirtschaft" (Ursula von der Leyen) lässt die 67-jährige EU-Chefin nicht rütteln: Den "EU Space Act" hat sie erst kürzlich zur "umfassenden Strategie zur Stärkung der Autonomie sowie Technologieführerschaft Europas im Weltraum" ernannt. Sie ziele zudem darauf ab, die "europäische Weltrauminfrastruktur sicherer und nachhaltiger zu machen, die Satellitennutzung für zivile und militärische Zwecke zu stärken und Weltraummüll zu reduzieren".

Bei letzterem Punkt ist die EU vorbildlich. Während Elon Musks Firma SpaceX im vergangenen Jahr 170 Raketen durch die Atmosphäre bis ins All trieb, begnügte sich Europa mit sieben. Jeder einzelne ist unfassbar teuer, denn verglichen mit der Falcon 9 kostet der Start einer Ariane 6 sagenhafte 75 bis 85 Millionen Euro mehr. Während SpaceX mit jedem Start 60 Millionen US-Dollar einnimmt - eine rendite von fast 80 Prozent - ,  findet die einzige brauchbare europäische Rakete überhaupt nur Kunden, weil sie ihre durch staatliche Subventionen von 340 Millionen Euro im Jahr unter Einstandskosten fliegen kann.

Montag, 6. Juli 2026

Marx statt Merz: The Man in the High Castle

Die Sehnsucht ist groß, dass der Alte vom Berg herabsteigt und die Menschheit erlöst.

Er ist wieder da, der Mann mit dem Bart, und es ist nicht Kaiser Barbarossa und es ist auch nicht Adolf Hitler. Karl Marx heißt er, der große Hoffnungsträger einer neuen Generation von Gläubigen. Nicht in einem abgelegenen Berg in Ostdeutschland hat er geschlafen und nicht im ZDF überwintert, sondern in den Herzen der Menschen, die von ihm erfahren haben wie von einem wiederauferstandenen Christus.  

Junge Frauen predigen seine Lehren bei Tiktok. Alte Männer sehen mit Wohlwollen, dass der Glaube, von dem sie ein Leben lang nicht lassen konnten, keineswegs an Ermattung verstorben ist, sondern jeden Tag neue Fans findet. Gemeinsinnsender sind fasziniert. Ehemals konservative Parteien bereiten die erste gemeinsame Nacht vor.

Der Mann mit dem Menschenexperiment 

Marx' Lehren seien es, auf denen eine gerechte Gesellschaft gründen müsse, raunt es in der Provinz. Seine Wissenschaft ebne den Weg für ein Menschenexperiment, das beim nächsten Mal gut ausgehen müsse, weil es diesmal richtig gemacht werde, ohne viel Blut, ohne Hass auf den Klassenfeind und die Suspendierung der Grundrechte bis zum Endsieg. 

Der demnächst scheidende Bundespräsident Walter Steinmeier hat dem Denker, der kein Dichter war, vor Jahren schon einen Persilschein ausgestellt. Marx sei ein "Ökonom, Historiker, Soziologe und Philosoph; Journalist und Chefredakteur; Politiker, Arbeiterführer und Pädagoge; Flüchtling und politisch Verfolgter; Kommentator und Briefeschreiber" gewesen, befand der frühere Kommunist. Als Teil eines einzigartigen Kreativ-Duos mit seinem Freund und Finanzier Friedrich Engels, als Familienvater und Jenny Marxens Ehemann habe er ein Werk geschaffen, dass "in all seiner Widersprüchlichkeit untrennbar mit der deutschen Geschichte verbunden" bleibe.

Typisch für Deutschland 

Marx ist, obschon Wahl-Londoner wie Herbert Grönemeyer, typisch für Deutschland. Dem  antisemitischen Ökonomen reichte es nicht, volkswirtschaftliche Zusammenhänge zu entdecken und Wirkmechanismen zu begreifen. Wie Martin Luther, den antisemitischen Prediger, und Adolf Hitler, dem antisemitischen Nationalisten, drängte ihn eine gut bekannte nationale Hybris, aus seiner vermeintlichen Entdeckung das Recht abzuleiten, Gestalter der Geschichte sein zu wollen. 

Luthers religiöser Eifer kostete die christliche Kirche ihre Einheit und Millionen Menschen im Streit um die richtige Sprache für Gebete das Leben. Hitler ließ beim Versuch, den Herrenmenschen zum Herren zu machen, Millionen ermorden. Marx schaffte es, mit seinen Büchern Ideologen wie Lenin, Stalin, Mao, Castro und Ceaușescu für Thesen zu begeistern, die sich später als irrig herausstellten

Der moderne Nostradamus übersah die Beweglichkeit des kapitalistischen Systems, das im Gegensatz zu seiner Annahme durchaus in der Lage ist, flexibel auf Herausforderungen zu reagieren. Er scheiterte mit seiner Prognose, dass alles wird schlimmer werde, immer härter und eine revolutionäre Überwindung von Ausbeutung und Klassenherrschaft somit ein geschichtlicher Automatismus. 

Ein Leben voller Irrtümer 

Marx hat mehr geirrt als er richtig lag. Seine Zukunftsvision, dass der Kapitalismus überwunden werde, weil er Menschen zwinge, ihre Arbeitskraft zu immer üblereren Bedingungen an die Produktionsmittelbesitzer zu verkaufen, stellte sich als Quatsch heraus. Auch die Klassenspaltung, dieses nach Dafürhalten des Denkers "zwingende Resultat der auf allgemeiner Warenproduktion und dem Verkauf der Arbeitskraft als Ware beruhenden Produktionsweise", verflüchtigte sich. 

Heute sucht die SPD verzweifelt nach einfach der Zielgruppe, die sie einst groß machte. Doch der klassische Fabrikarbeiter, das Ladenmädchen und der Handwerksbursche, sie sehen sich längst als Teil einer gesellschaftlichen Mechanik, in der der Einzelne die Freiheit genießt, sich Marxens kollektivistisches  Reich der Gerechtigkeit für sich ganz allein aufzubauen.

