Google+ PPQ: Harte Strafe für Hitlerattentäter?

Sonntag, 27. Juli 2008

Harte Strafe für Hitlerattentäter?

Seltsames geschieht in diesen Tagen, in denen ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat in Europa gefeiert wird wie der auferstandene Elvis, in denen eine ostdeutsche Physikerin mit einer Vorliebe für Pokemon-Kostüme beliebteste Kanzlerin aller Zeiten ist, in denen ein Fan des 1. FC Kaiserslautern entscheidet, wer der nächste Präsident aller Deutschen werden soll, in denen ein übergewichtiger Gewerkschaftsführer namens Sommer vor Kältetoten im deutschen Winter warnt.

Sind es die letzten Tage vor der endgültigen Abenddämmerung aller Vernunft? Sind es die ersten psychischen Auswirkungen von Starkregen und Klimawandel? Neuerdings stehen relevante Texte in Zeitungen, deren publizistisches Wirken bislang eher irrelevant war.

Die Berliner Postille Morgenpost führt ein Gespräch mit Ferdinand von Schirach, Strafverteidiger und Enkel des "Reichsjugendführers" Baldur von Schirach. Eigentlich geht um die Frage, ob man Hitler den Kopf abreißen sollte oder muss und ob der Staat, der die echten Hitlerattentäter feiert, den Mann bestrafen darf, der einem Hitler aus Wachs den Kopf abreißt. von Schirach macht daraus allerdings ein Panoramabild der Gegenwart - weshalb wir den epischen Text auszuleihen gezwungen sind.


Morgenpost Online: Herr von Schirach, wie soll die Justiz mit dem Mann umgehen, der der Hitler-Figur im Madame Tussaud Wachsfigurenkabinett den Kopf abriss?

Ferdinand von Schirach: Fast alle großen Veränderungen in unserer Gesellschaft spiegeln sich in Strafprozessen wider. So ist es auch hier. Ein Richter wird sich Gedanken darüber machen müssen, dass in unserer Gesellschaft, in der es fast keine Tabus mehr gibt, nun auch noch das letzte überschritten wurde: Hitler wird als Wachsfigur aufgestellt, als sei er ein berühmter Tennisspieler.

Morgenpost Online: Was ist so problematisch daran?

Von Schirach: Die Profanisierung. In Unterhaltungssendungen bespucken Kinder ihre Eltern und Buchhalter beschreiben ihre Gefühle, während sie sich bei laufender Kamera von einer Domina auspeitschen lassen. Die christliche Kirche ist auf die Frage reduziert, wie sie zu dem Gebrauch von Kondomen steht und im Abendprogramm kann man sich vor dem Fettabsaugen an einer Schauspielerin grausen. Auf jeder Spielkonsole schlüpft man in die Haut eines Massenmörders und in Ausstellungen werden plastifizierte Leichen präsentiert. Nur über das Dritte Reich und den Holocaust gibt es keine Witze. Es ist das letzte Ernsthafte, das letzte Tabu, das letzte Unantastbare in unserer Gesellschaft. Alle anderen Dinge wurden profan.

Morgenpost Online: Sie zeichnen ein düsteres Bild.

Von Schirach: Nein, kein düsteres, ein buntes, grelles Bild. Jedenfalls: diese letzte Grenze zu überschreiten war bisher frevelhaft. Die Sühne für diesen Frevel war der Ausschluss aus unserer Gesellschaft. Ein Politiker kann ohne seinem Ansehen wirklich zu schaden, sich in Unterhaltungssendungen bis auf die Knochen blamieren oder mit hilflosen Tanzschrittchen im Fernsehen zum Narren werden. Die größten Peinlichkeiten sind gleichgültig geworden, nichts ist noch ernst zu nehmen, die Vorbilder der Gesellschaft sind jetzt Friseure und Köche, alles ist ein riesiger bunter Hubba-Bubba-Kaugummi. Aber die winzigste Überschreitung dieses letzten Tabus machte jeden sofort zu einer persona non grata, beendete blitzartig und unwiderruflich jede Karriere und gesellschaftliche Anerkennung. Die Ausstellung des Wachs-Hitlers ist der Beginn der Auflösung dieses gesellschaftlichen Konsenses.

Morgenpost Online: Sie beschreiben den Täter als jemanden, der sich am Ende einer allgemeinen Infantilisierung über den letzten Tabubruch erregt.

