Beide sind sie wahrlich keine Leichtgewichte. Das gute Leben in den Salons, den Fonds der Luxuslimousinen, Ministerbüros und Maschinen der Bundeswehr-Flugbreitschaft ist Bärbel Bas und Lars Klingbeil anzusehen. Die beiden Parteichefs der SPD, im Nebenberuf jeweils noch Minister in bedeutenden Ressorts, bringen jeweils ein stattliches Kampfgewicht auf die Waage.
Zu viel Essen, oft zu schnell heruntergeschlungen. Zu lange Krisensitzungen in schlecht gelüfteten Hinterzimmern. Zu wenig körperliche Bewegung und zu viele Ohrfeigen von den Wählern, die rituell kompensiert werden, indem vielleicht Süßes gegessen oder Ungesundes getrunken wird.
Kummergraue Gesichter
Bas ist 57 Jahre alt und obwohl sie als ehemaliges Vorstandsmitglied einer Betriebskrankenkasse wissen müsste, was jahrelanger Raubbau am menschlichen Köpfer anrichtet, ist ihr anzusehen, dass zu ihrem "Aufstiegsgeheimnis" (Morgenpost) bis heute die Unerbittlichkeit sich selbst gegenüber gehört. Bas leidet unter Übergewicht. Selbst den teuren Maskenbildner, die sich die Arbeitsministerin regelmäßig kommen lässt, gelingt es nicht mehr, das kummergraue Gesicht rosig einzufärben und die tiefen Sorgenfalten wegzuschminken.
Bei Lars Klingbeil, einem hochaufgeschossenen Mann von erst 48 Jahren, zeigen sich die gleichen Symptome. Als Finanzminister verantwortet der studierte Politikwissenschaftler und Soziologe einen Bereich, von dem er nichts versteht.
Ja, in den Merkeljahren, in denen Klingbeil seine Profipolitikerkarriere im zweiten Anlauf startete, reichte es, gar nichts zu tun. Der Laden lief nicht gut, aber bergab braucht es ohnehin weder Motor noch Gaspedal. Heute aber, auf der Brücke eines Schiffes, das leckgeschlagen durch dichten Nebel fährt, bräuchte es Kapitäne mit Patent zur großen Fahrt.
Experte von der Führungsakademie
Klingbeil hat einen Anschluss der "Führungsakademie der sozialen Demokratie", seine Genossin Bas absolvierte eine Fortbildung zur Personalmanagement-Ökonomin an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Essen. Beiden ist von Haus genügend Selbstbewusstsein eigen, sich die Führung einer Partei und die Leitung eines Ministeriums zuzutrauen. Fragte man sie, würden sie zweifellos nach Feierabend auch noch die EU, die Uno und einen Fußball-Bundesligisten leiten.
Doch nicht nur der körperliche Zustand der dritten Doppelspitze der deutschen Sozialdemokratie spricht Bände über den Preis, den Deutschland für seine Personalauswahl zahlen muss: Der an Geschwindigkeit weiterhin zunehmende Verfall von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, er hat in Bärbel Bas und Lars Klingbeil ein Gesicht gefunden.
Mit dem Speck der guten Jahre
Der Speck aus den guten Jahren, er ist noch da. Bei beiden sieht man ihn. Die Fettschicht glättet die Kummerfalten. Unübersehbar aber hat sich die Verzweiflung in die Züge gegraben. Klingbeils Lippen sind schmal wie Klingen. Der Haaransatz weicht zurück. Bei Bas sieht es noch schlimmer aus. Die Wangen hängen. Das Doppelkinn strebt zum Dreifachen hin.
Während sich Friedrich Merz mit sauerländischer Disziplin dagegen wehrt, schlaff und müde zu werden wie das Land, das er führt, zeigt sich bei Bas und Klingbeil der von der Wissenschaft für Tierhalter nachgewiesene Mere-Exposure-Effekt. Menschen bevorzugen Dinge, die ihnen vertraut sind, inklusive des eigenen Aussehens.
Deshalb wählen sie häufig Hunde passend zum eigenen Aussehen und Temperament. Später gleichen sich Herrchen und Tier durch die enge soziale Beziehung zudem nach und nach weiter aneinander. Hund und Halter entwickeln nicht nur ähnliche Verhaltensweisen, sondern auch ein verblüffend ähnliches Aussehen.