Er kann nicht sterben 

Und doch ist er nicht tot, der Mann, in dessen Namen weltweit mehr Menschen ermordet wurden als in dem Adolf Hitlers. Weder seine grandiosen Irrtümer noch das Blut an seinen Händen vermochte dem guten Ruf des in Trier geborenen Philosophen zu schaden. Marx hat selbst nach demZzusammenbruch des ersten Versuches, sein Himmelreich auf Erde mit Hilfe von Unterdrückung und Gewaltherrschaft zu errichten, seine Denkmäler behalten. Seine Bücher blieben nicht nur erhältlich, sondern Gegenstand höchster wissenschaftlicher Verehrung. 

Was die kommunistischen Diktatoren als Waffen in die revolutionäre Schlacht um den Kommunismus geführt hatten, taugt noch immer als Brosche, mit der der Vordenker eine gute Figur in jedem Fernsehstudio macht. Mit Marx kann man sich sehen lassen. Das von ihm verbreitete Grauen übt auf die, die es nicht miterlebt haben, dieselbe Anziehungskraft aus  wie das alte Rom auf Kinogänger. 

Der Kommunismus schläft nur 

Sie hoffen darauf, dass der Kommunismus nur schläft. Sie sehnen die nächste Gelegenheit herbei, das Privateigentum abzuschaffen und, nach einer gewissen Übergangsphase namens "Sozialismus", eine klassenlose Gesellschaft entstehen zu lassen. Die Partei wird dann wieder immer recht haben. Für jede brutale Unterdrückungsmaßnahme wird sich in einem der 114 Bänder der als "MEGA" bezeichneten Marx-Engels-Gesamtausgabe ein begründendes Sätzchen finden.

Marx ist der neue Mann einer Generation, die kaum oder gar keine eigene Erfahrung mit dem real existierenden Sozialismus hat. Marx ist, dank eines Bildungssystems, das die Untaten der kommunistischen Könige für unerheblich hält und weitgehend unerwähnt lässt, wie ein jungfräulicher Prophet, dem die gerade in die Zeit passenden Thesen nur so aus den Taschen fallen. Die Sehnsucht nach einem starken Staat, der alles regelt und für alle sorgt, ist mächtiger denn je. Marx hat ihn kommen sehen. Dass der Einzelne nichts gilt, wenn die Interessen aller anders liegen, ist inzwischen Konsens bis in die früheren Parteien der Mitte.

Trommeln für die Sehnsucht 

Linkssein hat es geschafft, das Image der bürokratischen Versagerideologie abzulegen. Populistische Theaterfiguren wie Heidi Reichinnek, Felix Banszak, Bärbel, Ines Schwerdner und der humorbegabte Gregor Gysi trommeln für die Sehnsucht vieler, die einen allmächtigen Staat wollen, der in alles eingreift, alles lenkt und über jeden bestimmt.

Der Kapitalismus, er  kann es nicht, diese Botschaft haben die großen Medien den Massen über Jahrzehnte eingetrichtert. Alles gehe es immer schlechter, weil mnache immer reicher würden. Die Armut wachse, das Elend auch, die Demokratie, so gut sie als solche sei, tauge leider nicht dazu, den Überreichtum abzubauen. 

Die jahrelange Indoktrination wirkt. Der Kern des linken Menschenbildes ist heute common sense: Die beständige Beaufsichtigung im Einzelnen ist unumgänglich. Die Massen müssen gehütet werden wie Kühe oder Schafe, um sie vor sich selbst zu bewahren. Manchmal braucht es Leckerli, manchmal Hunde. Das Ziel aber, sie eines Tages wirklich aufgebaut zu haben, die endgerechte Gesellschaft, ist Blut, Schweiß und Tränen wert.

Ein bisschen Schwund 

Ein bisschen Schwund ist immer. Gerade weil die selbsternannten Menschenschäfern ihre Märchen selbst glauben, plagt sie eine Angst, die niemals weichen kann. Wer überzeugt ist, dass er denen da unten, diesem Volk aus Millionen Individuen, nur gut genug erklären müsse, wie gut er es meine, lebt in der Erwartung, dass das Böse dazu gleichermaßen in der Lage ist. Populisten, Faschisten und Russisten könnten die Massen jederzeit zum Üblen verführen kann, wenn niemand aufpasse, das ist die Ansicht, die alle teilen, die aus den eigenen guten Absichten kein Hehl machen. Damit die Zukunft eine Chance hat, erfordert es die Lage, Menschen vor falschen Einflüsterungen zu bewahren. Selbst wenn das Ältere an düstere Zeiten erinnert. 

Wozu hält man sich denn ein ganzes Biotop aus fortschrittlichen Forschern, Nicht-regierungsorganisationen, Meldestellen und vom Staat finanzierten Medien. Sie sind berufen, die Sehnsucht zu füttern, den Antisemiten als modernen Heiligen vorzustellen und seine totalitären Ideen als Hoffnungsanker. Der Erfolg gibt der Strategie recht: Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der verfaulten Reste des letzten sozialistischen Experiments auf deutschem Boden wünschen sich Millionen Menschen, dass Politiker wie Lars Klingbeil, Friedrich Merz, Bärbel Bas und andere nicht nur sozialistische Thesen verbreiten, sondern diese auch rücksichtslos umsetzen. 

Zu lange, zu kompliziert 

Demokratie, das ist vielen längst zuviel Schwatzbude. Alles dauert zu lange, alles ist zu kompliziert. Zu viele Falsche, die mitreden wollen. Ein Mann wie Boris Pistorius, der ein vom Bundestag mühsam beratenes und beschlossenes Gesetz mit einem Federstrich außer Kraft setzt, ist nicht zufällig der beliebteste Politiker im ganzen Land. Müde vom ständiges Aushandeln trauriger Kompromisse wollen Bürgerinnen und Bürger lieber eine Volksvertretung, die wie das Europäische Parlament in Straßburg funktioniert: vorab geschult, auf Linie gebracht und mit klaren Vorgaben versehen, erledigt es Formsachen, wenn es den Ideen der Kommission zustimmt. Reicht doch.

