Montag, 8. Juni 2026

Der Schulhofindikator: Es droht kein Sommermärchen

Der Schulhofindikator ist die brutale Messlatte für die gesellschaftliche Bedeutung der Fußball-Nationalelf.

Stell Dir vor, es ist Fußball-Weltmeisterschaft, und zum zweiten Mal hintereinander fehlt es unübersehbar an Euphorie. Nach dem ausgefallenen Sommer der Zuversicht hatte der Bundeskanzler die Hoffnung geäußert, dass die deutschen Diplomaten in den kurzen Hosen eine Stimmungswende herbeisiegen könnten. 

Merz sah frühzeitig Potenzial: "Es gibt keine Sportart, die die Menschen in unserem Land so zusammenbringt wie der deutsche Fußball, alt und Jung, Mann und Frau, von einfachsten Verhältnissen bis hin zu den Spitzen der deutschen Wirtschaft", sagte er. Ein Mann, unüberhörbar auf der Suche nach einem Strohhalm, der als Hebel zur großen Wende taugt. 

Turniermannschaft! Manuel Neuer! 

Den Optimismus hatte Merz in sich selbst gefunden. Die deutsche Mannschaft sei "im Augenblick so gut aufgestellt und hat sich so gut entwickelt, dass sie die Chancen hat, in die letzten Runden zu kommen, ins Halbfinale, und wenn es richtig gut läuft, kann sie auch ins Finale kommen", äußerte der Kanzler. Dazu noch: Turniermannschaft! Manuel Neuer! Das könne dann auslösen, was seine Regierung bisher nicht bewirken konnte. Neustart. Auf den Flügeln der sportlichen Euphorie zurück zu "alter Stärke" (Merz). 

Drei Tage vor Turnierbeginn sieht es allerdings eher nicht danach aus, als sei das Land bereit für ein neues Sommermärchen. 20 Jahre nach dem Heimturnier, bei dem der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann es fertigbrachte, mit einem Durchschnittsteam aus sympathischen jungen Männern eine Atmosphäre heraufzubeschwören, die selbst eingeschworene Fußballfeinde in fähnchenschwingende Fanatiker verwandelte, ist der Geist von 2006 so weit weg wie nur irgendwas. Dass die Weltmeisterschaft die Koalition rettet, erscheint so wahrscheinlich wie eine Nachnominierung der damaligen Helden Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski.

Abstürzende Quoten 

Bei aller Mühe, die sich die als Übertragungspartner eingespannten Sender auch im eigenen Interesse geben: Vor 20 Jahren schauten sich das letzte WM-Testspiel der DFB-Elf gegen Kolumbien 12,85 Millionen Zuschauer an. Vor dem Abflug zur WM in Brasilien schalteten immerhin noch 9,88 Millionen Menschen ein, um den letzten Test gegen  Armenien zu sehen. Jetzt kamen nicht einmal neun Millionen zusammen, um beim knappen 2:1-Sieg gegen die Mannschaft von Gastgeber USA dabeizusein. 

Auch der grausame, aber unbestechliche Schulhofindikator zeigt erschütternde Daten. Kinder tragen immer noch Fußballtrikots. Doch am liebsten mit Spielern aus anderen Ländern. Unangefochten stehen die Fußball-Opas Lionel Messi und Cristiano Ronaldo an der Spitze der Verkaufshitparade. Dahinter folgen der Spanier Lamine Yamal, der Franzose Kylian Mbappé und der Engländer Jude Bellingham.  

Stars statt Mannschaft  

Die Zeiten, als ein deutscher Kicker wie Toni Kroos doppelt so viele Leibchen verkauft wie alle anderen sind vorbei. Selbst in Deutschland liegen die beim Trikotabsatz erfolgreichsten Stars Florian Wirtz und Jamal Musiala weit abgeschlagen hinter den Idolen einer Jugend, für die die Mannschaft nichts zählt und der Instagramkanal eines einzelnen Spielers alles.

Der Wandel der gesellschaftlichen Rolle des einstigen Nationalheiligtums DFB-Elf verdankt sich allerdings überwiegend anderen Bemühungen. So gründlich den Deutschen der Nationalstolz mit der Keule ausgetrieben wurde, so erfolgreich gelang es den Medien in den zurückliegenden Jahren, die Vorfreude auf große Weltsportereignisse gezielt zu zerstören. Angefangen mit dem ersten Test bei den Olympischen Spielen in China wurde der Sport mehr und mehr aufgeladen mit dem Leid der Welt.  

