Samstag, 26. September 2026

Hässlichkeit: Volkskörper in Lumpen

Es ist eine Mode, die zu ihrer Zeit passt. Sie ist nicht elegant, sie ist nicht sehenswert, sie macht selbst hübsche Menschen hässlich  und junge Männer zu ihren eigenen Großvätern. Sie ist kein Stil, aber der Stil ihrer Zeit: Zusammengeschraubt aus Versatzstücken, die sichtlich nicht aus Modeläden stammen, nicht einmal mehr aus denen mit der heißen Schnellmode. Sie wehrt sich gegen jeden Anflug von Eleganz. Sie verweigert die Dienstbarkeit, hübsch oder sehenswert zu sein.  

Weg mit der Eleganz 

Wer heute unter 30 ist, der lehrt nicht nur die sektselige Eleganz ab, mit der Popper vor 40 Jahren provozierten, sondern auch die  mutwillig harte Anzugsordnung der Punks. Der liebste Kleiderladen der Jugend ist die "Zu Verschenken"-Kiste mit  dem staubigen Trödel aus abgeranzten Oma-Kleiderschränken. Der "Gen Z-Style", mangels eines passenderen Ausdrucks oft einfach als "Streetwear" umschrieben, beleidigt das Auge. Er verzichtet auf Klasse und konzentriert sich ganz darauf, seinem Träger ein bequemes Gefühl von Nachhaltigkeit und Individualität zu geben, die das Kollektiv der Träger teilt.

Mit Ästhetik, wie sie Mode einst hatte ausstrahlen wollen, haben die Kombinationen auf Gefundenem, Unpassenden und Abgelegtem nichts zu tun. Gerard P. Samunt, der bis vor einigen Jahren selbst, schaut heute "angewidert", wie er sagt, auf den Verfall einer Kulturtugend, die viele Jahrhunderte lang als "Mode" bezeichnet wurde. "Damit gemeint ist nicht haute couture", sagt der 43-jährige gelernte Schneider und Lederschuhmacher, "gemeint ist, was von den Laufstegen im Alltag ankam."

Verbreitete Anti-Ästhetik 

Samunt, geboren im Grenzland zwischen Hamburg und der Schleswiger Scholle, wo seiner Meinung nach "der Geist von Karl Lagerfeld bis heute umgeht", wollte schon als kleiner Junge in Mode machen. Sein Aufstieg war schnell, seine Ideen brachten ihn bis nach Mailand, Paris und New York, aber auch nach Schanghai und Tokio. 

Samunt arbeitete vielfach mit Größen der Szene, er hatte eigene Schauen und große Fotostrecken in namhaften Magazinen. Bis es zum Bruch kam, als ihn klarwurde, "dass soziale Medien wie TikTok für die rasche Verbreitung von bestimmten Anti-Ästhetiken sorgen, die bewusst eine Abkehr sein wollen von allen Grundwerten, die der Mensch in der Vergangenheit an seine Bekleidung gestellt hat".

Der Tod der Mode 

Die im Szeneslang "Cores" genannten Kostüme sind für den Fachmann ein Tort. "Mir tut das Hinschauen weh", sagt er einmal während des Gesprächs mit PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl, als eine Gruppe junger Mädchen am Straßencafé vorübergeht. Gerard P. Samunt verweist auf monströse Silhouetten und auf die ungeschlachte Umrisse. 

"Sie tun sich keinen Gefallen damit", sagt er, "und das ist nicht einmal beabsichtigt". Nach drei Jahren, die der frühere Modezar ausgiebigen Forschen zur Frage des Todes der Mode gewidmet hat, ist er sich: "Die Berater dieser Frauen, aber auch der Männer in diesem Alter ist pure Achtlosigkeit."

Jeder ziehe sich an, wie alles sich anzögen. Die Jogginghose, von Karl Lagerfeld vor Jahren noch zum Symbol der Verlust der Selbstkontrolle angeprangert, sei zur Uniform einer Generation geworden, die in der Hässlichkeit Schutz vor Blicken und Schutz vor Bewunderung suche. Prominente kleideten sich wie Mülleimer, das viel zu kleine Sakko aus der Kinderabteilung werden mit knöchelfreien Socken und dem Standardsportschuh aus Erdölderivaten kombiniert. "Junge Frauen tragen traurige Omakleider, junge Männer hüllen sich Hemden, die an südamerikanische Paramilitärs erinnern."

