Dienstag, 28. April 2026

Friedrich Merz: Elend in der Endlosschleife

Noch kein ganzes Jahr und der Richtige zur richtigen Zeit wird von einer beunruhigend großen bevölkerungsmehrheit für den Falschen gehalten.

Es sind Zahlen, die selbst den sturen Münsterländer Friedrich Merz beunruhigen müssen. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt, kurz vor dem zweiten Sommer der Zuversicht und dem nächsten herbst der Reformen, wenden sich auch die letzten Getreuen mit Schaudern ab. Große Teile der Wählerschaft sind bereits von der Fahne gegangen.  

In den Ländern droht demnächst ein politisches Erdbeben. Im Streit mit Frankreich um das größte Rüstungsprojekt zur europäischen Resilienz kommt der Außenkanzler keinen Schritt weiter. Und aus Brüssel ist auch nach Monaten keine Antwort auf seine Bittgesuche zur Hilfe für die todkranke Wirtschaft eingegangen. 

Endlich den Traumjob 

So fürchterlich das ist für einen, der im gesetzlichen Rentenalter endlich den Job ergattert hat, den er immer haben wollte, es geht noch schlimmer. Auch Merz' Vorgänger Olaf Scholz hatte seine Wählerinnen und Wähler früh verloren. Wenn auch nicht ganz so früh.

Doch unbeugsam und treu standen Divisionen von Reportern, Kommentätern und Chefradakteuren hinter seiner Fortschrittskoalition. Bei Merz, den kein deutscher Journalist jemals so geliebt hat wie Scholz, der immerhin mit Robert Habeck verpartnert war, sieht es anders aus. Der CDU-Chef wurde allenfalls als Nothelfer akzeptiert. Ein Klempner, der das nach den Merkel- und den Ampeljahren überschwemmte Bad reparieren sollte. Das aber möglichst ohne Werkzeug und ohne Anfassen.

Zu viel und zu wenig zugleich 

Merz hat versagt, darin sind sich die Auguren einig. Er hat zu viel getan zugleich zu wenig gemacht, nichts erreicht, abgesehen von dem, was er nicht erreichen wollte. Jetzt, das gilt im politischen Berlin seit jeher als ein ernstes Alarmsignal, häufen sich in den Medien Beiträge mit kritischem Unterton. Große Magazine loben den Vizekanzler. Regionalzeitungen, die ihre Kommentarspalten aus der Fließbandproduktion des SPD-eigenen Redaktionsnetzwerkes Deutschland beziehen, stellen infrage, dass Merz es kann. 

Alles geht im schief, seit er ins Bundeskanzleramt einziehen durfte. Statt wie geplant durchzuregieren, mit einer SPD an der Seite, die ihre Rolle als Mehrheitsbeschaffer und Erfüllungsgehilfe zur Rettung der Nation klaglos akzeptiert, fand sich Friedrich Merz in einer politischen Ehe mit einer Klassenkampfpartei wieder.

Statt international Renommee zurückzuerobern, indem er mit der dicken deutschen Brieftasche hausieren ging, wird der neue Kanzler kaum mehr ernst genommen als sein Vorgänger, hinter dessen Rücken sich Gesprächspartner weltweit den Satz zuraunten "Und, wie viel hast Du ihm aus dem Kreuz geleiert?" 

Schlimme Lage an der Heimatfront 

Am schlimmsten aber steht es an der Heimatfront. Obwohl die Union aus Merzens CDU in Umfragen stets darauf vertrauen darf, dass ihr der stabile Zuspruch zur bayrischen Schwesterpartei CSU zugeschlagen wird, sehen einige Meinungsforschungsinstitute die AfD inzwischen als stärkste politische Kraft in ganz Deutschland. Um die 28 Prozent sagen derzeit, dass sie die jüngste Bundestagspartei wählen würden, wäre schon wieder Bundestagswahl. 

Das ist in etwa das Ergebnis, das Merz bei der Bundestagswahl im März 2025 mit dem Versprechen geholt hatte eine "grundlegende Wirtschaftswende" mit "spürbaren Steuersenkungen" und "Entlastungen bei Strom- und Energiepreisen" herbeizuführen, um "Deutschland aus der Rezession zu führen" (Friedrich Merz). 

Die CDU kommt nur noch auf 18 Prozent, dahinter liegt die SPD mit 14 Prozent, gefolgt von den Grünen mit 12 Prozent und der Linkspartei mit elf Prozent. Mehr politische Vereinigungen würden es nicht ins Parlament schaffen. BSW wie FDP erreichen nur auf jeweils drei Prozent der Wählerinnen und Wähler. Zu wenig zum Leben. Zum Sterben derzeit noch zu viel.

