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Donnerstag, 5. April 2012

Grass: Die ewige SS

Alles riskiert, alles verloren. Im Kampf um den Weltfrieden hat Deutschlands führender Leistungsdichter Günter Grass als sein reimerisches Können und seinen ganzen guten Ruf in die Schlacht geworfen. Doch das kollektive Presseecho auf seinen Versuch, den seit 1946 mal schwelenden, mal offen aufflammenden Konflik im sogenannten Nahen Osten mit ein paar kernigen Reimen auszublasen, fällt eindeutig aus. Grass gebe sich, so die Kurzfassung, im Grunde endlich als der Faschist zu erkennen, der er schon immer war, ein SS-Mann, der sich jahrzehntelang im Schoß der deutschen Sozialdemokratie verbarg.

Ein Antisemit, dem der Sinn immer noch nach nach Stereotypen steht, knallen die großen Kaliber, wo es bescheiden gereicht hätte, Morgenländers Notizbuch zu zitieren: "Wer den Mörder, Folterer und Hetzer Ahmadinedschad einen 'Maulhelden' nennt; wer vor der Auslöschung des iranischen Volkes durch einen israelischen Atomschlag warnt, aber kein Wort über die Bedrohung Israels durch den Iran und die arabischen Anrainerstaaten verliert; und wer behauptet, ein israelischer Angriff gegen iranische Atomanlagen gefährde den Weltfrieden, den muss man zwar nicht für einen Antisemiten halten, aber für einen ahnungslosen senilen Schwätzer doch wohl schon."

Aber solches Kleingeld reicht längst nicht mehr. Auch darf niemand, der abweichend dichtet, einfach mit Nichtachtung gestraft werden. Unter die Keule muss er, niedergeschrieen werden, widerlegt und abgeurteilt. Das hat sich eingebürgert im Land, weil das immer Erfolg hat, weil das immer Quote bringt. Eine Debatte im Sinn eines Aufeinanderprallens von Ansichten, die ungeschützt ausgetauscht werden, das ist seit Sarrazin bekannt, ist unzulässig. Diskutiert wird hierzulande unter denen, die einer Meinung sind - wer widerspricht, steht schon allein deshalb außerhalb der Gemeinschaft der Demokraten, seine Argumente müssen nicht gehört werden, denn sie sind falsch, demagogisch, vielleicht sogar genetisch, auf jeden Fall aber "nicht hilfreich".

Grass schafft es immerhin, mit wenigen Mitteln viel zu erreichen. Wozu Sarrazin und Fritz Vahrenholt noch ganze Bücher schreiben mussten, reichen dem Mann mit der Pfeife ein paar struppige Zeilen. Verse in Franzenform, die kein Tabu verletzen, aber wirken, als hätten sie. Ein Volk, ein Poem, eine Empörung. "Wegen eines Gedichts", heißt es im Gelben Forum: "Als wir im Deutschunterricht Büchner durchgenommen haben, konnte ich kaum glauben, daß man wegen Geschriebenem gejagt und geopfert wird."

Längst aber ist Meinungsstreit hierzulande nur noch innerhalb eines klar vorgegebenen Korridors möglich. Einer wie Grass, der aus dem Elfenbeinturm steigt und Verstiegenes verkündet, wird nicht belächelt, sondern wegen Verstoßes gegen den Konsens der Demokraten angeklagt und im selben Atemzug abgeurteilt. Die diesjährige Benzinpreisdiskussion war ja auch durch, ein Dankgebet von allen an den alten Mann, der so ein schönes Thema für die Osterfeiertage spendiert!

Grass, der Wahlkämpfer für Willy Brandt, hat alles riskiert und das allein zeigt schon, dass er nicht mehr alle seine sieben Sinne beisammen haben kann. Erschütternd, wie ein Mann, der sich selbst für einen intellektuellen Volkskompass hält, frontal in die Meinungsmühle springt, die von allem Gesagten immer nur Brösel und Bröckchen übriglässt, aus denen die Amtskommentatoren am Ende die jeweilige Tageswahrheit lesen.

Statt Mitleid aber, das dieser verzweifelte Schrei nach Aufmerksamkeit am Ende eines langen Literatenlebens verdient hätte, schlägt ihm Empörung entgegen, die den Poeten flugs dorthin sortiert, wo er seit seiner Jugendjahre nicht mehr war. Grass ist nun wieder SS-Mann, er war es immer und hatte sich nur gut getarnt. Das geht nicht weg, das ist die ewige SS. "Der Antisemitismus will raus", weiß die "Zeit". Nur Werner Pirker, der einst Spenden für den "irakischen Widerstand" sammelte, verteidigt Grass noch.

