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| Die Sehnsucht ist groß, dass der Alte vom Berg herabsteigt und die Menschheit erlöst. |
Er ist wieder da, der Mann mit dem Bart, und es ist nicht Kaiser Barbarossa und es ist auch nicht Adolf Hitler. Karl Marx heißt er, der große Hoffnungsträger einer neuen Generation von Gläubigen. Nicht in einem abgelegenen Berg in Ostdeutschland hat er geschlafen und nicht im ZDF überwintert, sondern in den Herzen der Menschen, die von ihm erfahren haben wie von einem wiederauferstandenen Christus.
Junge Frauen predigen seine Lehren bei Tiktok. Alte Männer sehen mit Wohlwollen, dass der Glaube, von dem sie ein Leben lang nicht lassen konnten, keineswegs an Ermattung verstorben ist, sondern jeden Tag neue Fans findet. Gemeinsinnsender sind fasziniert. Ehemals konservative Parteien bereiten die erste gemeinsame Nacht vor.
Der Mann mit dem Menschenexperiment
Marx' Lehren seien es, auf denen eine gerechte Gesellschaft gründen müsse, raunt es in der Provinz. Seine Wissenschaft ebne den Weg für ein Menschenexperiment, das beim nächsten Mal gut ausgehen müsse, weil es diesmal richtig gemacht werde, ohne viel Blut, ohne Hass auf den Klassenfeind und die Suspendierung der Grundrechte bis zum Endsieg.
Der demnächst scheidende Bundespräsident Walter Steinmeier hat dem Denker, der kein Dichter war, vor Jahren schon einen Persilschein ausgestellt. Marx sei ein "Ökonom, Historiker, Soziologe und Philosoph; Journalist und Chefredakteur; Politiker, Arbeiterführer und Pädagoge; Flüchtling und politisch Verfolgter; Kommentator und Briefeschreiber" gewesen, befand der frühere Kommunist. Als Teil eines einzigartigen Kreativ-Duos mit seinem Freund und Finanzier Friedrich Engels, als Familienvater und Jenny Marxens Ehemann habe er ein Werk geschaffen, dass "in all seiner Widersprüchlichkeit untrennbar mit der deutschen Geschichte verbunden" bleibe.
Typisch für Deutschland
Marx ist, obschon Wahl-Londoner wie Herbert Grönemeyer, typisch für Deutschland. Dem antisemitischen Ökonomen reichte es nicht, volkswirtschaftliche Zusammenhänge zu entdecken und Wirkmechanismen zu begreifen. Wie Martin Luther, den antisemitischen Prediger, und Adolf Hitler, dem antisemitischen Nationalisten, drängte ihn eine gut bekannte nationale Hybris, aus seiner vermeintlichen Entdeckung das Recht abzuleiten, Gestalter der Geschichte sein zu wollen.
Luthers religiöser Eifer kostete die christliche Kirche ihre Einheit und Millionen Menschen im Streit um die richtige Sprache für Gebete das Leben. Hitler ließ beim Versuch, den Herrenmenschen zum Herren zu machen, Millionen ermorden. Marx schaffte es, mit seinen Büchern Ideologen wie Lenin, Stalin, Mao, Castro und Ceaușescu für Thesen zu begeistern, die sich später als irrig herausstellten.
Der moderne Nostradamus übersah die Beweglichkeit des kapitalistischen Systems, das im Gegensatz zu seiner Annahme durchaus in der Lage ist, flexibel auf Herausforderungen zu reagieren. Er scheiterte mit seiner Prognose, dass alles wird schlimmer werde, immer härter und eine revolutionäre Überwindung von Ausbeutung und Klassenherrschaft somit ein geschichtlicher Automatismus.
Ein Leben voller Irrtümer
Marx hat mehr geirrt als er richtig lag. Seine Zukunftsvision, dass der Kapitalismus überwunden werde, weil er Menschen zwinge, ihre Arbeitskraft zu immer üblereren Bedingungen an die Produktionsmittelbesitzer zu verkaufen, stellte sich als Quatsch heraus. Auch die Klassenspaltung, dieses nach Dafürhalten des Denkers "zwingende Resultat der auf allgemeiner Warenproduktion und dem Verkauf der Arbeitskraft als Ware beruhenden Produktionsweise", verflüchtigte sich.
