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Montag, 17. September 2018

Neosozialismus: Mausetot und quicklebendig

Die Sehnsucht nach einer sozialen Ordnung und innerer Gerechtigkeit für jedermann ist tief in der Gesellschaft verankert. Sie bestimmt sogar die Grenzen dessen, was denkbar und sagbar ist. Im Interview über den US-amerikanischen Propagandisten Walter Lippmann ("Die Welt, mit der wir es in politischer Hinsicht zu tun haben, liegt in Griffweite") geht der Migrationssoziologe und Bewegungsforscher Heiko Hassknecht näher auf die Verbindung Lippmanns zum Neosozialismus Wagenknechtscher Prägung und zeigt, welche demokratieverachtende Denkweise hinter dem neosozialistischen Projekt zu finden ist.

Hassknecht ist Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte an der Hochschule Vividrina, er ist zudem Kommunikationstrainer und im Nebenberuf Experte für Populismus. Seine Veröffentlichungen „Jenseits der Mehrheit – wie wir lernen müssen, allein zu regieren“ und "Merkel – Lichtgestalt in dunkler Zeit“ (Brandenburg-Verlag, 2009) wurden von Kritikern ebenso gefeiert wie sein "Kleines Populismuslexikon: Von Aussteiger bis Zonentussy - Anleitung zur Volksverführung" (Eastend Verlag 2017). Zusammen mit der Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech hat Hassknecht sich früh als Kritiker einer Rekonstruktion des klassischen Staatssozialismus geoutet, den Neugründer wie Nahles, Kühnert oder Wagenknecht anstreben.

PPQ hat mit dem 37-jährigen gebürtigen ostdeutschen  Westsachsen über das Bedrohungspotential der neuen linken Flaschensammlungsbewegung "Aufheben" gesprochen.

PPQ: Herr Hassknecht, werden Walter Lippmanns Erkenntnisse in Sachen Manipulation und Propaganda bei der Ausrichtung des Neosozialismus gebraucht?

Hassknecht: Selbstverständlich. Walter Lippmann ist ein Experte für Propaganda, aber kaum jemand hat ihn gelesen. Auf der anderen Seite kennt man Lippmann in der Geschichte des Neosozailismus, die eben geschrieben wird, als Kronzeuge der These, dass damals alles nicht so schlimm war, es sei nur falsch gemacht gewesen. Hier wird auf Parallelen von Andrea Nahles Erfindung der „Guten Gesellschaft“ mit der Good Society des neoliberalen Denker Walter Lippmann verwiesen, um falsche Tatsachen über den Ursprung der Idee vorzuspiegeln. Das ist aber absolute, glasklare Propaganda.

PPQ: Bevor wir näher darauf eingehen: Können Sie unseren Lesern kurz erklären, woher der Begriff Neosozialismus überhaupt kommt?

Hassknecht: Der Begriff lehnt sich an den zeitweise recht erfolgreichen Versuch an, den Liberalismus, eine mausetote Denkschule, als Neoliberalismus wiederzubeleben. Man hat da lange nach einem Begriff gesucht und ist schließlich auf keinen besseren gekommen. Alternativen waren "Marktsozialismus" und "sozialer Linksliberalismus", doch beide schienen am Ende nicht geeignet, die bedeutungsschwere Wucht zu erlangen, die der Neosozialismus als Ankündigung der Absicht hat, jetzt nochmal, aber alles richtig zu machen.


PPQ: Gibt es also einen Zusammenhang von Neosozialismus und Propaganda?

Hassknecht: Das neosozialistische Projekt, das wir dieser Tage erleben, ist von Anfang an als Propagandaunternehmen konzipiert. Neue Ideen kann es nicht geben, es soll nur der Eindruck erweckt werden, sie seien da und in der Lage, den drohenden Gang "in die Knechtschaft" abzuwenden. Wagenknecht etwa will einen völligen Neustart, dazu muss die Gesellschaft von Grund auf neu gedacht werden. Ihr Ziel ist hochgesteckt: Sie will den Sozialismus als dominantes, wenn nicht absolutes Prinzip sozialer Organisation, aber auch als moralisches System weltweit verankern. Sie weiß, dass das zwei bis drei Generationen dauern kann, will aber jetzt den Grundstein legen.


PPQ: Was haben denn ihre oder Lafontaines Vorstellungen von Beeinflussung der Masse mit denen von Klassikern der Propaganda zu tun?

Hassknecht: Lafontaine glaubt wie diese schon immer an das Konzept einer "Elite", die "die Masse" führen muss. Er weiß auch, dass grundlegende Ideen bleiben, was sie sind, ist sich aber bewusst, dass man ihre Darstellung verändern kann, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Wie Wagenknecht glaubt er an die Avantgarde, also eine kleine Gruppe, die wie damals die Gruppe Ulbricht, wie Jesus´Jünger oder Castros Truppe vorangeht und der Rest dann folgt.


PPQ: Wie sieht Wagenknechts Theorie der Propaganda denn aus?