Je weiter links, desto fester ist der Glaube daran. Es sollte am besten Schluss sein mit der eigenen Willensbildung unter normalen Leute, denen jedeEinsicht in die großen Zusammenhänge fehlt. Auch Parlamentarier müssen, von SPD über die Grünen bis in die Linkspartei sind sich alle einig, härter an dei Kandare genommen werden. Dass die Bundesverfassungsgerichtskandidatin Frauke Brosius-Gersdorf bei der Abstimmung im Bundestag durchfiel, gilt heute noch als Schandfleck der deutschen Demokratiegeschichte. 

Der drohende Zerfall 

Abgeordnete, die abstimmen, als seien sie nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet? Das ist nicht Demokratie, sondern Anarchie. Wird dem nicht Einhalt geboten, folgen auf die Angriffe von innen Angriffe von außen. Der Zerfall der Gesellschaft wären die Folge – so zumindest die Angst derjenigen, die heute schon jeden, der nicht auf Linie ist, als Feind der Demokratie betrachten. 

Bald werde es sein wie 1933, als  die NSDAP bei der letzten halbwegs freien Reichstagswahl zur stärksten Partei wurde, grummelt es heute nicht mehr nur in der Linkspartei und beim BSW. Auch tief in den Reihen von SPD, Grünen und CDU wächst die Überzeugung: Die Demokratie muss vor sich selbst geschützt werden. Die Teile der Demokratieausübung, die zu den verkehrten Ergebnissen führen, sollten besser strenger beschränkt werden.

Nicht beständig, nicht riesig

Überproduktion, Unterversorgung, Lieferkettenprobleme und Klimakatastrophen ließen sich vermeiden, wenn Deutschland endlich wäre wie China, heißt es inzwischen sogar in deutschen Medien, zu derren früher Geschichte eine gewisse Skepsis gegen sozialistische Heilsverprechen gehört. Heute diktiert ihnen die Nachfrage nach klaren Ansagen ein Angebot, zu dem die Erlösung durch Entmündigung zwingend gehört.

Auch wenn in anderen Ländern, die nach dem Bremsen der Marktwirtschaft funktionieren, noch immer Wohlstand wächst, richten sich viele hierzulande auf einen Systembruch ein. Die Alternative zur Marktwirtschaft heißen Enteignung,Verstaatlichung und Planwirtschaft. Die Alternative ist populär wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Der Start des sozialistischen Großexperimentes erfolgt diesmal nicht nach einer Revolution oder einem verlorenen Krieg. Er schleicht herein, verbrämt als Notwendigkeit, zusammenzustehen und sich uterzuhaken. Wer würde nicht dafür sein, alles in einen Topf werfen, wenn es fast allen an allem fehlt? Solidarisch sein muss  heißen, ein Taschengeld zu akzeptieren, dafür aber die Verantwortung für sein eigenes Schicksal abgeben zu können. 

Marx statt Merz 

Marx statt Merz macht es möglich. Auf jeder wirtschaftlichen Tätigkeit liegt dank der weitsichtigen Planungspolitik der EU heute schon ein ganzes Himalaya-Gebirge von Vorschriften, Regulierungen, Anweisungen und bürokratischen Meldepflichten. Selbst Friedrich Merz, der Bundeskanzler, der seine Absicht, die Marktkräften halbwegs wieder zu entfesseln, im Wahlkampf kaum verbrgen hatte, musste inzwischen einsehen, dass die bleiernen Zeiten der Überbürokratisierung nicht beendet werden können: Das Blei füllt den gesamten Blutkreislauf. Sein erdrückendes Gewicht ist es, das die morschen Knochen Europas noch aufrecht hält. 

Die letzte große Privatisierung von Staatseigentum liegt inzwischen ein Vierteljahrhundert zurück. Trotz gigantischer Löcher im Haushalt macht die Bundesregierung keinerlei Anstalten, Aktien der Deutschen Telekom oder anderer großer Firmen zu verkaufen. Stattdessen geht die Rede, dass die letzten paar Reste der Marktwirtschaft schuld daran seien, dass mit dem Aufbaus der gerechten Gesellschaft nicht so recht vorangehe. Um das zu ändern, müsse sich die Bevölkerung ganz und gar und freiwillig  in die Hände einer korrupten, ideologiegetriebenen Kaste von Weltverbesserern zu begeben. Die werde dann dafür sorgen, dass alles gut wird.

Die Geschichte lehrt etwas anderes

Die Geschichte lehrt, dass dieses Versprechen leer genug klingt, um erfolgreich zu überzeugen. Der Siegeszug des Islam bdweist, dass die Überzeugungskraft einer Ideologie nicht in ihrer Fähigkeit liegt, Menschen ein besseres Leben zu bieten – ganz im Gegenteil. Fast überall, wo der Islam regiert, hat die Bevölkerung wenig Rechte, sie ist vollständig abhängig von Technologien des entwickelten Westens und Warenlieferungen aus China. Die Menschen können kaum lesen und schreiben, es werden kaum Bücher gedruckt, Todesurteile werden vollstreckt. Bedingungen, die mit denen im Westen nicht zu vergleichen sind. 

Die Leute lieben es 

Und doch lieben es die Leute. Es gibt keine nennenswerte Demokratiebewegung im arabischen Raum, keine massiven Klagen über fehlende Freiheiten und grassierende Armut. Ja, es fehlt die Zuwanderung von außen, die auch schon den Staaten des sozialistischen Weltsystems fehlte, die vom Westen ausge geshen wenig attraktiv erschienen. Doch in den Trümmerlandschaften, in denen nicht der neue Mensch, sondern täglich neues Elend geboren wird, ist der Glaube an die eigene Sache größer als im Wohlstandswesten.

Menschen beugen sich, wenn ihnen nahezu alle Rechte nimmt. Sie sind dankbar, wenn ihnen Strafen drohen, fall sie sich beschweren wollten. Wer vor Jahren behauptet hätte, das politische und ideologische System des Sozialismus nach Karl Marx, das für so viel Kummer, Jammer und zerstörte Schicksale verantwortlich ist, werde in der nächsten und übernächsten Generation wieder als vielversprechende Alternative zum grausam kalten Kapitalismus gelten, wäre nicht einmal ausgelacht worden. Heute muss er sich vorsehen, nicht für später aufgeschrieben zu werden.