Von Schirach: Ich würde nicht von einer Infantilisierung sprechen. Noch nie war die Gesellschaft so differenziert, noch nie gab es so viele unterschiedliche Lebensmöglichkeiten, noch nie war das Leben der Menschen so frei und so interessant. Ich glaube, dass es auch noch nie eine Gesellschaft gab, die so leistungsfähig und kreativ war – denken Sie nur an die Erfindung des Internets. Nein, der Punkt ist, dass es heute keine Dinge mehr von Ernsthaftigkeit gibt. Das ist etwas anderes. Das letzte Ernsthafte ist unsere Beschäftigung mit dem Dritten Reich.

Morgenpost Online: Das ist aus guten Gründen in Deutschland so. Haben wir hier etwa Nachholbedarf?

Von Schirach: Nachholbedarf an Geschmacklosigkeiten? Es ist eher so, dass wir ziemlich hilflos einer nicht aufzuhaltenden Entwicklung gegenüberstehen. Als man sich bei Madame Tussaud entschloss, einen Wachs-Hitler neben einen Wachs-Einstein und einen Wachs-Olli-Kahn zu stellen, war man sich der Werbewirkung natürlich bewusst. Der Wachs-Hitler war ein Garant für den kommerziellen Erfolg. Vielleicht konnte man sich in der Firmenleitung aber nicht vorstellen, was dieser Tabubruch für die Deutschen bedeutet. Zwar verbot man, dass sich der Besucher neben dem Führer fürs Poesiealbum ablichten lassen durfte – was bei den anderen 75 Figuren nicht der Fall ist –, aber man konnte den Wachs-Hitler mit wohligem Gruseln ganz genau ansehen, ihm nah sein, Auge in Auge vor seinem Schreibtisch im Führerbunker, ein perfektes Propagandabild, wie es Hitler wohl selbst gebilligt hätte. Und das ganz ohne irgendeinen kritischen Hinweis – das eben ist der Tabubruch, das der Frevel: der profane Propaganda-Wachs-Hitler neben Wachs-Boris-Becker. Unser Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl wehrt sich nicht umsonst mit juristischen Mitteln dagegen, in der Nähe des Wachs Hitlers ausgestellt zu werden.

Morgenpost Online: Und die Reaktion auf diesen Tabubruch war das Attentat?

Von Schirach: Ja, der Attentäter reagierte, wie zu allen Zeiten auf einem Tabubruch reagiert wurde. Der Attentäter heilt den Frevel, indem er Hitler den Kopf abreißt. Er kann den Tabubruch nicht ertragen, schon gar nicht in der Nähe der Wilhelmstrasse, nicht neben dem Holocaust-Denkmal. Die gewünschte unabänderliche Ordnung der Dinge muss wiederhergestellt werden. Und das geht nur durch das Attentat.

Morgenpost Online: Überhöhen Sie den Täter nicht ein wenig? Es soll sich um eine Wette nach durchzechter Nacht gehandelt haben ...

Von Schirach: Darauf kommt es nicht an, denn der Gegenstand der Wette, wenn es eine solche überhaupt gab, war eben nicht der wächserne Marx oder Wowereit. Anders wäre es nur, wenn es sich um einen Pennälerstreich handeln würde – aber dagegen spricht alles, was man von dem Täter lesen konnte. Der Beschuldigte war nur der Vollstrecker der Empfindung des größten Teils der Bevölkerung: das Dritte Reich, Hitler und der Holocaust dürfen nicht profanisiert werden.

Morgenpost Online: Trifft die Schuld Madame Tussaud?

Von Schirach: Aber nein, allenfalls eine Mitschuld. Der Tabubruch Madame Tussauds ist natürlich zulässig, auch wenn wir damit Probleme haben. In einer pluralistischen Gesellschaft dürfen auch die Schrecken des Nationalsozialismus kommerzialisiert werden. Denken Sie nur an die erfolgreiche Guido-Knoppisierung des Dritten Reichs in den letzten Jahren im ZDF. Kommerzialisierung bedeutet aber auch, dass weniger Durchdachtes den Weg ins Publikum findet. Umso umfangreicher die Kommerzialisierung wird, umso profaner wird der Gegenstand. Das mag man bedauern, gutheißen oder verabscheuen- jedenfalls ist die Entwicklung unumkehrbar.

Morgenpost Online: Wie meinen Sie das?

