Donnerstag, 17. Dezember 2020

Moralismus: Im Lager, hinterm gutgemeinten Stacheldraht

Gegnerbekämpfung im deutschen Zeitungskrieg: Zwischen "ruchlos" und "antimoralistisch".

Lange umstritten, lange sogar heftig bekämpft als "Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft" (Hermann Lübbe) darf sich der Moralismus nun doch noch über einen Endsieg freuen, der ihn als sein eigenes Hauptargument zu seiner Verteidigung adelt. Die "Süddeutsche Zeitung", am Ende der umfassenden Verwandlung eines faktenbasierenden Blatt in ein von Wünschen und Vermutungen geprägtes Organ vorauseilenden Urteilens selbst eine Art Zentralorgan des Moralismus, hat die eigene Verortung im Reich des Wünschdirwas jetzt erstmals als Waffe verwendet, Nicht-Reichsbürger als unmoralische Zyniker zu brandmarken, die einem "antimoralistischen Lager" angehörten.

Diskursschädliches Herdenverhalten

Ausgrenzen, abkanzeln, einsperren, das Menschsein absprechen oder eben die Überzeugung, dass sie eigenen Überzeugungen durchaus liberal seien, das sind die Methoden von Ideologen. Es gibt aus ihrer Sicht nichts zu diskutieren, wo "diskursschädliches Herdenverhalten" (SZ) von "ruchlosen" (SZ) Gestalten gepflegt wird, deren Antimoralismus jeden Versuch verbietet, eine Debatte zu führen. In Ermangelung der Möglichkeit des Ratschlages, diese fragwürdigen Figuren könnten doch dann lieber "rüber" gehen, sperrt sie die Süddeutsche Zeitung in ein selbstgemachtes Lager, hinter gutgemeinten Stacheldraht. Wer nicht der eigenen Meinung ist, kommt in eine Gesinnungsbaracke, aus der es kein Entkommen gibt.

Es ist ein stiller, aber entschiedener deutscher Zeitungskrieg, der auf einem Schlachtfeld abläuft, das immer kleiner wird, während die Krieger ihre eigene Bedeutung immer höher einschätzen. Die Auflagen schrumpfen, die Empfängerschar wird kleiner, die ewig gleichen Predigten der immergleichen Schwadroneure über die führende Rolle der Bedeutung bei der raschen Durchsetzung der Beschlüsse der weitsichtigen (....bitte einsetzen...)  verhallt häufig ungehört. Umso schärfer wird der Rigorismus, der sich selbst nun offenbar auch offiziell "Moralismus" nennt.

Moralistische Gesellschaft

Die Torheit, absolute Forderungen an menschliche Entscheidungen als einzige Möglichkeit zu einzuordnen, "moralisch" zu handeln, gewinnt damit eine Plattform, die sich die Erziehung der Gesellschaft zum Moralismus auf die Fahnen geschrieben hat. Aus Sicht der Süddeutschen Zeitung kann kein moralischer Anspruch zu hoch sein und eine Forderung nach ausschließlich moralischen Entscheidungsgründen nie zu weit gehen. Es gibt aus dieser Sicht auch keine alternative Ethik, die andere Werte in einer Abwägung höher einschätzt und deshalb aus moralischen Gründen zu anderen Entscheidungen kommt.

Schon wer allein behaupten würde, dies sei denkbar, bezieht die antimoralistische Baracke. Denn das ist auch am Moralismus das eigentlich Gute: Wie der Sozialismus, der Kommunismus, der Maoismus, der Kapitalismus, der Familismus, der Imperialismus, der Feminismus und der Liberalismus ist auch er ausreichend unbestimmt definiert, um als Waffe gegen jedermann dienen zu können. Moralist ist, wer sich dazu erklärt, Anti-Moralist dagegen schon, wer dem Moralisten das Recht abzusprechen versucht, als einzige und letzte Instanz darüber zu entscheiden, was moralisches Verhalten ausmacht und wo Meinungen, Ansichten und Gesinnungen in den Antimoralismus abgleiten, der zum Schutz der Gesellschaft weggesperrt und ausgegrenzt gehört.

