![]() |
| "Kommando Zuversicht" hat der junge Maler Kümram sein Gruppenporträt dieser drei grünen Wahlkämpferinnen genannt. Susan Sziborra-Seidlitz steht ganz links. |
Fast wäre Susan Sziborra-Seidlitz potenziellen Wählerinnen und Wählern kurz vor Toresschluss doch noch ein wenig bekannt geworden. Ein rechtes Medium hatte die alte Kamelle wieder aufgewärmt, dass der Ehemann der Grünen-Spitzenkandidatin eine "rechtsextreme Vergangenheit" (Oe24) hat. David S. war nach Ermittlungsergebnissen des "Antifaschistischen Infoblatts" in den 90er Jahren Mitglied eines "Unabhängigen Arbeitskreises" im Harz gewesen, den Antifaschisten damals dem "rechtsextremen Milieu" zurechneten.
Noch ein "lupenreiner Demokrat"
Für eine Politikerin einer Partei, die vor drei Jahren versucht hatte, den bayerischen Vize-Ministerpräsident Hubert Aiwanger wegen des Vorwurfs abzuschießen, dass sein Bruder als Schüler ein antisemitisches Flugblatt verbreitet habe, eine schwierige Situation. Sziborra-Seidlitz, von ihren Genoss*innen am liebsten "Suse" genannt, versuchte deshalb zuerst, Nachfragen aus dem Weg zu gehen.
Später betonte sie, dass ihr Mann heute "absolut ohne jeden Zweifel Antifaschist" sei und ein "lupenreiner Demokrat" zudem. Diese Formulierung borgte sich die belesene grüne Landesvorsitzende vom früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder, der seinem Duz-Freund Wladimir Putin einst mit diesen Worten einen Persilschein ausgestellt hatte. den braucht David S., denn als Mitarbeiter eines grünen Landtagsabgeordneten Wolfgang Aldag ist er keineswegs eingestellt worden, weil bei den Grünen Vetternwirtschaft herrscht, sondern weil er der beste Bewerber war.
Sziborra-Seidlitz, in Ostberlin geboren und früher in der PDS engagiert, schien jedenfalls für einen Moment ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Ein Platz, den die 49-Jährige bis dahin weitgehend vergebens gesucht hatte.
Als könne man sich anstecken
![]() |
| Hohn gibt es kostenlos. |
Die Leute in Sachsen-Anhalt meiden die grünen Wahlkampfstände, als könnten sie sich dort mit etwas Gefährlichem anstecken. Bei Wahlveranstaltungen kommen selbst nach Zählung der Taz, des Zentralorgans der Bewegung, nur "etwas mehr als 30 Menschen". Die Wohnungstüren schließen sich, noch ehe die grünen Street Fighting Teams ihre Flyer loswerden können.
Selbst als der inzwischen als Universitätsprofessor im Ruhestand befindliche grüne Superstar Robert Habeck herbeieilte, um den Genossen Wahlkampfhilfe zu geben, verlaufen sich die Interessierten, als seien sie gar nicht da. Den Bach rauf wird es trocken. Habeck, der Ulrich Siegmund von 2021, zieht nur noch die, die ihn schon immer gewählt haben.
Durch den pünktlich kurz vor der Wahl lancierten Skandal um die kaum bekannte grüne Spitzenfrau war einen Augenblick war Hoffnung. Einen Augenblick schien es, als seien die Grünen und ihre Spitzenfrau wirklich so wichtig, dass ihre Gegner*innen eine richtige Desinformationskampagne starten, um den Wiedereinzug der Öko-Partei in den Landtag auf Biegen und Brechen zu verhindern. Any Press is good press, mit diesem Leitspruch hat die AfD in anderthalb Jahrzehnten von der belächelten Professorenpartei zum erfolgreichsten politischen Projekt der bundesdeutschen Geschichte geschafft.
Dann aber spielten die demokratischen Medien nicht mit. Dort, wo jeder Hitlergruß eines angetrunkenen rumänischen Wanderarbeiters auf dem Sackbahnhof von Knappelbach zur Entsendung von Reporterkompanien ins Krisengebiet führt, blieb das von Spöttern mit "FCK NZS" umschriebene Familienverhältnis der Quedlinburger Kandidatin unerwähnt. Wer sich nicht gerade bei X informierte, an dem ging der böse Anschlag auf die grüne Spitzenkandidatin folgenlos vorüber. Die wilde Geschichte über die Kandidatin, wahr, aber interpretierbar, verpuffte.
