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Freitag, 13. März 2009

Mediales Muster Mannichl

Wenigstens hat man was zu reden. War die Amokwarnung echt? War sie falsch? War sie gefälscht? Schrieb er sie selbst? Am Computer zu Hause? Oder an einem "Mobilrechner" (n-tv), von dem die Polizei nach drei Tagen noch nicht fertigfahnden konnte, ob er einen besaß oder nicht und wo er ist, wenn es ihn gab.

Es gibt nichts mehr zu sagen zum Amoklauf von Winnenden. Hier und da die erwartete Forderung von Schäuble, dass er für härtere Gesetze sei. Da und dort eine Mahnung der notorisch um Aufmerksamkeit bettelnden CSU, man möge Videospiele, Handfeuerwaffen, Computer, das Internet, Schulen und 17-Jährige verbieten. Mehr folgt nicht aus dem Trauma, und umso glücklicher sind die Medienschaffenden vom Spiegelbau bis zum Focushaus, dass wenigstens die Polizei für Unterhaltung sorgt.

Zwei Tage noch wird untersucht, wie falsch die Amokankündigung war. Zwei Tage, in denen Zeit zum Nachdenken darüber bleibt, was das eine oder das andere ändern würde: Eine echte Amokankündigung, die nicht als solche erkannt wurde, wäre was? Anlaß für ein Ermittlungsverfahren gegen ihre Leser? Anlaß für eine Forderung nach einem Verbot von Amokankündigungen? Auch auf ausländischen Internetservern?

Und eine gefälschte Amokankündigung, gezielt platziert, um die essbrechsüchtigen Nachrichtenagenturen, Fernsehsender und Zeitungsredaktionen vorzuführen, müsste wozu herhalten? Zu einer Diskussion um mediale Verantwortung? Eine Debatte über das außer Rand und Band geratene Verhältnis von Geschwindigkeit der Nachrichtenübermittlung und Gehalt der übermittelten Nachrichten?

Kaum, denn so wie der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech, eben noch Urheber der Falschmeldung, plötzlich das anonyme Internet zum Verursacher der "Panne" (dpa) erklärt, so wird kein Medium deutschlandweit einräumen, dass es im Fall Winnenden nach demselben Muster versagt hat, das schon in Mügeln, Mittweida und zuletzt beim Mordanschlag auf den Passauer Polizeipräsidenten Alois Mannichl zu Meldungen führte, die von Fakten nicht gedeckt waren.

Biometrische Schlösser vor Tresoren könnten die Lösung sein. Biometrische Schlösser vor Waffentresoren, das zumindest will Schäubles Staatssekretär August Hanning dem längst amokmüden Publikum weißmachen, könnten künftig verhindern, dass Söhne von Waffenbesitzern an die Pistolen ihrer Väter herankämen. Christian Pfeiffer, notorischer Schwatzbeutel in allen Amokfällen, ist da nicht weit. Wozu eigentlich brauche, fragt der schwer scheinwerfersüchtige Kriminologe, ein Vater 17 Schußwaffen? Wo doch, wie sich herausgestellt hat, dem Sohn eine einzige genügt hätte?

Saarlands Ministerpräsident Peter Müller will vorsichtshalber trotzdem den Datenschutz abschaffen, um Jugendliche, die nicht im geringsten auffällig sind, per Rasterfahndung vor möglichen Gewalttaten ausfindig zu machen. Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz warnte lieber einfach vor einer hysterischen Debatte, stellt sich also quasi auf die Metaebene und ruft. "Wenn ich höre, wie sich die Forderungen nur Stunden nach der Tat überschlagen, ist das doch völlig gaga".

Der Berufsverband Deutscher Nervenärzte forderte eine bessere Hilfe für Kinder mit psychischen Krankheiten, sollte allerdings Politiker mit notorischem Aufmerksamkeitsmangelsyndrom nicht vergessen. Auch diese Bedauernswerten brauchen Hilfe, auch ihre Krankheit darf nicht als sozialer Makel betrachtet werden. n-tv hat "Softball-Waffen" im Keller des Täters ausgemacht. Eine Gruppe von Bildhauern, Zahnärzten und Kommissionsmitgliedern in Hohenmölsen fordert in einer Pressemitteilung die Einführung einer bundesweiten pränatalen Amok-Präventionsuntersuchung per Ultraschall. Die Ermittler fahnden derweil in den USA, um Zugriff auf den Chatserver zu bekommen, auf dem die Amokankündigung stand oder auch nicht. Ziel der Ermittlungen sei es, hieß es aus der Sonderkommission. Nein, hieß es nicht. Es hat ja niemand nach einem Ziel gefragt, nur nach neuen Schlagzeilen.

1 Kommentar:

panzerbummi hat gesagt…

Marginalien:
1.) Dass es viele Medien schafften, in engem und doch offenbar unerkanntem Konnex (mit einem variablen Experten für Irgendetwas) auf der einen Seite zu fordern, präventiv auf verhaltensauffällige Schüler zu reagieren, auf der anderen Seite aber ein "Tim K. war ein unauffälliger Schüler" zu behaupten, bringt m.E. die ganze Diskussion schön auf den Punkt.
2.) Kann oder will denn eigentlich niemand mehr zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden?
3.) Die einzigen Fachleute fürs unhintergehbare Böse - der Papst und alle katholischen Theologen - hat mal wieder keiner gefragt. Doch gerade deren Fatalismus hätte mir zumindest das andere Gegacker eine Winzigkeit erträglicher gemacht.