Schlimmer kann es einen Mann nicht treffen. Erste Stimmen werden laut, die fordern, dem Hetzdichter müsse der Literaturnobelpreis aberkannt werden. Die SPD-Führung wollte noch am Wochenende zusammentreten, um ein Parteiausschlussverfahren gegen den bisherigen Dichterfürsten zu beschließen. Allerdings kam dann die erlösende Nachricht, dass der frühere SS-Mann bereits 1992 aus der Partei ausgetreten ist, um gegen den heute weitgehend vergessenen "Asylkompromiss" mit der CDU zu protestieren.

Kommentare:

Flo Rida hat gesagt…

mehr intellektueller gehalt in einigen widerborstigen absaetzen als in der gesamten deutschen tagespresse. und die beste ueberschrift obendrein.

Teja hat gesagt…

So ist das, wenn der demokratische Pöbel von der Leine gelassen wird. Er frisst sich ggs auf, auch die Wort- und sonstigen Führer müssen unters Fallbeil. Siehe 1. frz. Revolution. Damals Robespierre, Danton etc. Heute Guttenberg, Wulff, Grass.

Anonym hat gesagt…

Der Kommentator ist zutiefst verunsichert und verwirrt darüber, wie einhellig man Israel neuerdings gegen einen alten Quatschkopf beispringt, der mit seiner Meinung ziemlich mittig im Strom der linken, rechten und bürgerlichen Israelkritik schwimmt.
Wurde das Establishment von außerirdischen Körperfressern übernommen? Oder ist es nur, weil das Gedicht so besch...eiden ist? Oder lockt einfach die walrossbärtige Trophäe?

Teja hat gesagt…

Genau, das Eigentliche,was mich fast wütend macht, ist die Heuchelei der Heuchler. Wie sich der gesamte politisch-mediale Komplex als plötzlicher Israelverteidiger gibt.

ppq hat gesagt…

nun, man ist sich einig, dass 70 % der leute so oder ähnlich denken, aber auch darüber, dass das außer der jungen welt besser niemand schreiben sollte

der grass hat das gewusst und er hat sich nicht dran gehalten. nun sind alle sauer, weil sie das ja alle erst schreiben, NACHDEM es da unten losgegangen ist

ppq hat gesagt…

"schreiben wollten, NACHDEM es da unten losgegangen ist", sollte es heißen

Teja hat gesagt…

Ach, die haben alle erst auf einen von Israel vom Zaun gebrochenen Krieg gewartet?

ppq hat gesagt…

selbstverständlich. um danach zu warnen. das machen die doch immer so. die vorbereitung lief jedenfalls

derherold hat gesagt…

ME hat Grass´ jüngstes Werk zwei "Fehler":
Erstens kommt es sehr gestelzt daher und zweitens glaube ich nicht, daß man Israel in den Fokus stellen sollte.

Daß ein Dr. Shlomo Seltsam Herez Israel über Syrien, Ägypten, Libyen (oder wie immer die Einzelteile mal heißen werden) und Tunesien errichten will, glaube ich nicht.

Die entsprechenden Anfragen sollte man schon an Führungsbunker in den USA richten.

apollinaris hat gesagt…

Grass, der alte kaufmännisch denkende Schriftsteller, hat einen Weg gesucht und gefunden, um ordentlich in die Schlagzeilen zu kommen und den erlahmenden Verkauf seiner Produkte anzukurbeln. Und es hat geklappt. Wo ist das Problem? Dass sich seine publizistischen Mitstreiter der gemeinsamen antizinonistischen Sache erst nach Ausbruch des Waffengangs äquivalent äußern wollten, wird als Kollateralschaden abgehakt.

Teja hat gesagt…

Israel hat nicht vor, seine Grenzen zu erweitern, sonst würden sie keine so hohen Mauern zu den anderen bauen. Das kleine Land will nur seine Ruhe, nichts weiter.

Anonym hat gesagt…

"..........der gesamte politisch-mediale Komplex als plötzlicher Israelverteidiger gibt......."

schon bald die Forderung nach BW Truppen ....


könnte der Gutmensch nicht seine eigenen Kinder für die heilige Sache opfern ? Wer "uneingeschränkte Solidarität sagt und den Schutz des Staates israel fordert sollte bereit sein für sein Anliegen zu sterben .

Schwamm drüber - alle brauchen Gas und Öl - ergo : die Russen und die Chinesen werden den israelis sehr bald sehr genau erklären wie man sich in einer vernetzten Welt zu verhalten hat .

Klappt das nicht : ePost nach Washington DC : "entwaffnet eure aipac Kreaturen oder wir kümmern uns um dieses Pack "

f(x) geht über in

eulenfurz hat gesagt…

Warum man diesem Schriftquark nun besondere Aufmerksamkeit widmet, erschließt sich nicht.