Sonntag, 5. Juli 2026

Gesamtkunstwerk Netzsperren: Geschlossene Gesellschaft

Das frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat mit Menschen gesprochen, die in Australien mit einem Internetverbot konfrontiert sind.

Zehn sind normal, 13, 20 oder 27 werden oft genutzt, wenn ein besonders bedeutsames Zeichen für politisches Handeln gesetzt werden soll. Noch nie aber hatte Deutschland einen 56-Punkte-Plan, wie ihn jetzt die Bundeskommission für die Sauberhaltung des Internets vorgelegt hat. Die Expertenrunde stellte das lange Papier in monatelangen Verhandlungen zusammen. 

Es enthält Fingerzeige dafür, wie und mit welcher Begründung die Politik signalisieren kann, das sie Kinder und Jugendliche im Internet besser schützen will. Der Katalog aus 56 Handlungsempfehlungen gilt im politischen Berlin als weiteres "Gesamtkunstwerk" (Bärbel Bas), das nun rasch umgesetzt werden soll.  

Experte für mediale Demenz 

Der Medienpsychologe Hans Achtelbuscher hofft darauf. Achtelbuscher forscht seit Jahren an Phänomenen der medialen Demenz, an Großkurskorrekturen bei Gemeinsinnsendern und zum immer wieder auftretenden Effekt des Herdentriebs. 

Im Gespräch mit PPQ beschreibt der Experte für Sprachregelungsmechanismen, woher die tiefe Sehnsucht der Politik kommt, ein offenes Land als geschlossene Gesellschaft zu betreiben. Seit Begriffe wie "Verschwörungserzählung" und "Leugner" zum wichtigen Bestandteilen der Wirklichkeitsbegradigung wurden, sei es nicht gelungen, mit progressiven Methoden für eine einheitliche Auffassungslage zu sorgen. 

Achtelbuscher hat einen Lehrstuhl am An-Institut für Angewandte Entropie in Frankfurt an der Oder. Dort lehrt der leidenschaftliche Demokratiebeobachter Enttäuschungsmangement und Propagandaentschlüsselung. Der in Medien häufig gefragte Experte begrüßt die Vorschläge der Kontrollkommission – warnt aber davor, sie nun einfach in der Schublade verschwinden zu lassen. "Empfehlungen allein schützen uns nicht", sagt er. 

Die Handlungsempfehlungen seien zweifelsohne  ein großer Schritt in die richtige Richtung. Doch die eigentliche Arbeit beginne, wenn problematisches Social-Media-Verhalten durch schärfere Gesetze unterbunden werde.

Nestor der Resilienzwissenschaft 

PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl hat den Nestor der deutschen Resilenzwissenschaft getroffen und sich aus berufendem Mund erklären lassen, wie es gelingen kann, Kindern und Erwachsenen Bildschirmzeit nicht einfach pauschal zuzuteilen, sondern aus Mindestalter, Sperrauflagen und Identifizierungspflichten mit verlässlicher Altersüberprüfung ein Land zu bauen, in dem Verbote Medienkonsum nicht einfach verbieten, sondern zu den richtigen Inhalten lenken. 

PPQ: Herr Achtelbuscher, die EU und Deutschland planen den Ausschluss von Kindern und Jugendlichen aus sozialen Netzwerken, begründet mit dem Schutz vor sexueller wie politischer Verführung. Ist das die richtige Begründung?

Achtelbuscher: Sagen wir mal so, es ist die Behauptung, mit der sich ein solcher Grundrechtseingriff recht überzeugend begründen lässt. Denken Sie daran, wie Frau von der Leyen damals ihre Sperrungen hatte durchsetzen wollen. Auch da ging es um Kinderpornos, Glücksspiel und digitale Kriminalität. Schauen wir aber unter die Haube, sehen wir den klassischen Kontrollreflex einer verunsicherten Elite. Statt Mündigkeit zu fördern, die leicht auch mal gefährlich werden kann, errichtet man Zäune wie Viktor Orbán damals auf den Fluchtrouten. Historisch gesehen hat dieser Ansatz leider noch nie funktioniert. Man schafft lediglich eine verbotene Zone, die für die Ausgesperrten nur umso attraktiver wird. Das eigentliche Problem – mangelnde Medienkompetenz und fehlende Resilienz – wird nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben. Die Politik offenbart damit eigentlich nur ihre tiefe Skepsis gegenüber der Urteilsfähigkeit ihrer Wähler. Für sie ist der erziehbare Bürger attraktiver als der freie Bürger.

PPQ: Ist das denn gut durchdacht? Wie sollen denn Kinder, für die soziale Netzwerke mit 16 oder 18 plötzlich neu sind, als Erwachsene resilient gegen Einflüsterungen sein?

Achtelbuscher: Gar nicht. Darin scheint die Tragik dieses Ansatzes zu liegen. Zumindest auf den ersten Blick. Resilienz entsteht durch Übung, durch Scheitern, durch das Erlernen, Quellen zu prüfen, Widersprüche auszuhalten und eigene Urteile zu bilden. Wer eine schmerzliche Erfahrung macht, der lernt. Wem die Möglichkeit dazu genommen wird, der kann sich dieses Wissen nicht anlesen. Wer einer Generation die digitale Sozialisation vorenthält, produziert entweder naive Idealisten oder, im Gegenteil, Menschen, die bei der ersten Begegnung mit unzensierter Realität überfordert sind. Doch wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass womöglich eine Gesellschaft von besonders hilflosen Erwachsenen das Ziel ist – genau das Gegenteil also von dem, was man vorgibt zu wollen.

PPQ: Man spürt im politischen Berlin aber auch wieder Absetzbewegungen. Die Politik war anfangs hart entschlossen, zögert jetzt aber. Kulturminister Wolfgang Weimer hat sogar angedeutet, den Plan einer Aberkennung des Grundrechts auf Informationsfreiheit für Jüngere vielleicht fallen zu lassen. Was steckt hinter dieser Volte?

