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Samstag, 26. März 2011

Doku Deutschland: Das Langsame als Geschwindigkeit

Mein erstes Auto war genau so eins, wie es hier steht. Ford T-Modell, in schwarz. Natürlich in schwarz, denn der alte Henry Ford hatte ja gesagt: „Sie können ihn in jeder Farbe haben, sofern sie schwarz ist.“ Hat er nicht, ich weiß, aber die Geschichte ist doch gut. Ich war sieben oder acht, als ich Autofahren gelernt habe. Von meinem Großvater, der aus Deutschland weggegangen war kurz vor der Jahrhundertwende. Wollte der in die Kneipe, brauchte er einen, der ihn zurückfuhr. Wir lebten ja draußen auf dem Lande, da wäre man drei, vier Stunden unterwegs gewesen, zu Fuß zurück auf den Bauernhof. Der Alte hat dann zu mir gesagt, willste fahren, einfach so. Fahrschule und so was, das gab es alle noch nicht. Fragen Sie mal einen Siebenjährigen, ob er Autofahren will, mit einem richtigen Auto, meine ich, am Steuer und mit allem. Mit sieben sitzen die Kinder doch heute noch im Kindersitz.

Für mich war damals klar, dass ich fahren will. Das Problem ist nur gewesen, dass ich entweder an das Gaspedal rankam, oder über den Lenker gucken konnte. Das ist für einen Autofahrer eine schwere Entscheidung: Gas geben oder etwas sehen? Mein Großvater, Wilhelm hieß der und Willi haben sie ihn alle genannt, saß auf dem Beifahrersitz und hat seine Pfeife gestopft. Der war bedüttelt und hat nur gegrinst.

Ich bin dann im Stehen gefahren, kein Witz. Diese alten Autos hatten noch nicht so ergonomisches Mätzchen, dass das Gaspedal schräg vorn lag. Das ist eher, können Sie sich angucken, gern, gucken Sie hier, das ist hier vorn, aber eigentlich halb unten. Stellt man sich hin, muss man nur das Bein ein wenig nach vorn stellen und den Hintern rausdrücken, so hier. Dann fahren Sie im Stehen wunderbar, Sie spüren sogar den Fahrtwind, obwohl die Maschinchen ja nur 30 km/h zustande bringen.

Man kann sich so was heute sicher nur noch schwer vorstellen. Autos gibt es seit mehr als hundert Jahren, wenn ich mich nicht irre. Sie haben also auf der ganzen Welt keinen mehr, der kein Autos kennt, ein paar Buschmänner vielleicht mal abgezogen, aber das spielt ja keinen Geigenkasten. Als wir Kinder waren, war das anders. Wir sind rausgelaufen, wenn so ein Ding vorbeischnaufte, das war die Sensation des Tages, was sage ich, der Woche! Ich glaube, wir haben den Karren nur nicht hinterhergewunken, weil wir auch schon sein wollten, was die Kiddies heute cool nennen.

Cool war, als ich dann fahren durfte. Wie gesagt, kein Führerschein, woher auch. Es gab keine Fahrschulen, der Polizei war das auch egal. Mit 18 habe ich angefangen, als Erntehelfer zu arbeiten, nebenbei, ich war Student damals. Drei Jahre habe ich gebraucht, dann hatte ich das Geld für meinen ersten Ford zusammen. Auch ein T-Modell, so, wie er da steht. 150 Dollar habe ich bezahlt, das war viel Geld seinerzeit, sehr viel Geld. Ich fand es aber trotzdem gut angelegt. Die Thin Lizzys waren zuverlässig, wenn was nicht funktionierte, hat man das meist mit einem Hammer und einem Schraubenzieher hingebogen gekriegt.

Ich hatte später jede Menge anderer Autos. Aber zu meinem 90. haben die Enkel mir dann wieder einen geschenkt, den hier hinten, ja, der rote. Ich fahre gern mit dem, es ist so ein rumpelndes Gleiten, würde ich sagen, nicht dieses schnittige, scharfe Vorüberzischen wie in den Autos von heute. Man spürt den Fahrtwind, man entdeckt das Langsame als Geschwindigkeit und das Sitzen hinter dem Steuer als Privileg des Alters. Der Geruch von der Pfeife meines Großvaters, der fehlt mir allerdings. Aber man kann nicht alles haben. Die Hauptsache ist ja, man hat noch Wünsche.

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