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Freitag, 3. Mai 2019

Greta Thunberg: Wie das Klima gerettet wurde

Die junge Schwedin Greta Thunberg in ihrer größten Rolle: In der Verfilmung der Autobiografie "Szenen aus dem Herzen" soll sie von Arya Stark gespielt werden.

Sie war das kleine Mädchen in der großen  Rolle des Menschen, der den Klimawandel in Gang bracht. Greta Thunberg tat nichts, sogar im Wortsinne: Die junge Schwedin ging regelmäßig nicht mehr zur Schule, um die Erwachsenengeneration durch diesen geplanten Akt der Selbstverletzung dazu zu bewegen, das Weltklima zu retten. Was anfangs aussah wie die Tat eines egozentrischen Kindes, das unter einer schweren emotionalen Störung litt, entpuppte sich bald als Initialzündung für eine weltweite Klimawende: Die Bundesregierung schwenke auf einen harten Klimaschutzkurs um, global ein Signal, dem bald alle anderen Staaten folgen werden.

Mit einem parallelen Ausstieg aus der Kernenergie, der Braunkohle, der Individualmobilität, Plastiktüten- und Strohhalmverbot, Fernreisen und Kurzstreckenflüge, Klimaanlagen und Kleidungsimporte sind erste Maßnahmen angekündigt. Doch das reicht nicht noch nicht. Der Hebel scheint zu klein, den Deutschland mit seinem einen Prozent der Weltbevölkerung drücken kann, um das Schicksal der Erde, die wir nur von unseren Enkeln geborgt haben, zu einem Besseren zu wenden. Die große Aufgabe, das Ziel des Überlebens der Gattung, das nur durch deutsche Anstrengungen erreicht werden kann, steht über der zimperlichen, zögerlichen Ökooernamentik, mit der die Deutschen sich seit Jahren das gute Gefühl zu verschaffen suchen, wenigstens die Besten unter den Schlechten zu sein.

 Die Sehnsucht nach einer zupackenden Ökodiktatur, in der nicht mehr jeder macht, "wie er will" (ARD-Framingmanual), sie hat die Nation ergriffen. Man träumt von mehr Verboten, von strengeren Regeln von Aufforstung und einem Menschen, der unter seinen Verhältnissen zu leben bereit ist. "Deshalb brauchen wir jemanden, der uns auf die Finger haut", heißt es in den Gazetten, die die Sehnsucht nach einem guten Gott ein, der auch mal straft. Klimaschutz braucht eine Ökodiktatur, einen gesetzlichen Druck, dem sich alles unterordnen muss. "Man muss ihn wollen. Man muss ihn fördern. Und notfalls erzwingen", verteidigen die Medien ein Klimaschutzgesetz, das Klimasündern mit Strafzahlungen droht, wenn Minderungsziele nicht eingehalten werden.

Am Anfang aber stand jene Greta mit den völkischen Zöpfen, deren Lebensgeschichte jetzt als eine Art Passionsspiel vom russischen Autoren Pawel Ostrowski in seinem Buch "Wie das Klima gerettet wurde" erzählt wird. Die 16-jährige Greta hat mit ihrem Einsatz für eine Erde ohne Klimaschäden alles in Bewegung gebracht, was heute an Rädchen für eine bessere Welt dreht. Gäbe es Greta Thunberg nicht, sie hätte glatt erfunden werden müssen, um dem seit Jahren zusehends vergeblicher werdenden Klimakampf von Regierungen, Medien und hauptberuflichen Umweltschützern ein Gesicht zu geben. Thunberg, Tochter einer Opernsängerin und schon mit acht Jahren "durch die Beschäftigung mit dem menschengemachten Klimawandel depressiv" geworden (Wikipedia), erinnert in ihrem Furor an die Mitglieder kommunistischer Jugendorganisationen, die von Parteien wie der KPdSU und der SED regelmäßig zu Parteitagen geladen wurden, um dort Schwüre auf die Richtigkeit von Lehre und Kurs der jeweiligen Parteiführer abzulegen.