Zwischen drei und sechs Prozent
Sziborra-Seidlitz, seit 2010 bei den Grünen, seit 2021 Mitglied des Landtages von Sachsen-Anhalt und genauso lange gemeinsam mit dem noch unbekannteren Dennis Helmich Landesvorsitzende der Kleinstpartei, steht wieder am Anfang. Und das eine Woche vor dem Ende. Irgendwas zwischen drei und sechs Prozent sagen die Demoskopen der Partei voraus. Das wäre, in diesen Zeiten fast ein Wunder, etwa so viel beim letzten Mal und bei dem davor. Weit weg vom Rekordergebnis des Jahres 2011, das auch nur bei 7,1 Prozent gelegen hatte.
Es könnte trotzdem ein rauschender Wahlsieg werden, wenn auch nur einer, den die Partei der Berliner Lobby-Organisation Campact verdankt. Drei Millionen Euro hatte die in den letzten Wochen investiert, um Wähler davon zu überzeugen, Grüne oder die SPD zu wählen - mit dem einzigen Ziel, der AfD den Weg zur absoluten Mehrheit der Parlamentssitze zu verlegen.
400 Euro für jede Stimme
Der sogenannte "NoAfD-Fonds", gefüllt von unbekannten anonymen Spendern, ist wenig effizient. Der Unterschied zwischen der Anzahl an Wählerinnen und Wählern, die ihr Kreuz seit anderthalb Jahrzehnten immer bei den Grünen machen, und der Zahl, die es diesmal machen müssten, um Susan Sziborra-Seidlitz und wenigstens drei ihrer Genossen den Weg zurück ins Parlament zu helfen, ist minimal: Um die 55.000 Stammwähler haben die Grünen unter den 1,7 Millionen Wahlberechtigten. Etwa 63.000 bräuchten sie. Klappt alles wie geplant, wird sich Campact jede Stimme fast 400 Euro kosten lassen haben.
Gut angelegtes Geld. Sziborra-Seidlitz, die auf dem Oberarm den Kampfruf ¡No pasarán! tätowiert trägt, mit dem die spanischen Kommunistin Dolores Ibárruri im spanischen Bürgerkrieg die mörderische Volksfront der blutdurstigen Stalinisten anfeuerte, ist der Schlüssel zur Macht im Magdeburger Landtag. Die Frau mit der raumgreifenden Figur hat sich den Wählerinnen und Wählern bislang zweimal gestellt und das Direktmandat verpasst. Im ersten Anlauf holte sie rund 5,5 Prozent. 1.514 Menschen gaben ihr ihre Stimmen. Beim zweiten Mal legte sie noch einmal deutlich zu: 2021, das "eigentliche Projekt" (Karl Lauterbach) euphorisierte gerade alle fortschrittlichen Kräfte, stieg Sziborra-Seidlitz' Stimmenanteil auf 6,6 Prozent, umgerechnet 1.843 Wählerstimmen.
Die "Suse" wuppt das
Das reichte erneut Mal für den Einzug in den Landtag von Sachsen-Anhalt, in dem "Suse" seitdem als wichtigste Stimme "unserer Demokratie" auftritt. Ganze klägliche 0,11 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben die gelernte Krankenschwester, nach einem mandatsbegleitenden Studium an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin mittlerweile Bachelor im Fach "Interprofessionelle Gesundheitsversorgung", ins Parlament entsandt.
Dort aber tritt die Mutter dreier Kinder als Lordsiegelbewahrerin "unserer Werte" auf. Selbstbewusst, als wisse sie Millionen hinter sich, spricht Sziborra-Seidlitz für Menschen, die noch nie von ihr gehört haben. Sie prangert die neuen Nazis an, die sie außerhalb ihres eigenen Hausstandes rundum sieht. Sie hat all die Leerformeln blind im Programm, mit denen sich die immer noch wohlmeinenden Insassen der Bionade-Viertel in Bockshorn jagen lassen. "Klimaschutz ist Menschenschutz" und "Klimaneutralität bis 2035" fordert sie, dazu "Klimaschutz in die Verfassung", "Hitzeschutz und Vorsorge vor Extremwetter ausbauen" und "Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder".
Kein Umdenken, kein Umlenken
In einem Bundesland, in dem eine grüne Partei allenfalls mit einer als wertkonservativ getarnten Führungsfigur wie dem Schwaben Cem Özdemir eine Chance gehabt hätte, enttäuschte Anhänger von CDU, FDP, SPD, AfD und Linkspartei von sich zu überzeugen, war schon das Votum von vier Fünfteln der Delegierten beim Wahlparteitag ein deutliches Statement. Bei Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen-Anhalt wird es kein Nachdenken oder gar Umlenken geben. Nur weil sich die eigenen Konzepte der großen Transformation als untauglich und die Vorstellung einer weltweiten Vorbildwirkung als illusorisch herausgestellt haben, wird die Partei mit ihren 1.700 Mitgliedern - etwa die Anzahl der Stimmen, die Sziborra-Seidlitz einfängt - im Kampf mit der Realität nicht klein beigeben.
