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| In den Monaten ihrer inneren Einkehr hat Ricarda Lang sich fit gemacht für die Rückkehr an die Spitze der grünen Partei, sobald die aktuelle Chefetage abgewirtschaftet hat. |
Es ist niemand mehr daheim bei den Grünen, jener unvollendeten Volkspartei. Ein Jahr nach dem Scheitern ihres Bündniskanzlers Robert Habeck sind vom Allmachtsanspruch der früheren Alternativen Liste für Deutschland nur mehr einige traurige Funktionärsfiguren übrig geblieben.
Keine bundesweite Prominenz
Keine der neuen Führungsfiguren der Grünen hat es bislang zu bundesweiter Prominenz gebracht. Mit keiner positiven Zukunftsvision sind die Erben von Habeck und Baerbock aufgefallen. Die Karte der neuen Generation ist das kleine Karo.
Niemand spricht mehr von rascher Transformation, beschleunigtem Energieausstieg oder gar feministischer Außenpolitik. Der Abgang von Baerbock und Habeck, den beiden prägenden Figuren der grünen Parteigeschichte des vergangenen Jahrzehnts, hat ein Loch in der Seele der Partei hinterlassen, das die verbliebenen Funktionäre nicht gestopft bekommen, ganz egal, was sie auch versuchen.
Und das ist einiges. Seit geraumer Zeit schon gendert die Chefetage der Zukunftspartei nicht mehr. Demonstrativ vermeiden es die Fraktionsvorsitzenden, gerechte Sprache zu verwenden. Aus Furcht vor dem Widerspruch Andersdenkender hat sich eine der Parteivorsitzenden sogar ganz aus der öffentlichen Diskussion zurückgezogen - unmittelbar nach der Versicherung, "auch als Gegengewicht zu den Trollen" (Banaszak), keinen Rückzieher machen zu wollen.
Statt wie früher Woche für Woche mit neuen, großartigen Transformationsplänen hausieren zu gehen, belassen sie es schon seit Monaten dabei, Kübel voll galliger Kritik über der Bundesregierung auszuschütten. In den Pausen dazwischen loben sie sich dann selbst dafür, alles, was die schwarz-rote Koalition anrichtet, viel früher vorgeschlagen zu haben.
Erfindung einer Urkraft
Eine politische Urkraft erfindet sich nicht neu, unter Schmerzen und noch ohne jede Machtperspektive. Sie stirbt still dahin. Die aktuellen Umfragewerte der Grünen sind die miserabelsten der vergangenen zehn Jahre.
Die deutsche Sozialdemokratie, neben der konkurrierenden Linkspartei der einzige natürliche Verbündete der früheren Öko- und Bürgerrechtspartei Bündnis90/Die Grünen, steht nicht besser da. Selbst ein Dreierbündnis aller Linksparteien käme nicht einmal mehr in die Nähe einer regierungsfähigen Mehrheit.
Was bleibt, ist die Aussicht, nach der nächsten Bundeswahl ein Jamaika-Bündnis mit CDU, CSU und SPD zu schließen. Die Gestaltungskraft einer solchen Verbindung wäre zweifellos noch geringer als die von Ampel und Schwarzrot. Doch da der einzige Zweck einer solchen Koalition darin läge, die Brandmauer weiter als tragende Wand der Nation zu erhalten, müsste keine der beteiligten Parteien mit ehrgeizigen Ansprüchen kämpfen.
Der Rauswurf als Chance
Eine, die das früh erkannt hat, bereitet sich seit Monaten auf den anstehenden Pferdewechsel vor. Betroffen und angefasst hatte sich die frühere Parteivorsitzende Ricarda Lange gezeigt, nachdem der für Parteiangelegenheiten eigentlich längst nicht mehr zuständige Klimawirtschaftsminister Robert Habeck ihr und ihrem Vorstandskollegen Omid Nouripour den Stuhl vor die Tür hatte stellen lassen. Doch rasch erkannte die 28-Jährige die Chance, die sich daraus für ihre eigene Karriere ergibt.
