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Dienstag, 19. Juli 2011

Abriss-Exkursionen: Ende der Ewigkeit

Am Ende ging alles ganz schnell. Jahrelang hatten Stadt und Land und Universität darum gestritten, wo ein neues geisteswissenschaftliche Zentrum seinen Standort finden solle. Weit draußen am Stadtrand? Oder am Marktplatz, wo ein gewaltiges klaffendes Loch von der Unfähigkeit der Stadtoberen kündet, auch nur die Ortsmitte besiedelt zu halten?

Die Wahl fiel folglich auf das Gelände der traditionsreichen landwirtschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität, gelegen im Hinterhof des halbzentralen Steintor-Platzes. Im April 1863 hatte Julius Kühn hier begonnen, einen Lehrstuhl für Landwirtschaft zu errichten, geisteswissenschaftlich insofern, als er das unter der Oberhoheit der Philosophischen Fakultät tat. Kühn kaufte Land, entwarf und verwirklichte eine universitätseigene Feldversuchsstation und startete den Dauerversuch "Ewiger Roggenbau".

Der Campus der landwirtschaftlichen Sparte der Uni, die kurz nach Hitlers Machtergreifung den Ehrennamen Martin-Luther-Universität verliehen bekommen hatte, ist heute ein verwirrendes Labyrinth von Ställen, Baracken, Laboren und verwinkelten Bürogebäuden. Es riecht nach Dung und Mist, in dunklen Kellern lagert Fachliteratur über Kartoffelzucht, die noch aus DDR-Zeiten stammt, daneben trocknen seit Jahren Maiskolben im Wind, die inzwischen völlig mumifiziert sind.

Vor allem die Luft im Hauptgebäude schmeckt nach menschenverachtenden Experimenten. Stapel vermoderter Fachzeitschriften, ein Dutzend Computerbildschirme und Giftgasschutzduschen - ein Hauch von Area 51 weht durch die seit langem verlassenen Säle, die Sprayern als Atelier dienen. Denkmalgeschützt sind die Gebäude, aber abgerissen werden die meisten nun dennoch, denn das Geld für den geplanten Neubau eines Campuskomplexes für fast alle Geistes- und Sozialwissenschaften der Uni Halle reicht hinten und vor nicht und schon gar nicht für aufwendige Sanierungen.

Dafür warnt der Studentenrat schon, dass "die entstehenden Gebäude in jeder Hinsicht zu klein" sein werden. Es gebe kaum Seminarräume, zu wenig Büros, keine Aufenthaltsorte und die Bibliothek werde "so klein, dass viele Bücher weggeworfen werden müssen".

Ein großer Schritt für das abgelegene Stadtviertel, ein kleiner für ehrwürdige Uni. "Trotz erheblicher Investitionssummen wird der geplante Bau keinem der anvisierten Zwecke gerecht", orakeln Kritiker angesichts des 52 Millionen Euro teuren Bauvorhabens, an dessen Ende eine "prekäre Situation" zu stehen verspricht.

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1 Kommentar:

Maiskolben hat gesagt…

Da würde ich ehrlichgesagt nicht lange warten bis etwas geschieht :)
Einfach mal unter Studis und Dozenten den Hut rumgehen lassen, ein günstiges Abrissunternehmen suchen und den popeligen Neubau dann auch gleich über Nacht wegmachen lassen :D