Dieses unbedingte und kompromisslose "Klimaschutz-Engagements" (Spiegel) und der Erfindung des "Schulstreiks für den Klimaschutz" (DPA) hat das Mädchen im vergangenen Jahr unter lauter Instagram-Influencern und Modedesignern in eine "Liste der einflussreichsten Teenager" befördert, weil sie berufen schien,  den Mächtigen der Welt ins Gewissen zu reden, indem es sich die Marktmechanismen einer auf Klischees und simple Märchen geeichten Medienbranche zunutze macht. Ihr wird zugehört, "weil ich ein Kind bin und die Erwachsenen kriegen ein schlechtes Gewissen, weil sie wissen, dass sie das Klima auf Kosten meiner Generation schädigen", formuliert die 16-Jährige, als habe ihr ein professionelles Team von Öko-Marketendern das Wort geführt.
In Pawel Ostrowskis sprachmächtigem Roman - in deutscher Übersetzung "Szenen aus dem Herzen" genannt - kehren alle die Klischees wieder. Die ausgestellte kindliche Naivität des "zierlich wirkenden Mädchens" (Luzerner Zeitung), der moralische Druck - vermeintlich auf die "Mächtigen der Welt" (DPA), in Wirklichkeit aber natürlich auf deren Wähler, die drohenden Ausrufe: "Handelt so, als würde euer Haus brennen" und "ich will, dass ihr Panik bekommt!"

Doch das Buch will ausdrücklich Belletristik sein, eine Fiktion, die sich inspirieren lassen hat von der Wirklichkeit, ohne sie zu kopieren. Das Werk basiert also  auf der Biographie Greta Thunbergs und ihrer mutigen Familie, die ihr normales Leben größtenteils aufgab, um ihrer Tochter zu helfen, ihre historische Mission zu erfüllen. Es legt aber keinen Wert auf Deckungsgleichheit. Die Erlösungssehnsucht, die die echte Greta predigt, wenn sie sagt, lasset ab vom Öl, vom Gas, von der Kohle, vom Auto, dem Flugzeug, dem Fleisch und der Wurst und ihr werdet errettet werden, hat hier unterhaltenden Charakter wie bei "Game of Thrones", der anderen großen Heldengeschichte der 2000er. So wie dort starke Frauenfiguren die Welt der Fantasie prägen, charismatische Anführerinnen mit oft unklarer Mission, so ist bei Ostrowski diese eine hier die, hinter deren fahne sich jedermann versammelt.

Greta, in der bereits vertraglich geregelten Verfilmung durch den Hollywood-Produzenten Angel Garcia Lopez gespielt von der jungen Engländerin Arya Stark, wächst auf in einem wohlbehüteten schwedischen Oberklassehaushalt, die Familie denkt von Anfang an radikal global und spricht etliche Sprachen. Greta aber kommen zuerst Zweifel, ob diese Art zu leben nachhaltig genug für sieben oder acht Milliarden Menschen ist. Dann schlägt das Schicksal zu, als wolle es der Zwölfjährigen ein Zeichen geben: Greta erkrankt, sie ist ans Bett gefesselt, muss Ärzte aufsuchen und sich vermessen und beraten lassen.

Eines Tages, berichtet ihre Mutter Malena Ernman, sei dann klar geworden, dass Arya Kohlendioxid sehen könne. Das eigentlich farb- und geruchlose Gas sei ihrer Tochter immer wieder erschienen - es quoll aus Auspüffen, undichten Fenstern und sogar aus einheimischen Ikea-Möbeln. Greta habe dann beschlossen, gegen die chemische Verbindung aus Kohlenstoff und Sauerstoff mit der Summenformel CO2 zu protestieren, indem sie mit ihrem Schulstreik begann - anfangs belächelt und ohne jede Öffentlichkeitswirkung.

