Freitag, 10. Juli 2026

WRKdoBw: Fünf Jahre Star Wars

Vor fünf Jahren stellte die damalige Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer das WRKdoBw genannte Weltraumkommando der Bundeswehr in Dienst. Seitdem wacht die Schutztruppe über das All.


Vor genau fünf Jahren stand Annegret Kramp-Karrenbauer in Uedem und tat das, was sie am besten konnte: Sie gab einer Idee einen mitreißenden Namen, ein schmuckes Logo und eine feierliche Indienststellung. Das "Weltraumkommando der Bundeswehr" (WRKdoBw) war geboren. Deutschland, so verkündete die damalige Verteidigungsministerin, werde nun endlich nicht nur am Hindukusch, sondern auch im All verteidigt. Die letzte Dimension war endlich erschlossen. Ein Schutzschild wölbte sich um das empfindlichste Vaterland von allen. Die Zukunft gehöre denen, die den Weltraum nicht nur anschauen, sondern beherrschen.

Das All ist deutsch

Fünf Jahre später schaut Deutschland weiterhin vor allem nach oben – und der Himmel ist immer noch da. Er ist nachts dunkel und am Tag manchmal blau. Über das Firmament fliegen zahllose Satelliten. 12.000 sollen es sein, fast 5.000 davon hat allein die US-Firma SpaceX für ihr Starlink-Netz ins All geschossen. Auch deutsche Flugkörper gibt es, etwa 70 oder 80, "etwas mehr als zehn" davon betreibt die Bundeswehr. 

Seit Annegret Kramp-Karrenbauer das Weltraumkommando in Dienst gestellt hat, wurde die Flotte nicht ausgebaut, aber erneuert. Mit den drei Aufklärungssatelliten SARah-1, SARah-2 und SARah-3 gelang es, eine Nachfolgelösung für das SAR-Lupe-System aufzubauen. SAR-Lupe war eine Notlösung gewesen, installiert, weil der eigentlich Horus-Plan mit 2,5 Milliarden Euro zu teuer zu werden drohte. SARah hatte drei Jahre Verspätung, kostet aber nur die Hälfte. Statt Roskosmos-Raketen waren es Falcon-9 von SpaceX, die den Ersatz 2021 und 2023 in die Umlaufbahn brachten.

Beeindruckende Bilanz 

Für das WRKdoBw, das in diesen Tagen sein fünfjähriges Bestehen feiert, ist das eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Zwar hat sich die mediale Aufregung gelegt, die am Tag der feierlichen Indienststellung mit Star-Wars-Kostümen, Jedi-Zauber und Uraufführung des Truppenmarsches des Weltraumkommandos "Space Guard Salut" von Robert Kuckertz losgebrochen war. Doch dass die Publikumsmedien nicht mehr über die Leitstelle für den Sternenkrieg berichten, bedeutet nicht, dass die Dienststelle nicht mehr existiert. 

Ganz im Gegenteil. Der Nachfolger des "Air and Space Operations Centre" (ASOC) hat zwar keinerlei Raumfahrzeuge zur Verfügung. Darf deshalb aber keinesfalls mit dem ähnlich ausgestatteten unterstellten Weltraumlagezentrum (WRLageZ) verwechselt. Das ist keine reine Beobachtungsbörde, sondern eine nachrichtendienstlich-analytische Einrichtung. Es hat ein Logo mit fünf Sternen zusätzlich zu den drei Satelliten. Das des übergeordneten WRKdoBw hat nur zwei. Um fremde Geheimdienste zu verwirren.

Beide Space-Einheiten teilen sich den militärischen Leiter. Daneben fungiert ein ziviler Experte als Abteilungsleiter Raumfahrtmanagement. Die Aufgabe der inzwischen entlassenen Ministerin mit der großen Welttraumvision steht: Einen verlässlichen und eindeutigen Katalog aller Flugkörper da oben erstellen. Auch wenn nichts und niemand aus Deutschland die Möglichkeit hat, die zumeist nur 500 Kilometer Entfernung zwischen der höchsten militärischen Weltraumkommandobehörde in Uedem und dem unbekannten fliegenden Objekt zu überwinden.