Hassknecht: Vereinfacht: Erstens wird die Gesellschaft langfristig von Ideen gelenkt, die kluge Köpfe formuliert haben - als Beispiel erwähnt sie Karl Marx und Lenin. Solche Personen gelten als Vorbild, nicht ihrem Leben nach, aber der Unangreifbarkeit ihrer Gedanken. Was sie sagen oder besser geschrieben haben, bestätigt nach Belieben, was die Personen, die sich heute auf sie berufen, ausgebrütet haben. Deren "Klasse" besteht aus hauptsächlich aus Gebildeten, also Lehrern, Geistlichen und Volksbildnern, Schriftstellern und Radiosprechern, Künstlern und Schauspielern, vielen Wissenschaftlern und Ärzten. Diese Intellektuellen sind die Avantgarde, von der Wagenknecht die Verbreitung der Ideen der großen Meister verlangt. Damit das geschehen kann, müssen die Betreffenden, denen es ja nicht schlecht geht, im Sinne der Lehre "bekehrt" werden. Das bedeutet nicht weniger als dass das man versuchen muss, alles, was diese Menschen über die Welt und deren Funktionieren wissen, auszuradieren und an dessen Stelle den Dienst an einer guten Sache zu setzen, die eines Tages obsiegen wird.

PPQ: Die Intellektuellen sind also die Avantgarde, über die der Neosozialismus in die moderne Gesellschaft zurückkehrt.

Hassknecht: Genau das beschreibt die "Bekehrung" und den Weg der Ideen in die Gesellschaft. Auf diese Weise kann die ganze Gesellschaft kippen: "Das geistige Klima einer Periode wird von einigen wenigen Grundbegriffen und allgemeinen Vorstellungen bestimmt, die das Urteil der Intellektuellen leiten". Langfristig formt sich so ein kollektives Unbewusstes, dem es Gewissheit ist, dass wir in einer neoliberalen, turbokapitalistischen Welt leben, die immer ungerechter wird und in der immer mehr Menschen Flaschen sammeln gehen müssen. Die Macht abstrakter Gedanken beruht ja eben in hohem Maße auf eben der Tatsache, dass sie sich von Tatsachen fernhalten und dennoch geglaubt werden können. In diesem Sinne ist es nur logisch, eine antikapitalistische Gesellschaft auf der Idee zu gründen, gegen das Flaschensammeln, das viele als "Trittin-Rente" kennen, zu polemisieren.

PPQ: Das ist dann eine Pseudoumwelt, an der man sich abarbeitet?

Hassknecht: Das sind alle politischen Welten. Der Neosozialist bedient sich der neoliberaleren Theorie über gesellschaftliche Manipulation. Das bildet die Voraussetzung für sein Manipulationskonzept, das über nur marktwirtschaftlich überhaupt in die Welt gekommene Instrumente wie Internetseiten verbreitet wird. Neosozialistenwissen um die schier unfassbaren Möglichkeiten zur Beeinflussung der Massen und weil sich sich im Dienst der guten Sache wähnen, ficht sie kein Zweifel an.

PPQ: Was bedeutet es denn für eine Gesellschaft, wenn eine Gruppe über so eine weitreichende Macht verfügt, dass sie in der Lage ist, durch gezielte Propaganda selbst Intellektuelle zu manipulieren?

Hassknecht: Herkömmliche Propagandakonzepte können ebenso zur Erklärung der Wirkung der Propaganda von Unternehmen wie Aufstehen herangezogen werden wie bei rechten Bewegungen. Immer sind es glasklare Interessenprojekte. Man würde man den Neosozialisten auf den Leim gehen, würden man ihnen abnehmen, dass es nicht so ist.

PPQ: Wie meinen Sie das?

Hassknecht: Eine sehr gute Frage! Das ist alles ungemein komplex und bruchstückhaft, manches weiß man, vieles müsste noch erforscht werden. Von anderem weiß man nicht einmal, was erforscht werden sollte. Stalin hat im Namen des Sozialismus gemordet, aber der Neosozialismus kam später, er kann also mit Fug und Unrecht behauten, dafür nicht verantwortlich zu sein. Aber dann sind viele Denkschulen für kaum eine Entwicklung in der Geschichte verantwortlich, denn die entspringen stets nur einer kleinen Gruppe von Menschen - denken wir an das Christentum, an den Protestantismus, an die Aufklärung, an die Arbeiter- und die Gewerkschaftsbewegung oder an die ökologische Bewegung. Kurz gesagt: Ich weiß es nicht.


PPQ: Und was tun wir nun?

Hassknecht: Das ist völlig offen. Geschichte hat immer auch zufällige Züge und der Verlauf der Geschichte ist in jedem Zeitpunkt nach vorn unbestimmt. Man kann als mit ein paar wenigen Menschen den Gang der Geschichte ändern, aber man kann auch daran scheitern. In Erinnerung bleiben nicht diese Momente, sondern die, in denen es gelingt. Dass sich der Sozialismus jetzt selbstbewusst ein Neu gibt und neu angreifen will, das ist auch ein zufälliger Prozess und stellt keine Bestätigung dar, dass es so sein muss. Aber es kann. Durchaus. Ja. Da muss man kein Prophet sein.



1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Walter Lippmann
Der Name riecht nach Knoblauch.
Hep, hep.
D.a.a.T.