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Montag, 30. Dezember 2013

Allzeit empörungsbereit: Verletzt gefühlte Gefühle

Es kommt immer öfter vor, dass Menschen sich von anderen Menschen "verletzt" fühlen und der Ansicht sind, ihnen werde "Unrecht getan". People of Color empfinden Schmerz, wenn Schauspieler sich das Gesicht anmalen, Emanzipisten leiden, wenn Frauen behaupten, sie arbeiteten freiwillig als Prostituierte. Muslime sind entsetzt, wenn Weihnachsmänner frei herumlaufen, und Atheisten reagieren aufgeregt, wenn Christen ein Kreuz in Amtsstuben hängen. Von Nazis gar nicht zu reden: Deren Meinung ist nach allgemeiner Auffassung keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Das Denken wird hier zu einem materiellen Angriff auf den Toleranzmuskel der Mehrheitsgesellschaft.

Mitten in einer Gesellschaft, die sich tolerant fühlt wie noch keine vor ihr, grassiert die Empfindlichkeit einer beständig wachsenden Meinungsintoleranz. Wenn früher irgendwo Meinungen aufeinanderprallten, dann gingen die Beteiligten am Ende schlimmstenfalls im Wissen auseinander, einander nicht überzeugt zu haben.

Heute steht am Ende einer Diskussion immer öfter das sorgsam gepflegte Gefühl, das Gegenüber habe mit diesem oder jenem Satz, mit der einen oder anderen Geste eine Grenze überschritten und damit eine persönliche Beleidigung verübt: Die einen malen Allah, die anderen behaupten, das Grundgesetz garantiere Meinungsfreiheit unabhängig von der beinhalteten Meinung. Dritte schließlich sind der Ansicht, dass der beständige Ersatz von diskriminierenden Begriffen durch vermeintlich nicht-diskriminierende Begriffe auch diese schnell zu diskriminierenden Begriffen macht, so lange die grundsätzlich diskriminierenden Einstellungen vorhanden sind.

Der Grund dafür liegt in einer grundsätzlich gewandelten Beleidigungsbereitschaft, die inzwischen kaum noch eine offene und freimütige Diskussion zulässt. War es in der Vergangenheit wichtig für eine vollendete Beleidigung, dass der Beleidigende sie auch als Beleidigung meinte, so reicht es heute völlig, wenn sein gegenüber sich beleidigt fühlt. Jedes Gespräch wird von der einen Seite als Versuch geführt, das, was zu sagen wäre, so auszudrücken, dass es jederzeit dementierbar ist. Während die andere Seite darauf aus ist, noch im harmlosesten Scherz eine neue Offenbarung tiefsitzender Ressentiments zu finden.

Jede Äußerung wird auf ihr Skandalisierungspotential abgeklopf, jede Abweichung vom leisetreterischen Sprachgebrauch genügt, eine Empörungswelle durch die sogenannten sozialen Netzwerke zu schicken, die hier perfekt als soziale Spektakel-Verstärker dienen: Im kleinsten Kreis entwickelte Verletzungen und engagiert empfundenes Unrecht, früher allenfalls ein Fall für ein nassgeweintes Kopfkissen, können nun eingeklagt, angeprangert und öffentlich ausgelebt werden.

Mediale Bedürftnisse und private Empfindlichkeiten bedingen und verstärken einander. Von unten nach oben bricht sich wahre Empörtheit Bahn, von einer Gesellschaft herangezüchtet, die ihren Mitgliedern das Gefühl gibt, jedes Zipperlein, dass ein hypersensibel ausgebildetes Seelchen in sich bemerken könne, sei wichtig genug, vor aller Augen darunter zu leiden. Von oben hilft eine unentwegte, nie ermüdende Simulation von Entsetzen über Sätze, Worte und Ansichten, die man folgenlos einfach hinnehmen könnte, die aber auflagen- und aufmerksamkeitsmäßig besser vermarkbar sind, wenn man sie kleinkrämerisch und peinlich genau auf ihren Empörungsgehalt abklopft.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wo kommen wir auch hin, wenn sich Deutsche wie Hottentotten anmalen. Sowas möchte niemand im Fersehen sehen.

