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Freitag, 29. Juli 2011

Vom Verschwinden der Wirklichkeit

So lange noch nichts gerettet war, musste geredet werden. Geredet, geredet und immer mehr geredet. Die Ratingagenturen waren schuld, dass eine Rettung unmöglich schien, die Franzosen waren schuld, dass das niemand glaubte. Angela Merkel musste handeln, konnte aber nicht. Monate und Wochen war Griechenland das wichtigste Thema, knapp verfolgt von "Portugal", "Spanien", "Irland" und "Italien". Wer nichts wusste über die Auswallwahrscheinlichkeit von Staatsanleihen und die Verteilung der Gläubiger über den Globus, wusste nichts über das, was wichtig ist.

Oder besser gesagt: Wichtig war. Denn kaum hatten sich Nikolas Sarkozy und die frühere Klimakanzlerin Angela Merkel zu einem Abendessen zusammengesetzt und beschlossen, dass ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro zu peinlich für Europa wäre, als dass man es akzeptieren könne, war das Megathema der letzten zwölf Monate auch schon vom Tisch. Ein Rettungspaket wurde "geschnürt" (dpa), diesmal groß genug, nicht nur die Schuldner, sondern auch die Gläubiger zu retten. Wo es brennt, werden die Flammen jetzt mit Bergen aus Papiergeld gelöscht.

Es ist wie in dem alten Witz, in dem ein Mann in ein Hotel aus Korfu kommt und sich ein Zimmer anschauen möchte. Dafür muss er dem Hotelier 100 Euro Kaution hinterlassen. Als der Gast im Zimmer verschwindet, nimmt der Hotelier die 100 Euro und läuft zum Fleischer, dem er noch 100 Euro schuldet. Der freut sich, geht zum Bauern, gibt dem 100 Euro, die er ihm schuldet. Der Bauer bezahlt damit eine Prostituierte, bei der er noch mit 100 Euro in der Kreide stand. Die Dame hat es nun eilig, schnell rennt sie zum Hotel, um die 100 Euro für das Zimmer zu bezahlen, die sie dem Besitzer noch schuldet. Kaum liegt das Geld auf dem Tisch, erscheint der Gast wieder. Das Zimmer hat ihm nicht gefallen. Er nimmt seine 100 Euro und verlässt den Ort, in dem nun niemand mehr Schulden hat.

Ein Zaubertrick im Kleinen, Politik im Großen. Griechenlands größte Retter sind zugleich die, die am meisten von Griechenlands Kreditfähigkeit abhängen. Würde Athen Pleite anmelden, stände die Europäische Zentralbank, die ihren Bestand an griechischen Anleihen mangels anderer Käufer bis heute auf das 60-fache ihres Eigenkapitals ausgebaut hat, nackt da. Nicht Griechenland müsste dann gerettet werden, sondern die EZB.

Das ist einfach zu verstehen, spielt aber keine Rolle. denn im großen Drehbuch der Medienrealität spielt Griechenland keine Rolle mehr. Nach dem ersten Gesetz der Mediendynamik passt die Welt bekanntlich in keinen Schuhkarton, unweigerlich aber in 15 Minuten Tagesschau. Deshalb musste es so kommen: 24 Stunden nach erfolgter Rettung auf Kosten der Steuerzahler überwiegend in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und ein paar kleineren Partnern versuchte der wahnsinnige Norweger Anders Breivik, die Welt auf seine Weise zu verändern. Schlagartig verschwanden die nun diskutablen Kosten und die nicht nur der deutschen Verfassung widersprechenden Umstände der Euro-Rettung vom Schirm wie zuvor schon Street View, Wikileaks, das Höllenbenzin E10, die Atomkatastrophe von Fukushima, die Nato-Bombardements in Libyen und der Volksaufstand in Nordafrika.

Die Wirklichkeit verschwindet hinter dem Grauen einer Tat, die ebenso grausam ist wie für den Lauf der Welt bedeutungslos. Nicht gewählte Politiker, die eidbrüchig gegen die Verfassung handeln, auf die sie geschworen haben, sondern "rechte Autonome" verkörpern die Lebensgefahr, in der Deutschland schwebt. Zwar hatte die rechter Sympathien unverdächtige "Zeit" erst vor drei Wochen mittels des aktuellen Verfassungsschutzberichtes herausgefunden, dass "sowohl die Zahl der Personen, die den jeweiligen Extremistenspektren zugerechnet werden, als auch die Zahl der von ihnen verübten Straftaten" gesunken seien. Doch schlimmer als Rechte, die demonstrieren, das weiß man jetzt, sind "Rechte", die es nicht tun: Innenminister Hans-Peter Friedrich warnt deshalb vor allem vor Extremisten, "die sich im Verborgenen radikalisieren".

Die im Dunkeln sieht man nicht, das ist günstig, denn unsichtbare Gefahren scheinen dem Menschen stets am bedrohlichsten, mit der Unwägbarkeit steigt die Gefahr und mit der Gefahr die Bereitschaft, sich schützen zu lassen. Auf dem Rücken der Opfer von Utoya entsteht so weiteres Stück der Wunschrepublik von Merkel, Friedrich, Steinmeier, Nahles und Co.: Ein Land, dessen Bürger nicht nur jede Diagnose eine Quacksalbers glauben. Sondern auch wild darauf sind, seine Medizin zu schlucken.

Wissenschaftlich erwiesen: Emp - die erste Einheit für mediale Empörung

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