Von Schirach: Entwicklungen in der Kunst, der Wissenschaft oder eben auch der Gesellschaft lassen sich nicht zurückdrehen. Nach Beuys kann man auch nicht mehr wie Rembrandt malen. Der Wachs-Hitler Madame Tussauds ist nur zufällig der erste Schritt, es hätte auch etwas anderes sein können, ein Comic oder eine Talentshow. Irgendwann wird es einen kleinen Hitler als Figur bei McDonalds, im Überraschungsei und im Souvenirshop geben. In Australien gab es schon eine Pizzawerbung mit Hitler. Das Wesen der Entwicklung der pluralistischen Gesellschaft ist die völlige Enttabuisierung aller Fragen. Ob man das will oder nicht, spielt keine Rolle. Der Wachs-Hitler Madame Tussauds ist daher keine Entgleisung, er ist eine Entwicklung.
Morgenpost Online: Was bedeutet das für diesen Fall?
Von Schirach: Das bedeutet, dass das Recht nicht auf der Seite des Beschuldigten steht, sondern auf der Seite Madame Tussauds. Die Handlung des ,Attentäters' ist nicht gerechtfertigt, ihm steht kein erkennbarer Rechtfertigungsgrund zur Seite. Aber ich meine, dass die Tat - zumindest in weiten Teilen - zu entschuldigen ist. Schuld ist die persönliche Vorwerfbarkeit einer Tat.

Morgenpost Online: Sie würden ihn freisprechen?

Von Schirach: Dem ,Attentäter' die Sühne des vermeintlichen Frevels vorzuwerfen, würde bei ihm die Erkenntnis voraussetzen, dass in einer pluralistische Gesellschaft die Profanisierung Hitlers erlaubt ist. Das ist, nach allem, was man über den Täter lesen konnte, doch zu bezweifeln. Das gilt umso mehr, als seine Tat ganz am Anfang der Auflösung des Tabus steht.

Morgenpost Online: Wie soll die Justiz also reagieren?

Von Schirach: Das muss natürlich sein Richter entscheiden. Wenn er ihn nicht freisprechen kann, reicht, soweit sich das überhaupt aus der Ferne sagen lässt, sicherlich eine Verwarnung mit Strafvorbehalt aus.

Morgenpost Online: Also eine Geldstrafe?

Von Schirach: ...Der Schaden, der Madame Tussaud entstanden ist, dürfte, wenn überhaupt vorhanden, nur gering sein. Die kostenlose Werbung durch das Attentat ist unbezahlbar und die Gussform des Wachs-Hitlers sicherlich archiviert. Aber es gibt auch eine bessere Alternative zu dem Strafverfahren: Madame Tussaud könnte den ‚Attentäter' ausstellen, wie er über den Schreibtisch springt und Hitler den Kopf abreißt. Dessen Einwilligung in seine Abbildung wäre eine vernünftige Wiedergutmachung und so ein Ensemble würde mir viel besser gefallen, als die wächserne Propagandafigur. Das ‚Attentat' in Wachs wäre nicht nur eine großartige Werbung für Madame Tussaud, es wäre auch für jeden Besucher Anstoß einer durchaus interessanten und offenen Diskussion.

Morgenpost online: Ihr Großvater war der Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Sehnen Sie sich nach der von Ihnen beschriebenen Profanisierung, um nicht ständig auf ihren Großvater angesprochen zu werden?

Von Schirach: Um Gottes Willen, ich sehne mich nicht nach Profanisierungen. Ich kann nichts mit der schrillen Welt der Talkshows anfangen und diese Ausstellung finde ich über alle Massen scheußlich. Es ist aber eine Entwicklung der Gesellschaft, die zu konstatieren ist und die die merkwürdige Tat erklärt. Und wenn es am Kiosk einmal Abziehbildchen meines Großvaters geben sollte, würde mich das schon ziemlich irritieren. Im Übrigen glaube ich nicht, dass sich trotz aller Profanisierung bei mir persönlich viel ändern dürfte - da hätte ich wohl einen anderen Beruf wählen müssen. Vor kurzem habe ich in Berlin eine Wohnung gesucht. Eine der Wohnungen bekam ich nicht mit der Begründung, es seien im Haus keine ‚Nazi-Enkel' geduldet. Aber auch eine andere Wohnung konnte ich nicht mieten: mir wurde erklärt, ich hätte Schabowski im Politbüroprozess verteidigt und ‚so etwas' wolle man nicht als Mieter. Sie sehen, die Wirklichkeit ist ziemlich profan.

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