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| So wird es eines Tages gewesen sein: Queere Truppen der EU-Armee befreiten 1945 das von gesichert rechtsextremistischen Bestrebungen unterjochte Berlin. |
War es der 7. Mai? Der 8. oder doch der 9.? Auch 81 Jahre später können sich die Nachgebortenen nicht einigen, wann der größte Krieg aller Zeiten wirklich zu Ende ging. Fakt ist, dass Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes im Oberkommando der Wehrmacht, am 7. Mai um 2.41 Uhr morgens in einem Zimmer einer Schule im französischen Reims die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterschrieb, als Vertreter der Wehrmacht.
Fakt ist aber auch, dass die unterzeichnete Kapitilationsurkunde nicht die war, auf die sich Experten aus Washington, London und Moskau in monatlelangen Verhandlungen geeinigt hatten.
Die vielen deutschen Kapitulationen
General Bedell Smith, der Stabsschef von US-Präsident Dwight D. Eisenhower, hatte die von einem extra begründeten Drei-Staaten-Gremium mit dem Namen "Europäische Beratungskommission" (European Advisory Commission, abgekürzt EAC) sorgfältig ausgearbeitete Vorlage für Deutschlands bedingungslose Kapitulation nicht mit auf den Weg bekommen.
Als klar war, das Jodl irgendetwas unterschreiben wollte, um allem ein Ende zu machen, wies Smith kurzerhand drei Offiziere an, sich Kapitulationsdokumente auszudenken. Jodl unterschrieb. Der Kireg war vorüber.
Bis Josef Stalins bemerkte, dass Bendell Smith die vorbereiteten Kapitulationspapiere hatte unterzeichnen lassen. Der Verbindungsoffizier des Diktators vor Ort hatte das bemerkt. Vorsichtshalber hatte niemand General Iwan Susloparow mitgeteilt, dass es nur eine richtige Kapitulationsurkunde geben dürfe. Stolz hatte Suslaparow folglich nach Moskau gemeldet, dass er für die Sowjetunion unterzeichnet habe.
Die Mappe im Top-Secret-Schrank
Stalin konnte es nicht fassen. Erst auf Intervention aus Moskau, der Kreml bestand auf einem Kriegsende wie im EAC-Abkommenas vorgesehen, wühlten sie im US-Hauptquartier noch einmal alle Kisten durch. Und siehe da: Eine blaue Mappe im Top-Secret-Schrank von General Smith, enthielt die richtige Kapitulationsurkunde.
Wie viele Jahre bei einer Berliner Koalition, die zugleich erledigt ist und tatendurstig, und bei einem Walfisch, der tot und im selben Moment quicklebendig, hatten die Deutschen kapituliert, aber eben auch nicht.
Der Krieg war zu Ende. Aber er war nicht beendet. Jodl hatte Dokumente über eine Kapitulation unterschrieben, die nicht, darauf bestand Stalin, die "offizielle Kapitulation" Deutschlands sein konnten, weil sie nicht die offiziellen Formulierungen enthielten.
Reine Formsache
Es musste alles schnell gehen. Im Hinterzimmer vereinbarten alle vier Seiten, dass der echte Akt, als "Formalisierung" bezeichnet, dann eben am Tag danach in Berlin vollzogen werde. Auch das Vorhaben aber misslingt. Die Verkehrsinfrastruktur ist angeschlagen. Die Nachrichtenwege sind verschlungen.
Als Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff (für die Luftwaffe) und Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg (Marine) die richtigen Dokumente für die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht und aller Teilstreitkräfte in Berlin-Karlshorst vor sich liegen haben, zeigt die Uhr schon nach Mitternacht. Es ist der 9. Mai, an dem die "endgültige Kapitulationsurkunde" unterzeichnet wird. Im Grunde rückwirkend, denn nach den Festlegungen des Papiers hatte schon um 24 Uhr war mit der Umsetzung begonnen werden sollen.
Rückwirkend in Kraft
Ehe sich alles herumspricht, dauert es noch einen ganzen Tag. Dass das neue, das Berliner Dokument nur wenige signifikante Änderungen gegenüber dem aufweist, das einen Tag zuvor in Reims unterzeichnet wurde, sppielt keine Rolle. Klaus Kahlenberg, der letzte Sprecher des Reichssenders Flensburg, der das letzte Sprachrohr der letzten Reichsregierung von Karl Dönitz ist, an der die Ereignisse berührungslos vorbeibranden, verliest erst am frühen Abend des 9. Mai um 20:03 Uhr den letzten Wehrmachtbericht.