Gulasch aus Hundefleisch 

China, die kommunistische Diktatur, die heute als Vorreiter für Klimaschutz und eine hart disziplinierte Meinungsfreiheit gefeiert wird, landete auf dem Richtblock der deutschen Selbstgerechtigkeit. Kein gutes Haar in der Suppe. Die Suppe ein Gulasch aus Hundefleisch. Tibet, eine Weltregion, die bis dahin und seitdem nie wieder einen Menschen interessiert hat, wurde für ein paar tolle Tage zum Mittelpunkt der Welt. Wer als Sportler in Peking um Medaillen rannte, kraulte oder sprang, wurde zum Handlanger eines verbrecherischen Regimes. 

Die Methode, eine von Aufwallungen getragene gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen ein großes Sportereignis zu verwenden, funktionierte von da an zuverlässig. Sie kam zur Anwendung bei Olympia in Sotschi und später der Fußball-WM in Russland. Sie lenkte die Blicke weg von Leibesübungen und hin zu Missständen, Fehlern und Problemen, die außer deutscher Sicht gar nicht existiert hätten, wären die Weltsportverbände nicht auf die Idee gekommen, ihre Großereignisse dorthin zu vergeben, wo sie nun wirklich nicht hingehörten.

Hass auf den Gaspartner Katar 

Gut, Deutschland hätte sie auch nicht haben wollen. Aber deswegen Katar? Bei der Weihnachtsweltmeisterschaft im Wüstenstaat erreichte die makabre Aufführung von Sendungsbewusstsein ihren Höhepunkt. Die deutschen Vertreter in langen wie in kurzen Hosen reisten  gar nicht mehr zum Fußballspielen an, sondern zum Menschenrechte zu exportieren, ungefragt Ratschläge zu geben und sich im Gefühl zu sonnen, ab jetzt werde die Welt am deutschen Wesen genesen. Wer daheim noch zuschaute, der wurde schuldig. "Hinschauen ist mithitlern", verfügte der Gemeinsinnmoderator Micky Beisenherz.

Wie zur Strafe schied der dreimalige Weltmeister einmal mehr früh aus. Und entsetzt mussten selbst die Volkserzieher zur Kenntnis nehmen, dass kaum jemand traurig darüber war. Die missbrauchte Truppe der Maulhelden sei völlig zurecht gescheitert, das war vielerorts selbst bei denen Konsens, die früheren Generationen von Fußballmillionären mit Leidenschaft die Daumen gedrückt hatte. Als "Bindenweltmeister" wurden die Heimkehrer verspottet. Hohn kam von den Blutprinzen, bei denen Robert Habeck so einen schönen Unterwerfungsknicks aufs Parkett gelegt hatte, dass sie sich fast schon aufgenommen gefühlt hatten im Lager der Demokraten.

Die Wunde heilt nicht 

Diesmal war der Schaden sichtlich nicht nur sportlicher Natur. Und die Wunde heilte nicht. Der Versuch, den Produkt zu einem Zeitgeist-Produkt zu machen, dass allen schmeckt, hat dazu geführt, dass das Produkt Kunden verliert. 

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB)in Frankfurt herrschte schiere Panik. Der Männerbund, über Jahrzehnte geführt von einer stets unter Korruptionsverdacht stehenden Riege aus alten weißen Männern, agierte hektisch. Das Marketingmodul "Die Mannschaft", erfunden, um das Nationale auch auf der verbalen Ebene auszutreiben, wurde eingemottet. Die bis dahin mit hohen Geldstrafen bekämpfte krude These, es gebe nur zwei Geschlechter, fand höchste Anerkennung im DFB-Shop. Der verkaufte Trikots ausschließlich für Männer und Frauen. 

Hatte man seine früheren Helden innerhalb kürzester Zeit für die Maßnahmen einer Bundesregierung aus Rot, Grün und Gelb verheizt, die nun schon nicht mehr im Amt ist, sollte das Ruder nun möglichst schnell auf Gegenkurs gebracht werden. Keine Regenbogenbinden mehr. Keine Schweigegesten. Nur noch Sport des Sportes wegen.

