Mittwoch, 19. August 2026

Auf der schiefen Bahn: Die Radikalisierung des Mathias L.

Am Abend eines langen widerständigen Lebens schreibt Mathias L. bei beinahe jeder Gelegenheit an seiner großen Abrechnung mit der Gesellschaft.  

Er war ein ganz normaler Kerl, verkumpelt mit vielen, beliebt bei den Frauen, ein guter Kollege und belesener Ratgeber. Mathias L. verstand sich als Demokrat, er hätte zur Waffe gegriffen, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung gegen ihre Feinde zu verteidigen, das schwört er heute noch. 

Dann aber geschah dies und das. Dann aber geriet der in einem demokratischen Elternhaus, von demokratischen Lehrer*innen in einer demokratischen Schule gebildete Charakter in Schieflage. Die Resilienz des Mathias L. gegen die Einflüsterungen der Falschen, sie reichte nicht aus. Ein Mann wurde zum Menetekel der Tragödie eines Gemeinwesens, dem der innere Halt verlorengegangen ist.

Ein dummer Anfang 

Es hat alles ganz blöde angefangen, sagt er. Ein Zeichen müsse das gewesen sein, ist sich Mathias L. manchmal ganz sicher, wenn er abends allein in seiner Wohnung in der alten Neubauwohnung sitzt und die zwei, drei Minuten Nachrichten laufen lässt, die er gerade noch so ertragen kann wie den pochenden Schmerz einer Zahnfleischentzündung, aus der noch kein richtiges Zahnweh geworden ist. Sie purzeln dann in seine gute Stube, wie L. das Zimmer nennt, in dem er den größten Teil seiner Tage verbringt: Unkenrufe und Untergangsmeldungen. Abgesänge und Durchhalteparolen. Versprechungen und deren lakonisch mitgeteilte Brechungen.

Mathias L. kam 2011 mit Mitte vierzig aus dem Ruhrgebiet nach Sachsen-Anhalt. Damals noch voller Erwartung: niedrigere Mieten, weniger Stress, "hier fängt man noch mal neu an". Alles  lässt sich gut an. Doch nach einem Bandscheibenvorfall, den er sich als Lagerarbeiter geholt hatte, beginnt eine Abwärtsspirale. Mathias L., 1,78 Meter groß, hohe Stirn und leichter Bauchansatz, glaubte danach lange an eine schnelle Genesung.

"Mir war das noch nie passiert, dass ich länger als zwei Wochen krank war", sagt er. Diesmal aber dauert es. Eine OP und noch eine. Dann eine Reparatur, weil versehentlich eine Klammer eingenäht worden war. "Danach war nichts mehr wie vorher", berichtet Mathias L., der die Jahre danach scherzhaft als "meine Odyssee" beschreibt.

Von Gutachter zu Gutachter 

Die Krankenkasse schickt ihn von Gutachter zu Gutachter. Die erste Reha tritt er zu früh an, der Antrag auf eine zweite wird verzögert, abgelehnt, neu beantragt. Monate Wartezeit, abgelehnte Anträge, Gutachter, die ihn arbeitsfähig schreiben, obwohl er kaum stehen kann. Nach der Krankschreibung folgt die Arbeitslosigkeit. 

Dann die Arbeitsagentur: Erst ALG I, später Hartz IV. Als er eine Maßnahme ablehnt, weil die Schmerzen unerträglich sind, kommt die Leistungssperrung. Sechs Wochen ohne Geld. Die Miete muss er schuldig bleiben, "zum ersten Mal in meinem Leben". Er habe sich in Grund und Boden geschämt. Der Dispo ist am Ende aufgebraucht. 

Erste flammende Appelle

Damals noch glaubt er, jemand werde ihm schon helfen. Er schreibt Briefe, flammende Appelle. An die Krankenkasse, an die Arbeitsagentur, an den Petitionsausschuss des Bundestages, an Abgeordnete, deren Namen er im Fernsehen hört, an Ministerien. Es sind Dutzende Briefe, später Hunderte. Ausführlich, mit Anlagen, mit Kopien von Attesten und Ablehnungsbescheiden. Antworten kommen selten, und wenn, dann sind sie meist vollgestopft mit Standardformulierungen, abgefasst von subalternen Mitarbeitern. 

"Ihr Anliegen wird geprüft", zitiert L. gehässig, die "Zuständigkeit liegt bei einer anderen Behörde", heißt es. Manchmal auch "wir bitten um Verständnis, dass wir im Einzelfall nicht helfen können". Mathias L. wird auf den Datenschutz verwiesen und auf den Dienstweg, auf Klagemöglichkeiten und die Sprechstunden im Abgeordnetenbüro.

