Google+ PPQ: Originelle Opfer gesucht

Freitag, 1. Februar 2008

Originelle Opfer gesucht

Gut erzählt ist halb geglaubt, so war das schon bei den Gebrüdern Grimm. Ergänzen darf man heute: Fleißig weitererzählt wird wahr. Heiner Geißler zum Beispiel, ein gebürtiger Sozialdemokrat, der irrtümlich in die CDU eingetreten ist, das aber nie zugeben wollte und deshalb einfach blieb, prangerte jetzt an, dass Nokia seinen Bochumer Mitarbeitern angeboten habe, samt ihrer Familien nach Rumänien umzuziehen und dort zum rumänischen Lohn zu arbeiten. das sei "unmoralisch", so Geißler.

Dass es nicht nur unmoralisch ist, sondern einfach nicht wahr, interessiert Geißler nicht. Dennoch blieb er natürlich die Antwort auf die ungestellte Frage schuldig, ob es vielleicht sogar noch unmoralischer sein könnte, zu lügen, um das völlig fiktive unmoralische Handeln eines anderen anzuprangern.

Eine Frage, die uns in Mittweida beantwortet wird. Dort bekommt eine 17-Jährige, die am 23. November nach eigenen Angaben Opfer eines extremistischen Übergriffs wurde, bei dem ihr vier mutmaßliche Rechte ein Hakenkreuz in die Hüfte ritzten, einen Preis für angewandte Zivilcourage.: Mit dem "Bündnis für Menschenwürde gegen Rechtsextremismus im Landkreis Mittweida" ,der "Aktion Noteingang" und dem Berliner "Bündnis für Demokratie und Toleranz - gegen rechte Gewalt" stehen gleich drei hochmoralische Institutionen bereit, das bislang durch keinerlei Beweis belegte mutige Eingreifen des Mädchens gegen vier Skinheads, die ein sechsjährigen Aussiedlerkeit belästigten, das sich zum Zeitpunkt der Tat nicht in der Stadt befand, mit dem Preis ,Aktiv für Demokratie und Toleranz‘ zu ehren.

379 Einsendungen mit Hinweisen auf besonders couragiertes Vorgehen gegen rechte Umtriebe gab es, keiner war origineller, zu Herzen gehender und damit preiswürdiger als dieser - nach allen vorliegenden Fakten - frei erfundene. Heiner Geißler, der seine Lügen längst selbst glaubt, würde Beifall klatschen: Denn was ist ein echtes Opfer gegen ein originelles? Und was die trübe, traurige Wahrheit gegen eine wirklich gut erfundene Geschichte?

1 Kommentar:

breie fresse hat gesagt…

Sie ringt mit den Tränen, als sie nach der Preisverleihung zu ihrer Dankesrede ansetzt. «Einfach nur Danke will ich sagen», stottert Rebecca K.

ins Mikrofon. Die rund 150 Gäste im Ratssaal der Stadt Mittweida schauen etwas verlegen. Aber die junge Frau, die am Freitag für ihre Zivilcourage geehrt wird, weil sie sich gegen eine Gruppe Neonazis gestellt hat, bekommt die Situation schnell wieder in den Griff. «Danke» sagt sie noch einmal. «Auch wegen dem Schwachsinn, den der Staatsanwalt da ´rausgehauen hat.»

Der «Schwachsinn», das sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die 18-Jährige wegen des Vortäuschens einer Straftat. Alles dreht sich dabei um die Frage, was genau an jenem 3. November auf einem Supermarktparkplatz in Mittweida passiert ist. Rebecca K. hat angegeben, sie sei zunächst einem Aussiedlermädchen zu Hilfe geeilt, das von mehreren Neonazis bedrängt wurde. Diese seien dann über sie hergefallen und hätten ihr ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt. Der Fall hatte für großen Wirbel weit über Mittweida hinaus gesorgt. Allerdings gibt es bis heute keine Zeugen, die Rebeccas Version bestätigen.

Die Verleihung des Ehrenpreises des bundesweiten Bündnisses für Demokratie und Toleranz ist deshalb durchaus umstritten. Für Kopfschütteln hatte seinerzeit auch das Vorgehen der Staatsanwaltschaft gesorgt, die erst Wochen später erklärte, es sei doch nicht auszuschließen, dass sich die damals noch 17-Jährige möglicherweise das Hakenkreuz selbst in die Haut geritzt haben könnte. Da war Rebecca schon längst zum leuchtenden Vorbild im Kampf gegen Gewalt von Rechtsextremisten geworden.

Die Initiatoren des Bündnisses für Demokratie und Toleranz stehen Rebecca K. bei und sehen die Ermittlungen gelassen. Was sich in den vergangenen Monaten an Zweifeln erhoben habe, sei kein Grund, auf die Auszeichnung zu verzichten, sagt die ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin Cornelie Sonntag-Wolgast in ihrer Laudatio. Diese Zweifel seien nicht belastbar, vielmehr müsse es darum gehen, Menschen Mut zu machen, sich für andere einzusetzen und Zivilcourage zu zeigen. «Zivilcourage ist leider keine Selbstverständlichkeit in unserem Land», fügt Sonntag-Wolgast hinzu.

„Wir hatten bereits direkt nach dem Vorfall im November beschlossen, der jungen Frau den Preis zu verleihen, als noch davon ausgegangen wurde, daß sich der Vorfall so zugetragen hat. Nach unserer Kenntnis gibt es bislang auch keine unterschiedlichen Ergebnisse“, sagte Sonntag-Wolgast. Zudem habe man die Entscheidung für die Preisverleihung auch als „Signal für die Zivilbevölkerung“ getroffen und nicht allein auf die Person der Frau bezogen.

Warum man aber nicht die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsergebnisse abwarte, wollte Sonntag-Wolgast nicht sagen. Solange die Schuld nicht bewiesen sei, gelte immer noch die Unschuldsvermutung.

Zudem sei der Preis vorläufig undotiert und erst einmal symbolisch zu sehen. Die junge Frau solle aber einen Wunsch äußern dürfen, „wie man ihr etwas Gutes tun könne“, sagte Sonntag-Wolgast. Sollte es sich dabei aber um einen Geldwunsch oder etwas ähnliches handeln, werde man zuerst die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft abwarten. Sollte sich zudem wider Erwarten doch herausstellen, daß der Überfall nur vorgetäuscht war, müsse man damit offensiv umgehen und dies dann auch thematisieren.