Das ist eine sprachlich mittelmäßige Erklärung, keineswegs mitreißend. Opa-Geschwafel eben, der typische und beliebige Ego-Psycho-Einheitsbrei "Ich-Ich-Ich!" des 68er-Literaturbetriebs.

eulenfurz hat gesagt…

... zum Glück sind's, wie er seinem Publikum mitteilt, seine letzten Tropfen Tinte.

ppq hat gesagt…

aber es ist noch nicht der letzte tropfen. deiner literarischen einordnung stimme ich zu. ich habe noch nie im leben ein so miserables "gedicht" gelesen

und damit meine ich nicht die hier veröffentliche reimfassung

Karl_Murx hat gesagt…

"Längst aber ist Meinungsstreit hierzulande nur noch innerhalb eines klar vorgegebenen Korridors möglich. Einer wie Grass, der aus dem Elfenbeinturm steigt und Verstiegenes verkündet, wird nicht belächelt, sondern wegen Verstoßes gegen den Konsens der Demokraten angeklagt und im selben Atemzug abgeurteilt. Die diesjährige Benzinpreisdiskussion war ja auch durch, ein Dankgebet von allen an den alten Mann, der so ein schönes Thema für die Osterfeiertage spendiert!"

"Hütet euch vor alten Männern. Sie haben nichts mehr zu verlieren."

Karl_Murx hat gesagt…

@Teja:
"So ist das, wenn der demokratische Pöbel von der Leine gelassen wird. Er frisst sich ggs auf, auch die Wort- und sonstigen Führer müssen unters Fallbeil. Siehe 1. frz. Revolution. Damals Robespierre, Danton etc. Heute Guttenberg, Wulff, Grass"

Solange nicht die letzten Kühe der Heiligen Politischen Korrektheit (=angstbesetzte Tabus, die sich in Sprach- und Denkverboten äußern) geschlachtet sind, solange wird dieses Land weder erwachsen noch souverän sein.

Karl_Murx hat gesagt…

@ppq:
"aber es ist noch nicht der letzte tropfen. deiner literarischen einordnung stimme ich zu. ich habe noch nie im leben ein so miserables "gedicht" gelesen

und damit meine ich nicht die hier veröffentliche reimfassung"

Dieses Gedicht und seine literarischer und poetische Substanz sind absoluter Nebenkriegsschauplatz. Es geht darum, ob uns auch in Zukunft diverse Zentralräte regieren. Damit ist eben nicht der ZdJ gemeint.

ppq hat gesagt…

arl, häng es nicht so hoch. keiner von denen hat einen plan, keiner

sie nutzen nur gelegenheiten

Volker hat gesagt…

Schließe mich Teja (das zweite) an.
Und möchte noch sagen, dass ich mit dem Heuchler Grass nicht das geringste Mitleid habe.
Normalerweise wäre es eine Frechheit, ihm das mit der SS vorzuhalten. Aber wenn der so schlau ist, soll er sich nicht wundern wenn andere zurückschlauen.

Er wollte sich beim Pöbel anbiedern. Hat anfangs auch geklappt. Die Kommentarspalten werden zugemüllt von denen, die "mal Israel kritisieren wollen".

Ich habe keine Ahnung wer die Medien lenkt. Aber in diesem Fall freue ich mich, dass die unsichtbare Hand wieder Erwarten dem Grass seinen Erfolg vermasselt hat.

Anonym hat gesagt…

verstehe die ganze Aufregung nicht.In dem Gedicht kommt nicht einmal das Wort"Autobahn"vor

Anonym hat gesagt…

Die Extremisten in Israel und ihre Helfeshelfer mißbrauchen den Begriff des Antisemitismus, um jede Kritik an der agressiven Politik der israelischen Regierung zu unterbinden.
Jede Kleinigkeit, jede ungenehme Meinungsäußerung wird mit dem Begriff des Antisemitismus belegt.
Sie relativieren damit den Begriff des Antisemitismus.
Und machen den Antisemitismus damit zu einer Bagatelle.

Anonym hat gesagt…

"Doch das kollektive Presseecho auf seinen Versuch, den seit 1946 mal schwelenden, fällt eindeutig aus."

Laut MDR Info das Echo im Internet auch.
85% Zustimmung zur Meinung von Grass.

Stampft die Presse ein.

Cangrande hat gesagt…

ppq: köstlich wie immer
Grass: moralisch hochwertig, geistig Müll
Ansonsten: "Rattenpublizistik": Alle betätigen sie den immergleichen Futterhebel wie die Ratten in einer Versuchsanordnung behavioristischer Psychologen.

