Google+ PPQ: Leben im Konjunktiv

Donnerstag, 7. Mai 2009

Leben im Konjunktiv


Das Anbauverbot für die Mais-Sorte MON 810 des Saatgutkonzerns Monsanto, das vom Verwaltungsgericht Braunschweig am Dienstag per Eilentscheidung bestätigt wurde, ist in der Reihe aktueller legislativer, exekutiver und judikativer Eingriffe in menschliches Verhalten ein besonders würdiges Exemplar. Die Richter sehen eine Gefahrenlage, die ihre Entscheidung begründen soll. Zwar gebe es keinerlei gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die diese Gefahrenlage auch nur wahrscheinlich erscheinen lassen. Aber möglich ist eben vieles. Also fahren die Juristen fort, es genügten schon Anhaltspunkte, dass Menschen oder Tiere geschädigt werden könnten, um Monsanto nicht weiter forschen zu lassen.
Soviel Konjunktiv war nie. Beweise gibt es nicht, Indizien (als laut Wikipedia „erwiesene Tatsachen, aus denen in Schlussfolgerung der Beweis für eine andere, nicht unmittelbar beweisbare Tatsache abgeleitet wird“) eigentlich auch nicht. Aber „Anhaltspunkte“ und Möglichkeiten. Bei einem ideologisch aufgeheizten Thema scheint das zu reichen. Auch die Änderung des Waffenrechts, die von der Koalition gerade auf den Weg gebracht wird, funktioniert ähnlich. Belastbare Hinweise darauf, dass Paintball die Moral untergräbt, Empathie verhindert oder schlicht und ergreifend dumm macht? Fehlanzeige.
Eigentlich alle der im PPQ-Archiv „Verbot der Woche“ aufgelisteten hektischen Aktivitäten von Politikern, Polizisten oder Staatsanwälten beruhen auf „so einem Gefühl“. Auf Wissenschaft (oder wenigstens den gesunden Menschenverstand) kann dabei offensichtlich verzichtet werden. Ein bisschen Bauchgefühl, ein wenig Populismus und statt einem eingeschalteten Gehirn das Ohr an der Menge – fertig ist das Verbot.
Ein bisschen erinnert das an Nikita Chruschtschow, der im konkreten Fall anordnete, statt zu verbieten. Der stalinistische Entstalinisierer ließ aufgrund von könnte/sollte/hätte/würde in der DDR Rinderoffenställe errichten und hätte den Anbau von MON 810 als „Wurst am Stengel“ sicherlich begrüßt. Mangels verwerflicher Alternativen wurde herkömmlicher Mais genommen. Von fachlicher Seite gab es Einwände, was den an Diktatur gewöhnten Politbürokraten aber nicht störte. Hätte aber stören sollen: Beide Experimente gingen grandios in die Hose.

Kommentare:

nwr hat gesagt…

Ja, Verbot der Woche: Von irgendwelchem Saatgut, das über Blüten verbeitet wird, von dem niemand weiß, was es für Auswirkungen hat, das nur dem Gewinn eines Konzerns dient...

Bitteschön, endlich mal etwas zum befürworten. So gut, wie das Verbot der Woche, den Knopf zum Atombombenstart nicht gedrückt zu haben.

Dafür bringe ich heute noch was zu Mon810. Danke für die Anregung.

binladenhüter hat gesagt…

nee, da wiederspreche ich dir.
wenn diese "anhaltspunkte" reichen, mon810 zu verbieten, dann müssten handys verboten werden, autos müssten verboten werden (7000 todesopfer jedes jahr allein in D) und selbstverständlich müssten fetthaltige, alkoholhaltige etc. lebensmittel längst verboten sein

nwr hat gesagt…

Hier wurde doch nur einmal etwas verboten, weil der Widerstand gegen die Zulassung aus der Gesellschaft zu groß war. Dafür wird anderes Gengerümpel zugelassen und gleichzeitig soll es auch Anbauverbote für alte Kulturpflanzen geben:
http://www.zeitpunkt.ch/fileadmin/download/ZP_101/101_40-41_Gemuesepolizei.pdf

Die Reise geht doch hin zur totalen Nahrungsmittelkontrolle durch Großkonzerne wie Monsanto. Das ganze verseuchte Fressen kann man ja umgehen, wenn man Discounter meidet und beim Bauern seines Vertrauens einkauft, aber wenn er noch nicht einmal weiß, ob da nicht etwas vom benachbarten Gen-Feld zu ihm geweht wurde, dann weiß ich das noch weniger.

Richtig es müßte noch einiges verboten sein, vor allem eben solche Sachen, denen man sich nicht entziehen kann, selbst wenn man sie bewußt zu umgehen trachtet, wie eben Funkstrahlung.

ppq hat gesagt…

kein verbot wird den fortschritt aufhalten, der nunmal in ständiger optimierung und perfektionierung liegt. zumindets im versuch, dahin zu kommen.

krass gesagt: was glaubst du denn, was die leute auf dem raumschiff enterprise essen? wenn wir uns jetzt beide mal ins jahr 2800 beamen - genmais oder nicht?

wobei kein mensch hierzulande mon810 essen muss oder soll - das ist futtermais, der gebraucht wird, weil alle soviel fleisch fressen wie nie zuvor in der menschheitsgeschichte.

meine these dazu wäre: hätten die alten ägypter die möglichkeit gehabt, mon810 zu erfinden, hätten sies getan. und wir würden das zeug heute für ein tolle erfindung halten, der wir die ganzen fetten schweine verdanken.

das verbot ist quatsch, weil deutschland ohnehin nur promille des weltweiten genmaises herstellte. 99 prozent kommen von außerhalb hierher - und der import ist nach wie vor ERLAUBT.

du darfst dir also sicher sein, auch im bioschwein vom bauern nebenan ist ein mü drin - allerdings wohl auch ein mü von einstein, ein mü von hitler, ein mü von marx.

angst musst du nicht haben. die amis essen das fleisch, das mit genmais fettgefüttert wurde, schon seit jahren. bisher hat keiner dort das zum anlaß genommen, zu versuchen, sich millionen schadenersatz zu erklagen. warum wohl? vielleicht, weil es nicht den kleinsten hauch von hinweis gibt, dass der mais aus dem labor jemandem schadet?