Harte Abwehrarbeit in Parlamenten  

Damit ist kein Staat mehr zu machen. Zwar wird in einzelnen Bundesländern, in denen eine Machtergreifung der stärksten Partei droht, schon hart daran gearbeitet, die in den zurückliegenden sieben Jahrzehnten eingeübten Regeln so zu ändern, dass keine "Diktatur der Mehrheit" (Alexis de Tocqueville) errichtet werden kann. 

Aber zu den bedrohlichen Zustimmungswerten, die Friedrich Merz und sein Kabinett trotz der höchsten Staatsausgaben aller Zeiten für ihre Parteien erwirtschaftet haben, kommen auch noch entsetzliche persönliche Beliebtheitswerte. Sie liegen nach nicht einmal einem Jahr sogar noch niedriger als die des wahrlich nie beliebten Olaf Scholz kurz vor dem Ende der Ampel.

In Rekordzeit abgewirtschaftet 

In nur knapp zwölf Monaten hat Merz geschafft, was Helmut Kohl und Angela Merkel nicht einmal in 16 Jahren gelungen war. Als der später auch in seiner Partei verfemte Einheitskanzler 1998 gegen seinen SPD-Herausforderer Gerhard Schröder antrat, mochten ihn lediglich noch 28 bis 32 Prozent der deutschen als Regierungschef wiederhaben. Merkel gelang sogar das Kunststück, trotz einer Regierungsbilanz, die heute als desaströs bezeichnet wird, vor ihrer letzten Bundestagswahl 2017 überaus beliebt zu sein.

Im direkten Vergleich mit ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz, den berauschte Medien begeistert zum "Gottkanzler" ausgerufen hatten, wünschten sich in Umfragen 57 Prozent der Befragten einen Verbleib Merkels im Amt. Schulz begeisterte Massen im bescheidenen Ausmaß der letzten Kohl-Tage: Etwa ein Drittel der Wähler sahen den Lokführer des "Schulz-Zuges" als ihren Kandidaten der Herzen. Da mochten die Medien auch für ihn trommeln so laut sie konnten.

Der ungeliebteste Regierungschef 

Und doch sind das Werte, von denen Friedrich Merz nur träumen kann. Anfang April 2026 gaben lediglich noch 19 Prozent der Befragten an, mit der Arbeit des Bundeskanzlers zufrieden zu sein. Im globalen Maßstab hat es der "Außenkanzler" (Spiegel) damit an die Spitze geschafft: Der 70-jährige Christdemokrat ist laut einer aktuellen internationalen Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungsinstituts Morning Consult der unbeliebteste Regierungschef der Welt. 

Merz landet deutlich hinter dem russischen Diktator Wladimir Putin, dessen US-Pendant Donald Trump und dem türkischen Machthaber Recep Tayyip Erdoğan. Auf der Sympathie- und Leistungsskala liegt Merz bei minus 1,1. Ein Absturz von einem Märzwert, der mit minus 0,5 schon weit unter den -0,2 gelegen hatte, mit denen die Wähler Helmut Kohl am Ende seiner letzten Amtszeit signalisiert hatten, dass die nächste Bundestagswahl ein Plebiszit gegen ihn werden wird. 

Start ohne Amtsbonus 

Merz' Werte sind damit schon nach knapp zwölf Monaten übler als die Kohl in der finalen Phase seiner 16 Jahre Amtszeit. Der neue Mann im Kanzleramt hat es nie geschafft, sich einen Amtsbonus zu erarbeiten. Vom ersten Tag an verzehrte er das Vorschussvertrauen, dass ihm Millionen Wähler vor allem mangels Alternative geschenkt haben.

Ungeachtet der katastrophalen Werte agiert der Regierungschef im Stil eines Heerführers in seiner verbunkerten Stellung. Er reißt gelegentlich an den Fesseln, die sein Koalitionspartner ihm angelegt hat. Und Merz beißt sofort auf die Trense, wenn er spürt, dass ihm nicht nur Begeisterung entgegenschlägt. Das war so bei den berühmten 551 Fragen. Das war so beim Stadtbild und bei den kleinen Paschas. Das wiederholte sich jetzt nachdem Merz den Bürgerinnen und Bürgern in einem mutgen Moment offenbart hatte, dass auf viele ein Alter in Armut und Entsagung warten wird. 

Unbestechliche Mathematik 

Kaum hatte er die gesetzliche Rente zur "Basisabsicherung" erklärt - die Mathematik ist unbestechlich - war er bemüht, die als empörend wahrgenommene Rechnung klarzustellen. Er habe doch nur sagen wollen, die gesetzliche Rente die Basis bilden werde. Aber fest stehe: "Es wird mit uns keine Kürzungen der gesetzlichen Renten geben." 

