Google+ PPQ: Die Stille nach dem Schuß

Montag, 3. Dezember 2007

Die Stille nach dem Schuß

Ein bestaunenswerter Vorgang spielt sich in diesen Vorweihnachtstagen ab. Oder besser gesagt: Er spielt sich eben gerade nicht ab. Ein 17-Jähriges Mädchen wird an einem Samstagabend von vier glatzköpfigen Neonazis in "NSDAP-Jacken" (dpa) überfallen, ihr wird ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt - und was geschieht danach?

Nichts. Die Medienmaschine macht Pause. Keine Reportagen vom Parkplatz hinter der Norma-Filiale. Keine tiefgründige Betrachtung über das Wesen des Mittweidaers ansich und seinen Hang zur Gewalt. Keine feuilletonistische Annäherung an die Geisteswelt von Plattenbaubewohnern, wie sie zur Reportage-Routine in solchen Fällen gehört, seit sich die 17-jährige Hallenserin Elke vor 13 Jahren selbst ein Hakenkreuz in die Wange ritzte. Kein "Stern-TV"-Interview mit dem Opfer, kein "Spiegel"-Titel mit der Zeile "Die Mutige", kein Bild-Knaller mit Kinderfotos der Couragierten. Nichts.

Atemberaubende Stille ringsum. Trotz inzwischen ausgelobter 5000 Euro Belohnung für Hinweise auf Täter oder auch nur Tat hat sich kein Zeuge gemeldet. Wie auch. Zwar hatte das Opfer berichtet, zahlreiche Anwohner hätten ihrer Mißhandlung von ihren Balkonen aus zugesehen. Doch inzwischen hat die Süddeutsche Zeitung immerhin herausgefunden, dass dafür wenig spricht: "Sämtliche Läden hatten zu, und der Platz vor dem Supermarkt war in Dämmerung gehüllt", heißt es in einem vorsichtig formulierten Bericht, der den Umständen der Tat im übrigen wenig Platz, den Reaktionen dafür aber umso mehr einräumt.

Der Kontrast des rund um den Fall von Mittweida ausgebrochenen kollektiven Schweigens im Blätterwald zum sonst in solchen Situationen üblichen Rummelradaus lässt kaum Zweifel daran, wie die Journaille die Lage wirklich einschätzt: Ein Mädchen, mutig genug, gegen vier Skinheads Front zu machen, bekommt ein "Hakenkreuz in die Hüfte geschnitten" (dpa), geht danach nach Hause - und erzählt ihren Freundinnen nichts von dem Vorfall? Und auch ihrer Mutter erst nach neun Tagen?

Eine Frage, die auf der Hand liegt. Aber nicht gestellt wird. Im Gegensatz zu den PPQ-Nutzern, von denen nach unserer aktuellen Umfrage 86 Prozent die Aussagen des Mädchen für zumindest "fragwürdig" halten, gibt es im medialen Jammertal Deutschland keinen Nachfragebedarf. Nicht danach, wieso ein Mensch sich nicht selbst ein Hakenkreuz in die Hüfte ritzen können sollte. Nicht danach, warum niemand außer dem Mädchen Männer in NSDAP-Jacken gesehen hat. Und nicht danach, weshalb die Bedrohte während der Untat nicht nach Hilfe gerufen hat, wenn doch nebenan viele, viele Menschen auf ihren Balkonen in die Dunkelheit schauten.

Vermutlich ist der Grund ganz einfach. Es ist die Angst vor der falschen Antwort, die den Fragewillen der professionellen Beschreiber lähmt. Unvorstellbar die Blamage, wenn sich nach dem erfundenen Freibad-Mord von Sebitz, dem selbstgemachten Hakenkreuz von Halle und der zum staatsbedrohenden Nazi-Mordversuch umgelogenen Schnapsschlägerei von Potsdam erneut eine schlagzeilenträchtige Gewalttat als in Wirklichkeit doch etwas anders herausstellt.

So dient der Mittweidaer Bürgermeister Damm einstweilen als Kronzeuge für die Echtheit des Grauens. Dass die 17-Jährige, die für ihr mutiges Einschreiten demnächst einen Preis erhalten wird, sich "die Sache ausgedacht haben könnte", hält er für "unwahrscheinlich". Der Jurist hat lange mit ihr gesprochen, zitiert die SZ, und ist danach überzeugt: "Sie ist glaubwürdig"‘, sagt er, "sie stammt aus einer guten Familie in Mittweida". Gute Familie. Der ultimative Wahrheitsbeweis.

Wie der Hinweis darauf, dass das Mädchen es selbst gewesen sein könnte, rein belohnungstechnisch behandelt wird, bleibt abzuwarten. Wir haben ihn hiermit jedenfalls gegeben und damit für den Fall der Fälle schon mal Ansprüche angemeldet. Natürlich wollen wir das Geld nicht für uns und unsere schmutzigen Zwecke. Wir würden es selbstverständlich spenden - am liebsten an Miteinander e.V. und die Akteure vom Netzwerk Gegenpart.

1 Kommentar:

panzerbummi hat gesagt…

und was machen die dann mit der kohle? eine kampagne für mehr zivilcourage. da können wir das geld auch versaufen.