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| Die Ostdeutsche unter den Allgemeinen feiert Premiere: "Gesamtdeutsch versprochen, am Kiosk im Westen kaum zu finden", schreibt der "Spiegel". |
Dürfen die das? Ist das nicht gegen jede Regel? Da steckt doch der Kreml dahitler! Oder ist es die persönliche Verletzung eines Multimillionärs aus Ostberlin, der nicht verwinden kann, dass ihn die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft trotz seines frischen Reichtums nicht als einen der ihren anerkannt hat.
Holger Friedrich, reich geworden mit einer Computerfirma, die er an den westdeutschen Software-Konzern SAP verkaufen konnte, beantwortet die Kritik an seiner Hinwendung zur Medienbranche mit noch mehr Hinwendung zur Medienbranche. Und aus seinen Verletzungen ein mutmaßlich schwer defizitäres Geschäftsmodell.
Demonstrativ in Dresden
Mit dem Erscheinen der "Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung" (OAZ), in Berlin erdacht und gemacht, demonstrativ aber in Dresden beheimatet, geschieht Unerhörtes in mehreren Dimensionen. Der Osten, medial eine Wüste, in der mit dem "Neuen Deutschland" und der "Jungen Welt" zwei scharflinke Überregionale zusammen auf keine 30.000 verkaufte Exemplare mehr kommen, erhält eine "neues Leitmedium" (OAZ). Der Westen einen Punchingball. Deutschland insgesamt mehr Medienvielfalt, allerdings von einer ungeliebten Art.
Schon als Friedrich, der sich vor einigen Jahren schon die wankende "Berliner Zeitung" zugelegt hatte, vor einigen Monaten das "Projekt Halle" ankündigte, fielen die Reaktionen einhellig aus. Seine Zeitungsgründung, die erste seit "Die Woche" im Jahr 1993, wurde keineswegs als mutiges Wagnis inmitten einer sterbenden Medienlandschaft wahrgenommen, sondern als Schreckgespenst. Kremlknechte verbündeten sich da mit Ost-Nostalgikern. Brandmauergegner mit Wagenknecht-Freunden.
Ostidentitäre Bewegung
Es war noch keine Zeile gedruckt, da war das Urteil gefällt. Die Begrüßungsmusik im Vorfeld des Erscheinens der OAZ. Die NGO Campact taufte das Blatt in "Ostdeutsche Allgemeine Zumutung" um, anderswo nutzten Kritiker die Beschimpfung von Friedrichs "Berliner Zeitung" als "Berlinskaja Prawda", um auch der Neuen auf dem Zeitungsmarkt prophylaktisch prorussische Tendenzen nachzusagen. Selbst im Medienfachblatt "Journalist*in" war die Rede von einer "ostidentitären Bewegung im Medienmarkt", die regionale Identitäten für üble Zwecke instrumentalisiere.
Ein Racheakt an der Einheit. Ein Lautsprecher für Abgehängte. Vollkommen unnötig zudem, denn mit der "Zeit im Osten", so zeigte es das Morgenmagazin von ARD und ZDF, werde doch in Leipzig schon ein Blatt produziert, das die Sichtweise der Ostdeutschen abbilde. Auf immerhin drei Seiten die Woche und geprägt von einem liebevollen Erziehungsgedanken.
Hütchenmann ohne Kappe
Was braucht der Osten da ein "erstes ostdeutsche Leitmedium mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung", wie Holger Friedrich und seine Frau Silke ihr Unternehmen in der ersten Druckausgabe anpreisen? Was braucht es da noch mehr "Fokus auf ostdeutsche Perspektiven"? Präsentieren nicht "Spiegel", "Zeit" und "Stern" regelmäßig Titelgeschichten über den Osten, verfasst von mutigen Reportern, die dem Hütchenmann die Kappe vom Kopf reißen? Ist die berüchtigte Sachse des Bösen nicht Dauerthema in den Kommentarspalten? Erscheint in den Reportagen von der Straße der Gewalt nicht regelmäßig der Geist von Erich Mielke im Traum?
35 Jahre nach der Einheit brauche niemand mehr eine eigenständige ostdeutsche Stimme. Schließlich sei es bisher auch ohne gegangen, das ist der Tenor. Selbst Holger Friedrich tritt mit der Erklärung, warum es anders sein soll, in die westdeutsche Dominanzfalle: Er glaubt, die kurzlebige Ost-Taz der Wendezeit sei der letzte Versuch der Gründung eines eigenständigen Ostmediums gewesen.