Merz dementierte einfach etwas, was er nie gesagt hatte. Und er erntete dankbaren Applaus beim Arbeitnehmerflügel seiner CDU. "Unser Ziel ist und bleibt ein starkes und solidarisches Deutschland auch in der Altersversorgung", hat er noch eine unverbindliche Absichtserklärung nachgeschoben. Verbunden mit dem philosophischen Nullum "Wir alle müssen etwas geben, um am Ende viel zu erhalten."

Eine Lücke wie der Marianengraben 

Dieser Kanzler hat - wie übrigens auch sein Vize - nie eine Beziehung zur Lebenswirklichkeit im Land aufgebaut. Zwischen dem, was er für möglich hält, um die Legislaturperiode zu überstehen, und dem, was nach dem Empfinden der Bürger nötig wäre, klafft eine Lücke so tief wie der Marianengraben.

Merz, der einst mit dem Versprechen antrat, die AfD zu halbieren und die Union zu neuer Stärke zu führen, ficht das nicht an. Scheinbar ungerührt schaut er seit Monaten zu, wie die AfD vorbeizieht, kurz zurückfällt, dann aber wieder vorbeizieht, befeuert von den Anstrengungen der demokratischen Mitte, sie Mores zu lehren. 

Eben wiesen ihr die Demoskopen noch 26 Prozent zu, jetzt sind es schon 28. Das alles ist kein kurzes Zucken von Stimmungszacken mehr, das von kurzzeitigen Debatten oder besonders empörenden Ereignissen und Aussagen ausgelöst wird. Sondern ein Trend, der nicht nur das Meinungsbild zum Zeitpunkt der Befragung widerspiegelt, sondern durchaus als Prognosen auf etwaige Wahlausgänge gelten kann. 

Neun Jahre bis ganz oben 

Vom Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde 2013 bis zur Bundestagswahl 2025, bei dem die AfD erstmals die 20-Prozent-Marke übersprang, dauerte es nur 13 Jahre. Vom ersten Einzug der Partei in den Bundestag - 2017 mit 12,6 Prozent - sogar nur neun.

Werte, die eine systemische Entropie zeigen. Die Zustimmungskurve zur Schwefelpartei steigt nicht wegen eines plötzlichen Interesses der Deutschen an ihrem Parteiprogramm oder einer entflammten Liebe zu den bekanntesten Köpfen der AfD. Sie ist vielmehr der Kehrwert zur mehr und mehr breit wahrgenommenen Handlungsunfähigkeit der etablierten Akteure. 

Merzens Union steckt in der Abstrusformation einer Großen Koalition fest, deren Tatendurst vom gemeinsam priorisierten Interesse des Machterhalts begrenzt wird. Es gibt vermutlich ein Gefühl der Dringlichkeit des notwendigen Tuns, das beide Parteien teilen. Doch zugleich teilen sie die Erkenntnis, das jeder Versuch, wirklich zu handeln, die fragile Partnerschaft umgehend sprengen würde.

In der Echokammer 

Wenn Lars Klingbeil wie zuletzt häufiger flunkert, Menschen da draußen hätten von ihm diese Steuerhöhung und jene härtere Maßnahme erbeten, trägt das weit in die Medien. Doch die Botschaft erreicht kein Ohr mehr. Nicht mehr nur im Osten Deutschlands, wo die großen Medienhäuser schon länger eher als Komplizen der politischen Klasse denn als klassische Vierte Gewalt wahrgenommen werden, sondern auch im Westen wird weitgehend abgeschaltet, was die Koalition an Wasserstandsmeldungen über ihren großen Reformwillen über die Kanäle verklappt.

Es ist eine Endlosschleife: Politiker berichten ihren langjährigen Medienkontakten von Stimmungen, die sie keineswegs in Gesprächen mit Menschen, sondern in Medienberichten erspürt haben. Daraus werden Medienberichte, die Politiker lesen und hinten im Fond ihrer Limousinen am Handy anschauen. Wieder etwas gelernt über die Stimmung im Land. Und wieder ist sie doch wirklich ziemlich genauso, wie man es sich schon gedacht hatte.

Der letzte Resonanzraum

Alles andere kommt nicht vor. Höchstens im Kleigedruckten. Aus Sicht eines großen Teils der Bevölkerung ist die AfD damit der einzige verbliebene Resonanzkörper, dessen Schwingungen die Macht zugeschrieben wird, durch den luftleeren Raum um die Bunkerstellungen im politischen Berlin bis zu den Großkopferten der Koalition durchzudringen. Sie trommeln seit Jahren bei jeder Wahl, immer mehr Menschen beteiligen sich und immer verzweifelter wird der Hilferuf von Millionen, die sich in aktuellen Politik nicht mehr repräsentiert fühlt. 

Es ist ein Sieg der von Enttäuschung getriebenen emotionalen Selbstmobilisierung über die routinierte parlamentarische Vertröstung, bald gehe es los mit den großen Reformen. Nur Geduld, nur Geduld. Man habe doch längst verstanden. Man werde in Kürze noch besser erklären.