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Samstag, 17. Dezember 2011

Monstersturm spaltet Europa

Die britischen Metereologen bemerkten ihn zuerst. Ein "Monster-Sturm" (Bild), ein Tief wie aus dem Bilderbuch. Der Wetterdienst der Insel warnte vor Blitzeis und Orkanböen, vor herabstürzenden Ziegeln und schweren Regenfällen. Doch er warnte nicht vor einem Orkan namens "Joachim". Ebensowenig taten das die französischen Wetterexperten, bei denen das Tief Stunden später anlangte. Der Wind wehe "sehr hart an der Atlantikküste", klärten sie auf, Böen könnten 140 Kilometer in der Stunde erreichen. Nördlich der Alpen drohten starke Schneefälle, damit werde die Lawinengefahr sehr stark steigen. Die Gefahr durch "Joachim"? Nein, von Joachim wissen die Franzosen nichts.

Auch beim königlich-niederländischen meteorologischen Institut ist der Monster-Sturm, vor dem die gesamte deutsche Qualitätspresse zittert, unter diesem Namen nicht bekannt. Die Aussichten, von Amsterdam aus gesehen: "Bei mäßigem bis lebhaftem Wind aus Südost bis West steigen die Temperaturen bis zum frühen Nachmittag auf 1 bis 10 Grad."

"Ein bis zehn Grad" könnte eine Vorhersage sein, wie sie auch der deutsche Wetterdienst in Serie produziert. Davon abgesehen aber zeigt die Wetterberichterstattung, wie weit der Weg des Kontinents zu einerUnwetterunion noch ist: Abgesehen von den Österreichern und dem deutschsprachigen Teil der Schweiz weigert sich der Rest Europas, neueintreffende Orkantiefs so zu nennen, wie das die Deutschen tun, die aus ihrer Vergangenheit gelernt haben. Nannten sie Hamburg-Flut von 1771 und den Großer Sturm von 1703 noch so - Hamburg-Flut von 1771 und den Großer Sturm von 1703 - geht es seit einigen Jahren zu wie in Klein-Nadines Plüschtierzoo: Jedes Hoch und jedes Tief bekommt ein Nämchen, jedes Unheil wird zu Mann oder Frau erklärt, jeder Regenguss wie personalisiert.

Das war das Sturmtief Daisy und der Orkan Xynthia, das Mittelmeertief Andrea, das Genuatief Rolf, der Supersturm Emma und der Halbhurrikan Kyrill - aber sie alle trafen, wie sich jetzt herausstellt, immer nur Deutschland und Österreich, die Kernlande der Wettertaufe. Kein Brite erinnert sich an "Rolf", weil es Rolf im Königreich nicht gab. Kein Spanier weiß etwas von Xynthia, von der ihm seine Hauptnachrichtensendung nie erzählt hat. Und kein Italiener weiß derzeit über die durch "Joachim" drohende Gefahr Bescheid. Es gebe da in Deutschland, schreibt die Nachrichtenagentur Ansa aus dem "Spiegel" ab, eine Unwetterwarnung. Die Deutschen nennen den Orkan Joachim.

Die Italiener nennen ihn gar nicht. Sie hatten ja auch keinen "Superzyklon Kyrill", keinen Sturm "Lothar" und kein Unwettertief "Daria".

Wie aber soll sich die Bevölkerung eines Kontinent, der über keine gemeinsame Sprache verfügt, über gemeinsame Bedrohungen unterhalten, wenn es nicht einmal zu gemeinsamen Begrifflichkeiten reicht? Wie fragt ein Deutscher einen Franzosen in zehn, zwanzig Jahren danach, wo er gewesen ist, als Joachim ganze Landstriche verheerte? Wenn doch der Franzose, der Italiener und der Holländer die Regenfront samt Wind gar nicht so genannt haben?

Ein Fall für die EU-Kommission, ein Fall für die Harmonisierungskommissare in Brüssel. Europa braucht einheitliche Namen für einheitliche Stürme, Europa muss unterm Regenschirm zusammenrücken, muss neu denken, neu handeln, neu delhi, wie der große hallesche Mundart-Metereologe Tom Gruß seinem Privatsekretär einmal inmitten eines damals noch namenlosen Regenschauers diktierte. Es braucht nicht nur entschiedene Maßnahmen für eine Fiskalunion, sondern auch entscheidende Weichenstellungen hin zu einer Wetterunion. Das Unheil muss einen Namen haben und der muss für alle gelten.

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