Aufschrei des Augenscheins 

Samunts  Buch "So schön hässlich" (Mastodon-Verlag, 430 Seite, 39,99 Euro ) ist der Aufschrei einer von Augenschein in den Innenstädten gequälten Seele. Auf 430 Seiten rechnet der Aussteiger aus der Modeszene ab mit einer Zeit, in der es unmöglich scheint, dass Menschen früher Freude daran hatten, nach einem im gesellschaftlichen Konsens getroffenen Maßstab "gut" auszusehen. "Schauen Sie sich heute einen Film mit Humprey Bogart und Ingrid Bergman an", sagt er, "Sie werden nicht glauben, dass diese Menschen dort Tiere vom gleichen Geschlecht sind das uns heute mit Athleisure, Oversize und Passformen beleidigen, als hätte niemand mehr einen Sinn für Proportionen."

Svenja Prantl  hat mit dem empörten Ästheten über eine Zeitenwende gesprochen, der im Schatten der großen Aufrüstungs- und Klimaprojekte stattfindet, aber zumindest seiner Ansicht nach kaum weniger Einfluss auf die Zuversicht vieler Menschen hat als so manches Panzerbau- und Jagdflugzeugentwicklungsvorhaben. 

PPQ: Herr Samunt, Sie haben ihr Buch "So schön hässlich" genannt und ihm ein Zitat der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach vorangestellt. Die Freifrau aus Österreich, die für ihren strengen Stil bekannt war, soll einmal geschrieben haben, an dürfe anders denken als seine Zeit, aber man dürfe sich nicht anders kleiden. Ist das so überliefert?

Samunt: Ja, das hat Ebner-Eschenbach in ihren "Aphorismen" im Jahr 1884 so formuliert. Ein Zufallsfund, den gemacht habe, als ich für mein Buch recherchierte. Ich fand es sehr erstaunlich, wie sich das in den 150 Jahren seitdem komplett herumgedreht hat. Heute müsste man ja sagen, man darf nicht mehr anderes denken, aber anders kleiden, das ist Vorschrift. Zumindest so lange, dass niemand anders gekleidet ist (lacht).

PPQ: Aus Ihrer Argumentation, die sie im Buch über einen noch längeren Zeitraum herleiten, das geht zurück bis an die mittelalterlichen Höfe, erschließt sich, dass Sie sehr unzufrieden sind mit der aktuellen Lage. Erklären Sie uns, was läuft da falsch?

Samunt: Aus meiner Sicht haben wir es mit einem Verlust des Bedürfnisses nach Attraktivität zu tun. Das steht zentral im Mittelpunkt der Erkenntnisse, die ich glaube gewonnen zu haben. Man kann das einfach nicht schön finden, was Menschen heute tragen, wenn sie das Haus verlassen. Aber ich fürchte eben, und ich hoffe inständig, dass ich das vielleicht doch nur fürchte, dass darin nicht einmal eine Absicht liegt, also der Versuch, die Gesellschaft mit einer widerborstigen Interpretation gängiger Schönheitsideale zu provozieren.

PPQ: Sondern?

Samunt: Achtlosigkeit. Gleichgültigkeit. Das Bedürfnis, lieber auszusehen wie die eigene Oma als sich ein Kompliment machen lassen zu müssen. Aus objektiver Sicht ist nichts Schönes anderer Art, wie sich junge Menschen heute kleiden. Es ist alles billig, es ist alles gleich, es ist auf eine Art kombiniert, dass sich einem die Fußnägel aufrollen. Für mich ist das alles nur erklärlich, wenn wir diese Methode, sich als abstoßend zu verkleiden, in einen größeren Zusammenhang stellen.

PPQ: Der wäre dann...

Samunt: Vielleicht ist es der in der öffentlichen Diskussion so allgegenwärtige Hass, der die Jugend, es ist ja doch vor allem die Jugend, veranlasst, sich so hässlich zu machen. Sehen Sie, in keiner Phase der Menschheitsgeschichte gab es eine ähnliche Episode, dass Menschen sich ohne Not gekleidet haben wie Clochards. Sicher, nach Kriegen und in Notzeiten kam das vor. Auch hatten Jugendbewegungen öfter den Drang, sich von der Erwachsenengesellschaft abzusetzen, in dem sie bewusst eingeprägte Codes missachtet und gebrochen haben. 

PPQ: Was ist diesmal anders?

Samunt: Von diesen bewussten Provokationen blieb der gemeinsame Sinn des Gemeinwesens für Schick und Style unbeeindruckt. Das musste ja auch so sein, weil eine Provokation nur gegen ein herrschendes System möglich ist. Sobald das System die Provokation adaptiert und verschlingt, wie das in einem konkurrenzgeprägten Wirtschaftssystem auf beständiger Suche nach neuen Trends immer der Fall ist, funktioniert das nicht mehr.

PPQ: Wer sagt uns denn aber, dass die von Ihnen beklagte achtlose Hässlichkeit, Sie nennen sie die "careless ugliness", nicht auch nur ein solcher Versuch ist?