Die Ausrüstung der Weltraumkrieger

Dank der Hilfe der Verbündeten verfügt Deutschland über Augen im All. Aber über mehr auch nicht. Bis zu 30.000 Objekte im erdnahen Orbit beobachten die Sternenkrieger in Nordrhein-Westfalen mit Radaranlagen wie GESTRA und Unterstützung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrten. Die Zuschauerrolle muss reichen. Eigene Weltraumwaffen hat die Bundeswehr nicht. Eigene Startkapazitäten besitzt sie auch nicht. Die Großoffensive mit eigenen Spionagesatelliten der nächsten Generation könnte in Planung sein. Der Aufbau einer eigenen Satellitenkonstellation war bis 2029 geplant. Aber wie einen hochkriegen?

Das WRKdoBw ist also vor allem ein hervorragendes Lagezentrum. Es sieht zu. Es analysiert. Es warnt nie, ist aber immer da. Falls was wäre, könnte es nichts tun, aber man wüsste Bescheid. Die Sternenkrieger erstellen PowerPoint-Präsentationen, auf denen die "komplexe Lage im Weltall" recht genau zu erkennen ist. Die Operation Domain ist wie eine Kinoleinwand mit eigenem Weltraumwetter. Deutschland kann zuschauen, was sich tut. 

Weit über die Erd- und sogar die Mondumlaufbahn hinaus schauen die Sternenkrieger von Uedem aus dem Weltraumlagezentrum in der nach dem preußischen Kavalleriegeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz benannten Klinker-Kaserne in die Sterne: Die nehmen am Himmel so unendlich viel Platz ein, dass das Ausmaß möglicher Bedrohungen noch gar nicht abgeschätzt werden kann. Was sie hier aus auch nicht können, ist es, aktiv im Weltraum zu operieren.

Die Luftkampf-Probleme der SPD 

Boris Pistorius, beliebtester Politiker einer Partei, die mit bewaffnetem Luftkampf lange ernste Probleme hatte, weiß, dass er das auch mit einer Menge neuer Milliarden nicht wird ändern können. In seinem dritten Jahr als Chef auf der Hardthöhe erklärte der Verteidigungsminister den Weltraum deshalb zur neuen "Achillesferse" Deutschlands. Bis 2030 sollen 35 Milliarden Euro in den Schutz von Satellitensystemen, eigene Aufklärungskapazitäten - Pistorius nennt sie "Wächtersatelliten" und ein neues militärisches Satelliten-Betriebszentrum investiert werden. 

Heute schon, so hat der Minister bei einer wegweisenden Rede auf einem "Weltraumkongress" im September 2025 beschrieben, verfolgten russische Aufklärungssatelliten Bundeswehrsatelliten. Um verteidigungsfähig zu bleiben, forderte Pistorius deutsche Offensivfähigkeiten im All. "Im Weltraum gibt es keine Grenzen oder Kontinente", sagte er, "dort sind Russland und China unsere direkten Nachbarn." 

Einmal ohne alles 

Nachbarn, die schon können, was die Bundeswehr nicht vermag. Davon musste sich Boris Pistorius bei einem Besuch der bei dieser Gelegenheit als "Luftverteidigungsanlage " bezeichneten deutschen Weltraumzentrale in Uedem selbst überzeugen. Ohne eigene Rakete, ohne Killersatelliten, ohne eine einzige Startrampe auf eigenem Boden stößt der angekündigte "massive Ausbau der Fähigkeiten im All, um die Handlungsfähigkeit der Bundeswehr auch jenseits der Erdatmosphäre zu sichern" bisher jedoch weiter auf die Beschwernisse der Gravitation. 

Die Investitionen in Milliardenhöhe, sie fliegen nicht von allein. Die "Stärkung der militärischen Verantwortung über den Operationsraum Weltraum" (Bundesministerium für Verteidigung) ist ein Papierflieger, der einfach nicht abheben will.

Die Lage im All 

Als der Deutsche Bundestag die neue Dimension diskutierte, in der sich Großkonzerne aus China und den USA lukrative Geschäfte versprechen, schwieg Pistorius. Er ließ Bundesforschungsministerin Dorothee Bär den Vortritt beim Versuch, sich nicht zu blamieren. Die CSU-Politikern, eine studierte Politikwissenschaftlerin, die auch schon in ESA-Uniform für Fotografen posierte, nannte Deutschland "eine Raumfahrtnation". Bär entdeckte "ganz viel Made in Germany in der internationalen Raumfahrt".  So sei das Servicemodul der Artemis-II-Mondmission  in Deutschland entwickelt worden und ebenso der "Sternensensor", mit dem Raumfahrer ihre Lage im All bestimmen.