Gebeugte Schultern, hängende Backen
Die hängenden Backen. Der stoische Gesichtsausdruck. Die gebeugten Schultern. Der schleppende Gang. Die toten Augen. Alles Anzeichen für eine Anverwandlung, die in zwei Richtungen funktioniert. So wie sich der Mensch Äußerlichkeiten seines Bernhardiners annimmt, adaptiert das Tier Verhaltensweisen und optische Kennzeichen des Menschen. An der Seite eines Kindes tollt und springt der Hund, die Schnauze wie zum Grinsen verzogen. Im Haushalt einer Seniorin schleicht er mehr, den Rücken krumm, die Lefzen hängend.
Im Falle der beiden SPD-Vorsitzenden, denen nicht einmal ein Jahr nach ihrer kalten Übernahme der Parteiführung der Ruf der Totengräber der einst so stolzen Arbeiterpartei vorauseilt, ist es das Land, das sich nach ihrem Bilde formt. Wie Deutschland seinen Niedergang in einer katatonischen Erstarrung hinnimmt, gramgebeugt, aber überzeugt, dass der Zusammenbruch letztlich einem guten Zweck dienen wird, so stolpert das ungleiche Duo an der SPD-Spitze die älteste deutsche Partei ohne großes Zögern Richtung Abgrund.
Mehr Einmischung ins Privatleben
Was immer auch die Frage ist, Bärbel Bas und Lars Klingbeil beantworten sie gleich. Mehr Staat. Mehr Steuern. Höhere Abgaben. Strengere Kontrolle. Mehr Einmischung ins Privatleben der Bürger. Härtere Strafen für Widerworte. Mehr Brandmauer. Immer wieder haben die Wählerinnen und Wähler der Chefetage im Willy-Brandt-Haus verzweifelt signalisiert, dass sie eine solche SPD nicht mehr brauchen können. Immer wieder haben die beiden Parteichefs versichert, sie hätten das jetzt aber wirklich verstanden.
Anschließend wurde nicht nur Kurs gehalten, meist wurde die Gangart noch verschärft. Getragen nur noch von einer Funktionärskaste, deren einziges Interesse dem eigenen Machterhalt gilt, fehlt es Bas wie Klingbeil am Vermögen, das Erbe von Brandt, Schmidt und Schröder zu bewahren.
Die beiden letzten Vorsitzenden
Die beiden vielleicht schon letzten Vorsitzenden einer SPD, die in allen Landtagen vertreten ist, möchten lieber Oskar Lafontaine sein als Peer Steinbrück. Ihr Idol ist der Sozialist Kurt Schumacher, ein ausgewiesener Antikapitalist. Ihr Vorbild heißt Andrea Nahles, die als sozialdemokratische Theoretikerin die Grundlagen für eine "Gute Gesellschaft" ohne "Leitungsterror und Arbeitswahn" (Nahles) gelegt hatte.
Die Träume der Frau, die nichts weniger gewollt hatte als "die Wirtschaftsordnung kippen" (Die Welt), sind 17 Jahre danach Realität geworden. Nahles, mittlerweile gut versorgt als Chefin der boomenden Bundesanstalt für Arbeit, schaut sich die Entwicklung von der Seitenlinie aus an. Doch sie wird zufrieden sein mit dem, was ihre Nach-Nachfolger an Beiträgen leisten, um ihr Konzept von einem "verantwortlichen, sozial regulierten Kapitalismus" umzusetzen, der Politikern alle nötigen Mittel gibt, "die Macht des Marktes zu kontrollieren."
Ein Kind seiner Partei
Wer wäre dazu besser geeignet als ein früherer Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, der seine sämtlichen beruflichen Erfahrungen in Beschäftigungsverhältnissen seiner Partei gesammelt hat. Und eine ausgebildete Technische Zeichnerin mit Schweißschein, die zudem eine Ausbildung zur Sozialversicherungsfachangestellten und zur Krankenkassenbetriebswirtin absolviert hat?
Die Situation schreit nach Kompetenz. Aktuellen Zahlen zufolge ist deutsche Industrie noch schlechter ins neue Jahr gestartet als sie sich aus dem alten herausgerettet hatte. Die Neuaufträge brachen im Januar so stark ein wie seit zwei Jahren nicht mehr. Die Produktion wurde schon im zweiten Monat in Folge erneut gedrosselt.
Sommer des Stimmungsumschwungs
Der Sommer des Stimmungsumschwungs, der von 2025 auf 2026 verschoben worden war, droht nun, nicht vor 2027 zu beginnen. Aus dem Merz der Versprechungen wird der März der Enttäuschung: Das Neugeschäft schrumpfte um 11,1 Prozent im Vergleich zum Vormonat, teilte das Statistische Bundesamt mit.