Unerbittlich, wenn auch derzeit noch nur verbal, verteidigt der Moralistiker seine Auffassung von Moral als einzig wahre Heilslehre. Widerspruch gleicht für ihn einer Gotteslästerung, sein Antirealismus verwandelt Dissenz im Prinzip im Handumdrehen in Feindschaft, gegen die es keine Gnade geben kann: Der Moralistiker, als der sich der Moralist entpuppt, sobald er beginnt, seine Überzeugungen öffentlich zu predigen, erkennt im Antimoralisten nicht das Gegenstück zum Antifaschisten, weil er sich selbst nicht für einen Faschisten hält. Außenstehenden dagegen ist diese Möglichkeit gegeben.

Kommentare:

Gerry hat gesagt…

Das anti (anstatt herkömmlich korrekt a- moralisch) rückt ähnlich zum leugnen den Betreffenden ins Reich des Bösen, also das, das der Konsument von heute kennt.

An dieser Stelle wünscht man sich einen logischen Nihilisten herbei, der folgerichtig darlegt, dass ohne festen Maßstab, traditionell Gott genannt, jede Art Moral willkürlich, beliebig und damit belanglos ist/sein muss.

Anonym hat gesagt…

A propos Nihilisten. 'Moralisch' folgt der Moral, 'amoralisch' handelt ihr zuwider, der Antimoralist leugnet das Vorhandensein von Moral, womit Zuwiderhandlung auch ausgeschlossen wäre. Die sind also die Schlimmsten und die gehören und den Feuilletongulag der Gulagpresse.

SZ ist ein so richtig schön stinkendes Stück JounoscheiBe, ich mochte nichtmal die Originalquelle googeln.

Anonym hat gesagt…

Wenn Tao (Gott) verloren geht, kommt die Tugend.
Wenn die Tugend verloren geht, kommt die Wohltätigkeit.
Wenn die Wohltätigkeit verloren geht, kommt die Gerechtigkeit.
Wenn die Gerechtigkeit verloren geht, Kommen die Moralregeln.
Lao-tse

Quelle: https://natune.net/zitate/Lao-tse-o21

ppq hat gesagt…

es ist ein verbales durchgreifen, das der schwierigkeit einer situation gehorcht, in der eine ganze politische und mediale klasse aus den über monate selbsterschaffenen träumen vom "ach wie gut wir das alles hinbekommen haben, wir helden" auf einmal erwacht

Gerry hat gesagt…

Wäre für diese Klasse alles halb so wild, wenn da nicht die jeweils anderen wären, die von Anfang an sagten, wo und wie der Hase läuft/laufen wird. Das wollen sie nicht eingestehen. Denn alles, wofür sie stehen, ist das Gute, das Wahre, das was die Gesellschaft immer voranbringt. Denk- und Entscheidungsfehler sind da nicht inbegriffen.

Meno hat gesagt…

Bei dem derzeitigen Mainstream Rudelverhalten frage ich mich ob der Begriff Köterrasse nicht beschreibend ist.

Anonym hat gesagt…

@ Meno:
Kaufe ein Komma hinzu, und beantworte die Frage schlicht mit nein.

Der lachende Mann hat gesagt…

@letzten Anonym: Sehr kameradschaftlich von Ihnen, für Meno ein Komma zu kaufen. Deshalb brauchten Sie aber nicht gegen die Rechtschreibregeln zu verstoßen, indem Sie es bei sich selber einbauen.

Die Anmerkung hat gesagt…

@Der lachende Mann

Dürfen dürf er schon. Hat er auch gemacht, da es sich um zwei per und verbundene Hauptsätze handelt. Ich wenn in jeden das Wort Ich fehlt.

In so einem Fall darf man, muß aber nicht.

Der lachende Mann hat gesagt…

@Anmerkung Wo sehen Sie denn einen zweiten Hauptsatz?

Die Anmerkung hat gesagt…

@Der lachende Mann

>> Wo sehen Sie denn einen zweiten Hauptsatz?

hinter dem Komma