Heute sucht die SPD verzweifelt nach einfach der Zielgruppe, die sie einst groß machte. Doch der klassische Fabrikarbeiter, das Ladenmädchen und der Handwerksbursche, sie sehen sich längst als Teil einer gesellschaftlichen Mechanik, in der der Einzelne die Freiheit genießt, sich Marxens kollektivistisches Reich der Gerechtigkeit für sich ganz allein aufzubauen.
Er kann nicht sterben
Und doch ist er nicht tot, der Mann, in dessen Namen weltweit mehr Menschen ermordet wurden als in dem Adolf Hitlers. Weder seine grandiosen Irrtümer noch das Blut an seinen Händen vermochte dem guten Ruf des in Trier geborenen Philosophen zu schaden. Marx hat selbst nach demZzusammenbruch des ersten Versuches, sein Himmelreich auf Erde mit Hilfe von Unterdrückung und Gewaltherrschaft zu errichten, seine Denkmäler behalten. Seine Bücher blieben nicht nur erhältlich, sondern Gegenstand höchster wissenschaftlicher Verehrung.
Was die kommunistischen Diktatoren als Waffen in die revolutionäre Schlacht um den Kommunismus geführt hatten, taugt noch immer als Brosche, mit der der Vordenker eine gute Figur in jedem Fernsehstudio macht. Mit Marx kann man sich sehen lassen. Das von ihm verbreitete Grauen übt auf die, die es nicht miterlebt haben, dieselbe Anziehungskraft aus wie das alte Rom auf Kinogänger.
Der Kommunismus schläft nur
Sie hoffen darauf, dass der Kommunismus nur schläft. Sie sehnen die nächste Gelegenheit herbei, das Privateigentum abzuschaffen und, nach einer gewissen Übergangsphase namens "Sozialismus", eine klassenlose Gesellschaft entstehen zu lassen. Die Partei wird dann wieder immer recht haben. Für jede brutale Unterdrückungsmaßnahme wird sich in einem der 114 Bänder der als "MEGA" bezeichneten Marx-Engels-Gesamtausgabe ein begründendes Sätzchen finden.
Marx ist der neue Mann einer Generation, die kaum oder gar keine eigene Erfahrung mit dem real existierenden Sozialismus hat. Marx ist, dank eines Bildungssystems, das die Untaten der kommunistischen Könige für unerheblich hält und weitgehend unerwähnt lässt, wie ein jungfräulicher Prophet, dem die gerade in die Zeit passenden Thesen nur so aus den Taschen fallen. Die Sehnsucht nach einem starken Staat, der alles regelt und für alle sorgt, ist mächtiger denn je. Marx hat ihn kommen sehen. Dass der Einzelne nichts gilt, wenn die Interessen aller anders liegen, ist inzwischen Konsens bis in die früheren Parteien der Mitte.
Trommeln für die Sehnsucht
Linkssein hat es geschafft, das Image der bürokratischen Versagerideologie abzulegen. Populistische Theaterfiguren wie Heidi Reichinnek, Felix Banszak, Bärbel, Ines Schwerdner und der humorbegabte Gregor Gysi trommeln für die Sehnsucht vieler, die einen allmächtigen Staat wollen, der in alles eingreift, alles lenkt und über jeden bestimmt.
Der Kapitalismus, er kann es nicht, diese Botschaft haben die großen Medien den Massen über Jahrzehnte eingetrichtert. Alles gehe es immer schlechter, weil mnache immer reicher würden. Die Armut wachse, das Elend auch, die Demokratie, so gut sie als solche sei, tauge leider nicht dazu, den Überreichtum abzubauen.
Die jahrelange Indoktrination wirkt. Der Kern des linken Menschenbildes ist heute common sense: Die beständige Beaufsichtigung im Einzelnen ist unumgänglich. Die Massen müssen gehütet werden wie Kühe oder Schafe, um sie vor sich selbst zu bewahren. Manchmal braucht es Leckerli, manchmal Hunde. Das Ziel aber, sie eines Tages wirklich aufgebaut zu haben, die endgerechte Gesellschaft, ist Blut, Schweiß und Tränen wert.