Immer an die Regeln gehalten 

Er versteht es nicht. Er hat doch alles richtig gemacht. Er hat gearbeitet, eingezahlt, sich an die Regeln gehalten. Jetzt braucht er Hilfe, und niemand hörte zu. "Dabei guckst Du nur einmal rum und siehst, wie viele Leute in wie vielen Behörden sitzen und auf den Knochen der einfachen Arbeiter tanzen."

L. geht damals  wirklich zu Wahlkampfständen. Er steht stundenlang in der Fußgängerzone, wartet, bis ein Abgeordneter oder Kandidat Zeit hat. Er erzählt seine Geschichte, bis sie in zwei Minuten passt, denn länger, das versteht er schnell, ist die Aufmerksamkeitsspanne nirgendwo. Die Bandscheibe, die Sperrung, die verschwundenen Akten, die befristeten Jobs, die steigenden Mieten, die veränderten Nachbarschaften. Die meisten seiner Gesprächspartner lächeln verständnisvoll, sie nicken, drücken ihm einen Flyer in die Hand und versprochen, dass sie sich kümmern werden.

Niemand tut es. In den Abgeordnetenbüros ist der Erfolg nicht größer. Die Gespräche sind kurz, die Versprechungen groß. Einmal, sagt L, habe er zwei Stunden im Wartezimmer eines Bundestagsabgeordneten gesessen, nur um am Ende mitgeteilt zu bekommen, dass der Herr Abgeordnete anderweitig unabkömmlich sei. 

Aufruhr in einer manischen Phase 

In einer besonders manischen Phase, als die Wut ihn Richtung Hoffnung treibt, geht Mathias L. einen Schritt, über den er heute nur noch schmunzeln kann. "Ich bin in die Linkspartei eingetreten", sagt er.  Er habe damals ernsthaft geglaubt, das System von innen verändern zu können. "Ich bin fleißig hin zu unseren Ortsvereinssitzungen, ich habe diskutiert, Anträge gestellt und in der Fußgängerzone Flugblätter verteilt wie ein Scientology-Opfer." 

Für ein paar Monate fühlt er sich gebraucht, geschätzt und kurz vor dem Ziel, Gerechtigkeit zu erfahren. "Bis ich merkte, dass auch hier niemand meine konkreten Probleme lösen will." Man habe dauernd über große Strukturen geredet, über Kapitalismuskritik, Klassenkampf und internationale Solidarität. "Wenn ich von meiner Leistungssperrung und den verschwundenen Akten erzählte, wurde abgewiegelt." Zu individuell. Zu kompliziert.

Ein Jahr voll innerer Kämpfe 

Nach einem Jahr voller innerer Kämpfe ist Mathias L. wieder ausgetreten, enttäuschter und wütender als zuvor. Doch er sei ja "ein Stehaufmann", sagt er selbst über sich, und er glaubt es auch. Er habe sich nie unterkriegen lassen, "niemals!". Nach jeder Absage, nach jedem verlorenen Job, nach jeder weiteren Ablehnung hat er sich "kurz geschüttelt und gesagt, weiter geht’s, Mathias". Er hat neue Anträge geschrieben, neue Stellen gesucht, neue Beschwerden eingereicht. Er hat telefoniert, dokumentiert, Beweise gesammelt. Aus seiner Sicht ist er bis heute ungebrochen. Er hat immer recht gehabt. Die anderen wollen es nur nicht zugeben.

Für Außenstehende indes ist der ehemals so stolze Freund, Nachbar und Kollege immer kleiner geworden. Was einmal der Anspruch an ein selbstbestimmtes Leben war – arbeiten, zahlen, zurechtkommen – sei nach all den Jahren der vergeblichen Kämpfe geschrumpft auf die Forderung nach Hilfe von außen, schildert ein langjähriger Freund seine Sicht auf den Kumpel, der sich "innerlich im Krieg mit den Verhältnissen" befinde. "Er will nicht mehr selbst gestalten. Er will betreut werden."

Beobachtungen seiner früheren Partnerin 

Für sein Pech und sein Unglück mache Mathias L. die Gesellschaft verantwortlich, glaubt eine frühere Lebenspartnerin bemerkt zu haben. Die Verantwortung dafür aber sieht sie nicht bei dem Mann, den "ich einst wirklich geliebt habe". Sondern bei den Politikern. "Die haben ihm beigebracht, dass sie sich kümmern werden." 

