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| Mit einem mächtigen Mahnmal am Strand bei Wismar will der Bildhauer Jan Laurenz Dippelberg an Deutschlands kollektive Anstrengung erinnern, die zur Rettung von Timmy führte. |
Ein Martyrium über 29 Tage, fast ein Monat, in dem das Land alles andere vergaß, weil die Blicke magisch angezogen wurden von jenem urzeitlichen Fabeltier, das gestrandet an deutschen Ufern lag. Krieg in der Ukraine. Krieg im Iran. Die trickreichen Versuche der EU, sich für die Jahre nach unserer Zeit mit noch mehr Geld ausstatten zu lassen, und die kaum mehr verhohlene Verachtung, mit der die Koalition in Berlin künftigen Generationen alle Gestaltungsmöglichkeiten für ihre Zukunft nimmt. Kein Thema.
Der traurige Riese
Der traurige Wal Timmy überstrahlte alles. Minister eilten herbei, um seine Retter anzuleiten. Der Bundespräsident, bekannt für seine melatoninsatten Ansprachen, hielt eine geradezu feurige Rede, in der er die Tragödie des tonnenschweren Tieres mit der Tragödie des einst weltweit bewunderten Vaterlandes verband. Das rüttelte auf. Das ließ sich Menschen aus vielen Ländern einfinden, die das Schicksal des gestrandeten Riesen zu Tränen rührte.
Ohne zentrale staatliche Planung, ohne Fördermittel und Begleitung einer von der Bundesregierung handverlesenen Expertenkommission experimentierten die Freiwilligen am lebenden Objekt. Ein Spektakel, das Livestreams und Fernsehnachrichten so zuverlässig füllte, dass selbst das wirtschaftlich angeschlagene frühere Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" bis heute 40 nachdenkliche, besorgte und anklagende Texte für und gegen Leben und Tod des Tieres produziert hat.
16 Tonnen Walfleisch
Zyniker rechneten vor, das "aus 16 Tonnen Walfleisch 1.600 Liter Motoröl und 4000 Kilo Tiermehl" hätten werden können. Sie verwiesen darauf, dass Timmy längst nicht der einzige Meeressäuger ist, so dass sein Tod verschmerzbar wäre. Gerade weil es vor allem selbsternannte Tierfreunde aus der rechten Ecke sind, die den mächtigen Meeresbewohner nicht einfach sterben lassen wollen, habe es Timmy nicht verdient, weiterzuleben, meinten die einen.
Andere verwiesen darauf, dass es doch Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus sei, der den Wal am eifrigsten im Wahlkampf missbrauche. Der Sozialdemokrat, ausweislich der Umfrageergebnisse kurz vor dem Verlust seines Ministeriums, liebe "öffentlichkeitswirksame Auftritte wie den Walrettungsversuch", warf selbst das ZDF ihm vor. Zugleich räumten die Reporter aus Mainz zerknirscht ein: Backhaus ist nun über die Grenzen von Mecklenburg-Vorpommern hinaus bekannt.
Der Sterbebegleiter
Beim aktuellen Zustand der deutschen Sozialdemokratie kann das alles bedeuten. Für den Wal aber war der Minister, geboren in Neuhaus an der Elbe und als ausgebildeter Agraringenieur einer von sehr wenigen Fachleuten in einem deutschen Ministeramt, ein Segen. Dass der Buckelwal, einer von nur 130.000 bis 140.000 Tieren weltweit, nach einem Monat der Qual, des Leiden und des Lebens unter feuchten Tüchern in einen Lastkahn unterwegs in die Nordsee ist, verdankt er auch der Sterbebegleitung des am 23. März gestrandeten Tieres.
Backhaus rastete nicht und er ruhte nicht. Er ging ins Wasser. Er lebte im Fernsehen. Er war die gespannte Triebfeder in der Rettungsmechanik, die Betrieb machte, die Kleinmütigen mitriss und Hoffnung gab. Der deutsche Schicksalswal, vom bekannten Komiker Hape Kerkeling unabgesprochen auf den Namen getauft, bekam im Gedenken an Backhaus' Titanenkampf den geschlechteroffenen Namen "Hope" verliehen, um ein Zeichen zu setzen. Gib nie auf, diese Lehre verkörpert Till Backhaus. Er und die anderen Retter leben Thomas Alva Edisons Rat vom sichersten Weg zum Erfolg ist, der darin liege "es immer wieder zu versuchen".
