Freitag, 18. Dezember 2020

Kreide für das Klima: Schlachthof 8 oder der Kinderkreuzzug

Peter Altmeier hat seine falsche Position zum Patriotismus inzwischen berichtigt. 

Es war noch Sommer, als sie loszogen, um ihren Teil zur notwendigen Rettung der Welt beizutragen. Überall war Aufatmen, da Corona besiegt schien, doch die jungen Leute, aus allen Klassen und schichten, jeden Alters, Geschlechts und geschlechtlicher Orientierung, dachten schon weiter, wie es ihre Art ist. Nicht nur bis zur zweiten welle, nicht nur bis zur eigenen Rente. Nein, bis in den Klimatod, der immer noch drohte, ungeachtet zeitweiser Erfolge an der CO2-Front, die durch lockdowns und shutdowns und Reiseverbote hatten erreicht werden können.

Ein Kreidezeichen setzen

Ein Zeichen wollten sie setzen, ein Zeichen, dass Protest weiter nötig und dass er auch unter den  neuen Bedingungen möglich ist. Niemand muss quer denken, um ein guter Gegner der Verhältnisse zu sein, niemand muss mit Nazis marschieren oder minutenlang das Herz unserer Demokratie in Berlin belagern. Sie waren 14 am Anfang, und sie hatten einen Plan, so kristallklar wie der des Bundesgesundheitsministers. Einmal längst lang durch ganz Deutschland, aus ihrem kleinen Erzgebirgsdorf, das heute schon als deutsches Bergamo bezeichnet wird, hinauf zu den Kreidefelsen der Ostseeküste. Dort, das hatten sie gemeinschaftlich beschlossen, würden sie Kreide brechen, mit der künftig Botschaften auf Straßen und Plätzen und auch an Häusermauern hinterlassen werden könnten. 

Sauber. Effizient. Ohne Umweltbelastung. Wiederabwaschbar. Der Stein der Waisen im Ökokampf, in dem Miesmacher, Rechtskonservative und Autofahrer immer wieder die vermeintliche Vorliebe der Klimakinder für das in Europa angeblich unversteuerte iPhone als Waffe und Nachrichtenzentrale der Aufständischen genutzt hatten, am Grundanliegen herumzumäkeln.

Wilde Brombeeren und frische Luft

Die Kreide würde das ändern, die Kreide wäre unangreifbar. Selbst geerntet von einem naturbelassenen Rügener Felsen nach einem 500-Kilometer-Marsch auf Barfußbeinen, nachts im Stroh und tagsüber ernährt von selbstgemolkener Milch, wilden Brombeeren und der frischen Luft des Nordens. Die Wanderung ging langsamer voran als ursprünglich gedacht, das Tagesziel von 20 Kilometern war kaum einmal zu schaffen, da die Hindernisse sich vor dem Kreis der Klimakameraden türmten. Wie den Weg finden ohne Hilfe des naturzerstörenden GPS-Systems? Wie weitergehen, wenn die ersten beginnen, an der Mission zu zweifeln und aufgaben wollen? Sich spalten lassen oder zusammen scheitern? 

Viel Lehrgeld zahlten die jungen Menschen, die nicht vorbereitet gewesen waren auf die Wildheit der Natur in Brandenburg, auf die verschlungenen Wege in Mecklenburg, auf die Härte der Strecke, die Hitze des mindestens zweitwärmsten Sommers seit Hannibals Alpenüberquerung und die Schwierigkeit, sich aus einem Land zu versorgen, das nicht erst seit Corona weitgehend menschenleer ist. Über mehrere Monate zogen sie dennoch gen Norden, müde, hungrig und krank, aber erfüllt von der Notwendigkeit, ein Zeichen zu setzen, das überall verstanden wird. Mensch, kehr' um! Wohlstandsbürger, halte ein!

Der lange Weg der Gefährten

Schlimmer noch als der Hinweg der Gefährten, acht Mädchen und sechs Jungen waren es, so zeigen die Aufzeichnungen, die eine von ihnen unterwegs für eine geplante Buchveröffentlichung gemacht hat, war der Marsch zurück, nun zusätzlich beladen mit mehreren Kilogramm Öko-Kreise, mit Hilfe von echten Baumzweigen aus der Kalkwand am Meer gegraben, dort, wo die steigenden Meeresspiegel sie noch nicht ganz erreicht haben. 

Mit blutigen Füßen, zusehends geplagt von den immer noch rekordhohen, aber vor allem nachts immer frischer wirkenden Temperaturen, schleppt sich der Zug nach Süden, zurück in das, was frühere Generationen irrtümlich vielleicht noch die "Heimat" genannt hätten, was nun aber, wo die gesamte Menschheit im Kampf gegen ihren Untergang steht nur noch ein beliebiger Platz ist, an den das unergründliche Schicksal das einzelne Kind gestellt hat, auf dass es seinen Teil an Anstrengungen leiste, das EEG auf  Augenhöhe mit den Herausforderungen zu halten und bei der CO2-Abgabe nachzuschärfen, sobald es nötig wird.