"Seit Mitternacht schweigen nun an allen Fronten die Waffen", sagt er. Josef Stalin hält am selben Tag eine Siegesansprache. "Da wir die Wolfsnatur der deutschen Machthaber kennen, die Verträge und Abkommen als einen bloßen Fetzen Papier betrachten, haben wir keinen Grund, ihnen aufs Wort zu glauben", sagt er.
Wie recht er hat: Für Deutschland wird der 8. Mai, an dem weder die erste Kapitulation vom 7. noch die zweite vom 9. erfolgte, je nach Geschmack zum "Tag der Befreiung" oder Tag der Niederlage. Russland, Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Moldau, aber auch die Kanalinseln Guernsey und Jersey feiern den 9. als Tag des Sieges.
So wird Geschichte geschrieben
Ein imponierendes Beispiel, wie Geschichte geschrieben wird. Bis heute sind Politiker bestrebt, auf ähnliche Art und Weise über die reine Gestaltung der Gegenwart hinauszugehen. Wenn die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas selbstbewusst sagt, es finde keine Einwanderung in die Sozialsysteme statt, dann hofft sie nicht etwa, dass ihr jemand glaubt oder niemand widerspricht. Sie weiß, dass weder das eine noch das andere etwas daran ändert, dass sie klargemacht hat, wie sie sich die Wirklichkeit wünscht.
Bas ist nur eine aus der Berliner Runde, die sich von der Realität nicht kleinkriegen lässt. Als ihr Kollege Lars Klingbeil jetzt allen Medien mitteilte, dass er in diesem Jahr Steuermindereinnahmen von 17,8 Milliarden Euro erwarte, unterschrieben ihm Dutzende großer Medienhäuser willig eine Kapitulationsurkunde.
Keine einzige Zeitung, kein Sender und kein Magazin verwies darauf, dass die Steuereinnahmen 2025 mit 989,8 Milliarden Euro einen Rekordwert erreicht hatten und Klingbeils Erwartung für 2026 mit 990 Milliarden Euro noch über diesem Rekordwert liegt. Sie übersetzten den 7. und den 9. Mai wunschgemäß in: Die Einnahmen brechen deutlich ein.
Zufällig am "Europatag"
Ist es auch nicht die Wahrheit, so ist es doch nicht ganz gelogen. Geschichte ist, was Du draus machst. Schon seit 1985 feiert das demokratische Europa den 9. Mai als "Europatag" in Erinnerung an Frankreichs Außenminister Robert Schuman, der am 9. Mai 1950 vorgeschlagen hatte, eine Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl zu schaffen und damit - aus heutiger Sicht - die EU gründete.
Zwar gab es damals, mitten im Krieg, schon einen "Europatag", seit 1964 am 5. Mai in Erinnerung an die Gründung des Europarates 1949 gefeiert. Doch doppelt hält besser und. Und kein unwesentlicher Nebenaspekt bei der Terminvergabe, dass der Partylärm aus dem Nachbarhaus leiser klingt, wenn im eigenen Wohnzimmer eine fröhliche Fete läuft.
Eine saubere Trennung
Hitler und Deutschland, sie waren eins, doch durch die Erfindung des Wortes "Hitlerdeutschland" in der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) gelang es, beide sauber voneinander zu trennen. Die Verantwortlichen waren, von der DDR aus gesehen, drüben bei den Bonner Ultras. Aus den Schreibmaschinengewehrstellungen bei den Nannens, Abichs und Holzamer gesehen lag sie hinter allem was vorüber war.
In der "Tagesschau" hat das Gedenkdesign zu einer marmornen Sprache gefunden, die an das Kapitulationspapier der European Advisory Commission erinnert: "Vor 81 Jahren überfiel das damalige Deutsche Reich die Sowjetunion", heißt es da. Betonung auf "damalige". Aus der Redaktion gesehen gibt es keinen Rechtsnachfolger, der seinem eigenen Verfassungsgericht zufolge völkerrechtlich identisch ist mit seinem früheren selbst.