Ein bisschen Schwund
Ein bisschen Schwund ist immer. Gerade weil die selbsternannten Menschenschäfern ihre Märchen selbst glauben, plagt sie eine Angst, die niemals weichen kann. Wer überzeugt ist, dass er denen da unten, diesem Volk aus Millionen Individuen, nur gut genug erklären müsse, wie gut er es meine, lebt in der Erwartung, dass das Böse dazu gleichermaßen in der Lage ist. Populisten, Faschisten und Russisten könnten die Massen jederzeit zum Üblen verführen kann, wenn niemand aufpasse, das ist die Ansicht, die alle teilen, die aus den eigenen guten Absichten kein Hehl machen. Damit die Zukunft eine Chance hat, erfordert es die Lage, Menschen vor falschen Einflüsterungen zu bewahren. Selbst wenn das Ältere an düstere Zeiten erinnert.
Wozu hält man sich denn ein ganzes Biotop aus fortschrittlichen Forschern, Nicht-regierungsorganisationen, Meldestellen und vom Staat finanzierten Medien. Sie sind berufen, die Sehnsucht zu füttern, den Antisemiten als modernen Heiligen vorzustellen und seine totalitären Ideen als Hoffnungsanker. Der Erfolg gibt der Strategie recht: Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der verfaulten Reste des letzten sozialistischen Experiments auf deutschem Boden wünschen sich Millionen Menschen, dass Politiker wie Lars Klingbeil, Friedrich Merz, Bärbel Bas und andere nicht nur sozialistische Thesen verbreiten, sondern diese auch rücksichtslos umsetzen.
Zu lange, zu kompliziert
Demokratie, das ist vielen längst zuviel Schwatzbude. Alles dauert zu lange, alles ist zu kompliziert. Zu viele Falsche, die mitreden wollen. Ein Mann wie Boris Pistorius, der ein vom Bundestag mühsam beratenes und beschlossenes Gesetz mit einem Federstrich außer Kraft setzt, ist nicht zufällig der beliebteste Politiker im ganzen Land. Müde vom ständiges Aushandeln trauriger Kompromisse wollen Bürgerinnen und Bürger lieber eine Volksvertretung, die wie das Europäische Parlament in Straßburg funktioniert: vorab geschult, auf Linie gebracht und mit klaren Vorgaben versehen, erledigt es Formsachen, wenn es den Ideen der Kommission zustimmt. Reicht doch.
Je weiter links, desto fester ist der Glaube daran. Es sollte am besten Schluss sein mit der eigenen Willensbildung unter normalen Leute, denen jedeEinsicht in die großen Zusammenhänge fehlt. Auch Parlamentarier müssen, von SPD über die Grünen bis in die Linkspartei sind sich alle einig, härter an dei Kandare genommen werden. Dass die Bundesverfassungsgerichtskandidatin Frauke Brosius-Gersdorf bei der Abstimmung im Bundestag durchfiel, gilt heute noch als Schandfleck der deutschen Demokratiegeschichte.
Der drohende Zerfall
Abgeordnete, die abstimmen, als seien sie nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet? Das ist nicht Demokratie, sondern Anarchie. Wird dem nicht Einhalt geboten, folgen auf die Angriffe von innen Angriffe von außen. Der Zerfall der Gesellschaft wären die Folge – so zumindest die Angst derjenigen, die heute schon jeden, der nicht auf Linie ist, als Feind der Demokratie betrachten.
Bald werde es sein wie 1933, als die NSDAP bei der letzten halbwegs freien Reichstagswahl zur stärksten Partei wurde, grummelt es heute nicht mehr nur in der Linkspartei und beim BSW. Auch tief in den Reihen von SPD, Grünen und CDU wächst die Überzeugung: Die Demokratie muss vor sich selbst geschützt werden. Die Teile der Demokratieausübung, die zu den verkehrten Ergebnissen führen, sollten besser strenger beschränkt werden.
Nicht beständig, nicht riesig
Überproduktion, Unterversorgung, Lieferkettenprobleme und Klimakatastrophen ließen sich vermeiden, wenn Deutschland endlich wäre wie China, heißt es inzwischen sogar in deutschen Medien, zu derren früher Geschichte eine gewisse Skepsis gegen sozialistische Heilsverprechen gehört. Heute diktiert ihnen die Nachfrage nach klaren Ansagen ein Angebot, zu dem die Erlösung durch Entmündigung zwingend gehört.
Auch wenn in anderen Ländern, die nach dem Bremsen der Marktwirtschaft funktionieren, noch immer Wohlstand wächst, richten sich viele hierzulande auf einen Systembruch ein. Die Alternative zur Marktwirtschaft heißen Enteignung,Verstaatlichung und Planwirtschaft. Die Alternative ist populär wie seit Jahrzehnten nicht mehr.