Ohne Flankenschutz der Taz
Dabei handelte es sich um einen Ableger der "Tageszeitung" aus West-Berlin, der erst eigenständig wurde, als sich die Ossis gegen den Beschluss der Kommunarden im Westen auflehnten, eine fast 10.000 Adressen umfassende Liste ehemaliger Stasi-Objekte abzudrucken. Ohne Flankenschutz der Mutterfirma überlebte das Experiment Landnahme im Namen des richtigen Sozialismus nur noch vier Monate.
Die eigentliche Ostgründung "Die Andere", Eigenschreibweise "die andere", scheiterte ein Jahr später. Mit der "Unabhängigen Wochenzeitung für Politik, Kultur und Kunst" war auch der letzte der vielen Wendezeit-Versuche Geschichte, in Ostdeutschland eine Zeitung herauszubringen, die nicht Westdeutschen gehört.
"Diskurs auf Augenhöhe"
Bis Silke und Holger Friedrich kamen, die Taschen voller Geld, seit den Stasi-Enthüllungen von 2019 ohne einen Ruf, der noch verloren werden kann und mit sieben Jahren Erfahrung als Besitzer der "Berliner Zeitung" offenbar noch nicht ernüchtert genug, die Finger vom sterbenden Mediengeschäft zu lassen. Man habe "den Anspruch, Stigmatisierung zu bekämpfen und einen Diskurs auf Augenhöhe zu fördern", schreiben die beiden Herausgeber in einem länglichen Text der Erstausgabe, der erklären will, was das alles soll.
Klarer wird es nicht. Es ist viel von Demokratie die Rede in dieser ersten Ausgabe, die vom niedersächsischen Großkonzern Madsack, zu fast einem Viertel im Besitz der SPD, mit einer Auflage von 40.000 Exemplaren gedruckt wurde. Um Transparenz geht es außerdem, um Journalismus ohne Filter und offenes Visier. Man wolle raus aus den elitären Zirkel, in denen sich die Bewohner der Berliner Blase die Stichwortzettel zustecken. Zurück in die Furche des wahren Lebens, das beschrieben werden soll, wie es wirklich ist.
Bekenntnisse und Provokationen
So weit, so erwartbar. Was die Redaktion darunter versteht, ergibt zur Premiere eine Mischung aus Bekenntnistexten, provokanten Porträts und Füllmaterial. Der üblicherweise als "umstritten" bezeichnete Ex-RT- und Nachdenkseiten-Mitarbeiter Florian Warweg erzählt seine schönsten Ferienerlebnisse aus der Bundespressekonferenz.
Der frühere ND-Redakteur Christian Baron flunkert aus schütteren Jugenderinnerungen von einem "wütenden Angriffskrieg der USA gegen den Irak" Anfang der 90er Jahre. Thomas Fasbender, auch er früher bei RT Deutsch, sinniert über die Frage, warum "Deutschland verstimmt".
Baron stammt aus Kaiserslautern, Fasbender aus Gummersbach. Auch Chefredakteur Dorian Baganz fühlt sich als gebürtiger Duisburger tief in die ostdeutsche Seele ein. Gelernt ist gelernt und drei Jahre beim "Freitag", der 1990 durch die Fusion von ostdeutschem "Sonntag" und der DKP-Zeitung "Deutsche Volkszeitung" entstandenen "Ost-West-Wochenzeitung" des millionenschweren Augstein.-Erben Jakob können Anmutung genug liefern, sich echt Ost zu fühlen.
Westdeutsche machen die Arbeit
Selbst die Verteidigung des Ostens müssen die Ossis von Westdeutschen erledigen lassen. Die klagen hier engagiert über missachtete Lebensleistungen, sie klagen die Abwertung ganzer Generationen an, schildern aber auch, warum der Ereignisraum im Osten "spannend" ist. Daniel Cremer aus Mönchengladbach besucht den Eisenacher Opel-Chef Florian Huettl, einen gebürtigen Unterfranken aus Aschaffenburg. Alexander Dergay, ein Ossi aus Sankt Petersburg, trifft schließlich auf Seite16 im zweiten Buch mit dem Titel "Ostdeutschland" den Ostdeutschen Tino Chrupalla.