Anstatt die SACHE zu durchleuchten: Hier stehen nicht die Interessen Israels auf dem Spiel, sondern diejenigen der arabischen Nachbarstaaten des Iran. Und damit UNSER INTERESSE an einer kontinuierlichen Ölversorgung.

Wenn Israel sich insoweit für UNS in die Bresche wirft: Bravissimo!

Anonym hat gesagt…

Wie in meinem zensierten Spiegel Kommentar bin Ich mir nicht sicher ob diese lächerliche Farce von gekauften Pharisäer oder von antrainierten ideologischen Pharisäern losgetreten wurde.

Teja hat gesagt…

Je mehr ich darüber nachdenke, desto unerklärlicher wird mir diese Sache.

Die ganze Zeit sind die Medien auf ihrem linken ökosozialfaschistenfeministen Trip, mit allem was dazu gehört, auch pro Palästina anti Israel. Zum Teil geht das allgemeine Volk mit, zum Teil ist aber auch ziemlicher Widerstand zu vernehmen, bei Sarrazin zum Beispiel.

Und jetzt meldete sich, ganz wie Kommentar 3 meint, eine selbsternannte moralische Instanz wie G.G. zu Wort, zum aktuellen Geschehen im Nahost. Ganz im Sinne der gewohnten öffentlichen Meinung, Ermahnung für Israel, Inschutznahme seiner Feinde. Und diesmal hat er das Volk hinter sich, kräftig, wie die begeisternden Kommentare zeigen, die die Foren überfluten.

Und die Presse hat einen kompletten Aussetzer. Sie versuchen noch nichteinmal Herrn Grass in Schutz zu nehmen oder seine Aussagen zu relativieren. Das hat nichts mehr mit dem Reflex zu tun, wenn einer "Jude" sagt, dass dann gleich "Antisemitismus" geschrieeen wird...

Das mit der unsichtbaren Hand bringt eine neue Dimension mit ins Spiel. "Wer mein Volk antastet, tastet meinen Augapfel an"

Karl_Murx hat gesagt…

@ppq:
"arl, häng es nicht so hoch. keiner von denen hat einen plan, keiner

sie nutzen nur gelegenheiten"

Die sie aber nicht hätten, gäbe es nicht diese verlogene Pharisäerriege in der politisch-medialen Kaste.

derherold hat gesagt…

@Karl_Murx, ist das nicht ein bißchen naiv ?

Gerade die gelernten DDR-Bürger müßten doch ein deja vu nach dem anderen haben. Da ist gar nichts "verlogen", sondern gekauft.

Unsere Eliten haben Ende der 90iger einen neuen politischen Kurs vorgegeben und jeder/alles was widerspricht, ist Antisemit, Nazi, Hetzer, Hasser. Der Unterschied zu früheren Zeiten ist, daß man sich nicht einmal mehr die Mühe macht, um Pluralität zu simulieren.

ppq hat gesagt…

hallo herold,

darauf kannst du wetten! wer in der ddr gelebt hat, kennt das ganze spiel. damals waren die vorzeichen andere, wenigstens zum teil. aber der rest? identisch. mir fällt da immer botho strauss ein:

Wir sind in die Beständigkeit des sich selbst korrigierenden Systems eingelaufen. Ob das noch Demokratie ist oder
schon Demokratismus: ein kybernetisches Modell, ein wissenschaftlicher Diskurs, ein politisch-technischer
Selbstüberwachungsverein, bleibe dahingestellt. Sicher ist, dieses Gebilde braucht immer wieder wie ein
physischer Organismus den inneren und äußeren Druck von Gefahren, Risiken, sogar eine Periode von
ernsthafter Schwächung, um seine Kräfte neu zu sammeln, die dazu tendieren, sich an tausenderlei Sekundäres zu verlieren.

Karl_Murx hat gesagt…

@derherold:
Unsere Eliten haben Ende der 90iger einen neuen politischen Kurs vorgegeben und jeder/alles was widerspricht, ist Antisemit, Nazi, Hetzer, Hasser. Der Unterschied zu früheren Zeiten ist, daß man sich nicht einmal mehr die Mühe macht, um Pluralität zu simulieren.
@ppq:
darauf kannst du wetten! wer in der ddr gelebt hat, kennt das ganze spiel.

Wenn ich ein dejà vú habe, dann hinsichtlich der Situation in der DDR 1988. Als vorsichtiger Mensch sage ich noch nicht 1989. Aber in dieser Zeit damals schien es, als sei die Zeit in Ostdeutschland stehengeblieben, und ringsherum veränderte sich alles.

Am Ende dieser unterirdisch zu spürenden Krise standen dann andere Eliten. Damals waren es die westdeutschen. Welche sind es dieses Mal?