Lang war am Debakel bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr nicht beteiligt. Sie beklagte sich nicht einmal, als die Partei sich weigerte, ihr so wie ihrem Kollegen Nouripour einen prestigeträchtigen Posten als Parlamentspräsidentin, Verfassungsrichterin oder Verwaltungsvorsitzende der Vereinten Nationen zuzuschanzen.
Die großen Pläne für die kommenden Jahre
Langs Pläne sind größer. Die Tochter eines Bildhauers aus Filderstadt hat anderes im Sinn als eine gemütliche Anschlussverwendung für ihre letzten paar Jahrzehnte in der Politik. Die nach allen Vorschriften der grünen Kaderentwicklungsrichtlinien von der Grünen-Jugend-Chefin bis zur Parteivorsitzenden aufgestiegene Karrierefrau will viel mehr.
Ohne Rücksicht auf die aktuelle Stimmungslage in ihrer Partei gestand Lang zur besten Sendezeit im Gemeinsinnfunk Fehler ein. Sie revidierte frühere Grundpositionen. Und verwandelte sich vor aller Augen von der voluminösen grünen Kampfmaschine, die Fettleibigkeit zum Menschenrecht erklärt hatte, in eine sportbegeisterte Diät-Fanatikerin, die dicken Mädchen Mut machte. Abnehmen sei nun doch nicht unfeministisch. Sie fühle sich mit ein paar Dutzend Kilo weniger auf den Rippen "wohler mit meinem Körper".
Ein "echter Fischer"
Ricarda Lang ist gesünder und fitter, bereiter für das, was da kommen soll. Ein "echter Fischer", flüstern sie in der grünen Partei hinter vorgehaltener Hand, denn auch der Habeck der 90er und der frühen 2000er Jahre hatte sich auf dieselbe Weise fit gemacht für ein Amt, dass es ihm gestattete, die Grünen die ersten paar Millimeter in Richtung Kriegstüchtigkeit zu schieben.
Mit den verschwundenen Pfunden ist das Ansehen der Frau gewachsen, die in ihrer neuen Rolle als Reserveheldin ihrer Partei öffentlich versucht, die ihr früher von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) zur Verfügung gestellten Sprachmuster lockerer auszurollen.
Die Stimme des Volkes
Heute mischt sie sich ein, kantig und als Stimme des Volkes. Gegen den Nabu wettert sie, gegen die Parteilinie. Sie geht öffentlich joggen. Reformiert die Rente. Teilt gegen Söder aus. Tut, was es braucht, um im Gespräch zu bleiben.
Lang inszeniert sich als Frau voller neuer Einsichten, die ihre unerbittliche Haltung fortwährend kritisch hinterfragt. Natürlich würde sie den Kampf um die Ukraine immer noch bis zum letzten Ukrainer führen und ihrer Partei immer raten, auch die Wirtschaft mitzudenken, wenn sie über radikale Klimalösungen debattiert.
Doch Lang weiß, dass die Grünen seit dem Abschied von den letzten Resten ihres kleinen Bürgerrechtsflügels eine tiefe Sehnsucht danach spüren, wieder geführt zu werden. Die nächste Chefetage der Partei wird gefordert sein, der Basis und der gesamten Gesellschaft zu sagen, wo es langgeht.
Ergebnis einer inneren Einkehr
Lang ist bereit. In den Monaten ihrer inneren Einkehr hat sie sich eine Reihe von Grundpositionen zugelegt, zu denen sie populäre Ansichten vertritt.
Lang, seit dem Doppelabschied von Habeck und Baerbock in den sozialen Netzwerken die erfolgreichste Grüne, bekennt sich dazu, lange Zeit Anhängerin der These gewesen zu sein, "dass soziale Medien einfach wie ein Lautsprecher funktionieren: Sie verstärken im Positiven das Gute und im Negativen das Schlechte zwischen uns Menschen".
Dennoch habe sie erkennen müssen, dass soziale Medien nicht einfach da seien und sich auch nicht "demokratisch in der Hand von uns allen" befänden, sondern "einigen wenigen, sehr reichen Männern gehören, die damit noch reicher werden wollen".