Auf zur neuen Wirtschafsordnung

Vielleicht würden Rechtspopulisten, Regierungsmitarbeiter oder andere Feinde einer umweltverträglichen neuen Wirtschaftsordnung behaupten, das, was die jungen Leute sich unterwegs angewöhnt hatten, den "Kreidemarsch" zu nennen, zeige, wie vergeblich die Sehnsucht nach naturnahen Protestmöglichkeiten ist. Ein wenig waren die 14 Tapferen ja auch von sich selbst enttäuscht, weil sie am Tag ihrer Rückkehr, bescheiden gefeiert von einer Runde zurückgebliebener Gleichgesinnter mit frischen Brunnenwasser und selbstgebackenen Dinkelkeksen, erfahren hatten, dass der mächtige Klimaprotest ihrer Generation vollkommen, wenn auch friedlich entschlafen war, während sie ihm eine neue, nachhaltige Perspektive hatten geben wollen.

Doch diese Kinder, sie sind flexibel, sie vermögen es, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen wie die Insel Tuvalu auf den seit Jahrzehnten steigenden Meeresspiegel oder die Wissenschaft auf neue Forderungen aus Politik, Begründungen für notwendige Freiheitseinschränkungen zu liefern. Hatten die ersten Planungen vor dem Aufbruch noch vorgesehen, die nachhaltige Kreide zu nutzen, um wirkungsmächtige Parolen wie "Keep it in the ground – let's keep it in the ground!", "Hoch mit dem Klimaschutz, runter mit der Kohle! und "What do we want? Climate Justice! When do we want it? Now!" auf Gehwege, Straßen und an Wände zu schreiben, änderte der späte Ankunftstermin kurz vor Weihnachten alles.


U
nd wieder auch nicht, dank Peter Altmeier. Der Wirtschaftsminister, der dem aktuellen Forschungsstand zufolge nie versprochen hat, dass wegen Corona kein einziger Arbeitsplatz in Deutschland verlorengehen werden,  sondern damit nur gemeint hatte, er werde sich darum bemühen, das zu versuchen, lieferte die Vorlage für eine ganz spezielle Attacke der kritischen Klimakinder: Sein Satz, einzukaufen sei in Zeiten der Seuche eine "patriotische Aufgabe" wurde zum ersten Einsatzfall der Klimakreide, die genutzt wurde, den Shoppingwahnsinn des Ministers für alle Bürger*innen sichtbar anzuprangern. 

Im politischen Berlin wurde der Druck schnell als unerträglich empfunden. Binnen weniger Tage nachdem die Kreidesprüche überall in der Republik aufgetaucht waren, geschrieben von zahllosen Mitstreitenden und Sympathisierenden, korrigierte Peter Altmaier seine offenbar durch eine geistige Nähe zum umweltschädlichen Kleinsthandel geprägte Position. Nun warnte das CDU-Schwergewicht ausdrücklich davor, Weihnachten als Vorwand zu nutzen, um klimaschädliches Shopping zu betreiben, als gehe nicht ringsherum die Welt unter.  Er wünsche sich nun vielmehr, dass die Menschen in der jetzigen Situation „nur das Allernötigste“ einkaufen, sagte der Minister bezugnehmend auf die bundesweiten Kreideparolen, die seine falsche Position zum Konsum als einer der Hauptquellen der Erderwärmung ins Bewusstsein einer inzwischen durchaus klimasensiblen Öffentlichkeit gerückt hatten.

Ein Umdenken, das kurze Zeit später Regierungsprogramm wurde. Auf  dem üblichen Verordnungsweg erließ das Corona-Kabinett einen sogenannten lockdown, der, könnte er zumindest für die kommenden Jahre bis 2030  aufrechterhalten werden, tatsächlich verspräche, das Weltklima nicht unwesentlich zu retten. Es liegt nun an der  Gesellschaft, sich zu entscheiden: Klima oder Untergang? Konsum oder Corona? It's up to you, sagen die Klimakinder. Und ja, jeder Kauf, der nicht stattfindet, rettet irgendwo einen Wal, eine seltene Blume oder einen ganzen Wald.


Kommentare:

Gerry hat gesagt…

Diese beiden scheinbar widersprüchlichen Aussagen mehr einkaufen vs. möglichst wenig einkaufen passen mit auf die endlose Liste -Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern 2020-

Nette Geschichte mit dem Zug zum Kreidefelsen. Kann ich mir bei unserem wohlstandsversauten Nachwuchs kaum vorstellen. Sieht man ja schon am Resultat: 20km pro Tag waren vorgesehen, das macht für eine Strecke von 500km knapp 1 Monat. Die Kiddies benötigten mehrere Monate. Ist es offiziell überhaupt zulässig, im Naturschutzgebiet Kreidefelsen Kreide zu entwenden, gar zu brechen?

ppq hat gesagt…

es war in keiner eindämmungsordnung verboten worden. und außerdem gilt für diese wilde jugend: Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht, Gehorsam aber Verbrechen!