Ein Netzwerk aus Männern 

Im Inneren hatte der DFB ohnehin auch in der Zeit der demonstrativen Vielfalt wie die katholische Kirche funktioniert. Ein Netzwerk aus Männern ließ keine Frau auch nur in die Nähe der Spitze des milliardenschweren Imperiums. Jetzt aber sollte auch die Ära enden, in der sich egozentrische Selbstdarsteller wie Annalena Baerbock, Karl Lauterbach und Olaf Scholz des Bällebads bemächtigt hatten, um es für eigene Zwecke zu nutzen.

Der Versuch wurde beherzt vorgetragen. Mit einem Rückgriff auf die regressive Designsprache der Zeit vor der Ära der Diversität und des bedingungslosen Unterhaltungsanspruchs zielt der DFB auf kollektive Erinnerung an die Tage vor der Vielfalt als deutsche Grundtugend. Auf die neuen Trikos im Design der WM 1990 sind die Nationalfarben zurückgekehrt, die in den letzten Jahren immer weiter ausgewaschen worden waren. Selbst auf die Farben Preußens zurückgehende Spielkleidung aus schwarzer Hose und weißem Dress ist wieder da - zwischenzeitlich war sie abgelöst worden durch Real-Weiß und Pink. 

Rückkehr zum Kleeblatt 

Adidas, noch unter der Ampel abserviert und durch die US-Firma Nike ersetzt worden, damals noch ein Konzern aus einem befreundeten Partnerstaat, hat das alte Kleeblatt-Logo wiederbelebt. DFB-Chef Bernd Neuendorf, ein Mann, der lange Jahre im Osten der Republik tätig war, bevor er in der SPD-Karriere machte, würde wohl sogar den alten Geist von Malente wieder aufleben lassen habe, hätte er nicht fürchten müssen, die aktuell für Deutschland kickenden Multimillionäre damit vor den Kopf zu stoßen.

Institutionell ist die Wende vollzogen, emotional ist sie es nicht. Das über Jahrzehnte bekämpfte deutsche Nationalgefühl hat die Amputationen an Leib und Gliedern, die seit dem Titelgewinn im Jahr 2014 an ihm vorgenommen wurden, nicht überstanden. Keine Woche ist es mehr bis zum Eröffnungsspiel, das passenderweise gegen eine als "Karibikkicker" bezeichnete Elf aus einer EU-Kolonie ausgetragen werden wird, deren Spieler in Harlem, Utrecht und Nijmwegen geboren sind, doch die nationalen Festwochen, zu der Turniere früher wurden, sind nicht in Sicht. 

Es fehlt an Identifikationsfiguren 

Es fehlt nicht an Stars, sondern an Identifikationsfiguren. Während Menschen einst Sepp Maier, Lothar Matthäus, Horst Hrubesch, Ballack und Bierhoff, Carsten Jancker, Oliver Neuville und Müller ohne großes Zureden zujubelten, fremdeln sie mit Nmecha, Tah, Rüdiger, Sané und Leweling. es gibt keine Typen wie Schweinsteiger mehr, keine fröhlichen Jungs wie Podolski und Thomas Müller, keine Schrate wie Oliver Kahn und keine freien Künstler wie Basler, Bonhof und Effenberg. 

Forzan Assan Ouedraogo, wer soll das sein?, fragen sich die Gelegenheitsfans. Wer ist Nathaniel Brwon? Wieso ist außer Maximilian Beier nicht ein Spieler dabei, der in Ostdeutschland geboren wurde, mäkeln sie im Osten. Der stellt 19 Prozent der deutschen Bevölkerung. Aber 36 Jahre nach Franz Beckenbauers Erklärung, Deutschland werde "auf Jahre hinaus nicht zu besiegen sein, wenn jetzt noch die Spieler aus der DDR dazu kommen" nur noch vier Prozent des Aufgebots.

Die vom Verfassungsschutz zeitweise in Gänze als rechtsextremistisch eingestufte AfD dockt an das raunende Gefühl der Entfremdung an. Schon bei der letzten Europameisterschaft hatt der - aus Westdeutschland stammende - Thrüringer AfD-Chef Björn Höcke erklärt, er könne sich mit der  Nationalmannschaft nicht mehr identifizieren, sie sei ihm "zu bunt" (FAZ).

