Montag, 24. August 2026

Svenman: Die Ortskraft

Sie nennen ihn "Svenman": CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze tut alles, um Unsicherheiten über den Wahlausgang gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Auf einmal war er wieder da, unerwartet beinahe schon, denn Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich drei lange Wochen Sommerurlaub gegönnt. Die Erwartungen waren hoch, was der 70-jährige Chefreformer in diesen Tagen wohl ausbaldowert haben mochte, um das Ruder seines langsam abtauchenden Regierungsschiffes herumzureißen. Im politischen Berlin wisperten Eingeweihte von einem "großen Wurf", das Wort vom "neuen Neuanfang" machte die Runde und selbst das Merz sich "neu erfinden" werde, schien nicht gänzlich ausgeschlossen.

Schmunzelnd und euphorisch 

Dann war er wieder da. Braun gebrannt von der Klimasonne, schmunzeln und fast schon euphorisch stand Friedrich Merz vor den herbeigerufenen Kameras mitten im Waldbrand-Krisengebiet und er ließ keinen Zweifel an seiner wiedergefundenen Entschlossenheit. Dieser Mann steht in Sturm und Gegenwind, doch er beugt sich nicht. Allen, die angesichts erodierenden Umfragewerte und der Ablehnung der "KleiKo" (Katharina Dröge) durch eine imposante Bevölkerungsmehrheit gehofft hatten, erteilte Merz kühl eine Absage. 

Keine neue Politik. Keine neuen Prioritäten. Nicht einmal neue Worthülsen.  Merz, braungebrannt und erholt neben dem Stumpf eines abgebrannten Baumes, sprach Klartext: "Ich will allen Leugnern sagen: Das ist der Klimawandel!", verkündete der Kanzler, und "Wir werden alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen". Im Hintergrund waren Buhrufe linker Regierungsgegner zu hören. In Magdeburg, wo CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze nach einem erneuten anstrengenden Tag an der Wahlkampffront kurz ausspannte von seiner "Mittendrin-Tour", brach ein Herz. 

Ein Herz bricht 

Es war das Herz des 47-Jährigen, mit dem die Landes-CDU im Januar in einem Nacht- und Nebelmanöver den langjährigen Landesvater Reiner Haseloff ersetzt hatte. Schulze sollte einen Startvorsprung für den Wahlkampf bekommen, Ressourcen der Staatskanzlei zur Werbung  nutzen können und damit  den bereits bedrohlich großen Rückstand zur führenden AfD aufholen. Schulze tat, was er konnte. Schnell aber war klar, das ist nicht viel.

Als "bedauernswertester Mann Deutschlands" fiel er im laufenden Wahlkampf immer weiter hinter seinen Konkurrenten Ulrich Siegmund zurück. Schulzes Bemühungen bewegten sich zwischen Versuch und Irrtum, selbstgemachtem Unglück und unglücklichem Pech. Den Bundeskanzler hatte der - damals noch selbstbewusste - sachsen-anhaltinische Landeschef der Union zu Beginn ausgeladen, danach gezielt mit einer Absage der Abschaffung der Rente mit 63 brüskiert.

Doch der Ein-Mann-Aufstand in der Provinz zündete nicht. Merz ließ den Sturm im Wasserglas aus seinem Feriendomizil unkommentiert. Der gewiefte Taktiker durfte sicher sein: Das wächst sich aus, bestenfalls mit Gewinn.

Im Armenhaus der Republik 

Der aber will sich nicht zeigen im umkämpften Armenhaus der Republik. Umso größer war Schulzes Hoffnung, seine geplante "Aufholjagd" (Schulze) wenn schon nicht ohne den Kanzler, dann mit ihm starten zu können. Zwei Wochen sind noch Zeit. Ein Friedrich Merz, der seinen populistischen Vorführungen im Kostüm des Wutbürger und den unverhohlenen Aufrufen zur Remigration von "Menschen, die unsere Kultur nicht akzeptieren" (Sven Schulze) mit einem Machtwort unterstützt, hätte die Karten neu gemischt.