Anonym hat gesagt…

Die patriotischen Pflichten werden täglich neu ausgehandelt! An den meisten der 365 Tage des Jahres gilt selbstverständlich weiterhin das Patriotismusverbot. Bitte beachten.

gez Altsteinmerkelmaier

Rattenfänger hat gesagt…

Um den CO²-Ausstoß im besten aller Schlands radikal zu reduzieren, genügt es, diesen grünschnäbligen Klimaschützern und Weltrettern ihre Daddel- und Quasselmaschinchen wegzunehmen, deren Produktion und Betrieb Unmengen Dreck erzeugen und Energie verschlingen. Dann aber würden unsere Psychiatrien diese irrsinnige Patientenflut nicht mehr politisch korrekt therapieren können.

Behüten wir sie also bis zur Entmündigung, denn sie sind (von rechtgläubig kämpferischen Importjugendlichen mal abgesehen) doch unsere Zukunft. Ob die nun eher strahlend oder doch eher düster sein wird, überlasse ich gerne dem Urteil des jeweiligen Multikultibetrachters.

Zumindest die Eltern der eingebildet hochbegabten Vollidioten werden nur eine Sicht propagieren: Wenn deren missratene Smombie-Brut rülpst und furzt, halten die das nämlich stolz aufwertend für kluges Verdauungsexpertentum. Somit automatisch prädestiniert für einen fürstlich dotierten Job im Bundesgesundheitsministerium, wo sich bereits andere derartige Magen-Darm-Spezialisten tummeln.

Mit Kreide brechen fängt es an, mit Kreidegekritzel geht es weiter, mit Kreide fressen hört es auf.

Damit es bei solchen Genies auch sicher mit dem wohltemperierten Dauerfrühlingsplaneten klappt, sollten die Helikoptermuttis ihre Sprösslinge besser mit dem SUV ans jeweilige Zeichensetzziel kutschieren und genügend Fressgutscheine von McPomm dabei haben.

Sooo muss Zukunftsgestaltung!

Ach ja, für die "gute" Sache sind seit Urzeiten auch schlechte Brecheisenlösungen zulässig.
Und wenn in den Schlachthöfen der Kreuzzüge dann ein paar Schädel brechen, Schwamm drüber und neue Befehle an die Tafel gekreidet.

Wer will die euphorisch fiebernden Massen auf dem Heilsweg ins irdische Paradies dann noch aufhalten? Schon mal was von einer Stampede gehört?

Ein besinnliches Weihnachtsfest wünsche ich all jenen, die sich trotz aller Umwelt- und Corona-Panik noch etwas Gemütsruhe und Restvernunft bewahrt haben.

Devot obrigkeitsgehorsames "Weiter so!" wird uns aber wohl nur in den kollektiven Wahnsinn treiben.

Egal ... sobald die Mehrheit verrückt sind, gilt das als normal.

Anonym hat gesagt…

Melde mich stark, jedoch angenehm angebrütet von unserer multikulturellen und illegalen Betriebsweihnachtsfeier aus Kreuzberch zurück. Habe den zweiten Platz im Kampfschlucken belegt - nach unserem polnischen Schammes. Unsere russischen Kollegixxinnen sind von angeblich weiblicher Sozialisierung und außerdem eher Tatarinnen als WarägeInnen, sonst wäre mir der 6. Platz gewiß gewesen. Die törkischen und teilarabischen Mädeln haben wir nebenbei auch von Allahs Rechtleitung abgebracht - mit sößen Schnäpsen, auch Weiberschnassel genannt.
Mit Meister Röhrich: Mann, is mir duselig.

Halbgott in Weiß

Anonym hat gesagt…

Um den CO2-Ausstoß zu rädozähren:
Es gibt da eine Geschichte um Aisopos (Grobübersetzung Brandgesicht) - sein Herr Xanthos hatte im Vollsuff (der Mensch - hick - kann alles - Bäuerchen - ) gewettet, er könne das Meer austrinken. - Aisopos rettet ihm das Fell, indem er ihm rät: Das Meer aussaufen ist OK - aber vorher wären natürlich alle Mündungen von Flüssen und Bächen ins Meer dichtzumachen. Solch Weisheit dürfte aber etliche heutzutage überfordern.

Halbgott in Weiß

Anonym hat gesagt…

Råttfångare! Vem lockar du? Faust, Teil 1 und 2, habe ich mal in Värmland, dem Ostfriesland Schwedens, für nur 50 Kronen an der Ladenkasse ergattert. (((Bonnier))).

Anonym hat gesagt…

God natt allihopa. Nun gehe ich hin und stopfe mir ein Pfeifchen - nur ~ 1/3 davon mit Tütün.