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Donnerstag, 31. Juli 2008

Immer Ärger mit dem Wetter

Kein Zweifel: das Wetter tanzt seit geraumer Zeit so aus der Reihe, daß man wohl kaum mehr von einer bloßen Laune des Wettergottes reden kann. Die sibirische Kälte des verflossenen Winters, die ungewöhnliche Wärme und Trockenheit des vergangenen Sommers, der ungewöhnliche Niederschlagsreichtum dieses Winters. — sie sind so augenfällig, daß wir kaum die genauen meteorologischen Beobachtungsdaten zu Hilfe zu nehmen brauchen, um uns von dem Umfang dieser Abweichungen vom Normalzustand zu überzeugen.

Gleichwohl dürfte es auch für den, der dem Wetter nur als „Normalverbraucher“ gegenübersteht, nicht uninteressant sein, daß im verflossenen Sommer in Mitteldeutschland nur halb so viel Regen gefallen ist wie im Durchschnitt der vergangenen siebenundzwanzig Jahre und daß der Sommer über 100 Tage mit Temperaturen über 25 Grad, gegenüber 30 bis 40 solchen Tagen in normalen Sommern, und mehr als 50 Tage mit über 30 Grad gegenüber einigen wenigen solchen Tagen in normalen Sommern gebracht hat. Hinzu kommt, daß schon im vergangenen Winter die Niederschlagsmenge um fast vierzig Prozent unter dem Normalwert lag. Dies alles und die ungleichmäßige Verteilung der Niederschläge hat zusammen mit der starken Sonneneinstrahlung den verflossenen Sommer für Pflanzenleben und Ernte zu einem der ungünstigsten seit Generationen werden lassen.

So wenig nun die Meteorologen diese ungewöhnlichen Wetterverhältnisse vorauszusagen vermochten, so wenig können sie uns sagen, ob wir mit diesen Abweichungen nicht vielleicht sogar einer grundlegenden Änderung unseres Klimas gegenüberstehen. Einigkeit besteht nur darüber, daß die anormale Wetterentwicklung durch Vorgänge in der Erdatmosphäre bedingt ist. Veränderungen auf der Erdoberfläche, wie Dränagen, Kanalisierung von Flußläufen, Abholzung von Wäldern, kurz Veränderung von Faktoren, die die Wirkung der Sonneneinstrahlung und der durch sie hervorgerufenen Luftströmungen beeinflussen, mögen zwar eine gewisse Rolle spielen, doch liegen die tieferen Ursachen des ungewöhnlichen Wetters zweifellos in Störungen der allgemeinen Zirkulation der Erdatmosphäre. Diese Zirkulation zeigte im letzten Sommer eine deutliche Schwächung, deren letzte Ursachen schwer zu bestimmen sind, weil in ihr so viele Einflüsse sich verstärkend und schwächend überlagern, daß wir mit unseren Mitteln nicht herausfinden können, welcher davon der eigentlich steuernde ist. Möglicherweise sprechen hier Sonnenflecken oder andere Erscheinungen des Kosmos mit. Man weiß aber, daß solche Schwankungen des atmosphärischen Kreislaufs in bestimmten Rhythmen auftreten. Die letzte große unter den Trockenperioden, die jeweils zugleich Perioden verstärkter Temperatur- und Klimagegensätze zwischen Sommer und Winter sind, lag um 1860; um 1930 war eine maritime Feuchtigkeitsperiode mit vermindertem Sommer-Winter-Gegensatz festzustellen, und seitdem steigen die Temperaturgegensätze zwischen Sommer und Winter wieder an. Die Erkenntnis, daß es sich hier um Klimaschwankungen handelt, wie sie auf der ganzen Erde nachzuweisen sind, bedeutet die Gewißheit, daß wir kaum mit einer weiter fortschreitenden Verschlechterung unseres Klimas zu rechnen haben. Nach der Meinung Dr. Loßnitzers, des Leiters der bioklimatischen Abteilung des Deutschen Meteorologischen Dienstes in der französischen Besatzungszone, haben wir zwar noch mehrere Jahre lang mit zunehmendem Kontinentalklima zu rechnen, doch dürften sich so starke Schäden wie 1946/47 kaum wiederholen, weil sie durch das Zusammentreffen besonderer ungünstiger Faktoren bedingt waren.

Für die langfristige Wettervoraussage darf man sich von solchen periodischen Erscheinungen aber nicht allzuviel erhoffen. Die Meteorologen haben nämlich eine ganze Reihe von Perioden verschiedener Längen erkennen zu können geglaubt — solche von sechs, von elf, von fünfzehn, sechzehn, achtzehneinhalb, vierundzwanzig Jahren, von dreiunddreißig bis sechsunddreißig, von vierundvierzigeinhalb, ja von neunundachtzig Jahren –, und wenn sie alle zutreffen, so bringen sie eine vielfältige Überschneidung mit sich, die teilweise die Einflüsse einer jeden von ihnen wieder aufheben.

Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß auch noch viel längerdauernde Klimaperioden hier eine Rolle spielen. Und hier hat nun die Vorgeschichtsforschung Feststellungen gemacht, die von geradezu bestürzendem Charakter sind. Sie glaubt nämlich in der ganzen überschaubaren Geschichte des europäischen Raumes Klimaperioden von achthundertjähriger Dauer erkennen zu können.

Landeskonservator D.O. Paret, Ludwigsburg, geht von der Erkenntnis aus, daß die im Bodensee und in anderen Voralpenseen erhaltenen Pfähle, die irrigerweise auf Pfahlbauten zurückgeführt werden, nur die Wand- und Eckpfosten ebenerdiger Hütten und Siedlungen auf trockenem Boden waren, daß es also an diesen Seen einmal eine hundert bis zweihundert Meter breite Randzone mit Strandsiedlungen gegeben hat und der Wasserspiegel offenbar mindestens fünf Meter niedriger gelegen hat als heute. Das setzt aber eine Trockenzeit von mehreren Generationen Dauer voraus. Da es solche „Pfahlbauten“ zweimal gegeben hat, einmal um rund 2000 vor Christus und später wieder um 1200 vor Christus, haben offenbar zwei große Klimaschwankungen bestanden, die um etwa achthundert Jahre auseinanderlagen. Beide haben zu großen Völkerbewegungen geführt: die verödeten Steppen zwangen ihre Bewohner, in feuchtere, fruchtbarere Gebiete vorzudringen.

Für eine umfangreichere und längerdauernde klimatische Veränderung in unseren Breiten sprechen auch Beobachtungen, die in den Ländern und Meeren des hohen Nordens seit einer Reihe von Jahren gemacht worden sind. Dazu gehört zum Beispiel, daß die sogenannte nordöstliche Durchfahrt, das heißt die Fahrt vom europäischen Eismeer um Sibirien herum nach dem Stillen Ozean, seit fast zwanzig Jahren immer häufiger und ungefährdeter zurückgelegt werden konnte, während sie früher nur in ganz wenigen Jahren im Sommer möglich war. Die Gletscher auf Spitzbergen, in Franz- Josefs- Land, auf Nowaja Semlja sind erheblich zusammengeschmolzen, im Eismeer sind Fischarten aufgetreten, die sonst nur in wärmeren Gewässern zu finden waren, bei Spitzbergen ist die Wassertemperatur in den letzten Jahren ständig um einige Zehntel Grad im Jahr gestiegen. Nach Prof. Dr. B. Hennig lassen alle diese Anzeichen auf eine Verlagerung der Klimazonen schließen. Insbesondere drückt sich darin die Verschiebung des sonst in der Gegend der Azoren liegenden Hochdruckgebietes bis nach Nordeuropa und über die Ostsee hin aus, die in Deutschland die fast ständige Neigung zu östlicher Luftströmungen mit heiterem Himmel, eisigen Ostwinden im Winter und starker Sonneneinstrahlung im Sommer, im hohen Norden dagegen stärkere Luftströmungen aus Süd und West zur Folge hatte.


Das bedeutet: die prinzipielle Unmöglichkeit wissenschaftlich exakter Prognosen für Teilgebiete der Erde schließt nicht aus, daß man einmal für die Praxis genügend genaue regionale Prognosen wird aufstellen können. Das Netz der meteorologischen Stationen in der Arktis wird immer dichter, und wenn schließlich das Nordpolargebiet mit genügend Stationen überzogen sein wird, wird die Meteorologie die Atmosphäre über der ganzen nördlichen Erdkugel beherrschen, ein Teilgebiet, das nur noch einen Rand, die Subtropen, aufweist. Wenn dann noch eine aerologische Kontrolle der Subtropen hinzukommt, wird man vermutlich auch ohne Welt-Wetterinstitut in der Lage sein, für die Gebiete unserer Breiten kurzfristige Prognosen aufzustellen, die den Forderungen des praktischen Lebens immer besser entsprechen.


Von Kohlendioxid ist nicht die Rede, sonst aber könnte das Textchen korrekturlos in jede Tageszeitung von morgen eingepaßt werden. Nicht so lang natürlich, denn so lang schrieb man anno 1948, das Jahr, in dem der Artikel in der Zeitschrift "Athena", Heft 5, S. 15-19, erschien. Danke noch an Frank Wettert, der ihn entdeckt hat.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

"...Die sibirische Kälte des verflossenen Winters, die ungewöhnliche Wärme und Trockenheit des vergangenen Sommers..."

Öhmm, von welchem Land sprichst du hier? Bei uns im Nordwesten Deutschlands hat es im letzten Winter nicht einen Tag gefrohren. Ich habe den Winter über praktisch nicht geheizt und eine Menge Geld gespart. Und der Sommer 2007 war doch eher schlecht (im Vergleich zum WM-Sommer 2006).

Also, ich erkenne beim Wetter keine 'Abweichungen vom Normalzustand'.

Gruß, HM