Opfer und Geopferte
Es gab Opfer und Geopferte, dazu noch Hitlers Architekten Albert Speer und Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß. Je länger sie tot sind, desto energischer werden sie bekämpft. Eben erst rüttelt ein neuseeländischer Gladiator das Kinopublikum als diabolischer Hermann Göring auf, wie einst Hannibal Lecter im Duell mit Jodie Foster misst er sich in einem spannenden Kammerspiel mit Freddie Mercury.
Das Ende der Geschichte ist bekannt. Doch Russell Crowe schafft es, nicht nur dick und aufgeblasen, sondern auch nett zu wirken. Freilich, niemand wird vergessen, dass dieser Mann nicht nur Fliegerheld und Kunstliebhaber war, sondern auch nicht irgendein Nazi. Aber wenigstens doch kein Scientologe.
Es ist wieder Krieg
Davon abgesehen wird diesmal nicht gefeiert und kaum gedacht. Es ist kein runder Geburtstag, nicht von Sieg und nicht von Niederlage. Es gibt dadurch wenigstens niemand ein- und niemanden auszuladen, aus den vielen Kapitulationen sind noch mehr Siege geworden. Waldimir Putin traue sich diesmal aus Angst vor Attentaten nicht, seine übliche Waffenschau bei der Parade auf dem Roten Platz abzunehmen, orgelt die "Frankfurter Rundschau". Vielleicht liege es aber auch daran, dass ihm mit drei Jahren Verspätung nun doch wie vorhergesagt die Waffen ausgehen. Wo er doch nun schon "vor 2029" (Carlo Masala) angreifen wird.
Eine der großen Mutmacherreden ist zum 81. Mai nicht geplant. Walter Steinmeier wird nicht von der "mörderischen Barbarei" der Invasoren sprechen, von "Hass, von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion", die eine "spürbare Narbe hinterlassen" habe, die er fühlen könne, wenn er mit dem Finger darüberstreiche. Der Bundespräsident nutzt die Zeit rund ums Jubiläum zu einem Besuch in Finnland und Schweden.
Ein Jahr Digitalisierungsministerium
Auch der Bundeskanzler wird es nach seiner Teilnahme an den "Feierlichkeiten zu ein Jahr Digitalisierungsministerium" (Kanzleramt) erstmal ruhiger angehen lassen. Es waren harte Wochen mit harten Entscheidungen, die andere hart machten. Offiziell steht nichts weiter an, nicht einmal mahnende Worte Richtung Russland und USA, die sich, bei allen Differenzen, auch nach all den Jahren noch weigert, anzuerkennen, dass Deutschland besser weiß, was für sie und ihre Völker, für Europa und die ganze Welt gut wäre.
Gewiss ist: Die neuen Nazis, sie fahren nicht mehr VW, sondern Simson-Moped. Der rechte Rand, er reicht in manchen Bundesländern bis nahe an die Mitte. Doch wir reden hier, hat der Kanzler vor dem Abschied ins lange Wochenende gesagt, von einer Momentaufnahme. Die Sonntagsfrage ist ur ein Stimmungsbild. Es gilt die Unschuldsvermutung. "Wir sind in der schwierigsten Phase dieser Wahlperiode", hat Friedrich Merz selbst über die Lage gesagt, die nicht ernst ist, aber, so weit es die Wählerinnen und Wäher betrifft, hoffnungslos.
"Terrorregime der Nationalsozialis*innen"
Im besten Fall wird die Geschichte lange nach dem Ende zeigen, dass alles gar nicht so gewesen ist. Kann ein Land befreit werden, dankbar sein und dann erst den einen Befreier als Freund verlieren und schließlich auch noch den anderen? Ist es ein Charakterfehler, am liebsten keine Nation sein zu wollen, sich aber sicher zu sein, dass man die einzige ist, die die Botschaften der Geschichte richtig versteht?
Den Krieg mögen die Alliierten gewonnen haben, den Kampf um die Erinnerung aber gewinnen die Deutschen. Die Flagge der Befreier darf in der Hauptstadt der Besiegten nicht mehr wehen. Im Grunde gab es gar keine Besiegten, denn irgendwann zwischen 7. und 9. Mai 1945, so formuliert es das SPD-Zenrtalorgan "Vorwärts", "endete mit der Kapitulation des Deutsches Reichs der Zweite Weltkrieg in Europa". "Die Deutschen" auch das steht da so, "konnten das Joch des Terrorregimes der Nationalsozialist*innen" endlich abschütteln.