Nein, "Suse" ist das Symbol dafür, dass es so weitergehen soll, selbst wenn alles in Scherben fällt. Die Frau mit der Vorliebe für schrille, kreischend bunte Umhüllungen kommt bei den potenziellen Wählern etwa so gut an wie ein Hobby-Nachbau der früheren grünen Frontfrau Claudia Roth. Auch die hatte ihre innere Wirklichkeit stets über die Realität gestellt. Auch die schaffte es nie, ein Direktmandat zu gewinnen. Zog aber selbst bei ihrer letzten misslungenen Bewerbung dank des zuvor demokratisch renovierten Wahlrechts in ihrem Heimatwahlkreis Augsburg-Stadt am CSU-Wahlkreissieger Volker Ullrich vorbei wieder in den Bundestag ein. Roth reichten 20,5 Prozent der Stimmen. Ullrich musste mit 31,1 Prozent draußen bleiben.
Das Gute braucht keine Mehrheit
Das Gute und das Gutgemeinte, sie brauchen keine Mehrheit. "Unsere Demokratie" lässt keinen zurück, auch nicht die, die wie ein Plattitüdenbomber über Land fliegen. Sziborra-Seidlitz zeichnet sich unter all denen noch besonders aus. Was sie sagt, hat weder Hand noch Fuß. Was sie plant, läuft darauf hinaus, Geld auszugeben, das niemand hat. "Verlässliche Mobilität, gute Gesundheitsversorgung und funktionierende Schulen" verspricht sie ebenso leichterhand wie die Entlastung von Familien und Gesundheitsversorgung vor Ort. Mit "moderner Ausbildung, Hochschulen, Kultur und Mobilität" seien "Familie und Beruf besser vereinbar". Wer ein so "weltoffenes Umfeld erlebt, entscheidet sich eher für Sachsen-Anhalt" plappert es von den Bühnen, wenn die tanzbegeisterte Dampfplauderin erst richtig in Schwung gekommen ist.
Auf die Frage, wie sie "die Wirtschaft im Land konkret ankurbeln und es attraktiv für Investoren machen" wolle, hat Sziborra-Seidlitz geantwortet, dass Sachsen-Anhalt "riesige Chancen bei erneuerbaren Energien, moderner Industrie und Zukunftstechnologien" habe. Ihrer Überzeugung nach wird nicht "der im Wettbewerb vorne liegen" (Suziborra-Seidlitz), der viel billige Energie hat, sondern der, der "günstige und klimafreundlich Energie produzieren kann". Das zu organisieren, traut sich die "Suse" allemal zu. "Wir wollen Genehmigungen beschleunigen, Bürokratie abbauen und gezielt in Infrastruktur, Forschung und Fachkräfte investieren."
Es raschelt im leeren Stroh
Es raschelt immer so im Stroh, wenn sie spricht. Die lieben Gänschen haben kein' Schuh, der Schuster hat's Leder, aber den Laden zu, eia popeia, das ist eine Not! Worthülsenalarm unter Beschuss mit "verlässlicher Betreuung", "mehr Inklusion", "Investitionen in Bildungseinrichtungen", dem "Schutz von wir Arten, Lebensgrundlagen und Lebensqualität" und "günstigeren Strompreise" durch den Ausbau von "Wind- und Solarkraft, Balkonkraftwerken und Speichern".
Letztlich aber, Suse Sziborra-Seidlitz weiß das genau, wird allein die Angst vor der AfD den Ausschlag über den Wahlausgang geben. Ist sie bei ausreichend vielen Menschen noch groß genug, um sie zu bewegen, alles andere zu vergessen und ihre Wahlentscheidung ganz in den Dienst des Kampfes gegen den Rechtsextremismus zu stellen? Oder haben die endlosen Jahre der Beschwörung eines neuen Dritten Reiches die Leute abgestumpft und sie gegen die immer schrilleren Warnungen immunisiert?
Für Suse Sziborra-Seidlitz hängt viel davon ab, für Sachsen-Anhalt einiges. Gewinnt sie, verliert die AfD ihre gefühlte Parlamentsmehrheit. Verliert sie, gewinnt das Land eine Krankenschwester zurück.