Achtelbuscher: Taktische Spielchen. Man schaltet auf Pragmatismus, sobald der Gegenwind stärker wird. Die ersten Umfragen und Elternproteste haben gezeigt, dass der Plan breiteren Widerstand erzeugt als erwartet. Zudem wird klar, dass eine technische Lösung zu einer wirksamen Altersverifikation ohne massive Überwachungsinfrastruktur kaum umsetzbar ist. Vor der Überwachungsgeschichte hat keiner Angst. Aber die Politik spürt, dass sie sich hier auf vermintes Terrain begibt – und schiebt die Verantwortung gern weiter. Das ist das bewährte Muster: Laut ankündigen, leise zurückrudern. Und irgendwann den nächsten Versuch starten.

PPQ: Es gibt Mutmaßungen, dass die angeschlagene Koalition in Berlin auf Brüssel warten möchte, um der EU-Kommission später die Verantwortung für Bürgerrechtseinschränkungen zuzuschieben. Ist das nachvollziehbar?

Achtelbuscher: Vollkommen nachvollziehbar und typisch europäisch. Das ist doch einer der großen Vorteil der EU, dass sie Entscheidungen treffen kann, die später umgesetzt werden müssen. Kommt dann Protest auf, sagen die nationalen Politiker, tut uns leid, wir müssen, Brüssel hat das beschlossen. Die Kommission wiederum tut ja nur, was die Mitgliedstaaten wollen. Ein perfektes System der Verantwortungsdiffusion. Niemand muss direkt für die Einschränkung von Grundrechten geradestehen, niemand kann verantwortlich gemacht werden.

PPQ: Welche Grundangst vor mündigen Bürgern treibt die Politik in diesem Bereich?

Achtelbuscher:
Die existenzielle Furcht vor dem Kontrollverlust. Die politische Klasse hat sich jahrzehntelang an eine weitgehend homogene, durch selbstbeauftragte Leitmedien gefilterte Öffentlichkeit gewöhnt. Das Internet hat diese Deutungshoheit zerbrochen. Plötzlich existieren Narrative und Fakten außerhalb der kuratierten Blase. Ob etwas richtig oder falsch war oder richtig oder falsch verstanden werden konnte, war in Zeiten des Tripols aus Gebührensender, privaten Funkveranstaltern und privatkapitalistischen Medienheuschrecken nie eine Frage, die im Einzelnen zu beantworten war. Im Fall des Youtubers Ben Unscribted sehen wird jetzt, dass es da Veränderungen gibt. Diese neue Art von Piratenradio erreicht mehr Menschen als Miosga und Lanzn zusammen. Das wird als Bedrohung der eigenen Machtposition empfunden – nicht primär für die Demokratie, die wird nur vorgeschoben. Sondern für die eigene Deutungshoheit. Deshalb diese Sehnsucht nach Geschlossenheit, Einigkeit und strikter Abschottung vor Desinformation. Man will zurück zur alten Übersichtlichkeit, in der man das Heft in der Hand hielt.

PPQ: In Ihrer Denkschrift "Bruchgefahr – Der Bürger aus Glas" beschreiben Sie am australischen Beispiel das "Rasenlatscher-Syndrom", also  das Bemühen von Menschen, Regeln zu umgehen, von denen sie sich gegängelt führen. Wie beschädigt eine als übergriffig empfundene Maßnahme, die nicht wirkt, das Vertrauen, ohne die Ziele zu erreichen?

Achtelbuscher: Das Rasenlatscher-Syndrom formuliert ein Grundproblem. Je strikter ein Verbot, dessen Notwendigkeit Menschen nicht einsehen, desto kreativer die Umgehung. Australien hat es mit diversen Internetsperren versucht – das Ergebnis war ein Boom bei VPN-Diensten und ein massiver Vertrauensverlust in die Politik. Die Menschen fühlen sich bevormundet, nicht geschützt. Das führt zu zwei fatalen Effekten: Erstens wächst die Bereitschaft, alle staatlichen Maßnahmen grundsätzlich zu misstrauen - über die Umgeheung von Netzsperren hinaus. Zweitens entsteht ein Schwarzmarkt der Informationen, auf dem gerade die dubiosesten Quellen besonders attraktiv werden. Man erreicht also das Gegenteil: weniger Resilienz, mehr Radikalisierung und weniger Vertrauen in Institutionen.

PPQ: Im Fall von Ben Unscribed hat die Landesmedienanstalt NRW Inhaltsvorgaben gemacht und behauptet, das sei keine Zensur. Sie haben ein Gutachten veröffentlicht, nach dem in solchen Fällen Sperrungen durch Privatfirmen zu bevorzugen seien, um das Grundgesetzgebot "Eine Zensur findet nicht statt" grundrechtskonform zu umgehen. Läuft das nicht auf dasselbe hinaus? 

Achtelbuscher: Natürlich. Aber sehen Sie, als jetzt ein großes SPD-Medienhaus eine Prognosebörse bei der deutschen Glücksspielaufsicht anzeigte, ging alles seinen sauberen Gang. Die Seite wurde für deutsche Nutzer gesperrt, die Freiheit, seine Meinung offen und frei zu handeln, quasi komplett suspendiert. Aber das ist eine moderne Variante der Zensur. Am Ende entscheidet eine von der Politik munitionierte Behörde, was zugelassen wird. Das Grundrecht wird nicht direkt gebrochen, sondern elegant ausgehebelt. Das ist geschickt, weil es die Illusion von Rechtsstaatlichkeit aufrechterhält.

PPQ: Kritiker sagen, die Sperrung für Minderjährige sei nur ein Vorwand, um eine allgemeine Identifikationspflicht im Internet einzuführen. Was wäre daran falsch, wenn man so Bots und anonyme Meinungsmacher draußen halten könnte?