Jahr für Jahr hätten sie versprochen, niemanden zurückzulassen, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, die Schwachen zu schützen, die Menschen in allen Lebenslagen zu bemuttern. "Mathias hat das irgendwie wörtlich genommen." Ihr Ex habe aus "Wahlkampfparolen und dummem Geschwätz" eine Art gesetzlich garantiertes Recht auf Glück und Zufriedenheit abgeleitet. Für den Ausgleich seines persönlichen Pechs – den Bandscheibenvorfall, die Arbeitslosigkeit, die Sperrung, die gescheiterten Versuche, ins Leben zurückzukehren – müsse die Gesellschaft sorgen. "Sie haben ihm tatsächlich eingeredet, das sei der Sinn des Sozialstaats."

Im Loch zwischen Versprechen und Wirklichkeit

Genau diese Anspruchshaltung aber ist aus dem Blickwinkel von L.s Freunden der Grund, warum der heute 56-Jährige von einer Enttäuschung in die nächste scheitert. "Je mehr er erwartet, desto größer wird die Lücke zwischen Versprechen und Wirklichkeit." 

Jede abgelehnte Reha, jede verspätete Überweisung, jede höfliche Abweisung an einem Infostand bestätige ihm, dass man ihn absichtlich im Stich lasse. Man müsse dazu wissen, wie L. die Welt sehen: Sie bestehe aus Durchblickern wie ihm und einer unüberschaubar großen Menge von Betrügern, Blendern, Ignoranten und Abwieglern. "Immer schon war er der Ansicht, dass Politiker lügen und Medien die Wahrheit verschweigen."

Nicht übergangen, sondern verraten


Seit 2015 geht es rascher abwärts mit L. Die Flüchtlingswelle, die Corona-Maßnahmen, die Energiepreise, die Inflation. Mathias L. sieht, wie Ressourcen, die ihm versagt bleiben, an andere verteilt werden. Er fühlt sich nicht nur übergangen, sondern verraten. Die Parteien haben für Leute wie ihn keinen Trost mehr im Angebot, sondern Belehrungen. Verglichen mit manchem Menschen in der dritten Welt gehe es ihm doch immer noch gut. Deshalb müsse er solidarisch sein, offen und geduldig, wenn mit der Integration und den geplanten Entlastungen für Leute wie ihn nicht alles gleich klappe.

Wer widerspricht, gilt als undankbar. Wer sich nicht besinnt, gilt als rechts. Die Linkspartei, der er kurz angehört hatte, teufelt genauso auf L. ein, so empfindet er es, wie CDU und SPD. Alles reden sie von Verantwortung und Leistung, handeln aber nicht danach. "Die Grünen erklärten mir das Klima, während ich die Heizkosten nicht mehr zahlen konnte."

Auf der schiefen Bahn nach rechts

Irgendwann hat Mathias L. auf der schiefen Bahn nach rechts einen Kipppunkt erreicht. Lange hatte er seinen Wandel vom linken Demokraten zum AfD-Wähler vor seiner Umwelt verborgen gehalten, jetzt aber berichtet er freimütig, dass er die Blauen nicht "aus Überzeugung für jedes einzelne Programmdetail", aber als einzige Kraft wähle, die seine Wut und seine Enttäuschung kanalisieren könne.

"Die anderen haben mich jahrelang abgewiesen, jetzt lasse ich sie links liegen", betont er beziehungsvoll. Im Augenblick habe er das Gefühl, die neue Partei, die noch nie mitregiert habe, meine wirklich es ernst mit Wandel und Neuanfang. "Zumindest tun die so, als würde sie auf Leute wie mich hören." Das Beste daran sei, dass er nichts zu verlieren habe. "Entweder, mit denen wird alles anders, oder eben nicht." 

Es ist ihm inzwischen egal 

Mathias L. ist es mittlerweile vollkommen egal. Er weiß, dass man ihn als gescheitert und radikalisiert abschrieben hat. Er sagt, er sei kein Wutbürger". Aus seiner Sicht überwiegen die rationalen Gründe für seine Entscheidung die emotionalen Bindungen an die traditionellen Werte. "Nicht ich habe sie verraten, sondern die, die mich verraten haben." All die Aktenordner voller Briefe, seine Selfies mit Abgeordneten und Ministern, sie belegen aus seiner Sicht, dass er alles versucht hat. Nichts hat geholfen. 

Heute sitzt Mathias L. in seiner Wohnung, er schaut Nachrichten und schüttelt den Kopf. Alles steigt, so scheint es ihm. Die Energiepreise, die Mieten, die Zahl der Nachbarn, die noch nicht länger hier leben. Der Unmut. 

Nur er selbst fällt und fällt und fällt. "Ich warte im  Grunde nur noch auf den Aufschlag", sagt er bitter.