Ihre private Theorie besagt, dass diese Besitzer von Facebook, X und TikTok "möglichst viele Klicks und möglichst lange Nutzungszeiten" anstrebten und deshalb ein Interesse hätten, "dass Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange scrollen". Das erreichten sie über starke Emotionen: Empörung, Angst, Hass. "In den Algorithmen ist eine Tendenz eingebaut, uns über solche Gefühle zu binden".
Mechanismen des Profits
Allein diese von Profitinteressen getriebenen Mechanismen ließen den Eindruck entstehen, das ganze Land bestehe aus zwei Hälften, die sich hassen und nicht mehr miteinander reden. Sie aber erfahre immer wieder, dass im normalen Leben eine ganz andere Stimmung herrsche.
"Trotz aller Probleme gibt es weiterhin vieles, worauf man sich einigen kann: Die meisten Menschen wollen einen sicheren Job, gute Bildung für ihre Kinder und eine intakte Natur."
Ricarda Lang, längst das bürgerliche Gesicht der von fast 90 Prozent der Bevölkerung als zu radikal abgelehnten Grünen, entpuppt sich in ihrer Sicht auf die sozialen Medien als Politikerin, die Probleme auf grüne Art lösen wird: Verbote, Steuern, eine Beseitigung der "aktuellen Eigentümerstruktur" bei den sozialen Netzwerken, die "die Gesellschaft gespaltener machen, als sie sein müsste".
Verbindlicher Auftritt
So verbindlich sie auffritt, so eifrig sie sich müht, ihre Partei als realpolitische Kraft zu etablieren, der Bürgerinnen und Bürger vertrauen können, so klar ist ihr Ziel: Ein neues System, in dem sich einige Parteien die Macht aufteilen, ohne dass Wählerinnen und Wähler die Chance haben, auf Plattformen wie X oder Facebook Kritik an Regierungsmaßnahmen üben können.
Lang steht dabei Schulter an Schulter mit dem schleswig-holsteinischen CDU-Politiker Daniel Günther und dem Bremer SPD-Oberbürgermeister Andreas Bovenschulte. Die beiden Ministerpräsidenten hatten Anfang des Jahres eine straffere Meinungsführung im Land angemahnt, um Medien, die "unsere Gegner und auch die Feinde von Demokratie sind", an "Meinungsmache" zu hindern.
Der Privatmann Günther knüpfte dabei an das historische Vorbild des Schriftleitergesetzes an. Das hatte zwischen 1933 und 1945 vorgeschrieben, dass nur Menschen, die einer hohen staatspolitischen Verantwortung würdig sind und die sittliche Reife mitbringen, um sie zu tragen, das Recht hatten, an der Presse mitzuwirken und mitzuschaffen.
Schließung der Regulierungslücke
Mit Robert Habeck Vorschlägen zu einem europäischen Google und einem deutschen X, die direkt von den Behörden kontrolliert werden, wäre ein Schritt in diese Richtung gegangen. Mit einer Rückkehr zur Lizensierung zugelassener Presseerzeugnisse, wie sie die Alliierten nach 1945 gepflegt hatten, würde die Regulierungslücke geschlossen, die im Moment noch dafür sorgt, dass "zentrale Kommunikationsplattformen in der Hand weniger Tech-Oligarchen liegen" (Ricarda Lang) und die von der Zivilgesellschaft favorisierten Alternativen kaum Nutzer finden.
Am Ende bleibt zur Befreiung der Gemeinschaft nur die Zerschlagung der Imperien einiger weniger reicher Männer, denn "es gilt, die Freiheit aller zu verteidigen", wie Ricarda Lang sagt.
Die künftige Vorsitzende der grünen Partei ruht in ihrer Überzeugung, besser zu wissen, was für Millionen Menschen gut ist, als diese Millionen selbst. Lang ist erst 28 Jahre alt und sie hat damit nach dem Medianalter politischer Verantwortungsträger noch gut 40 Jahre ganz oben vor sich.