Stuff hat gesagt…

Beleidigungsbereitschaft? Doch eher Beleidigtenbereitschaft…?

Anonym hat gesagt…

Wikipedia konnte ich zunächst entnehmen, dass Schnee die häufigste Form festen Niederschlags ist. Der dieser Definition dort nachfolgende Artikel ist ein gutes (ist positives besser ?) Beispiel für die Vermeidung anstößiger, beleidigender oder gar diskriminierender Worte und Wortverbindungen. Auch der vielbesungene Klimawandel (wenn er denn verantwortlich auch dafür gemacht werden kann) hat dazu beigetragen, dass es während der überstandenen Feiertage an der Empörungsfront, Kampfabschnitt Diskriminierung ruhig war.
Nichts von weiß wie Schnee, weißem Weihnachtsfest, ringsum alles weiß .....
Ich habe in meinem Sprachgebrauch auch schon das "Weißt du ?" durch "Verstehst du ?" ersetzt, habe aber nicht so viel Hoffnung. "Verstehst du ?"

Anonym hat gesagt…

Wie hier schon zum etlichsten male thematisiert, hat sich das deutsche Blasrohrkriechervolk wieder in Wahnideen mit einer geradezu bitbullhaften Wut verbissen. Diese Wahnideen sind eine abartige Melange aus Nationalmasochismus, Nazo-Verfolgungswahn, Gleichheitswut, und MukuFmiÖkoSozialismus.
Da die Realität sich freilich weigert, sich in solch irrsinnige, in sich haarsträubend widersprüchliche Prinzipein modellieren zu lassen, werden sie eben permanent und überall verletzt und gebrochen.

Solches wird allerdings von den Diskurshoheiten nur zum Anlass genommen den Schuld-Kult, eine neue Pseudo-Religion intensiver zu zelebrieren, indem sie den Blasrohrkriechern permanent unterstellt, nicht willfährig und inbrünstig genug, den oben genannten , neuen, dekretierten, heiligen Dogmen gemäss zu denken und zu handeln.

Ergo oszilliert dieses Land von einer Hype zur anderen von einer Hyperventilation zur nächsten, ein hysterischer Aufschrei folgt dem anderen. Und immer werden neue, arme, „exkludierte“ Gruppen entdeckt, die von den „autochthonen Faschisten“ „diskriminiert“, „unterdrückt“, ja sogar „ausgemerzt“ werden. Sogar schwerste „Inkompatibilitäten“ zwischen diversen Gruppen (z. B. Feminist_Innen und Musel-Machos) werden auf unser Schuld-Konto gebucht.

Dass der neue bundesdeutsche Wahn , maximale MuKu-Vielfalt bei gleichzeitiger Gleichheit, völlig absurd ist, das wird deutschen prinzipienreiterischen , ideologieversessenen, starrsinnigen, fanatischen Dressureliten nie einleuchten. . Denn die meinen in ihrem Grössenwahn immer noch, sie könnten Naturgesetze verbiegen und der Realität Vorschriften machen.

ppq. so hat gesagt…

bereitschaft zum beleidigtsein im bedeutungssinn

aber das klingt doch scheiße

Teja hat gesagt…

Wahre Toleranz kann halt nur aus echter Überzeugung heraus praktiziert werden. Heute, mit der allgemein grassierenden Unsicherheit in allen Bereichen wachsen auch proportional dazu die Angriffsflächen.

Stuff hat gesagt…

"bereitschaft zum beleidigtsein im bedeutungssinn
aber das klingt doch scheiße"

Also adäquat zum Vorgang…

:-)

ppq. so hat gesagt…

teja, so milde?

Anonym hat gesagt…

"Das Ego oszilliert eben von einer Hupe zur anderen.."

wahre toleranz kann nur aus echtem Mitgefühl heraus praktiziert werden, aus wahrer selbst-erkenntnis. davon verstehen die wenigsten etwas.. wem will man vorwerfen?
es ist eben einfacher mit ausgestrecketem zeigefinger, als dem eigenen kleinen hitler zu begegnen, die eigene hartherzigkeit, seelische begrenztheit anzusehen.
so ist eben das menschsein, na und