Doch dann das. Der "Klimawandel" als Schlüsselwort nach drei Wochen Schweigen. Schulze schlug, Augenzeugen fehlen, aber nur so kann es gewesen sein, beide Händen vors Gesicht. Er atmete schwer. Ihm war im gleichen Moment klar geworden, dass seine Erwartung, Merz werde in seinem Kanzlerkandidatenkostüm wiederkehren, auf den Tisch schlagen und ein Ausfegen mit dem eisernen Besen ankündigen, vergebens war. "Klimawandel", das ist er Code für Weiterso. Klimawandel, das ist die unverschlüsselte Botschaft ans Wahlvolk, dass kein Unzufriedenheitswert und keine Unmutsbekundung diesen Kanzler von seinem "klaren Kompass" (Merz) abbringen wird.

Ein Abgang mit knallender Tür 

Umgehend zog Sven Schulze die Konsequenzen. Selbst für Außenstehende war das nicht zu übersehen: Keine 24 Stunden nach dem Tiefschlag aus dem Hürtgenwald, Sven Schulze hatte zwischendurch weitere Termine seiner Mittendrin-Tour absolviert, bei denen er reihum die letzten Getreuen der Partei trifft, überraschte der Ministerpräsident mit einer erneuten unerwarteten Volte seiner Wahlkampfgeschichte. Schulze sagte dem Berliner Aktivisten Tilo Jung einen bereits bestätigten Besuch in dessen Podcast "Jung und antisemitisch" ab. Es gebe Terminprobleme, so schwer, dass auch ein anderer Tag für den Besuch in Berlin nicht infragekomme.

So weit, so normal. Die Vorgeschichte aber macht den Rückzieher Schulzes zum Politikum: Vor kurzem erst hatte der Spitzenkandidat eine Einladung des "Unscribted"-Podcast-Betreibers Ben Berndt ausgeschlagen, weil er sich nicht gemeinsam mit seinem ebenfalls eingeladenen Rivalen Ulrich Siegmund vor Mikrofone setzen wollte. 

Auf Björn Höckes Stuhl 

Verständlich, denn im selben Studio in Köln hatte schon Bernd Höcke gesessen. Schulze hätte sich von Kritikern mit Sicherheit vorwerfen lassen müssen, er rede mit Leuten, die auch mit dem hessischen Anführer des extremen Flügels der in Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuften Partei sprechen. Zudem wollte Schulze vermeiden, Siegmund Augenhöhe zu gönnen - hier er, der Ministerpräsident. Dort der "Durfkerzenverkäufer", wie ihn  Phillip Amthor, der Staatsminister für die Bund-Länder-Beziehungen im Bundeskanzleramt, eben erst abgekanzelt hat.   

Ersatzhalber wurde Schulze sein Manöver zur Verteidigung der Brandmauer allerdings nun als Feigheit ausgelegt. Eine üble Unterstellung, wie der ehemalige EU-Parlamentarier nach einigen Tagen der Duldungsstarre klarstellte. Er scheue "kein Duell", hieß es nun offiziell. Doch er habe eben "neben dem Wahlkampf habe ich anderen Job: dieses Land als Ministerpräsident zu regieren". Deshalb "reise ich mitten im Wahlkampf nicht für einen Podcast in ein anderes Bundesland".

Attacke gegen das "Drückeberger"-Image 

Klare Kante. Nur fielen Schulze nun die eben erst absolvierten Gastspiels bei Markus Lanz in Hamburg und bei Sandra Maischberger in Berlin auf die Füße. Fans des Politikers aus der Börde verteidigten ihn zwar. Schließlich sind Lanz und Maischberger mit ihren - zusammengenommen - zweieinhalb Millionen Zuschauern ein ganz anderes Kaliber als Ben Unscribted, dessen Vier-Stunden-Gespräch mit Siegmund bis heute nur auf 4,8 Millionen Zuhörer kommt. Doch nach einiger Zeit des entschlossenen Zögerns reagierte Schulze mit der Zusage an Tilo Jung. Und einer Fahrt nach Berlin trotz aller Verpflichtungen als Ministerpräsident.

Jeder sollte sehen, dass er sich stellt. Keiner sollte an seiner Fähigkeit zweifeln, erst diesbezüglich entschlossen zu sein, es sich dann anders zu überlegen. Sich das dann aber auch schnell wieder anders überlegen zu können. Wenn ihm wie hier der Vorwurf gemacht wird, nun wolle er sein Bundesland ja offenbar doch verlassen, verwandelt sich Sven Schulze automatisch in die Ortskraft, die ihre Freunde den "Svenman" nennen: Bodenständig. Beweglich, aber in seiner Stellung verbunkert.