Zukunftsfähig und agil
Die Parallelen, die das "zwölf Tonnen" (Tagesspiegel), vielleicht aber auch "16 Tonnen" (Spiegel) oder "vermutlich 25 bis 30 Tonnen" schwere Tier mit dem Land verbinden, an dessen Küste es zum Sterben geschwommen war, liegen offen. Bundespräsident Walter Steinmeier hatte in seiner großen Walrede am Ereignisort kein Hehl aus seiner Auffassung gemacht, dass der Umgang mit Timmy zeigen wird, wie zukunftsfähig, improvisationsbereit und agil Deutschland noch sein kann.
An "dieser letzten deutschen Wallagerstätte in der Wismarer Bucht", wie Steinmeier den Platz vor der Insel Poel nannte, die lange vom heutigen EU-Partner Schweden beansprucht worden war, hat sich nun aber gezeigt, dass Deutschland große Prüfungen zu bestehen weiß.
Mit der ganzen Kraft und der überlegenen Technologie einer High-Tech-Nation, die über ein schwimmendes Transportdock verfügt, glückte es, ein desorientiertes Tier zu retten, Teile eines Netzes im Maul hat und Verletzungen am Rücken aufweisen, die vermutlich von einer Schiffsschraube herrühren.
Die Legende vom Heiligen Brendan
Ältere erinnert die Reise des Wals auf dem Rücken der 50 Meter langen und 13 Meter breiten Barge an die Legende vom Heilige Brendan, die in der Navigatio Sancti Brendani erzählt wird. Danach strandeten der Heilige und seine Mönche im 6. Jahrhundert auf ihrer Reise ein verheißenes Land mitten im Atlantik auf einer Insel, auf der sie ein Feuer anzünden, um sich zu wärmen.
Daraufhin entpuppt sich das Eiland als ein gewaltiger Wal namens Jasconius, der von Gott gesandt wurde, um die Reisenden zu retten. Sieben Jahre später erst kehren die 13 Männer nach Hause zurück von der Insel der seligen. Es gelingt Brendan daheim noch, seinen Mitbrüdern von dem großen Abenteuer zu berichten und ihnen Kunde zu geben von seinem bevorstehenden Tod. Dann stirbt er.
Einhundert Köpfe von Göttern
Vergessen aber wurde er nie, nicht all die 14. Jahrhunderte seitdem. In der Bucht von Tralee, der Hauptstadt des Countys Kerry im Südwesten der Republik Irland, haben ihm die Menschen ein Monument gebaut. Eine Treppe führt hinauf zum Great Samphire Rock, auf dem die beeindruckende Statue von St. Brendan steht: In die Kleider des zwei Tonnen schweren St. Brendan sind einhundert Köpfe von Göttern geschnitzt, um die Schnitzereien im Kloster Clonfert widerzuspiegeln, das er gegründet hat.
Das Mahnmal steht auf dem nach ihm benannten Mount Brandon. Am Rand einer Stadt, die ihn als ihren Säulenheiligen verehrt. Der Ruhm des abenteuerlustigen Mönches hat sich bis heute so vermehrt, dass ihm zugeschrieben wird, auf der Suche nach "Terra Repromissionis", dem "verheißenen Land", nicht nur die Insel Madeira erreicht zu haben, sondern fast 1.000 Jahre vor Kolumbus sogar Amerika.
Das irische Vorbild
Ein Vorbild, das Engagierte aus dem Umfeld der Walretter inspiriert hat, Timmy nicht einfach so schwimmen zu lassen, in einem fahrenden Wasserbecken mit einem nur etwa 20 Zentimeter dünnen Boden, das von seitlichen Schwimmkörper den nötigen Auftrieb erhält. Etwas soll bleiben, sagen sie hier am Strand, wo in zurückliegenden Wochen nicht nur Feindschaften zwischen Sterbenlassen- und Retten-Anhängern, sondern auch Bekanntschaften und Freundschaften entstanden sind.
Einer, der von sich sagt, dass er einfach nicht wegbleiben konnte, ist der sächsische Bildhauer Jan Laurenz Dippelberg. Seit Wochen kampiert er am Strand, ausgestattet mit einem Feldstecher, Watthosen und Thermoskanne. Er habe mit Timmy gebangt und gezittert, sagt er, aber nie die Hoffnung verloren. "Ich wusste, wir schaffen das", war sich Dippelberg immer sicher.