Die Hälfte des Rests 

Es liegt allerdings am Trainingsfleiß, dass junge Männer mit ostdeutschen Wurzeln verglichen mit Spielern mit anderer Migrationsgeschichte unterrepräsentiert sind. Auch in der Bundesliga ist das so. Hier stellen ausländische Spieler mehr als die Hälfte der Legionäre. Die Hälfte des Rests kann auf eine Familiengeschichte verweisen, die es ihnen gestattet, je nach Angebot für die eine oder andere Nation aufzulaufen. Das Reservoir, aus dem ein deutscher Bundestrainer schöpfen kann, ist klein geworden. 

Odonkor und Asamoah waren zu ihrer Zeit noch heißgeliebte bunte Tupfer auf der weißen deutschen Sahnetorte. Heute ist die Farblehre der Elf in Schwarz und Weiß eine andere: Es kommt vor, dass mehr dunkle als helle Spieler den Adler tragen. 

Kein Blick auf den Konflikt 

In einem Land, in dem inzwischen 27 Prozent der Bevölkerung entschlossen sind, bei der nächsten Wahl eine gesichert rechtsextremistische Partei zu wählen – und sei es nur, um es denen da oben mal wieder richtig zu zeigen –, führt das zu ähnlich vielen Sympathiepunkten wie der jüngste Versuch von Friedrich Merz, mit Angela Merkels berühmtem Satz "Wir schaffen das" eine Wende bei seinen beständig abrutschenden Beliebtheitswerten herbeizuführen.

ARD, ZDF und sämtliche privatkapitalistischen Medienheuschrecken meiden den dennoch ausdrücklich jeden Blick auf den tieferliegenden Konflikt. Stattdessen mühten sie sich in den Tagen und Wochen vor dem Beginn des Turniers einmal mehr nach Kräften, den Hauptgastgeberstaat zum Katastrophengebiet zu erklären.

Zwei gute Gastgeber, ein böser 

Während Kanada – ein Land, bei dem sich Deutschland der Illusion hingibt, das Ahornblatt könnte bald zum 13. Stern in der Europaflagge werden – als heiterer Ort fröhlicher Spiele dargestellt wird, ist in den Vereinigten Staaten alles zu teuer, zu gefährlich und undemokratisch. Selbst Mexiko, vor vier Monaten noch Austragungsort eines mörderischen Gangkrieges, erscheint verglichen mit Trumps "Diktatur" (Marcus Mittelmeier) wie eine lauschige Frühlingswiese. 

Dass die Karten zu den Spielen in Kanada und Mexiko exakt genauso teuer sind wie in dern USA - kein Wunder, werden sie doch alle vom Weltverband FIFA verkauft - fällt im Dienst der guten sache unter den Tisch. Ebenso, dass "teuer" vor allem deshalb für Deutsche teuer ist, weil die im Schnitt weniger verdienen und dennoch viel mehr Steuern bezahlen als Amerikaner. 


6 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"doppelt so viele Liebchen verkauft" - Zuhälter, wohin man schaut.

Die Anmerkung hat gesagt…

Ich sehe keinen Grund, mir das Leibchen einer Figur zu kaufen, der sich großflächiger Körperverletzung an sich selbst schuldig gemacht hat. Fußballspielen konnte er ja. Aber sich ritzen lassen ist ein Defekt, den ich nicht goutiere.

ppq hat gesagt…

freudscher verschreiber

Anonym hat gesagt…

Hat nicht auch auf diesem Feld die Frau Dr. Merkel, als sie dem halbnackten Özil in der Kabine die Hand gab und ein offizieller Fotograf des Bundespresseamtes auch dabei war, Maßstäbe gesetzt ? Was verdanken wir ihr nicht alles, das kaum zu unterbieten ist.

Anonym hat gesagt…

Der Merz hat mit seiner Drohung, im Erfolgsfall für Pressetermine und dummes Gequatsche rüberzufliegen, gleich noch etwas mehr Luft aus dem WM-Ball abgelassen.

Anonym hat gesagt…

OT AI Overview
Die ausverkaufte Lesung von Altkanzlerin Angela Merkel aus ihrer Biografie „Freiheit“ vor 1.200 Zuschauern im Steintor-Varieté Halle fand am Donnerstag, den 4. Juni 2026, statt.

1200 klingt viel, aber ist es eigentlich nicht. Der Vorrat an Profiteuren der Merkeljahre und an Leuten, die einfach 'nichts mehr merken', wie man auf dem Dorf sagt, wird freilich zu Lebzeiten nicht aufgebraucht sein.