Der Start des sozialistischen Großexperimentes erfolgt diesmal nicht nach einer Revolution oder einem verlorenen Krieg. Er schleicht herein, verbrämt als Notwendigkeit, zusammenzustehen und sich uterzuhaken. Wer würde nicht dafür sein, alles in einen Topf werfen, wenn es fast allen an allem fehlt? Solidarisch sein muss heißen, ein Taschengeld zu akzeptieren, dafür aber die Verantwortung für sein eigenes Schicksal abgeben zu können.
Marx statt Merz
Marx statt Merz macht es möglich. Auf jeder wirtschaftlichen Tätigkeit liegt dank der weitsichtigen Planungspolitik der EU heute schon ein ganzes Himalaya-Gebirge von Vorschriften, Regulierungen, Anweisungen und bürokratischen Meldepflichten. Selbst Friedrich Merz, der Bundeskanzler, der seine Absicht, die Marktkräften halbwegs wieder zu entfesseln, im Wahlkampf kaum verbrgen hatte, musste inzwischen einsehen, dass die bleiernen Zeiten der Überbürokratisierung nicht beendet werden können: Das Blei füllt den gesamten Blutkreislauf. Sein erdrückendes Gewicht ist es, das die morschen Knochen Europas noch aufrecht hält.
Die letzte große Privatisierung von Staatseigentum liegt inzwischen ein Vierteljahrhundert zurück. Trotz gigantischer Löcher im Haushalt macht die Bundesregierung keinerlei Anstalten, Aktien der Deutschen Telekom oder anderer großer Firmen zu verkaufen. Stattdessen geht die Rede, dass die letzten paar Reste der Marktwirtschaft schuld daran seien, dass mit dem Aufbaus der gerechten Gesellschaft nicht so recht vorangehe. Um das zu ändern, müsse sich die Bevölkerung ganz und gar und freiwillig in die Hände einer korrupten, ideologiegetriebenen Kaste von Weltverbesserern zu begeben. Die werde dann dafür sorgen, dass alles gut wird.
Die Geschichte lehrt etwas anderes
Die Geschichte lehrt, dass dieses Versprechen leer genug klingt, um erfolgreich zu überzeugen. Der Siegeszug des Islam bdweist, dass die Überzeugungskraft einer Ideologie nicht in ihrer Fähigkeit liegt, Menschen ein besseres Leben zu bieten – ganz im Gegenteil. Fast überall, wo der Islam regiert, hat die Bevölkerung wenig Rechte, sie ist vollständig abhängig von Technologien des entwickelten Westens und Warenlieferungen aus China. Die Menschen können kaum lesen und schreiben, es werden kaum Bücher gedruckt, Todesurteile werden vollstreckt. Bedingungen, die mit denen im Westen nicht zu vergleichen sind.
Die Leute lieben es
Und doch lieben es die Leute. Es gibt keine nennenswerte Demokratiebewegung im arabischen Raum, keine massiven Klagen über fehlende Freiheiten und grassierende Armut. Ja, es fehlt die Zuwanderung von außen, die auch schon den Staaten des sozialistischen Weltsystems fehlte, die vom Westen ausge geshen wenig attraktiv erschienen. Doch in den Trümmerlandschaften, in denen nicht der neue Mensch, sondern täglich neues Elend geboren wird, ist der Glaube an die eigene Sache größer als im Wohlstandswesten.
Menschen beugen sich, wenn ihnen nahezu alle Rechte nimmt. Sie sind dankbar, wenn ihnen Strafen drohen, fall sie sich beschweren wollten. Wer vor Jahren behauptet hätte, das politische und ideologische System des Sozialismus nach Karl Marx, das für so viel Kummer, Jammer und zerstörte Schicksale verantwortlich ist, werde in der nächsten und übernächsten Generation wieder als vielversprechende Alternative zum grausam kalten Kapitalismus gelten, wäre nicht einmal ausgelacht worden. Heute muss er sich vorsehen, nicht für später aufgeschrieben zu werden.


1 Kommentar:
Vielleicht kriegen sie es ja diesesmal hin, alle mit dem falschen Bewusstsein in die Massengräber zu bekommen. Dann klappt's auch!
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