Für ein Land, das die Raumfahrt erfand, mag das wenig scheinen. Für eine Politik, die mit wenig zufrieden ist, reicht es. Für Medien, die ausschließlich auf Einladung durch die Pressestellen der Ministerien berichten, langt es. Im "Spiegel" etwa, einst das Zentralorgan deutscher Neugier, tauchte das Weltraumkommando seit seiner Indienststellung ganze viermal auf: Mit der frohen Botschaft "Die Bundeswehr hat jetzt ein Weltraumkommando" - für "Defensivoperationen" anno 2021. Und angekündigt mit "Der Weltraum war noch nie friedlich" als Überschrift über einem Interview mit WRKdoBw-Kommandeur Michael Traut, der erläuterte, wie gut es ist, dass seine "Behörde" (Spiegel) jetzt "Waffen für Angriffe in der Umlaufbahn" bekommt.

Die vielen Geheimnisse der Weltraumkrieger 

Wann genau, welche und wie sie an den Einsatzort gelangen sollen, all das ist bisher geheim. Wie immer geht es um eine große Vision, nicht um die kleine Wirklichkeit. Deutschland soll mitspielen im neuen Great Game ums All, sie soll "operationsfähig im Weltraum" (Pistorius) werden, von dem, so hatte es Annegret Kramp-Karrenbauer formuliert, "unser Wohlstand und unsere Sicherheit in hohem Maße vom Weltraum abhängig" sind. 

Eine deutsche Weltraumstrategie baut auf dem durch das WRLageZ bereitgestellten Weltraumlagebild (Recognized Space Picture) auf, das durch das WRKdoBw zukünftig verstärkt "hin zu einem deutlich umfassenderen Lagebild in der Dimension Weltraum" entwickelt wird, um die "Space Domain Awareness" (SDA) zu erreichen, wie es Bundeswehrfachzeitschriften heißt. Der Fachbegriff beschreibt dabei "das Lagebewusstsein eines jeden Truppenführers über die eigene Weltraumnutzung und die daraus resultierenden Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten für die eigene Operationsführung sowie den Schutz von Weltraumsystemen vor Auswirkungen gegnerischer Aktivitäten" im All. 

Das Ergebnis wird mit viel Glück ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte deutscher Symbolpolitik sein: viel Ankündigung, wenig Umsetzung, hervorragende Pressemitteilungen, keinen Startplatz und kein Booster, der auf einer Plattform vor Boltenhagen donnern landet.

Ein Sinnbild von den Sternen

Das Weltraumkommando der Bundeswehr ist das perfekte Sinnbild für die aktuelle Politik, die hinter jeder Lage hinterherhoppelt wie ein Duracell-Hase mit ausgelaufenen Batterien. Es gibt Nsmen und zuständige Dienststellen. Pläne und Folien. Es kostet kräftig und schwappt gelegentlich in die Schlagzeilen, wenn ein erneuter Neustart ansteht. Nur im Ernstfall würde es vermutlich nur eines tun – hervorragend dokumentieren, wie andere den Weltraum beherrschen.

Zum fünfjährigen Jubiläum ist viel erreicht. Nicht bei der Weltraumverteidigung, die eines Tages in der Leitung von "satellitengestützten kinetischen Wirksystemen gegen andere Satelliten" (Co-orbitaler ASAT) und der Störung von Datenverbindungen feindlicher Kommunikationssatelliten im Rahmen von Space-Electronic-Warfare-Maßnahmen bestehen soll. Sondern beim Ausbau der bemerkenswerten Fähigkeit, den Bedarf an militärischer Kontrolle von Weltraumsystemen in einer Führungseinrichtung auf taktischer Ebene zu bündeln, die ihre Truppen ausgrechnet dorthin nicht schicken kann, wo es die "Dauereinsatzaufgabe militärische Weltraumnutzung" erfordert.

Zuschauen immerhin können alle: Auf der vom Space Command erstellten Internetseite whatsin.space sind die 79 deutschen Satelliten gelegentlich unter den 16.144 amerikanischen, den 5384 chinesischen, 5639 russischen und 724 britischen Flugkörpern zu entdecken.