Der "Svenman"

Sven Schulze oszilliert. Sven Schulze führt einen Wahlkampf, wie ihn die Bundesrepublik noch nie erlebt hat. Der Mann, der seit Januar in der Magdeburger Stadtkanzlei sitzt, ohne dass er seine Bekanntheit merklich steigern konnte, tappert durch seine Kampagne wie ein Blinder, der durch ein Maislabyrinth irrt. Seine Botschaften sind rätselhaft. Sein Programm mutet an wie von einem Worthülsengenerator generiert. Als ihm endlich einmal nachgesagt wurde, er könne Lahme wieder gehen machen, dementierte er.

Nach sieben Monaten Wochen Aufholjagd hat er die Umfragewerte der CDU von 26 auf 22 Prozent gesenkt. Nach der Zu-Ab-Zu-Absage an die Podcaster stand er vor dem Glaubwürdigkeitsabgrund. Dann kam Friedrich Merz und gab ihn schmunzelnd einen leichten Schubs. Sven Schulze ist seitdem im freien Fall.

Ein höherer Plan 

Was wie ein Drama aussieht, das auch ein sehr persönliches wäre, könnte jedoch einem höheren Plan folgen. So viele Fehler, so viele Volten, die peinlichen Pannen und der Aufbau eines Images als Zitteraal  - das alles lässt sich mit Pech und Unfähigkeit nicht zu erklären. Allerdings mit strategischen Notwendigkeiten: Ein Svenman, der die CDU in Sachsen-Anhalt zu einem Wahlergebnis führt, das es der Partei erlaubt, gemeinsam mit der SPD und unter Duldung der Linkspartei zu regieren, erscheint aus Berliner Sicht weitaus problematischer als eine Wahlniederlage. Die würde der AfD für die kommenden Jahre die Last der Regierungsverantwortung zuschieben. Und es der CDU ersparen, sich selbst der Zerreißprobe auszusetzen, die ein Pakt mit den SED-Nachfolgern heraufbeschwören würde.

Je desaströser das eigene Wahlergebnis, desto sicherer die Einheit der Partei. Je weniger mobilisierend der Wahlkampf, desto sicherer die Katastrophe am 6. September. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Bemühungen Schulzes, den Wählerinnen und Wählern den Eindruck eines vollkommen verpeilten Spitzenkandidaten zu vermitteln, durchaus logisch. 

Der Holzclown des Urfin Jus

Auch die Einladung von Figuren wie Philipp Amthor als Wahlkampfhelfer ergeben plötzlich Sinn: Der Mecklenburger, bekannt geworden als Merz' gnadenlose Bürokratie-Kettensäge, gilt vielen Menschen in Ostdeutschland als eine Art Polit-Clown. Ältere fühlen sich häufig erinnert an Eot Ling, den Holzclown, den der menschenscheue Eigenbrödler Urfin Jus in Alexander Wolkows Buch "Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten" mit Zauberpuder zum Leben erweckt.

Jemanden wie ihn als Wahlkampfhelfer einzusetzen, hat auf potenzielle Wähler dieselbe Wirkung wie glimmendes Kaffeepulver auf Bienen, lautes Geschrei auf Rehe im Wald oder ein Podcast-Gespräch mit dem progressiven Agitator Tilo Jung auf eher bodenständig-konservative Menschen in der Börde und im Burgenland. Fast 20 Prozentpunkte Rückstand hat die CDU auf die extremistische Konkurrenz, "Svenman" müsste von heute an jeden Tag mehr als ein Prozent zulegen, um die Wahl zu gewinnen. Deutlich größer sind seine Aussichten, mit einer Fortführung seines Totentanz-Wahlkampfes eine immer noch drohende Parlamentsmehrheit der ehemaligen Volkspartei im Schulterschluss mit den SED-Erben zu verhindern. 

Die Zeit, die früher nie war 

Läuft alles gut, wird Sven Schulze  anschließend die stärkste Oppositionspartei führen. Und sich bei der nächsten Landtagswahl nicht mehr sagen lassen müssen, dass er das Zwei-Millionen-Menschen-Land mit in die Krise regiert habe und ihm nun niemand glaube, dass er bald alles besser machen werde. Sollte der Russe wider Erwarten 2030 doch noch nicht einmarschiert sein, stiege Svenman wie Phönix aus der Asche: Ein starker Mann, der für radikale Änderungen steht - zuürck in die gute alte Zeit, die früher nie war.