Achtelbuscher: Das kommt ganz darauf an, wen Sie fragen. Die Landesmedienzentrale wird sicherlich sagen, dass eine allgemeine Ausweispflicht im Internet nicht mit dem Ende der anonymen Meinungsäußerung zu tun hat. Auch die Lizensierungspflicht von Verlagen in den Dikturen, die wir bereits erlebt haben, war ja kein Ende der Möglichkeit, sich anonym zu äußern. Aber würden Sie einen iranischen oder russischen oder chinesischen Bürgerrechtler darauf ansprechen, könnte der Ihnen sicher viel über die Anonymität als wichtigsten Schutzmechanismus gegen Machtmissbrauch sagen. Die politische Vorstellung, man könne damit nur die Bösen aussperren, ist ja naiv. Jedes autoritäre System behauptet das. Und malen wir doch mal den Tuefel an die Wand: Was meinen Sie, wer wären denn die Bösen, sobald die Blauen regieren? Die fänden feinziselierte Kontrollmechanismen vor, wenn sie in die Staatskanzleien oder ins Kanzleramt einziehen. Nein, am Ende trifft es immer die unbequemen, aber legitimen Stimmen. Deshalb ist Anonymität ist kein Luxus und kein Spielzeug, sondern das konstituierendes Element offener Gesellschaften.

PPQ: Lassen Sie uns noch kurz über das geplante VPN-Verbot sprechen. Die EU will das Ausweichen ihrer Zugangsregeln über ausländische Server unterbinden. Wie gut stehen die Chancen, dass das klappt?

Achtelbuscher: Technisch sehr gering. Technisch versierte Nutzer werden immer Wege finden. Politisch jedoch sehr gefährlich, weil es den Überwachungsstaat massiv ausbaut. Das Rasenlatscher-Syndrom wäre überall und es würde die Gesellschaft spalten. Wissende würden auf Unwissende treffen, Interessierte würden sich trotzdem informieren, andere würde mit Informationen gefüttert werden, die für sie unkontrollierbar sind. 

PPQ: Dann sagen Sie muns abschließend noch - wo werden Deutschland und die EU in Sachen Meinungsfreiheit in zehn Jahren stehen? Eine regulierte Meinungslandschaft mit behördlich genehmigten Ansichten – oder gibt es die Hoffnung, dass es wie immer bei Ankündigungen bleibt und die große Meinungskontrolle so leise stirbt wie die Lissabon-Strategie und der Green Deal?

Achtelbuscher: Ich nehme an, wir bewegen uns weiter in Richtung einer stark regulierten, kuratierten Meinungslandschaft. Dahin gehen die Bestrebungen ja seit Jahrzehnten. Das passiert nicht mit einem großen Knall, sondern in tausend kleinen Schritte – Altersverifikation, Plattformhaftung, Desinformationsbekämpfung, VPN-Einschränkungen. Wie weit die Initiatoren dieser Bewegung wie schnell kommen, hängt nur davon ab, wie geschickt sie die Möglichkeiten nutzen, den derzeit durchaus noch zu spürenden gesellschaftlichen Widerstand auszubremsen. Bei der Vorratsdatenspeicherung ist das auch gelungen. Nach 20 Jahren steht sie jetzt vor der Tür. Ich denke, im Bereich der Meinungskontrolle hat die Politik aus Eigeninteresse dasselbe Durchhaltevermögen, weil es hier um Macht geht. 

Samstag, 4. Juli 2026

Pleite von Boston: Wer nicht er selbst ist, ist niemand mehr

Die schicksalhafte Sekunde, in der ein Land sich selbst im Spiegel erkannte: Jonathan Tahs Tor war ein Treffer, der nicht zählte. Aber auch nicht ursächlich war für die Pleite von Boston.  

Als sie anfingen, unter Jogi Löw Hacke, Spitze, Einszweidrei zu spielen, schien der Plan sehr gut zu sein. Deutschland wollte Spanien werden, eine Fußballmannschaft, die durch endloses Kombinationsspiel nicht begeisterte, aber alle auf und um den Platz so wirksam einzuschläfern vermochte, dass sie irgendwann ein Tor schießen konnte. Bis dahin war egal, wo das Tor stand. Wichtig erschien nur, den Ball endlos in den eigenen Reihen kreisen zu lassen. 

Hin und her und her und hin. Aus der deutschen Fußballhistorie, in der zumindest inoffiziell eine DDR-Nationalmannschaft vorkommt, in der mehrfach gleichzeitig vier bis sechs gelernte Liberi für Sicherheit sorgten, erwuchs eine Verantwortung, schönes Fußballspiel zu zeigen, körperlos und elegant. Ergebnisfußball war gestern. Das Heute und Morgen würden zirzensische Verführungen sein. Tikitaka mit dem Ziel, den Ball ins Tor zu tragen.

Jenseits der Legalität 

Während beim Deutschen Fußball Bund immer mit harten Bandagen gekämpft wurde, oft weit jenseits der Legalität, verwandelte sich die Nationalmannschaft von einer "Institution, die Stolz auf sich zog" (FAZ) in eine Veranstaltung, die als Deutschlands Botschafter in der Welt zu dienen hatten. 

Statt Rumpelfußball, Kampf und die berühmten deutschen Tugenden war die Truppe unter den Trainer Löw und Flick und Nagelsmann beauftragt, mit Ästhetik, Buntheit und Vielfalt zu bezaubern. 

Der letzte Auftritt, bei dem körperliche Kompaktheit, Kampfkraft und Wille gepaart wurden mit Siegeswillen, fand bei der WM in Brasilien statt. Unvergessen ist Schweinsteigers Kopfverband. 

Kramers Bewusstlosigkeit. Und ein Titelgewinn, der sich nicht dem größeren Talent oder der höheren Leistungsfähigkeit verdankte, sondern einem Bewusstsein des eigenen Vermögens. Nie mehr war danach etwas wie bis zu diesem Weltmeistertitel. 

Die Pokal im Kopf 

Wie Anfang der 90er Jahre, als der frisch gekrönte Weltmeistertrainer Franz Beckenbauer verkündet hatte, mit den nun noch hinzustoßenden Spielern aus dem Osten sei Deutschland "leider auf Jahre unschlagbar", stieg auch der Gewinn der WM 2014 allen eilig zu Kopf. 