Der AfD-Chef bekommt zwei Seiten mit fünf Bildern. Michael Kretschmer, der sächsische Ministerpräsident, hat nur zwei mit zwei. Was für eine Provokation. Das Misstrauen und Befürchtungen, die das Projekt im Vorhinein weckte, stellen sich als berechtigt heraus. Die OAZ, die sich selbst den clownesken Slogan "Unabhängig. Mutig. Gewaltfrei." gegeben hat, bestätigt die Vorurteile, sie sei ein "Medium für Menschen, die sich von der Demokratie abwenden", weil sie "ostidentitäre Ideen" fördere und etablierte Medien stigmatisiere.
Vorsicht, Freiheit
Für die Friedrichs ist das ein Wachstumsmarkt. "Vorsicht, Freiheit" lassen sie ein Megafon auf der Titelseite brüllen. Und wer es nicht versteht, für den hat ein Grafiker auf das Mikrofon "Ostdeutsche Allgemiene" gemalt. Hier geht es hinterm Ost-Ghetto mit Dynamo-Dresden-Fans, zwei Seiten Fernsehprogramm und einem doppelten Ostsportler-Portät raus in die Welt.
Das "Geopolitik"-Buch kündigt den schwierigen Besuch von Friedrich Merz in China an, es folgt ein Interview mit Jacques Baud, dem Schweizer Ex-Offizier, der wegen seiner Positionen zu Putin auf der EU-Sanktionsliste landete, und ein Gespräch mit dem früheren bulgarischen Staatschef Rumen Radajew, der demnächst Ministerpräsident werden will.
Würde woanders nicht auffallen
Vieles könnte in jeder anderen Zeitung stehen, ohne weiter aufzufallen. Anderes ist nicht nur wegen des Traueranzeigen-Layouts, das sich durch das gesamt Blatt zieht, auffällig unauffälliger Füllstoff. Jüdisches Leben in Dresden, der Roman eines "Asylrechtspraktikers" und Theaterkritiken bilden einen Kulturteil, der genau so heißt: "Kultur".
Abgeschlossen wird der durch einen Hausbesuch ohne Bademantel. "Hier wohnt die OAZ" ist ein Ortstermin im Dresdner Pentacon-Haus überschrieben, in dem die Redaktion einem Film des Moma zufolge recht wunderliche Konferenzen abhält. Allesitzen an einem Tisch, bereit zum Gespräch. Alle haben eine aufgeklapptes Notebook vor sich stehen, als gehe es darum, miteinander zu zoomen.
Safari im Eis
Es ist dann aber immer noch nicht vorbei. Mit "Stil und Genuss" bietet die OAZ "Design auf Dopamin", eine "Safarin im Eis" von Usedom und Texte über einen Macher in Halberstadt und ein Kulinarik-Duo, das Catering mit Philosophie verbindet. "Eat East" rühmt die gute alte karge DDR-Küche. Das Zanderrezept mit Teltower Rübchen und sächsischem Wein wird als Beweis dafür ausgestellt, dass die Mangelwirtschaft heute als "kulinarisches Konzept" ihre Liebhaber hat.
Nach einer Reportage über den Niedergang der Partymeile am Magdeburger Hasselbach-Platz, ehemals Schauplatz aufsehenerregender Massenschlägerieie, hete ein "Safe Space" (OAZ), folgt im Service-Teil Text über Autobatterien, ein Badeausflug in den "Wüstenstaat" Oman und ein Tipp an den sotdeutschen Mittelstand, im nächsten Skiurlaub doch ruhig mal Vancouver auszuprobieren. "Entspanntes Gleiten mit Cityblick" gibt es da. Und in Whistler sogar Heliskiing.
Normalisierung von Kochrezepten
Hier ist mehr Welt als Bitterfeld. DDR-Nostalgie und AfD-Normalisierung finden sich im Service nicht. Die "ostdeutsche Perspektive" auf den Oman und das sportliche Vergnügen, mit angeschnallten Brettern aus einem Hubschrauber zu springen, kommt ohne explizite Parteinahme für die AfD aus. Auf Seite 56 ist dann eigentlich alles gesagt, das Unsagbare sogar mehrfach.
Und nächste Woche kommt schon die nächste Nummer.


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