Deutschland sei ein starkes Land, ein reiches Land. "Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen, dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land", wird er ein bisschen emotional - und sehr grundsätzlich.
Nothilfe war unumgänglich
Dippelberg, der im brandenburgischen Karlsgrafensee Bildhauen und Holzstechen studiert hat und mit den Plänen für ein "Neues Robertinum" im sächsischen Bad Walterberg bekannt wurde, wird an dieser Stelle glasklar. Selbstverständlich habe Deutschland die Pflicht gehabt, Timmy in seiner Notlage beizustehen. Und selbstverständlich habe Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius mit Blick auf die angespannte Personal- und Ausrüstungslage bei der Bundeswehr keine Spezialeinheiten entsenden können.
"Dazu hätte es ja auch eines Bundestagsbeschlusses bedurft", glaubt der Bildhauer, der sich als Schüler des berühmten Kanzlerinnen-Künstlers Wilhelm Koch sieht. Es hätten Freiwillige richten müssen, sagt Jan Laurenz Dippelberg, der als "künstlerischer Einzelkämpfer", wie er sich gern nennt, Vorbehalte gegen jeden Kollektivismus und die so modische Rückkehr zur zentralistischen Planwirtschaft offen eingesteht.
Vor den Augen der Welt
"Kein Land kann sich die Blamage leisten, ein solch stolzes Tier ohne Tun sterben zu lassen - und das vor den Augen der ganzen Welt." Timmy aber habe eben bewiesen, dass es nicht immer der Staat mit seinen wuchernden Strukturen sein müsse, der zu Hilfe eile. "Unsere Zivilgesellschaft hat in sich eine unglaublich große Kraft, die in solchen entscheidenden Momenten zutagetritt", lobt der Künstler.
Für Dippelberg, der unter den diktatorischen Verhältnissen in der DDR aufwuchs und unter dem Joch von Pionierleitern und FDJ-Sekretären früh lernen musste, dass der Einzelne nichts, der Staat aber alles ist, sind das ermutigende Erkenntnisse.
"Wir haben das Land nach zwei Kriegen wieder aufgebaut, wir haben es geschafft, den Osten zu einer blühenden Landschaft zu machen und wir sind jetzt dabei, auf makroökonomischer Ebene so viele neue Steuern zu erheben und bereits gewohnte zu erhöhen, dass mir nicht bang ist vor einer Zeit, in der die Menschen stolz auf unsere Tage zurückschauen werden", sagt er.
Monument einer schicksalhaften Zeit
Was es dann brauche, sei ein Monument dieser schicksalhaften Zeit. Es müsse ein Mahnmal sein, das kommende Generationen daran erinnere, welch harte Kämpfe ihre Vorfahren auszufechten hatten, um Deutschland und den gesamten Kontinent nach den Verheerungen der Pandemie, der bleiernen Zeit unter Angela Merkel und den lähmenden Ampeljahren wiederaufzubauen.
An all die Großtaten jener Jahre, oft erbracht im Rahmen des "Deutschen Aufbau- und Resilienzplanes" (DARP), wird heute schon, so wenige Jahre danach, nirgendwo mehr erinnert. In keinem Bahnhof steht ein Klatscher-Denkmal, in keiner Fußgängerzone ein Mahnmal gegen Messerangriffe. Selbst an die Opfer des Terroranschlags am Berliner Breitscheidplatz erinnert nur ein unauffälliger goldener Riss im Boden, am 19. Dezember 2017 offiziell eingeweiht und mittlerweile selbst schon wieder vergessen.
In Bronze gegossener Gigant
"All das war noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar, nun ist es Realität", sagt Jan Laurenz Dippelberg, der in der gelungenen Rettung des deutschen Nationalwals eine Gelegenheit sieht, ein Zentrum moderner Erinnerungskultur zu errichten. Dippelberg stellt es sich dort vor, wo alles begann. Sein kleinteiliger Entwurf zeigt das mächtige Waltier am Strand, die Finnen und Flipper stolz gespreizt.
Der ganze in Bronze gegossene Gigant aufgebahrt auf ein fünfstufiges Steinpodest, das für die gemeinsamen Anstrengungen von Politik, Verwaltung, Bürgern, Medien und Zuivilsgesellschaft stehen sollen. Dippelberg ist sicher, dass ein Traum vom Denkmal verwirklich werden wird. "Wir können so viel mehr, als wir glauben, wenn wir es nur wollen", sagt er.