Die zarte Trendwende, durch schuldenfinanzierte staatliche Großaufträge für Rüstung und Infrastruktur befeuert, versandet. Und die Beschwörungen, grundlose Zuversicht könne notwendige Reformen vollständig ersetzen, stellen sich als reine Propaganda heraus, je falscher, desto enttäuschender.
Ausgerechnet die Nachfrage aus dem Inland, die von Trumps Zöllen nicht betroffen war, brach im Januar um 16,2 Prozent zum Vormonat ein. Such die Nachfrage aus der Euro-Zone, gerühmt als stabiler Anker des deutschen Exports, fiel um 7,3 Prozent - die aus dem Rest der Welt nur um 7,1 Prozent.
Politik der ruhigen Hand
Die Politik der ruhigen Hand, an der die schwarz-rote Koalition in Berlin ungeachtet aller Mahnungen festhält, trägt Früchte: Die Industrie stellte im Januar 2,5 Prozent weniger her als im Vormonat. Hersteller von Metallerzeugnissen fuhren ihre Produktion mit minus 12,4 Prozent besonders stark herunter, die Pharmaindustrie produzierte 11,9 Prozent weniger und Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen fast sieben.
Bärbel Bas' Ausrufung des Klassenkampfes hat dramatische Folgen. Nicht einmal ein Jahr nach der Wachablösung in Berlin gleicht Deutschland jener berühmten Comicfigur, die die Kante zum Abrgund bereits überschritten hat, aber selbstbewusst in der Luft weiterläuft. Bas hat solche Thesen als "Bullshit" bezeichnet als könnten Kraftausdrücke über die Kraftlosigkeit der bisherigen Regierungspolitik hinwegtäuschen.
Duldsame Parteibasis
Die Abstrafung durch die Wähler in Baden-Württemberg aber zeigt, dass das nicht mehr funktioniert. Arbeiter wählen nicht mehr SPD, sondern AfD. Die Beamten und Staatsangestellten hingehen, auf die sich die deutsche Sozialdemokratie lange hatte verlassen können, wechseln zu den Grünen. Um welche Art Wähler die beiden Parteivorsitzenden eigentlich überhaupt noch buhlen, wenn sie bei einer Razzia auf einer Berliner Baustelle demonstrieren, was sie für wichtig halten, bleibt selbst der schwindenden Parteibasis verschlossen.
Die zuckt dennoch nicht. Wäre ein Wahldebakel wie das in Baden-Württemberg - das schlechteste Wahlergebnis, das eine SPD jemals bei einer Bundestags- oder Landtagswahl eingefahren hat - früher zweifellos Anlass für einen Aufstand der Mitglieder und der um ihre Posten bangenden Funktionäre gewesen, wird auch die erneute verdiente Quittung für eine desolate Politik fast klaglos abgeheftet.
Der Absturz in die Bedeutungslosigkeit wird achselzuckend akzeptiert. Bas und Klingbeil haben sich Schweigen geschworen. Im Herbst, das wissen alle, wird es noch weitaus schlimmer werden, weil die SPD dann auch in Mecklenburg und Berlin hinter die AfD zurückfallen könnte und in Sachsen-Anhalt vielleicht sogar aus dem Landtag fliegt.
Nach dem Vorbild der FDP
Bas' und Klingbeils Glück ist die Schwäche der Partei, die in der zweiten Reihe keinerlei Personal mehr hat, das bereit wäre, dem drohenden Untergang mit einer Änderung des Generalkurses entgegenzutreten. Ungestört können die beiden Parteivorsitzenden dem Vorbild der FDP folgen. Die kann sich bis heute nicht entscheiden, ob sie als gelbe Variante von Rot, Grün und Schwarz in aller Stille weitersiechen oder als seriöse Alternative zu Blau wieder Heimat der Menschen sein will, die sich einen Staat wünschen, der "einfach funktioniert", sie aber nicht fortlaufend belästigt und betreut.
Den Sozialdemokraten geht es genauso. Aus Angst, den Platz auf der Brücke des lecken Schiffs zu riskieren, steuern sie Deutschland lieber immer weiter in die Krise, als sich zu entscheiden, das zu tun, was notwendig ist und ohnehin getan werden wird. Nur dann eben nicht mehr von ihne

