Dienstag, 19. Juli 2022

Willkommen, Inflation: Fratzschern im Fadenschein

Fratzschern ist eine Diskussionsmethode, bei der die Realität außerhalb der Studierstube bleibt.


Fratzschern[1] ist ähnlich wie Schwatzen, Schwurbeln und Fabulieren ein Ausdruck der medienwissenschaftlichen Umgangssprache für tatsächlich vorhergesagte und später stillschweigend veränderte realitätsferne und/oder inhaltslose Aussagen. Anwendung findet das Wort vorwiegend in Umgebungen, in denen Expertologen nach sprachlichen Ausdrucksformen für die ablenkende Darstellung von Realitätsausschnitten suchen. Von besonderer Bedeutung ist das Fratzschern in Politik, Religion, Werbung und den Geisteswissenschaften.  

Eine neue Debattenstrategie

Als Namensgeber der noch relativ neuen Debattenstrategie gilt der Chef des DIW gilt Marcel Fatzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität in Berlin. Der SPD-nahe Wissenschaffende war früher Leiter der Abteilung Internationale wirtschaftspolitische Analysen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt und entwickelte dort federführend Methoden zur verbalen Verschlüsselung sowohl von Abschnitten geschriebener Texte als auch von Teilen gesprochener Rede. Aktuell steht Fratzscher mit sich selbst im Dialog darüber, wie hoch der Beitrag hoher Inflation zur Wohlstandsmehrung ist. Dabei gibt es meist kein Inhaltsbezug, dafür aber eine detaillierte argumentative Darlegung für die je nach Zeitpunkt beabsichtigte Beweisführung.

Da die für eine begriffliche Bestimmung des Ausdrucks markierten Aussageinhalte fluide sind, ist das Fratzschern als sprachlicher Akt der Selbstdarstellung Teil einer Denkschule, die die gesellschaftliche Vergesslichkeit als Grundlage ihrer Überzeugungskraft nutzt. Fratzschern leitet sich etymologisch eigentlich vom Adjektiv "fratzsch" ab, das im Mittelhochdeutschen für "auf freiem Feld im Fadenschein fantasieren", "sich taumelnd im Kreise drehen", "sich wirbelnd widersprechen" und "in verwirrter Menge mit lauter Stimme sprechen" stand. "Fratzschern", "Fieberträumen" und "Flunkern" haben eine ähnliche Bedeutung, Fratzschern hebt aber im Unterschied zum Flunkern weniger auf den einzeln gefassten Vorgang ab als auf dessen hartnäckige Wiederholung mit unterschiedlichen Inhalten.

Das Gegenteil von falsch

Im Grimmschen Deutschen Wörterbuch wird Fratzschern mit „das Gegenteil des Falschen für falsch halten", "verworren reden" und wissenschaftlernde Demenz" besprochen. Das zugrundeliegende Verb ist aus dem urgermanischen Verb "frattiana" abgeleitet, das zu Zeiten der Tauschwirtschaft für "vier Hasen - eine Ziege" stand. Das Wort ist im deutschen Sprachgebiet nicht allerorten etabliert und wird eher selten gebraucht: Laut Textkorpus der Universität Leipzig gehört es zur Häufigkeitsklasse 17 (zum Vergleich: Gurke zählt zur Häufigkeitsklasse 10).

Namensgeber Marcel Fratzscher hat gerade in den vergangenen Monaten sowohl online als auch in zahlreichen anderen Medien bewiesen, dass sich mit nachholend veränderten, also: gefratzscherten* Vorhersagen sicherstellen lässt, dass Inflation auch für den kein Problem wird, dessen "geringste Sorge" (Fratzscher) sie ist. Der Schuldige für die galoppierenden Geldentwertung sei für manche zwar klar, verantwortlich gemacht werde gern die EZB, die die Inflation in die Höhe treibe und die Sparer enteigne. Doch dieser Alarmismus sei "falsch, manipulativ und schädlich", denn "höhere Inflation kann hilfreich sein für die digitale und ökologische Transformation" (Fratzscher).

Bewegliche Bedeutungsgymnastik

Fratzschern im Sinne von seichtem oder törichtem Gerede unterscheidet sich damit deutlich vom belanglosen, wenig zielgerichteten Gelaber, Geschwätz oder Geschwurbel, für das es oft synonym verwendet wird. Fratzschern entlehnt seinem Wortstamm mit dem Bedeutungsfeld "beweglich sein", "beharrlich behaupten" und "wackelnd schwanken" auf einen stolzen Trotz, sich eigenen Irrungen nicht zu ergeben. Zuletzt hat der DIW-Chef hat das Ignorieren der Inflation zu einer eigenen Kunstform entwickelt.

Erfolgreich zu "Fratzschern" heißt recht eigentlich, Dinge so lange auf die leichte Schulter zu nehmen, zu verleugnen und zu verharmlosen, bis sich alle mehrfach über ihr Vorhandensein erschrocken sind. Echte Meister im Fratzscher behaupten dann, sie selbst hätten stets als Erste gewarnt, seien aber nicht erhört worden. Marcel Fratzscher hat diese Disziplin so weit perfektioniert, dass er wissenschaftlich überzeugend  berechnen und belegen konnte, dass es keinerlei Grund oder Anlass für niemanden gibt, eine grassierende Geldentwertung zu fürchten. Ehe er mit der Forderung nach einem "Gaspreisdeckel" (®© BWHF) für die, die nichts haben, eine Möglichkeit erfand, womöglich hier und da auftauchende Probleme durch die grassierende Geldentwertung mit nur 100 Euro für jeden zu lösen.

Folgt die Politik diesmal dem gefratzscherte Lösungsweg, müssen nun nur noch "schnell alle Sozialsysteme zusammengebracht" und "schnell ein konkreter Plan für die Politik" erstellt werden, wie die importierte Inflation schnell mit konkreten Hilfen beseitigt" werden kann, "damit die Unternehmen wissen, bekomme ich Gas im Winter?"


4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Auch Honecker hatte seine 'Star-Ökonomen', die noch 1989 den Sieg des Sozialismus wissenschaftlich bewiesen.
Ein kurzer Blick in seinen Wikieintrag genügt, um festzustellen, dass der Mann seit dem Studium mit allen Gaunernetzwerken der Welt verfilzt ist, natürlich inklusive SPD.

Anonym hat gesagt…

Sie haben doch stolz verkündet, dass sie ihre Leute nun in allen Führungspositionen untergebracht haben. Der Rest wird "gewandelt". Niemand entkommt. "Die Körperfresser", letzte Szene mit Donald ( sic ) Sutherland.

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Anonym hat gesagt…

>der ich nicht bei VouTube nach Jungmädchenmusikvideos suche

Darauf habe ich ja gewartet, Brüller. Warum sollen immer nur die originalen, meist schon recht häßlichen (oder toten) alten Säcke die Klicks kriegen, die ihre Hits längst an globale Heuschrecken verscherbelt haben (N. Young c/o Hipgnosis/Blackrock).

Jungmädchenvideo für Freunde der russischen Sprache. Donnerstags und Sonntags auf DDR2:
https://www.youtube.com/watch?v=WX76eMC8yBo