Obwohl das Durchschnittsalter des deutschen WM-Kaders 2014 mit über 26 Jahren kaum Zweifel daran ließ, dass vier Jahre später eine andere Mannschaft würde zur Titelverteidigung schreiten müssen, konnten die zurückgetreten Miroslav Klose, Per Mertesacker und Philipp Lahm nicht ersetzt werden, schon gar nicht in einem neuen Tikitaka-System. 

Dennoch trat Joachim Löw noch zwei Jahre bei der EM später mit einer Elf an, die zur Hälfte identisch war mit der WM-Elf. Erst nach einer Phase langer Erfolglosigkeit sortierte der Bundestrainer 2019 auch die Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng aus. Nur Manuel Neuer und Toni Kroos waren aus der Final-Elf von Rio übrig. 

Rücktritt der Finalhelden 

Doch der Ersatz taugte nicht. Vor dem dem nächsten EM-Turnier ruderte Löw zurück. Thomas Müller und Mats Hummels wurden reaktiviert. Beim EM-Auftakt gegen Frankreich standen mit Neuer, Hummels, Kroos und Müller vier Finalhelden von 2014 in der Startelf. 

Das Durchschnittsalter der Stammelf zum EM lag bei fast 29 Jahre. Was sollte Löw aber tun? Von den Jüngeren drängte sich kaum jemand auf, den neuen langweiligen Spanienstil zu pflegen.

Erst nach der letztlich erneut enttäuschenden Heim-EM 2024 machten die letzten drei verbliebenen Mohikaner Schluss. Ausgeschieden gegen die originalen Spanier, zogen Toni Kroos, Thomas Müller und Manuel Neuer die Konsequenzen. Kroos zum zweiten Mal, weil er vor dem WM-Turnier in Russland als Nothelfer zurückgerufen worden war. 

Rückkehr ins Nirgendwo 

Ähnlich ging es vor der WM in den USA Manuel Neuer, der sich auf Bitten des unterdessen aussortierten Julian Nagelsmann wieder ein DFB-Trikot überzog. Der inzwischen 40-Jährige konnte das Debakel von Boston nicht verhindern. Negativ aber fiel er im Kreis der Elf mit dem im Vergleich zu 2014 deutlich höheren Durchschnittsalter von 27,7 Jahren auch nicht auf. 

Einmal mehr spielte die Geschichte einen Streich. Einmal mehr planten die Zuständigen für eine Zukunft, die niemals kam. Frankreich, so hatte es seit Monaten geheißen, müsse im Achtelfinale überstanden werden.

So weit kam es gar nicht. Der Moment, in dem  Jonathan Tah nach 102. Minuten den Siegtreffer gegen Paraguay schoss, der dann nicht zählte, war ein Augenblick der Wahrheit. Ein Land erkannte sich selbst im Spiegel. Und es erkannte sich nicht mehr wieder. 

Seit wann verlieren deutsche Nationalmannschaften Elfmeterschießen? Seit wann findet der Kapitän einer DFB-Elf keine Freiwilligen, die das Ding reinmachen wollen? Seit wann umtänzeln deutsche Fußballer den gegnerischen Kasten, als reichten 79 Prozent Ballbesitz zum Erreichen der nächsten Runde?

Ein Treffer, der zählt 

Tahs Tor war ein Treffer, der nicht zählte, aber viel zu erzählen hat. Die Ursachen für das "Erdbeben von Boston" (ntv) liegen tiefer, sie liegen zeitlich weit zurück, sie haben zu tun mit dem vergeblichen Versuch, deutschen Fußballern ihre Tugenden auszutreiben und sie anzulernen in Tugenden, die nie ihre waren. 

Das alles hat zu tun mit gesellschaftlichen Erdbeben, die wie in Zeitlupe ablaufen. Was mit dem Imitationversuch des spanischen Spiels begann, findet sich fortgesetzt im Nachwuchszuchtsystem des DFB. Obwohl das Unternehmen, spanischer zu spielen als die Spanier, erfolglos abgebrochen werden musste, fallen die Früchte der verrückten Zeit den Trainern bis heute auf die Füße. 

Nie zuvor hat der DFB so viel Geld in die Talentförderung investiert. Und nie zuvor drängten aus den edlen Talentschmieden so wenige wirkliche Spitzenkönner in die Bundesliga. 

Weniger Spieler als zu DDR-Zeiten 

Schon in den ersten Jahren nach dem Bosman-Urteil und der Aufhebung der Ausländerbeschränkung in der Saison 2006/07 stieg der Anteil ausländischer Spieler auf über 50 Prozent. Zuletzt aber waren es 60. Ein Bundestrainer hat heute nur noch die Auswahl aus etwa 230 Spielern, die er nominieren kann. Das sind 100 weniger als der Trainer der notorisch erfolglosen DDR-Nationalmannschaft zur Verfügung hatte. 

Das Problem: Während Frankreich, wo der Ausländeranteil in der 1. Liga bei über 60 Prozent liegt, für sein Nationalteam auf mehr als 100 Spieler zurückgreifen kann, die im Ausland spielen, stehen deutschen Nationaltrainer nur 40 bis 50 zur Verfügung.

Das "strukturierte Stufenmodell", mit dem der DFB "von regionalen Stützpunkten bis hin zu professionellen Nachwuchsleistungszentren (NLZ) und der zentralen DFB-Nachwuchsliga" "systematisch Spitzentalenten für den Lizenzfußball" (DFB) ausbilden wollte, funktioniert nicht. 

Es fabriziert jede Menge Schönspieler, aber keine gefürchteten Stürmer. Es sorgt für ein Überangebot an Mittelfeldregisseuren, aber nicht für Abwehrrecken Marke Brehme, Kohler oder Mertesacker. 