Doch nie verliert die Heldin ihre Zuversicht und ihren Kampfesmut. Beständig sucht sie sich den Weg zurück in „Reih und Glied“ (bzw. „Kampfreihen“, je nachdem, auf welcher Übersetzung die Ausgabe basiert). Im dritten Kapitel des zweiten Teils ist Greta Thunberg von ihrem Asberger-Syndrom noch geschwächt und ihre ersten Schulstreiks zeitigen keinerlei Erfolg. Doch an der Heimatfront gelingt ein Durchbruch: Greta überredet ihre Mutter, ihre internationale Künstlerkarriere zu beenden, weil diese beinhaltet hatte, zu Auftritten in andere Länder zu fliegen.

Doch "können die Menschen dort nicht selbst singen", fragt Greta in einer der Schlüsselszenen, "können sie nicht leben, ohne dass du ihnen singst?" Und ist es das Singen wert, die Welt zu zerstören? Malena Ernman, die Garcia Lopez mit Daenerys Targaryen besetzen will, hat ein Einsehen.

Ein Sieg, der neuen Mut macht. Angewidert vom „kleinbürgerlichen Milieu“ wie es im Buch heißt, verstärkte Greta ihre Anstrengungen, vor dem Parlament auf sich aufmerksam zu machen. Ohne Rücksicht auf ihre angeschlagene Gesundheit sitzt sie auf der kalten schwedischen Erde, auf ein Kamerateam hoffend, auf einen Fotografen, auf Mitstreiter. Die aber bleiben erstmal aus, eine Prüfung für den Glauben der inzwischen 15-Jährigen, die sich zum Geburtstag "Weltfrieden" gewünscht hat.

Der Weg ist klar, er folgt dem typischen Hollywood-Szenarium aus "Can A Song Save Your Life". Hoffnung, Enttäuschung, Triumph. Beim Streik vor dem Parlament kommt sieht Greta die Toten, die das Klima schon gefordert hat. „Hier hatten die tapferen Kameraden ihr Leben gelassen, damit das Leben derer schöner werde, die in Elend und Armut geboren wurden und für die allein die Geburt schon den Anfang der Sklaverei bedeutete. ... Trauer, tiefe Trauer erfüllte sein Herz“, denkt sie und  nimmt die Mütze ab.

Es ist ein Augenblick tiefer Erkenntnis, das ist Greta Thunberg in diesem Moment glasklar wie die kalte Winterluft in Stockholm. „Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn sinnlos verbrachte Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer kleinlichen, inhaltslosen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und daß er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten in der Welt – dem Kampf für das Klima – geweiht. Und er muss sich beeilen, zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen.“

Ein Wissen, dem die Heldin von Ostrowskis Buch über die folgenden 235 Seiten konsequent folgt. Die grüne Spitzenpolitikerin Kathrin Göring-Eckhardt schreibt im Vorwort von "Wie das Klima gerettet wurde": „Alles in Greta ist Flamme der Aktion und des Kampfes – und diese Flamme wuchs und dehnte sich aus, je enger Nacht und Tod sie umringten. Sie strömte von unermüdlichem Lebensmut und Optimismus über, sie sei „ein Wunder des Engagements“ wie der sozialkritische Propheten Amos, der im achten Jahrhundert vor Christus im Nordreich Israel wirkte und die sozialen Missstände seiner Zeit als Missachtung der Gebote Gottes gegeißelt hatte.

Auch der Verlag ist vom Erfolg der ersten Autobiografie der Familie Thunberg überzeugt. „Das Buch erzählt mit großer Wahrhaftigkeit die Geschichte der Heldin einer jungen Generation, die im Sturm geschichtlicher Ereignisse erzogen und gestählt wurde", heißt es in der Verlagswerbung. Der Kampf zwischen Gutem und Bösem, Reinem und Schmutzigem, Hohem und Niedrigem, Schönem und Hässlichem, Menschlichem und Barbarischem, der im Menschen selbst tobe, "aber den die Menschen auch untereinander ausfechten, findet bei diesem Dichter lebenswahren Ausdruck“.

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