Samunt: Dazu fehlt dieser Bewegung der Bedeutungskern. Sie besteht ausschließlich daraus, dass sie jedes Bemühen vermeidet, gut auszusehen, und sei es zumindest nach eigenen zuweilen subjektiven Maßstäben, wie sie frühere unmodische Aufwallungen wie von Pettycoat bis Bomberjacke hatten. Sie lösen die Individualität der Wahl der Kleidung auf in einem Säurebad aus Second Hand-Lumpen, die aussehen, als würden sie riechen. Es ist eine Trägödie. Eine Menschheitstragödie.

PPQ: Das mag nun manchem etwas zu hoch gehängt erscheinen. Es sind sind doch nur Hosen, Jacken und Schuhe? Was kann daran so weltbewegend sein?

Samunt: Die Missachtung anderer, die ich ausdrücke, wenn ich mich kleide wie ein Müllsack. Stil, das war für viele Generationen zu verschiedenen Zeiten nie nur Pflicht, weil man eben ohne Hose nicht aus dem Haus ging. Es war auch Spaß, Freude im Gedanken, dass man eine gute Figur macht, wie es früher voller Achtung hieß. Schauen Sie sich heute um. Da ist nur noch dumpfe Vermassung. Millionen tragen dieselbe Art weißen Sneaker, einen Sportschuh! Ganz egal, wo. Ich bitte Sie. Dazu hängen zwei Sorten Hosen um die Hüften: Die Jogginghose, am besten in meliertem Grau. Oder eine Jeans, die vorher ein Elefant getragen hat. Dazu gern einen bunten Pulli, am liebsten nach dem Vorbild eines Originals in Bangladesch gestrickt, wie es bulgarische Leichtathleten in den 70er bei Olympia in Mexiko tragen mussten. Und eine aus der Outdoorabteilung von Lidl.  

PPQ: Sie schimpfen, aber Sie schimpfen nicht nur. An dieser Hemden- und T-Shirt-Frage entscheide sich, wer wir sein wollen, sagen Sie. 

Samunt: Davon bin ich überzeugt. "Mens sana in corpore sano" sagten die alten Lateiner, und sie meinten, dass nur in einem gesunden Körper ein ein gesunder Geist wohnen will. ich sage "Mens sana et corpus sanum in vestibus elegantibus resident", also: Ein gesunder Geist und ein gesunder Körper wohnen nur in schicken Kleidern. Kein Mensch, der Selbstachtung hat, läuft in Zwergenanzügen oder ballonartigen Kleider herum. 

PPQ: Warum tun es die Menschen trotzdem?

Samunt: Weil sie keine Selbstachtung haben. Ja, das klingt hart, aber anders lässt sich diese üble Phänomen nicht erklären. Das korrespondiert ja mit der Wirkung dieser Kleiderordnung. Sie ist darauf ausgerichtet, den Träger möglichst unsichtbar zu machen. Er will nicht gesehen werden, er will unter den Blicken hindurchschlüpfen.

PPQ: Warum sollte das jemand wollen? 

Samunt: Weil das fehlende Selbstbewusstsein auch mit einem neuen Körpergefühl nicht aufgeglichen werden kann. Nur  weil jemand dick ist, muss er sich nicht fett fühlen. Aber wer sich fett fühlt, neigt dazu, das unter unansehnlichen Kleidern zu verstecken. 

PPQ: Sie werten Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten ab.

Samunt: Aufgrund von Äußerlichkeit, die sie selbstbestimmt zeigen. Denken Sie mal zurück an frühere Tage. Mädchen und Jungen flochten sich Blumen ins Haar, die brachen gesellschaftlichen Normen mit Sicherheitsnadeln und Hakenkreuzen, sie trugen bauchfrei und hauteng. Das ist alles verschwunden. Geblieben ist uns eine Armee aus grauen Mäusen mit großen Brillen, die ihre oft enormen Leiber unter Jacken verbergen, die Umhängen ähneln.

PPQ: Was meinen Sie, steckt dahinter?

Samunt: Faulheit, Bequemlichkeit, Unlust. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber bedenken Sie: Wir haben es mit einer Generation zu tun, die zersissen wird von der Erwartung an sich, gut zu sein, genügsam und tolerant. In der aber nicht mehr auf drei bis vier sportliche Altersgenossen eine unsportliche Figur kommt, sondern umgekehrt. Ich nennen sie ja die Generation Pommestüte.

PPQ: Warum das?

Samtur: Wenn Sie so eine Pommestüte auf den Kopf stelen, kommt die Silhouette vieler junger Leute heraus. Oben ein kleiner Kopf, drunter ein mächtiger Bauch darunter ein noch mächtigeres Gesäß.Wir sprechen hier nicht mehr von Sanduhrfiguren, sondern Sandburgen, geformt von "Bodypositivity", einem diskriminierenden und unrealistischen Schönheitsideal, bei dem die Schönheit nicht im Auge des Betrachters liegt, sondern tot am Boden.