Das Ende der Mentalitätsmonster 

Nur 60 bis 70 Verteidiger mit deutschem Pass laufen zumindest ab und an in der Bundesliga auf. Wenn auch Julian Nagelsmann klagte, dass er für rechts hinten niemanden hat, so dass er Joshua Kimmich dort einsetzen müsse, geben ihm die Zahlen recht: Es gibt in Deutschlands erster Liga überhaupt nur noch zehn bis 15 nominelle Rechtsaußen deutscher Nationalität. 

Die Chance, mit dieser Spezialisierung Nationalspieler zu werden, ist beinahe höher als es nicht zu werden.

Aus den gefürchteten Mentalitätsmonstern, die ehemals das deutsche Trikot trugen, sind furchtsame Gesellen geworfen, die von der Angst vor dem Versagen über den Platz getrieben werden.  

Die Mannschaft spiegelt mit dieser Einstellung eine gesellschaftliche Entwicklung wider, die im Leistungsgedanken ein Rudiment des Rumpelfußballs vergangener Zeiten sieht. 

Die Fehlstelle Osten 

Aus dem Osten kommt keine Hilfe mehr: Maximilian Beier aus Brandenburg an der Havel (Brandenburg) war der einzige Kicker aus den östlichen Bundesländern in Nagelsmanns WM-Kader. Im 26-köpfigen Aufgebot war das ein prozentualer Anteil von 3,8 Prozent.

 Das liegt deutlich unter dem Prozentsatz von 16 Prozent Ostdeutscher an der Gesamtbevölkerung und weit weg von den zehn, elf  Prozent, die in der Ära von Sammer, Thom, Kirsten, Jancker, Linke und Kroos immerhin den Anschein einer gesamtdeutschen Mannschaft erweckte.

Dreieinhalb Jahrzehnte nach der deutschen Einheit ist der Osten fußballerisch totes Land, abgehängter als bei Chefposten in Behörden, der Industrie und der Politik. Der Westen aber bekämpft seine Probleme, indem er sie gezielt verschärft. Zuletzt führte der DFB "Funino" als Standard im Nachwuchs ein. 

Kleine Spielfelder, weniger Wettbewerb, mehr Inklusion. Es wird  nicht mehr auf Ergebnis gespielt, sondern aus Freude am Spiel. In der G- und F-Jugend gibt es keine klassischen  Meisterschaftsrunden mehr. Gespielt wird in Teams aus nur noch zwei oder drei Spielern. So sollen mehr Tore fallen, damit die Kinder häufiger jubeln und persönliche Erfolgserlebnisse sammeln können.

Die verlorene Seele des Spiels 

Die Seele des Spiels, das vom Gewinnenwollen lebt, hat sich damit verabschiedet. Geführt von einem SPD-Funktionär hat der DFB den größten Sportverband der Welt zumindest sportlich zu einer Galaveranstaltung für gesellschaftliche Gerechtigkeit umgebaut. Der Verein aus Frankfurt am Main ist immer noch eine nahezu reine Männerveranstaltung, er agiert aber, als sei der Sport reine Nebensache. 

In seinem Podcast "Machtwechsel" hat Robin Alexander über die Genese eines der bemerkenswertesten Momente auf dem Weg ins sportliche Abseits berichtet: In der Kabine bei der WM in Katar habe sich eine Mehrheit der Spieler dagegen ausgesprochen, gegen das Verbot des Tragens der Regenbogenbinde mit der berühmten Mundzu-Geste zu protestieren.

 Leon Goretzka habe die Stimmung dann gedreht. Leon Goretzka, der zuvor für die SPD einen Bundespräsidenten gewählt habe. Und von derselben Agentur vertreten werde, die auch Olaf Scholz' Wahlkampf organisiert habe.

Jeder Fußball soll gleich sein 

Natürlich zählt die richtige politische Einstellung der Spieler, das Zeigen von Haltung bei Hass und Hetze und das Einstehen für Vielfalt und unsere Demokratie nicht mehr als Können. Doch sie zählen eben auch. 

Dass Bastian Schweinsteiger nach einer Bemerkung über die Eigenheiten des afrikanischen Fußballs umgehend "Rassismus" vorgeworfen wurde, passt ins Bild: Ginge es nach den Schweinsteiger-Kritikern, wäre jeder Fußball gleich, überall derselbe, ohne Leistungsdruck und Siegeswillen. 

Schon der Hinweis auf verschiedene Mentalitäten und unterschiedliche Stärken rührt an das Allerheiligste, denn er leugnet die Behauptung, dass Fußball auch ohne voneinander abweichende Stile und völlig differierende Taktiken ein spannender Sport sei. 

Die Idee dahitler ist die, die das vergangene Jahrzehnt allumfassend geprägt hat. Wenn erst alle nur noch feinste filigrane Kurzpässe spielen, ermüdenden Kombinationsfußball, der die gegnerische Abwehr mit Querpässen müde spielt, wird Fußball erst so richtig schön. 

Dribbler statt Systemfußballer 

Beim DFB waren sie zwischendrin doch erschrocken. Die eigens ausgebildeten Systemfußballer versagten im Wettbewerb. Wegen des grassierenden Stürmermangels mussten Seiteneinsteiger wie Füllkrug, Kleindienst und Undav eingesetzt werden, alle auf dem zweiten Bildungsweg an den Akademien vorbei nach oben gelangt. 

Der DFB stellte die Massenproduktion von Kollektivfußballern auf Dribbler um. Bei denen stellte sich in den USA erneut heraus, dass es ihnen an Athletik und Zweikampfhärte fehlt. 

Und wozu das alles denn? Nagelsmanns Team verzichtete auf Grundliniendurchbrüche und Flanken in den Rücken der Abwehr, weil dort ohnehin kein Spieler vom Format eines Erling Haaland oder Harry Kane lauert. 

Geflankt wurde aus dem sicheren Halbfeld. Dort sind die Gefahren geringen, den Ball noch vor der Flanke zu verlieren. Gefragt ist, was weich macht und mitschwimmt. Im Spiel gegen Paraguay glich das Tempo zeitweise dem eines Altherrenspiels. Es war immer noch "Zeit", wie der Kommentator mehrfach berichtete.

Bis sie vorüber war.